Erstaufnahme…

Im Folgendem ein Brief eines Arztes aus einem Flüchtlings-Erstaufnahmelager, den ich über Facebook zu lesen bekam. Raphaele Lindemann – so heißt der Arzt , hatte die öffentliche Debatte um das Schicksal der Flüchtlinge in Deutschland so aufgebracht, dass er sich entschloss, den folgenden Brief an die Öffentlichkeit zu schreiben. Ich finde ihn so wichtig und richtig, dass ich ihn  hiermit auch einem Publikum zugängig machen möchte, das eventuell nicht bei Facebook eingeloggt ist. (KS)

Raphaele Lindemann   ( auf Facebook gepostet am 28.01.2016)

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen. In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht gelungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…

Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“ zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.  Weiterlesen…

..beileibe keine Urlaubsschnäppchen!

P.J.Rourke – Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen

o'rourkeSchon der Buchtitel macht ja Laune und verrät etwas von dem Projekt, das offensichtlich nur mit einer ganzen Portion sarkastischen Humors zu bewältigen war. O’Rourkes  Reisen in elf Krisenregionen der Erde von 1984 bis 2005 waren wahrhaftig keine Urlaubsreisen – schon gar keine Urlaubsschnäppchen –,  sondern eher Dienstreisen eines engagierten Reporters, der es sich partout antun wollte, über den Zustand unserer Welt aus eigener Erfahrung zu berichten, besonders von dort, wo uns Normalurlaubern damals schon bei den Namen der Reiseziele die Lust am Reisen verging.

Oder wer von uns wäre schon gerne aus purer Reiselust 1984 in den Bürgerkriegs-Libanon, 1988 nach Nordirland oder in die palästinensische Intifada nach Israel, 1992 nach Bosnien oder 1997 nach Tirana usw. gereist? Orte des Schreckens, von denen man hoffte, dass sie möglichst bald keine Nachrichten mehr produzierten. Wir sind ja so gerne bereit zu glauben, dass ja alles schon irgendwie okay sei, wenn Radio und TV nichts mehr berichteten… O‘Rourke war trotzdem dort!

Dass es dem Autor vor Ort gelegentlich wie die Hölle vorgekommen sein mag, glaubt man gerne, wenn man seine Reportagen liest, mit der kleinen Einschränkung, dass es dann doch eher eine Form der Vorhölle gewesen sein muss, die ihm ja immer erlaubte, ihr wieder zu entkommen. Er besucht ja zumeist „Länder, in denen nichts funktioniert, aber alles irgendwie geregelt werden kann.“ Und das provoziert Pointen. Ein anderer Rezensent dieses Buches titelte: „ Man soll lieber einen Freund verlieren als eine gute Pointe“. Und die Pointen und geniale Formulierungen machen diese  Reiseberichte wirklich zum Lesevergnügen.

Kapitelüberschriften wie „Bummeltour durch den Libanon“, „Das Heilige Land – Gottes Affenhaus“ oder „Make Lunch, not War“  usw. verführen dazu zu glauben, man hätte es bei dem Autor eventuell mit einem literarischen Commedian zu tun – weit gefehlt.  Unter der Hand bekommt der Leser sehr viel detaillierte Information über Land und Leute.  Warum gehen sich Menschen einer bestimmten Region gegenseitig an die Gurgel, warum geht es einem Land so schlecht, wie es ihm eben geht? Sind die westlichen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Demokratie wirklich so universell hilfreich? Was hilft denn überhaupt einem armen Land wie Tansania?

O‘Rourke ist ein entschiedener Gegner staatlicher Programme,  und obwohl eigentlich überzeugter Vertreter des ökonomischen Laissez faire der “Chikago-boys“ Milton Friedmans, kommen ihm doch z.B. in Albanien recht sarkastische Gedanken zur menschlichen Freiheit beim Beschreiben des chaotischen Autoverkehrs von Tirana und dem Vertrauen der Menschen in die katastrophal gescheiterten Renditeversprechen albanischer Banken. Noch mehr Sarkasmus allerdings beim Autor, als er 2005 nach  Gouadeloupe in die Karibik reist, wo damals auch dort über  die Verfassung  der Europäischen Union abgestimmt wurde. „In Goudeloupe taten die Leute nicht viel – am allerwenigsten abstimmen….das Departement stimmte beim Referendum mit „Qui“, wenn auch nur mit einer Nichtstuer-Beteiligung von 22 Prozent….Der Flughafen war brechend voll, aber alle Duty-Free-Shops hatten geschlossen.“

…aber am Horizont geht es irgendwie weiter – warum und wohin, danach darf man unseren Autor vielleicht besser nicht fragen. Die Verhältnisse eignen sich nur schlecht für sichere Prognosen. Seine „Reiseerfahrungen in der Hölle“ jedoch, sind m.E. äußerst lesenswert  (KS)

Ps. Danke an meine belesene Schwester H. für das Buchgeschenk zu Weihnachten.

DAS – gar nicht so – INDONESISCHE GEHEIMNIS

 

Hella S. Haasse:    Das indonesische Geheimnis

haasseUm es vorweg zu schicken: Das Buch war für mich so spannend, das ich es in fast einem Rutsch gelesen habe. Die Kritik ist sich einig: der holländischen Autorin ist mit dem 2002 publizierten Roman ein großer Wurf gelungen, der ihr in Holland den Publikumspreis 2003 einbrachte.  2015, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel: „Das indonesische Geheimnis“. Wahrscheinlich habe ich es diesem Titel zu verdanken, dass mein lieber Schwager Werner mir, dem „Indonesien-Nerd“ dieses Buch als Weihnachtsgeschenk aussuchte. Ein Dankeschön an ihn sei nicht vergessen.

