MOHAMED – EINE ABRECHNUNG

Hamed Abdel-Samad:   Mohamed – Eine Abrechnung

Abdel-Samads persönliche Recherche zum religiösen „Über-Ich“ des Islam.

Dieses41EZc0UMoKL._AC_US160_ Buch, 2015 im Droemer-Verlag erschienen, hat eine gewaltige Resonanz im Leserpublikum erfahren,  von überschwänglichem Lob bis zu aggressiver Ablehnung im muslimischen Milieu. (siehe Diskussion bei Amazon)             Um es vorweg zu nehmen: Auch wenn man einige Exkurse des Autors (zB:  Mohamed und Maffia u.ä.) für entbehrlich hält, so ist das Buch hoch interessant und empfehlenswert für alle, die sich mit Mohamed und dem Koran noch nicht näher befasst haben. Eine Fundgrube an detaillierter Recherche zum Thema. Vieles wird verständlicher auch an der Situation des Islam in 2016. Kein wissenschaftliches Buch, sondern – wie der Untertitel sagt – „Eine Abrechnung“ des Autors mit dem „Über-Ich“ der Religion seiner Kindheit und Jugend.

„Als ich noch ein streng gläubiger Muslim war, dachte ich, ich wüsste alles über Mohamed, nur weil ich seine Biographie, den Koran und seine zahlreichen Hadithe – seine außerkoranischen Aussagen – gelesen hatte.“ Das schreibt der Autor in der Einführung zu diesem Buch. Und mit dieser Ansicht ist er einer von etwa einer Milliarde Muslimen, seien sie nun mehr oder weniger orthodox, für die aber alle  der Prophet Mohamed und der Koran in einer streng sanktionierten Sphäre unantastbar und nicht hinterfragbar akzeptiert sind.  Abdel-Samad beschreibt dann, wie er im Rahmen seines religionshistorischen Studiums in Deutschland immer mehr in eine kritische Distanz zum Koran und zu Mohamed sich gedrängt sah.

Ist es einem kritischen Verstand von 2015 vorstellbar, dass der Koran  die bis in jede Sure korrekt überlieferte Version eines Buches ist, das in seinem Urtext im Himmel Allahs niedergelegt sein soll? Ist der historische Mann Mohamed wirklich der heilige „beste aller Menschen“, das „Siegel der Propheten“ Gottes? Was weiß man über die Biografie Mohameds, die großen Teils einfach eine Hagiographie – die Legende eines Heiligen, der laut Abdel-Samads Resümee eben nun gar kein Heiliger ist, sondern der durch sein persönliches Schicksal geprägte, ethisch-humanistische Prediger von Mekka, im Laufe seiner kriegerischen Erfolge zum intoleranten Kriegsfürsten von Medina wird.  Wie steht es um die heilige Autorität eines Buches, auf dessen wortwörtliche Zitate sich auch die barbarischen Dschihadisten berufen dürfen, auch wenn der sog. moderate Islam ihnen das im Namen des „wahren Islam“ lautstark verbieten will?

Der Autor fordert eine durchgreifende Reform des Denkens, die nichts weniger ist, als das, was die europäische Aufklärung dem  Christentum Europas  zumutete. Muslime müssen wagen, den Propheten Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu befreien, den Koran aus seinem literargeschichtlichen Kontext zu verstehen und die sozial-politischen Vorstellungen in dem Jahrhundert zu belassen, wo sie hingehören – im 7. nachchristlichen Jahrhundert.

Dass das kein leichtes Unternehmen sein wird, zeigt die Reaktion ägyptischer Muftis, die den Autor wegen Beleidigung des Islam und des Propheten – sich auf die Autorität des Korans berufend – mit einer „Todes-Fatwah“ belegt haben und den Autor derzeit zwingen, sein Leben von deutscher Polizei rund um die Uhr beschützen zu lassen. Der Autor ist belesen genug, um zu wissen, dass ähnliches auch einem katholischen Apostaten des 18. Jahrhunderts geblüht hätte. Ob ihn dass trösten wird? Ich glaube kaum.  Aber großer Dank und Respekt an den Autor für das notwendige  Buch im 21. Jahrhundert. (KS)

Das bittere Resümee des Robert.F.Kennedy, Jr.

Allen, die schon immer überzeugt waren, dass die Kriegskatastrophe im Irak und Syrien nicht einfach die grausame Veranstaltung fanatisierter Moslems sei, dem sei  der unten zitierte Artikel  Robert F.Kenndys, Jr. empfohlen, den er im Internetportal http://www.politico.eu publizierte.  Ein bitteres Resümee US-amerikanischer Politik im Nahen und Mittleren Osten, das der Sohn des 1968 ermordeten Justizministers Robert Kennedy hier zieht. Mit „uns“ in der Überschrift ist natürlich vor allem die US-amerikanische Öffentlichkeit gemeint, die blind den patriotischen Parolen ihrer republikanischen Politiker vertraut und sich weigert, zu erkennen, dass die entscheidenden Akteure die Lobbyisten der großen amerikanischen Konzerne sind, die ihre Claims für das globale Big Business abstecken. „War is a racket“ befand schon 1935 General Smedley D. Butler, der für diese Art von Politik in den Krieg geschickt wurde. (KS) 

Warum die Araber uns in Syrien nicht wollen

Von Robert F. Kennedy, Jr.

160317_kennedyAuch da mein Vater von einem Araber ermordet wurde, habe ich mir die Mühe gemacht, die Auswirkungen der US-Politik im Nahen Osten und insbesondere die Faktoren zu verstehen, die zu manchmal blutrünstigen Reaktionen der islamischen Welt gegen unser Land führen. Wenn wir uns auf den Aufstieg des Islamischen Staates fokussieren und uns auf die Suche nach dem Ursprung der Gewalt machen, die so vielen Unschuldigen in Paris und San Bernardino das Leben gekostet hat, müssen wir möglicherweise über die einfachen Erklärungen von Religion und Ideologie hinausblicken. Stattdessen sollten wir die komplexeren Gründe in der Geschichte und im Öl untersuchen, die die Schuld – wie so oft – auf uns zurückverweist.
Sie hassen uns nicht für „unsere Freiheit“. Sie hassen, dass wir unsere Ideale in ihren Ländern verraten haben – für Öl.

