Der absolute Imperativ und seine Strapazen

Anmerkungen zu Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern

  

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer sich gedrängt fühlt, sein Leben nun endlich ändern zu müssen und sich praktische  Hilfe von diesem  Buch  verspricht, der wird sehr bald merken, dass das der falsche Griff ins Bücherregal war. Statt einer eventuell  gewünschten Entscheidungshilfe, die der Titel möglicherweise suggeriert, wird der Leser  vom Autor auf eine 700 Seiten lange und schwierige, aber zugegeben auch interessante Reise durch die Kulturgeschichte mitgenommen. Hier also schon die Einschränkung einer Leseempfehlung: Nur für hartnäckige Leser!

Einblicke in die Welt der Sezession

Zunächst muss der sich  aber in einer ausführlichen Einleitung mit einem anderen Phänomen beschäftigen, das in der Tat eine seriöse Auseinandersetzung erfordert: Die Wiederkehr der Religion und die Behauptung vom Scheitern der Aufklärung. Sloterdijk hat sich in seinem Buch über die drei Monotheismen schon mit dieser Provokation beschäftigt, möchte aber noch einmal entschieden darlegen, dass  „ eine  Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist, wie eine Rückkehr der Religionen  – aus dem einfachen Grund, weil es keine „Religion“ und keine „Religionen“ gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme“, Anthropotechniken genannt, „sozio-immunologische Praktiken“, die kulturwissenschaftlich zu behandeln seien.

 Zitat: „Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren“. Anthropotechnik sei keine Biotechnik. „Wer darauf achtet, dass es heißt, „Du musst dein Leben ändern“ und nicht, „Du musst das Leben ändern“, hat schon  im ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt.“

Also durchstreifen wir in einer ersten Exkursion auf 144 Seiten den Planet der Übenden und begegnen dabei 1. Rilkes Erfahrung mit einem Befehl aus dem Stein, 2. Nietzsches Antikeprojekt,   3. Unthans Krüppellektionen, 4. Kafkas Artistik, 5. Ciorans buddhistischen Exerzitien, de Coubertins Olympischer Idee und Ron Hubbards Scientology.

Im eigentlichen Hauptteil des Buches geht es 527 Seiten lang um 1. Die Eroberung des Unwahrscheinlichen und das Programm für eine akrobatische Ethik,  2. Übertreibungsverfahren und die Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit und 3. Die Exerzitien der Modernen und die Wiederverweltlichung des zurückgezogenen Subjekts. Es geht um Leben und Lehren exemplarischer Lebensartisten, “Sezessionisten“, “Asketen“,  „Sakroathleten“  und  „Geistesakrobaten“ vergangener Zeiten und Kulturen – auch Jesus bekommt übrigens die Qualifikation „Sakroathlet“ -  und ihre Wirkung auf ihre Epochen.

Aber was auch immer die Männer – es sind fast ausschließlich Männer – jener Zeiten zu ihrer epochalen „Sezession“ bewogen hat, es waren andere Gründe als die, die die heutige Diskussion bewegen, die bestimmt wird durch eine technisch neue Lebenswelt und das Überlebensproblem von  ca. 7 Mrd. Menschen auf der Erde bei immer prekärer werdender Ressourcenlage. Auch Sloterdijk spricht angesichts der globalen Krise von seinem Motto „Du musst dein Leben ändern“ als dem aktuellen „Absoluten Imperativ“,  den er aber erst im letzten Kapitel auf mageren 11 Seiten näher erläutert.

Der Umfang gewisser Erdknollen

Unschwer die Einsicht, dass wir es mit nicht ganz leicht überschaubaren Lektionen zu tun bekommen, die auch nicht dadurch einfacher werden, dass Sloterdijk ein ungeheuer formulierungsfreudiger Genius ist. Im Gegenteil, seine Formulierungskunst verführt ihn gelegentlich  zu Kunststücken, die das zu Klärende eher verschleiern als verdeutlichen.  Ob die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten, wird auch dann nicht leichter zu beweisen sein, wenn man die Antwort von der Formulierung abhängig macht, dass „der Umfang gewisser Erdknollen im negativ reziproken Verhältnis zum Intelligenzquotienten sie produzierender Agrarier stehe“.   Aber Sloterdijk ist überzeugt: „Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden!“ (Zitat)

Wir haben es also folgerichtig bei Sloterdijk mit akrobatischer Lektüre zu tun und mühen uns  auch öfter, dem in schwindelnder Höhe argumentierenden Sprachartisten hinterher zu denken. Aber nicht unbegründet beschleicht uns auch der Verdacht, dass es hier weniger um die Begründung der Notwendigkeit einer Lebensänderung geht, als vielmehr um die Vorführung des Kultur-artistischen Panoptikums, das der Autor inszenieren möchte. Das ist ja auch recht beeindruckend. Chapeau! Dass Sloterdijk ein überaus belesener und eigenständiger Kommentator ist, bedarf eigentlich keiner neuen Erwähnung.

Seine Sympathien für die „Sezessionisten“ aller Zeiten – vor allem für Friedrich Nietzsche – in Ehren, aber sind sie mit ihrer „Lebensänderung“ denn wirklich die „Zeitenwender“, die die neuen Level schaffen? Sind sie nicht häufiger Ausdruck zeittypischer Ängste oder grotesker Sehnsüchte, Ergebnisse verquerer Wahrnehmung und missgedeuteter Argumente oder auch Konsequenzen richtiger Einsichten in konkrete Notwendigkeiten, die in den Protagonisten und ihren Jüngern ihren persönlichen Ausdruck finden?

Sind für die evolutionären oder auch revolutionären Veränderungen der Menschengeschichte nicht viel entscheidender ganz reale  historische Ereignisse, Katastrophen, technische Erfindungen und erst danach die Gedanken und Theorien, die sich Menschen darüber machen? Sloterdijk gesteht dem Heute zu: „Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne!“  Aber gibt es heute nicht auch „faktisch Neues unter der Sonne“, das eine Lebensänderung de facto provoziert? Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck als sei Menschengeschichte vor allem Ideengeschichte. Dem muss widersprochen werden. Das eigentlich Neue der modernen Naturwissenschaft ist doch nicht nur die neue physikalische Theorie, sondern die experimentelle Beweisbarkeit ihrer Thesen und ihre technische Nutzungsmöglichkeit. Sie verändert nicht nur dein Leben, sondern das Leben auf der Erde.  Deswegen ist hinter  die Forderung „Du sollst dein Leben ändern!“ als Generalschlüssel zur Lösung unserer Lebensprobleme ein großes Fragezeichen zu machen.

Ist Peter Sloterdijk nicht ganz unvermutbar ein Vertreter einer  Philosophentradition, die Ideen – „Vertikalspannung“ -  für wichtiger halten als die schnöden technischen Erfindungen und Realitäten, die die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beschäftigen? Solche Präferenz sei ihm als Artisten ja durchaus erlaubt, aber er muss sich dann auch die Meinung gefallen lassen, dass Philosophie dieser Art im musealen Denker-Panoptikum ihren  Platz hat und  für die Bewältigung heutiger Probleme unbrauchbar ist. Der Philosoph als Museumsführer.

Welchen praktischen Wert hat zum Beispiel seine These, dass es „Religion“ und „Religionen“ eigentlich gar nicht gäbe, weil sie im Wesentlichen ja nur überkommene spirituelle Übungssysteme – Anthropotechniken – seien und deshalb gar nicht wiederkehren könnten?  Meint er mit dieser begrifflichen Exkommunikation die  von ihm – und nicht nur von ihm – als bedrohlich empfundene Wiederkehr  der Religionen verhindern zu können? Sie kulturhistorisch nicht mehr Religionen nennen zu dürfen, hat doch mehr mit schamanischen  Tabus zu tun, als mit kulturwissenschaftlicher Präzession.  Dass Religion etwas mit Übung und Ausübung – mit Ritualen – zu tun hat, ist doch nichts Neues. Viel interessanter ist doch die Beobachtung, dass im Jahre 2012 wieder so viele Menschen in diese „spirituellen Übungssysteme“ ihre Hoffnungen investieren und glauben, sich und der Welt einen schuldigen Dienst zu erweisen. Das Motto: „Du musst dein Leben ändern!“ mutiert zur Forderung, „Du sollst wieder religiöser werden!“. „Aufklärung“  kommt fortan wieder von der Kanzel oder der Mimbar! Das ist Fakt, auch wenn es uns noch so missfallen sollte. Gott sei’s geklagt!

