DAS JAHR DES GOCKELS

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Die guten Wünsche für uns von Peter Rosegger in meinem letzten Blogeintrag scheinen sich schwer zu tun im neuen Jahr 2017. Mit mehr Friede und mehr Wahrheit scheint es nicht gut bestellt zu sein, wenn es wahr ist, was wir in diesen Tagen lesen und sehen mussten, besonders aus den USA.

Auch intensives Augenreiben und Kopfschütteln hilft nicht weiter: Amerikas Wähler haben mit Donald Trump einen Präsidenten gewählt, der sich offensichtlich in der Rolle des Polit-Terminators gefällt, um aller Welt zu beweisen, was er für ein toller Kerl ist. Und das alles vor dem Banner mit Stars und Stripes als effektiver Kulisse. Der amerikanische Präsident als Hauptdarsteller in einer täglichen Live-Show, die belegen soll, wie er „America great again“ macht. Wie das mit Drohungen, Mauerbauplänen, Einreiseverboten usw. gelingen soll, bleibt unerfindlich. Was wir bis jetzt beobachten konnten, sind vor allem Signale eines nationalen Egoismus, der sich im Slogan „America  first!“ dokumentiert, mit dem Mr. Trump sich zum Sprecher des „weißen“ Yankee-Amerika gemacht hat, das immer noch glaubt, es verkörpere das eigentliche Amerika, das in den vergangenen Jahren von der anderen  (besonders der farbigen) Hälfte der Amerikaner und der übrigen Welt um seine Zukunft betrogen worden sei –  so die Wahlkampfreden des Mr. Trump.

Es gehört zu den tragischen Tatsachen demokratischer Wahlentscheidungen, dass dieser Präsident mit den Stimmen jener Wähler an die Macht gekommen ist, die von den Auswirkungen globaler ökonomischer Veränderungen besonders hart getroffen wurden: Leute, die an die Gerechtigkeit kapitalistischer Wirtschaftsfreiheit glaubten, denen man weisgemacht hat, dass die Obama-Regierung mit ihren sozialen Projekten sie verraten habe, und nun nach einem Staat rufen, der ihnen aus dieser Situation helfen soll. Der Mann, den sie groteskerweise dafür wählten, ist ausgerechnet ein Milliardär, der mit seinem Reichtum prahlt, nicht bereit ist, seine Steuererklärung öffentlich zu machen und sich dabei brüstet, in diesen USA kaum bis gar keine Steuern entrichtet zu haben, weil die unzureichenden Steuergesetze dieses Landes es ja ermöglicht hätten. Das ist zynisch, wenn es nicht besser mit tragisch zu bezeichnen wäre, angesichts der Hoffnungen, den seine arg gebeutelte Wählerklientel in ihn gesetzt hat.

Chinesen feiern in diesen Tagen seit dem 28. Januar nach ihrem Mond-Kalender das chinesische neue Jahr. Nach ihrem Horoskop steht nach dem Jahr des Affen 2016 dieses Jahr 2017 nun im Zeichen des Hahns, und zwar des Feuer-Hahns. Die astrologische Charakteristik des Hahns prägt also die Situation des ganzen Jahres. Ich gebe  zu, es ist ein wenig süffisant und stirngerunzelt,  die Erläuterungen der chinesischen Sterndeuter für dieses Jahr besonders auf die Situation in den USA zu applizieren. Denn nach chinesischer Astrologie gilt das für die Situation der ganzen Welt. Aber man wird zugeben, es passt doch sehr auf die Szene der USA 2017.  Was ist da über das Jahr des Hahns 2017 zu lesen? Es sei ein Jahr der spannenden Projekte, die nicht immer erfolgreich sein würden. Schlimmes sei nicht ausgeschlossen. Denn..

„Hähne neigen dazu, sich gerne auf besonders große (und viele) Projekte einzulassen. In ihrer Eitelkeit möchten sie dann nicht wahrhaben, dass selbst ihre unbestreitbaren Fähigkeiten einmal an ihre Grenzen stoßen. Ob im Privatleben oder auf der großen gesellschaftlichen und politischen Bühne: In diesem Jahr kann es immer wieder zu Konflikten kommen. Diplomatie gehört einfach nicht zu den Stärken des Hahns.“

Na dann, Rest der Welt,  mach dich auf etwas gefasst…. Es sei aber angemerkt, dass Donald Trump laut seinem Geburtsdatum vom 14. Juni 1946 nach chinesischem Horoskop im einem Jahr des Hundes geboren wurde, persönlich also die Chakteristika des Hundes auf ihn zutreffen würden. Neben all dem Positiven, das Hunden  so eigen ist, gibt es aber bei ihnen ja auch Exemplare, die nur bellen und nur Ärger  machen. Ganz ähnlich, wie es unter den stolzen Hähnen ja nicht nur für Hühner und  Küken notwendige Exemplare gibt, sondern auch solche, die sich ohne sozialen Nutzen vor allem besonders gockelhaft in Szene zu setzen wissen. Amerika im Jahr des Gockels? God  bless America! (KS)

 

NEUJAHRSWÜNSCHE 2017

Allen meinen Lesern ein gutes Jahr 2017 und Dank für ihr Interesse !

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Festliches Abschiedskonzert

Die Liebe zur Musik prägt sein Leben

Horst Berretz verabschiedet sich mit einem grandiosen Weihnachtskonzert von Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler

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Eschweiler, 17.12.2016 – Samstagabend, 19.15 Uhr:

Fulminant unterstützt von den Instrumentalisten des Orches­ters lassen die Sängerinnen und Sänger des Chors der Städtischen Musikgesellschaft die ersten quasi in Stein gemeißelten Worte des monumentalen „Weihnachtsoratoriums“ von Johann Sebastian Bach erdröhnen: „Jauchzet, froh­locket auf, preiset die Tage, rüh­met, was heute der Höchste ge­tan!“

Rund 90 Minuten später jauch­zen und frohlocken auch die zahl­reichen Konzertbesucher in der vollbesetzten Pfarrkirche St. Peter und Paul aufgrund des Hörgenus­ses, der ihnen zuvor beschert wurde. In die Freude, die die Lieb­haber klassischer Musik durch stehend dargebrachte Ovationen zum Ausdruck bringen, mischt sich neben ehrlicher Anerkennung allerdings auch mehr als ein klein wenig Wehmut. Denn mit dem Weihnachtskonzert 2016 geht für die Städtische Musikgesellschaft eine jahrzehntelange Ära zu Ende:

Das „Weihnachtsoratorium“ stellte für Horst Berretz, der als Lei­ter des erfolgreichen Ensembles dessen Geschicke mehr als 30 Jahre lang entscheidend prägte, das letzte Dirigat seiner Karriere dar. Somit schließt sich ein Kreis, der am 21. Dezember 1985 mit der Prä­sentation eines anderen Meilen­steins der Musikgeschichte seinen Anfang nahm: der Aufführung des „Messias“ von Georg Friedrich Händel.