Amerika blickt auf eine unappetitliche Tradition an gewalttätigen Interventionen in Syrien zurück. Dies ist dem amerikanischen Volk wenig bekannt, dafür umso mehr jedoch den Syrern. Diese Ereignisse bereiteten den fruchtbaren Boden für den gewaltsamen Islamischen Dschihad, der jetzt eine wirksame Antwort unserer Regierung auf die Herausforderung von ISIL erschwert. Solange sich die amerikanische Öffentlichkeit und Politiker dieser Vergangenheit nicht bewusst sind, verschärfen weitere Eingriffe nur die Krise. Außenminister John Kerry hat in dieser Woche einen „vorläufigen“ Waffenstillstand für Syrien angekündigt. Aber seit der Einfluss und das Ansehen der USA in Syrien auf eine Minimum gesunken sind – und der Waffenstillstand nicht die wichtigsten Kämpfer wie den Islamischen Staat und Al Nusra einschließt –, ist er bestenfalls auf einen brüchigen Waffenstillstand begrenzt. Ähnlich dürfte die von Präsident Obama zunehmende militärische Intervention in Libyen, wo letzte Woche US-Luftangriffe auf ein Trainingslager des Islamischen Staates zielten – die Radikalen wahrscheinlich mehr stärken als schwächen. Wie die „New York Times“ am 8. Dezember 2015 auf der Titelseite berichtete, arbeiten politische Führer und die strategische Planung des Islamischen Staates daran, eine US-amerikanische militärische Intervention zu provozieren. Sie wissen aus Erfahrung, dass dies ihre Reihen mit freiwilligen Kämpfern überschwemmen, die moderaten Stimmen übertönen und die islamische Welt gegen Amerika vereinigen wird.

Um diese Dynamik verstehen zu können, müssen wir die Geschichte aus der syrischen Perspektive und insbesondere die Wurzeln des aktuellen Konflikts betrachten. Lange bevor unsere Besetzung des Iraks 2003 sunnitische Aufstände auslöste, die die Gestalt des Islamischen Staat annahmen, hatte die CIA den gewaltsamen Djihad als Waffe des Kalten Kriegs genährt und dadurch giftiges Gepäck verschickt, das die Beziehungen zwischen Syrien und der USA belastet.

Dies geschah in den USA nicht ohne Kontroverse. Nach einem gescheiterten Putsch der CIA in Syrien, brachte im Juli 1957 mein Onkel, Senator John F. Kennedy, das Weiße Haus samt Präsident Eisenhower, die Führer der beiden Parteien und unsere europäischen Verbündeten gleichzeitig mit einer historischen Rede auf, in der er das Recht auf Selbstbestimmung in der arabischen Welt und ein Ende der amerikanischen imperialistischen Einmischung in den arabischen Ländern befürwortete. Im Laufe meines Lebens, und besonders während meiner häufigen Reisen in den Nahen Osten, haben mich unzählige Araber liebevoll an diese Rede als die klarste Verkündung eines Idealismus erinnert, den sie von den USA erwarteten. Kennedys Rede war ein Aufruf zur Neuausrichtung Amerikas auf die hohen Werte unseres Landes, die in der Atlantik-Charta festgeschrieben sind; die formelle Zusage, dass alle ehemaligen europäischen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg das Recht auf Selbstbestimmung haben würden. Franklin D. Roosevelt hatte Winston Churchill und die anderen Führer der Alliierten dazu gedrängt, die Atlantik-Charta im Jahre 1941 als Voraussetzung für die US-Unterstützung in dem europäischen Krieg gegen den Faschismus zu unterzeichnen.

Dank Allan Dulles und der CIA, deren außenpolitische Intrigen oftmals im direkten Widerspruch zur erklärten Politik standen, wurde der in der Atlantik-Charta skizzierte idealistische Weg nicht eingeschlagen. Im Jahr 1957 setzte mein Großvater, Botschafter Joseph P. Kennedy, auf einen geheimen Ausschuss zur Untersuchung des illegalen Treibens der CIA im Nahen Osten. Der sogenannte „Bruce-Lovett Report“, dessen Unterzeichner er war, beschrieb CIA-Umsturzpläne in Jordanien, Syrien, Iran, Irak und Ägypten, die alle auf der arabischen Seite allgemein bekannt waren. Den amerikanischen Bürgern blieben sie so gut wie unbekannt und man glaubte auch den Dementis unserer Regierung. Der Bericht machte die CIA für den grassierenden Antiamerikanismus verantwortlich, der auf mysteriöse Weise „heute in vielen Ländern der Welt“ verwurzelt ist. Der Bruce-Lovett Bericht wies darauf hin, dass solche Interventionen konträr zu den amerikanischen Werten stünden und Amerikas internationale Führung und moralische Autorität ohne das Wissen des amerikanischen Volkes kompromittierten. Der Bericht sagte auch, dass die CIA nie darüber nachgedacht habe, wie wir auf solche Eingriffe reagieren würden, wenn ausländische Regierungen sie in unserem Land inszenieren würden.

Das ist diese blutige Geschichte, die moderne Interventionisten wie George W. Bush, Ted Cruz und Marco Rubio auslassen, wenn sie ihren narzisstischen Tropus, dass die Nationalisten des Mittleren Osten „uns für unsere Freiheit hassen“, rezitieren. Der größte Teil tut es nicht, stattdessen hassen – sie uns für die Art, wie wir diese Freiheiten verraten – unsere eigenen Ideale – innerhalb ihrer Grenzen.