Einmal abgesehen davon, dass Menschen manchmal von alleine  und ohne exemplarische Sezessionisten herausfinden, was ihnen gut tut, werden wir einstweilen als unverbesserliche Aufklärer die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann auch  beratungsresistente Katholiken einsehen, dass der Papst kein Dalai Lama ist und intelligente Moslems kapieren, dass man den Teufel nicht steinigen kann, auch wenn man es  jedes Jahr in Mekka versucht. Weitere Erkenntnisfortschritte seien  nicht ausgeschlossen. Insyallah!
KS  -  24-01-2012

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Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern   Suhrkamp-Verlag 2009

„Deus lo vult – Gott will es?“

Peter Sloterdijk:

Gottes Eifer  -  Vom Kampf der drei Monotheismen

Ganz gleich, was ich nachher noch schreiben werde und ob diese kurze Rezension dem Buch gerecht wird: Peter Sloterdijks Buch hat fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung verdient.  Die Lektüre sei auch allen empfohlen, denen gelegentlich die Lust am Lesen  seiner Bücher vergangen ist – der Sloterdijk‘schen  Formulierungskünste wegen . (Dieses Problem hätte eine eigene Besprechung verdient.) In diesem Buch hat sich der Autor weithin um  Verständlichkeit bemüht und belohnt den Leser  mit scharfsinnigen Analysen und einer Fülle genialer Metaphern , die oft verblüffend einfach die Problematiken veranschaulichen. Es ist die oft zitierte und angesagte Wiederkehr der Religion und des Religiösen im 21.Jahrhundert, die den Autor zu einer kritischen Auseinandersetzung provozierte. Und eine notwendige dazu, wie ich meine.

Gottes-Gen, Gottes-Wahn, Gottes-Vergiftung… in den letzten Jahren gab es einige Bestseller mit Gott in der Titelzeile, die sich dem Phänomen der menschlichen Gottesbeziehungen widmeten – Bücher für ein thematisch interessiertes Publikum. Auch wenn die kirchliche Mitgliederstatistik in Europa andere Trends zeigt: Religion ist wieder ein Thema in Europa und in der Welt. Peter Sloterdijk musste es nicht erst suchen.

Und das Thema macht blutige Schlagzeilen. Der Islam befindet sich weltweit in einer brisanten Aufbruchsstimmung und stellt den Status quo der betroffenen Gesellschaften in Frage. Militante Islamisten haben dem Westen den heiligen Krieg erklärt, einen Krieg im Namen Gottes gegen seine Feinde. Es geht hier nicht nur um starke Worte – „Nine-eleven“ hat alle Skeptiker drastisch belehrt – diese starken Worte sind uns eigentlich bekannt und sollten uns alarmieren.  Der Aufruf zum Kampf gegen die Feinde Gottes  fanatisierte  vor tausend Jahren das christliche Europa zu unsäglichen Kriegszügen, die unter dem Namen „Kreuzzüge“ in die Geschichte eingegangen sind. Der Schlachtruf hieß damals „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“ und „Allahu akbar!“ – „Gott ist groß!“ auf der anderen Seite. Die Parole „Deus lo vult“ ist – Gott(?) sei Dank  – heute weniger zu hören, aber „Allahu akbar“ ist aktueller denn je.

Aber was hat denn der heilige Gott mit den unheiligen Kriegen der Menschen zu tun? Sloterdijks Diagnose: Aggressiv intolerante Religion hat konstitutiv mit Monotheismus, dem Ein-Gott-Glauben, zu tun  – kulturgeschichtlich speziell mit dem Monotheismus der „Abrahams-Religionen“ – Judentum, Christentum  und Islam. Entgegen dem viel geäußerten Vorwurf oder der Entschuldigung, die dummen Menschen hätten da etwas missverstanden und missbrauchten den friedlich liebenden Gott für ihre unfriedlichen Zwecke, ist festzuhalten, dass dieser Gott vonAnfang an ein eifernder Herr ist – siehe Sloterdijks Buchtitel „Gottes Eifer“ -, der keine anderen Götter neben sich duldet und von seinen Gläubigen bedingungslose Liebe und Unterwerfung verlangt. Er ist der einzige und der wahre Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und der Herr des Lebens aller Menschen. Sein Wille ist Gesetz.

Ab jetzt wird sein Anspruch und seine Wahrheit zum globalen Thema, das Bekenntnis zu ihm eine Sache auf Leben und Tod, Heil und Unheil der Welt, über die er ein endzeitliches Gericht halten wird. Dann wird auch entschieden, wer von den drei Erben der Abrahams-Religion der gottgewollte und gottwohlgefällige  Erbe sein wird. Alle drei bestreiten sich nämlich gegenseitig unerbittlich die beanspruchte göttliche Legitimität. Für das orthodoxe Judentum ist das Christentum eine  Häresie, und für das Christentum und Judentum ist der Islam der Usurpator und umgekehrt.

Sloterdijk gibt einen kenntnisreichen Einblick in die „Aufstellungen“, die „Fronten“ und die „Feldzüge“ der monotheistischen Kulturen. Der Kampf dieser drei und ihr Selbstverständnis hat in den letzten zweitausend Jahren die Welt in immer heftigere Krisen geführt. Die Radikalität ihrer Protagonisten scheint sie heute unempfindlich zu machen für die Herausforderung der globalen Krise der Überbevölkerung, der Armut und der Umwelt: Gott ist wichtiger!  Allahu akbar!  Pereat mundus! (Soll die Welt doch zugrunde gehen!) Für seine Getreuen hat Gott einen Platz im Himmel bereitet, für seine Feinde die Hölle. Das Leben auf der Erde ist nicht mehr von Belang. Keine guten Aussichten für den Rest ihrer Bewohner… sollten sich die Zeloten Gottes durchsetzen.

Was kann man erwarten und was muss man tun? Sloterdijk versucht zu ergründen, was denn ein Glaube, ein Sich-Einlassen auf einen solchen Gott und seine Religion so attraktiv und verständlich mache. Es müssen Inhalte von Begriffen wie „Transzendenz“ und „Offenbarung“ geklärt, sowie das kulturhistorische Phänomen von „Religion“ untersucht werden. Der Autor legt Wert darauf, zu erkennen, dass Religion kein eigenständiges Phänomen, sondern  in die übergreifende Kategorie der Kultur einzuordnen  ist und mit der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis aus diesem Bereich zu behandeln sei. Religion ist für Sloterdijk eine „Anthropotechnik“, eng verwoben mit dem jeweiligen kulturellen Bemühen der Gesellschaft mit den inneren und äußeren Herausforderungen fertig zu werden.

Die historische Bedingtheit der Religionen, auch speziell der global agierenden monotheistischen Religionen, lässt gründlich zweifeln an ihrer Fähigkeit tragfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen heutiger Zeit anbieten zu können – es sei denn, sie wandelten  ihren bedingten „Gotteseifer“ zu unbedingtem „Menscheneifer“.  Die aggressive Rechthaberei bezüglich göttlicher Wahrheiten ist dann überflüssig. Die bisherigen Opfer- und Unterwerfungsrituale  sind obsolet geworden.  Sloterdijk: „ Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte…Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.“  Volesse  Dio und Insyallah!

Bis dieser zivilisierende Weg allerdings von allen einsichtig beschritten wird,  werden die Menschen wohl noch harte Zeiten vor sich haben. In diesen Tagen probieren vor allem muslimische Gesellschaften mit dem Handwerkszeug ihrer Religion einen modernen Staat aufzubauen, zornig und enttäuscht über kapitalistische und sozialistische Verheißungen. Ein durch die Scharia religiös kontrolliertere Gesellschaft soll den Erfolg bringen. Wahrscheinlich  wird aber  erst die Frustration der Menschen über diese zum Scheitern verurteilte Bemühung den zivilisatorischen Weg öffnen. Auch diese Erfahrung gehört zu jenem alleinigen Weg… Muslime sollten  Europas christliche Geschichte etwas genauer studieren.

KS  09.01.2012

(c) Peter Sloterdijk: Gottes Eifer – Vom Kampf der Monotheismen  -                       Verlag der Weltreligionen – Frankfurt/Main 2007

Eintauchen in die Musikwelt des Meisters

Städt. Musikgesellschaft Eschweiler führt  J.S. Bachs „Weihnachtsoratorium“ auf

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Eschweiler. «Jauchzet, frohlocket!»*) Die Worte des Eingangschores von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium legten sich wie ein wohltuender Klangteppich in das Kirchenschiff von St. Peter-Paul. Das zweistündige Konzert mit Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler führte in das Mysterium der Menschwerdung Gottes so ein, wie man es sich idealer kaum wünschen konnte.
Schade, dass Eschweilers Bürgerschaft das schöne Angebot ihres ältesten Musikvereins zahlenmäßig nur halbwegs befriedigend annahm. Erwies sich der 4. Advent in sonstiger direkter zeitlicher Nähe zum Heiligen Abend oft als Publikumsmagnet, so konnten sich wohl diesmal viele – in noch einwöchiger Entfernung zum Fest – nicht vom bedauerlichen Terminstress der Vorweihnachtszeit frei machen.

