Monthly Archives: November 2009

C. Moore: „Die Bibel nach Biff“

Dieses Buch musste ich lesen. Nicht weil es inzwischen zur „must read“- Kategorie der angesagten Bücher seit 2001 gehört  oder weil Spaß-Oberlektor Jürgen von der Lippe es mit dem Prädikat „Saukomisch“ ausgezeichnet hatte – nein, weil mich mein Neffe Peter beim Schmökern in seinem Bücherbestand  überrascht und mir die Biff-Bibel dann zur dringlichen Lektüre empfohlen hatte, verbunden mit der  Auflage, eine Rezension zu schreiben.

Ein bisschen verwundert war Neffe Peter (23) denn schon, dass der leselustige Onkel das Buch  weder kannte, noch gelesen hatte. Und das jugendliche Befremden war berechtigt, hatte doch das 572 Seiten starke Werk  z.B. bei Internet-Buchhändler Amazon bis dato schon 214 Rezensionen zu verzeichnen. Ich musste also lernen, dass Christopher Moore in den USA zu den meistgelesenen Autoren gehört und wegen einer Reihe von Bestsellern inzwischen Kultstatus genießt.

Irgendwie war ich wieder im globalen Lektüre-Rückstand – eine Feststellung, die den lesefreudigen Zeitgenossen mindestens bei jedem Besuch einer Buchhandlung in einen depressiven Gemütszustand versetzen müsste, wäre da nicht die Erfahrung von über sechs Lebensjahrzehnten, die besagt, dass keiner alles gelesen hatte, was es jeweils zu seiner Zeit  zu lesen gab. (Dieses chronische Lese-Debet  ähnelt den deutschen Staatsschulden – jeder weiß, dass es sie gibt, sie niemals zu tilgen sein werden und man trotzdem fröhlich auf das Wochenende wartet.) So freut  sich denn der Leser seinem defizitären Lese-Leben zum Trotz, wenn er im endlosen Angebot wieder ein gelungenes Buch gefunden hat, das  er dann auch gerne weiterempfehlen kann. Ja, Lesen soll ja Spaß machen. Das hat sich der Autor zumindest bei der Biff-Bibel vorgenommen.  Also, können wir empfehlen…? Ja….gerne und unbedingt, aber…

Selbst der Autor empfiehlt den Lesern in seinem „Segensvorwort“ ihre Erwartungen zu sortieren und mit dem zufrieden zu sein, was in diesem Buch erzählt wird, das erklärter Maßen ein Roman sein will. Dass hier ganz unterschiedliche Erwartungen geweckt werden, das ist bei diesem Thema unvermeidlich. Da wollen  nimmermüde Gag-Sucher, ernsthafte Bibelforscher, frivole Tabu-Brecher, seriöse Religionskritiker, Don’t-worry-Esoteriker, Exotensex-Freaks, literarische Niveau-Spaßvögel, langjährige Moore-Fans u.ä.  auf ihre Kosten kommen.Biff-Moore hat für alle etwas, absolut.

Das Thema verführt einfach dazu: Wir bekommen eine Bibel-Version, in der endlich etwas über die unbekannten „wilden 30 Jahre des  jungen Josua von Nazareth“ erzählt wird und zwar von einem, der es wissen muss, nämlich seinem besten Freund seit Kindertagen Levi bar Alphaeus alias Biff.  Das Wort Bibel ist natürlich hier schon irreführend, weil ja Biffs Bibel nicht die ganze Bibel des sog. AT und NT ergänzen, sondern nur die Lebensgeschichte des Josua von Nazareth komplettieren will. Auch bleibt es dabei ja nicht bei den unbekannten „wilden“ Jugendjahren Josuas, der etwas sonderlichen Kindheit und den pubertären Schwierigkeiten des Gottessohnes und seinem berufsklärenden Asientrip in Kapitel 1 bis 4,  sondern Teil 5 und 6 widmen sich ausführlich den Geschichten des öffentlichen Auftretens Josuas alias Jesus  bis zu seiner Kreuzigung, wie sie in den kirchlichen Evangelien erzählt werden. Aber was soll’s?

