Das Jubiläum und das Totenschiff

 

Kopie von totenschiffDas Dorf Höchen im Saarland will 2012 sein 750-Jahr-Jubiläum feiern. Christof Missy, Kommissar bei der Saarbrücker Polizei, möchte dafür eine Chronik der Familien des Dorfes zusammenstellen und stößt dabei auf den Namen Hermann Reiter, eines Missionars der Ev. Basler Missions-Gesellschaft, der 1942 bei einem Schiffsuntergang im Indischen Ozean vor Küste Sumatras ums Leben kam. Er bittet Dieter Gräbner, Journalist und Buchautor, um Hilfe. Er möge der Sache nachgehen und  die näheren Umstände dieses Todes recherchieren.

Das tat der und stieß dabei auf eine brisante Tragödie des  2. Weltkriegs, die weit über das traurige Schicksal des Hermann Reiter hinausging. 412 weitere Deutsche als Internierte der holländischen Kolonialregierung von „Nederlands Indie“ kamen bei dem Untergang des holländischen  Schiffes „Van-Imhoff“ ums Leben. Die Katastrophe ist ein Politikum. Warum konnten sich nur 71 deutsche Schiffsbrüchige retten, während der holländische Kapitän und die komplette Schiffsbesatzung am Leben geblieben war? Handelte es sich um ein verschwiegenes niederländisches Kriegsverbrechen?

Dieter Gräbner ist der Frage nachgegangen, und herausgekommen ist ein ungemein interessantes und spannendes Buch. Wir lesen nicht nur den neuesten Stand der Ermittlungen, sondern erfahren einiges über das Schicksal der Deutschen in der holländischen Kolonie Ostindien vor und während der Kriegsjahre, und besonders viel Persönliches  vom Leben der Missionarsfamilie Reiter aus dem Saarland. Fünf Kinder dieser Familie leben noch und trafen sich 2012  anlässlich des Dorfjubiläums  in Höchen – eine Straße wurde nach ihrem Vater benannt. Bewegend ihr Rückblick auf ihre Kindheit, geprägt vom Missionarsberuf  ihres Vaters, seinem Tod und der Trennung der Familie durch die Wirren des Krieges.

Dieter Gräbner nimmt den Leser mit bei seiner Recherche über eine Familiengeschichte, bei der die Weltgeschichte Regie führte, in eine Zeit, zu der man vielleicht nur durch solche Bücher Zugang finden kann.  Dank dem Autor und dem Conte-Verlag für das Buch und seine Reihe „Libri Vitae“ !

Leseempfehlung (auch für Nicht-Saarländer)  *****

_________________________________________________________________________________

Dieter Gräbner: Die „van Imhoff“ – das Totenschiff, Geschichte und Mythos einer Weltkriegstragödie Conte-Verlag – Saarbrücken 2012

(KS)

Karl Heinz Bohrers “Granatsplitter”

Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“

Was für ein schönes Buch! Ich bin begeistert. Vielleicht muss man alt genug sein, ein bisschen dieser Zeit noch erlebt haben, um diese Erzählung so richtig mitempfinden zu können.  Wunderbar, dass dem inzwischen 82-jährigen Karl Heinz Bohrer noch so viel präzise Erinnerung an seine Kindheit und Jugend geblieben ist, in diesem Alter ein solches Buch zu schreiben. Auch wenn der Autor in seinem Postskriptum darauf hinweist, dass dieses Buch keine Autobiographie sei, sondern die „Phantasie einer Jugend“, so hat er sich doch einen Jungen ausgesucht, der diese Zeit zwischen 1932 – 1953 de facto erlebt haben muss. Bohrer, Jahrgang 1932, ist  ein Kölner Junge, dem die Liebe seines Vaters zu seiner Heimatstadt Köln irgendwie unerklärlich war, der aber selbst als Kind mit viel Gefühl an seiner katholischen Vaterstadt hing, den aber sein Lebensweg in ein ganz anderes Deutschland führte. Philipp Oehmeke vom SPIEGEL nennt diesen „Bohrer-Jungen“ den „Huckleberry Finn des Ruinendeutschlands“.  Das Ruinendeutschland erlebte der  „Bohrer-Junge“ allerdings nur dann, wenn er aus dem ländlichen, vom Krieg verschonten Internat im Schwarzwald seine Schulferien bei seinen Eltern in Köln verbrachte.

Der Charme dieses Buches liegt eben nicht so sehr in der phantastischen Dimension der Erzählung, sondern in der Schilderung konkreter Erfahrung dieser Zeit, auch wenn der „Bohrer-Junge“ die Gymnasialjahre in dem elitären Internat „Birklehof“ in Hinterzarten/Breitnau im Schwarzwald erlebte, einem Ort, der nicht unbedingt als der typische Erfahrungsbereich der deutschen Altersgenossen des Karl Heinz Bohrer gelten kann.  Wie man der Präsentation im Internet http://www.birklehof.de/  entnehmen kann, gibt es das Internatsgymnasium „Birklehof“ auch heute noch, und Karl Heinz Bohrer ist ein sicher hoch angesehener „Alumnus“ der „Altbirklehofer“. Der „Birklehof“ , eines der angesagten Zentren  der Reformpädagogik  im Nachkriegsdeutschland, eine Schwestergründung des bekannteren Internats „Salem“ am Bodensee, ist auch heute noch eine exklusive Privatadresse für Eltern, die für die Schule ihres Kindes monatlich etwa € 3.000,- zur Verfügung haben.

Die Vita des „Bohrer-Jungen“ ist aber ein Beispiel für eine Generation von Kindern, deren  Eltern sich damals im bürgerlich konservativen Ressentiment gegenüber Nazideutschland befanden und ihre Kinder der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus entziehen konnten. Der „Bohrer-Junge“ im Internat erlebt seine Jugend in einem Kokon von Schule, Literatur und klassischem Drama, aus dem er sich erst in späteren Jugendjahren befreien wird. Seine Passion für Literatur und Theater bringt ihn in Konflikt zu seinem Vater, der sich als promovierter Nationalökonom eine konkretere Karriere für seinen Sohn gewünscht hatte. Aber der „Bohrer-Junge“ bleibt der Passion für die Literatur treu. Seine Begegnung mit England und den Engländern bringt ihm die nötige Distanz zum bisher Erlebten in Deutschland. Aus dem „Bohrer-Jungen“ wird einer der renommiertesten Literaturkritiker Deutschlands, der in seinen „Granatsplittern“  dieses Mal nicht hochkarätig kritisiert, sondern einfach  einnehmend erzählt. Leseempfehlung: Natürlich – mit fünf Sternen!

Nb. Dank an meine Schwester Hildegard, die mir das Buch zu Weihnachten geschenkt hat.

Wer etwas mehr über den „Bohrer-Jungen“ wissen möchte, dem sei ein Interview mit Karl Heinz Bohrer aus der Süddeutschen Zeitung empfohlen: „Ich habe einen romantischen Blick“

Wenn Menschen nicht arbeiten und keine Genies sind, werden sie banal. Gegenüber diesem existentiellen Kummer habe ich die Universität als erhabene Existenz empfunden. Es gibt keinen stärkeren Schutz gegen die Banalität des Daseins als theoretisches Denken oder Dichten. Im Hörsaal Studenten zu erklären, was die Kunst an der Kunst ist, war und ist für mich ein Lebenselixier.“  Karl Heinz Bohrer

  KS

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter – Erzählung einer Jugend © Carl Hanser-Verlag- München 2012

Traditionelles Weihnachtskonzert der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler

weihkonz2013

Einen ausgesprochen weihnachtlichen und festlichen Charakter hatte das Konzert der Städtischen Musikgesellschaft am Samstag, dem 21. Dezember 2013 in der evangelischen  Dreieinigkeitskirche.  Das beim Publikum besonders populäre Weihnachtskonzert, welches in der Regel am letzten Adventssamstag in der Hauptpfarrkirche St. Peter und Paul stattfindet, fand auch in diesem Jahr erneut viel Zuspruch.