Ausgerechnet aber am Titel sei ein wenig Kritik erlaubt. Nach der Lektüre des Buches stellt sich nämlich die Frage, was denn an der beschriebenen Geschichte ein „indonesisches“ Geheimnis gewesen sein soll? Was ist an dem wahrscheinlichen Verhältnis der Freundin Dee mit dem Ehemann der Protagonistin Herma Warner so besonders „indonesisch“, dass es den deutschen Titel rechtfertigte? Auf Niederländisch heißt der Roman: „Sleuteloog“, und nach Recherchen im Wörterbuch müsste man das mit „Schlüsselloch“ übersetzen. Man möge mich berichtigen, aber so die Übersetzung korrekt ist, erscheint mir auch der holländische Titel nicht ganz passend, denn es ist überhaupt keine „Schlüsselloch-Story“, im Gegenteil. Das Ende geliebter Illusionen braucht auch hier kein Schlüsselloch.

Selbst wenn einem etwa ab der Hälfte des Romans der Verdacht beschleicht, dass die attraktive Freundin Dee (Adele) eventuell auch privat mehr mit Hermas späteren Ehemann Taco zu tun hatte, als Herma es wahr haben wollte, so ist das Verhältnis der beiden Freundinnen und ihrer Familien  in „Nederlands Indie“ der zwanziger und dreißiger Jahre zwar der rote Faden der Geschichte, das große beschriebene Thema jedoch ist ein anderes: Es ist der provozierte Rückblick der Protagonistin Herma auf ihre Kindheit und Jugend als privilegierte Angehörige der niederländischen Kolonialgesellschaft jener Jahre.

Der Autorin Hella S. Haasse – selbst 1918 in Batavia (Jakarta) geborene Holländerin – gelingt es mit großer literarischer Kunst, Menschen und Welt des damaligen Niederländisch-Indien lebendig werden zu lassen. Frau Mijers, Onkel Louis, Tante Non, Hermas Eltern, sowie Hermas Freundin Dee und ihre Mutter Nadia – allesamt engagiert gezeichnete Personen und Schicksale dieses exotischen Milieus.  Für uns Heutige besonders aufschlussreich: die Beschreibung der subtilen diskriminierenden  Abgrenzungen im Verhältnis der Angehörigen der niederländischen Kolonialgesellschaft untereinander, der Spannungen zwischen den „reinblütigen“ europäischen Kolonialbeamten und der alteingesessenen Kolonialelite, die schon über Generationen hinweg von einheimischen – indonesischen Müttern abstammte. Man ahnt, dass es im neuen Staat Indonesien für alle, die ihren Status und Einfluss irgendwie an ihrer niederländisch-europäischen Herkunft festzumachen versuchten, keine Zukunft geben würde.

Zitat: „ Ich bin ein Produkt dieser letzten, schwer zu definierenden Periode Niederländisch-Indiens, den beiden Jahrzehnten zwischen den Kriegen: Einschneidende, stürmische Entwicklungen unter dem Deckmantel einer scheinbaren Ordnung, die entweder nicht bemerkt oder verstanden, beziehungsweise von der einheimischen wie auch der ansässigen europäischen Elite falsch eingeschätzt wurden. Das alte Niederländisch-Indien, in dem man auch als Holländer mit allen Vor- und Nachteilen Wurzeln schlagen konnte, war verschwunden, und für die „hierzulande Geborenen rein europäischer Herkunft“, wie es damals offiziell hieß, gab es keine Heimat mehr.“

„Das indonesische Geheimnis“  ist die eindringliche Erzählung der letzten Phase von „Nederlands-Indie“, bevor 1942 mit der Besetzung Indonesiens durch die Japaner der endgültige Countdown des holländischen Kolonialreichs eingeläutet wurde und sich unter seinem Führer Sukarno  ein neues Land mit dem Namen „Republik Indonesia“ in einem grausamen vierjährigen Kolonialkrieg seinen Platz unter den unabhängigen Staaten der Welt erkämpfte. Damit war aber nicht nur ein Kolonialreich untergegangen, sondern es war auch der traumatische Exodus von über dreihunderttausend Menschen aus einem Land, das für sie die eigentliche Heimat gewesen war.

Wer über diese rein dramatischen Fakten hinaus, etwas über Denken und Fühlen dieser Menschen erfahren möchte, dem sei dieser Roman aufs wärmste  empfohlen. (KS)

Ein sehr kundiges Gespräch über dieses Buch ist hier zu hören in ARD- Mediathek 2015 SWR2:

Ein Gespräch über H.Haasse: Das indonesische Geheimnis

 

2015 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 1.500 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 25 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Musikalisches Fest der Vorfreude

Weihnachtskonzert lässt Vorfreude aufs Fest wachsen

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Trafen die Herzen der Zuhörer: Die Sänger und Instrumentalisten der                            Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler ließen das Weihnachtskonzert in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu einem Fest der Vorfreude werden. Foto: Andreas Rechter

Eschweiler. Nur noch wenige Stunden, dann feiert die Christenheit mit dem Weihnachtsfest die Geburt des Herrn. Den Chorsängern und Instrumentalisten der Städtischen Musikgesellschaft gelang es am Vorabend des vierten Advents im Rahmen des Weihnachtskonzertes in der gut besuchten Pfarrkirche St. Peter und Paul, die Vorfreude der Zuhörer noch einmal zu steigern!

Unter der Leitung und dem Dirigat von Horst Berretz interpretierten die Musiker zunächst die Weihnachtskantate „Der Stern von Betlehem” des Komponisten Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901), widmeten sich anschließend auszugsweise des ersten der drei Teile des epochalen Händel-Meisterwerks „Der Messias” und schlössen das Konzert mit „Gaudete”, einer Weihnachtsgeschichte nach alten Liedern des zeitgenössischen schwedischen Komponisten und Chorleiters Anders Öhrwall (1932-2012) ab. Darüber hinaus luden die Protagonisten der Städtischen Musikgesellschaft das Publikum mit den Weihnachtsliedem „Zu Bethlehem geboren”, „Vom Himmel hoch, da komm ich her” und „Nun freut euch ihr Christen” zum Mitsingen ein.