Biff’s Bibel ist eine genial-lockere Persiflage auf alle frommen und ernst gestarteten Versuche einer Lebensgeschichte oder Biographie des Jesus von Nazareth, des sog. „wahren Lebens Jesu Christi“.  Moore macht einfach satirisch Ernst mit dem wissenschaftlichen Fazit der „Leben-Jesu Forschung“: Die Evangelien sind keine historisch verlässlichen Jesus-Biographien. Ihre Verfasser gestalten dieses Jesus Christus-Leben literarisch frei nach ihren Kriterien. Moore nimmt sich  die Autoren-Freiheit dieser Evangelisten und lässt seinen Biff  eben seine Leben-Jesu-Geschichte erzählen.Und die ist eben etwas alternativ zu den bisher bekannten Versionen. Raziel, ein vom Himmel abgestellter strohdummer Engel, hat aufzupassen, dass Biff auch alles getreulich aufschreibt, was es von seinem Freund Josh zu erzählen gibt. Also denn…

Nur auf den ersten Augenblick scheint Biff’s Bibel sich bei Monty Pythons genialem Film  „Das Leben des Brian“ bedient zu haben – ein Schuft, wer Böses dabei denkt! – Wäre aber sicher interessant zu wissen, wie sehr sich  Moore’s „Biff“ durch den „Brian“ hat inspirieren lassen –  Monty Pythons Stärke sind die unübertroffenen Gags in Text und Bild.  Auch bei Moore lassen sich eine Menge„saukomischer“ Szenen und Dialoge  zitieren, aber Moore geht es nicht nur einfach um den  schnellen Lacher, der sich an den teilweise unsäglichen Lächerlichkeiten religiöser Vorstellungen und Verhaltensweisen bedient, seine Ironie und Satire scheint mir grundsätzlicher und hintergründiger zu sein.  Er hat sich,  wie im Nachwort zu lesen und im Buch überall spürbar, sehr wohl detailliert mit dem Judentum und dem derzeitigen Stand der exegetischen Jesusforschung auseinander gesetzt, genauso wie mit den religiös-weltanschaulichen Szenarien des Buddhismus und Hinduismus. Das allein ergibt aber ja noch keinen guten Roman.

Nein, ein guter Roman entsteht ja nicht nur aus einer pfiffigen Idee plus umfangreicher Recherche, sondern verdankt seine Qualität vor allem der kreativen Erzählkunst des Autors. Und die kann man dem Autor von Biff’s Bibel wirklich bescheinigen. Sein Einfallsreichtum ist umwerfend, auch wenn mir persönlich der Asientrip der beiden  Identitätssucher Josh und Biff etwas zu lang geraten scheint.  Aber Jesus als von Kaspar, Melchior und Balthasar ausgebildeter Boddhisatwa-Yogi und Biff als jüdischer Kungfu-Warrior, das macht schon Laune. Auch so herrliche Figuren wie die attraktive Maggie/Magdalena, Joshs  Dauergroopie, die eigentlich nur Josh liebt, aber immer nur mit Josh-Freund Biff vorlieb nehmen muss oder  Bart, den  Dorfkyniker von Nazareth kann man nicht vergessen.  Leider erinnern gelegentlich seitenlange Dialoge eher an Drehbücher für amerikanische Comic-Clips, aber manche Zeitgenossen schätzen ja genau diese Spezialitäten.

Fazit: Die „Bibel nach Biff“ –  ein sehr vergnüglicher Lesestoff für alle Liebhaber hintergründiger Satire, skurriler Szenarios, und drastischer Plattitüden. Zudem vielleicht ein Anreger, sich ausführlicher mit dem historischen Umfeld christlich- jüdischer Religion oder auch indisch-chinesischer Weltanschauung  zu befassen. Zitieren wir zum Abschluss einen Satz aus dem Prolog von Biffs Bibel, der sich „Segen des Autors“ nennt: „Jedes Buch offenbart seine Vollkommenheit durch das, was es ist, oder das, was es nicht ist“.   Das wär’s dann… Ciao Biff!

K.S. – Nov. 2009

Nb. Wer noch mehr Erkenntnis über dieses Buch sucht, dem sei dieser Amazon–Link empfohlen .