Bereits vor Beginn des Konzerts strömte eine ganz und gar außergewöhnliche Stimmung und Atmo­sphäre durch das Gotteshaus, des­sen Bänke sich stetig füllten. Er­wartungsvoll lauschten die Besucher zunächst der „Sonata Pian e Porte“ von Giovanni Gabrieli, die mit ihrer wahrhaft ruhig und klar fließenden Melodie vielleicht auch ein wenig die bei allen Protagonisten spürbare Spannung löste. Und auch Horst Berretz trug sei­nen Teil dazu bei, als er vor Beginn des Oratoriums eine kurze Pause von einer knappen Minute ankün­digte: „Eine Brille fehlt“, so die ein­leuchtende Begründung.

Mit Pauken und Trompeten   

Sekunden später erklangen mit Pauken und Trompeten die ersten Takte von Bachs sechsteiligem Meisterwerk, dessen Uraufführun­gen während sechs Gottesdiensten zwischen dem Ersten Weihnachts­tag 1734 und dem Epiphaniasfest (6. Januar) 1735 durch den Leipzi­ger Thomanerchor erfolgten, und dessen erste drei Teile die Städti­sche Musikgesellschaft präsen­tierte.   Hochkonzentriert und kraftvoll sowie feinfühlig und nu­anciert nahmen sich Chor und Or­chester der herausfordernden Auf­gabe an.

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Beeindruckend als Evangelist: Tenor Raimund Fürst verkündete die Weih­nachtsgeschichte nach Lukas mit Nachdruck. Mitreißend: Anna Fischer (Alt) interpretierte die Arie „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben“ ausdrucksstark

Prachtvoll glückte das Zusam­menspiel mit den hervorragenden Solisten, die den Konzertabend ebenso prägten: Anna Fischer (Alt) interpretierte unter anderem die Arie „Bereite dich, Zion, mit zärtli­chen Trieben“ ausdrucksstark, die in Aachen geborene Sopranistin Maria Regina Heyne harmonierte wunderbar mit Bariton Erik Schmidt, als im Duett „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei“ erklang und Tenor Raimund Fürst brillierte als Erzähler, der den Zuhörern die Weihnachtsgeschichte nach Lukas näher brachte. Mit dem Choral „Herrscher des Himmels“ fand der dritte Teil des Oratoriums einen bewegenden Abschluss. Einem kurzen Moment der Stille folgte zunächst andächtiger, dann immer lautstärker werdender Ap­plaus.

Würdige Worte des Dankes sprach die stellvertretende Bürger­meisterin Helen Weidenhaupt, die als Vorsitzende des Kulturaus­schusses auch als Präsidentin der‘ Städtischen   Musikgesellschaft agiert: „Die Liebe zur Musik prägt Ihr Leben. Sie besitzen die Fähig­keit, auch andere Menschen für Musik zu begeistern. Mehr als drei Jahrzehnte lang ist es Ihnen gelun­gen, diese Begeisterung in die Musikgesellschaft hineinzutragen.“

„Auf eigenen Wunsch legen nun ihr Amt als Leiter des Orchesters und des Chors nieder. Sie hinterlassen große Fußstapfen“, sprach sie Horst Berretz direkt an, der auch von „seinen“ Musikern stürmischen Applaus erhielt, Petra Seeger, Leiterin des Amts für Schu­len, Sport und Kultur, überreichte ein Präsent, bevor noch einmal ein äußerst emotionaler Augenblick einen in Erinnerung bleibenden Konzertabend krönte.

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Helen Weidenhaupt dankte als stellvertretende Bürger­meisterin und Präsidentin der Musikgesellschaft dem scheidenden Leiter Horst Berretz im Namen der Stadt für sein Jahrzehnte langes Engagement.

Voll positiver Energie

Orchester und Chor der Musikgesellschaft ließen das Weih­nachtslied „Nun freut euch ihr , Christen“ erklingen und luden das Publikum traditionell zum Mitsin­gen ein. Voll positiver Energie schritten die Konzertbesucher an­schließend in den Abend hinaus. Und immer wieder war zu hören: ,„Wie hat es dir gefallen? Es war wunderschön!“

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 © Andreas RöchterEschweiler Nachrichten/Volkszeitung – 18.12.2016 ´

ps. Wir Mitglieder von Chor und Orchester verabschiedeten uns in einer anschließenden Feier im Restaurant „Talbahnhof“ in Eschweiler  gebührend von unserem langjährigen „Maestro“, der uns über so lange Jahre hinweg ohne  jede „Maestro- Attitüde“ immer wieder zu musikalischen Höhepunkten führte. Die Vorsitzenden von Chor und Orchester Doris Sommer und Thomas Graff  überbrachten den Dank der Mitglieder  und wünschten dem scheidenden  Dirigenten mehr Zeit und Muße für  Familie und sich selbst. Vielen Dank, Herr Berretz! 

Ab dem kommenden Jahr wird Herr Jeremy Hulin die musikalische Leitung der  Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler übernehmen. Wir freuen uns auf kommende Herausforderungen  unter neuer Führung. Viva la Musica! (KS)

Die schmutzigen Deals in Nah-Ost

Ein Satz in meinem letzten Blogbeitrag muss korrigiert werden. Das bin ich der historischen Wahrheit schuldig. Ich schrieb: „Den syrischen Diktator Assad stürzen zu wollen, ohne die Interessen von Putins Russland in die Überlegungen mit einzubeziehen, zeigt aufs Neue die unverständliche Naivität amerikanischer Außenpolitik im Nahen Osten.“  

Den ersten Teil des Satzes bleibt unverändert. Der zweite Teil aber, in dem ich der amerikanischen Außenpolitik „unverständliche Naivität“ unterstellte, darf aber keinesfalls so stehen bleiben. Es muss heißen „zynische Interessenpolitik der USA im Nahen Osten.“! Der Bonus der guten Absichten der USA lässt sich nach „Wiki-Leaks“ einfach nicht halten.

Auf der Suche nach einem roten Faden im Wirrwarr der derzeitigen Kriegskatastrophe in Syrien und im Irak, stieß ich bei YouTube auf einen Vortrag des Schweizer Historikers Dr. Daniele Ganser zum Thema, der sehr anschaulich die unsäglich banalen Hintergründe des derzeitigen Krieges erläutert:

Hier der Link: Dr. Daniele Ganser Es geht um Erdgas und Pipelines!  

