Musikalische Reise durch viele Epochen

 Frühjahrskonzert 2013 der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler

 

SMGE -2013 - KopieHießen den Frühling mit einem mitreißenden Konzert im Städtischen Gymnasium willkommen:  das Orchester sowie der Chor der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler. (Foto: Andreas Röchter)

Knapp war‘s, doch er hat‘s geschafft! Kurz vor dem Frühlingskonzert der Städtischen Musikgesellschaft hat der „Lenz“ tatsächlich Einzug gehalten. Und so konnten die jeweils großartig aufgelegten Musiker des Orchesters sowie die Sänger des Chors unter der Leitung von Horst Berretz den zahlreichen Zuhörern am Samstagabend in der vollbesetzten Aula des Städtischen Gymnasiums sowohl gesanglich als auch instrumental völlig zurecht entgegen schmettern: „Er ist‘s!“

Das Gedicht, das Eduard Mörike vor mehr als 180 Jahren unter dieser Überschrift verfasste, war Leitmotiv des mitreißenden Konzerts, bei dem die Aktiven der Gesellschaft einmal mehr eindrucksvoll ihre große musikalische Qualität und Bandbreite unter Beweis stellten.

Melancholische Stimmung

Denn wie hatte die Chorvorsitzende Cornelia Schwarz-Miseré zur Begrüßung betont: „Wir durchstreifen während unseres Konzerts unterschiedliche Epochen und Stilrichtungen und zeigen dabei auch, dass der Frühling nicht nur einen heiteren Neubeginn darstellt, sondern durchaus auch melancholische Stimmung aufkommen lassen kann.“

Dies war bereits kurz zuvor beim Konzertauftakt deutlich geworden, den Chor und Orchester mit der Einleitung zu Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ gestalteten. Denn mit zunächst tiefen synkopischen Klängen zeigte der hartnäckige Winter, dass er sich nur schwer vertreiben lässt. Erst allmählich wurde die Stimmung ruhiger und harmonischer, inszeniert durch den Einsatz von Sopran Stefanie Sievers, die genau wie Tenor Nikolaus Sturm sowie Wolfgang Zemler und Dr. Franz Wolters (jeweils Bass) kurze Solopartien sang. Der Winter war besiegt.Der Chor begrüßte fröhlich den Frühling: „Komm, holder Lenz“.

Zunächst leise und verträumt, dann dynamisch und euphorisch präsentierte das Orchester die „Morgenstimmung“ aus der „Peer-Gynt-Suite“ von Edvard Grieg, die im zweiten Teil des Konzerts mit dem Thema „In der Halle des Bergkönigs“ einen weiteren dramatischen Höhepunkt darstellte. Ebenso mitreißend und vor allem angemessen temperamentvoll interpretierten die Musiker den „Slawischen Tanz Nr. 2, op. 46“ von Antonin Dvorák. Bemerkenswert auch das hervorragend abgestimmte Zusammenspiel zwischen Chor und Orchester beim Triumphmarsch aus der Verdi-Oper „Aida“ sowie beim „Gefangenenchor“ aus „Nabucco“.

Modern und bewegend

Wie abwechslungsreich ein Frühlingskonzert sein kann, bewies der Chor der Musikgesellschaft, als er dem modernen und bewegenden von Rolf Lovland und Brendan Graham komponierten „You raise me up“ kurz darauf das von Friedrich Silcher im 19. Jahrhundert erschaffene Lied „Süß Liebe liebt den Mai“ entgegenstellte, ohne dass auch nur der Anflug einer Disharmonie entstand.

Zum Träumen luden Orchester und der von Theo Palm am Klavier begleitete Chor auch im zweiten Teil des Konzerts ein: Wörtlich mit „Dream a little Dream“, gedanklich mit Henry Mancinis „Moonriver“.

Das von Jerome Moross erarbeitete Hauptthema aus dem Film „The big Country“ („Weites Land“ mit Gregory Peck in einer der Hauptrollen) ließ schließlich die weiten Ebenen der amerikanischen Prärien vor dem geistigen Auge der Zuhörer erscheinen. Mit dem „Kaiserwalzer“ von Johann Strauß, der Liebeserklärung des Komponisten an seine Heimatstadt Wien, setzten Dirigent Horst Berretz, sowie Chor und Orchester einen würdigen Schlusspunkt unter ein Konzert, das keine Wünsche offen ließ.

Zumal eine Zugabe folgte: Mit der Wiederholung des Hauptthemas aus „The big Country“ entließen die Akteure der Städtischen Musikgesellschaft ein gut gelauntes Publikum in die frühlingshaften Weiten der Indestadt. (ran)

© Eschweiler Nachrichten – Lokales / 06.05.2013 -

http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eschweiler/musikalische-reise-durch-viele-epochen-1.570263

INDONESIENREISE 2012

Von Manado nach Lahewa

Nias: Am Strand von Soroma°asi /Lahewa

Nias: Am Strand von Soroma°asi /Lahewa

Seit zwei Wochen sind wir nun zurück aus Indonesien. Der Jet-Lag hat nachgelassen, aber die Seele –  die ja bekanntlich zu Fuß geht – ist bemüht, sich hier in Deutschland wieder heimisch zu fühlen.  Sechs intensive Wochen in Indonesien wollen verdaut sein. (Nb. Wem die Lektüre zu lang ist, der kann sich auch nur  die Links mit den Fotos anschauen, sofern ihm die kurzen Bild-Kommentare reichen)

Dienstag, 18. September, 12:00 Uhr Abflug von Düsseldorf mit “Etihad Air” via Abu Dhabi nach Jakarta.  ”Etihad Air” hat ordentliche Flugzeuge und einen guten Service, verlangt auf dieser Route jedoch viel Geduld mit langen Transit-Zeiten in Abu Dhabi: Wir durften sechs Stunden auf unseren Anschlussflug warten. Aber –  Bismillah! – was nimmt man nicht alles für einen preiswerten Flug in Kauf!  Ankunft in Jakarta jedenfalls am darauffolgenden Tag  um 14:15 Uhr Ortszeit.  Zwei Stunden Zeit für  Auschecken, Passkontrolle und  erneutes Einchecken bei  „Lion-Air“, einer Inlandfluglinie. Dann  Weiterflug von Jakarta nach Surabaya, wo uns kurz nach 18:00 Uhr Khae und Lian am Flughafen begrüßen konnten.

 Fünf Tage  Surabaya   – Fotos

Ein frohes Wiedersehen mit unseren alten Freunden aus Aachener Zeiten in der Sittarderstraße.  Da ihre Kinder alle aus dem Haus sind, ist reichlich Platz und Zeit für Gäste.  Wie schon 2010 waren Khae und Lian  wieder ganz wunder-bare Gastgeber. Und wie vor zwei Jahren  war alles schon prima vorbereitet, damit wir uns möglichst problemlos akklimatisieren konnten. Aircon im Schlafzimmer sorgt bei Außentemperaturen von fast 30°  für einen erholsamen Schlaf. Nach zwei Tagen waren denn auch die unvermeidlichen Jetlag-Probleme überwunden (Surabaya hat sechs Stunden Zeitvorsprung zu Deutschland.) Indonesisch als Umgangssprache funktionierte  auch wieder. Nur meine Darmflora brauchte etwas länger, bis sie sich mit den neuen Umständen abfand, zumal ich – kaum in Indonesien gelandet – sofort wieder mit Hingabe die geliebten  Kretek-Zigaretten schmauchte. Khae hatte schon im Voraus meine Lieblingsmarke Gudang Garam besorgt.

Khae musste zwar noch zwei Tage in seine Firma am Stadtrand von Surabaya. Aber dann zum Wochenende hatte er sich einen zusätzlichen freien Tag genommen und chauffierte uns Freitag-Morgen in seinem Toyota Innova souverän durch das Verkehrschaos von Surabaya zum Ferienhaus von Lians Familie in Trawas, in den kühlen Bergen von Ostjava. Am Samstag machten wir eine schöne Fahrt nach Pacet in das Gebirge nordwestlich des schlafenden Vulkans Gunung Arjuna und trafen uns da wie zufällig mit  Lians Bruder Sun und seiner Frau Ino zum Essen in einem schön gelegenen Bergrestaurant.

Das „zufällige“ Treffen war aber beileibe nicht zufällig: Lian hatte ihre Handy-Kontakte spielen lassen. Die immer aktiven Black-Berries und Smartphones machen solche spontanen Verabredungen möglich. Man ist immer online und erreichbar, und ohne diese Dinger geht nichts mehr im Indonesien von 2012. Indonesien ist pausenlos online…  Wir profitierten ein wenig davon: Die  fünf Tage mit Lian und Khae vergingen wie im Fluge und Dienstag, dem 25.09. hieß es Abschied nehmen von  Surabaya.  