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Nias und Deutschland – eine sehr besondere Beziehung


Vielen Menschen in Deutschland wurde die Insel Nias bekannt, als sich Weihnachten 2004 die Tsunamikatastrophe  und  Ostern 2005 das gewaltige Erdbeben ereignete und die Welt entschlossen den Opfern  zu Hilfe eilte, als man in allen Medien sehen konnte, welches Ausmaß die Katastrophe hatte. Deutsche Hilfe kam besonders der kleinen Insel Nias zugute. Es gibt besondere Beziehungen zwischen Nias und Deutschland: Deutsche Missionare hatten seit 150 Jahren sich um den Aufbau der christlichen Kirchen gekümmert,  und noch immer bestehen enge Verbindungen zwischen Mutter- und Tochterkirchen.  Das ist mehr oder weniger bekannt und präsent
.

Wenig bekannt und fast vergessen ist, dass sich 1942 vor der Küste von Nias ein holländisch-deutsches Seekriegsdrama ereignete, das über 400 Deutsche das Leben kostete. Das niederländische Schiff, das dort unterging, trug kurioser weise den Namen „Van Imhoff“, den Namen eines berühmten Generalgouverneurs deutscher Herkunft .

Fast gar nicht bekannt ist, dass die Überlebenden der „Van Imhoff“ -Katastrophe  im Januar 1942 in einer Art Staatstreich die Republik Nias Merdeka – die Republik Freies Nias ausriefen, und ein Herr Fischer- Vertreter der Firma Bosch – ihr erster Präsident und ein Herr Vehring ihr Außenminister war. Die Unabhängigkeit dieser Republik dauerte zwar nur wenige Monate – aber immerhin …. ein wahrlich besonderes Kapitel deutsch-niassischer Beziehungen, das selbst im heutigen Nias kaum noch bekannt ist.

Näheres zu diesen tragisch-kuriosen Ereignissen ist im folgenden Beitrag nachzulesen, den  Herwig Zahorka 2001 im Internet veröffentlicht hat.  Zahorka schrieb eine Dokumentation über die Geschichte des deutschen Soldatenfriedhofs ARCA DOMAS in der Nähe der Stadt Bogor in Westjava. Diese Geschichte liefert auch die Verbindung zu den Ereignissen der „Van Imhoff“- Tragödie vor der Küste von Nias.

D er Untergang  der „Van Imhoff“ und die „Freie Republik Nias“

von Herwig Zahorka

1939 brach der Zweite Weltkrieg aus, und am 10. Mai 1940 fielen deutsche Truppen in die Niederlande ein. Noch am selben Tage begann die Kolonialverwaltung im damaligen „Nederlands Indie“  alle  2.436 Deutschen zu internieren. Es waren überwiegend Angehörige der Kolonialverwaltung mit ihren Familien, wie Plantagenexperten, Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler, Erdölexperten. Aber auch Diplomaten, viele Missionare, Kaufleute und Seeleute und einige Künstler, wie der Begründer der berühmten balinesischen Malschule, Walter Spies, waren darunter. Das größte Lager befand sich in Nord-Sumatra. Die Männer wurden von den Frauen und Kindern getrennt. Einige Hundert Frauen und Kinder konnten dank der Vermittlung der Helferichs später über China nach Japan ausreisen, so auch Albert Vehrings Frau Hildegard. Helfferichs Plantage wurde enteignet.

Am 14. Dezember 1941 landeten japanische Truppen auf Borneo und im Februar 1942 in Air Bangis auf Sumatra. Die deutschen Männer durften nicht in Ihre Hände fallen- beschlossen die Niederländer – denn Deutschland war mit Japan verbündet. Die niederländische Kolonialverwaltung beschloss daher bereits im Januar, die Internierten in die britische Kronkolonie Indien zu verschiffen. Zwei holländische Gefängnisschiffe stachen am 17. Januar 1942 von Sibolga auf Sumatra in See. Am 18. folgte als drittes der 3000 BRT-Dampfer der Niederl. Königlichen Paketfahrt Gesellschaft KPM „VAN IMHOFF“ unter Kapitän Bongvani*). Das Schiff wurde aber nach einigen Stunden Fahrt wieder zurückbeordert, um weitere Deutsche aufzunehmen.

477 Deutsche waren schließlich in ein Meter hohe, mit Stacheldraht umgebene Verließe gezwängt, darunter auch Albert Vehring und Walter Spies. Bewacht wurden sie von 62 bewaffneten Holländern. Die Crew umfasste weitere 48 Mann. Das Schiff war nicht mit dem Rot-Kreuz-Symbol bezeichnet.