Ausgereifte Darbietung

Eingangschöre sind oft Seismograph für das Gelingen oder Weniger-Gelingen eines großen Konzertvorhabens, wie es die Aufführung der ersten drei Teile des Bach`schen Weihnachts-oratoriums  zweifellos darstellt. Dem Beobachter – der Musikgesellschaft seit über einem Dutzend Jahren mitspielend oder kommentierend verbunden – schwand gleich eingangs jede Sorge, dass sich die Mitwirkenden bei ihrer Aufgabe übernehmen würden.
Im Gegenteil: Musik-Eschweiler wurde Zeuge einer schönen, weil in vielem nun ausgereiften Darbietung des Klassikers «Weihnachtsoratorium». Horst Berretz musste nicht wie früher einmal sein Temperament als «Steuermann» in die Waagschale werfen, damit einige schwierige Fugati in sicheren Häfen landeten. Mit seinem großen Erfahrungsschatz – er blickt auf eine 25-jährige Tätigkeit bei der «Städtischen» zurück – und einem Blick für das Verantwortbare schlug Berretz Tempi an, die in der Mitte zwischen den Extremen «überschnell» und «zu langsam» angesiedelt waren. Der Chor dankte es ihm mit einem Gesang, der keine Wünsche hinsichtlich Artikulation und Sauberkeit offenließ.

Ihm zur Seite stand ein Orchester, das für die Zukunft Anlass zu schönen Hoffnungen gibt. Erfreulich war zum einen, dass man beim Blick durch die Streicher-Reihe neben bekannten Gesichtern und den nie ganz unvermeidlichen Profi-Aushilfen dann doch einige recht junge Kräfte wahrnahm. Und eigene erfahrene Spieler übernahmen – wie die Flötistin Anna Boese – mutig anpackend und mit schönem hörbarem Erfolg eine größere Solisten-Verantwortung.

Dr. Brigitte Petrovitsch, die im Hintergrund als Leiterin der Streicher-Stimmproben eine unverzichtbare Hilfe für Orchesterchef Horst Berretz ist, erfreute mit ihrer einfühlsamen Violine-Begleitung bei der Alt-Arie «Schließe mein Herz» von Anna Fischer. Sopranistin Bettina Thülen aus den eigenen Reihen der Musikgesellschaft betörte vor allem mit dem «Engel-Gesang» des «Fürchtet Euch nicht». Tenor Bruno Michalke und Bass Achim Hoffmann überzeugten sowohl bei der kommentierenden Erzählung des Weihnachtsgeschehens durch rezitativische Klarheit als auch bei den koloraturgeschmückten Arien. Gerhard Behrens, Kantor der benachbarten Evangelischen Kirchengemeinde, und die Cellistin Ingrid Walz teilten sich souverän und immer auf der Höhe des Geschehens den Continuo-Part. Als weitere Instrumental-Solisten – zur Unterstützung von Gesangs-Solisten wie im kammermusikalischen «Tableau» vernehmbar – verdienten sich eine gute Note: Bernhard Neuhaus (Flöte), Bernd Schulz, Anke Grotz und Sabine Schumann (Oboe), Klaus Luft, Jonas Thelen und Timo Hanf (Trompete).

Zuhörer als Sänger

Hatten würdevolle Bläserklänge («Sonata Pian e Forte» von Giovanni Gabrieli) die Kirche St. Peter und Paul eingangs mit sakraler Feierlichkeit belegt, die die Herzen für die folgenden Bachschen Klänge bereit machte, so überführte das Finale die «Jauchzet, frohlocket»-Haltung die lange gebannt lauschenden Zuhörer in aktives Mittun. Unmerklich vertauschten sich die Rollen: Beim Gemeindelied «Nun freut Euch ihr Christen» wurden die Zuhörer Haupt-Sänger, nunmehr geführt und begleitet von Chor und Orchester am Altar.

Joachim Peters

© www. az-web.de/ lokales/eschweiler  – 18.12.2011

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Fünf Stücke aus diesem Konzert  sind zu hören bei „YouTube“ unter folgenden Links:

1. „Jauchzet, frohlocket“

2. „Brich an, o schönes Morgenlicht“ 

3. „Ach mein herzliebes Jesulein“

4. “ Sinfonietta“

5.“Seid froh dieweil – Herrscher des Himmels“

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Im Jahr 2011 feierten Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler Johann Sebastian Bach:  vor Ostern mit einer fulminanten Aufführung der «Johannespassion»,   jetzt zum 4. Advent mit einer reifen Darbietung des «Weihnachtsoratoriums» (siehe Artikel oben) 

Im nächsten Jahr 2012 steht das 150-jährige Bestehen im Mittelpunkt.                                                            

Dann feiert die Musikgesellschaft zunächst einmal sich selbst. Und das mit vollem Recht: Die älteste existierende Musikvereinigung der Indestadt  wird nämlich 150 Jahre alt.  Ein Festakt am 12. Mai in der Festhalle Weisweiler trägt der Bedeutung der «Städtischen» im sozialen Leben Eschweilers Rechnung. «Wir werden befreundete Chöre in unser Jubiläumskonzert einbeziehen», so Dirigent Horst Berretz bei der Weihnachtsfeier im Kulturzentrum Talbahnhof.

Zum Programm-Ablauf dieses Festes sowie des nächstjährigen Weihnachtskonzertes ließ der musikalische Leiter noch nichts nach draußen vordringen. Traditionell geht Berretz in der Zeit der nun folgenden dreiwöchigen Probenpause «in Klausur» und tüftelt aus verschiedenen schon vorhandenen Ideen das neue Jahresprogramm mit vielen Noten in seinem stillen Kämmerlein aus.

Indonesien zwischen Panca Sila und Scharia

Demonstration der FPI (Verteidigungsfront Islam) in Jakarta

Insulinde 1901 und Indonesia 2011

Folgendes Zitat stammt aus dem interessanten Reisebericht des deutschen Indonesien-Reisenden  Ernst Haeckel, der das Inselreich im Jahre 1901 besuchte.

„Dass das gegenwärtige  holländische Regierungssystem  in Insulinde, im Ganzen betrachtet, vortrefflich ist, und dass es in vieler Beziehung allen anderen Colonial-Regierungen, insbesondere auch der englischen und deutschen, als Muster empfohlen werden kann, darüber sind Wallace und die meisten neueren Reisenden einig. Das beste Zeugnis dafür ist der blühende Zustand von Java selbst, von ihrer reichsten und wichtigsten Colonie. Die Bevölkerung der Insel hat sich während des  19. Jahrhunderts um das Achtfache vermehrt, von 3 Millionen auf mehr als 24 Millionen. Die malaische Bevölkerung erfreut sich inmitten ihrer paradiesischen Natur eines allgemeinen Wohlstandes und des höchsten Glückes, der  Z u f r i e d e n h e i t.                                     ………….                                                                                                                                                               In ihrer großen Mehrzahl sind die Malaien Bekenner des  I s l a m; aber der mohammedanische Kultus und Glauben, der uns hier entgegentritt, ist himmelweit von demjenigen, welchen wir im Orient, in der Türkei und Ägypten, in Algier und Marokko antreffen. Von dem bekannten Fanatismus dieser mediterranen Islambekenner ist in den meisten Gegenden von Insulinde kaum etwas zu spüren; ausgenommen sind nur diejenigen Bezirke, aus welchen öfter zahlreiche Pilger nach Mekka geschickt und dort von dem religiösen Wahnsinn der Araber angesteckt werden – so die Bewohner von Bantam in Westjava und von Lampong in Ostsumatra.“  Ernst Haeckel:  Malayische Reisebriefe (1901)–10. Kapitel

Das waren wahrlich andere Zeiten, als Ernst Haeckel, der weltbekannte deutsche Biologieprofessor,  im Jahre 1901 die holländische Kolonie Nederlands Indie bereiste.  Und ob sie für alle wirklich so gute Zeiten waren, darf bezweifelt werden. Dem heutigen Indonesien-Reisenden bietet sich  ein deutlich anderes Bild, das mit dem alten Insulinde nur noch wenig gemein hat. Die koloniale Epoche ging mit dem 2.Weltkrieg zu Ende und aus Nederlands Indie wurde Indonesia. Im „javanischen Paradies“ ist es inzwischen sehr eng geworden:   2011 leben in Java nicht mehr nur 23 Mio Menschen, sondern ca. 130 Mio!!!  Die ökonomischen und sozialen Probleme für einen Grossteil der  Bevölkerung sind riesig.