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Die Hauptakteure: USA, , Saudi-Arabien, Katar auf der einen Seite, und Iran, Russland, Syrien auf der anderen Seite. Joker ist die Türkei Erdogans, die neben dem erwarteten Gas-Geschäft auch das Kurdenproblem erledigen will.   Der IS spielt nur solange eine eigene Rolle, als es den Hauptakteuren /Finanziers  nützlich erscheint.  Gerade wird er mit amerikanischer Hilfe aus der Millionenstadt  Mossul  vertrieben. Katar und Saudi-Arabien scheinen kein Interesse mehr an ihm zu haben.

Wem der Vortrag Gansers angesichts des Elends, das dieser Krieg über die Menschen dieser Region gebracht hat und bringt, vielleicht etwas zu salopp erscheint, dem sei als Lektüre der engagierte und detaillierte Essay Robert F. Kennedys, Jr. “Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“.

Dem Sohn des 1968 ermordeten amerikanischen Justizministers RobertF.Kennedy kann man wohl nicht „Antiamerikanismus“ und Verschwörungstheorie vorwerfen, wenn er die üble Rolle amerikanischer Außenpolitik und die verdeckten Operationen der CIA  im Nahen Osten erklärt.

Zwei weitere Artikel dazu habe ich im Netz entdeckt und  mit Interesse                                       1. 2013 Schmutzige Deals – Worum es im Syrien-Krieg wirklich geht                                       2. 2016: Energiekrieg um Syrien – Kämpfe nur entlang künftiger Pipelines                                 

Für mich – und wahrscheinlich für viele andere deutsche Zeitgenossen, die allen „Verschwörungstheorien“  ablehnend gegenüber stehen, ist es einfach deprimierend, eingestehen zu müssen, dass wir als  westliche Öffentlichkeit vom  CIA und von ihm beauftragter Werbeagenturen mit ganz gezielter desinformierender Information eingedeckt werden. Dass unsere Medien dem westlichen Partner USA gegenüber nicht kritisch genug sind und   die Schlagzeilen und Bilder im sog. „Krieg gegen den Terror“ über die barbarische Praxis des IS gerne aufgreifen, die sich ja besonders eignen, von wahren Motiven der Hauptakteure abzulenken. Wir glauben ja zu gerne, dass es um Menschenrechte, Demokratie und eine menschlichere Zukunft ginge und eben nicht um Gas und Pipelines.Desinformierende Information!

Unbestreitbar, dass nach dem unseligen Irak-Krieg des G.W.Bush und der „Cheney-Gang“  im destabilisierten Irak ein fataler Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten entbrannt ist, der ein barbarisches Gebilde wie den IS erst ermöglichte.  Dass man aber in den Planungsstäben des  CIA im Nachhinein glaubte, das eh brisante Potenzial der religiösen Differenzen der Muslime zu eigenen Zwecken manipulieren zu dürfen, das ist zynisch und verbrecherisch.

Es tut weh, einem eigentlich so sympathischen Präsidenten wie Barak Obama konstatieren zu müssen, dass er das falsche Spiel seiner Administration in Syrien (und übrigens auch in der Ukraine) mitgespielt hat, warum auch immer. Von seiner wahrscheinlichen Nachfolgerin Hillary Clinton ist in der Nahostproblematik eine andere Haltung kaum zu erwarten, nachdem sie als Außenministerin aktiv am „Regime-Change“ in Libyen beteiligt war.

Die auch  bei uns in Deutschland so gern geglaubte These: „Was gut für Amerika, ist auch gut für die Welt!“ – Die Flüchtlingskatastrophe ist der drastische Beleg des Gegenteils. (KS)

Aus dem Leben eines egomanen Prolls

Limonow  

von Emmanuel Carrere

downloadHätte ich nicht vor wenigen Wochen Emmanuel Carrere’s “Reich Gottes” mit großer Begeisterung gelesen, ich hätte wohl  sein Buch “Limonow” nicht in die Hand genommen. Und nun bin ich recht froh, es gelesen zu haben. Es ist eine so authentische Auseinandersetzung mit diesem Eduard Limonow und den Russen seiner Generation, dass man bei der Lektüre und ihrer Information fast überfordert wird.         Limonow  ist keine Romanfigur, sondern eine real existierender russischer Schriftsteller. Er selbst bezeichnet sich als “egomanen Proll”, und die Welt darf froh sein, dass er mit seinen Überzeugungen und Ambitionen nicht eine Führungsrolle in der russischen Politik übernehmen konnte.

Eine sehr kompetente Rezension des Buches ist  schon 2012 im SPIEGEL erschienen, in der sowohl das Buch als auch eine Einschätzung der Person Limonows nachzulesen ist.

Man erlaube mir aber noch einige zusätzliche Bemerkungen zum Buch, die für mich sehr aufschlussreich waren:   Carrere schildert sehr detailliert die Tage und Wochen des Zusammenbruchs der Sowjetunion und die Karrieren der neuen Machthaber des nationalen Russland, sowie den Aufstieg der sog. Oligarchen, die sich mit internationaler Hilfe  die russischen Bodenschätze unter ihre Kontrolle brachten – milliardenschwere Kleptokratie. Ebenso kenntnisreich und einfühlsam wird das Schicksal der einfachen Bevölkerung geschildert, die mit diesem Umbruch zurecht kommen musste, für die der – im Westen – so euphorisch gefeierte Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem als eine tägliche Versorgungskatastrophe erlebt wird.

Kritisch nachzufragen wäre vielleicht auch, ob Carrere  die Rolle, die das ökonomische Desaster, der verlorene Afghanistankrieg und die islamistischen Aufstände beim Zusammenbruch der Sowjetunion gespielt haben, unterschätzt und die zweifellos wichtige Veröffentlichung sowjetkritischer Bücher überschätzt hat.  Manchmal liest es sich so, als hätten Bücher und ihre Autoren die Sowjetunion zu Fall gebracht?

Carrere’s Buch sei aber all denen dringend empfohlen, für die das Wort “Putin-Versteher” ein beliebtes Schimpfwort ist, und die glauben, dass man es mit Putin nur mit einem zynischen Machtpolitiker zu tun habe, der einfach mit Repression und Gewalt seine eigenen Ambitionen verfolge. Sie wissen nicht oder wollen es nicht wissen, dass Putins Überzeugungen über Russlands Rolle in der internationalen Welt die Überzeugungen einer Mehrheit der russischen Bevölkerung sind, und dass viele Vertreter der – in den westlichen Medien unterstützten – russischen Opposition bei näherer Betrachtung wenig wünschenswerte Partner des Westens wären. Mehr „Delinquenten“ als „Dissidenten“, wie der SPIEGEL schrieb.