Damit die Amerikaner wirklich verstehen, was vor sich geht, ist es wichtig auf einige Details der schäbigen, aber kaum in Erinnerung gebliebenen Geschichte zurückzublicken.

Weiterlesenhttp://www.nachdenkseiten.de/?p=32213

Mit Dank an das Internetportal://www.nachdenkseiten.de/, das den Artikel für deutsche Leser zugängig machte. (KS)

UNGLÄUBIGES STAUNEN

Bildbetrachtungen von und mit Navid Kermani

kermaniJemanden wie mich, der – ich gestehe es – leider noch kein Buch von Navid Kermani gelesen hatte, machte der Titel richtig neugierig: „Ungläubiges Staunen“.  Über was wird hier „ungläubig gestaunt“? Untertitel: Über das Christentum. (Sic!) Zweite Frage: Wer staunt denn hier ungläubig? Das ist nach eigenem Bekenntnis zunächst einmal der Autor selbst: Navid Kermani, ein in Köln lebender deutsch-iranischer Schriftsteller, der mir  in  den vergangenen Jahren durch engagierte Reden und  politische Stellungnahmen deutschlandweit bekannt wurde. Kermani ist Moslem, bekennender Schi’it der muslimischen Tradition seiner aus dem Iran stammenden Familie. Er hat Philosophie und Theaterwissenschaften studiert, in Orientalistik promoviert und staunt über –  das Christentum!

Zu 40 Begegnungen mit christlichem Leben und christlicher Kunst, vornehmlich bedeutenden religiösen Gemälden in Kirchen und Museen nimmt er uns Leser mit. Als schi’itischem Moslem sind ihm Bilder nicht so fremd, wie einem Gläubigen der sunnitischen Tradition. Trotzdem erzeugt er in einem kulturell christlich geprägten Leser „ungläubiges Staunen“ über so viel kenntnisreiche und einfühlsame Betrachtung christlicher Kunst. Wie viel Verständnis für die christliche  Bilderwelt von Opfern, Klage, Liebe und Wundern! Immer wieder blättert man bei der Lektüre zurück zu den Abbildungen, um selbst wahrzunehmen, was Kermani entdeckt hat. Ein begnadeter „Kunstführer“! Seine engagierte Begegnung mit den Bildern, die in ihm selbst die Bewunderung und das ungläubige Staunen über das Christentum auslösen, wird für „christliche“ und „postchristliche“ Leser eine äußerst aufschlussreiche „Religionsstunde“ über den eigenen Glauben, die eigene Religiosität und die Bedeutung der christlich-kulturellen Tradition, die bis dato noch – wie lange noch? – unser Bewusstsein und tägliches Leben bestimmt.

Es ist beileibe nicht das Buch eines zum Christentum konvertierenden Moslems: Jesus als 2. Göttliche Person, der dreifaltige Gott, Kreuzesmystik, Gottesmutter Maria, Messopfer, Kommunion sind christliche „basics“, mit der ein Moslem sich nicht abfinden kann. Für jemanden, der kaum über den Tellerrand seiner eigenen christlichen Tradition hinausgesehen hat, ist es aber zumindest aufschlussreich zu lesen, worum es in der frühen Auseinandersetzung zwischen Islam und römischen Reichschristentum ging und bis heute geht, aber er wird auch bekannt gemacht mit der innigen Verwandtschaft  von christlicher und muslimisch sufistischer Mystik, die zeigt, dass beide Religionen ihre eigentliche Basis in ihrer sehnsüchtigen Liebe zu dem einen Gott haben. (Man lese das Kapitel über den Hl. Franziskus von Asissi.)

Man wünschte in der gegenwärtig negativ so aufgeheizten öffentlichen Diskussion über den Islam und das „christliche Abendland“, diesen besänftigenden Gedanken eine größere Präsenz. Man wünschte sich, dass dieses Buch nicht nur „christliche“ oder „postchristliche“ Leser, sondern auch viele muslimische Leser finden möge, die über dieses Buch so viel Schönes und Wichtiges ihrer eigenen religiösen Tradition finden können, das sie ohne Vorbehalte auch in einer „christlich“-„postchristlichen“ Gesellschaft leben lässt. Insyallah – Volesse Dio!

Eine unbedingte Leseempfehlung und besonderen Dank an meine Schwester H., die mir – wie schon so oft – auf die literarisch wichtige Fährte geholfen hat.   (KS)

Eine lebendige Begegnung mit der Steinzeit

Die Siberuter von Herwig Zahorka

DownloadEs gibt sie noch: Menschen, die ihr Leben heute im Jahre 2016 noch auf der Kulturstufe der Jungsteinzeit verbringen, in einer Lebensweise und Überlebenstechnik, die ihren Völkern über 5000 Jahre hinweg das Überleben ermöglichte. Ein solches Volk  gibt es noch auf der indonesischen Insel Siberut am Rande des Indischen Ozeans. Dort nämlich hat sich im Inneren der Insel ein Volk erhalten, das bis auf den heutigen Tag von der Jagd, dem Fischen, seinen Haustieren und den Früchten des tropischen Regenwalds lebt: Keine Bauern, sondern Jäger und Sammler.