In der gut gefüllten Kirche rückten die erwartungsvollen Zuschauer eng zusammen, um sich von exklusiver Weihnachtsmusik erfreuen zu lassen. Unter der Leitung von Horst Berretz ertönten anspruchsvolle Werke bekannter Komponisten, wie die „Cäcilienmesse“ von Charles Gounod (1818 bis 1893) und das „Oratorio de Noel“ von Camille Saint-Saens (1835 bis 1921), Stücke deutscher und französischer Chorromantik, wie die Weihnachtskantate „Vom Himmel hoch “ von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 bis 1847).

Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft wurden von den Solistinnen und Solisten Bettina Thülen (Sopran), Anna Fischer (Alt), Walter Drees (Tenor) und Harald Martini (Bass) gesanglich unterstützt. Stimmlich sehr präsent war dabei die aus Eschweiler stammende Sopranistin Bettina Thülen, ein langjähriges Mitglied der Musikgesellschaft. Eindringlich und kraftvoll sang sie ihre Passagen. Dabei war aufgrund ihrer hohen Stimmlage, die in der Kirche klangvoll widerhallte, Gänsehaut beim Publikum garantiert.

Aber auch die anderen Solisten, die von weiter her angereist waren, konnten gesanglich glänzen und mit ihren Stimmen überzeugen. So bot die in Gladbeck geborene Anna Fischer, die Gastauftritte unter anderem an der Deutschen Oper in Berlin und im Prinzregenten-Theater München vorweisen kann, mit ihrer Altstimme eine ausgereifte Darbietung. Der Tenorsolist Walter Drees konnte mit seiner wohltönenden Stimme ebenfalls überzeugen. Er ist seit 1991 Kantor an der Pfarre St. Johannes Evangelist in Düren-Gürzenich.  Harald Martini hatte mit seiner melodischen Bassstimme bereits Auftritte mit namhaften Ensembles wie dem WDR Sinfonie- und Rundfunkorchester, sowie  der Bremer Kammerphilharmonie.  Ingrid Walz spielte Violoncello und an der Orgel saß Theo Palm.

Wieder und wieder schafften Sänger und Musiker in ihrem etwa zweistündigen Konzert Augenblicke überwältigender musikalischer Ausdruckskraft. Gesang und Melodie breiteten sich angenehm und belebend in der Dreieinigkeitskirche aus.  Prachtvolle Chöre, wie  das „Oratorio de Noel“ oder „Vom Himmel Hoch“, erfüllten die Kirche mit religiöser Feierlichkeit. Im Finale wurden die gebannt lauschenden Zuhörer schließlich zum aktiven Mitsingen begeistert. Beim Lied „Nun freut euch, ihr Christen“ wurden die Zuhörer zu Sängern, begleitet von Chor und Orchester.

Seit dem Frühsommer hatten Sänger und Instrumentalisten in der Aula des Gymnasiums Eschweiler fleißig geprobt. Aber der Aufwand hatte sich gelohnt, denn das Publikum erfreute sich an der Musik und dankte den Künstlern mit tosendem, lang andauerndem Beifall.

Vanessa Sack

©http://www.aachener-zeitung.de/lokales/eschweiler/traditionelles-weihnachtskonzert-der-staedtischen-musikgesellschaft-1.724784

Auszüge aus dem Konzertprogramm sind hier zu hören:

1. Charles Gounod –  Cäcilienmesse   KYRIE  

2. C. Saint-Saens –  Oratorio de Noel  TOLLITE HOSTIAS

3. F. Mendelsohn-B. –  Vom Himmel hoch  ERSTER CHOR  

4. F. Mendelsohn-B. – Vom Himmel hoch  SCHLUSSCHOR

DER “GUNUNG-SAMALAS” WAR ES…

gunung-rinjaniSonnenaufgang am Rinjani – So schön sieht sie manchmal aus: die Caldera des Vulkans Rinjani auf der Insel Lombok in Indonesien. Ein blauweißer Kratersee, in dessen Mitte ein heißer Ascheberg gelegentlich ein Wölkchen Rauch und Asche in den Himmel pustet. Seit Jahren so friedlich, dass man den Touristen Treckingtouren zu seinem Kraterrand anbietet. Seit 2013 scheint aber sicher, dass dieser attraktive Feuerberg auf Lombok zu den globalen Übeltätern von historischer Dimension zählt.

Was man heute als Gunung Rinjani beobachten kann, ist die Restmasse des Vulkans Samalas, der im Jahre 1257 n.Chr. mit verheerender Gewalt explodierte. Neben der Verwüstung in seiner unmittelbaren Umgebung schleuderte der Samalas so viel Asche in die Atmosphäre, dass in Europa noch im Jahr danach 1258 der Sommer ausfiel, ja vielleicht sogar die sog. “kleine Eiszeit” für mehrere hundert Jahre provoziert wurde…  Das Echo globaler Schreckensnachrichten aus dem Mittelalter – zu lesen in den Zeitungen von 2013 – von einem historischen Desaster, für das es bis jetzt keine schlüssige Erklärung gab. 

Hier der Artikel aus der Wissenschaftsredaktion von SPIEGEL-Online vom 1. Oktober 2013

Kälteeinbruch im Jahr 1258

Ein geologisches Mysterium ist offenbar geklärt: Für eine der gewaltigsten Eruptionen der vergangenen 10.000 Jahre soll ein Vulkan auf der Insel Lombok gesorgt haben. Der Ausbruch hatte 1258 einen Temperatursturz und schwere Hungersnöte in Europa verursacht.

weiterlesen in…. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/kaelteeinbruch-1258-forscher-legen-loesung-fuer-vulkan-raetsel-vor-a-925391.html

GOTTES LETZTER DIENER

Wir leben in Zeiten, in denen sich im Vatikan in Rom erstaunliche Veränderungen vollzogen: Papst Benedikt XVI. hat nach neun Amtsjahren – laut eigenem Kommentar – „eine Bombe“ platzen lassen“  und sein Amt zu seinen Lebzeiten freiwillig  zu Verfügung gestellt. Ein Summus Pontifex Emeritus!?  Deus meus! Unerhört! Päpste hatten so etwas seit dem Jahre 1294 nicht mehr gemacht.

Ein neuer Papst aus  Argentinien, ein Jesuit, der sich sehr absichtlich den Namen Franziskus  zulegte und der Option für die Kirche der Armen oberste Priorität verordnete, sieht sich derzeit  der lange bekannten Problematik der Vatikanbank gegenüber. Haftbefehle der italienischen Staatsanwaltschaft gegen Amtsträger, Entlassungen und Neuanstellungen in der Bank, die den Vatikan erneut in die Schlagzeilen der Skandalpresse brachten. Damit soll nun endgültig Schluss sein…  Papst Franziskus will das stemmen. Aber  wird er es schaffen?

Der Roman: Gottes letzter Diener oder wie Papst Patrick das Ende der freien Welt herbeiführte                                                                         

Just in dieBildsen interessanten Zeiten fällt mir ein Buch in die Hände – ein Roman aus dem Jahr 1995, der für diese Thematik wie gerade geschrieben erschien. Der Titel „Gottes letzter Diener“  von Peter de Rosa.  Obwohl damals 1995 Papst Johannes Paul II. noch quicklebendig war,  inszeniert der Autor Peter de Rosa Ereignisse im Jahr 2009, nachdem der polnische Papst nach 31-jähriger Amtszeit gestorben war.   ( Info: Joh. Paul II.  ist de facto 2005 nach 27-jähriger Amtszeit verstorben. )

Das Roman-Konklave von 2009 tut sich schwer mit der Wahl eines Nachfolgers und macht aus Verlegenheit den völlig unbekannten irischen Kardinal Brian Aidan O’Flynn zum Papst,  bisher in der Kurie für Heiligsprechungsprozesse zuständig. Mit dem Namen Patrick wird zum ersten Mal in der Kirchengeschichte ein gebürtige Ire Papst. Ein Jahr später ist er tot, vergiftet durch den päpstlichen Leibarzt im Auftrag der CIA. Aber das Jahr seiner Amtszeit hat es in sich.