Putin ist und war beileibe kein „lupenreiner Demokrat“, wie  Gerhard Schröder behauptete, aber er ist ein –  inzwischen leider zu fast allem –  entschlossener russischer Patriot. Mir scheint ein Zitat aus einer Rede Putins von signifikanter Bedeutung: “Wer den Kommunismus wieder errichten will, hat keinen Verstand. Wer ihm nicht nachtrauert, hat kein Herz.” Aber  “Niemand hat das Recht, 150 Millionen Menschen zu sagen, dass siebzig Jahre ihres Lebens und des Lebens ihrer Eltern und Großeltern, dass alles, woran sie geglaubt und wofür sie gekämpft und sich geopfert haben, dass selbst die Luft, die sie atmeten, Scheisse gewesen sei. Der Kommunismus hat fürchterliche Dinge angerichtet, in Ordnung, aber er war nicht dasselbe wie der Faschismus. Die Gleichsetzung, die westliche Intellektuelle mittlerweile als selbstverständlich hinstellen, ist eine Schande.” (S. 406)

Die erneute Wiederwahl Putins in 2016  zeigt, dass eine  beachtliche Mehrheit der Russen hinter ihrem Präsidenten steht, der vor allem den USA klar gemacht hat, dass man mit Russland auch nach dem Ende der Sowjetunion auf Augenhöhe zu verhandeln habe. Obamas hingeworfene Bemerkung, “Russland sei ja schließlich nur eine Regionalmacht”, zeigt, wie wenig man  in den USA und in der NATO von Russlands Problemen verstanden hat.

Den syrischen Diktator Assad stürzen zu wollen, ohne die Interessen von Putins Russland als seinem Verbündeten in die Überlegungen mit einzubeziehen, zeigt aufs Neue die unverständliche Naivität amerikanischer Außenpolitik im Nahen Osten.  Die Rechnung bezahlt derzeit die syrische Bevölkerung. Man erzähle uns nicht, dass man das nicht hätte vorher wissen können…

Aber all das ist natürlich keine Rechtfertigung für Russlands derzeitige politisch-militärische Aktionen, wie zB. auch  die Krim-Annektion. Auch wenn es Putin partout nicht gefallen sollte, seine jüngste Politik ähnelt fatal der Hitlerschen Nationalpolitik der frühen dreißiger Jahre, die ja als gerechtfertigte Reaktion auf die ungerechte Behandlung Deutschlands in den Friedensverträgen von Versailles vermittelt wurde. Auch hinter dieser Politik stand damals eine Mehrheit der Bevölkerung, wie sie in Russland heute hinter Putin steht. Es sollte dem intelligenten Putin aber auffallen, dass sein ehemaliger Radikalkritiker Limonow und seine „Nationalbolschewiki“, die er früher mit aller Härte bekämpfte, heute fast geschlossen seine Politik unterstützen und nur pro forma weiterhin als Dissidenten verstanden werden wollen.

Echte „Putin-Versteher“ wissen aber, wo das „Verständnis für Putin“ endet und Klartext geredet werden muss.  Es sieht leider nicht gut aus. (KS)

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Nachtrag vom 14.10.2016

Hier eine weitere sehr detaillierte, dreiteilige Beschäftigung mit „Limonow“ :

https://le-bohemien.net/2016/05/18/eduard-limonow/

Liebe und Tod auf Pulau Buru

ALLE FARBEN ROT

von Laksmi Pamuntjak

ambaEin großartiger Roman und ein wichtiges Buch für  das Indonesien von 2015, das aber auch  international für Aufmerksamkeit sorgte. Als deutscher Leser  muss man allerdings ein wenig Geduld haben mit deutschen Titel: „Alle Farben rot“. Er erschließt sich erst im letzten Kapitel. Im indonesischen Original heißt das Buch einfach nur: AMBA und ist der Erstlingsroman der Autorin Laksmi Pamuntjak, die mit diesem Buch sehr zu Recht  auf die Frankfurter Buchmesse 2015 eingeladen wurde.

Inhalt

Oberflächlich betrachtet ist „Amba“ eine triviale Dreiecksgeschichte: Eine junge Javanerin, in ihren tragischen Gefühlen zwischen zwei bzw. drei Männern, wie sie sich leider häufig in der Welt ereignet – wenn da nicht 1. die Namen der Protagonisten und 2. der Zeitrahmen wäre, in der das Beziehungsdrama sich abspielt.

Die Namen Amba, Bhisma und Salwa sind nämlich die Namen der mythischen Akteure aus dem hinduistischen Sagendrama „Mahabharata“. Deren tragisch verflochtenes Schicksal ist die Matrix für das moderne Drama, das im Indonesien der 1960-er Jahre spielt und sich bis zum Jahr 2009 hinzieht. Es ist die Zeit vor und nach der Machtübernahme des Generals Suharto, die Zeit des Massenmords und der Diskriminierung von Millionen Menschen, die verdächtig werden, einen kommunistischen Staatsstreich unterstützt zu haben.

Die Erzählung beginnt 2006 auf der Insel Buru mit der Suche  über sechzigjährigen Amba nach dem Grab ihres Geliebten und Vater ihrer Tochter Srikandi, den sie vor fast vierzig Jahren aus den Augen verloren hat. Amba, 1965 eine junge Englischstudentin in Jogyakarta, wird von ihren Eltern mit Salwa verlobt, einem  jungen liebenswerten Uni-Dozenten , den sie zwar nett findet, aber  nicht liebt. Bei einem Praktikum als Übersetzerin begegnet sie dem attraktiven Assistenzarzt Bhisma und verliebt sich hoffnungslos in ihn. Bhisma erwidert ihre Liebe und die beiden werden ein Paar. Bhisma stammt aus einer begüterten Familie in Jakarta, hat in Holland und Ostdeutschland Medizin studiert und ist aus dieser Zeit mit vielen Akteuren und Künstlern aus dem sozial-revolutionären Umfeld befreundet.