Und auch mit dem religiösen Frieden von 1901 ist es 2011 in machen Teilen Indonesiens nicht mehr gut bestellt. Ja, Indonesien wurde zum Schauplatz blutiger Terroranschläge islamistischer Jihadisten. Das grausame Bombenattentat auf eine Diskothek  in Bali von 2002 ist unvergessen. Das war aber nur das spektakulärste Ereignis einer ganzen Serie von Anschlägen, die sich gegen Symbole westlich-modernen Lebensstils  und gegen die christliche Minderheit in Indonesien  richtete.

Ist Indonesien  heute ein islamisches Land?

Wenn man die Berichte in den Medien von den Demonstrationen fanatischer Moslemgruppen sieht, dann könnte man es fast annehmen. Denn Islam ist „Thema“ im Indonesien von heute und die zunehmende Islamisierung des öffentlichen Lebens ist unübersehbar. Was 2011 der sog. „arabische Frühling“ für Tunesien, Ägypten, den Yemen und auch  Libyen bedeutete, war 1998 im Gefolge der süd-ostasiatischen Bankenkrise  für Indonesien  der   Sturz des Suharto-Regimes. Dieses Ereignis – der Erfolg einer breiten nationalen Protestbewegung – schrieben sich islamische Aktionsgruppen als ihren Sieg auf ihre Fahnen und riefen die Ära der „Reformasi“ als Start für eine islamische Renaissance Indonesiens aus.

Überall im Lande werden neue Moscheen gebaut.  Millionen von Indonesiern tragen stolz das weiße Hadsch-Käppi der Mekka-Pilger. Zunehmend viele Frauen tragen den Jilbab oder den Tudung, den Kopftuchschleier. Tief beeindruckt von der großen Wallfahrt  fühlen sie sich einem islamischeren Lebenstil verpflichtet und sind empfänglich für die Ansichten aller möglichen  Prediger, die ihnen mit dem Koran in der Hand sagen, was ein wahrer Moslem zu tun und zu lassen habe.

Und hier scheinen Ernst Haeckels Beobachtungen von 1901 auch noch 2011 aktuell zu sein. Wo sich  Islam in Indonesien  problematisch intolerant gebärdet, dort hat er seine Verbindungen zu (saudi-)arabisch-ägytischen Islam-Initiativen: Muslim-Brüder und Salafisten geben den Ton an. Wohin sich aber der Mainstream-Islam Indonesiens entwickeln wird, ist für Südost-Asien ähnlich belangreich, wie der Weg des türkischen Islam für den vorderen Orient……

  …..weiterlesen: Indonesiens  Spagat zwischen Panca Sila und Scharia

K.S. – 2011

Nb. Zum Thema: „Islam – Welt von heute“  siehe:  http://de.qantara.de/

Denk ich an Deutschland…

Günter Ederer:  Träum weiter, Deutschland!

Sollten Deutschlands  leselustige Bürger tatsächlich träumen wollen, dann sollten sie die Lektüre von Ederers Buch eher sein lassen. Sollten sie es  aber dennoch versuchen, dann werden sie eher Albträume quälen, ganz ähnlich wie  Heinrich Heine im Pariser Exil, der sich um seinen Nachtschlaf gebracht sah, wenn er an das Deutschland von 1843 dachte.  Also von wegen Träumen  als schöne Erfahrung …

Der Leser hat ja auch schnell kapiert, dass Ederers Aufruf  zum Träumen ein sarkastisch zorniger Stoßseufzer eines sehr frustrierten Deutschen ist, der befürchtet, dass sein Land von seinen Bürgern und den Regierenden in naher Zukunft unausweichlich „Politisch korrekt gegen die Wand“ (Untertitel)  gefahren wird. Deshalb hat er sich auch vorgenommen, komme was wolle, ein „politisch unkorrektes“ Buch zu schreiben.   Für uns alle, die mit dem Ausdruck „politisch korrekt“ wenig anfangen können: Er wird Ansichten äußern, die man angeblich öffentlich nicht sagen darf und auch nicht hören will. (Leider verkommt dieser Anspruch gelegentlich zu simpler polemischer Verbalattacke auf den politischen Gegner. Sorry, Herr Ederer, das muss gesagt werden!) Bücher dieses Genre haben derzeit ja Konjunktur, wie Thilo Sarrazins  Buch „Deutschland schafft sich ab“ mit über einer Million verkaufter Exemplare belegt. Von Sarrazins Buch wird aber berichtet, dass von der Thematik fasziniert –  viele Leser das Buch bald wegen unverdaulicher Thesen und Theorien  desillusioniert  beiseitelegen. Vielleicht gut so!

Das werden Ederers Leser garantiert nicht tun. Ein mit heißem Herzen geschriebenes Buch, das man nicht so schnell aus der Hand legen wird, übersichtlich komponiert, packend geschrieben und brandaktuell. Es liest sich fast wie das Resümee eines langen Journalistenlebens, das immer dem politisch kritischen Report  der deutschen Befindlichkeit – der sozial-ökonomischen im Besonderen – gewidmet war und ist. Ederers Sprache ist zutreffend und unverblümt, und seine Kritik trifft schonungslos alle, die er für das heraufziehende deutsche Desaster verantwortlich sieht. Und das sind beileibe nicht nur die immer gescholtenen Politiker und Wirtschaftsbosse, sondern auch wir, die Bürger, die zu feige und zu bequem sind, die notwendigen Reformen eindeutig zu wollen und ihre Vertreter zu unterstützen.

Nein, die Deutschen träumen nicht mehr! Wovon denn auch? Sie verdrängen heftig und versuchen irgendwelche guten alten DM-Zeiten zu beschwören. Das sind übrigens nicht die vielgescholtenen „Gutmenschen“, die angeblich Deutschland politisch korrekt an die Wand träumen. Da sind die täglichen Nachrichten über Europas Finanzmisere und den teuren Euro-Rettungsschirm, der im Ernstfall unbezahlbar sei. Man glaubt, das Problem läge irgendwo in Europa, schimpft auf die faulen Südeuropäer, verdrängt aber die eigenen Schulden von 1,9 Billionen Euro  und hofft, dass das heraufziehende polit-ökonomische Desaster irgendwie an uns vorbeigehen wird. Wir sind ja noch AAA-Kreditkunden der Großbanken!

Der Countdown zum Crash

Nach der Lektüre von Ederers Buch, kann man sich solche Illusionen abschminken.  Zitat aus dem Vorwort: „Da sind zwei Züge in den Siebzigerjahren auf demselben Gleis losgefahren, die irgendwann in den nächsten 15 Jahren zusammenstoßen werden. Der eine Zug heißt Bevölkerungsentwicklung, der andere Staatsverschuldung.“

Das vorhersehbare Ende dieser Entwicklung: die Staatspleite des deutschen Staates, der z.B.  für den Schuldendienst im Jahre 2008 unvorstellbare 229 Mrd. Euro aufbringen musste, der sich als Sozialstaat übernommen hat und soziale Gerechtigkeit über eine kontraproduktive Steuer- und Sozialgesetzgebung zu erreichen versucht.  Als tieferen Grund  der Misere analysiert Ederer die Staatsgläubigkeit der Deutschen als unverarbeitetes Erbe des Nationalsozialismus, ihre Untertanenmentalität und den mangelnden Mut zur persönlich haftenden Freiheit.

Eigentlich sind dem politisch interessierten Bürger die dazugehörigen Problemstichworte präsent: Deutsche Einheit, Europa, Subventionen, Sozialkosten, Staatsknete/Hartz IV, Steuergesetze, Geburtenrückgang (Deutschland 2011: das Land mit der geringsten Kinderzahl in Europa!), Bildungsmisere, Fachkräftemangel, Überalterung der Gesellschaft,  unkontrollierte Zuwanderung, Ghettobildung, Scharia/Islam und Grundgesetz usw.