Vier Tage Manado – Fotos

Die nächste Station unserer Reise hieß Manado, die Hauptstadt von Nord-Sulawesi (Nordcelebes). Eigentlich wollten wir gemeinsam mit Khae und Lian dorthin reisen und ein paar gemeinsame Tage dort verbringen. Doch Khae war schlussendlich für die entsprechende Zeit in seiner Firma leider unabkömmlich – eine Spezialmaschine, frisch geliefert aus der Schweiz, sollte in Betrieb genommen werden – unsere gemeinsamen Reisepläne mussten gecancelt werden. Schade, schade…   Weiterlesen…..hier!

Joh. Brahms: Ein Deutsches Requiem in Eschweiler

Musikalischer Kraftakt voller Trost und Seligkeit

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

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Musikalisches Geschenk zum eigenen Jubiläum: Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft führten in der Kirche St. Peter und Paul das „Deutsche Requiem“ auf. Foto: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Im „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms geht es um die letzten Dinge, um die Frage nach Tod und Ewigkeit, es geht um Seelenangst, Trauer und Trost. Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler haben sich diesem anspruchsvollen, tiefgründigen Werk gestellt. Das Publikum in der gut gefüllten Kirche St. Peter und Paul dankte ihnen dafür am Samstag mit rauschendem, lang anhaltendem Beifall.

„Ich bin froh, dass wir den Kraftakt gepackt haben!“ atmete Chor- und Orchesterleiter Horst Berretz auf, nachdem der letzte Applaus verklungen und die Musikinstrumente wieder eingepackt waren. Die Städtische Musikgesellschaft machte sich mit dem Brahms-Werk selbst ein Geschenk. 150 Jahre alt wurden Chor und Orchesterberretz-2012 der Stadt Eschweiler in diesem Jahr, und „wir haben für unser Jubiläumsjahr gesagt: Das machen wir!“ Der Kraftakt, von dem Berretz redet, ist dabei nicht nur ein musikalischer, sondern auch ein finanzieller. Denn die Einnahmen eines solchen Konzertes, das ein großes Orchester und gute Solisten verlangt, decken selbst bei gut gefüllter Kirche nicht die Ausgaben.

Einer der Solisten sorgte für eine Schreckminute am Samstag-morgen. Franz Gerihsen vom Rundfunkchor des WDR war plötzlich erkrankt. Zum Glück hatte er nicht nur einen guten Tipp für eine Vertretung, sondern diese Vertretung, der Essener Bass-Bariton Harald Martini, ein Spezialist auch für Bach-Kantaten, konnte spontan einspringen und begeisterte sowohl das Publikum als auch Horst Berretz: „Er hat das hervorragend gemacht! Ganz ohne Probe! Wir haben uns erst eine Stunde vor dem Konzert hier getroffen.“ Vielleicht, so hofft der Chorleiter, kann man Martini auch künftig einmal in Eschweiler hören.

Zum Glück nicht erkrankt, sondern stimmlich sehr präsent war die weibliche Solistin, die Eschweiler Sopranistin Bettina Thülen, die seit vielen Jahren zu den wichtigsten Interpretinnen der Städtischen Musikgesellschaft gehört. Eindringlich gestaltete sie das „Ihr habt nun Traurigkeit“ im vierten Satz des Requiems.

„Selig“ ist das erste Wort des Requiems, und „selig“ ist auch das letzte Wort. Dazwischen liegen 75 Minuten einer Wanderung durch Trauer, Verzweiflung, Tröstlichkeit und Vertrauen. So viel Trost! So viel Seligkeit! Der in einem evangelischen Umfeld aufgewachsene Hamburger Komponist Johannes Brahms hat für sein „Deutsches Requiem“ nicht die Worte der lateinischen Trauermesse als Text genommen, sondern selbst ausgewählte Bibelzitate in deutscher Sprache. Nicht die Toten, die Lebenden stehen im Mittelpunkt dieses siebensätzigen Werks. In Text und Musik werden Trauer und Verlust ernst genommen, wird auch der Verzweiflung und dem Zweifel Raum gegeben, um sich dann vertrauensvoll der Zuversicht zuzuwenden: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rührt sie an.“

„Selig sind, die da Leid tragen“ – der erste Satz des Requiems beginnt verhalten, gedämpft, ganz ernste Trauer und Zuwendung. Schon hier und immer wieder in diesem an Piano- und Forte-Stellen reichen Chorwerk beeindruckt Berretz mit der straffen Führung des Chors, den er mal zu fast flüsternder Andacht dämpft, dann wieder mit weit ausholenden Gesten zu lauten Jubel antreibt. Und die Sänger folgen ihm willig. Nur in der hoch komplizierten Fuge gegen Ende des dritten Satzes kommt der Chor an seine Grenzen, hier macht sich bemerkbar, dass die Männerstimmen – wie bei vielen Chören – zu dünn besetzt sind.

Immer wieder in diesen sieben Sätzen gelingen den Eschweiler Musikern und Sängern Momente überzeugender Ausdruckskraft. Der innige Schluss des vierten Satzes hätte spontanen Zwischenapplaus verdient. Den gab es dann am Ende des 6. Satzes – Chor und Orchester gestalteten das „Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre“ derart triumphal, dass viele Zuhörer meinten, danach könne nichts mehr kommen.

Es kam aber doch noch das tröstliche, von Seligkeit und Zuversicht getragene „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“, mit seinen wunderbaren, der Welt fast entrückten Oboen-Passagen. Die Besucher des Konzerts erhoben sich und klatschten stehend Beifall. Mit Blumen bedankte sich die Musikgesellschaft bei Dirigent Horst Berretz, den beiden Solisten Bettina Thülen und Harald Martini und bei Dr. Brigitte Petrovitch, die als 1. Geigerin zugleich so etwas wie die Konzertmeisterin des Städtischen Orchesters ist.

Eschweiler Nachrichten, 25. November 2012

© http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eschweiler/musikalischer-kraftakt-voller-trost-und-seligkeit-1.463150

Nb. Ausschnitte des Konzerts sind auf YouTube  zu hören:

1. Selig sind, die da Leid tragen

4. Wie lieblich sind Deine Wohnungen

6. Denn wir haben hie keine bleibende Statt

 

INDONESISCHES SCHATTENTHEATER

Bei meinem letzten Besuch in Indonesien im Oktober 2012 fand ich in der Tageszeitung KOMPAS einen bemerkenswerten Artikel, der unten in Übersetzung zu lesen ist. Überschrift: “Ketoprak yang tidak Lagi Lucu” (“Ein gar nicht mehr lustiges Theater”) -  Verfasst von P. Franz Magnis-Suseno SJ, dem aus Deutschland stammenden Em. Professor der Philosophie an der Universität Driyarkara in Jakarta, der seit 1961 in Indonesien lebt und über alle Parteien hinweg großes Ansehen genießt. Sein Kommentar beschäftigt sich mit Ereignissen aus den Jahren 1965/66, die in Indonesien unter dem Kürzel „G-30S/PKI“ bekannt sind. (Eine kurze Zusammenfassung ist hier/Wikipedia) nachzulesen.)35490_252786791511153_1837723080_n Indonesien beginnt vielleicht endlich mit der Aufarbeitung eines seiner großen nationalen Tabus, dem ungeheuerlichen Massenmord an mindestens 500.000 Menschen und der Diskriminierung von ca. 10 Millionen Landsleuten zu Beginn der Suharto-Ära.

Entfacht wurde die Diskussion wahrscheinlich durch einen im September 2012 erschienenen Dokumentarfilm: The Akt of Killing – (Indonesische Version “Jagal”), in dem Täter von damals -  bis heute unbehelligt und straffrei -  über ihre Mordorgien berichten.(Siehe Interview mit Joshua Oppenheimer, dem Regisseur des Films) Ob es allerdings  in der indonesischen Öffentlichkeit zu einer breiten  Auseinandersetzung  kommt, wird abzuwarten sein. (Viele Leute aus der ersten Reihe des heutigen Indonesien haben wahrscheinlich absolut kein Interesse an einer intensiven Erörterung:  z.B. ganz prominent Ibu Ani Herawati: Sie  die First Lady, Frau des amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono (Ex-General), ist die Tochter des Generals Sarwo Edhie Wibowo, dem damals verantwortlichen Kommandeur der antikommunistischen Einsatztruppen in Mitteljava. Ihr Bruder Pramono ist derzeit Chef des Generalstabs der Streitkräfte…usw)

HARIAN KOMPAS Samstag – 6. Oktober 2012

Ein gar nicht mehr lustiges Theater

Von Franz Magnis-Suseno SJ

Nach Meinung von Experten wurden von Oktober 1965 bis Februar 1966 mindestens eine halbe Million, maximal drei Millionen Menschen ermordet, die der „PKI“ (Partai Komunis Indonesia) oder als „Terlibat“ (“darin Verwickelte”) zugerechnet wurden. Letztere Zahl stammt von Sarwo Edhie Wibowo, dem Kommandeur des RPKAD (Regimentseinsatzkommando des Heeres), das mit der Ausrottung der PKI damals befasst war.