Der Autor Herwig Zahorka, Forstdirektor a.D. und seit 1995  in Indonesien lebend, hat diese Insel mehrere Male besucht und darüber ein wunderschönes und ungemein kundiges Buch geschrieben: Wunderschön, weil das Buch reichhaltig mit farbigen Fotos ausgestattet ist, und kundig, weil der Autor nicht nur als interessierter Trekking-Reisender, sondern als Biologe / Forstexperte und Ethnologe seine Erfahrungen beschreibt. In einer Zeit, die historisch mit dem folgenreichen Verschwinden/Abholzung der letzten Urwälder Südostasiens verbunden sein wird,  eröffnet uns das Buch einen detaillierten Einblick in den völlig anderen Kosmos dieser Menschen, der bis dato den Urwald von Siberut schützte. Deshalb auch der Untertitel: „Mit ihrer steinzeitlichen Religion haben sie den Regenwald erhalten“

Daher ist der „Religion“ der Siberuter –  kulturhistorisch Animismus genannt –  sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, die uns sehr deutlich auf den Zusammenhang zwischen Natur/ Überleben und Religion hinweist: Die Natur ist beseelt und sie gehört nicht den Menschen. Der Wald und die Achtung seines Lebens und seiner Bewohner garantiert das Leben der Siberuter. Das verlangt die Einhaltung bestimmter Regeln und Tabus, die diesen Kosmos im Gleichgewicht halten. Wir erfahren vom Leben einer freundlichen, egalitären, Konflikte vermeidenden Stammesgesellschaft im tropischen Regenwald, in der Männer und Frauen gleichermaßen für ihre Familien sorgen. Männer und Frauen  schmücken sich mit Blumen und Blüten  und unterwerfen sich schmerzhaften Tätowierungen, um ihre Körper zu verschönern, damit ihre Seele gerne in ihren Körpern wohnt.

Durch die Freundschaft des Autors mit dem Schamanen Teopatrekere und seiner Familie kann der Leser sehr informiert an den Ritualen für Jagd, Krankheit und Tod teilnehmen, den Tänzen der Schamanen, die mit den mächtigen Geistern der Ahnen in Kontakt zu treten. Der Biologe Zahorka  belässt es nicht beim ungefähren Beschreiben oder Fotografieren der vorkommenden Pflanzen und Bäume: immer wird der Leser mit den exakten wissenschaftlichen (lateinischen) Bezeichnungen versorgt. So auch mit der Identifizierung der Pflanzenmixtur, die die Siberuter Jäger für ihr intelligentes Pfeilgift „omai“ verwenden, das für die Jagdtiere tödlich, für den Verzehr des Fleisches durch die Menschen aber ungefährlich ist.

Hochinteressant auch das Kapitel über die Jagdrituale der Steinzeitjäger, die sich seit tausenden von Jahren in abgewandelter Form bis in die Jagdgewohnheiten moderner mitteleuropäischer Jäger erhalten haben.Durch die genaue Beobachtung des Jagdtrophäenkults der Siberuter glaubt Zahorka auch, einige der ungelösten Deutungsrätsel der steinzeitlichen Höhlenmalereien etwa von Lascaux lösen zu können. Durch diese Bilder würde dem erlegten Jagdtier der Respekt erwiesen, der dessen Seele gebührt, ganz ähnlich wie der Schädel des erlegten Tieres, der  in der Uma, dem Haus der Siberuter, aufgehängt wird, um der Seele des Tiere ihren Ehrenplatz zuzuweisen.

Sehr berührend das Kapitel über den tragischen Tod eines kleinen Kindes, das mit den Mitteln der animistischen Medizin nicht mehr gerettet werden konnte. Die Empfehlung des Autors, der damals als Gast im Hause weilte, das schwerkranke Kind möglichst schnell  in ein Krankenhaus der Hafenstadt an der Küste zu bringen, wurde von der Familie nicht angenommen. Das Fazit der Schamanen, mit dem sich auch die Eltern abfanden: Die Seele des Kindes wollte nicht länger im Körper des Kindes bleiben! Für uns Europäer eine schwer zu akzeptierende Auskunft, wenn die moderne Medizin im Zweifelsfall hätte helfen können.

Eine wahrscheinlich doch hohe Kindersterblichkeit hat in der Vergangenheit ein starkes Anwachsen der Bevölkerung auf Siberut verhindert und scheint der Preis für die traditionelle Überlebensmöglichkeit zu sein. Ob sich die kommende Generation der Siberuter den „Segnungen“ der modernen Zivilisation, die für sie sehr wohl an den Küstenorten erreichbar ist, verweigern wird, darf bezweifelt werden, zumal die indonesische Regierung – geprägt von islamischen Grundanschauungen –  bis dato der Lebensform der Siberuter „Waldmenschen“ nicht sehr wohlwollend gegenüber steht. Die viel konkretere Bedrohung aber ist die Lizenz zum Abholzen der Wälder auf Siberut. Sollten diese Unternehmungen nicht zu stoppen sein, dann werden der Siberuter leider das gleiche tragische Schicksal erleiden wie die anderen Urvölker dieser Erde, denen es so lange gelang, zu überleben, ohne ihre Lebensgrundlagen zu vernichten.

Herwig Zahorka hat sein Buch eine Hommage an die Siberuter genannt und  ein kostbares Dokument über eines der letzten Urvölker Indonesiens verfasst, das sehr zurecht 2015 auf der Frankfurter Buchmesse  vorgestellt wurde. Dank an den Autor  und eine besondere Leseempfehlung für alle, die sich für das Indonesien abseits der Inseln Java und Bali interessieren. (KS)

Der legendäre Weltreisende – ein Nachruf

Der Fluch der bösen Tat   von Peter Scholl-Latour

psl fluchEs war Scholl-Latours letztes Buch –  ein Buch, das voll grimmiger Sorge die jüngsten kriegerischen Katastrophen  vor allem  im Vorderen Orient beschreibt, in den ihn seine letzte Reise noch einmal führte, bevor  der Tod  ihn 2014 im Alter von 91 Jahren von der Weltbühne holte.

Nein, noch eine Besprechung brauchte dieses Buch eigentlich nicht. Allein bei Amazon sind bis dato 150 Rezensionen eingegangen. Aber seit seinem  Buch „Tod im Reisfeld“ (1980) bin ich ein begeisterter Leser seiner Bücher und fühle mich nun in der Pflicht,  wenigstens zu seinem letzten Buch ein paar Zeilen zu schreiben.  Die hat er sicher verdient, der legendäre Weltreisende, der uns an so vielem Erlebten durch seine Bücher teilnehmen ließ.

