Es gibt seltsame Zufälle im Leben: Während ich mich in letzter Zeit etwas detaillierter mit der Geschichte Indonesiens beschäftige, entdeckt mein Bruder Thomas bei seinen Recherchen über unseren in San Francisco verstorbenen Onkel Carl eine Notiz im Internet, die diesen Onkel Carl ganz direkt mit den turbulenten Anfangsjahren der Republik Indonesien in Kontakt bringen.
Ein später Nachruf auf einen Piloten und ein Flugzeug
Nein, die „Seulawah“ ist kein exotisches Meerestier, sondern der Name eines legendären Flugzeugs, das unter dem Namen Dakota RI-001 Seulawah ab Oktober 1948 als erstes ziviles Flugzeug der jungen Republik Indonesien den Flugdienst aufnahm. Und Onkel Carl ist der Cousin meiner Mutter, der 1994 in San Francisco im Alter von 75 Jahren verstarb. Was nun Seulawah und Onkel Carl miteinander zu tun haben, davon etwas später. Denn unsere Geschichte führt uns zunächst nach Indonesien.
Der Name „Seulawah“ bedeutet in der Sprache der Menschen von Aceh in Nordsumatra so viel wie „Berg aus Gold“. Seulawah ist zwar auch der Name des bekanntesten Vulkans von Aceh, doch in der Sache Dakota RI-001 hat die „Goldberg“-Version eine viel konkretere Bedeutung. 1948 kämpfte die junge Republik Indonesien gegen die Restauration der Kolonialherrschaft der Holländer um ihr Überleben. (siehe: Merdeka atau Mati!)
In dieser schwierigen Lage besuchte der indonesische Präsident Sukarno im Juni 1948 die Hauptstadt von Aceh Kutaraja, (heute: Banda Aceh) und bat die Menschen von Aceh um Hilfe für den Kauf eines Flugzeugs, das als Regierungsflugzeug die Verbindung zwischen den Inseln Jawa und Sumatra erleichtern sollte. Der Bitte folgte eine spontane Spendenaktion in Aceh, bei der ein 20 kg großer „Berg von Gold“ im Wert von 120.000 damaligen Malaya Dollars zusammengetragen wurde.
Mit diesem Gold der Bevölkerung von Aceh wurde im Oktober 1948 in Singapur eine DC 3 „Dakota“ (C 47) gekauft und unter dem Namen Dakota RI-001 Seulawah von der indonesischen Regierung auf der Route zwischen Maguwo (Yogyakarta) und Kutaraja (Aceh) in Dienst genommen. Ihren bekanntesten Flug unternahm die Seulawah mit Dr. Mohammed Hatta, dem damaligen Vizepräsidenten Indonesiens, der im November 1948 eine Besuchsreise zu den freien Rest-Regionen der Republik Indonesien unternahm, um die Verteidiger der Republik in ihrem Widerstandswillen zu bestärken.
Kurz danach, am 6. Dezember 1948 flog die Seulawah nach Kalkutta in Indien, um dort die überfällige technische Generalinspektion durchführen zu lassen. Zwölf Tage später aber verhinderte ein dramatisches Ereignis eine direkte Rückkehr des Flugzeugs nach Indonesien: Holländische Truppen hatten am 18. Dezember 1948 alle Gebiete der Republik Indonesiens in einem Überraschungsangriff – der sog. „2. Polizeiaktion“ - unter ihre Kontrolle gebracht , in Jogyakarta Präsident Sukarno, Hatta und die meisten Regierungsmitglieder verhaftet und deportiert. (siehe: Merdeka atau Mati! ) Maguwo/Jogyakarta, der Heimatflughafen der Seulawah war in holländischer Hand, ein Rückflug dahin unmöglich.