Wenn wir einmal die kleinste Zahl der Opfer (500.000 Menschen) annehmen, dann gehört dieses Morden zu den vier größten Gräueltaten, die von Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verübt wurden. Nr. 1 war der Hungertod von 30 Millionen Menschen oder auch mehr, die in China 1958-1961 Opfer der politischen „Weisheit“ Mao Zedongs wurden. Nr. 2 war die Ermordung von zwei Millionen Menschen in Kambodscha durch das Pol Pot-Regime. Nr. 3 Die Ermordung von 800 000 Tutsi beim Genozid in Ruanda.

Nun hört man (in Indonesien d .Ü.) die Nachricht, dass sich die Regierung entschuldigen wolle. Aber – man höre: zuerst sollen sich die anderen entschuldigen, nämlich die Ermordeten, die Millionen anderen Opfer, die gefangen, gequält, vergewaltigt wurden ohne zu wissen, wessen sie sich schuldig gemacht hatten.

Düstere Ereignisse

Ja, ich stimme zu, Kommunismus ist eine schlimme Ideologie, und die PKI war eine ernste Bedrohung. Auch ich bin froh, dass es diese PKI-Gefahr hier nicht mehr gibt. In den sog. „Madiun-Ereignissen“ von 1948 sollen die Aufständischen unter der Führung von Muso etwa 4000 Menschen umgebracht haben, darunter viele Ulema und lokale (islamische) Religionsführer. Man versteht, dass die Erinnerung an diese Ereignisse noch nicht erloschen ist. Klar auch – ich habe es selbst erfahren und erlebt: die Lage 1965 war sehr ernst. Es gab das Gefühl „entweder wir oder die“. In der Luft lag der Geruch eines gewaltigen Bharatayudha (legendärer Bruderkrieg ). Das alles war der tiefere Grund, warum nach Beginn der Bewegung des 30.September 1965 eine friedliche Lösung nicht mehr möglich war, wie sie von Präsident Sukarno damals verlangt wurde – das war weit weg von dem, was im Volk damals glühte.

Wir wollen einmal zusammenrechnen: Die Opferzahl der Madiun-Ereignisse beläuft sich auf 4000 Menschen, die Zahl der Todesopfer zwischen 1948 und 1965, die auf das Konto der PKI gingen, kann man sich an den Fingern abzählen. Dann aber die Ereignisse von 1965: Zwischen 1965 bis 1966 wurden 500.000 Menschen ermordet, fast zwei Millionen Menschen wurden gefangen genommen (diese Zahl wurde von Sudomo genannt, dem obersten Chef, des KOPKAMTIB von 1978-1988 (Befriedungs- und Säuberungskommando). Hunderttausende wurden ohne Gerichtsbeschluss mehr als zehn Jahre gefangen gehalten – oft unter unmenschlichsten Bedingungen. Darin sind nicht enthalten die Zahl von etwa 10 Millionen Menschen, die sozial stigmatisiert, denen ihre Identität als Staatsbürger genommen, die entwürdigt und verteufelt wurden. Und jetzt sollen ausgerechnet die sich entschuldigen müssen? Wie  kann das denn?

Es ist auch notwendig, sich klar zu machen: Das Morden, in das die Bevölkerung verwickelt war – es waren meist Angehörige der Jugendorganisationen – geschah nicht nur in Ostjava, sondern auch in Bali, Flores, Nordsumatra und anderen Gegenden. Das bedeutet, das Morden war nicht allein Sache  bestimmter Gruppen oder Vereinigungen, sondern es ist klar, die Verantwortung für diese Untaten hatte das Militär. Es ist unmöglich, dass die Bevölkerung die Morde beging ohne die Hinweise und die Deckung durch das Militär.

Das dumme Geschwätz

Und jetzt erklärt man uns, dass dieses Morden im Umfang eines Genozids notwendig gewesen sei, „weil unser Staat nicht so geworden wäre, wie er jetzt ist, wenn diese Ereignisse damals nicht so geschehen seien.“  Natürlich, an dieser Aussage ist etwas richtig: Ohne die Bewegung 30. September (G-30S) wäre General Soeharto nicht Präsident Indonesiens geworden und das ganze System der Neuen Ordnung (Orde Baru) hätte es nicht gegeben. Aber zu sagen, dass das indonesische Volk nur gerettet werden konnte, nachdem es hunderttausende Bürger umgebracht und zehn Millionen ins Unglück gestürzt hatte, ist wirklich unsäglich. Ich schaudere. Wer muss noch alles umgebracht werden, damit das  indonesische Volk weitere Fortschritte machen kann?

Diese Aussage ist sicher auch großer Nonsens, ein dummes Geschwätz, dessen Grund aber leicht zu erraten ist. Dieses Geschwätz vermischt mit leichter Hand die drei Phasen der Post- G-30S Ereignisse. Die erste Phase: Die Vernichtung der (kommunistischen) Truppenteile, die in die Entführungen und Morde  in Jakarta und Yogyakarta am 1. Oktober 1965 verwickelt waren. Die zweite Phase: Die Morde in großem Umfang an Parteimitgliedern der PKI begannen drei Wochen später in Mitteljava, nachdem Sarwo Edhie Wibowo mit seiner RPKAD-Truppe vor Ort war. Die dritte Phase begann, nachdem Soeharto am 11. März 1966 die Macht von Präsident Soekarno übernommen hatte. Danach passierten die Verhaftungen, die Gefangenschaft und die Vernichtung der Existenzen in großem Stil – es sei an die schmutzige Verleumdung der Frauen der GERWANI – Frauenorganisation erinnert. Das alles geschah in der Ära Soeharto.

Richtig ist, wenn nach dem 1.Oktober 1965 die PKI vom Militär aufgehoben worden wäre, alle Parteibüros der PKI geschlossen/besetzt (wie es ja de facto geschah) und auch alle der PKI affiliierten Organisationen verboten worden wären, wäre es mit der kommunistischen Bedrohung vorbei gewesen. Nicht einer hätte getötet werden müssen – vielleicht mit Ausnahme derer, die in die Aktion 30 September 1965 verwickelt waren, die entsprechend ihrer Rolle dabei hätten bestraft werden müssen.

Mit der Vermischung der oben skizzierten drei Phasen, sollen offensichtlich die Untaten der Phase zwei und drei vertuscht werden. Was wir gerade erleben ist ein Kapitel eines Pasar Malam-Theaterstücks (Nachtmarkt) – das aber gar nichts Lustiges mehr an sich hat. Wahrlich eine verrückte Zeit, ein verdrehtes Zeitalter, in dem die Opfer sich entschuldigen sollen, weil sie ein wenig Gerechtigkeit verlangen. Herr erbarme Dich unser aller!

(Übersetzung aus dem Indonesischen: K.Sturm)

Für die meisten jüngeren Indonesier ist “G30S/PKI” ein Kapitel ihrer nationalen Geschichte, das ihnen nur sehr pauschal bekannt ist und über das man heute  öffentlich noch immer nicht gerne spricht, weil die Erinnerung an die damaligen Ereignisse noch immer bedrohlich nachwirkt. Bis zum Ende des Suharto-Regimes 1998 zog dieser Verdacht – im damaligen Indonesien mit dem unseligen Wort „terlibat“ („verwickelt“) verbunden – ganz offiziell soziale Abstrafung nach sich. Noch heute – 15 Jahre nach dem Sturz Suhartos – hat man Angst, mit der PKI oder dem Kommunismus in Verbindung gebracht zu werden.

Dazu eine kleine Geschichte aus dem persönlichen Umfeld, die verständlich macht, warum mich der Artikel von P.Magnis-Suseno so interessiert hat: Mein (indonesischer) Schwiegervater wollte 1996 unsere Familie in Deutschland besuchen und benötigte dafür einen Reisepass. Dieser wurde ihm von der zuständigen Behörde (Imigrasi) verweigert mit der Begründung, sein Name stände auf der Liste der „Terlibat-Personen“ der Stufe „C“. Wie das denn?

 Das ging so: Mein Schwiegervater arbeitete zwischen 1953/1954 ein halbes Jahr im Büro der Hafenarbeiter von Lahewa/Nias und wurde damals automatisch Mitglied der Gewerkschaft SOBSI, die in späteren Jahren stark von der PKI unterwandert war. Der Name auf der Mitgliederliste von 1953 reichte 40 Jahre später noch aus, um ihm sein Recht auf einen Reisepass zu nehmen! Mit Schmiergeld an den zuständigen Beamten wären Reisepass und Reiseerlaubnis natürlich zu bekommen gewesen. Das aber verbot ihm sein Stolz als indonesischer Staatsbürger.