Im Oktober 1965 nehmen Bhisma und Amba in Jogyakarta an einer demonstrativen Totenfeier für Bhismas ermordeten Studienfreund Untarto, einem angesehenen PKI-Kader  teil, als die Veranstaltung plötzlich von einem Überfallkommando des Militärs unter Beschuss genommen wird. Im Strudel dieser Ereignisse, verlieren sich Amba und Bhisma aus den Augen. Als Amba noch Monate lang später keine Nachricht von Bhisma erhält, beginnt sie an seiner Liebe zu zweifeln, vermutet eine Verbindung Bhismas zu einer anderen Frau. Von Bhisma schwanger, kann Amba nicht zurück zu ihrer Familie. Sie löst die Verlobung mit Salwa und zieht mit dem deutsch-amerikanischen Englischdozenten Adelhard Eilers nach Jakarta, wo die beiden heiraten, und für die Tochter Srikandi sich in den Folgejahren eine gemeinsame Existenz aufbauen

Bhisma jedoch, ist nach den Ereignissen vom Oktober 1965 in Jogyakarta der Kontakt zu Amba verrwehrt, weil  er  als PKI-Sympathisant von den Häschern des Suharto-Regimes verhaftet  und in deren Spezialgefängnissen verschwindet. Auch möchte er verhindern, dass Amba eventuell auch noch verhaftet wird. Später wird er als einer von 12000 Schicksalsgenossen auf die Gefangeneninsel Buru – den Gulag der Suharto-Ära, -deportiert. Er überlebt das Arbeitslager und könnte 1979  nach seiner Entlassung nach Java zurückkehren. Er entschließt sich aber, auf der Insel Buru zu bleiben, wo er der armen Dorfbevölkerung als hochgeschätzter Arzt und Heiler zur Verfügung steht, bis er 2006 bei einer zufälligen Begegnung von einem Ex-Häftling  erschossen wird.

Eine E-Mail eines unbekannten Absenders macht Amba auf den Tod des ehemaligen Geliebten aufmerksam. Amba reist auf die Insel Buru, findet das Grab und ein Bündel versteckter Briefe Bhismas, in denen sie lesen muss, dass sie immer die einzige wahre Liebe Bhismas gewesen war.  Tief getroffen  muss Amba sich eingestehen, mit ihrem damaligen eifersüchtigen Zweifeln an der Liebe Bhismas schuldig geworden zu sein und mit diesem Wissen jetzt weiterleben zu müssen.

Fazit

Laksmi Pamuntjak hat sich mit diesem, 650 Seiten starken, Roman viel vorgenommen.  Beeindruckend: die poetische Kraft ihrer Sprache, ihre sensibel kenntnisreiche Schilderung der javanischen Familien-Verhältnisse, die profunde Recherche der politisch sozialen Problematik der späten Sukarno-Ära und der Lebensumstände auf der Gefangeneninsel Buru.

Frau Pamuntjak 1971 geboren, erlebt Kindheit und Jugend in der „Orde Baru“ (Neuen Ordnung) der Suharto-Ära, die 1997 zu Ende geht. Sie gehört zu der Generation, der von klein auf eingetrichtert wurde, dass  der Militärputsch und die damit verbundenen  Gräueltaten notwendig gewesen seien zur Rettung Indonesiens vor der kommunistischen Gefahr. Das damit begangene Unrecht an Millionen Bürgern und ihren Familien wurde einfach geleugnet, die Kritik daran verboten und verfolgt.

Und hier beginnt die mutige Brisanz dieses Buches, das ja vor allem für indonesische Leser geschrieben wurde. Die Autorin lässt den Leser – das ist vor allem die junge Generation Indonesiens – lebendig teilnehmen an einer Zeit – 1965, in der Präsident Sukarno, der Nationalheld  der Unabhängigkeit, das neu entstandene Indonesien mit seiner Politik in ein sozial-ökonomisches  Desaster gesteuert hatte, das einen Umsturz geradezu herausforderte.    Die für den deutschen Leser oft ermüdend vielen Namen von Orten, Organisationen, Abkürzungen und Erklärungen, sind für den indonesischen Leser von großer Bedeutung, zeigen sie doch, dass die Ereignisse von 1965 doch anders gesehen und bewertet werden müssen, als es die offizielle indonesische Geschichtsschreibung vermitteln wollte.

Eine zweite Ebene ist für das heutige Indonesien von Bedeutung: Der Konflikt der Frauen und Mädchen zwischen der Jahrhunderte gültigen Familientradition, sich den Wünschen der Eltern zu beugen und dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Amba muss erfahren, welchen Preis die Verhältnisse von einer jungen Frau fordern, deren Schicksal es ist, ihren Weg alleine gehen zu müssen. Wie im Mahabharata gibt es kein einfaches Happy End als mögliche Lösung, sondern nur den Willen, sich dem Schicksal aufrecht zu stellen. (KS)

ps. Ein ganz großes Lob für die deutsche Übersetzerin Martina Heinschke, der eine beeindruckende Übertragung aus dem Indonesischen gelungen ist. Danke!

 

Verlag Ullstein 2015 – ISBN-10: 35500808

MOHAMED – EINE ABRECHNUNG

Hamed Abdel-Samad:   Mohamed – Eine Abrechnung

Abdel-Samads persönliche Recherche zum religiösen „Über-Ich“ des Islam.

Dieses41EZc0UMoKL._AC_US160_ Buch, 2015 im Droemer-Verlag erschienen, hat eine gewaltige Resonanz im Leserpublikum erfahren,  von überschwänglichem Lob bis zu aggressiver Ablehnung im muslimischen Milieu. (siehe Diskussion bei Amazon)             Um es vorweg zu nehmen: Auch wenn man einige Exkurse des Autors (zB:  Mohamed und Maffia u.ä.) für entbehrlich hält, so ist das Buch hoch interessant und empfehlenswert für alle, die sich mit Mohamed und dem Koran noch nicht näher befasst haben. Eine Fundgrube an detaillierter Recherche zum Thema. Vieles wird verständlicher auch an der Situation des Islam in 2016. Kein wissenschaftliches Buch, sondern – wie der Untertitel sagt – „Eine Abrechnung“ des Autors mit dem „Über-Ich“ der Religion seiner Kindheit und Jugend.

„Als ich noch ein streng gläubiger Muslim war, dachte ich, ich wüsste alles über Mohamed, nur weil ich seine Biographie, den Koran und seine zahlreichen Hadithe – seine außerkoranischen Aussagen – gelesen hatte.“ Das schreibt der Autor in der Einführung zu diesem Buch. Und mit dieser Ansicht ist er einer von etwa einer Milliarde Muslimen, seien sie nun mehr oder weniger orthodox, für die aber alle  der Prophet Mohamed und der Koran in einer streng sanktionierten Sphäre unantastbar und nicht hinterfragbar akzeptiert sind.  Abdel-Samad beschreibt dann, wie er im Rahmen seines religionshistorischen Studiums in Deutschland immer mehr in eine kritische Distanz zum Koran und zu Mohamed sich gedrängt sah.