Die Welt von 2009 ist zunächst begeistert von dem netten irischen Kerl auf dem Papstthron, der immer von seinem Hund Charley begleitet wird und absolut unpäpstliche Hobbies pflegt: er repariert die Fahrräder des vatikanischen Personals. Aber dabei bleibt es nicht. Die Kirche soll sich so verhalten, wie es das Evangelium verlangt. Ganz einfach: Die Einkommen der Kardinäle werden den Gehältern der übrigen Vatikanangestellten angeglichen und Roms Kirchen müssen nachts für die Obdachlosen geöffnet bleiben. Papst Patrick glaubt, dass auch das Zölibatsgesetz der römischen Kirche unevangelisch ist und veranstaltet im Petersdom eine Massentrauung ehewilliger Priester und Bischöfe, was ihm neben großem Beifall auch den geharnischten Protest der Ostkirchen einbringt. Auch verkündet er, dass Frauen durchaus das Zeug hätten, um als Priesterinnen die Leitung der Gemeinden zu übernehmen. Auch das wird von der Weltöffentlichkeit mit großem Beifall aufgenommen, von einem großen Teil der amtierenden Bischöfe nur protestierend zur Kenntnis genommen.

“Splendor vitae”

Dann aber verfasst er die Enzyklika „Splendor vitae“, in der er Empfängnisverhütung beim Geschlechtsverkehr in jeder Form für unvereinbar mit dem von Gott gewollten Sinn der Geschlechtlichkeit erklärt.  „Mit wirklich aufrichtigem Bedauern sehe er sich gezwungen, Pius XII. zurechtzuweisen, den ersten Papst, der 1951 die Nutzung der unfruchtbaren Tage für den Geschlechtsverkehr gebilligt habe. Er habe der  unveränderlichen Lehre der Kirche widersprochen“ und Papst Patrick fühle sich verpflichtet, Pius XII. zum Ketzer zu erklären. Die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. hätten diesen Irrtum gedankenlos wiederholt, wenngleich er sie nicht auch noch exkommunizieren wollte. Die Welt war wie vor den Kopf gestoßen und begann an der geistigen Gesundheit des neuen Papstes zu zweifeln.

Die internationalen Irritationen verstärken sich noch, als Patrick beginnt,  sich mit der Welt der Finanzen zu beschäftigen. Nach einem Besuch der Vatikanbank IOR, befielt  er die unverzügliche Schließung des päpstlichen Geldinstituts. ( siehe Text Kap.41: Papst Patrick und die Vatikanbank) Nach einem hoch geheimen Treffen mit drei Kardinälen aus Lateinamerika, kommt Patrick zu der Überzeugung, dass der westliche Kapitalismus der Grund für die ungerechte Armut in der Welt sei, dessen zinsgestütztes Kreditgeschäft nichts anderes als gottloser Wucher sei, mit Gottes Gebot und der kirchlichen Lehre absolut unvereinbar .( siehe Text Kap.43 : Papst Patrick und die Schuldenkrise Lateinamerikas und Kap. 44 Papst Patrick und die Zinsen) In einer eindringlichen Rede  vor der Vollversammlung der UN nennt er die internationalen Banken Räuber und Barbaren: “Nehmt eure gierigen Hände aus den Taschen der Armen und eure Füße von ihrem Nacken!“  Die Zinslasten seien ein fortwährendes Unrecht an den Armen. Die Schuldnernationen hätten genug bezahlt und brauchten keine Zinsen mehr an ihre Gläubiger zu bezahlen.

Die Rede löst eine internationale Finanzkrise aus, und die amerikanische Regierung unter dem katholischen Präsidenten Delaney sieht sich gezwungen, die CIA mit der Eliminierung des Papstes zu beauftragen. Patrick übersteht die Mordattacke eines falschen Kapuziners, aber an dem heimtückischen Giftanschlag seines Leibarztes wird er später sterben.

„Mundi Holocaustum“

Von Todesahnungen geplagt, verfasst er die Enzyklika „Mundi Holocaustum“, in der er den Besitz und die Abschreckung mit atomaren Massenvernichtungswaffen für verbrecherisch und gottlos erklärt. Katholische Staatsoberhäupter seien exkommuniziert, wenn sie nicht sofort auf den atomaren Erstschlag verzichteten. Die Staatsbürger seien dann  ihrer Loyalitätspflicht diesen Regierungen gegenüber entbunden. Patrick beruft sich dabei auf  Entscheidungen seiner Vorgängerpäpste Gregor VII., Bonifaz VIII. und Pius V., die auch Kaiser und Könige abgesetzt hätten.

Die freie Welt ist  tief gespalten. Einige bejubeln den Papst als Friedensstifter und Heiligen. Die katholischen Staatsoberhäupter jedoch sind sich einig, die Enzyklika zu ignorieren: Der Papst mische sich in Dinge ein, von denen er nichts verstehe. Und der amerikanische Präsident Delaney wiederholt im Fernsehen sein Gelöbnis, ohne zu zögern, eine Milliarde Muslime abzuknallen, wenn es denn sein müsse.  Das Star-Wars-Programm stehe kurz vor seiner Vollendung.

Die islamische Welt ist alarmiert. Nur noch wenige Wochen, und das Star-Wars-Programm machen die USA endgültig unangreifbar. Das Gleichgewicht des Schreckens funktioniert nicht mehr.  Eine islamische Welt rückt in weite Ferne. Die Führer der FIR (Föderation Islamischer Republiken) unter ihrem Vorsitzenden Ayatollah Hourani entschließen sich angesichts der sich zuspitzenden internationalen Lage zu einem ungeheuren Coup: Um die Option einer islamischen Welt zu behalten, wollen sie auf Papst Patricks Abrüstungsinitiative eingehen und Washington  den einseitigen Verzicht auf Kernwaffen anbieten. Der geheime Plan enthält die Bereitschaft, ihr Leben als Märtyrer für den Islam zu opfern.  Zum Beweis der Ernsthaftigkeit ihrer Absichten reisen die Führer der FIR mit ihren gesamten Familien in die USA und übergeben den Koffer mit den Geheimcodes in amerikanische Hände. Sie selbst stellen sich als Gäste unter den Schutz Amerikas. Präsident Delaney ist nach anfänglichem Misstrauen überzeugt, Amerikas Politik der strategischen Übermacht habe gesiegt und die FIR habe davor kapituliert: Als Zeichen des guten Willens wird die ständige Luftalarmbereitschaft  der USA aufgehoben.

Genau in diesem Zeitraum starten die FIR-Raketen mit nuklearen Sprengköpfen von ihren Abschussrampen von Marokko bis Pakistan und beginnen praktisch ohne Widerstand die freie Welt auszulöschen. Papst Patrick war wenige Minuten zuvor in Rom gestorben. Soweit das fiktive Szenario des Romans.

Fazit 

Einmal abgesehen von der fesselnden Story dieses provozierenden Pontifikats und der wunderbaren Erzählkunst des Autors, ist das Buch eine profunde Auseinandersetzung mit den großen Themen christlicher Lehre und Geschichte. De Rosa steht  für intime Kenntnis sowohl römischer Gepflogenheiten als auch katholischer Theologie und Kirchengeschichte. Obwohl man ob der Skurrilität geschilderter Situationen immer wieder lachen muss – de Rosa ist ein Meister englisch-humorigen Understatements -, wird dem Leser immer mehr deutlich, dass es dem Autor nicht um lächerliche Pointen geht, sondern  um ein Grundproblem moralischer – speziell christlicher – Lebenshaltung:  Ist dem Gemeinwohl der Menschen am besten gedient, wenn man sich einfach gläubig auf Jesu Evangelium verlässt?