Er ist 1997, ein Jahr danach gestorben, ohne seine Tochter und Enkel in Deutschland noch einmal besuchen zu können. Er hat leider auch nicht mehr das Ende der Suharto-Ära und das Ende dieser unseligen „terlibat-PKI“-Diskriminierung erlebt.  (KS)

Nb.  Wer sich intensiver mit dieser Zeit befassen möchte, dem sei das bewegende Buch  Pramoedya Anata Toer: “Stilles Lied eines Stummen” – Aufzeichnungen aus Buru   empfohlen, erschienen im Horlemann-Verlag ,  Bad Honnef.

 

 

NOCH IMMER AKTUELL …

 Abdelwahab Meddeb:  Die Krankheit des Islam

Vor zehn Jahren – 2002, noch unter dem  Eindruck des schockierenden Attentats vom 11.September 2001 in New York, hat der französische Schriftsteller Abdel Wahab Meddeb dieses Buch mit seinem provozierenden Titel veröffentlicht. Das Buch hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Es ist das Buch eines Zeitgenossen, der sich zu seiner muslimischen Tradition bekennt, der aber keiner der derzeitigen islamischen Denominationen mehr angehören möchte. Besorgt und schockiert vom aktuellen Trend  der islamischen Gesellschaften, in denen sich der Fundamentalismus wie eine ansteckende Krankheit ausbreitet, sei das Buch vor allem den Menschen gewidmet, die, wie er selbst, in der islamisch-arabischen  Kultur ihre Prägung erfahren haben, die  sich aber entschieden  den  humanistischen Standards moderner Gesellschaften verpflichtet fühlen. Islamischer Fundamentalismus oder Islamismus ist für Meddeb nicht einfach ein religiös-soziales Missverständnis, sondern eine „Krankheit“, die den echten Islam befallen habe. Diese „Krankheit“ hat nicht erst mit Osama bin Laden und seiner Al Quaeda begonnen, wie mancher im Westen glauben möchte, ihr Ausbruch liegt –  vom Westen nicht wahrgenommen – schon einige Jahrzehnte zurück. Der entscheidende Grund:

1. Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet.

Die erlebte politische und kulturelle Unterlegenheit gegenüber der weltweit siegreichen Moderne ist der Ausgangspunkt für alle Bewegungen, die die islamische Wiedererweckung oder die  islamische „Reconquista“ auf ihre Fahnen geschrieben haben.  Spätestens seit der Gründung der islamischen Republik Iran 1979 durch den Imam Khomeini sollte dem aufmerksamen Zeitgenossen klar geworden sein, dass eine neue Epoche in der islamischen Welt begonnen hatte. Dass dieser politische Sieg ausgerechnet dem schiitischen Islam des Iran gelungen war, wurmte alle Reformer des sunnitischen Islam  besonders, zumal ihre religiös-revolutionären Bewegungen viel älter waren, als die schiitischen.

2.  Genealogie des Fundamentalismus

Der Streit um den wahren Islam und seine Lebenspraxis ist alt und zieht sich durch die ganze Geschichte der islamischen Gesellschaften, ganz ähnlich den Auseinandersetzungen in der Geschichte der christlichen Gesellschaften. Immer paart sich dann  fanatische Frömmigkeit mit rigoroser Feindschaft gegenüber Kultur, Kunst und Wissenschaft.  Auch die aktuellen islamistischen Bewegungen halten sich nicht an die ausgewogene Tradition der offiziellen Koranauslegung der befugten  Religionsexperten der verschiedenen „Schulen“ des Islam, sondern sie haben ihre speziellen Lehrer, auf deren Auslegung sie sich berufen. Wichtig sind die Namen von Hassan al Banna (1906-1949) des Gründers der Muslimbrüder in Ägypten,  Sayid Oubt (1929-1966), dem Theoretiker des Jihad gegen den heidnischen Westen  oder des Pakistani  Abul ala Maududi (1903-1979), des Propagandisten des modernen Jihad und der Jema’a Islamiya.  (Allen gemeinsam ist eine kompromisslose Position gegenüber westlichem Gedankengut und westlichem Lebensstil, damals zugleich auch ein Kampf gegen die westlichen Kolonialmächte.)

Vor allem aber sollte man leider auch den Namen Ibn Abd al Wahhab (1703-17932) kennen, der sich in seiner Lehre auf den radikalen mittelalterlichen Koranlehrer Ibn Taymiya  (1263-1328) berief. Abd al Wahhab war es, der den arabischen Stamm der Saudis auf seine „wahhabistische“ Lehre  einschwor und sie zu Hütern des „wahren Islam“ ernannte. So praktizierte der arabische Clan der Saudis seit 250 Jahren einen rigoristisch sektiererischen Islam, der damals in der islamischen Welt als  nicht nachahmenswert angesehen wurde.

Das wäre bis auf den heutigen Tag auch so geblieben, wenn nicht die Saudis im Verlauf des 1.Weltkriegs die gesamte arabische Halbinsel erobert hätten und kurz darauf durch die entdeckten Erdölquellen auf ihrem  Staatsgebiet zu unvorstellbarem Reichtum gekommen wären.  Saudi-Arabien ist – an den Standards moderner Gesellschaften gemessen – das  reaktionärste  Staatsgebilde der Erde. Aber Verwalter der heiligen Stätten von Mekka und Medina imponieren sie den internationalen muslimischen Pilgern mit ihrem Reichtum und exportieren mit ihrem Geld  den rigiden wahhabitischen Islam in alle Welt. Ihr Geld ist auch an vielen militärischen Operationen beteiligt, in denen islamische Gruppierungen den Jihad propagieren. Osama bin Laden stammt aus Saudi-Arabien und auch die meisten „nine eleven“ Attentäter kommen aus diesem Land.  Für Autor Meddeb ist die Rolle der Saudis und die fatale Wirkung des Wahhabismus  bei der akuten islamischen Krankheit am ärgerlichsten, eigentlich nur überboten von der politischen Naivität der amerikanischen Politik, die um ökonomischer Vorteile willen den humanen Anspruch der Moderne der reaktionären saudischen Gesellschaft gegenüber verleugnet hatte, bis sie im September 2001 sehr drastisch eines Besseren belehrt wurde: Amerika ist der Freund der saudischen Ölscheichs und der Feind aller gläubigen Muslime!

In Kapitel 3 und 4 behandelt Meddeb das antagonistische Verhältnis des Islam zum Westen:

 3. Der heutige Islam – unattraktiv für den Westen                        

Ein kurzer Einblick in die Geschichte zeigt: Der Islam in seiner Phase der kulturellen Überlegenheit  empfand den Westen und seine Kultur nicht als Konkurrenz, eher als  unterentwickeltes Terrain.  Jahrhunderte lang bekam ein kulturell rückständiges Europa seine Impulse aus der orientalisch-islamischen Kultur.  Das aber änderte sich unerbittlich spätestens im 18. Jahrhundert: Die islamischen Gesellschaften verloren den Anschluss an die Errungenschaften der Moderne und versanken auch in politische Bedeutungslosigkeit. Der Fundamentalismus sieht den Grund dafür in der Verleugnung der eigenen islamischen Wurzeln und fordert die unbedingte Unterwerfung unter das  Diktat einer rigorosen religiösen Bekehrung, die bedingungslose Unterwerfung unter das Gesetz Allahs. („Allahkratie statt Demokratie“).  Der ausgemachte Feind dieser Entwicklung ist der Westen und seine Lebensart.  Abkehr und Verweigerung ist für Muslime religiöse Pflicht. Diese Moderne ist religionsfeindlich und gottlos! Man darf sich ihr nicht unterwerfen, ohne den Zorn Gottes befürchten zu müssen. Die Rückkehr zum „wahren Islam“ – Back to the roots! – Das ist der Heilsweg für alle Probleme moderner Gesellschaften, auch der nicht islamischen. (Siehe die aktuelle Propaganda der Salafisten in Deutschland.)

Tragisch für das Verhältnis, dass der Westen derzeit vor allem einem sich fundamentalistisch gebärdendem Islam begegnet und die große liberale Tradition des klassischen Islam nicht wahrnehmen will. So ist der Islam in seiner aktuellen Präsentation  für den Westen eher unattraktiv. Vor allem die Forderungen der Scharia kollidieren mit den Standards moderner Grundrechte. Auch für Meddeb ist der Islam in seiner fundamentalistischen Variante nicht akzeptabel. Aber er hält die islamische Tradition für groß genug, um sich positiv in die Moderne einzubringen, wenn es dem Islam gelingt, seine „Krankheit“ zu überwinden.