In Ederers Buch ist die dazugehörige Faktenlage derart aktuell und beispielreich komprimiert, dass sich der  Leser  fragt, ob denn den politisch Verantwortlichen diese Faktenlage unbekannt sei, und falls bekannt, sie denn ruhig schlafen können. Immer natürlich unter der Voraussetzung, dass ihr Handeln dem Wohl des Volkes verpflichtet ist, wie sie es geschworen haben. Oder dient ihr Agieren ganz zynisch selbstverständlich nur dem eigenen Machterhalt oder der Durchsetzung der jeweiligen Parteiideologie? Ja, das Buch sei allen Volksvertretern und politisch Verantwortlichen dringlich als Pflichtlektüre empfohlen. Und natürlich nicht nur ihnen…

Nicht verschwiegen

sei jedoch, dass manche von  Ederers Positionen durchaus zur Kritik herausfordern: etwa seine Einstellung und seine Kronzeugen in der Klimafrage oder der Glaube an den zweifellos immer richtig handelnden Marktteilnehmer, gelegentliche Reduktion sozialer Probleme auf ökonomische Prozesse, das zitierende Beschwören des sozialen Marktwirtschaftserfolgs Ludwig Erhards im Nachkriegsdeutschland. Was 1947 ff. funktionierte, schien aber 1962 schon nicht mehr ganz rund zu laufen. Es sei erinnert, dass 1962 angesichts der wirtschaftspolitischen Entwicklung in Deutschland eben diesem Ludwig Erhard, inzwischen Kanzler der BRD, nichts anderes einfiel, als einen „Maßhalteappell“ von der politischen Kanzel zu predigen, der bekanntermaßen für die Katz war und demonstrierte, wie trotz richtiger ökonomischer Überzeugungen, das polit-ökonomische Tagesgeschäft einer Demokratie eine eigene Befähigung verlangt.

Vielleicht gibt es   aber doch etwas zum Träumen für uns Deutsche 2011. Ederer hat sich ein wenig umgesehen in der Welt: Da gibt es beispielhafte Reaktionen anderer Staaten auf ähnliche Probleme: Finnlands und  Hollands Einwanderungs- und Bildungspolitik zum Beispiel, Dänemarks Arbeitslosengesetze, Neuseeland und seine beseitigte Staatsverschuldung, Japan und die Überalterung seiner Gesellschaft. Es gibt also praktizierbare Lösungen, wenn man sie will.

Und da gibt es zusammengefasst in Ederers Buch einen ausgearbeiteten Lösungsvorschlag zur deutschen Staatsverschuldung des Dr. Otto Gaßner, Chefsyndikus  des renommierten Bankhauses Merck, Fink & Co.: Für den interessierten Leser die Original-Datei: http://www.gassner.de/images/Dateien/Dateien/Staatsschuld.pdf    Seine „Operation Rebound“ ist keine Träumerei, sondern ein durchgerechneter Vorschlag zur Beseitigung der aktuellen deutschen Staatsverschuldung und ihrer Folgen. Der Crash könnte ausbleiben und es würde ein Traum  dann doch wahr, wenn sich Deutschland zu diesem Kraftakt durchringen könnten. Ederer ist eher pessimistisch und auch der Leser würde gerne optimistischer davon träumen können. Aber ein bisschen träumen sollte uns doch noch erlaubt sein, oder?

KS – August 2011

PS. Unbedingte Leseempfehlung

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Günter Ederer

Träum weiter, Deutschland!

Eichborn-Verlag – ISBN:9783821865409

21.95 Euro

Nachgehakt…

Von Guttenberg… Wer war das denn? Was war da noch? Ach ja… die Sache mit der abgekupferten Doktorarbeit. Aber das ist doch schon so lange vorbei, oder? Hätten sich vielleicht manche gewünscht: Aber Nein! Gerade kommt die Schlagzeile über die News-ticker: Uni Bayreuth: „Guttenberg hat vorsätzlich getäuscht!“ – Punkt!

Just in diesen Tagen brüten wieder Zehntausende von Abiturienten über ihren Klausuren. Und für sie alle gilt: Festgestellter Täuschungsversuch  -  Ausschluss aus der ABI-Prüfung!  Von wegen „kleine Schummelei“ usw. Im jüngsten Heft der Lehrerzeitschrift „rabs“ (religionsunterricht an beruflichen schulen) stellt H.C. Trilling, ein Reli-Lehrer, die Guttenberg-Affäre noch einmal in die richtigen Koordinaten:

Schuld und Sühne

Von der aktuellen freigutsherrlichen Sprachverwirrung, die keine babylonische ist

Von H. Christoph Trilling

Ob es die Übersetzerin war oder die Wer­bestrategen eines Verlages, die sich den Titel für den neu übersetzten Klassiker aus­gedacht haben, weiß ich nicht: Verbrechen und Strafe. Vielleicht kann man unter die­sem Titel mehr Bücher verkaufen als unter dem altertümlich anmutenden des großen Dostojewski-Romans  Schuld und Sühne

In herrisch frei-gutsherrlicher Art hat sich jetzt ein hochrangiger Politiker „entschul­digt“, wenn er andere verletzt haben sollte, weil er sie nicht namentlich genannt habe. Abgesehen davon, dass er kaum sich selbst die Schuld abnehmen kann (sich entschuldigen), hätte es ihm besser ange­standen, um Ent-Schuldigung zu bitten.Aber so kann man natürlich mit sprachlicher Verschleierung von der eigentlichen causa ablenken.

In der gleichen Spur läuft dann auch die Verschleierung durch unglaubli­che Verharmlosung. Da wird ein kriminelles Delikt – die Missachtung der Urheberschaft an Eigentum – zu einer „Schummelei“ oder „mutmaßlichen Mogelei“, der Verstoß ge­gen klare Regeln wissenschaftlichen Arbeitens zu einem „Vergessen von Gänsefüß­chen“ erklärt.Auf das Anmahnen von Ehrlichkeit, Kor­rektheit und Glaubwürdigkeit wird mit der unwürdigen Frage reagiert, ob man nichts Besseres zu tun habe, als nach fehlenden Anführungsstrichen zu suchen.

Wo eine ehrliche Auseinandersetzung über die Sache nicht geführt, ja, ich behaupte: auch nicht gewollt wird, müssen sprachli­che Mittel eingesetzt werden, die so reiz­voll sind, dass sie jede Argumentation überflüssig machen: Ohne auf die Inhalte einzugehen, wird die in Deutschland ja immer wieder zuschlagende „linke Kampf­presse“ (diesmal wird sogar die Frankfur­ter Allgemeine Zeitung dazugerechnet!) beschuldigt, sie habe ja nur einen Sün­denbock gesucht. Nicht nur dieses bibli­sche Symbolwort wird herangezogen, um sowohl bildstark als auch aufreizend von der Sache abzulenken: Auch wenn er den Feldherrnmantel lässig nass-forsch über die Schulter wirft, so stark gestählt kann sein Rücken nicht sein, dass er alle Sünden (wessen eigentlich?) tragen könnte… Der israelitische Bock trug ja eben nicht seine eigenen Sünden. Auch die weinerliche Rede vom Opferlamm taugt nicht zur Schuldbewältigung, denn das wird stellvertretend geschlachtet für andere und anderes (in unserem Falle: für wen?). Martialische Schlagwörter von Menschenjagd oder Medienhatz lenken BILD-reich von den eingestandenen Feh­lern ab.

Eine unglaubliche, unglaubwürdige und rücksichtslose Verschiebung der morali­schen Koordinaten in unserem ethischen Koordinatensystem findet zurzeit statt. Da wird mit einem verbalen Degenstreich atemberaubend schizophrenisiert: der Pro­tagonist sei ja nicht engagiert worden als wissenschaftlicher Mitarbeiter, der einem Ehrenkodex seiner Arbeit verpflichtet sei, sondern als Politiker, für den dieser Kodex offensichtlich nicht gilt. Oder doch? So ver­teidigt ihn seine Vorgesetzte, für die dieser Kodex offensichtlich nicht galt. Oder gilt? Oder doch?

Ebenso atemberaubend werden Spreng­ladungen, die die Fundamente der akade­mischen Arbeit, nicht des Elfenbeinturms, zerstören können, zu harmlosen Papierflie­gern bagatellisiert, die der Überforderung eines jungen Familienvaters und Politikers geschuldet werden. Aus diesen Mündern möchte ich Begriffe wie „Werte“, „Glaubwürdigkeit“, „Ehrlich­keit“ nicht mehr hören. Ein solches Trom­melfeuer der Hohl-Hülsen würde nicht nur mein Trommelfell zerstören… Aber vielleicht geht es ja auch bei der Neuauflage des Dostojewski-Romans um mehr als nur um die Frage nach Markt­strategie. Welche Kategorie steht im Vorder­grund: die moralische oder die juristische? Oder: kann und soll man diese Kategorien voneinander trennen oder sie gemeinsam bemühen, wenn wir die aktuellen politisch-­moralisch-ethischen Koordinaten unseres gesellschaftlichen und politischen Systems betrachten und bewerten.

Wie sollen wir von unseren Schülern und Studenten gerade jetzt in der Prüfungszeit Ehrlichkeit, Korrektheit und Glaubwürdig­keit erwarten, ja verlangen angesichts dieser Skrupellosigkeit und Verlogenheit auf „höchster“ Ebene, die so hoch ist, dass man ganz tief stürzen kann.  ’Wir halten den Himmel offen… aber si­cherlich nicht die Schleich-, Tunnel- und Tarnwege zur Arroganz der Macht!