Die Indonesier entschlossen sich, ein Angebot der Regierung von Burma anzunehmen und überführten das Flugzeug am 20. Januar 1949 nach Rangun, wo es als carrier der dort gegründeten Fluggesellschaft Indonesian Airways von der burmanischen Regierung gechartert wurde. In den folgenden zwei Jahren verdiente die Seulawah mit ihren Charterflügen so viel Geld, dass die Indonesier weitere Flugzeuge kaufen konnten, die dann die Flotte von Indonesia Airways bildeten, die dann Ende 1949 in der späteren Airline Garuda Indonesian Airways aufging. Das alles kann man auch im Internet – allerdings in Bahasa Indonesia- nachlesen: http://id.wikipedia.org/wiki/Garuda_Indonesia#Sejarah
Captain Carl Wiss „Flying the Hump“
Spätestens jetzt aber sollte die Rede auf Onkel Carl kommen. Denn über den Kauf der DC-3, der späteren Seulawah kommen die Indonesier in Kontakt mit deren Piloten von der CNAC. Und wenn Mr. Jos Heymans Information von http://www.cnac.org/wiss01.htm korrekt ist, die sich wiederum auf ein Dokument des Archivs der Indonesischen Luftwaffe (AURI) stützt, dann hieß einer der Piloten der Seulawah damals: Carl Wiss. Und der genannte Carl Wiss könnte sehr wohl Onkel Carl, der Cousin meiner Mutter gewesen sein. Von ihr, bzw. unserer Oma Emily hatten wir Kinder schon früher gehört, dass dieser Onkel Carl während des 2. Weltkrieges Pilot der amerikanischen Luftwaffe in Asien gewesen, in China verunglückt sei und wegen einer Augenverletzung nicht mehr fliegen durfte. So ihre Information, die nach heutiger Kenntnis wohl nicht ganz komplett war. Aber genauere Details seines Lebens wurden uns erst nach seinem Tode bekannt, als mein Bruder Thomas bei seiner Internet-Recherche auf die obige Seite stieß.
D
ort auch ein Foto des jungen Carl Wiss aus dem Jahr 1944 (?): Zu sehen ist Onkel Carl mit seinem Fliegerkameraden Tommy Wong irgendwo in Hinterindien oder China. Beide sind Piloten der CNAC (China National Aviation Corporation). Die CNAC war ein Joint Venture-Unternehmen der Fluglinie PanAm (USA) und National Chinas (NC), das sich damals unter General Chiang Kai Cheks Führung seit 1937 im Krieg mit den Japanern befindet und von den USA unterstützt wird. (siehe: http://www.cnac.org/ )
Nachdem Nordburma 1941 von den Japanern besetzt wurde, ist der Nachschub aus Indien für China auf dem Landweg unterbrochen und die Armee Nationalchinas nur auf dem Luftweg zu versorgen. Die Flugzeuge der CNAC, vor allem DC 3 vom Typ C 46 sind in Assam /Nordindien stationiert und ihre Piloten fliegen von dort aus in waghalsigen Flügen über die Berge des Himalaya, das „Dach der Welt“ nach Kunming in Südchina. Diese legendäre Route wird einfach „The Hump“ genannt und verlangt von den Piloten ein gehöriges Maß an Mut und fliegerischem Können. Viele Besatzungen bezahlen diese gefährliche Unternehmung mit dem Leben. Aber es sind Freiwillige – zumeist bei der US-Air-Force ausgebildete Leute, die für ihren riskanten Job sicher auch gut bezahlt werden.
Onkel Carl ist einer von ihnen seit 1944. Auch nach der Kapitulation Japans , dem Kriegsende im August 1945 bleibt er weitere zweieinhalb Jahre in Diensten der CNAC, ist jetzt aber vermutlich mehr in China eingesetzt, wo der Krieg zwischen Chiang Kai Cheks Nationalchina-Armee und der Roten Armee Mao Tse Dongs im Kampf um das neue China in die entscheidende Phase geht.
Viele Provinzen Chinas sind Anfang 1948 schon in der Hand der Kommunisten. Die Stadt Mukden – heute heißt sie Shenyang – in der Mandschurei steht kurz vor der Einnahme durch die Rote Armee. Tausende reicher Chinesen lassen sich mit Maschinen der CNAC aus der belagerten Stadt ausfliegen. Bei einem dieser „Last Minute-Flüge“, am 20. Januar 1948, verunglückt die von Carl Wiss gesteuerte DC-46 kurz nach dem Start. ( http://www.cnac.org/wiss01.htm)
Eine Zeitungsnotiz der New York Times vom 21. Januar 1948 berichtet von drei Toten und vielen Verletzten. Darunter auch der amerikanische Pilot Carl Wiss, der schwere Verletzungen an Kopf und Augen davongetragen habe. Der Grund für den Absturz sei noch nicht geklärt, aber die Maschine sei während eines Schneesturms gestartet und überladen gewesen. Diese Information deckt sich mit den Erzählungen unserer 1976 verstorbenen Oma Emily, die aus Briefen ihres Bruders aus Amerika auch den Grund der Überladung zu wissen glaubte: Die reichen chinesischen Flüchtlinge hätten in ihren dicken Pelzmänteln so viel Gold und Schmuck versteckt, dass die Maschine hoffnungslos überladen gewesen sei und dies zusammen mit der schlechten Wetterlage zu dem Unglück geführt hätte. Das hatte so natürlich nicht in der Zeitung gestanden.