Fazit: Ein lesenswertes Buch für alle, die sich  über die Befindlichkeit zeitgenössischer islamisch geprägter Gesellschaften informieren und etwas ausführlicher in die Geschichte der islamisch-arabischen Kultur einführen lassen wollen. Der Leser profitiert von der detaillierten Kenntnis des Autors in islamischer Literatur und Geschichte und begegnet Namen und Episoden, von denen er noch nie gehört hat, die aber belegen, welch große Bedeutung der Diskurs der islamischen Philosophie auch für die Geistesgeschichte des Okzidents hatte und vielleicht haben könnte. Ob aber auch ein moderner Islam mit dem Selbstverständnis moderner Gesellschaften zurecht kommen wird, ist eine der spannendsten Fragen für die nähere Zukunft.

KS – 08-2012

“War is a racket!”

„Nato-Staaten pokern um Rechnung für Afghanistan“.

 Das lesen wir heute in der Presse: Nach dem Abzug des Militärs wolle man das Land noch zehn Jahre massiv unterstützen. Ca. 5 Mrd Dollar sollen pro Jahr aufgebracht  werden. Nur wer wie viel zahlen soll, darüber würde unter den Partnern hinter den Kulissen gezockt wie auf einem orientalischen Bazar, so ist zu lesen.

 Was für eine Rechnung? Bezahlen für was?  Für das, was man da seit zehn Jahren angerichtet hat? An wen soll später überhaupt gezahlt werden? Soll denn weiter das korrupte System Karzai alimentiert werden?  Oder tut man so ernsthaft, um zu vertuschen, dass man ja längst damit rechnet, dass die Taliban nach dem Nato-Abzug sowieso das Land übernehmen, und deren Warlords  als Kriegsgegnern ja eh kein Geld gezahlt würde. Was wird gespielt in Afghanistan?  Worum geht es jetzt? Haben amerikanische Interessen ihre  Ziele erreicht? 

 Natürlich, Präsident Obama möchte wiedergewählt werden und braucht einen einigermaßen vertretbaren Rückzug aus dem afghanischen Krieg. Ob aber die Taliban mitspielen werden? Hat man das Abzugsdesaster von Vietnam im Jahre 1975 vergessen?  Auch damals hatte  amerikanische Politik  ihr Militär in unlösbare Aufgaben verstrickt, und die darin involvierten Soldaten hatten die Suppe auszulöffeln. Hat denn die politische Klasse  Amerikas das alles schon vergessen?

„War is a racket“ – „Krieg ist eine Gaunerei“  befand  schon 1935 der hochdekorierte General Smedley D.Butler, dessen sarkastische Analyse  in der politisch-militärischen Klasse Amerikas noch immer nicht populär zu sein scheint. Wenn man sein Statement gelesen hat, weiß man warum.  Irak und Afghanistan sind die aktuellen Szenarios.

 Smedley D.Butler (1881-1940) war bis 1931 Generalmajor beim United States Marine Corps.  Zweimal wurde er mit der Medal of Honor ausgezeichnet.  General Douglas McArthur  bezeichnete ihn als “einen der wirklich großen Generäle der amerikanischen Geschichte“. 1935,  nach seinem Abschied aus dem Militär schrieb er ein Buch  mit dem Titel „War is a racket“, in dem er in einer persönlichen  Lebensbilanz als Soldat  mit den militärischen Unternehmungen der USA abrechnete und  damals für gehörige Aufregung in der amerikanischen Öffentlichkeit sorgte.

Seine damalige Beschreibung der Funktion des amerikanischen Militärs für die Politik der USA hat leider nichts von ihrer Aktualität verloren, sie hat sich eher noch verschärft.  Was hätte Butler wohl  zu den skandalösen Desastern im Irak  und in Afghanistan gesagt?  Ob er das alles nur noch mit dem simplen Wort  „Racket“–„Gaunerei“ ausreichend  beschrieben hätte?       Damals schrieb er folgendes:

Es gibt keine Gaunerei, die die militärische Gang nicht auf Lager hat. Sie hat ihre ‚Spitzel‘, die mit dem Finger auf die Feinde zeigen, sie hat ihre ‚Muskelmänner‘  zur Vernichtung der Feinde, sie hat ein ‚Gehirn‘, das die Kriegsvorbereitungen trifft, und einen ‚Big Boss‘, den supernationalistischen Kapitalismus.

 Es mag merkwürdig anmuten, dass ausgerechnet ich als Angehöriger des Militärs einen solchen Vergleich wage. Aber die Wahrhaftigkeit zwingt mich dazu. Ich habe dreiunddreißig Jahre und vier Monate als Mitglied der agilsten Militärmacht dieses Landes, der Marine-Infanterie, im aktiven Dienst verbracht. Ich habe in allen Rängen gedient, vom Leutnant bis zum Generalmajor. Und einen Großteil dieser Zeit war ich ein erstklassiger Muskelmann für das Big Business, für die Wall Street und die Banker. Kurzum, ich war ein Gangster des Kapitalismus. Damals ahnte ich, dass ich nur ein Teil eines großen Gangsterplans war. Jetzt weiß ich es….

 Ich habe 1903 mitgeholfen, Honduras für die amerikanischen Obsthandelsfirmen “zuzurichten”. Ich habe 1914 mitgeholfen, Mexiko und insbesondere Tampico für die wichtigen amerikanischen Ölinteressen abzusichern. Ich habe dazu beigetragen, dass die Jungs von der National City Bank, die in Haiti und Kuba abkassierten, einen angenehmen Aufenthalt hatten. Ich half mit bei der Plünderung von einem halben Dutzend Republiken in Mittelamerika zugunsten der Wall Street. Die Liste der Gangstereinsätze ist lang. 1909–1912 war ich an der Säuberung Nicaraguas für das internationale Bankhaus Brown Brothers beteiligt. 1916 machte ich in der Dominikanischen Republik den Weg frei für die amerikanischen Interessen am Zucker. In China sorgte ich zusammen mit anderen dafür, dass Standard Oil ungestört seine Ziele verfolgen konnte.

In all diesen Jahren habe ich, wie die Drahtzieher zu Hause sagen würden, ein tolles Ding nach dem anderen gedreht. Im Rückblick glaube ich, dass ich Al Capone ein paar wertvolle Tipps hätte geben können. Er operierte bestenfalls in drei Bezirken. Ich operierte auf drei Kontinenten.“

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Zitat aus Tariq Ali: „Fundamentalismus im Kampf um die neue Weltordnung “  S. 439, Heyne-Verlag 2003

Reiches armes Indonesien

Die Wochenzeitung DAS PARLAMENT hat  ihre Beilage vom 12. März 2012  ganz dem Land INDONESIEN gewidmet. Acht aktuelle Beiträge beschäftigen sich mit dem Land unter ganz verschiedenen Aspekten und vermitteln ein eindringliches Bild von der kompexen Realität des Landes der 17.000 Inseln. Obwohl z.B. die Insel Bali als Urlaubsziel für deutsche Touristen beliebt und bekannt  ist, wird bei der Lektüre der angebotenen Beiträge dem Leser doch deutlich, dass die Beschäftigung mit Indonesien und seinen Menschen  für die meisten Deutschen eine ” Annäherung an ein unbekanntes Land” sein dürfte, wie Doris K.Gamino ihren exzellenten Essay überschrieben hat. Dank an Frau Gamino und die anderen Autoren. (KS)

Annäherung an ein unbekanntes Land

Doris K. Gamino

Jakarta zur Feierabendzeit an einem beliebigen Tag: Wie ein zäher Lavastrom schieben sich die Lichter der schier endlosen Blechlawine über die von blühenden Frangipanibäumen gesäumten Boulevards Thamrin und Sudirman im Central Business District, vorbei an säulenverbrämten Zuckerbäckerbauten und vielstöckigen Glasfassaden der Banken, Versicherungen und Verwaltungsgebäuden großer Unternehmen. Der Strom schiebt sich, Stoßstange an Stoßstange, nicht wenige von Luxuskarossen deutscher Provenienz, im Schneckentempo um die Plaza Indonesia, vorbei am dereinst ersten Sterne-Hotel des Landes, dem legendären Hotel Indonesia, jetzt Kempinsky, eingerahmt von hell erleuchteten Shoppingtempeln. Mit der Energie, die allein die Klimaanlagen um den Platz herum täglich verbrauchen, ließe sich vermutlich einen Monat lang eine Kleinstadt versorgen.