Dass die Erde auch machtvoll und laut schweigen kann, bewiesen die Instrumentalisten des Orchesters sowie die Chorsänger der Musikgesellschaft gleich mit den ersten Takten des rund zweistündigen Konzerts eindrucksvoll

verenaDie „Erwartung” auf das Kommen des Herrn bot einen fulminanten Einstieg in die Komposition „Der Stern von Betlehem”, deren Text einem Gedicht von Fanny von Hoffnaaß, der Frau des Komponisten Josef Gabriel Rheinberger, nachempfunden ist. Gemeinsam mit dem Chor schlüpfte Gesangssolistin Verena Berretz (Sopran) einfühlsam in die Rollen der Hirten sowie des Engels, der mit den Worten „Fürchtet euch nicht” die Geburt Jesu verkündet.

Das Solisten-Quintett mit Nikolaus Sturm, Johannes Rohrer, Markus Paulmann (alle Tenor), Wolfgang Zemler (Bariton) und Dr. Franz Wolters (Bass) ließ die Anbetung des Neugeborenen durch die Weisen aus dem Morgenland zu einem Quell der Freude und Dankbarkeit werden. Letztlich schloss sich der Kreis, als der Chor mit aller Stimmkraft die „Erfüllung” der Verheißung nach dem Erlöser mit einem strahlenden „Halleluja” dem Publikum entgegenschleuderte.

Den thematisch nahezu nahtlosen Anschluss boten die Auszüge aus dem ersten Teil des Händel-Oratoriums „Der Messias”, in dem der Chor die Geburt des Gottessohnes mit den Worten „Wunderbar, Herrlicher, der starke Gott, der Ewigkeiten Vater und Friedefürst” feiert. Fundament der das Konzert abschließenden Komposition „Gaudete” ist ein gleichnamiges Weihnachtslied aus dem 16. Jahrhundert, das Anders Öhrwall wundervoll mit Variationen der bekannten Weihnachtsmelodien „Kommet ihr Hirten”, „In dulci jubilo” sowie „Es ist ein Ros entsprungen” verbunden hat. Der Chor und das Orchester der Städtischen Musikgesellschaft setzten somit einen reizvollen Kontrapunkt zu den zuvor dargebotenen Werken. Ergänzt wurde jeder Abschnitt der Komposition durch einleitende Worte von Pfarrer und Hausherr Michael Datene.

Den grandiosen und emotionalen Schlusspunkt unter ein stimmungs- und freudvolles Weihnachtskonzert setzte der gemeinsame Gesang von „Nun freut euch ihr Christen”. Starker, lange andauernder und letztlich stehend dargebrachter Applaus belohnte alle am Konzert beteiligten Musiker und Sänger der Städtischen Musikgesellschaft, die den Zuhörern zuvor eine großartige Einstimmung auf die Festtage geschenkt hatten. (ran)

Eschweiler Nachrichten –  21.12.2015

(c) http//www.aachener-nachrichten.de/lokales/eschweiler/weihnachtskonzert-laesst-vorfreude-aufs-fest-wachsen -1.1252094

Ausschnitte aus dem Konzert sind hier auf “YouTube” zu hören:

  1. G.F. Händel  – Messias:  Denn es ist uns ein Kind geboren

     2. Anders Öhrwall – Gaudete – Verbum caro factum est

     3. Anders Öhrwall – Ecce novum gaudium

     4.  Anders Öhrwall – Resonet in laudibus

     5.  Rheinberger  – Stern… Oh segne Weide

     6.  Rheinberger – Stern … Drei Weisen

     7. Rheinberger – Stern …Erfüllung (Schlusschor)

 

DIE FATALE FASZINATION DES DSCHIHADISMUS

 „Die diabolische Logik dieser Mörder bedroht jeden, der ihren Hass nicht teilt“

Eine Woche ist vergangen seit dem Attentat in Paris, und  eigentlich hat unsere Aufmerksamkeit ganz den Opfern des barbarischen Massakers von Paris zu gelten, die auf so brutale Weise ums Leben kamen, sowie der Trauer der Angehörigen. Frankreich und ein solidarisches Europa trauert mit ihnen.

Aber bei dieser Katastrophe handelt es sich ja nicht um einen Vulkanausbruch oder einen Schiffsuntergang, dem die Menschen zum Opfer fielen, sondern um ein gezieltes Attentat  auf das Leben möglichst vieler Menschen in Paris, ausgeführt von jungen Männern aus Europa, die den eigenen Tod mit in Kauf genommen hatten. Selbstmordattentäter nennen wir sie und unsere Reaktionen ihnen gegenüber reichen von ungläubigem Kopfschütteln bis zu zorniger Vergeltungsbereitschaft ihren Auftraggebern gegenüber.

27542714,27553094,highRes,maxh,480,maxw,480,mc_3289A6000C8AC8A9_BWas aber geht in den Herzen und Köpfen dieser jungen Leute vor, das sie bereit macht, zu Massenmördern zu mutieren. Woher dieser tollwütige Hass auf Frankreich und ein Europa, in dem sie selbst aufwuchsen?  Ja, schon beim Attentat auf  „Charlie Hebdo“ richtete sich der Blick auf die Banlieues der französischen Großstädte und die Einwandererjugend der zweiten Generation aus dem Maghreb. Aber der Hinweis auf die trostlosen Problemviertel scheint nicht zu genügen.  Die machen aus jungen Leuten vor allem Sozialhilfeempfänger und  Kleinkriminelle.

Die jungen Attentäter begehen ihre Mordtaten  im Namen des Islam, im Namen Gottes, beauftragt und unterstützt durch eine quasistaatliche Organisation in Syrien und Irak, die sich IS (Islamischer Staat) nennt. Dort werden ihre Morde als Heldentaten gefeiert, und sie selbst als „sahid“, als Märtyrer verehrt.  Für uns umso unverständlicher, weil nach christlicher Tradition ein Märtyrer, ein Heiliger ist, der um seines Glaubens willen getötet wird,  der immer nur Opfer und niemals Täter sein kann. Übrigens auch für die große Mehrheit der Muslime sind die Attentäter von Paris keine „sahid“, keine Märtyrer.  Es ist also dringend geboten, sich neben allen soziologischen Untersuchungen vor allem mit den religiösen Vorstellungen vertraut zu machen, die man unter dem Begriff „Dschihadismus“ zusammenfassen kann, einer gewaltbereiten und gewaltverherrlichenden Richtung des Islamismus, der wohl leider weitere junge Leute für seinen barbarischen Anspruch in den Tod schicken wird.