Vorbemerkung des Autors: “Papst Patrick ist nur Papst Patrick; für seine Ansichten ist er allein verantwortlich.“

Ein absolut tragisches Szenario:  Im Roman provoziert  der Glaube dieses sympathischen und grundanständigen Papstes Patrick das atomare Ende der westlichen Welt. Ob die es wegen ihrer Unchristlichkeit verdient hat? –  der Autor lässt eventuell mehrere Interpretationen zu.   Aber Fakt ist auch, dass das Ende dieser uns so kostbaren, freien Welt durch unbeirrbar gläubige islamische Überzeugungstäter herbei gebombt wird, die glauben, der Welt  ihrer Religion und dem Gott dieser Religion  einen historischen Dienst erwiesen zu haben. Die Welt von Al Quaeda  und Hisbollah lässt grüßen.

Leseempfehlung?

 Ja sicher –  für alle, die sich ein wenig in der Welt der römisch katholischen Kirche auskennen und nicht bei  jeder Weihrauchschwade einen ideologischen Hustenanfall bekommen. (KS)

———————————————

Peter de Rosa: Gottes letzter Diener   KNAUR-München 1998 -  ISBN 3-426-61463-4

Musikalische Reise durch viele Epochen

 Frühjahrskonzert 2013 der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler

 

SMGE -2013 - KopieHießen den Frühling mit einem mitreißenden Konzert im Städtischen Gymnasium willkommen:  das Orchester sowie der Chor der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler. (Foto: Andreas Röchter)

Knapp war‘s, doch er hat‘s geschafft! Kurz vor dem Frühlingskonzert der Städtischen Musikgesellschaft hat der „Lenz“ tatsächlich Einzug gehalten. Und so konnten die jeweils großartig aufgelegten Musiker des Orchesters sowie die Sänger des Chors unter der Leitung von Horst Berretz den zahlreichen Zuhörern am Samstagabend in der vollbesetzten Aula des Städtischen Gymnasiums sowohl gesanglich als auch instrumental völlig zurecht entgegen schmettern: „Er ist‘s!“

Das Gedicht, das Eduard Mörike vor mehr als 180 Jahren unter dieser Überschrift verfasste, war Leitmotiv des mitreißenden Konzerts, bei dem die Aktiven der Gesellschaft einmal mehr eindrucksvoll ihre große musikalische Qualität und Bandbreite unter Beweis stellten.

Melancholische Stimmung

Denn wie hatte die Chorvorsitzende Cornelia Schwarz-Miseré zur Begrüßung betont: „Wir durchstreifen während unseres Konzerts unterschiedliche Epochen und Stilrichtungen und zeigen dabei auch, dass der Frühling nicht nur einen heiteren Neubeginn darstellt, sondern durchaus auch melancholische Stimmung aufkommen lassen kann.“

Dies war bereits kurz zuvor beim Konzertauftakt deutlich geworden, den Chor und Orchester mit der Einleitung zu Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ gestalteten. Denn mit zunächst tiefen synkopischen Klängen zeigte der hartnäckige Winter, dass er sich nur schwer vertreiben lässt. Erst allmählich wurde die Stimmung ruhiger und harmonischer, inszeniert durch den Einsatz von Sopran Stefanie Sievers, die genau wie Tenor Nikolaus Sturm sowie Wolfgang Zemler und Dr. Franz Wolters (jeweils Bass) kurze Solopartien sang. Der Winter war besiegt.Der Chor begrüßte fröhlich den Frühling: „Komm, holder Lenz“.

Zunächst leise und verträumt, dann dynamisch und euphorisch präsentierte das Orchester die „Morgenstimmung“ aus der „Peer-Gynt-Suite“ von Edvard Grieg, die im zweiten Teil des Konzerts mit dem Thema „In der Halle des Bergkönigs“ einen weiteren dramatischen Höhepunkt darstellte. Ebenso mitreißend und vor allem angemessen temperamentvoll interpretierten die Musiker den „Slawischen Tanz Nr. 2, op. 46“ von Antonin Dvorák. Bemerkenswert auch das hervorragend abgestimmte Zusammenspiel zwischen Chor und Orchester beim Triumphmarsch aus der Verdi-Oper „Aida“ sowie beim „Gefangenenchor“ aus „Nabucco“.

Modern und bewegend

Wie abwechslungsreich ein Frühlingskonzert sein kann, bewies der Chor der Musikgesellschaft, als er dem modernen und bewegenden von Rolf Lovland und Brendan Graham komponierten „You raise me up“ kurz darauf das von Friedrich Silcher im 19. Jahrhundert erschaffene Lied „Süß Liebe liebt den Mai“ entgegenstellte, ohne dass auch nur der Anflug einer Disharmonie entstand.

Zum Träumen luden Orchester und der von Theo Palm am Klavier begleitete Chor auch im zweiten Teil des Konzerts ein: Wörtlich mit „Dream a little Dream“, gedanklich mit Henry Mancinis „Moonriver“.

Das von Jerome Moross erarbeitete Hauptthema aus dem Film „The big Country“ („Weites Land“ mit Gregory Peck in einer der Hauptrollen) ließ schließlich die weiten Ebenen der amerikanischen Prärien vor dem geistigen Auge der Zuhörer erscheinen. Mit dem „Kaiserwalzer“ von Johann Strauß, der Liebeserklärung des Komponisten an seine Heimatstadt Wien, setzten Dirigent Horst Berretz, sowie Chor und Orchester einen würdigen Schlusspunkt unter ein Konzert, das keine Wünsche offen ließ.

Zumal eine Zugabe folgte: Mit der Wiederholung des Hauptthemas aus „The big Country“ entließen die Akteure der Städtischen Musikgesellschaft ein gut gelauntes Publikum in die frühlingshaften Weiten der Indestadt. (ran)

© Eschweiler Nachrichten – Lokales / 06.05.2013 -

http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eschweiler/musikalische-reise-durch-viele-epochen-1.570263

INDONESIENREISE 2012

Von Manado nach Lahewa

Nias: Am Strand von Soroma°asi /Lahewa

Nias: Am Strand von Soroma°asi /Lahewa

Seit zwei Wochen sind wir nun zurück aus Indonesien. Der Jet-Lag hat nachgelassen, aber die Seele –  die ja bekanntlich zu Fuß geht – ist bemüht, sich hier in Deutschland wieder heimisch zu fühlen.  Sechs intensive Wochen in Indonesien wollen verdaut sein. (Nb. Wem die Lektüre zu lang ist, der kann sich auch nur  die Links mit den Fotos anschauen, sofern ihm die kurzen Bild-Kommentare reichen)

Dienstag, 18. September, 12:00 Uhr Abflug von Düsseldorf mit “Etihad Air” via Abu Dhabi nach Jakarta.  “Etihad Air” hat ordentliche Flugzeuge und einen guten Service, verlangt auf dieser Route jedoch viel Geduld mit langen Transit-Zeiten in Abu Dhabi: Wir durften sechs Stunden auf unseren Anschlussflug warten. Aber –  Bismillah! – was nimmt man nicht alles für einen preiswerten Flug in Kauf!  Ankunft in Jakarta jedenfalls am darauffolgenden Tag  um 14:15 Uhr Ortszeit.  Zwei Stunden Zeit für  Auschecken, Passkontrolle und  erneutes Einchecken bei  „Lion-Air“, einer Inlandfluglinie. Dann  Weiterflug von Jakarta nach Surabaya, wo uns kurz nach 18:00 Uhr Khae und Lian am Flughafen begrüßen konnten.