(c) rabs 02/2011

Ein erschreckendes Fazit

Amir Gutfreund: Unser Holocaust

„Dies alles, der Holocaust, war ein ganz gewöhnliches Ereignis. Gewöhnliche Menschen hatten ihn begangen und gewöhnliche Menschen waren seine Opfer.“

Das schreibt Amir Gutfreund, ein Israeli, Jahrgang 1963  auf Seite 620 seines Debütromans: „Unser Holocaust“.  Originalsprache des Buches : Hebräisch! Da reibt man sich erst einmal die deutschen Augen und ist wahrlich nicht verwundert, dass dieses Buch in Israel ein sehr turbulentes Echo erzeugt haben soll.

Das obige Fazit klingt doch nach Verharmlosung und Nivellierung dieses monströsen Massenmordes deutscher Täter an 6 Millionen Juden im 20. Jahrhundert!   Das aktuelle Deutschland versucht gerade  hartnäckig, diese Erinnerung nicht in der Gewöhnlichkeit verschwinden zu lassen: Ein riesiges Mahnmal im Zentrum Berlins – die Leugnung des Holocaust ist ein Straftatbestand in Deutschland! Für den Staat Israel und seine jüdischen Bürger ist der Holocaust  die unüberholbare Rechtfertigung seiner Existenz und durchgehendes Argument seiner gesamten Politik.  Ist das dem Amir Gutfreund denn nicht klar? Was will er mit diesem Buch? Will er provozieren?

Vielleicht auch.Vielleicht ein wenig mehr in Israel als in Deutschland und der übrigen Welt. Schon der Titel: Unser Holocaust! – Im Original: Unsere Shoah! -  macht stutzig. Das Possessivum „Unser“ macht aus der historisch beispiellosen Untat eine Art Familienunglück und klingt fast satirisch. Aber weit gefehlt: das Buch ist wahrhaftig keine Satire, sondern ein redliches und  bewegendes Unternehmen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Das obige Zitat steht ja nicht am Anfang, sondern am Ende Buches und ist das Fazit einer langen Auseinandersetzung mit  der eigenen Familiengeschichte, der Geschichte von Überlebenden des Holocaust , polnischen Juden aus Bochnia, die in der Katznelson-Strasse in Haifa   ihr israelisches Zuhause gefunden haben, einer Generation,  die langsam ausstirbt. Das Buch ist zwar ein Roman, dem aber echte Biographien und Fakten zugrunde liegen.

Die Geschichte

In der ersten Hälfte des Buches wird der Leser in unzähligen Details und Geschichten mit den wichtigen Personen der Familie des Erzählers bekannt gemacht: mit dem geliebten Großvater Josef, seiner kranken Frau Feijge und dem behinderten Sohn Moshe, mit Großvater Lolek, dem alten Haudegen, seinem Bruder Cheinek, dem Rechtsanwalt Dr. Perl, Tante Frieda, Adela Gruner, Eva Lancer, Genija Minz, Herrn Lawratow und dem verrückten Herrn Hirsch und, und, und… sie alle, Überlebende des Holocaust, leben in dem Viertel Kirjat Chajim in Haifa, in dem der Erzähler seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Man kann mit diesen Bewohnern über alles reden, nur nicht über den Teil ihres Lebens, der mit ihrem Schicksal in den Ghettos und Todeslagern in Europa zu tun hat.

Ein striktes Tabu, das solange wirkt, bis der Erzähler und seine Freundin Effi in der Schule die Aufgabe erhalten anlässlich des Holocaust-Gedenktages die Lebensgeschichten ihrer Familienangehörigen  aufzuschreiben. Die Alten aber, allen voran Großvater Josef, blockieren das Projekt und sind der Ansicht, das seien keine Geschichten für Kinder. Auch den offiziellen Gedenkfeiern des Holocaust stehen sie sehr skeptisch gegenüber.  Nun aber ist das Interesse der Kinder erst recht geweckt. Sie bringen die Alten nach und nach bei verschiedensten Gelegenheiten  zum  Erzählen  ihrer Lebensgeschichte in den grauenvollen deutschen KZ’s während des 2. Weltkrieges, den unerklärlichen  Zufällen, denen sie ihr Überleben  der Katastrophe verdanken. Die Kinder studieren Bücher und Dokumente über den Holocaust und versuchen sie mit den Familiengeschichten zusammenzubringen.

Immer konkreter werden die Fakten, die sich mit den Namen, Auschwitz, Belzek, Treblinka, Buchenwald, Dachau, Ravensbrück usw.  verbinden. Immer ungeheuerlicher der Berg der Tragödien.  Und immer mehr wächst in ihnen der Hass auf die unmenschlichen deutschen Täter der Vernichtungslager, deren Namen und Funktionen fein säuberlich im Zettelarchiv von Rechtsanwalt Perl vermerkt sind. Es sind so viele, dass die Kinder fragen: Gibt es auch gute Deutsche?

Diese kindlich naive Sicht der Welt und ihrer Menschen, in der Juden gut und die Deutschen  schlecht sind, hat der Erzähler auch noch, als er einige Jahre später als junger Mann beginnt, eine Dokumentation über die Geschichte der Menschen seines Viertels zu  schreiben. Dabei stößt er bei seiner Recherche auf die Namen von  Juden, die im Ghetto und in den KZ’s mörderische Handlanger und Verräter ihrer eigenen Brüder und Schwestern waren.

Diese konfliktreiche Erkenntnis wird noch verstärkt als  eines Tages Dr. Hans Odermann, ein junger deutscher Professor aus Frankfurt nach Haifa kommt, um ein Buch über das Schicksal der Waisenkinder des 2. Weltkrieges zu schreiben.  Der junge Deutsche gleicht äußerlich der hinlänglich bekannten „blonden Nazibestie“, ist aber ein liebenswerter sensibler Zeitgenosse, der partout  dann nach Israel kommt – und auch in den gefährlichen Wochen dort bleibt – , als Sadam Hussein seine Scudraketen auf Israel abschießen lässt.  Großvater  Josef und Effi mögen ihn, und auch der Erzähler kommt nicht umhin, ihn als guten Menschen zu akzeptieren.

Ganz schwierig  aber wird es für ihn, als er herausfindet, dass der Vater seiner Frau Anat,  der Großvater seines Söhnchens Jariv, Hermann Dunewitsch , ein berüchtigter Kollaborateur  der SS im KZ war, der in Kanada unerkannt vor einigen Jahren gestorben war. Wie soll er  mit dieser Entdeckung umgehen? Wie  kann er eine Frau lieben, deren Vater ein von vielen verfluchter Verräter seines Volkes war? Wie wird Anat das aufnehmen? Wie soll ihr Sohn Jariv mit dieser Wahrheit leben können?

In einem Gespräch mit Hans Odermann, stellt sich heraus, dass jener ganz ähnliche Probleme mit seiner eigenen Familiengeschichte hat: Aufgewachsen als Waise bei Pflegeeltern  musste er später feststellen, dass er ein Kind der SS-Aktion „Lebensborn“ war, und dieses Schicksal mit zehntausenden jungen Deutschen seiner Generation teilt. Sein Buch über die Waisenkinder der Aktion „Lebensborn“ als Versuch, mit der eigenen Familiengeschichte ins Reine zu kommen.

Die Welt ist viel schwieriger als gedacht. Die Farben schwarz und weiß reichen nicht aus, um sie zu beschreiben. Die Überlebenden wissen um diese Schwierigkeit.  Freundin Effi, inzwischen eine viel gefragte Ärztin, ist überzeugt, Leben bedeutet Herausforderung durch die Probleme der Gegenwart. Unser Leben wird nicht deshalb gut, weil wir Kinder von Helden und Heiligen sind. Und wir sind nicht deshalb bessere Menschen, weil wir Kinder von Opfern und zufällig Überlebenden einer Katastrophe sind.

Und dann der Umkehrschluss, das erschreckende Fazit, formuliert durch den verrückten Herrn Hirsch: Der monströse Holocaust ist nicht die einzigartige Untat  von typisch deutschen  Monstern, sondern das massale Verbrechen von ganz gewöhnlichen Menschen, verführt und verstrickt in eine böse und mörderische Ideologie vom besseren Menschen, definiert durch Abstammung und Rasse, ermöglicht durch eine unheilvolle politische Situation in Mitteleuropa nach dem ersten Weltkrieg. Die Folgerung: Unter bestimmten Bedingungen mutieren wir gewöhnlichen Menschen fast aussichtlos zu gewöhnlichen Mördern. Das gilt auch für Juden. Angesichts des Holocaust ein  erschreckendes Fazit.