Reinhard Schulze, Professor für Islamwissenschaften in Bern, hat in der FAZ, vom 16. November 2015 einen sehr aufschlussreichen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, dessen Text ich hiermit zugängig machen möchte. (KS)

Der IS wartet nur auf eine Kriegserklärung 

von REINHARD SCHULZE

Nach den Terrorakten fliegt Frankreich wieder Bombenangriffe auf Stellungen des IS in Syrien. Doch der sogenannte „Islamische Staat“ sieht seinen Kriegsschauplatz längst im Westen.

Die Massaker von Paris kann oder darf man eigentlich nicht verstehen. Zu groß ist das Entsetzen über die Kaltblütigkeit, mit der die Täter wahllos Menschen erschossen. Und doch gilt: Ohne ein Verstehen der Handlungsweisen dieser wohl mehrheitlich jugendlichen Mörder ist Prävention kaum möglich. Natürlich können polizeiliche Maßnahmen im Vorfeld dazu beitragen, potentieller Attentäter habhaft zu werden, doch werden sie allein kaum geeignet sein, den Sumpf trockenzulegen, der diese Menschen zu Massenmördern macht.

Eine Annäherung an die Vorstellungswelten der Attentäter führt zwangsläufig zunächst zum Islam, mit dem sie ihre Taten rechtfertigen. Die Mörder haben gezeigt, dass es für sie keine Unschuldigen gibt. Ganz nach dem alten Spruch „Der Unglauben bildet eine einzige Gemeinschaft“ wähnten sie sich in einer geschlossenen und feindlichen Welt der Götzendiener. Konzerthallen, Cafés, Sportveranstaltungen oder Märkte gelten ihnen als Orte dieser Götzendienerei, die zu zerstören allein schon Gottesdienst sei. Im Unterschied zu den Morden an den Mitarbeitern der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar verstehen die Täter ihre Morde nicht mehr als Rache an bestimmten Personen. Vielmehr galt ihre Tat der Gesamtheit der in ihren Augen gottlosen Gesellschaft. Sie mussten sich demnach nicht mehr die Mühe machen, bestimmte Mitglieder der Gesellschaft zu „Ungläubigen“ zu erklären. Diese Rechtfertigung (arabisch takfîr) war in früheren Jahren noch Voraussetzung für die Durchführung mancher Terroranschläge gewesen. Heute ist dieses Konzept in den Hintergrund getreten. Denn angegriffen wurden nun ja nicht Menschen, die als „Ungläubige“ stigmatisiert wurden, vielmehr galt der Behauptung, dass es eine einheitliche Welt des Unglaubens gebe, als gesetzt. In dieser Vorstellungswelt gehören Muslime, ganz gleich ob Schiiten oder Sunniten, ebenso der „Welt des Unglaubens“ an, sofern und solange sie sich nicht der Gemeinschaft der Attentäter anschließen.

Zugleich deutet der Tatvorgang darauf hin, dass die Mörder jedwede Fähigkeit zur Empathie verloren haben. Stattdessen haben sie ihr Ressentiment mit einer Tunnelrationalität begründet, die sie hochgefährlich macht, da sie den Täter selbst als Waffe definiert. Max Weber paraphrasierend kann festgestellt werden, dass auf dem Boden einer islamisch gedeuteten Erlösungsvorstellung das Ressentiment an Bedeutung gewonnen hat: Es ist die religiöse Sollvorschrift der negativ Privilegierten. Diese hatten sich in direkter Umkehrung alter islamischer Vorstellungswelten damit getröstet, dass die ungleiche Verteilung der irdischen Lose auf Sünde und Unrecht der positiv Privilegierten beruhe, also früher oder später die Rache Gottes herbeiführen müsse.

Gewalt als Kultpflicht

In Gestalt dieser Theodizee der „negativ Privilegierten“ dient dann der Moralismus als Mittel der Legitimierung bewussten oder unbewussten Rachedurstes. Besteht einmal eine solche „Vergeltungsreligiosität“, so kann gerade das „Leiden“ als solches, da es ja gewaltige Vergeltungs-hoffnungen mit sich führt, als etwas an sich Islamisches erscheinen. Das mag skurril klingen, passt aber zu der seit den späten Achtzigern propagierten Aussage, der Muslim lasse erst durch sein gottesdienstliches Tun den Islam in sich wahr werden. Dieses Tun könne sich allein im „Streiten auf dem Wege Gottes“ (Dschihâd) verwirklichen.

Wer den Gottesstreit aufgibt, so die diabolische Logik, zerstört den Islam in sich selbst – wie ja auch der Islam im Einzelnen selbst nur durch den Gottesstreit herbeigeführt werden kann. Gewalthandeln wäre demnach nicht nur Kultpflicht, sondern bedeute zugleich Katharsis und Erlösung, weil sie im Falle des Selbstmords die höchste und letztmalige Form der Existenzerfahrung bewirke. Diese existentialistisch anmutende Setzung reduziert die Seinsaussage auf den Begriff Islam. Islam erscheint hier als das Dasein in Wahrheit; der Einzelne ist demnach nur dann in Wahrheit existent, wenn er in sich den Islam durch den Kampf verwirklicht.

