Das schafft kein Roman!
So viel authentische Erzählung und konkrete Details über eine Zeitspanne von 25 Jahren! Das kann nur ein Tagebuch leisten, geführt von einer sensiblen Chronistin mit der nötigen intellektuellen Distanz sich selbst und ihren Erlebnissen gegenüber. Das 500 Seiten starke Buch von Gret Surbek über ihre Jahre in Indonesien zwischen 1920 und 1945 ist eine bedacht ausgewählte Zusammenstellung von Texten und Fotos aus dem viel umfangreicheren Originalmanuskript, das ihre Enkelin Christa Miranda bearbeitet und herausgegeben hat.
1920 heiratet die junge Schweizerin Gret Surbek aus Bern mit 19 Jahren ihre Jugendliebe, den Berner Tropenarzt Kurt Surbek, und folgt ihm in den Dschungel Sumatras. Dort arbeitet ihr Mann in den folgenden Jahren als Arzt in verschiedenen Plantagenhospitälern, Gret kümmert sich um den Haushalt und um die beiden Kinder Bernie und Gladys. 1934 zieht die Familie nach Bandung in Java und eröffnet ein Sanatorium, bis 1941 der Weltkrieg auch die Kolonie Niederländisch Indien erreicht. Als Schweizer Staatsangehörigen bleibt ihnen die Internierung in einem holländischen, bzw. japanischen KZ zwar erspart, nicht aber die Schwierigkeiten in einem vom Krieg heimgesuchten Land zu überleben. Die japanische Eroberung und Besetzung Indonesiens erleben die Surbeks in Sumatra, bis sie Ende 1945 über Australien in die Schweiz zurückkehren können.
Was ist nun das Besondere an diesem Buch? Da ist zunächst einmal die Person Gret Surbeks selbst, einer ungewöhnlichen Frau, die den Leser freimütig teilhaben lässt an ihrem Leben über all die Jahre. Das Besondere an Tagebüchern ist ja , dass man ihnen doch sehr private Gedanken und Gefühle anvertraut, die eigentlich nicht für Fremde aufgeschrieben sind. Und so ist dieses Buch eben nicht nur eine Reportage über die Stationen eines ungewöhnlichen Lebens, sondern eben auch eine treue Erinnerung der Gefühle und Dramen, die sich in einem exotischen Alltag ergaben. Freimütig berichtet Gret über Fehler und Versagen, über Zweifel und Beziehungsschwierigkeiten, über unerfüllte Sehnsüchte und Tabubrüche. Sie verschweigt auch nicht die abscheuliche Erfahrung der Vergewaltigung durch japanische Soldaten, ohne danach alle Japaner ohne Ausnahme mit hasserfüllter Aversion zu bedenken.
Wir begegnen einer selbstbewussten Frau, die als Angehörige der weißen Kolonialschicht – der Arroganz dieser Gesellschaft sehr reserviert gegenüber steht, aber voll neugieriger Sympathie für das Leben und die Kultur der einheimischen indonesischen Bevölkerung ist. Ohne große Umstände lernt sie in ihrer neuen Heimat zu leben und sich anzupassen. Neben dem offiziellen Niederländisch lernt sie zunächst die malaiische Umgangssprache – heute Bahasa Indonesia genannt. Auf Java lernt sie Sundanesisch, später die Sprache der Toba-Batak und zuletzt auch noch Japanisch. Das alles nicht nur als Hobby, sondern als Königsweg zum Verstehen ihrer Mitmenschen und ihrer Kultur.
Diese kompetente Aufmerksamkeit macht das Tagebuch Gret Surbeks zu einem zeitgeschichtlichen Dokument, das zum einen die Lebensumstände Indonesiens vor der Unabhängigkeit sehr kenntnisreich und lebendig schildert, aber auch die Spätphase und den Untergang des holländischen Kolonialsystems aus nächster Nähe dokumentiert.
Der Titel des Buches „ Im Herzen waren wir Indonesier“ bezieht sich im Kontext des Zitats zwar auf die Parteinahme Gret Surbeks für ein von Holland unabhängiges Indonesien, ist aber auch der Ausdruck ihrer vorbehaltlosen Sympathie für ihre indonesischen Mitmenschen, aber nicht nur für sie. Gret Surbek ist eine Weltbürgerin, die ohne ihre Schweizer Wurzeln zu verleugnen, im national-katastrophalen 20. Jahrhundert ein Vorbild für gelebte Menschlichkeit in einer multi-ethnischen Gesellschaft darstellt. Eine bemerkenswerte Frau und ein bemerkenswertes Buch!
K.S. , 2011-01-20
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Gret Surbek: „Im Herzen waren wir Indonesier“, Limmat Verlag Zürich – 2007