„Unser Holocaust“ – eine Leseempfehlung?

Unbedingt –  mit einigen Anmerkungen. Gutfreund ist ein unermüdlicher Erzähler  von orientalischer Qualität. Detailliert, lebendig, szenenreich. Ein tiefer Blick in das Leben eines Stadtviertels in Haifa. Aber man braucht Zeit und Geduld, bis man den roten Faden der Erzählung in die Hand bekommt. Der Autor hilft dem Leser auch nicht durch strukturierende Kapitelüberschriften. Die Einteilung: 1994–Unsere Gesetze, 1991–Großvater Josefs Reise und 1992-Jariv  erscheint fast zufällig. Zufall oder Absicht des Autors?

Wir -  die Generation der mit der Bundesrepublik großgewordenen Deutschen – bekommen  eine sehr aufschlussreiche Lektion unserer nationalen Geschichte. Amir Gutfreunds Täterrecherche anhand des Zettelkastens von Dr. Perl führt uns vor, mit wie viel  prominentem Nazi-Personal „unsere BRD“ groß geworden ist: Holocaust -Täter und Helfer, die nach geringen Haftstrafen amnestiert und ohne Zögern wieder in die vorderen Ränge der politischen Arena kletterten. Leute wie Hans Globke, Theo Oberländer, Kiesinger, Zoglmann, W. Naumann … bei Amir Gutfreund sind eine Menge Namen aus Nazi-Deutschland zu lesen, bei deren Biographien man sich die deutschen Augen reibt. Ein ebenso erschreckendes Fazit. Wem Amir Gutfreunds Information dazu  nicht reicht, der kann bei Wikipedia weiterlesen…

Ausdrücklichen Dank an Inge, die mir die Lektüre empfahl (KS)

J.S.Bach – Johannespassion in Eschweiler

Ja, große Zustimmung bei allen Akteuren der Städt. Musikgesellschaft Eschweiler, als wir uns in 2010 entschlossen, J.S.Bachs Johannespassion in 2011 aufzuführen. Nur drei Monate standen für die Einstudierung zur Verfügung. Genügend Zeit sollte man meinen!  Für Profis ganz bestimmt –  für passionierte Amateure jedoch eine nicht geringe Herausforderung. Nun sind wir froh und stolz, diese bestanden zu haben und hoffen, der musikalischen Dramatik dieses Passions-Oratoriums gerecht geworden zu sein. (KS)

Eine Geschichte voller Leid, Wut und Glauben

Der Chor und das Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler gestalteten Bachs Johannes-Passion in der Kirche St. Peter und Paul

Dankbarer Beifall nach zwei Stunden dramatischen Musik- Geschehens: Der Chor und das Orchester der Städtischen Mu­sikgesellschaft Eschweiler stellten sich am Samstag einer besonderen Herausforderung.   Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach ist ein komplexes und schwieriges, ein auch für die Zu­hörer, wenn sie sich auf die baro­cke Vorstellungswelt ein- lassen, anstrengendes Werk. Für die Eschweiler Musiker und Sänger war es ein Wagnis – aber ein gelun­genes.

Musikalisches Wagnis

Das Leiden und Sterben Jesu Christi musikalisch darzustellen, war auch zu der Zeit, als Bach sei­ne Passionen komponierte, ein Wagnis. Zumal in Leipzig, wo ein glaubensstrenger und konservati­ver Stadtrat regierte. Und ebenso die evangelische Geistlichkeit sah es nicht gern, wenn das Wort Got­tes in allzu prächtiger musikali­scher Gestalt daherkam. Bach, der sich intensiv mit den Bibeltexten und ihrer musikalischen Umset­zung beschäftigte, begegnete die­sem puritanischen Misstrauen mit einer Musiksprache, die sich ganz dem Text anpasst und sich ihm scheinbar unterordnet.

Wenn da von Geißelung die Rede ist, hört man im Gesang des Evangelisten die einzelnen Schlä­ge. Wenn die Kriegsknechte um den Rock des Gekreuzigten wür­feln, kann man den Würfel gera­dezu rollen hören. Bach illustriert den Text der Bibel derart wörtlich –da konnte auch der sauer töpfischste Stadtrat schwerlich etwas einwenden, auch wenn ihm ein Oratorium insgeheim verdächtig war, weil es ja fast schon eine Oper und damit etwas Unterhaltendes war.

Bach war erst seit zehn Monaten Thomaskantor in Leipzig, als die Johannespassion uraufgeführt wurde, in der Karfreitagsvesper. 1724 in der Leipziger Nikolaikir­che. Sein erstes Passionsoratori­um, wenn man von einem ange­blich 1717 komponierten, aber verschollenen Werk – der „Weima­rer Passion“ –  absieht.

Im Johannes-Evangelium wird das Leiden Christi unter einem anderen Blick­winkel geschildert als in den ande­ren drei Evangelien. Jesus ist bei Johannes nicht so sehr der leiden­de, sondern der siegende Gottes­sohn. Einer, der dem römischen Stadthalter Pontius Pilatus beim Verhör auf Augenhöhe begegnet, der mit königlicher Würde seiner Bestimmung entgegen geht.

Bei Johannes – und damit auch in der Johannes-Passion – werden „die Juden“ als treibende Kraft für die Verurteilung Jesu dargestellt. Aus dieser Ansicht hat sich auch der christliche Antisemitismus lange gespeist. Heute wird das the­ologisch differenziert gesehen: nicht mit dem Volk, sondern mit der religiös-politischen Führung des römisch-besetzten Landes lag der Wanderprediger Jesus im Kon­flikt.

Zwei Passagen aus Matthäus

Den Text seines Oratoriums hat Johann Sebastian Bach nicht kom­plett dem Johannes- Evangelium entnommen. Um etwas mehr Dra­matik ins Geschehen zu bringen, hat er zwei Passagen aus Matthäus eingefügt: die Verleugnung Jesu durch Petrus und die lebhafte Schilderung des Erdbebens samt Erweckung der Toten nach Jesu Tod am Kreuz.

Die Johannes-Passion ist Musik, die nicht für den Konzertsaal, son­dern für den Gottesdienst geschaf­fen wurde. Zwischen den ersten und den zweiten Teil gehörte ur­sprünglich die Predigt. Und wirk­lich macht es einen großen und bewegenden Unterschied, ob man diese Musik von einer CD hört, mag die Einspielung auch noch so brillant und perfekt sein, oder ob man sie an dem Ort hört, wo sie vom Ursprung her hin gehört, nämlich in einer Kirche.

Bei einer solchen Aufführung, wie sie am Samstag durch Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft geboten wurde, entscheidet nicht die Perfektion, ob die Zuhörer berührt sind, ob sie von Musik, Text und Geschehen ergriffen werden. Sondern das ent­scheidet sich daran, ob es den Mu­sikern und Sängern gelingt, die Zuhörer mitzunehmen in das Ge­schehen um Verhaftung, Anklage und Verhör, um Verurteilung und Kreuzigung Jesu. Bach macht es da den Zuhörern leicht, aber den Künstlern schwer. Besonders der Chor hat Enormes zu leisten. Er muss nicht nur elf Choräle und zwei große Chorsätze singen, er treibt vor allem in 14 emotionalen sog. Turba-Chören („Turba“ aus dem Lateini­schen für Schar, Volkshaufen, Getümmel) die Handlung voran. Wutschreie  und  Verachtung, Hassausbrüche und Spottgeläch­ter – wie lange muss Chor- und Orchesterleiter Horst Berretz das mit seinem Chor geübt haben, da­mit es wirklich so glaubhaft deut­lich wurde wie am Samstag in der Kirche am Eschweiler Markt?

Berretz „hetzte“ den Chor gerade­zu voran -  in seinen Gesten sah man die geballten Fäuste der em­pörten Volksmenge – man sah den Würfel der Kriegsknechte rollen. Und dann wieder konnte Berretz den Chor ganz zurücknehmen, in eine sanfte, lyrische Stimmung, und auch das bildete sich in sei­nen Gesten ab,   wie sich dann am Schluss der Himmel öffnet, um den an Christus glaubenden Men­schen aufzunehmen.

Überzeugender Tenor

In Bachs Johannes-Passion ist die Rolle des Evangelisten sozusagen das Rückgrat. Er erzählt die Ge­schichte, und wie er sie erzählt, entscheidet darüber, ob sie in den Köpfen der Zuhörer lebendig wird. Mit dem Tenor Johannes Klüser hatte die Städtische Musikgesell­schaft einen Sänger verpflichtet, der in den Rezitativen jedes einzel­ne Wort mit Bedeutung aufladen kann, der die Passion geradezu nachlebt.  Sein erstauntes, ungläu­big fragendes „Was schlägst du mich?“ in der Verhaftungsszene oder auch das erschütternd trost­lose Weinen des Petrus nach sei­nem Verrat waren Höhepunkte der Aufführung.