Am nächsten Tag wurde das Schiff auf hoher See von einem japanischen Jagdflugzeug angegriffen. Zwei Bomben explodierten im Wasser, die dritte schlug das Schiff Leck. Der erste Offizier kam zu den Deutschen und erklärte, das Schiff sei nicht in Gefahr, aber man habe trotzdem um Hilfe gefunkt. Hinter dem Stacheldraht brach keine Panik aus. Aber die Deutschen waren entsetzt, als sie durch die mit Stacheldraht vergitterten Ausblicke sahen, dass die Niederländer die fünf großen Landeboote zu Wasser ließen, sie an eine Motorpinasse hängten und das Schiff Richtung Sumatra verließen. Jedes dieser Fünf-Tonnen-Boote hätte 80 Mann fassen können, die Motorpinasse weitere 60. Einige dieser Boote sind fast leer.

Nun brachen die Deutschen ihre Gefängnisse auf und erkannten, dass das Schiff am Sinken war. Sie stellten fest, dass die Holländer auch die Pumpen und die Funkausrüstung zerschlagen hatten. Auf dem Achterschiff befand sich noch ein kleines Rettungsboot, das die Holländer nicht aus den festsitzenden Krampen bekamen. Die Ruder hatten die Holländer zerbrochen. Das Boot war für 42 Mann ausgezeichnet. Mit vereinten Kräften konnte es freigemacht und zu Wasser gelassen werden. 53 Mann stürzten sich hinein. Mit Planken als Ruder entfernten sie sich aus Sicherheitsgründen.

Etwa 200 Mann waren schon ins Wasser gesprungen in der Hoffnung auf Rettung. Aber die von den Bomben getöteten Fische hatten viele Haie angelockt, die nun die hilflosen Männer angriffen. Einige begingen Selbstmord. Die Tatkräftigsten bauten schnell aus Ladeluken, Brettern und Seilen Flöße. Albert Vehrings Bekannter findet noch ein verstecktes 2 bis 3 Meter langes Ruderboot an Deck. 14 Mann zwängen sich hinein, Vehring übernimmt das Kommando. Die Bordkante ragt eine Handbreit aus dem Wasser. Als sie 100 Meter vom Schiff entfernt sind, geht dieses plötzlich unter. Um die 200 Männer waren noch an Bord.

Die beiden Boote und die Flöße versuchten nun, die 55 Seemeilen entfernte Insel Nias zu erreichen, die Sumatra vorgelagert ist. Am nächsten Morgen, den 20. Januar, erschien das holländische Motorschiff „BOELONGAN“. Es kam auf 100 Meter an Vehrings Boot heran. Es wurde zugerufen: „Seid Ihr Holländer?“. Auf die Verneinung drehte die „Boeloengan“ ab und verschwand. Damit hatten die Männer auf den Flößen keine Chance mehr, gerettet zu werden. Ein jüdischer Juwelier, der aus Nazi-Deutschland geflüchtet war, schwamm von seinem Floß an das Schiff heran, wurde aber erbarmungslos zurückgewiesen. Das war sein unverdientes Todesurteil.

Albert Vehring berichtete später über diese unglaublichen Vorfälle in einer eidesstattlichen Erklärung am 20. Juni 1949 in Bielefeld bei Notar Bernhard Grünewald (Urkundenrolle Nr. 61/1949). Er schilderte, dass bei schwerem Seegang die Hälfte der Männer zur Entlastung des Bootes über Bord gehen und sich von außen am Boot festhalten mussten. Die Flöße waren aber nicht mehr zu retten. Erst am vierten Tag, den 23. Januar, erreichten sie vollkommen erschöpft, ausgehungert, dehydriert und sonnenverbrannt die Korallenküste von Nias. Das größere Boot wurde von der Brandung umgeworfen, wobei ein Mann ums Leben kam. Ein 73-Jähriger erhängte sich vor Verzweiflung. Am nächsten Morgen versorgten freundliche Niasser und ein holländischer Pastor namens Ildefons van Straalen die Geretteten mit Nahrung und Getränken.