Natürlich deutet sich ein Jugendlicher, der für den „Islamischen Staat“ rekrutiert wird, sein Dasein nicht in diesen Begriffen. Für ihn beruht die Tunnelrationalität im Kern nur noch auf der Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Falsch ist die Welt, in der er sozialisiert wurde, richtig ist die Vorstellungswelt, die er als Islam begreift. Doch dieser Islam steht jenseits der modernen islamischen Ordnung, die noch immer darauf beruht, eine Unterscheidung von Religion und Gesellschaft anzuerkennen. Insofern ist der Islam der Akteure in einem Netzwerk des „Islamischen Staats“ ultrareligiös und zugleich Ausdruck eines Zerfalls der islamischen Öffentlichkeit, ja des Islams selbst. Diese Diagnose hat Navid Kermani in seiner Friedenspreisrede angesprochen: „Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang. Was uns jetzt um die Ohren und auf die Köpfe fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion.“

Weiterlesen: Apokalyptische Visionen

(c) http://www.faz.net/aktuell/politik/islamistischer-terror

INDONESIENS “KILLING SEASON”

Zum Datum des 30. September gibt es in Indonesiens Presse nicht viel von einem Ereignis zu lesen, das vor 50 Jahren in jenem Lande der Auftakt zu einem der größten Massaker des 20.Jahrhunderts war, und zu einem bis heute gültigen Politikwechsel führte, mit dem das Militär bis 1998 de facto die Macht übernahm.  Unter der Regie der indonesischen Armee unter dem Kommando General Suhartos wurden damals zwischen 500 000 und 1 Million Menschen umgebracht, Mitglieder oder Sympathisanten der Kommunistischen Partei PKI, denen vorgeworfen wurde, einen Staatsstreich inszeniert zu haben.

Was die wahren Hintergründe  und die entscheidenden Akteure dieses Dramas waren, ist bis heute nicht offiziell untersucht und aufgeklärt. „Es ist der am wenigsten überprüfte und am wenigsten bekannte politische Genozid des vergangenen Jahrhunderts.” sagt der ehemalige australische Außenminister Gareth Evans. Entdeckungen in Chinas Archiven bringen neue Details ans Licht, die im folgenden Artikel der “Nikkei Asia Review” vor einigen Tagen publiziert wurden.(KS)

Indonesiens „Killing Season“ –  auch nach 50 Jahren ein Rätsel

Von Hamish McDonald

Circa 1946: President Sukarno making a speech. (Photo by John Florea/The LIFE Picture Collection/Getty Images)

Sukarno bei einer Rede ca.1946                                                         © Getty Images

Es war eine Nacht, wie sie  in dem Film von 1982  „The Year of Living Dangerously“ zu sehen war –  genauso wie es ein unbekümmerter Präsident angekündigt hatte, der Präsident eines Landes, das sich in freiem ökonomischen Absturz befand. Lastwagen voll mit Soldaten rumpelten durch die spärlich erleuchteten Straßen von Jakarta. Sechs Armeegeneräle  wurden aus ihren Häusern verschleppt, drei davon getötet, weil sie sich wehrten und die anderen in einem Lager  einer Gummiplantage exekutiert.

Was danach passierte, ist allen wohlbekannt, die mit Südostasien etwas vertraut sind. Das indonesische Militär bezichtigte die Kommunistische Partei Indonesiens, PKI, für das Ereignis verantwortlich zu sein und begann mit einer Säuberungskampagne, der bis zu einer Million PKI-Unterstützer zum Opfer fielen. Suharto, ein überlebender Armeegeneral, riss die Macht an sich in einer Weise, die der Politikwissenschaftler Harold  Crouch einen „schleichenden Putsch“ nannte. Der entmachtete Unabhängigkeitsführer Sukarno überlebte und starb fünf Jahre später in Armut und unter Hausarrest.

Jetzt, 50 Jahre danach, bleiben Identität und Motive derer, die hinter der „30. September-Bewegung“ („G30S“ ist das indonesische Kürzel) zum größten Teil genauso undurchsichtig wie 1965. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf. War es anstelle des „PKI- Putschversuches“ eventuell eine simple Armee-Meuterei?    War es eine verdeckte Operation des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA oder Großbritanniens MI6? War es eine Falle von Leuten aus dem Umfeld Suhartos?

Dokumentarische Belege

Neuere Untersuchungen aus Peking liefern neue Erkenntnisse. 2008 öffnete das Chinesische Außenministerium  seine diplomatischen Archive der Jahre 1961 bis 1965. Taomo  Zhou, ein junger Wissenschaftler der Nanyang Technological University von Singapur untersuchte die Akten, bevor die Archive Mitte 2013 plötzlich wieder geschlossen wurden.

Zhou entdeckte ein Dokument, in dem folgende historische Detektiv-Story zu lesen war. Am 5. August 1965 ist der PKI-Generalsekretär Dipa Nusantara Aidit zu Besuch in Peking. Mit ihm eine kleine Parteidelegation, um sich mit dem Vorsitzenden Mao Zedong und anderen chinesischen Topleuten wie Zhou Enlai zu treffen.

Am Tag zuvor war Sukarno zusammengebrochen infolge eines Nierenversagens, das ihn später 1970 auch das Leben kosten sollte. Er wurde von einem Team chinesischer Ärzte aus Peking behandelt. Sie bekamen das Problem in den Griff und erklärten, dass keine akute Lebensgefahr mehr drohe. Tatsächlich hielt Sukarno zwei Wochen später seine weitschweifige Rede zum Unabhängigkeitstag am 17. August. Dabei signalisierte er auch, dass Jakarta im Chino-Sowjet-Streit sich auf die Seite Pekings schlagen würde, um der antiimperialistischen Achse Peking, Hanoi, Phnom Penh und Plönyang beizutreten. Auch kündigte er an, dass er Aidits Idee einer „Fünften Kraft“ von bewaffneten Arbeitern und Bauern unterstützen würde, um Militär und  Polizei widerstehen zu können.

Damals war Sukarnos lebensgefährliche Krankheit das beherrschende Thema  im Bewusstsein aller Parteien in Indonesien. Die PKI ließ  die Idee einer Revolution auf dem Lande nach chinesischem Muster fallen zugunsten der Beteiligung der Politiker in Jakarta,   und sie gewann an Boden bis zu dem Punkt, an dem sie sich als das sich entwickelnde Kraftzentrum darstellte, das Sukarnos Nachfolge übernehmen konnte, wenn er die Bühne verlassen sollte.