Die wurde am Schluss mit Bei­fall und Blumen bedacht. Es gab glückliche Gesichter bei den Musi­kern und den Chorsängern, die sich einer ganz großen Aufgabe gestellt und sie gemeistert hatten. Ganz besonders hatte Dirigent Horst Berretz Grund zum Strah­len – nachdem er sich erst einmal den Schweiß von der Stirn ge­wischt hatte.

(c) Eschweiler Nachrichten - Montag,  11. April 2011

Gret Surbeck: „Im Herzen waren wir Indonesier“

Das schafft kein Roman!

So viel authentische Erzählung und konkrete Details über eine Zeitspanne von 25 Jahren! Das kann nur ein Tagebuch leisten, geführt von einer sensiblen Chronistin mit der nötigen intellektuellen Distanz sich selbst und ihren Erlebnissen gegenüber. Das 500 Seiten starke Buch von Gret Surbek über ihre Jahre in Indonesien zwischen 1920 und 1945 ist eine bedacht ausgewählte Zusammenstellung  von Texten und Fotos aus dem viel umfangreicheren Originalmanuskript, das  ihre Enkelin Christa Miranda bearbeitet und herausgegeben hat.

1920 heiratet die junge Schweizerin Gret Surbek aus Bern mit 19 Jahren ihre Jugendliebe, den Berner Tropenarzt Kurt Surbek, und folgt ihm in den Dschungel Sumatras. Dort arbeitet ihr Mann in den folgenden Jahren als Arzt in verschiedenen Plantagenhospitälern, Gret kümmert sich um den Haushalt und um die beiden Kinder Bernie und Gladys. 1934 zieht die Familie nach Bandung in Java und eröffnet ein Sanatorium, bis 1941 der Weltkrieg auch  die Kolonie Niederländisch Indien erreicht. Als Schweizer Staatsangehörigen bleibt ihnen die Internierung in einem holländischen, bzw. japanischen KZ  zwar erspart, nicht aber die Schwierigkeiten in einem vom Krieg heimgesuchten Land zu überleben. Die japanische Eroberung und Besetzung Indonesiens erleben die Surbeks in Sumatra, bis sie Ende 1945 über Australien in die Schweiz zurückkehren können.

Was ist nun das Besondere an diesem Buch? Da ist zunächst einmal die Person Gret Surbeks selbst, einer ungewöhnlichen Frau, die den Leser freimütig teilhaben lässt an ihrem Leben über all die Jahre. Das Besondere an Tagebüchern ist ja , dass man ihnen doch sehr private Gedanken und Gefühle anvertraut, die eigentlich nicht für Fremde aufgeschrieben sind.  Und so ist dieses Buch eben nicht nur eine Reportage über die Stationen eines ungewöhnlichen Lebens, sondern eben auch eine treue Erinnerung der Gefühle und Dramen,  die sich in einem exotischen Alltag ergaben. Freimütig berichtet Gret über Fehler und Versagen, über Zweifel und Beziehungsschwierigkeiten, über unerfüllte Sehnsüchte und Tabubrüche.  Sie verschweigt auch nicht die abscheuliche Erfahrung der Vergewaltigung durch japanische Soldaten, ohne danach alle Japaner ohne Ausnahme mit hasserfüllter Aversion zu bedenken.

Wir begegnen einer selbstbewussten Frau, die als Angehörige der weißen Kolonialschicht –  der Arroganz dieser  Gesellschaft  sehr reserviert gegenüber steht,  aber  voll neugieriger Sympathie für  das Leben und die Kultur der einheimischen indonesischen Bevölkerung ist. Ohne große Umstände lernt sie in ihrer neuen Heimat zu leben und sich anzupassen.  Neben dem offiziellen Niederländisch  lernt sie zunächst die malaiische Umgangssprache – heute Bahasa Indonesia genannt. Auf Java lernt sie Sundanesisch, später die Sprache der Toba-Batak und zuletzt auch noch Japanisch.  Das alles nicht nur als Hobby, sondern als Königsweg zum Verstehen  ihrer Mitmenschen und  ihrer Kultur.

Diese kompetente  Aufmerksamkeit macht das Tagebuch  Gret Surbeks zu einem zeitgeschichtlichen Dokument, das  zum einen die Lebensumstände Indonesiens vor der Unabhängigkeit sehr kenntnisreich und lebendig schildert,  aber auch die Spätphase und den Untergang des holländischen Kolonialsystems  aus nächster Nähe dokumentiert.

Der Titel des Buches „ Im Herzen waren wir Indonesier“ bezieht sich im Kontext des Zitats zwar auf  die Parteinahme Gret Surbeks für ein von Holland unabhängiges Indonesien, ist aber auch der Ausdruck ihrer vorbehaltlosen  Sympathie für ihre indonesischen Mitmenschen, aber nicht nur für sie.  Gret Surbek ist eine Weltbürgerin, die ohne ihre Schweizer Wurzeln zu verleugnen, im  national-katastrophalen  20. Jahrhundert  ein Vorbild für gelebte Menschlichkeit in einer multi-ethnischen Gesellschaft darstellt. Eine bemerkenswerte Frau und ein bemerkenswertes Buch!

K.S. ,  2011-01-20

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Gret Surbek: „Im Herzen waren wir Indonesier“, Limmat Verlag Zürich – 2007

Dr. Prechts geniale philosophische Zeitreise

R.D. Precht –  Wer bin ich – wenn ja, wie viele?

Bei einem Buch, das seit 2007 schon etwa eine Million Mal verkauft wurde, erübrigt sich eigentlich eine Besprechung, zumal schon hunderte Rezensionen dazu veröffentlicht wurden. Aber das Buch hat mir so viel Freude bereitet, dass ich dem Autor auf diesem Wege gratulieren und danken möchte . Damit ist auch schon die Frage beantwortet, ob die Lektüre empfehlenswert sei…

Nach dem herrrlich launigen Titel und einem interessanten Vorwort  ging es zur Sache: „Was kann ich wissen? Was kann ich tun? Was darf ich hoffen? “ Diese – seit Imanuel Kant klassischen Fragen der Philosophie – galt es zu beantworten.

Einmal abgesehen von der spielerisch lockeren Form, in der Precht sich der Aufgabe stellt, war ich  wirklich angetan von  Prechts Fähigkeit, den Riesenstoff, den die  abendländische Philosophiegeschichte dazu bis heute  angehäuft hat, in leicht fassbare Themenpakete zu gliedern, dass man  einen guten Überblick  über den heutigen Stand der philosophischen Diskussion bekommt, die in ihrer akademischen Form sich häufig in  schwer nachvollziehbaren Spezialkontroversen verliert.

Genial sind Prechts  „Querschnitte“ durch die Geistesgeschichte – Verknüpfungen heutiger Themen  mit der Fragestellung vergangener Jahrhunderte. (z. B. Der Film „Matrix“ mit der Ideenlehre Platons …u.v.a.m) Besonders gut für das Buch, dass der Autor sich als „Hobbybiologe“ im Bereich der derzeitigen biologischen Forschung recht gut auszukennen scheint, deren erstaunliche Ergebnisse und Erkenntnisse doch von herausfordernder Bedeutung für unser Selbstverständnis sind.

Zu loben ist auch Prechts Mut, aller Kritik aus der Spezialistenecke zum Trotz, die Philosophie wieder als Lebenshilfe zu begreifen und  verständlich zu machen, wobei es eben nicht vordringlich um Philosophie als akademische Disziplin, sondern als die ureigentliche Form der intellektuellen Auseinandersetzung mit den unvermeidlichen Fragen der Welt und des eigenen Lebens geht.

Gescholten wird Precht  ja auch von einigen Kritikern, wenn er sich z.B. des angeblichen Boulevard-Themas  „Glück“ und „Glücklich sein“ annimmt, eines Themas, das zu den Topthemen der westlichen Hemisphäre zählt und zu dem die Philosophie seit Epikur sehr wohl Bedenkenswertes beizutragen hat.

Inzwischen hat Precht ja schon zwei weitere Bücher veröffentlicht über die „Liebe, dieses unordentliche Gefühl“ und uns als „unvermeidliche Egoisten, bzw. die Kunst, es nicht zu sein“.

Ich glaube, ich werde mich von Precht auch zum Studium dieses „unordentlichen Gefühls“ und zu Begutachtung meines „unvermeidlichen Egoismus“  verleiten lassen…

in freudiger Erwartung…

K.S. Januar 2011

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