Die Veröffentlichung seiner Memoiren 2015 hat der Autor  unzähliger Artikel und Bücher nicht mehr erlebt. Aber oft hat er ja schon in Interviews über die prägenden Momente seines Lebens Auskunft erteilt: Seine deutsch-französische familiäre Herkunft, die ihn als Sohn einer jüdischen Mutter mit Nazi-Deutschland in Konflikt brachte, seine Schulzeit in einem gymnasialen Internat der Jesuiten in der Schweiz, seine Verhaftung durch die Gestapo auf seinem Weg zu Titos Partisanen, seine Teilnahme als Fremdenlegionär am Indochina-Krieg mit der Kapitulation der französischen Kolonialarmee in Dien Bien Phu, sein Studium der Arabistik bei den Jesuiten im Libanon, um nur die wichtigsten frühen Erfahrungen zu nennen. Und obwohl er ja im Laufe seines Lebens fast alle Länder der Welt bereiste, hatte er ein ganz besonderes Verhältnis zu Südostasien und den Ländern des moslemischen Kulturkreises, und hier wiederum besonders zum schiitischen Islam.

Der Abschied des „Weißen Mannes“  Europas als bestimmender „global Player“,  der Aufstieg Chinas zur kommenden Weltmacht   und  vor allem der Aufbruch des Islam in die Moderne, das waren die großen Themen, denen seine  leidenschaftliche Aufmerksamkeit galt.   Eindringlich warnte er von den Konsequenzen für das Establishment der sog. Westlichen Welt, das diese  Veränderung irgendwie bis heute nicht wahrhaben will. Seine scharfe Kritik galt den amerikanischen und europäischen Akteuren, die durch ihre naive Interessenpolitik die desaströse Katastrophe im heutigen Nahen und Mittleren Osten verursacht haben. Daher auch der Titel des Buches vom „Fluch der bösen Tat“ mit dem Untertitel: „Vom Scheitern des Westens im Orient“.

Dieses Urteil  fällte er nicht von seinem europäischen Schreibtisch aus, sondern war als journalistischer Zeitzeuge vielfach bei schicksalhaften politischen Veränderungen vor Ort.  So  die von ihm immer wieder besprochene Begegnung mit dem Ayatollah Khomeini, bei dessen Rückkehr nach Teheran und der Gründung der Islamischen Republik Iran. Ausführlich  und lebendig seine Beschäftigung mit der „neuen“ Türkei Erdogans und der „kurdischen  Zeitbombe“, dem unglücklichen Schicksal Syriens und dem Scheitern des sog. „arabischen Frühlings“ in Libyen, Ägypten und Syrien. Und immer wieder seine Kritik an den politischen Entscheidungsträgern des Westens, ihre Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse anderer Völker und ihre Unfähigkeit, sich in deren Lage zu versetzen und ihre Motive zu verstehen.

Daher auch seine bittere Kritik der westlichen Politik im Umgang mit dem Russland Putins im Ukrainekonflikt, dem das erste Kapitel in diesem Buch gewidmet ist. Ein kurzer Blick in die entscheidenden Phasen und Fakten der jüngeren Geschichte dieses Landes, hätte womöglich einen anderen Umgang mit dem Problem verlangt, als nur mit wirtschaftlichen Sanktionen  zu agieren.

Zum Besten in Scholl-Latours Büchern gehören seine historischen Exkurse zu den bereisten Ländern und Ereignissen, die uns erleben lassen, auf welch brisantem Terrain sich der Reisende gerade befindet und die Dimensionen der gegenwärtigen Konflikte klar macht. Was z.B. bedeutet für den normalen deutschen Radiohörer schon, wenn von einer Bombe in der Moschee von Kerbela mit Hunderten von Toten berichtet wird, wenn man nicht weiß, welche Bedeutung diese Moschee für den schiitischen Islam hat? Scholl-Latour ergriffe da z.B. die Gelegenheit, uns eindringlich über den alles überschattenden Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten aufzuklären, der seit über 1400 Jahren die beiden großen moslemischen Konfessionen unversöhnlich trennt.

Diese historischen Exkursionen sind nun genau der Vorwurf, der ihm von seinen Kritikern aus dem Lager der kulturhistorischen und religiösen Fachwelt gemacht wird: seine Betrachtungen seien oft zu oberflächlich und nicht faktengerecht. Auch gibt es Leser, die ihm genau diese Ausflüge in die Geschichte übelnehmen, weil ihnen das alles zu fremd und überflüssig erscheint. Wir interessierte Leser sind aber doch froh, dass man uns nicht wie  „den Reiter über dem Bodensee“ im Unklaren belässt, welche historischen Abgründe wir gerade überqueren.

Ja „de mortuis, nisi nil bene“, („Über die Toten, nichts als nur Gutes!“ ) hätte Scholl-Latour vielleicht selbst gesagt. Aber für jemanden, der so vieles wusste und erlebt hatte wie er, war  Eitelkeit und Kritikresistenz sicher eine Gefahr.  Auch störte des Öfteren doch, wenn er  in seinen Büchern seinen Interviewpartnern  Passagen lang die eigenen Analysen in den Mund legte – den eigenen Erzählduktus inklusive. Ob ihm, dem Vielschreibenden, das wirklich unbemerkt geblieben ist? Hatten seine Verlagslektoren so wenig Korrekturbefugnisse?