 Fünf Tage  Surabaya   – Fotos

Ein frohes Wiedersehen mit unseren alten Freunden aus Aachener Zeiten in der Sittarderstraße.  Da ihre Kinder alle aus dem Haus sind, ist reichlich Platz und Zeit für Gäste.  Wie schon 2010 waren Khae und Lian  wieder ganz wunder-bare Gastgeber. Und wie vor zwei Jahren  war alles schon prima vorbereitet, damit wir uns möglichst problemlos akklimatisieren konnten. Aircon im Schlafzimmer sorgt bei Außentemperaturen von fast 30°  für einen erholsamen Schlaf. Nach zwei Tagen waren denn auch die unvermeidlichen Jetlag-Probleme überwunden (Surabaya hat sechs Stunden Zeitvorsprung zu Deutschland.) Indonesisch als Umgangssprache funktionierte  auch wieder. Nur meine Darmflora brauchte etwas länger, bis sie sich mit den neuen Umständen abfand, zumal ich – kaum in Indonesien gelandet – sofort wieder mit Hingabe die geliebten  Kretek-Zigaretten schmauchte. Khae hatte schon im Voraus meine Lieblingsmarke Gudang Garam besorgt.

Khae musste zwar noch zwei Tage in seine Firma am Stadtrand von Surabaya. Aber dann zum Wochenende hatte er sich einen zusätzlichen freien Tag genommen und chauffierte uns Freitag-Morgen in seinem Toyota Innova souverän durch das Verkehrschaos von Surabaya zum Ferienhaus von Lians Familie in Trawas, in den kühlen Bergen von Ostjava. Am Samstag machten wir eine schöne Fahrt nach Pacet in das Gebirge nordwestlich des schlafenden Vulkans Gunung Arjuna und trafen uns da wie zufällig mit  Lians Bruder Sun und seiner Frau Ino zum Essen in einem schön gelegenen Bergrestaurant.

Das „zufällige“ Treffen war aber beileibe nicht zufällig: Lian hatte ihre Handy-Kontakte spielen lassen. Die immer aktiven Black-Berries und Smartphones machen solche spontanen Verabredungen möglich. Man ist immer online und erreichbar, und ohne diese Dinger geht nichts mehr im Indonesien von 2012. Indonesien ist pausenlos online…  Wir profitierten ein wenig davon: Die  fünf Tage mit Lian und Khae vergingen wie im Fluge und Dienstag, dem 25.09. hieß es Abschied nehmen von  Surabaya.  

Vier Tage Manado – Fotos

Die nächste Station unserer Reise hieß Manado, die Hauptstadt von Nord-Sulawesi (Nordcelebes). Eigentlich wollten wir gemeinsam mit Khae und Lian dorthin reisen und ein paar gemeinsame Tage dort verbringen. Doch Khae war schlussendlich für die entsprechende Zeit in seiner Firma leider unabkömmlich – eine Spezialmaschine, frisch geliefert aus der Schweiz, sollte in Betrieb genommen werden – unsere gemeinsamen Reisepläne mussten gecancelt werden. Schade, schade…   Weiterlesen…..hier!

Joh. Brahms: Ein Deutsches Requiem in Eschweiler

Musikalischer Kraftakt voller Trost und Seligkeit

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

SMG-2012-brahms

Musikalisches Geschenk zum eigenen Jubiläum: Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft führten in der Kirche St. Peter und Paul das „Deutsche Requiem“ auf. Foto: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Im „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms geht es um die letzten Dinge, um die Frage nach Tod und Ewigkeit, es geht um Seelenangst, Trauer und Trost. Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler haben sich diesem anspruchsvollen, tiefgründigen Werk gestellt. Das Publikum in der gut gefüllten Kirche St. Peter und Paul dankte ihnen dafür am Samstag mit rauschendem, lang anhaltendem Beifall.

„Ich bin froh, dass wir den Kraftakt gepackt haben!“ atmete Chor- und Orchesterleiter Horst Berretz auf, nachdem der letzte Applaus verklungen und die Musikinstrumente wieder eingepackt waren. Die Städtische Musikgesellschaft machte sich mit dem Brahms-Werk selbst ein Geschenk. 150 Jahre alt wurden Chor und Orchesterberretz-2012 der Stadt Eschweiler in diesem Jahr, und „wir haben für unser Jubiläumsjahr gesagt: Das machen wir!“ Der Kraftakt, von dem Berretz redet, ist dabei nicht nur ein musikalischer, sondern auch ein finanzieller. Denn die Einnahmen eines solchen Konzertes, das ein großes Orchester und gute Solisten verlangt, decken selbst bei gut gefüllter Kirche nicht die Ausgaben.

Einer der Solisten sorgte für eine Schreckminute am Samstag-morgen. Franz Gerihsen vom Rundfunkchor des WDR war plötzlich erkrankt. Zum Glück hatte er nicht nur einen guten Tipp für eine Vertretung, sondern diese Vertretung, der Essener Bass-Bariton Harald Martini, ein Spezialist auch für Bach-Kantaten, konnte spontan einspringen und begeisterte sowohl das Publikum als auch Horst Berretz: „Er hat das hervorragend gemacht! Ganz ohne Probe! Wir haben uns erst eine Stunde vor dem Konzert hier getroffen.“ Vielleicht, so hofft der Chorleiter, kann man Martini auch künftig einmal in Eschweiler hören.

Zum Glück nicht erkrankt, sondern stimmlich sehr präsent war die weibliche Solistin, die Eschweiler Sopranistin Bettina Thülen, die seit vielen Jahren zu den wichtigsten Interpretinnen der Städtischen Musikgesellschaft gehört. Eindringlich gestaltete sie das „Ihr habt nun Traurigkeit“ im vierten Satz des Requiems.

„Selig“ ist das erste Wort des Requiems, und „selig“ ist auch das letzte Wort. Dazwischen liegen 75 Minuten einer Wanderung durch Trauer, Verzweiflung, Tröstlichkeit und Vertrauen. So viel Trost! So viel Seligkeit! Der in einem evangelischen Umfeld aufgewachsene Hamburger Komponist Johannes Brahms hat für sein „Deutsches Requiem“ nicht die Worte der lateinischen Trauermesse als Text genommen, sondern selbst ausgewählte Bibelzitate in deutscher Sprache. Nicht die Toten, die Lebenden stehen im Mittelpunkt dieses siebensätzigen Werks. In Text und Musik werden Trauer und Verlust ernst genommen, wird auch der Verzweiflung und dem Zweifel Raum gegeben, um sich dann vertrauensvoll der Zuversicht zuzuwenden: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rührt sie an.“

„Selig sind, die da Leid tragen“ – der erste Satz des Requiems beginnt verhalten, gedämpft, ganz ernste Trauer und Zuwendung. Schon hier und immer wieder in diesem an Piano- und Forte-Stellen reichen Chorwerk beeindruckt Berretz mit der straffen Führung des Chors, den er mal zu fast flüsternder Andacht dämpft, dann wieder mit weit ausholenden Gesten zu lauten Jubel antreibt. Und die Sänger folgen ihm willig. Nur in der hoch komplizierten Fuge gegen Ende des dritten Satzes kommt der Chor an seine Grenzen, hier macht sich bemerkbar, dass die Männerstimmen – wie bei vielen Chören – zu dünn besetzt sind.

Immer wieder in diesen sieben Sätzen gelingen den Eschweiler Musikern und Sängern Momente überzeugender Ausdruckskraft. Der innige Schluss des vierten Satzes hätte spontanen Zwischenapplaus verdient. Den gab es dann am Ende des 6. Satzes – Chor und Orchester gestalteten das „Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre“ derart triumphal, dass viele Zuhörer meinten, danach könne nichts mehr kommen.

Es kam aber doch noch das tröstliche, von Seligkeit und Zuversicht getragene „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“, mit seinen wunderbaren, der Welt fast entrückten Oboen-Passagen. Die Besucher des Konzerts erhoben sich und klatschten stehend Beifall. Mit Blumen bedankte sich die Musikgesellschaft bei Dirigent Horst Berretz, den beiden Solisten Bettina Thülen und Harald Martini und bei Dr. Brigitte Petrovitch, die als 1. Geigerin zugleich so etwas wie die Konzertmeisterin des Städtischen Orchesters ist.