Bei diesem Unglück gingen 411 zivilinternierte Deutsche unter, darunter 20 protestantische und 18 katholische Missionare sowie der geniale Künstler Walter Spies. 67 Männer erreichten Nias, wovon 65 überlebten. Da die „VAN IMHOFF“ der niederländischen KPM gehörte und die Niederlande unter deutscher Besetzung waren, mussten die versicherten Betreiber eine Entschädigungen von 4 Millionen Gulden an die Angehörigen der Toten in Deutschland zahlen, auch eine Einmaligkeit während eines Krieges. Nach dem Kriege strengten die in England lebenden Eltern von Walter Spies eine Klage gegen den Kapitän der „VAN IMHOFF“ Bongvani*). Er wurde zum Tode verurteilt, aber sofort amnestiert.

Am nächsten Tag wurden die Überlebenden auf Nias wieder von Holländern gefangen genommen und in den Hauptort der Insel, Gunung Sitoli, gebracht. Dort wurden sie im Polizeigefängnis eingesperrt, das von Holländern und von indonesischen Polizisten aus Sumatra bewacht wurde. Die Indonesier zeigten sich sehr verwundert, dass sie nun Deutsche bewachen sollten, wo doch die Deutschen erst vor kurzem ihre ungeliebten Kolonialherren in Holland besiegt hatten. Albert Vehring schmiedete mit ihnen ein Komplott. Die Deutschen verbündeten sich mit den Indonesiern und setzten am Palmsonntag 1942 die Holländer als Gefangene fest. Die Japaner waren inzwischen schon auf Sumatra und Java gelandet und hatten nun – Ironie des Schicksals – überall die Niederländer in Internierungslager gesperrt.

Nun ereignete sich auf Nias eine unglaubliche Inszenierung, die uns heute zum Schmunzeln veranlasst: Die Deutschen proklamierten zusammen mit den Niassern die „Freie Republik Nias“. Der Vertreter der Firma Bosch, ein Herr Fischer, wurde ihr Ministerpräsident, und Albert Vehring wurde Außenminister. Sie hatten niassische Counterparts. Die Niasser jubelten, sie hatten endlich das Kolonialjoch abgeschüttelt. Einige Wochen regierten die Deutschen im Einvernehmen mit den Niassern ihre Insel.

Albert Vehring segelte dann hinüber nach Sumatra, um mit den Japanern Verbindung aufzunehmen. Diese kamen am 17. April nach Nias und transportierten nun die Holländer als Gefangene ab, darunter auch Pastor van Straalen. Die Deutschen konnten wieder an ihre früheren Stätten zurückkehren, die „Freie Republik Nias“ hatte sich wieder aufgelöst. Albert Vehring arbeitete für die Japaner in einem Hotel, braute Schnaps und findet sich später wieder als Schiffsingenieur in Singapur.

*) Anderen Berichten zufolge hieß der Kapitän  H.J.Hoeksema (SPIEGEL 12/1965)

Weiterlesen über deutsche Schicksale in Indonesien während des 2. Weltkrieges:

http://www.bogor.indo.net.id/indonesien.deutschersoldatenfriedhof

Stichwort „NIAS“

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Unter dem Stichwort „Nias“ werden in diesem Blog Beiträge verschiedener Art erscheinen.  Was hat es mit Nias auf sich?
Nias ist eine der 13.000 Inseln Indonesiens. Sie liegt vor der Westküste Sumatras etwas über dem Äquator im Indischen Ozean. Sie ist etwa so groß wie die bekannte Insel Bali, hat wie Bali eine eigene Kultur und Sprache, die derzeit von ca. 1,3 Millionen Menschen gesprochen wird. In ihrer Sprache heißt Nias „Tanö Niha“ – „Land der Menschen“.

Das Volk der Niasser zählt zu den sog. altmalayischen Bevölkerungsgruppen Indonesiens, wie zB die Dayak auf Kalimantan oder die Batak auf Nordsumatra. Bekannt war Nias bis vor wenigen Jahren vor allem bei Ethnologen wegen seiner bis ins frühe 20. Jahrhundert noch aktiven Megalithkultur. Vor allem in den Dörfern von Südnias können Besucher/ Touristen auch heute noch einen Eindruck von der tradtionellen Lebensform der „Ono Niha“ – der Niasser gewinnen.