Ist es einem kritischen Verstand von 2015 vorstellbar, dass der Koran  die bis in jede Sure korrekt überlieferte Version eines Buches ist, das in seinem Urtext im Himmel Allahs niedergelegt sein soll? Ist der historische Mann Mohamed wirklich der heilige „beste aller Menschen“, das „Siegel der Propheten“ Gottes? Was weiß man über die Biografie Mohameds, die großen Teils einfach eine Hagiographie – die Legende eines Heiligen, der laut Abdel-Samads Resümee eben nun gar kein Heiliger ist, sondern der durch sein persönliches Schicksal geprägte, ethisch-humanistische Prediger von Mekka, im Laufe seiner kriegerischen Erfolge zum intoleranten Kriegsfürsten von Medina wird.  Wie steht es um die heilige Autorität eines Buches, auf dessen wortwörtliche Zitate sich auch die barbarischen Dschihadisten berufen dürfen, auch wenn der sog. moderate Islam ihnen das im Namen des „wahren Islam“ lautstark verbieten will?

Der Autor fordert eine durchgreifende Reform des Denkens, die nichts weniger ist, als das, was die europäische Aufklärung dem  Christentum Europas  zumutete. Muslime müssen wagen, den Propheten Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu befreien, den Koran aus seinem literargeschichtlichen Kontext zu verstehen und die sozial-politischen Vorstellungen in dem Jahrhundert zu belassen, wo sie hingehören – im 7. nachchristlichen Jahrhundert.

Dass das kein leichtes Unternehmen sein wird, zeigt die Reaktion ägyptischer Muftis, die den Autor wegen Beleidigung des Islam und des Propheten – sich auf die Autorität des Korans berufend – mit einer „Todes-Fatwah“ belegt haben und den Autor derzeit zwingen, sein Leben von deutscher Polizei rund um die Uhr beschützen zu lassen. Der Autor ist belesen genug, um zu wissen, dass ähnliches auch einem katholischen Apostaten des 18. Jahrhunderts geblüht hätte. Ob ihn dass trösten wird? Ich glaube kaum.  Aber großer Dank und Respekt an den Autor für das notwendige  Buch im 21. Jahrhundert. (KS)

Das bittere Resümee des Robert.F.Kennedy, Jr.

Allen, die schon immer überzeugt waren, dass die Kriegskatastrophe im Irak und Syrien nicht einfach die grausame Veranstaltung fanatisierter Moslems sei, dem sei  der unten zitierte Artikel  Robert F.Kenndys, Jr. empfohlen, den er im Internetportal http://www.politico.eu publizierte.  Ein bitteres Resümee US-amerikanischer Politik im Nahen und Mittleren Osten, das der Sohn des 1968 ermordeten Justizministers Robert Kennedy hier zieht. Mit „uns“ in der Überschrift ist natürlich vor allem die US-amerikanische Öffentlichkeit gemeint, die blind den patriotischen Parolen ihrer republikanischen Politiker vertraut und sich weigert, zu erkennen, dass die entscheidenden Akteure die Lobbyisten der großen amerikanischen Konzerne sind, die ihre Claims für das globale Big Business abstecken. „War is a racket“ befand schon 1935 General Smedley D. Butler, der für diese Art von Politik in den Krieg geschickt wurde. (KS) 

Warum die Araber uns in Syrien nicht wollen

Von Robert F. Kennedy, Jr.

160317_kennedyAuch da mein Vater von einem Araber ermordet wurde, habe ich mir die Mühe gemacht, die Auswirkungen der US-Politik im Nahen Osten und insbesondere die Faktoren zu verstehen, die zu manchmal blutrünstigen Reaktionen der islamischen Welt gegen unser Land führen. Wenn wir uns auf den Aufstieg des Islamischen Staates fokussieren und uns auf die Suche nach dem Ursprung der Gewalt machen, die so vielen Unschuldigen in Paris und San Bernardino das Leben gekostet hat, müssen wir möglicherweise über die einfachen Erklärungen von Religion und Ideologie hinausblicken. Stattdessen sollten wir die komplexeren Gründe in der Geschichte und im Öl untersuchen, die die Schuld – wie so oft – auf uns zurückverweist.
Sie hassen uns nicht für „unsere Freiheit“. Sie hassen, dass wir unsere Ideale in ihren Ländern verraten haben – für Öl.

Amerika blickt auf eine unappetitliche Tradition an gewalttätigen Interventionen in Syrien zurück. Dies ist dem amerikanischen Volk wenig bekannt, dafür umso mehr jedoch den Syrern. Diese Ereignisse bereiteten den fruchtbaren Boden für den gewaltsamen Islamischen Dschihad, der jetzt eine wirksame Antwort unserer Regierung auf die Herausforderung von ISIL erschwert. Solange sich die amerikanische Öffentlichkeit und Politiker dieser Vergangenheit nicht bewusst sind, verschärfen weitere Eingriffe nur die Krise. Außenminister John Kerry hat in dieser Woche einen „vorläufigen“ Waffenstillstand für Syrien angekündigt. Aber seit der Einfluss und das Ansehen der USA in Syrien auf eine Minimum gesunken sind – und der Waffenstillstand nicht die wichtigsten Kämpfer wie den Islamischen Staat und Al Nusra einschließt –, ist er bestenfalls auf einen brüchigen Waffenstillstand begrenzt. Ähnlich dürfte die von Präsident Obama zunehmende militärische Intervention in Libyen, wo letzte Woche US-Luftangriffe auf ein Trainingslager des Islamischen Staates zielten – die Radikalen wahrscheinlich mehr stärken als schwächen. Wie die „New York Times“ am 8. Dezember 2015 auf der Titelseite berichtete, arbeiten politische Führer und die strategische Planung des Islamischen Staates daran, eine US-amerikanische militärische Intervention zu provozieren. Sie wissen aus Erfahrung, dass dies ihre Reihen mit freiwilligen Kämpfern überschwemmen, die moderaten Stimmen übertönen und die islamische Welt gegen Amerika vereinigen wird.

Um diese Dynamik verstehen zu können, müssen wir die Geschichte aus der syrischen Perspektive und insbesondere die Wurzeln des aktuellen Konflikts betrachten. Lange bevor unsere Besetzung des Iraks 2003 sunnitische Aufstände auslöste, die die Gestalt des Islamischen Staat annahmen, hatte die CIA den gewaltsamen Djihad als Waffe des Kalten Kriegs genährt und dadurch giftiges Gepäck verschickt, das die Beziehungen zwischen Syrien und der USA belastet.