Eschweiler Nachrichten, 25. November 2012

© http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eschweiler/musikalischer-kraftakt-voller-trost-und-seligkeit-1.463150

Nb. Ausschnitte des Konzerts sind auf YouTube  zu hören:

1. Selig sind, die da Leid tragen

4. Wie lieblich sind Deine Wohnungen

6. Denn wir haben hie keine bleibende Statt

 

INDONESISCHES SCHATTENTHEATER

Bei meinem letzten Besuch in Indonesien im Oktober 2012 fand ich in der Tageszeitung KOMPAS einen bemerkenswerten Artikel, der unten in Übersetzung zu lesen ist. Überschrift: “Ketoprak yang tidak Lagi Lucu” (“Ein gar nicht mehr lustiges Theater”) -  Verfasst von P. Franz Magnis-Suseno SJ, dem aus Deutschland stammenden Em. Professor der Philosophie an der Universität Driyarkara in Jakarta, der seit 1961 in Indonesien lebt und über alle Parteien hinweg großes Ansehen genießt.35490_252786791511153_1837723080_n           

Sein Kommentar beschäftigt sich mit Ereignissen aus den Jahren 1965/66, die in Indonesien unter dem Kürzel „G-30S/PKI“ bekannt sind. (Eine kurze Zusammenfassung ist hier/Wikipedia) nachzulesen.) Indonesien beginnt vielleicht endlich mit der Aufarbeitung eines seiner großen nationalen Tabus, dem ungeheuerlichen Massenmord an mindestens 500.000 Menschen und der Diskriminierung von ca. 10 Millionen Landsleuten zu Beginn der Suharto-Ära.

Entfacht wurde die Diskussion wahrscheinlich durch einen im September 2012 erschienenen Dokumentarfilm: The Act of Killing – (Indonesische Version “Jagal”), in dem einige Täter von damals -  bis zum heutigen Tag unbehelligt und straffrei -  über ihre Mordorgien berichten.(Siehe Interview mit Joshua Oppenheimer, dem Regisseur des Films)

Ob es allerdings  in der indonesischen Öffentlichkeit zu einer breiten  Auseinandersetzung  kommt, wird abzuwarten sein. (Viele Leute aus der ersten Reihe des heutigen Indonesien haben wahrscheinlich absolut kein Interesse an einer intensiven Erörterung:  z.B. ganz prominent Ibu Ani Herawati,  die First Lady, Frau des amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono (Ex-General), ist die Tochter des Generals Sarwo Edhie Wibowo, dem damals verantwortlichen Kommandeur der antikommunistischen Einsatztruppen in Mitteljava. Ihr Bruder Pramono ist derzeit Chef des Generalstabs der Streitkräfte…usw)

Nachtrag  15.11.2013.                                                                                                                                                                                                                                   Der Film “The Act of Killing” ist  inzwischen in deutschen Kinos zu sehen.                 Siehe Bericht “Wenn Mörder Opfer spielen” in  SPIEGEL-ONLINE.

HARIAN KOMPAS Samstag – 6. Oktober 2012

Ein gar nicht mehr lustiges Theater

Von Franz Magnis-Suseno SJ

Nach Meinung von Experten wurden von Oktober 1965 bis Februar 1966 mindestens eine halbe Million, maximal drei Millionen Menschen ermordet, die der „PKI“ (Partai Komunis Indonesia) oder als „Terlibat“ (“darin Verwickelte”) zugerechnet wurden. Letztere Zahl stammt von Sarwo Edhie Wibowo, dem Kommandeur des RPKAD (Regimentseinsatzkommando des Heeres), das mit der Ausrottung der PKI damals befasst war.

Wenn wir einmal die kleinste Zahl der Opfer (500.000 Menschen) annehmen, dann gehört dieses Morden zu den vier größten Gräueltaten, die von Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verübt wurden. Nr. 1 war der Hungertod von 30 Millionen Menschen oder auch mehr, die in China 1958-1961 Opfer der politischen „Weisheit“ Mao Zedongs wurden. Nr. 2 war die Ermordung von zwei Millionen Menschen in Kambodscha durch das Pol Pot-Regime. Nr. 3 Die Ermordung von 800 000 Tutsi beim Genozid in Ruanda.

Nun hört man (in Indonesien d .Ü.) die Nachricht, dass sich die Regierung entschuldigen wolle. Aber – man höre: zuerst sollen sich die anderen entschuldigen, nämlich die Ermordeten, die Millionen anderen Opfer, die gefangen, gequält, vergewaltigt wurden ohne zu wissen, wessen sie sich schuldig gemacht hatten…!?

Düstere Ereignisse

Ja, ich stimme zu, Kommunismus ist eine schlimme Ideologie, und die PKI war eine ernste Bedrohung. Auch ich bin froh, dass es diese PKI-Gefahr hier nicht mehr gibt. In den sog. „Madiun-Ereignissen“ von 1948 sollen die Aufständischen unter der Führung von Muso etwa 4000 Menschen umgebracht haben, darunter viele Ulema und lokale (islamische) Religionsführer. Man versteht, dass die Erinnerung an diese Ereignisse noch nicht erloschen ist. Klar auch – ich habe es selbst erfahren und erlebt: die Lage 1965 war sehr ernst. Es gab das Gefühl „entweder wir oder die“. In der Luft lag der Geruch eines gewaltigen Bharatayudha (legendärer Bruderkrieg ). Das alles war der tiefere Grund, warum nach Beginn der Bewegung des 30.September 1965 eine friedliche Lösung nicht mehr möglich war, wie sie von Präsident Sukarno damals verlangt wurde – das war weit weg von dem, was im Volk damals glühte.

Wir wollen einmal zusammenrechnen: Die Opferzahl der Madiun-Ereignisse beläuft sich auf 4000 Menschen, die Zahl der Todesopfer zwischen 1948 und 1965, die auf das Konto der PKI gingen, kann man sich an den Fingern abzählen. Dann aber die Ereignisse von 1965: Zwischen 1965 bis 1966 wurden 500.000 Menschen ermordet, fast zwei Millionen Menschen wurden gefangen genommen (diese Zahl wurde von Sudomo genannt, dem obersten Chef, des KOPKAMTIB von 1978-1988 (Befriedungs- und Säuberungskommando). Hunderttausende wurden ohne Gerichtsbeschluss mehr als zehn Jahre gefangen gehalten – oft unter unmenschlichsten Bedingungen. Darin sind nicht enthalten die Zahl von etwa 10 Millionen Menschen, die sozial stigmatisiert, denen ihre Identität als Staatsbürger genommen, die entwürdigt und verteufelt wurden. Und jetzt sollen ausgerechnet die sich entschuldigen müssen? Wie  kann das denn?

Es ist auch notwendig, sich klar zu machen: Das Morden, in das die Bevölkerung verwickelt war – es waren meist Angehörige der Jugendorganisationen – geschah nicht nur in Ostjava, sondern auch in Bali, Flores, Nordsumatra und anderen Gegenden. Das bedeutet, das Morden war nicht allein Sache  bestimmter Gruppen oder Vereinigungen, sondern es ist klar, die Verantwortung für diese Untaten hatte das Militär. Es ist unmöglich, dass die Bevölkerung die Morde beging ohne die Hinweise und die Deckung durch das Militär.

Das dumme Geschwätz

Und jetzt erklärt man uns, dass dieses Morden im Umfang eines Genozids notwendig gewesen sei, „weil unser Staat nicht so geworden wäre, wie er jetzt ist, wenn diese Ereignisse damals nicht so geschehen seien.“  Natürlich, an dieser Aussage ist etwas richtig: Ohne die Bewegung 30. September (G-30S) wäre General Soeharto nicht Präsident Indonesiens geworden und das ganze System der Neuen Ordnung (Orde Baru) hätte es nicht gegeben. Aber zu sagen, dass das indonesische Volk nur gerettet werden konnte, nachdem es hunderttausende Bürger umgebracht und zehn Millionen ins Unglück gestürzt hatte, ist wirklich unsäglich. Ich schaudere. Wer muss noch alles umgebracht werden, damit das  indonesische Volk weitere Fortschritte machen kann?