Wie auch immer – eine zweite Gruppe seiner Kritiker warfen ihm nicht ganz unberechtigt vor, Geschichte vor allem unter militärstrategischen Gesichtspunkten zu referieren. „Si vis pacem, para bellum!“  („Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor“)  – davon war PSL sicher überzeugt. Und hier geht es eben um ganz grundlegende Überzeugungen über das Verhalten von Staaten und Gesellschaften zueinander.  So sehr Scholl-Latour z.B. auch die Politik der USA kritisierte, so sehr respektierte er deren militärische Stärke und die Kampfkraft ihrer Soldaten. Er dehnte dieses Faible für Stärke auch auf Religion und Kultur aus. So betrachtete er z.B. als Katholik  das 2. Vatikanische Konzil  mit der Öffnung der katholischen Kirche aus der römisch-lateinischen Enge in eine multikulturelle Welt  als strategischen Fehler.

Aber die Weisheit und Lebenserfahrung alter Männer ist eine Sache, die Bedeutung und das Umgehen mit neuen Situationen und Möglichkeiten eine andere. Ich denke, Scholl-Latour ist das Lebensgefühl und die Hoffnungen der jungen Generation,  die globale technische Vernetzung der Welt mit ihren Möglichkeiten fremd geblieben.  Wer möchte ihm, dem fast Hundertjährigen das vorwerfen?  Vielleicht hätte Scholl-Latour den Kohelet der Bibel, den Prediger Salomos zitiert: „Eine Generation geht, die andere kommt… alles hat seine Zeit und Stunde!“  oder eben den bitteren Vers des Dichters Omar Khayyam, den er auf der letzten Seite seines Buches zitierte:

„Alle die Heiligen, die hochgeschätzt                                                                                                 philosophierten, sind des Todes Raub.                                                                                                     Auch ihre Stimme wird nicht mehr gehört,                                                                                           ihr Mund ist vollgestopft mit Sand und Staub.“

Sic!

(KS)

Der Islam – an allem schuld – Fragezeichen ?

Der Islam-Irrtum von Michael Thumann

thumannVorneweg: Ein großartiges und ein dringend notwendiges Buch. Auch wenn man zunächst ein wenig über den Titel stutzt und vermuten könnte, wieder einmal hätte ein „Islamexperte“ versucht, uns zu helfen, den „wahren“ vom „falschen Islam“  zu unterscheiden. Aber schon der Untertitel hilft uns auf die richtige Spur: „Europas Angst vor der muslimischen Welt“.

 Dieser Angst, die derzeit in der westlichen Welt so bedrohliche Blüten treibt, möchte der Autor mit konkreten Reportagen aus eben dieser muslimischen Welt entgegentreten. Es geht ihm dabei nicht darum, irgendwelche Gefahren in und aus den Ländern des moslemischen Kulturkreises zu verharmlosen, sondern darum, die These, der Islam sei an allem schuld,  zu entmythologisieren. Deshalb auch das erste Kapitel: „Unsere Islam-Besessenheit“

Welche Rolle spielt die Religion konkret in den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens? Mit welchen Problemen sind die Länder dieser Region konfrontiert? Michael Thumann lebte als ZEIT-Korrespondent seit 2007 vor Ort in Istanbul und  veröffentlichte dieses Buch 2011 kurz nach den Ereignissen des sog. „Arabischen Frühlings“, in dem eine junge Generation sich gegen die alten korrupten Herrscher in ihren Ländern auflehnte. Das Buch  – heute in 2016 gelesen – berichtet noch nicht über die fatale Katastrophe, die sich mit dieser Auflehnung in Syrien anbahnte und auch noch nicht über die Entstehung des IS und seinen barbarischen Krieg gegen alle Parteien dieser Region.

Thumann berichtet von seinen investigativen Reisen in die Krisenregionen Kurdistans/Nordosttürkei, Nordiraks, Saudi-Arabiens, Ägyptens und des Libanon, berichtet von Gesprächen aus den Rückzugsquartieren der Muslimbrüder  in abgelegenen Wohnvierteln Kairos, mit Frauen aus den Glaspalästen in Riad, mit  islamischen „Neo-Fundamentalisten“ – so nennt er die jihadistische Fraktion der Islamisten – , mit CIA-Agenten und Hisbollah-Kämpfern, er erläutert die Bedeutung der neuen Medien und des Senders Al Jazira und die neuen ökonomischen Machtzentren am Persischen Golf. Besonders aufschlussreich für mich die Information über die Parteien und Kräfteverhältnisse in der Türkei, den Aufstieg und die Bedeutung der AKP, der Partei des Präsidenten Erdogan als Partei der anatolischen Aufsteiger als machtvolle Konkurrenz zu der alten laizistischen kemalistischen Beamten- und Militärelite der Türkei:  Die AKP als etwa so religiös wie  die CDU/CSU früherer Jahre in Deutschland.

Und hier also das Grundanliegen dieses Buches: Die im Westen überschätzte Rolle  des religiös fanatischen Islam in der Problematik dieser Länder. Nach der Analyse Thumanns sind ganz andere – uns sehr bekannte – Phänomene die eigentlichen Gefahren dieser Region auf ihrem Weg in die Moderne: Bevölkerungswachstum, Nationalismus, Kapitalismus, Diktatur und unterdrückte Minderheiten. Bei all diesen gewaltigen Kräften spielt der Islam als Religion keine entscheidende Rolle. Thumann lädt uns zu einem Gedankenexperiment ein und fragt dabei, ob auch nur eines der Probleme des Nahen Ostens gelöst wäre, wenn man sich den Islam aus der Problemlage wegdenken würde: Das Kurdenproblem, Israel und Palästina, Iran-Persien und Saudi Arabien, Ägypten und des Libanon?

Wenn ja, dann immer etwa in der Funktion, wie sie etwa Katholizismus und Protestantismus in den terroristischen Auseinandersetzungen in Nordirland früherer Jahre zwischen der IRA und England  gespielt hat. Es gilt also genau hinzuschauen, wenn die religiöse Karte in diesen Konflikten gezogen wird.