Aber die Ablehnung dieser Entwicklung in der indonesischen Armee war unübersehbar: Die Generäle erinnerten sich genau an den revolutionären Aufstand der PKI in Madiun 1948, als die gerade errichtete Indonesische Republik um die Befreiung von der Holländischen Kolonialherrschaft kämpfte. Jahrelang waren Armee-Offiziere auf die US amerikanischen Militärakademien für „Zivilangelegenheiten“ gegangen, um sich auf die Übernahme der Macht aus den Händen der zunehmend inkompetenten Politiker und Bürokraten vorzubereiten.

Nachdem Mao Zedong Zhou Enlai‘s  Bericht über Sukarnos Gesundheitszustand angehört hatte, kam er direkt zur Sache: “Ich denke, Indonesiens rechter Flügel ist entschlossen, die Macht zu übernehmen. Seid ihr auch entschlossen?“ fragte er Aidit.

„Wenn Sukarno stirbt, wird die Frage lauten, wer die Oberhand gewinnt“ erwiderte Aidit, bevor er zwei Szenarien erläuterte: Sowohl ein direkter Angriff auf die PKI als auch ein Bemühen der Militärs, Sukarnos politischen Balanceakt zwischen Nationalisten, Kommunisten und religiösen Parteien fortzusetzen, würde sich für die PKI als „schwierig“ erweisen.

Weiterlesen…. Indonesiens “Killing Season”

Originalversion: ©http://asia.nikkei.com/Viewpoints/Perspectives/Indonesia-s-killing-season-remains-a-mystery-50-years-on

Die ewige Doppelmoral des Westens

2. Oktober 2015

Der tägliche Zustrom von Flüchtlingen aus Syrien, Irak und Nordafrika stellt Behörden, Städte und Gemeinden in Deutschland vor schwer zu bewältigende organisatorische Aufgaben. Einer aktuellen Umfrage zufolge haben 51% der Bundesbürger die Sorge, dass Deutschland mit dem Flüchtlingsproblem überfordert sei. Die Regierung erklärt die Grenze der Belastbarkeit sei bald erreicht. Einige Staaten  Europas verweigern ostentativ die Hilfe, zu der sie eigentlich vertraglich verpflichtet sind. Es zeigt sich, dass die viel zitierte “Wertegemeinschaft des Westens” ein sehr dünnes Band zu sein scheint, wenn man mit den Ergebnissen einer blauäugigen Außenpolitik konfrontiert wird. Bevor das Flüchtlingsdrama begann, hielt man das Kriegselend der Menschen im Nahen Osten achselzuckend für  das Ergebnis orientalischer Verbrecherregime und islamistischer Terroristen, die ihre Länder zugrunde richteten.

Dass das Flüchtlingsdrama  aber das Ergebnis der katastrophalen Außenpolitik  des Westens unter der Führung der USA in den vergangenen 20 Jahren ist, scheint man einfach nicht wahrhaben zu wollen.  Auch wenn es derzeit für die Helfer in Städten und Gemeinden um ganz praktische Fragen geht, wie man den Flüchtlingen in Zelten und Turnhallen wintertaugliche Unterkunftsmöglichkeiten schaffen kann, muss die  Frage nach der politischen Verantwortung für das Drama gestellt werden. Informierte Leute, wie Michael Lüders, haben immer wieder auf die Zusammenhänge hingewiesen und vor den Folgen einer Außenpolitik gewarnt, die mit Demokratie und Menschenrechten auf den Fahnen eine naiv-brutale Interessenpolitik verfolgte. Hier ein Interview zu seinem neuen Buch “Wer Wind sät…”, das in der Zeitschrift Publik-Forum veröffentlicht wurde. (KS)

DIE EWIGE DOPPELMORAL

Der Westen hat in der arabischen Welt Wind gesät. Nun sieht er sich einem Sturm der Gewalt gegenüber. Wie es dazu kam und was daraus folgt, erklärt der Nahostexperte Michael Lüders in einem Interview mit der Zeitschrift Publik-Forum

lueders-interview-54Michael Lüders, geboren 1959, ist Politologe und Islamwissenschaftler. Er studierte zudem in Damaskus ara­bische Literatur. Danach promovierte er über das ägyptische Kino. Lüders hat alle arabischen Länder als Journalist bereist. Heute ist er als renommierter Fachberater für den Nahen Osten tätig, unter anderem für das Auswärti­ge Amt und die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Er kommentiert in deutschsprachigen Medien die Entwicklungen in der ara­bischen Welt. Zu unserem Gespräch kam der Wahlberliner mit dem Fahr­radhelm unter dem Arm; er radelt  ger­ne durch die Hauptstadt.

Publik-Forum: Sie behaupten, der Westen habe den islamis­tischen Terror gefordert. Das klingt ziemlich provokant…

 Michael Lüders: In vielerlei Hinsicht ist das aber so. West­liche Politiker haben wesentlich dazu beigetragen, den Islamismus zu befördern. Und wenn wir über den Staats­verfall in großen Teilen der arabischen Welt sprechen, müssen wir zugeben: Er ist in wesentlichen Teilen das Ergebnis westlicher Interventionspolitik.

Können Sie das belegen?

Lüders: Zwei konkrete Beispiele: Die Amerikaner haben gemeinsam mit den Saudis im Afghanistan der 1980er-Jahre die Mudschahedin, Glaubenskämpfer also, mit Waffen und Geld ausgestattet, als die gegen die dortigen sowjetischen Besatzer kämpften. Einer von denen, die davon profitierten, war Osama Bin Laden. Aus diesen Mudschahedin entwickelten sich dann nach dem Abzug der Sowjets 1989 in Afghanistan die Taliban bezie­hungsweise Al Qaida. Ähnliches gilt für den Werdegang des »Islamischen Staates«. Der IS entstand auf den Trümmern des nach dem Sturz von Saddam Hussein völlig zerstörten Irak.                 ,

Wie konnte das geschehen?