Wie auch immer, Onkel Carl hatte den Absturz überlebt, musste aber infolge der Verletzungen die Fliegerei bei der CNAC quittieren. Was im Laufe des Jahres 1948 mit ihm passierte, wo er lebte und seine Verletzungen ausheilte, ist nicht bekannt. Wenn Jos Heymanns Information richtig ist, dann saß Captain Carl Wiss aber Anfang 1949 für Indonesian Airways im Cockpit der in Rangun/Burma stationierten legendären „Dakota RI-001- Seulawah“. Die flog in der folgenden Zeit sowohl militärische Charterflüge in Burma als auch Blockade brechende Versorgungsflüge nach Sumatra. Wo genau und wie lange er seine Pilotenarbeit machte, darüber gibt es derzeit keine Nachrichten. Indonesischen Quellen zufolge, waren damals mehrere ehemalige CNAC-Piloten in indonesischen Diensten, da eigenes indonesisches Flugpersonal für DC-47-Maschinen noch nicht ausgebildet war. Aber sie alle sind jetzt nicht mehr am Leben. Man kann sie und auch Carl leider nicht mehr fragen über diese geschichtsträchtigen Jahre.
Die Seulawah, ein Nationaldenkmal
Sie könnten z.B. den Menschen in Banda Aceh heute eventuell erklären, ob die ihnen 1984 von der indonesischen Luftwaffe AURI als Denkmal übereignete DC 3 die originale Dakota RI-001-Seulawah war, oder ob man ihnen eine andere DC 3 untergejubelt hatte. Im Indonesien von 2011 sind nämlich zwei DC 3 mit dem Namen Seulawah zu besichtigen – eine als Denkmal in Banda Aceh (siehe Foto) und eine im Taman Mini in Jakarta.
Für die Menschen in Aceh ist die Seulawah partout keine Nebensache, sondern ein ganz wichtiges Symbol der Opferbereitschaft Acehs für ein freies Indonesien, das Acehs Treue zur nationalen Einheit über viele Jahre auf eine harte Probe stellte. Sei doch mit dem Kauf der Seulawah damals auch das Versprechen Sukarnos verbunden gewesen, sich für die Einführung der Scharia in Aceh einzusetzen, ein Versprechen, an das er sich später nicht mehr erinnern wollte.
Dieser „Verrat Sukarnos”, das Vergessen der Rolle Acehs im nationalen Befreiungskampf gegen die Holländer, sowie die Aberkennung des Status Acehs als eigene Provinz im Jahre 1953 sei der Hintergrund für die separatistischen Tendenzen Acehs und später die Entstehung der Unabhängigkeitsbewegung GAM (Gerakan Aceh Merdeka) im Jahre 1976 gewesen, die nach 30 Jahren Bürgerkrieg erst nach der Tsunami-Katastrophe 2005 ihren Frieden mit der Republik Indonesien gemacht hatte. Daneben spielten natürlich noch viel handfestere Gründe eine entscheidende Rolle: Jakartas zentralistisches System hatte im Laufe der Jahre aus dem reichen Aceh ein Armenhaus gemacht, den berechtigten Stolz Acehs tief verletzt und seine Söhne in die Rebellion getrieben.
Heute ist Aceh NAD autonome Provinz der Republik Indonesien und hat noch immer die Auswirkungen der Tsunami-Katastrophe von 2004 zu bewältigen. Die internationale Hilfe hat das vom Bürgerkrieg isolierte Aceh für die Außenwelt zwar wieder zugänglich gemacht, aber Aceh hat auch als Ausdruck seiner Autonomie die Scharia auf ihrem Territorium eingeführt – und nun, mit hohen Erwartungen eingeführt, bereitet die Scharia den Menschen von Aceh tagtäglich ganz ungeahnte Probleme. Aber damit hat die Seulawah und auch Onkel Carl Wiss nun gar nichts mehr zu tun. Alhamdulillah – Gott sei Dank!
K.S. Januar 2011 ___________________________________________
Ps. Besonderen Dank an Mr. Jos Heyman in Australien, dem wir die Information über Carl Wiss als Piloten der Seulawah verdanken, sowie Onkel Carls Fliegerkameraden der CNAC, die sich an „Candy“ erinnerten. Besonders gedankt sei nachträglich aber Mr. Jim Dalby, der seinem alten Fliegerkameraden Carl in dem offenbar schlimmen Jahr vor seinem Tod einen Platz im Veteranenhospital von Napa Valley verschaffte.
K.S.