Man möchte allerdings den Autor fragen, ob das auch noch für ein Phänomen wie Al Quaeda und den IS zutrifft, oder etwa für den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak. Richtig und wichtig scheint der Hinweis, dass es sich auch da um den Machtanspruch der jeweiligen Clans  für diese Region handelt, denen die religiöse Motivation der Jihadis für ihren Machtkampf gerade nützlich ist. Die Länder der muslimischen Welt mit dem fanatischen Islam gleichzusetzen ist genauso falsch, wie die Jihadisten der muslimischen Welt weismachen möchten, die teuflische Kraft des Westens sei das Christentum Amerikas und Europas, das einen Kreuzzug gegen den Islam in aller Welt führen würde.

Auch wenn es ein fast verwegener Wunsch ist: Die Leute von Pegida, AfD und Co. möchten sich doch bitte die Lektüre dieses Buches gönnen, um zu erkennen, wie naiv und uninformiert ihre Parolen sind,  und sie genau in die Falle tappen, die ihnen die Propaganda der jihadistischen Desperados gestellt hat. Dringlich und bedeutsam wäre es aber, dass sich die verantwortlichen Politiker ein informierteres Bild vom Nahen und Mittleren Osten machen würden – dieses   Buch wäre sicherlich hilfreich. Videant Consules!

Danke an meine Schwester H., die mir dieses Buch zu lesen gab.(KS)

Erstaufnahme…

Im Folgendem ein Brief eines Arztes aus einem Flüchtlings-Erstaufnahmelager, den ich über Facebook zu lesen bekam. Raphaele Lindemann – so heißt der Arzt , hatte die öffentliche Debatte um das Schicksal der Flüchtlinge in Deutschland so aufgebracht, dass er sich entschloss, den folgenden Brief an die Öffentlichkeit zu schreiben. Ich finde ihn so wichtig und richtig, dass ich ihn  hiermit auch einem Publikum zugängig machen möchte, das eventuell nicht bei Facebook eingeloggt ist. (KS)

Raphaele Lindemann   ( auf Facebook gepostet am 28.01.2016)

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen. In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht gelungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…

Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“ zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.  Weiterlesen…

..beileibe keine Urlaubsschnäppchen!

P.J.Rourke – Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen

o'rourkeSchon der Buchtitel macht ja Laune und verrät etwas von dem Projekt, das offensichtlich nur mit einer ganzen Portion sarkastischen Humors zu bewältigen war. O’Rourkes  Reisen in elf Krisenregionen der Erde von 1984 bis 2005 waren wahrhaftig keine Urlaubsreisen – schon gar keine Urlaubsschnäppchen –,  sondern eher Dienstreisen eines engagierten Reporters, der es sich partout antun wollte, über den Zustand unserer Welt aus eigener Erfahrung zu berichten, besonders von dort, wo uns Normalurlaubern damals schon bei den Namen der Reiseziele die Lust am Reisen verging.

Oder wer von uns wäre schon gerne aus purer Reiselust 1984 in den Bürgerkriegs-Libanon, 1988 nach Nordirland oder in die palästinensische Intifada nach Israel, 1992 nach Bosnien oder 1997 nach Tirana usw. gereist? Orte des Schreckens, von denen man hoffte, dass sie möglichst bald keine Nachrichten mehr produzierten. Wir sind ja so gerne bereit zu glauben, dass ja alles schon irgendwie okay sei, wenn Radio und TV nichts mehr berichteten… O‘Rourke war trotzdem dort!

Dass es dem Autor vor Ort gelegentlich wie die Hölle vorgekommen sein mag, glaubt man gerne, wenn man seine Reportagen liest, mit der kleinen Einschränkung, dass es dann doch eher eine Form der Vorhölle gewesen sein muss, die ihm ja immer erlaubte, ihr wieder zu entkommen. Er besucht ja zumeist „Länder, in denen nichts funktioniert, aber alles irgendwie geregelt werden kann.“ Und das provoziert Pointen. Ein anderer Rezensent dieses Buches titelte: „ Man soll lieber einen Freund verlieren als eine gute Pointe“. Und die Pointen und geniale Formulierungen machen diese  Reiseberichte wirklich zum Lesevergnügen.

Kapitelüberschriften wie „Bummeltour durch den Libanon“, „Das Heilige Land – Gottes Affenhaus“ oder „Make Lunch, not War“  usw. verführen dazu zu glauben, man hätte es bei dem Autor eventuell mit einem literarischen Commedian zu tun – weit gefehlt.  Unter der Hand bekommt der Leser sehr viel detaillierte Information über Land und Leute.  Warum gehen sich Menschen einer bestimmten Region gegenseitig an die Gurgel, warum geht es einem Land so schlecht, wie es ihm eben geht? Sind die westlichen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Demokratie wirklich so universell hilfreich? Was hilft denn überhaupt einem armen Land wie Tansania?

O‘Rourke ist ein entschiedener Gegner staatlicher Programme,  und obwohl eigentlich überzeugter Vertreter des ökonomischen Laissez faire der “Chikago-boys“ Milton Friedmans, kommen ihm doch z.B. in Albanien recht sarkastische Gedanken zur menschlichen Freiheit beim Beschreiben des chaotischen Autoverkehrs von Tirana und dem Vertrauen der Menschen in die katastrophal gescheiterten Renditeversprechen albanischer Banken. Noch mehr Sarkasmus allerdings beim Autor, als er 2005 nach  Gouadeloupe in die Karibik reist, wo damals auch dort über  die Verfassung  der Europäischen Union abgestimmt wurde. „In Goudeloupe taten die Leute nicht viel – am allerwenigsten abstimmen….das Departement stimmte beim Referendum mit „Qui“, wenn auch nur mit einer Nichtstuer-Beteiligung von 22 Prozent….Der Flughafen war brechend voll, aber alle Duty-Free-Shops hatten geschlossen.“

…aber am Horizont geht es irgendwie weiter – warum und wohin, danach darf man unseren Autor vielleicht besser nicht fragen. Die Verhältnisse eignen sich nur schlecht für sichere Prognosen. Seine „Reiseerfahrungen in der Hölle“ jedoch, sind m.E. äußerst lesenswert  (KS)

Ps. Danke an meine belesene Schwester H. für das Buchgeschenk zu Weihnachten.