Lüders: Die Amerikaner hatten keinen Plan für ihre Be­satzungspolitik. Sie haben nach Gutsherrenart regiert, je­de Form gemäßigter Politik an den Rand gedrängt und sehr stark auf den konfessionellen Faktor gesetzt: Sunni­ten gegen Schiiten, Kurden gegen Araber. Und das Er­gebnis war, dass eine sunnitische Widerstandsbewegung entstand, aus deren Reihen dann schließlich der IS er­wuchs. Doch das hat eine Vorgeschichte: 13 Jahre lang war der Irak vor dem Sturz Saddams mit westlichen Sanktionen belegt. Medikamente, medizinische Geräte und Chlor zur Trinkwasseraufbereitung wurden nicht ins Land gelassen. Mehr als eine Million Iraker starben an den Folgen britischer und amerikanischer Sanktionen, davon die Hälfte Kinder. Diese vorsätzlich herbeigeführte Verelendung der iraki­schen Bevölkerung gehört zu den am wenigsten bekannten Verbrechen west­licher Politik nach dem Zweiten Welt­krieg. Sie ist eine der wesentlichen Ursa­chen für den Zusammenbruch zivilisatorischer Werte im Irak, auf den schließlich der IS folgte.

Das klingt, als ob an allem nur der Wes­ten schuld sei. Ist das nicht zu einfach?

Lüders: Natürlich ist westliche Politik nicht alleinschuldig. Dass es jetzt in der arabischen Welt brennt, hängt auch mit den korrupten Regimen dort zusam­men. Insbesondere mit ihrer Unfähig­keit, eine Politik zu gestalten, die über die Befriedigung von Klientelinteressen hinausgeht. Ich sehe aber ein großes Problem darin, dass amerikanische Poli­tik – insbesondere unter George • W. Bush – meinte, die arabische Welt demokratisieren zu können. Das hat de facto dazu beigetragen, sie zu zertrüm­mern. Der Westen argumentiert stets mit den Menschenrechten, aber die werden nur vorgeschoben. In Wirklich­keit geht es um wirtschaftliche und geopolitische Interessen. Saddam Hussein beispielsweise war ein furchtbarer Verbrecher. Aber er ist es auch deswegen geworden, weil die Amerikaner ihn zu­nächst massiv unterstützt haben, als er von 1980 bis 1988 Krieg gegen den Iran geführt hat – was im Interesse der USA lag. Diese Doppelmoral durchzieht die westliche Außenpolitik.

Weiterlesen …. Die ewige Doppelmoral

oder auch Michael Lüders  zuhören auf YouTube  Der Westen hat in der arabischen Welt Wind gesät…

BREAKING NEWS

Frank Schätzing:  BREAKING NEWS

Ein “Riesenbuch”

breaking picSchon die 950 Seiten nötigen Respekt ab und lassen abwägen, ob man sich als Leser so viel Stoff zumuten möchte. Aber wer sich schon einmal Schätzings “Schwarm” zugetraut hatte, den durfte der Buchumfang von “Breaking News” nicht abschrecken. Nach der Lektüre des Buches verstand man jedoch, dass der Autor so viel Platz für sein Romanprojekt brauchte. Er hatte sich enorm viel vorgenommen: Die neuere Geschichte Israels – ja des ganzen Nahen Ostens –  in eine Familiensaga einzubetten und daraus auch noch einen Thriller zu schmieden. Ein Meisterstück. Ein ganz großes Lob für den Autor.

Einige Rezensenten des Buches bemängeln, dass das Werk den Titel “Thriller” nur bedingt verdiene, womit sie nicht ganz unrecht haben. Denn erst im letzten Drittel des Buches beginnt die Story allmählich zu “thrillern”, aber dann auch so, dass allein dieser Teil für einen Thriller gereicht hätte, in dem der fast gescheiterte deutsche Auslandskorrespon-dent Tom Hagen um sein Überleben kämpft und Israel aus einer politischen Fast-Katastrophe rettet. Großes Kinospektakel.

Wirklich packend und lebendig beschrieben aber ist die Geschichte der israelischen Protagonisten und ihrer Familien im Erleben der Entstehung des Staates Israel und der aktuellen Situation ihres Landes. Wem die politischen Verhältnisse Israels nicht so vertraut sind, dem wird sehr eindringlich vor Augen geführt, welche komplexen Kräfte die israelische Gesellschaft prägen. Und wer bisher nur von den gefährlichen Polit-Fantasien  der Muslimbrüder, Al Quaeda und dem IS im islamisch-arabischen Raum gelesen hatte, dem wird nach der Lektüre von „Breaking News“ die politische Sprengkraft der national-religiösen jüdischen Gruppen in Israel klar geworden sein, aber auch, dass sie keineswegs die Mehrheitsgesellschaft Israels repräsentieren, so wenig wie der IS die Mehrheit der Muslime repräsentiert.

„Breaking News“ ist eine Fundgrube detaillierter Information über die aktuelle Lage im sog. Nahen Osten. Und wer das Buch gelesen hat, der hat verstanden, dass der eigentlich  wahre Thriller nicht die abenteuerliche Story eines abgebrannten Zeitungskorre-spondenten ist, sondern die Situation des Nahen Ostens  selbst. Ende offen – leider!

Für Schätzings neues Buch aber trotzdem fünf Sterne. (KS)

ROUSFETIA – die griechische Nationaltragödie

folk-dance

Wie kommt es, dass die Wiege Europas,  das Traumziel deutscher Mittelmeerurlauber in  eine Situation kommt, wie sie sich aktuell  präsentiert? Tsipras , Syriza, OXI, Grexit , allabendliche Vokabeln und Berichte in den Medien über ein  Euro-Land, das mit seiner ökonomischen Situation überfordert scheint und sich mit fataler Energie  gegen unabweisbare Forderungen seiner Gläubiger stemmt. Es sieht sich selbst als Opfer der Sparpolitik, die die anderen Partnerländer – allen voran  Deutschland mit Kanzlerin Merkel und ihr Finanzminister  Schäuble – ihm aufgezwungen hätten. Griechenland sei “das Versuchslabor europäischer Sparpolitik” dozierte heute Premier Tsipras vor dem europäischen Parlament. In einem neuen, anderen Europa könne auch ein neues Griechenland wieder ein gleichwertiger Partner sein.