Wer sich auf diese Weise der indonesischen Hauptstadt nähert, könnte versucht sein, sie für eine gewöhnliche, moderne Metropole zu halten. Erste Zweifel befallen den Besucher aber beim Versuch, aus dem Strom auszubrechen. Es gibt weder Parkplätze noch Bürgersteige; mit Schranken gesicherte, schwer bewachte Grundstückseinfahrten machen ein Anhalten unmöglich. Seit den Bombenanschlägen 2003 und 2009 sind öffentliche Gebäude, Banken und Hotels nicht mehr ohne Kontrollen zu begehen. So fährt man gezielt vom Hotel zur Mall, zur Bank, zum Amt. Inselhopping in der Stadt, synonym zum Rest des Landes, das sich auf mehr als 17000 Inseln verteilt. Und wer sich traut, aus dem klimatisierten Wagen auszusteigen, ohne sich direkt in ein klimatisiertes Gebäude zu flüchten, stellt schnell fest: Jenseits des Pomp ist Niemandsland. Das Elend liegt nahtlos um die Ecke. Die Löcher in ehemaligen oder unvollendeten Bürgersteigen, die sich über teerschwarzen, stinkenden Abwasserkanälen öffnen, sind so groß, dass ein Moped darin verschwinden könnte. Kleineleuteviertel gehen rasch über in Armenviertel, geprägt von aus den Fugen geratenen Häusern, die nur durch guten Willen, Hoffnung und sehr viele Wäscheleinen zusammengehalten werden. Während des Ramadan boomt der Babyverleih: Arme Familien verpachten ihre Säuglinge für ein paar Rupiah an Bettlerinnen, die mit den Babys auf dem Arm zum Zwecke der effektiveren Mitleidserregung in Scharen an Kreuzungen und im Stau Autofahrer anbetteln.

Die Hauptstädter, besonders die jungen Blackberry- und Mac-Besitzer, bezeichnen ihre Stadt gerne als buzzling, als asiatische Antwort auf New York oder Paris. Dass dazu mehr gehört als Konsumtempel und Abgaswolken, wird dabei lieber übergangen. Für viele ist der Stau ein Ausdruck von Wohlstand: Wo nichts sei, könne sich auch nichts stauen. Auf die fatale Stadtplanung und den schon vor 20 Jahren absehbaren Mangel an Straßenfläche und einem öffentlichen Nahverkehrssystem kommt man nicht gerne zu sprechen. Auch nicht auf das katastrophale Müll- und Abwassersystem oder die alljährlich während der Regenzeit wiederkehrenden Überschwemmungen, bei denen jedes Mal Tausende ihre Häuser und nicht wenige ihr Leben verlieren. Wie Monumente des Versagens mahnen über viele Straßenkilometer die verrotteten Pfeiler einer vor zehn Jahren vollmundig angekündigten Hochbahn, die endlich die Rettung vor dem Verkehrskollaps bringen sollte. Sang- und klanglos wurde das Projekt eingestellt. Bürokratische Hürden, Streitereien bei der Auftragsvergabe und das “Verschwinden” öffentlicher Gelder dürften, wie beim Scheitern der meisten öffentlichen Vorhaben, auch hier die Gründe gewesen sein. Soziale Ungerechtigkeit, Armut und Korruption sind nicht auf die Hauptstadt beschränkt, im Gegenteil. Aber in Jakarta laufen die Fäden zusammen, hier werden Entscheidungen getroffen, hierher fließt das Geld, und hier versickert es auch. Hier lassen sich die Probleme des Landes wie durch ein Brennglas betrachten; gelöst werden die wenigsten.

weiterlesen…    Java: Kulturelles und politisches Zentrum ….. Transmigrasi… Koloniales Erbe… Reiches armes Indonesien
Zur Person: Doris K.amino M.A.,geb. 1958; Publizistin und Journalistin; lebt in Jakarta/ Indonesien                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                weiterlesen….Alle acht Beiträge zu INDONESIEN (PDF-Version)

Der absolute Imperativ und seine Strapazen

Anmerkungen zu Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern

  

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer sich gedrängt fühlt, sein Leben nun endlich ändern zu müssen und sich praktische  Hilfe von diesem  Buch  verspricht, der wird sehr bald merken, dass das der falsche Griff ins Bücherregal war. Statt einer eventuell  gewünschten Entscheidungshilfe, die der Titel möglicherweise suggeriert, wird der Leser  vom Autor auf eine 700 Seiten lange und schwierige, aber zugegeben auch interessante Reise durch die Kulturgeschichte mitgenommen. Hier also schon die Einschränkung einer Leseempfehlung: Nur für hartnäckige Leser!

Einblicke in die Welt der Sezession

Zunächst muss der sich  aber in einer ausführlichen Einleitung mit einem anderen Phänomen beschäftigen, das in der Tat eine seriöse Auseinandersetzung erfordert: Die Wiederkehr der Religion und die Behauptung vom Scheitern der Aufklärung. Sloterdijk hat sich in seinem Buch über die drei Monotheismen schon mit dieser Provokation beschäftigt, möchte aber noch einmal entschieden darlegen, dass  „ eine  Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist, wie eine Rückkehr der Religionen  – aus dem einfachen Grund, weil es keine „Religion“ und keine „Religionen“ gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme“, Anthropotechniken genannt, „sozio-immunologische Praktiken“, die kulturwissenschaftlich zu behandeln seien.

 Zitat: „Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren“. Anthropotechnik sei keine Biotechnik. „Wer darauf achtet, dass es heißt, „Du musst dein Leben ändern“ und nicht, „Du musst das Leben ändern“, hat schon  im ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt.“

Also durchstreifen wir in einer ersten Exkursion auf 144 Seiten den Planet der Übenden und begegnen dabei 1. Rilkes Erfahrung mit einem Befehl aus dem Stein, 2. Nietzsches Antikeprojekt,   3. Unthans Krüppellektionen, 4. Kafkas Artistik, 5. Ciorans buddhistischen Exerzitien, de Coubertins Olympischer Idee und Ron Hubbards Scientology.

Im eigentlichen Hauptteil des Buches geht es 527 Seiten lang um 1. Die Eroberung des Unwahrscheinlichen und das Programm für eine akrobatische Ethik,  2. Übertreibungsverfahren und die Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit und 3. Die Exerzitien der Modernen und die Wiederverweltlichung des zurückgezogenen Subjekts. Es geht um Leben und Lehren exemplarischer Lebensartisten, “Sezessionisten“, “Asketen“,  „Sakroathleten“  und  „Geistesakrobaten“ vergangener Zeiten und Kulturen – auch Jesus bekommt übrigens die Qualifikation „Sakroathlet“ -  und ihre Wirkung auf ihre Epochen.

Aber was auch immer die Männer – es sind fast ausschließlich Männer – jener Zeiten zu ihrer epochalen „Sezession“ bewogen hat, es waren andere Gründe als die, die die heutige Diskussion bewegen, die bestimmt wird durch eine technisch neue Lebenswelt und das Überlebensproblem von  ca. 7 Mrd. Menschen auf der Erde bei immer prekärer werdender Ressourcenlage. Auch Sloterdijk spricht angesichts der globalen Krise von seinem Motto „Du musst dein Leben ändern“ als dem aktuellen „Absoluten Imperativ“,  den er aber erst im letzten Kapitel auf mageren 11 Seiten näher erläutert.

Der Umfang gewisser Erdknollen

Unschwer die Einsicht, dass wir es mit nicht ganz leicht überschaubaren Lektionen zu tun bekommen, die auch nicht dadurch einfacher werden, dass Sloterdijk ein ungeheuer formulierungsfreudiger Genius ist. Im Gegenteil, seine Formulierungskunst verführt ihn gelegentlich  zu Kunststücken, die das zu Klärende eher verschleiern als verdeutlichen.  Ob die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten, wird auch dann nicht leichter zu beweisen sein, wenn man die Antwort von der Formulierung abhängig macht, dass „der Umfang gewisser Erdknollen im negativ reziproken Verhältnis zum Intelligenzquotienten sie produzierender Agrarier stehe“.   Aber Sloterdijk ist überzeugt: „Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden!“ (Zitat)

Wir haben es also folgerichtig bei Sloterdijk mit akrobatischer Lektüre zu tun und mühen uns  auch öfter, dem in schwindelnder Höhe argumentierenden Sprachartisten hinterher zu denken. Aber nicht unbegründet beschleicht uns auch der Verdacht, dass es hier weniger um die Begründung der Notwendigkeit einer Lebensänderung geht, als vielmehr um die Vorführung des Kultur-artistischen Panoptikums, das der Autor inszenieren möchte. Das ist ja auch recht beeindruckend. Chapeau! Dass Sloterdijk ein überaus belesener und eigenständiger Kommentator ist, bedarf eigentlich keiner neuen Erwähnung.

Seine Sympathien für die „Sezessionisten“ aller Zeiten – vor allem für Friedrich Nietzsche – in Ehren, aber sind sie mit ihrer „Lebensänderung“ denn wirklich die „Zeitenwender“, die die neuen Level schaffen? Sind sie nicht häufiger Ausdruck zeittypischer Ängste oder grotesker Sehnsüchte, Ergebnisse verquerer Wahrnehmung und missgedeuteter Argumente oder auch Konsequenzen richtiger Einsichten in konkrete Notwendigkeiten, die in den Protagonisten und ihren Jüngern ihren persönlichen Ausdruck finden?