Diese Aussage ist sicher auch großer Nonsens, ein dummes Geschwätz, dessen Grund aber leicht zu erraten ist. Dieses Geschwätz vermischt mit leichter Hand die drei Phasen der Post-G-30S Ereignisse.

Die erste Phase: Die Vernichtung der (kommunistischen) Truppenteile, die in die Entführungen und Morde  in Jakarta und Yogyakarta am 1. Oktober 1965 verwickelt waren.

Die zweite Phase: Die Morde in großem Umfang an Parteimitgliedern der PKI begannen drei Wochen später in Mitteljava, nachdem Sarwo Edhie Wibowo mit seiner RPKAD-Truppe vor Ort war.

Die dritte Phase begann, nachdem Soeharto am 11. März 1966 die Macht von Präsident Soekarno übernommen hatte. Danach passierten die Verhaftungen, die Gefangenschaft und die Vernichtung der Existenzen in großem Stil – es sei an die schmutzige Verleumdung der Frauen der GERWANI – Frauenorganisation erinnert. Das alles geschah in der Ära Soeharto.

Richtig ist, wenn nach dem 1.Oktober 1965 die PKI vom Militär aufgehoben worden wäre, alle Parteibüros der PKI geschlossen/besetzt (wie es ja de facto geschah) und auch alle der PKI affiliierten Organisationen verboten worden wären, wäre es mit der kommunistischen Bedrohung vorbei gewesen. Nicht einer hätte getötet werden müssen – vielleicht mit Ausnahme derer, die in die Aktion 30 September 1965 verwickelt waren, die entsprechend ihrer Rolle dabei hätten bestraft werden müssen.

Mit der Vermischung der oben skizzierten drei Phasen, sollen offensichtlich die Untaten der Phase zwei und drei vertuscht werden. Was wir gerade erleben ist ein Kapitel eines Pasar Malam-Theaterstücks (Nachtmarkt) – das aber gar nichts Lustiges mehr an sich hat. Wahrlich eine verrückte Zeit, ein verdrehtes Zeitalter, in dem die Opfer sich entschuldigen sollen, weil sie ein wenig Gerechtigkeit verlangen. Herr erbarme Dich unser aller!

(Übersetzung aus dem Indonesischen: Klaus Sturm)

Für die meisten jüngeren Indonesier ist “G30S/PKI” ein Kapitel ihrer nationalen Geschichte, das ihnen nur sehr pauschal bekannt ist und über das man heute  öffentlich noch immer nicht gerne spricht, weil die Erinnerung an die damaligen Ereignisse noch immer bedrohlich nachwirkt. Bis zum Ende des Suharto-Regimes 1998 zog dieser Verdacht – im damaligen Indonesien mit dem unseligen Wort „terlibat“ („verwickelt“) verbunden – ganz offiziell soziale Abstrafung nach sich. Noch heute – 15 Jahre nach dem Sturz Suhartos – hat man Angst, mit der PKI oder dem Kommunismus in Verbindung gebracht zu werden.

Dazu eine kleine Geschichte aus dem persönlichen Umfeld, die verständlich macht, warum mich der Artikel von P.Magnis-Suseno so interessiert hat: Mein (indonesischer) Schwiegervater wollte 1996 unsere Familie in Deutschland besuchen und benötigte dafür einen Reisepass. Dieser wurde ihm von der zuständigen Behörde (Imigrasi) verweigert mit der Begründung, sein Name stände auf der Liste der „Terlibat-Personen“ der Stufe „C“. Wie das denn?

 Das ging so: Mein Schwiegervater arbeitete zwischen 1953/1954 (!) ein halbes Jahr im Büro der Hafenarbeiter von Lahewa auf der Insel Nias und wurde damals automatisch Mitglied der Gewerkschaft SOBSI, die in späteren Jahren stark von der PKI unterwandert war. Der Name auf der Mitgliederliste von 1953 reichte 40 Jahre später noch aus, um ihm sein Recht auf einen Reisepass zu nehmen! Mit Schmiergeld an den zuständigen Beamten wären Reisepass und Reiseerlaubnis natürlich zu bekommen gewesen. Das aber verbot ihm sein Stolz als indonesischer Staatsbürger.

Er ist 1997, ein Jahr danach gestorben, ohne seine Tochter und Enkel in Deutschland noch einmal besuchen zu können. Er hat leider auch nicht mehr das Ende der Suharto-Ära und das Ende dieser unseligen „terlibat-PKI“-Diskriminierung erlebt.  (Klaus Sturm)

Nb.  Wer sich intensiver mit dieser Zeit befassen möchte, dem sei das bewegende Buch  Pramoedya Anata Toer: “Stilles Lied eines Stummen” – Aufzeichnungen aus Buru   empfohlen, erschienen im Horlemann-Verlag ,  Bad Honnef.

Nachtrag –  19.03.2014

“Don’t Make Sarwo Edhie a Hero!”

Da ist aus Indonesien zu hören und zu lesen: General Pramono, der Generalstabschef der Indonesischen Streitkräfte,  hat jüngst seinem Schwager Susilo Bambang Yudhoyono, Präsident der Republik Indonesien, vorgeschlagen, seinen Vater – den 1989 verstorbenen General Sarwo Edhie Wibowo zum Nationalhelden (Pahlawan Nasional) zu auszurufen.

Einmal abgesehen davon, dass es aus Termingründen wahrscheinlich nicht dazu kommen wird, zeigt dieses  Ansinnen , wie wenig  diesen Kreisen bewusst ist, dass ihre Familie aktiv und verantwortlich am Massenmord von 1965/66 beteiligt war, dass diese Morde zu den großen Verbrechen gegen die Menschlichkeit des 20. Jahrhunderts gehören.  Sarwo Eddhie war der verantwortliche Organisator der Morde von 1966 an Millionen Menschen in Jogyakarta, Surabaya und Bali.  

Eine beträchtliche Zahl der Täter lebt unbehelligt, prahlt mit den damaligen Untaten und lässt sich als Retter Indonesiens  feiern. (siehe den Gangster  Anwar Congo im Film “The Act of Killing”) Sarwo Edhie zum Nationalhelden zu machen, hieße die Opfer und ihre Kinder, Millionen indonesischer Bürger, im Namen Indonesiens zu verhöhnen. 

Soe Tjen Marching,  Tochter eines der Opfer von 1965/66 hat  2013 eine internationale Aktion gestartet, um zu verhindern, dass Sarwo Edhie zum Nationalhelden gemacht wird. Eine Unterschriftenaktion an den Präsidenten Indonesiens: “Don’t Make Sarwo Edhie a Hero!”   Der Aktion ist unbedingt ein Erfolg zu wünschen.

 

 

NOCH IMMER AKTUELL …

 Abdelwahab Meddeb:  Die Krankheit des Islam

Vor zehn Jahren – 2002, noch unter dem  Eindruck des schockierenden Attentats vom 11.September 2001 in New York, hat der französische Schriftsteller Abdel Wahab Meddeb dieses Buch mit seinem provozierenden Titel veröffentlicht. Das Buch hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Es ist das Buch eines Zeitgenossen, der sich zu seiner muslimischen Tradition bekennt, der aber keiner der derzeitigen islamischen Denominationen mehr angehören möchte. Besorgt und schockiert vom aktuellen Trend  der islamischen Gesellschaften, in denen sich der Fundamentalismus wie eine ansteckende Krankheit ausbreitet, sei das Buch vor allem den Menschen gewidmet, die, wie er selbst, in der islamisch-arabischen  Kultur ihre Prägung erfahren haben, die  sich aber entschieden  den  humanistischen Standards moderner Gesellschaften verpflichtet fühlen. Islamischer Fundamentalismus oder Islamismus ist für Meddeb nicht einfach ein religiös-soziales Missverständnis, sondern eine „Krankheit“, die den echten Islam befallen habe. Diese „Krankheit“ hat nicht erst mit Osama bin Laden und seiner Al Quaeda begonnen, wie mancher im Westen glauben möchte, ihr Ausbruch liegt –  vom Westen nicht wahrgenommen – schon einige Jahrzehnte zurück. Der entscheidende Grund:

1. Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet.