Wie steht es aber mit den Chancen für ein “neues Griechenland”?  Einmal abgesehen von der desaströsen finanziellen Lage des Landes, warum tut sich das Land so schwer mit Reformen, wie sie in den europäischen Partnerländern Standard sind? Ein am 6. Juli im FAZ.NET erschienener Artikel des Historikers Heinz A. Richter gibt einen aufschlussreichen Einblick in die Geschichte des Landes  und lässt ahnen, vor welchen Herausforderungen das Land steht. “Rousfetia” heißt der Schlüsselbegriff für die Schwierigkeiten .  Ein “Must read” – Artikel für alle, die etwas mehr verstehen wollen . (KS)

Gut genährt dank Rousfetia 

von Heinz A. Richter

In nahezu allen Ländern hat der EU-Beitritt dazu beigetragen, Staat und Wirtschaft zu modernisieren. In Griechenland dagegen hat er einem tief in der Geschichte wurzelnden System des Klientelismus neue Kraft gegeben. Eine Chronik des Desasters.

Alle Staaten Südosteuropas mit Ausnahme Zyperns leiden mehr oder weniger stark unter dem osmanischen Erbe des Klientelismus. Als im Europa der Renaissance die allgemeine Modernisierung begann, verschwand der Südosten des Kontinents gewissermaßen hinter einem eisernen Vorhang.

Die osmanische Herrschaft, die in großen Teilen Griechenlands und des Balkans von der Mitte des 15. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts dauerte, veränderte diese Länder stark: Eine der ersten Maßnahmen der neuen Herrscher war die Vernichtung der alten Aristokratie, da diese die Führung in Aufständen hätte übernehmen können. Als lokale Führungskräfte blieben nur die ursprünglich gewählten Dorfbürgermeister übrig, die sogenannten Muchtare, die die osmanische Regierung vor Ort vertraten. Dadurch erhielten die Muchtare eine doppelte Funktion: Sie wurden zu Führern und Beschützern der örtlichen Bevölkerung, zugleich aber zu Objekten osmanischer Repression, sollte in ihrem Verantwortungsbereich etwas schiefgehen.

Der Staat als Ausbeuter

Aus ihrer Funktion als Beschützer gewannen die Muchtare in den Augen der Beschützten Prestige und Macht. Als Gegenleistung erwarteten sie von ihren Hintersassen Loyalität. Die Osmanen belohnten treue Dienste, und so wurden die lokalen Notabeln im Lauf der Zeit wohlhabend. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den örtlichen Bauern und ihrem Patron existierte im ganzen Osmanischen Reich und wird als Muchtar-System bezeichnet. Es ist der historische Ursprung des heutigen Klientelsystems.

Die osmanische Herrschaft führte dazu, dass die Griechen den Staat nur als Ausbeuter erlebten. Während in Westeuropa ein selbstbewusstes Bürgertum entstand, das sich mit dem eigenen Staatswesen identifizierte, war der Staat für die Griechen gleichbedeutend mit Fremdherrschaft, gegen die es sich zu wehren galt und die man hasste. Steuervermeidung und Diebstahl staatlichen Eigentums waren typische Abwehrreaktionen. Diese Einstellung gegenüber dem Staat wirkt bis heute fort.

Klientelismus zu einem Zwangsmittel

Als 1821 der griechische Unabhängigkeitskrieg begann, waren die klientelistischen Strukturen des Muchtar-Systems die einzigen Kristallisationskerne für die politische Organisation des Kampfes. Während der Auseinandersetzung vernetzten sich die Muchtare horizontal und bildeten zugleich vertikale Strukturen, so dass pyramidenförmige Netzwerke entstanden. Da die Dorfbürgermeister in der Regel keine militärische Erfahrung hatten, griff man im Kampf auf die Anführer der Klephten zurück – Räuberbanden, die sich der Kontrolle durch den osmanischen Staat durch Rückzug in die Berge entzogen hatten.

Als Griechenland unabhängig wurde, gab es also eine klientelistisch organisierte Elite. Auf deren Netzwerke musste König Otto von Wittelsbach zurückgreifen, als er 1832 nach Griechenland kam – mit der Handvoll bayerischer Beamter, die er mitgebracht hatte, konnte er das Land nicht regieren. Die Patrone kontrollierten die untere Verwaltung und gewannen so Zugang zu staatlichen Geldern. Damit änderte sich der Charakter des Klientelismus: Bis dahin war die Beziehung zwischen Patron und Klient meist von einer gewissen Freiwilligkeit der Unterordnung geprägt gewesen. Beide hatten davon profitiert.

Nun wurde der Klientelismus zu einem Zwangsmittel, um dem Einzelnen seinen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Die Patrone stellten rasch fest, wie der Klientelismus zu politischen Zwecken eingesetzt werden konnte. Sie nutzten ihre Machtposition, um ihrer Klientel Gefälligkeiten zu erweisen; der griechische Begriff dafür lautet Rousfetia. Dazu verwendeten sie oft gestohlene staatliche Gelder oder vermittelten Posten in der Verwaltung. Als Gegenleistung erwarteten sie treue Gefolgschaft. weiterlesen:

© http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/schuldenkrise-in-griechenland-chronik-des-desasters-13686169.html

2) Ein weiterer Artikel aus FAZ-NET, der sich den Hintergründen des aktuellen griechischen Dramas beschäftigt:

(c) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/griechenland-woher-kommen-die-probleme-13694467.html

3) und zur aktuellen Lage eine gute Übersicht bei SPIEGEL-ONLINE. vom 9.07.2105

http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-krise-alle-antworten-zur-krise-und-den-euro-folgen-a-1042694.html

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