Dies geschah in den USA nicht ohne Kontroverse. Nach einem gescheiterten Putsch der CIA in Syrien, brachte im Juli 1957 mein Onkel, Senator John F. Kennedy, das Weiße Haus samt Präsident Eisenhower, die Führer der beiden Parteien und unsere europäischen Verbündeten gleichzeitig mit einer historischen Rede auf, in der er das Recht auf Selbstbestimmung in der arabischen Welt und ein Ende der amerikanischen imperialistischen Einmischung in den arabischen Ländern befürwortete. Im Laufe meines Lebens, und besonders während meiner häufigen Reisen in den Nahen Osten, haben mich unzählige Araber liebevoll an diese Rede als die klarste Verkündung eines Idealismus erinnert, den sie von den USA erwarteten. Kennedys Rede war ein Aufruf zur Neuausrichtung Amerikas auf die hohen Werte unseres Landes, die in der Atlantik-Charta festgeschrieben sind; die formelle Zusage, dass alle ehemaligen europäischen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg das Recht auf Selbstbestimmung haben würden. Franklin D. Roosevelt hatte Winston Churchill und die anderen Führer der Alliierten dazu gedrängt, die Atlantik-Charta im Jahre 1941 als Voraussetzung für die US-Unterstützung in dem europäischen Krieg gegen den Faschismus zu unterzeichnen.

Dank Allan Dulles und der CIA, deren außenpolitische Intrigen oftmals im direkten Widerspruch zur erklärten Politik standen, wurde der in der Atlantik-Charta skizzierte idealistische Weg nicht eingeschlagen. Im Jahr 1957 setzte mein Großvater, Botschafter Joseph P. Kennedy, auf einen geheimen Ausschuss zur Untersuchung des illegalen Treibens der CIA im Nahen Osten. Der sogenannte „Bruce-Lovett Report“, dessen Unterzeichner er war, beschrieb CIA-Umsturzpläne in Jordanien, Syrien, Iran, Irak und Ägypten, die alle auf der arabischen Seite allgemein bekannt waren. Den amerikanischen Bürgern blieben sie so gut wie unbekannt und man glaubte auch den Dementis unserer Regierung. Der Bericht machte die CIA für den grassierenden Antiamerikanismus verantwortlich, der auf mysteriöse Weise „heute in vielen Ländern der Welt“ verwurzelt ist. Der Bruce-Lovett Bericht wies darauf hin, dass solche Interventionen konträr zu den amerikanischen Werten stünden und Amerikas internationale Führung und moralische Autorität ohne das Wissen des amerikanischen Volkes kompromittierten. Der Bericht sagte auch, dass die CIA nie darüber nachgedacht habe, wie wir auf solche Eingriffe reagieren würden, wenn ausländische Regierungen sie in unserem Land inszenieren würden.

Das ist diese blutige Geschichte, die moderne Interventionisten wie George W. Bush, Ted Cruz und Marco Rubio auslassen, wenn sie ihren narzisstischen Tropus, dass die Nationalisten des Mittleren Osten „uns für unsere Freiheit hassen“, rezitieren. Der größte Teil tut es nicht, stattdessen hassen – sie uns für die Art, wie wir diese Freiheiten verraten – unsere eigenen Ideale – innerhalb ihrer Grenzen.

Damit die Amerikaner wirklich verstehen, was vor sich geht, ist es wichtig auf einige Details der schäbigen, aber kaum in Erinnerung gebliebenen Geschichte zurückzublicken.

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Mit Dank an das Internetportal://www.nachdenkseiten.de/, das den Artikel für deutsche Leser zugängig machte. (KS)

UNGLÄUBIGES STAUNEN

Bildbetrachtungen von und mit Navid Kermani

kermaniJemanden wie mich, der – ich gestehe es – leider noch kein Buch von Navid Kermani gelesen hatte, machte der Titel richtig neugierig: „Ungläubiges Staunen“.  Über was wird hier „ungläubig gestaunt“? Untertitel: Über das Christentum. (Sic!) Zweite Frage: Wer staunt denn hier ungläubig? Das ist nach eigenem Bekenntnis zunächst einmal der Autor selbst: Navid Kermani, ein in Köln lebender deutsch-iranischer Schriftsteller, der mir  in  den vergangenen Jahren durch engagierte Reden und  politische Stellungnahmen deutschlandweit bekannt wurde. Kermani ist Moslem, bekennender Schi’it der muslimischen Tradition seiner aus dem Iran stammenden Familie. Er hat Philosophie und Theaterwissenschaften studiert, in Orientalistik promoviert und staunt über –  das Christentum!

Zu 40 Begegnungen mit christlichem Leben und christlicher Kunst, vornehmlich bedeutenden religiösen Gemälden in Kirchen und Museen nimmt er uns Leser mit. Als schi’itischem Moslem sind ihm Bilder nicht so fremd, wie einem Gläubigen der sunnitischen Tradition. Trotzdem erzeugt er in einem kulturell christlich geprägten Leser „ungläubiges Staunen“ über so viel kenntnisreiche und einfühlsame Betrachtung christlicher Kunst. Wie viel Verständnis für die christliche  Bilderwelt von Opfern, Klage, Liebe und Wundern! Immer wieder blättert man bei der Lektüre zurück zu den Abbildungen, um selbst wahrzunehmen, was Kermani entdeckt hat. Ein begnadeter „Kunstführer“! Seine engagierte Begegnung mit den Bildern, die in ihm selbst die Bewunderung und das ungläubige Staunen über das Christentum auslösen, wird für „christliche“ und „postchristliche“ Leser eine äußerst aufschlussreiche „Religionsstunde“ über den eigenen Glauben, die eigene Religiosität und die Bedeutung der christlich-kulturellen Tradition, die bis dato noch – wie lange noch? – unser Bewusstsein und tägliches Leben bestimmt.

Es ist beileibe nicht das Buch eines zum Christentum konvertierenden Moslems: Jesus als 2. Göttliche Person, der dreifaltige Gott, Kreuzesmystik, Gottesmutter Maria, Messopfer, Kommunion sind christliche „basics“, mit der ein Moslem sich nicht abfinden kann. Für jemanden, der kaum über den Tellerrand seiner eigenen christlichen Tradition hinausgesehen hat, ist es aber zumindest aufschlussreich zu lesen, worum es in der frühen Auseinandersetzung zwischen Islam und römischen Reichschristentum ging und bis heute geht, aber er wird auch bekannt gemacht mit der innigen Verwandtschaft  von christlicher und muslimisch sufistischer Mystik, die zeigt, dass beide Religionen ihre eigentliche Basis in ihrer sehnsüchtigen Liebe zu dem einen Gott haben. (Man lese das Kapitel über den Hl. Franziskus von Asissi.)

Man wünschte in der gegenwärtig negativ so aufgeheizten öffentlichen Diskussion über den Islam und das „christliche Abendland“, diesen besänftigenden Gedanken eine größere Präsenz. Man wünschte sich, dass dieses Buch nicht nur „christliche“ oder „postchristliche“ Leser, sondern auch viele muslimische Leser finden möge, die über dieses Buch so viel Schönes und Wichtiges ihrer eigenen religiösen Tradition finden können, das sie ohne Vorbehalte auch in einer „christlich“-„postchristlichen“ Gesellschaft leben lässt. Insyallah – Volesse Dio!