Sind für die evolutionären oder auch revolutionären Veränderungen der Menschengeschichte nicht viel entscheidender ganz reale  historische Ereignisse, Katastrophen, technische Erfindungen und erst danach die Gedanken und Theorien, die sich Menschen darüber machen? Sloterdijk gesteht dem Heute zu: „Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne!“  Aber gibt es heute nicht auch “faktisch Neues unter der Sonne”, das eine Lebensänderung de facto provoziert? Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck als sei Menschengeschichte vor allem Ideengeschichte. Dem muss widersprochen werden. Das eigentlich Neue der modernen Naturwissenschaft ist doch nicht nur die neue physikalische Theorie, sondern die experimentelle Beweisbarkeit ihrer Thesen und ihre technische Nutzungsmöglichkeit. Sie verändert nicht nur dein Leben, sondern das Leben auf der Erde.  Deswegen ist hinter  die Forderung „Du sollst dein Leben ändern!“ als Generalschlüssel zur Lösung unserer Lebensprobleme ein großes Fragezeichen zu machen.

Ist Peter Sloterdijk nicht ganz unvermutbar ein Vertreter einer  Philosophentradition, die Ideen – „Vertikalspannung“ -  für wichtiger halten als die schnöden technischen Erfindungen und Realitäten, die die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beschäftigen? Solche Präferenz sei ihm als Artisten ja durchaus erlaubt, aber er muss sich dann auch die Meinung gefallen lassen, dass Philosophie dieser Art im musealen Denker-Panoptikum ihren  Platz hat und  für die Bewältigung heutiger Probleme unbrauchbar ist. Der Philosoph als Museumsführer.

Welchen praktischen Wert hat zum Beispiel seine These, dass es „Religion“ und „Religionen“ eigentlich gar nicht gäbe, weil sie im Wesentlichen ja nur überkommene spirituelle Übungssysteme – Anthropotechniken – seien und deshalb gar nicht wiederkehren könnten?  Meint er mit dieser begrifflichen Exkommunikation die  von ihm – und nicht nur von ihm – als bedrohlich empfundene Wiederkehr  der Religionen verhindern zu können? Sie kulturhistorisch nicht mehr Religionen nennen zu dürfen, hat doch mehr mit schamanischen  Tabus zu tun, als mit kulturwissenschaftlicher Präzession.  Dass Religion etwas mit Übung und Ausübung – mit Ritualen – zu tun hat, ist doch nichts Neues. Viel interessanter ist doch die Beobachtung, dass im Jahre 2012 wieder so viele Menschen in diese „spirituellen Übungssysteme“ ihre Hoffnungen investieren und glauben, sich und der Welt einen schuldigen Dienst zu erweisen. Das Motto: „Du musst dein Leben ändern!“ mutiert zur Forderung, „Du sollst wieder religiöser werden!“. „Aufklärung“  kommt fortan wieder von der Kanzel oder der Mimbar! Das ist Fakt, auch wenn es uns noch so missfallen sollte. Gott sei’s geklagt!

Einmal abgesehen davon, dass Menschen manchmal von alleine  und ohne exemplarische Sezessionisten herausfinden, was ihnen gut tut, werden wir einstweilen als unverbesserliche Aufklärer die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann auch  beratungsresistente Katholiken einsehen, dass der Papst kein Dalai Lama ist und intelligente Moslems kapieren, dass man den Teufel nicht steinigen kann, auch wenn man es  jedes Jahr in Mekka versucht. Weitere Erkenntnisfortschritte seien  nicht ausgeschlossen. Insyallah!
KS  -  24-01-2012

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Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern   Suhrkamp-Verlag 2009

“Deus lo vult – Gott will es?”

Peter Sloterdijk:

Gottes Eifer  -  Vom Kampf der drei Monotheismen

Ganz gleich, was ich nachher noch schreiben werde und ob diese kurze Rezension dem Buch gerecht wird: Peter Sloterdijks Buch hat fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung verdient.  Die Lektüre sei auch allen empfohlen, denen gelegentlich die Lust am Lesen  seiner Bücher vergangen ist – der Sloterdijk‘schen  Formulierungskünste wegen . (Dieses Problem hätte eine eigene Besprechung verdient.) In diesem Buch hat sich der Autor weithin um  Verständlichkeit bemüht und belohnt den Leser  mit scharfsinnigen Analysen und einer Fülle genialer Metaphern , die oft verblüffend einfach die Problematiken veranschaulichen. Es ist die oft zitierte und angesagte Wiederkehr der Religion und des Religiösen im 21.Jahrhundert, die den Autor zu einer kritischen Auseinandersetzung provozierte. Und eine notwendige dazu, wie ich meine.

Gottes-Gen, Gottes-Wahn, Gottes-Vergiftung… in den letzten Jahren gab es einige Bestseller mit Gott in der Titelzeile, die sich dem Phänomen der menschlichen Gottesbeziehungen widmeten – Bücher für ein thematisch interessiertes Publikum. Auch wenn die kirchliche Mitgliederstatistik in Europa andere Trends zeigt: Religion ist wieder ein Thema in Europa und in der Welt. Peter Sloterdijk musste es nicht erst suchen.

Und das Thema macht blutige Schlagzeilen. Der Islam befindet sich weltweit in einer brisanten Aufbruchsstimmung und stellt den Status quo der betroffenen Gesellschaften in Frage. Militante Islamisten haben dem Westen den heiligen Krieg erklärt, einen Krieg im Namen Gottes gegen seine Feinde. Es geht hier nicht nur um starke Worte – „Nine-eleven“ hat alle Skeptiker drastisch belehrt – diese starken Worte sind uns eigentlich bekannt und sollten uns alarmieren.  Der Aufruf zum Kampf gegen die Feinde Gottes  fanatisierte  vor tausend Jahren das christliche Europa zu unsäglichen Kriegszügen, die unter dem Namen „Kreuzzüge“ in die Geschichte eingegangen sind. Der Schlachtruf hieß damals „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“ und „Allahu akbar!“ – „Gott ist groß!“ auf der anderen Seite. Die Parole „Deus lo vult“ ist – Gott(?) sei Dank  – heute weniger zu hören, aber „Allahu akbar“ ist aktueller denn je.

Aber was hat denn der heilige Gott mit den unheiligen Kriegen der Menschen zu tun? Sloterdijks Diagnose: Aggressiv intolerante Religion hat konstitutiv mit Monotheismus, dem Ein-Gott-Glauben, zu tun  – kulturgeschichtlich speziell mit dem Monotheismus der „Abrahams-Religionen“ – Judentum, Christentum  und Islam. Entgegen dem viel geäußerten Vorwurf oder der Entschuldigung, die dummen Menschen hätten da etwas missverstanden und missbrauchten den friedlich liebenden Gott für ihre unfriedlichen Zwecke, ist festzuhalten, dass dieser Gott vonAnfang an ein eifernder Herr ist – siehe Sloterdijks Buchtitel „Gottes Eifer“ -, der keine anderen Götter neben sich duldet und von seinen Gläubigen bedingungslose Liebe und Unterwerfung verlangt. Er ist der einzige und der wahre Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und der Herr des Lebens aller Menschen. Sein Wille ist Gesetz.

Ab jetzt wird sein Anspruch und seine Wahrheit zum globalen Thema, das Bekenntnis zu ihm eine Sache auf Leben und Tod, Heil und Unheil der Welt, über die er ein endzeitliches Gericht halten wird. Dann wird auch entschieden, wer von den drei Erben der Abrahams-Religion der gottgewollte und gottwohlgefällige  Erbe sein wird. Alle drei bestreiten sich nämlich gegenseitig unerbittlich die beanspruchte göttliche Legitimität. Für das orthodoxe Judentum ist das Christentum eine  Häresie, und für das Christentum und Judentum ist der Islam der Usurpator und umgekehrt.

Sloterdijk gibt einen kenntnisreichen Einblick in die „Aufstellungen“, die „Fronten“ und die „Feldzüge“ der monotheistischen Kulturen. Der Kampf dieser drei und ihr Selbstverständnis hat in den letzten zweitausend Jahren die Welt in immer heftigere Krisen geführt. Die Radikalität ihrer Protagonisten scheint sie heute unempfindlich zu machen für die Herausforderung der globalen Krise der Überbevölkerung, der Armut und der Umwelt: Gott ist wichtiger!  Allahu akbar!  Pereat mundus! (Soll die Welt doch zugrunde gehen!) Für seine Getreuen hat Gott einen Platz im Himmel bereitet, für seine Feinde die Hölle. Das Leben auf der Erde ist nicht mehr von Belang. Keine guten Aussichten für den Rest ihrer Bewohner… sollten sich die Zeloten Gottes durchsetzen.