DAS – gar nicht so – INDONESISCHE GEHEIMNIS

 

Hella S. Haasse:    Das indonesische Geheimnis

haasseUm es vorweg zu schicken: Das Buch war für mich so spannend, das ich es in fast einem Rutsch gelesen habe. Die Kritik ist sich einig: der holländischen Autorin ist mit dem 2002 publizierten Roman ein großer Wurf gelungen, der ihr in Holland den Publikumspreis 2003 einbrachte.  2015, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel: „Das indonesische Geheimnis“. Wahrscheinlich habe ich es diesem Titel zu verdanken, dass mein lieber Schwager Werner mir, dem „Indonesien-Nerd“ dieses Buch als Weihnachtsgeschenk aussuchte. Ein Dankeschön an ihn sei nicht vergessen.

Ausgerechnet aber am Titel sei ein wenig Kritik erlaubt. Nach der Lektüre des Buches stellt sich nämlich die Frage, was denn an der beschriebenen Geschichte ein „indonesisches“ Geheimnis gewesen sein soll? Was ist an dem wahrscheinlichen Verhältnis der Freundin Dee mit dem Ehemann der Protagonistin Herma Warner so besonders „indonesisch“, dass es den deutschen Titel rechtfertigte? Auf Niederländisch heißt der Roman: „Sleuteloog“, und nach Recherchen im Wörterbuch müsste man das mit „Schlüsselloch“ übersetzen. Man möge mich berichtigen, aber so die Übersetzung korrekt ist, erscheint mir auch der holländische Titel nicht ganz passend, denn es ist überhaupt keine „Schlüsselloch-Story“, im Gegenteil. Das Ende geliebter Illusionen braucht auch hier kein Schlüsselloch.

Selbst wenn einem etwa ab der Hälfte des Romans der Verdacht beschleicht, dass die attraktive Freundin Dee (Adele) eventuell auch privat mehr mit Hermas späteren Ehemann Taco zu tun hatte, als Herma es wahr haben wollte, so ist das Verhältnis der beiden Freundinnen und ihrer Familien  in „Nederlands Indie“ der zwanziger und dreißiger Jahre zwar der rote Faden der Geschichte, das große beschriebene Thema jedoch ist ein anderes: Es ist der provozierte Rückblick der Protagonistin Herma auf ihre Kindheit und Jugend als privilegierte Angehörige der niederländischen Kolonialgesellschaft jener Jahre.

Der Autorin Hella S. Haasse – selbst 1918 in Batavia (Jakarta) geborene Holländerin – gelingt es mit großer literarischer Kunst, Menschen und Welt des damaligen Niederländisch-Indien lebendig werden zu lassen. Frau Mijers, Onkel Louis, Tante Non, Hermas Eltern, sowie Hermas Freundin Dee und ihre Mutter Nadia – allesamt engagiert gezeichnete Personen und Schicksale dieses exotischen Milieus.  Für uns Heutige besonders aufschlussreich: die Beschreibung der subtilen diskriminierenden  Abgrenzungen im Verhältnis der Angehörigen der niederländischen Kolonialgesellschaft untereinander, der Spannungen zwischen den „reinblütigen“ europäischen Kolonialbeamten und der alteingesessenen Kolonialelite, die schon über Generationen hinweg von einheimischen – indonesischen Müttern abstammte. Man ahnt, dass es im neuen Staat Indonesien für alle, die ihren Status und Einfluss irgendwie an ihrer niederländisch-europäischen Herkunft festzumachen versuchten, keine Zukunft geben würde.

Zitat: „ Ich bin ein Produkt dieser letzten, schwer zu definierenden Periode Niederländisch-Indiens, den beiden Jahrzehnten zwischen den Kriegen: Einschneidende, stürmische Entwicklungen unter dem Deckmantel einer scheinbaren Ordnung, die entweder nicht bemerkt oder verstanden, beziehungsweise von der einheimischen wie auch der ansässigen europäischen Elite falsch eingeschätzt wurden. Das alte Niederländisch-Indien, in dem man auch als Holländer mit allen Vor- und Nachteilen Wurzeln schlagen konnte, war verschwunden, und für die „hierzulande Geborenen rein europäischer Herkunft“, wie es damals offiziell hieß, gab es keine Heimat mehr.“

„Das indonesische Geheimnis“  ist die eindringliche Erzählung der letzten Phase von „Nederlands-Indie“, bevor 1942 mit der Besetzung Indonesiens durch die Japaner der endgültige Countdown des holländischen Kolonialreichs eingeläutet wurde und sich unter seinem Führer Sukarno  ein neues Land mit dem Namen „Republik Indonesia“ in einem grausamen vierjährigen Kolonialkrieg seinen Platz unter den unabhängigen Staaten der Welt erkämpfte. Damit war aber nicht nur ein Kolonialreich untergegangen, sondern es war auch der traumatische Exodus von über dreihunderttausend Menschen aus einem Land, das für sie die eigentliche Heimat gewesen war.

Wer über diese rein dramatischen Fakten hinaus, etwas über Denken und Fühlen dieser Menschen erfahren möchte, dem sei dieser Roman aufs wärmste  empfohlen. (KS)

Ein sehr kundiges Gespräch über dieses Buch ist hier zu hören in ARD- Mediathek 2015 SWR2:

Ein Gespräch über H.Haasse: Das indonesische Geheimnis

 

2015 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 1.500 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 25 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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