Eine unbedingte Leseempfehlung und besonderen Dank an meine Schwester H., die mir – wie schon so oft – auf die literarisch wichtige Fährte geholfen hat.   (KS)

Eine lebendige Begegnung mit der Steinzeit

Die Siberuter von Herwig Zahorka

DownloadEs gibt sie noch: Menschen, die ihr Leben heute im Jahre 2016 noch auf der Kulturstufe der Jungsteinzeit verbringen, in einer Lebensweise und Überlebenstechnik, die ihren Völkern über 5000 Jahre hinweg das Überleben ermöglichte. Ein solches Volk  gibt es noch auf der indonesischen Insel Siberut am Rande des Indischen Ozeans. Dort nämlich hat sich im Inneren der Insel ein Volk erhalten, das bis auf den heutigen Tag von der Jagd, dem Fischen, seinen Haustieren und den Früchten des tropischen Regenwalds lebt: Keine Bauern, sondern Jäger und Sammler.

Der Autor Herwig Zahorka, Forstdirektor a.D. und seit 1995  in Indonesien lebend, hat diese Insel mehrere Male besucht und darüber ein wunderschönes und ungemein kundiges Buch geschrieben: Wunderschön, weil das Buch reichhaltig mit farbigen Fotos ausgestattet ist, und kundig, weil der Autor nicht nur als interessierter Trekking-Reisender, sondern als Biologe / Forstexperte und Ethnologe seine Erfahrungen beschreibt. In einer Zeit, die historisch mit dem folgenreichen Verschwinden/Abholzung der letzten Urwälder Südostasiens verbunden sein wird,  eröffnet uns das Buch einen detaillierten Einblick in den völlig anderen Kosmos dieser Menschen, der bis dato den Urwald von Siberut schützte. Deshalb auch der Untertitel: „Mit ihrer steinzeitlichen Religion haben sie den Regenwald erhalten“

Daher ist der „Religion“ der Siberuter –  kulturhistorisch Animismus genannt –  sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, die uns sehr deutlich auf den Zusammenhang zwischen Natur/ Überleben und Religion hinweist: Die Natur ist beseelt und sie gehört nicht den Menschen. Der Wald und die Achtung seines Lebens und seiner Bewohner garantiert das Leben der Siberuter. Das verlangt die Einhaltung bestimmter Regeln und Tabus, die diesen Kosmos im Gleichgewicht halten. Wir erfahren vom Leben einer freundlichen, egalitären, Konflikte vermeidenden Stammesgesellschaft im tropischen Regenwald, in der Männer und Frauen gleichermaßen für ihre Familien sorgen. Männer und Frauen  schmücken sich mit Blumen und Blüten  und unterwerfen sich schmerzhaften Tätowierungen, um ihre Körper zu verschönern, damit ihre Seele gerne in ihren Körpern wohnt.

Durch die Freundschaft des Autors mit dem Schamanen Teopatrekere und seiner Familie kann der Leser sehr informiert an den Ritualen für Jagd, Krankheit und Tod teilnehmen, den Tänzen der Schamanen, die mit den mächtigen Geistern der Ahnen in Kontakt zu treten. Der Biologe Zahorka  belässt es nicht beim ungefähren Beschreiben oder Fotografieren der vorkommenden Pflanzen und Bäume: immer wird der Leser mit den exakten wissenschaftlichen (lateinischen) Bezeichnungen versorgt. So auch mit der Identifizierung der Pflanzenmixtur, die die Siberuter Jäger für ihr intelligentes Pfeilgift „omai“ verwenden, das für die Jagdtiere tödlich, für den Verzehr des Fleisches durch die Menschen aber ungefährlich ist.

Hochinteressant auch das Kapitel über die Jagdrituale der Steinzeitjäger, die sich seit tausenden von Jahren in abgewandelter Form bis in die Jagdgewohnheiten moderner mitteleuropäischer Jäger erhalten haben.Durch die genaue Beobachtung des Jagdtrophäenkults der Siberuter glaubt Zahorka auch, einige der ungelösten Deutungsrätsel der steinzeitlichen Höhlenmalereien etwa von Lascaux lösen zu können. Durch diese Bilder würde dem erlegten Jagdtier der Respekt erwiesen, der dessen Seele gebührt, ganz ähnlich wie der Schädel des erlegten Tieres, der  in der Uma, dem Haus der Siberuter, aufgehängt wird, um der Seele des Tiere ihren Ehrenplatz zuzuweisen.

Sehr berührend das Kapitel über den tragischen Tod eines kleinen Kindes, das mit den Mitteln der animistischen Medizin nicht mehr gerettet werden konnte. Die Empfehlung des Autors, der damals als Gast im Hause weilte, das schwerkranke Kind möglichst schnell  in ein Krankenhaus der Hafenstadt an der Küste zu bringen, wurde von der Familie nicht angenommen. Das Fazit der Schamanen, mit dem sich auch die Eltern abfanden: Die Seele des Kindes wollte nicht länger im Körper des Kindes bleiben! Für uns Europäer eine schwer zu akzeptierende Auskunft, wenn die moderne Medizin im Zweifelsfall hätte helfen können.

Eine wahrscheinlich doch hohe Kindersterblichkeit hat in der Vergangenheit ein starkes Anwachsen der Bevölkerung auf Siberut verhindert und scheint der Preis für die traditionelle Überlebensmöglichkeit zu sein. Ob sich die kommende Generation der Siberuter den „Segnungen“ der modernen Zivilisation, die für sie sehr wohl an den Küstenorten erreichbar ist, verweigern wird, darf bezweifelt werden, zumal die indonesische Regierung – geprägt von islamischen Grundanschauungen –  bis dato der Lebensform der Siberuter „Waldmenschen“ nicht sehr wohlwollend gegenüber steht. Die viel konkretere Bedrohung aber ist die Lizenz zum Abholzen der Wälder auf Siberut. Sollten diese Unternehmungen nicht zu stoppen sein, dann werden der Siberuter leider das gleiche tragische Schicksal erleiden wie die anderen Urvölker dieser Erde, denen es so lange gelang, zu überleben, ohne ihre Lebensgrundlagen zu vernichten.

Herwig Zahorka hat sein Buch eine Hommage an die Siberuter genannt und  ein kostbares Dokument über eines der letzten Urvölker Indonesiens verfasst, das sehr zurecht 2015 auf der Frankfurter Buchmesse  vorgestellt wurde. Dank an den Autor  und eine besondere Leseempfehlung für alle, die sich für das Indonesien abseits der Inseln Java und Bali interessieren. (KS)