Was kann man erwarten und was muss man tun? Sloterdijk versucht zu ergründen, was denn ein Glaube, ein Sich-Einlassen auf einen solchen Gott und seine Religion so attraktiv und verständlich mache. Es müssen Inhalte von Begriffen wie „Transzendenz“ und „Offenbarung“ geklärt, sowie das kulturhistorische Phänomen von „Religion“ untersucht werden. Der Autor legt Wert darauf, zu erkennen, dass Religion kein eigenständiges Phänomen, sondern  in die übergreifende Kategorie der Kultur einzuordnen  ist und mit der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis aus diesem Bereich zu behandeln sei. Religion ist für Sloterdijk eine „Anthropotechnik“, eng verwoben mit dem jeweiligen kulturellen Bemühen der Gesellschaft mit den inneren und äußeren Herausforderungen fertig zu werden.

Die historische Bedingtheit der Religionen, auch speziell der global agierenden monotheistischen Religionen, lässt gründlich zweifeln an ihrer Fähigkeit tragfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen heutiger Zeit anbieten zu können – es sei denn, sie wandelten  ihren bedingten „Gotteseifer“ zu unbedingtem „Menscheneifer“.  Die aggressive Rechthaberei bezüglich göttlicher Wahrheiten ist dann überflüssig. Die bisherigen Opfer- und Unterwerfungsrituale  sind obsolet geworden.  Sloterdijk: „ Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte…Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.“  Volesse  Dio und Insyallah!

Bis dieser zivilisierende Weg allerdings von allen einsichtig beschritten wird,  werden die Menschen wohl noch harte Zeiten vor sich haben. In diesen Tagen probieren vor allem muslimische Gesellschaften mit dem Handwerkszeug ihrer Religion einen modernen Staat aufzubauen, zornig und enttäuscht über kapitalistische und sozialistische Verheißungen. Ein durch die Scharia religiös kontrolliertere Gesellschaft soll den Erfolg bringen. Wahrscheinlich  wird aber  erst die Frustration der Menschen über diese zum Scheitern verurteilte Bemühung den zivilisatorischen Weg öffnen. Auch diese Erfahrung gehört zu jenem alleinigen Weg… Muslime sollten  Europas christliche Geschichte etwas genauer studieren.

KS  09.01.2012

(c) Peter Sloterdijk: Gottes Eifer – Vom Kampf der Monotheismen  -                       Verlag der Weltreligionen – Frankfurt/Main 2007

Eintauchen in die Musikwelt des Meisters

Städt. Musikgesellschaft Eschweiler führt  J.S. Bachs „Weihnachtsoratorium” auf

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Eschweiler. «Jauchzet, frohlocket!»*) Die Worte des Eingangschores von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium legten sich wie ein wohltuender Klangteppich in das Kirchenschiff von St. Peter-Paul. Das zweistündige Konzert mit Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler führte in das Mysterium der Menschwerdung Gottes so ein, wie man es sich idealer kaum wünschen konnte.
Schade, dass Eschweilers Bürgerschaft das schöne Angebot ihres ältesten Musikvereins zahlenmäßig nur halbwegs befriedigend annahm. Erwies sich der 4. Advent in sonstiger direkter zeitlicher Nähe zum Heiligen Abend oft als Publikumsmagnet, so konnten sich wohl diesmal viele – in noch einwöchiger Entfernung zum Fest – nicht vom bedauerlichen Terminstress der Vorweihnachtszeit frei machen.

Ausgereifte Darbietung

Eingangschöre sind oft Seismograph für das Gelingen oder Weniger-Gelingen eines großen Konzertvorhabens, wie es die Aufführung der ersten drei Teile des Bach`schen Weihnachts-oratoriums  zweifellos darstellt. Dem Beobachter – der Musikgesellschaft seit über einem Dutzend Jahren mitspielend oder kommentierend verbunden – schwand gleich eingangs jede Sorge, dass sich die Mitwirkenden bei ihrer Aufgabe übernehmen würden.
Im Gegenteil: Musik-Eschweiler wurde Zeuge einer schönen, weil in vielem nun ausgereiften Darbietung des Klassikers «Weihnachtsoratorium». Horst Berretz musste nicht wie früher einmal sein Temperament als «Steuermann» in die Waagschale werfen, damit einige schwierige Fugati in sicheren Häfen landeten. Mit seinem großen Erfahrungsschatz – er blickt auf eine 25-jährige Tätigkeit bei der «Städtischen» zurück – und einem Blick für das Verantwortbare schlug Berretz Tempi an, die in der Mitte zwischen den Extremen «überschnell» und «zu langsam» angesiedelt waren. Der Chor dankte es ihm mit einem Gesang, der keine Wünsche hinsichtlich Artikulation und Sauberkeit offenließ.

Ihm zur Seite stand ein Orchester, das für die Zukunft Anlass zu schönen Hoffnungen gibt. Erfreulich war zum einen, dass man beim Blick durch die Streicher-Reihe neben bekannten Gesichtern und den nie ganz unvermeidlichen Profi-Aushilfen dann doch einige recht junge Kräfte wahrnahm. Und eigene erfahrene Spieler übernahmen – wie die Flötistin Anna Boese – mutig anpackend und mit schönem hörbarem Erfolg eine größere Solisten-Verantwortung.

Dr. Brigitte Petrovitsch, die im Hintergrund als Leiterin der Streicher-Stimmproben eine unverzichtbare Hilfe für Orchesterchef Horst Berretz ist, erfreute mit ihrer einfühlsamen Violine-Begleitung bei der Alt-Arie «Schließe mein Herz» von Anna Fischer. Sopranistin Bettina Thülen aus den eigenen Reihen der Musikgesellschaft betörte vor allem mit dem «Engel-Gesang» des «Fürchtet Euch nicht». Tenor Bruno Michalke und Bass Achim Hoffmann überzeugten sowohl bei der kommentierenden Erzählung des Weihnachtsgeschehens durch rezitativische Klarheit als auch bei den koloraturgeschmückten Arien. Gerhard Behrens, Kantor der benachbarten Evangelischen Kirchengemeinde, und die Cellistin Ingrid Walz teilten sich souverän und immer auf der Höhe des Geschehens den Continuo-Part. Als weitere Instrumental-Solisten – zur Unterstützung von Gesangs-Solisten wie im kammermusikalischen «Tableau» vernehmbar – verdienten sich eine gute Note: Bernhard Neuhaus (Flöte), Bernd Schulz, Anke Grotz und Sabine Schumann (Oboe), Klaus Luft, Jonas Thelen und Timo Hanf (Trompete).

Zuhörer als Sänger

Hatten würdevolle Bläserklänge («Sonata Pian e Forte» von Giovanni Gabrieli) die Kirche St. Peter und Paul eingangs mit sakraler Feierlichkeit belegt, die die Herzen für die folgenden Bachschen Klänge bereit machte, so überführte das Finale die «Jauchzet, frohlocket»-Haltung die lange gebannt lauschenden Zuhörer in aktives Mittun. Unmerklich vertauschten sich die Rollen: Beim Gemeindelied «Nun freut Euch ihr Christen» wurden die Zuhörer Haupt-Sänger, nunmehr geführt und begleitet von Chor und Orchester am Altar.

Joachim Peters

© www. az-web.de/ lokales/eschweiler  – 18.12.2011

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Fünf Stücke aus diesem Konzert  sind zu hören bei “YouTube” unter folgenden Links:

1. “Jauchzet, frohlocket”

2. “Brich an, o schönes Morgenlicht” 

3. “Ach mein herzliebes Jesulein”

4. ” Sinfonietta”

5.”Seid froh dieweil – Herrscher des Himmels”

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Im Jahr 2011 feierten Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler Johann Sebastian Bach:  vor Ostern mit einer fulminanten Aufführung der «Johannespassion»,   jetzt zum 4. Advent mit einer reifen Darbietung des «Weihnachtsoratoriums» (siehe Artikel oben) 

Im nächsten Jahr 2012 steht das 150-jährige Bestehen im Mittelpunkt.                                                            

Dann feiert die Musikgesellschaft zunächst einmal sich selbst. Und das mit vollem Recht: Die älteste existierende Musikvereinigung der Indestadt  wird nämlich 150 Jahre alt.  Ein Festakt am 12. Mai in der Festhalle Weisweiler trägt der Bedeutung der «Städtischen» im sozialen Leben Eschweilers Rechnung. «Wir werden befreundete Chöre in unser Jubiläumskonzert einbeziehen», so Dirigent Horst Berretz bei der Weihnachtsfeier im Kulturzentrum Talbahnhof.

Zum Programm-Ablauf dieses Festes sowie des nächstjährigen Weihnachtskonzertes ließ der musikalische Leiter noch nichts nach draußen vordringen. Traditionell geht Berretz in der Zeit der nun folgenden dreiwöchigen Probenpause «in Klausur» und tüftelt aus verschiedenen schon vorhandenen Ideen das neue Jahresprogramm mit vielen Noten in seinem stillen Kämmerlein aus.

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