Die erlebte politische und kulturelle Unterlegenheit gegenüber der weltweit siegreichen Moderne ist der Ausgangspunkt für alle Bewegungen, die die islamische Wiedererweckung oder die  islamische „Reconquista“ auf ihre Fahnen geschrieben haben.  Spätestens seit der Gründung der islamischen Republik Iran 1979 durch den Imam Khomeini sollte dem aufmerksamen Zeitgenossen klar geworden sein, dass eine neue Epoche in der islamischen Welt begonnen hatte. Dass dieser politische Sieg ausgerechnet dem schiitischen Islam des Iran gelungen war, wurmte alle Reformer des sunnitischen Islam  besonders, zumal ihre religiös-revolutionären Bewegungen viel älter waren, als die schiitischen.

2.  Genealogie des Fundamentalismus

Der Streit um den wahren Islam und seine Lebenspraxis ist alt und zieht sich durch die ganze Geschichte der islamischen Gesellschaften, ganz ähnlich den Auseinandersetzungen in der Geschichte der christlichen Gesellschaften. Immer paart sich dann  fanatische Frömmigkeit mit rigoroser Feindschaft gegenüber Kultur, Kunst und Wissenschaft.  Auch die aktuellen islamistischen Bewegungen halten sich nicht an die ausgewogene Tradition der offiziellen Koranauslegung der befugten  Religionsexperten der verschiedenen „Schulen“ des Islam, sondern sie haben ihre speziellen Lehrer, auf deren Auslegung sie sich berufen. Wichtig sind die Namen von Hassan al Banna (1906-1949) des Gründers der Muslimbrüder in Ägypten,  Sayid Oubt (1929-1966), dem Theoretiker des Jihad gegen den heidnischen Westen  oder des Pakistani  Abul ala Maududi (1903-1979), des Propagandisten des modernen Jihad und der Jema’a Islamiya.  (Allen gemeinsam ist eine kompromisslose Position gegenüber westlichem Gedankengut und westlichem Lebensstil, damals zugleich auch ein Kampf gegen die westlichen Kolonialmächte.)

Vor allem aber sollte man leider auch den Namen Ibn Abd al Wahhab (1703-17932) kennen, der sich in seiner Lehre auf den radikalen mittelalterlichen Koranlehrer Ibn Taymiya  (1263-1328) berief. Abd al Wahhab war es, der den arabischen Stamm der Saudis auf seine „wahhabistische“ Lehre  einschwor und sie zu Hütern des „wahren Islam“ ernannte. So praktizierte der arabische Clan der Saudis seit 250 Jahren einen rigoristisch sektiererischen Islam, der damals in der islamischen Welt als  nicht nachahmenswert angesehen wurde.

Das wäre bis auf den heutigen Tag auch so geblieben, wenn nicht die Saudis im Verlauf des 1.Weltkriegs die gesamte arabische Halbinsel erobert hätten und kurz darauf durch die entdeckten Erdölquellen auf ihrem  Staatsgebiet zu unvorstellbarem Reichtum gekommen wären.  Saudi-Arabien ist – an den Standards moderner Gesellschaften gemessen – das  reaktionärste  Staatsgebilde der Erde. Aber Verwalter der heiligen Stätten von Mekka und Medina imponieren sie den internationalen muslimischen Pilgern mit ihrem Reichtum und exportieren mit ihrem Geld  den rigiden wahhabitischen Islam in alle Welt. Ihr Geld ist auch an vielen militärischen Operationen beteiligt, in denen islamische Gruppierungen den Jihad propagieren. Osama bin Laden stammt aus Saudi-Arabien und auch die meisten „nine eleven“ Attentäter kommen aus diesem Land.  Für Autor Meddeb ist die Rolle der Saudis und die fatale Wirkung des Wahhabismus  bei der akuten islamischen Krankheit am ärgerlichsten, eigentlich nur überboten von der politischen Naivität der amerikanischen Politik, die um ökonomischer Vorteile willen den humanen Anspruch der Moderne der reaktionären saudischen Gesellschaft gegenüber verleugnet hatte, bis sie im September 2001 sehr drastisch eines Besseren belehrt wurde: Amerika ist der Freund der saudischen Ölscheichs und der Feind aller gläubigen Muslime!

In Kapitel 3 und 4 behandelt Meddeb das antagonistische Verhältnis des Islam zum Westen:

 3. Der heutige Islam – unattraktiv für den Westen                        

Ein kurzer Einblick in die Geschichte zeigt: Der Islam in seiner Phase der kulturellen Überlegenheit  empfand den Westen und seine Kultur nicht als Konkurrenz, eher als  unterentwickeltes Terrain.  Jahrhunderte lang bekam ein kulturell rückständiges Europa seine Impulse aus der orientalisch-islamischen Kultur.  Das aber änderte sich unerbittlich spätestens im 18. Jahrhundert: Die islamischen Gesellschaften verloren den Anschluss an die Errungenschaften der Moderne und versanken auch in politische Bedeutungslosigkeit. Der Fundamentalismus sieht den Grund dafür in der Verleugnung der eigenen islamischen Wurzeln und fordert die unbedingte Unterwerfung unter das  Diktat einer rigorosen religiösen Bekehrung, die bedingungslose Unterwerfung unter das Gesetz Allahs. („Allahkratie statt Demokratie“).  Der ausgemachte Feind dieser Entwicklung ist der Westen und seine Lebensart.  Abkehr und Verweigerung ist für Muslime religiöse Pflicht. Diese Moderne ist religionsfeindlich und gottlos! Man darf sich ihr nicht unterwerfen, ohne den Zorn Gottes befürchten zu müssen. Die Rückkehr zum „wahren Islam“ – Back to the roots! – Das ist der Heilsweg für alle Probleme moderner Gesellschaften, auch der nicht islamischen. (Siehe die aktuelle Propaganda der Salafisten in Deutschland.)

Tragisch für das Verhältnis, dass der Westen derzeit vor allem einem sich fundamentalistisch gebärdendem Islam begegnet und die große liberale Tradition des klassischen Islam nicht wahrnehmen will. So ist der Islam in seiner aktuellen Präsentation  für den Westen eher unattraktiv. Vor allem die Forderungen der Scharia kollidieren mit den Standards moderner Grundrechte. Auch für Meddeb ist der Islam in seiner fundamentalistischen Variante nicht akzeptabel. Aber er hält die islamische Tradition für groß genug, um sich positiv in die Moderne einzubringen, wenn es dem Islam gelingt, seine „Krankheit“ zu überwinden.

Fazit: Ein lesenswertes Buch für alle, die sich  über die Befindlichkeit zeitgenössischer islamisch geprägter Gesellschaften informieren und etwas ausführlicher in die Geschichte der islamisch-arabischen Kultur einführen lassen wollen. Der Leser profitiert von der detaillierten Kenntnis des Autors in islamischer Literatur und Geschichte und begegnet Namen und Episoden, von denen er noch nie gehört hat, die aber belegen, welch große Bedeutung der Diskurs der islamischen Philosophie auch für die Geistesgeschichte des Okzidents hatte und vielleicht haben könnte. Ob aber auch ein moderner Islam mit dem Selbstverständnis moderner Gesellschaften zurecht kommen wird, ist eine der spannendsten Fragen für die nähere Zukunft.

KS – 08-2012

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.