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Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Nias durch die Tsunami-Katastrohe vom 26. Dezember 2004 und das für die Insel noch verheerendere Folge-Erdbeben von Ostern 2005.  Eine Welle der Hilfsbereitschaft erreichte die kleine Insel, und die Arbeit der Hilfsorganisationen zeigt Wirkung. Ein international gesponserter Aufbauplan verhalf dem kleinen Eiland seither zu einer moderneren Infrastruktur, von der man sich auch einen ökonomisch-sozialen Entwicklungseffekt erhofft.

Nias hat eine stark wachsende Bevölkerung und kann seine Menschen kaum ausreichend ernähren – für viele junge Leute gibt es nur eine Zukunft auf den größeren Inseln Sumatra und in den Großstädten Indonesiens.  Für viele von ihnen ist das Internet und damit auch der Zugriff auf Musik und Lieder ein wichtiges Mittel geworden, um ihre Bindung an ihre niassische Heimat  zu erhalten. Deshalb ist für Besucher niassisch-indonesischer Zunge eine eigene Blogseite eingerichtet : „Nias- Indonesien“, auf der für sie relevante Beiträge gepostet sind.

Kultur und Religion der Niasser

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Der Rettung und Erhaltung  niassischer Kultur ist das Projekt MUSEUM PUSAKA NIAS gewidmet, das 1990 von dem deutschen Kapuziner  P. Johannes Hämmerle  ins Leben gerufen wurde und heute einheimischen wie ausländischen Besuchern einen authentischen An- und Einblick niassischer Kultur vermittelt.

Reiseberichte (Fotos)

Ein sehr anschaulicher und detaillierterNias-Reisebericht mit Fotos von 2003 ist beim Portal „Ciao“ (Mitglied „Leo56“)  zu lesen.  Der Link führt zu weiteren 30  informativen Einzelberichten der Indonesienreise von Verfasserin Elke.

Ein Bericht einer von  Reise im Februar 2006 nach Nordnias erzählt von den Schwierigkeiten beim Wiederaufbau der Insel ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Ostern 2005.

Historische Fotos von Nias

Es gibt nicht so viele Fotos von dem Nias von einst. Wenige Reisende und Ethnologen der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts, die sich für die Insel Nias interessierten, waren auch Fotografen. Hier eine Reihe Fotos (siehe Link unten), die von dem dänischen Arzt und Ethnologen Dr. O. Hagerup und dem deutschen Weltreisenden Dr. Paul Wirz aufgenommen wurden zu einer Zeit als Indonesien noch Oostindie genannt wurde und holländische Kolonie war.

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Nias 1915 von –  Dr. O.Hagerup

Nias 1925 von  –  Dr. Paul Wirz

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LAGU NIAS NOSTALGIA

Kleine Geschichte der niassischen Popmusik ( Bahasa Indonesia)

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                                        The Teluk Dalam Beach Boys – 1970

Lieder, Sänger und Gitarrenspieler gab es auf Nias auch schon vor 1970 – die Niasser sind beeindruckend sangesfrohe Leute – man höre sie nur das Lied TANÖ NIHA singen, die inoffizielle Nationalhymne von Nias. Auch die Kirchenchöre und die Maenas bei den Festen  auf den Dörfern belegen die lebendige Sangestradition auf Nias. Aber erst seit 1970 gab es auf Nias Gruppen, die elektrisch verstärktes Band-Equipment benutzten. Einer der Gründe war natürlich, dass 1970 auf Nias mit Ausnahme der  Inselhauptstadt Gunung-Sitoli, einigen größeren Geschäften oder Fabriken kein elektrischer Strom zu Verfügung war.

Zum anderen wurde um 1970 auch in Nias die aus Jakarta kommende indonesische Popmusik interessant, wo Bands wie z.B. die legendäreKOES-PLUS Formation Songs produzierten, die sich über Radio in Windeseile in ganz Indonesien verbreiteten. Natürlich kannte und liebte man je nach Geschmack die Beatles, Rolling Stones, Deep Purple und andere Heroes of Rock & Pop  (Übrigens: Das Lied Du“ von Peter Maffay, wurde ab 1970 auch in Indonesien ein Schlager) Aber KOES-PLUS sang indonesische Lieder! Das war es!

Wie die BEATLES benutzte KOES-PLUS drei elektrisch verstärkte Gitarren und Schlagzeug und sang dazu im Chor von Liebe, Lust und Frust der indonesischen Jugend von 1970 ff. Das war einfach ansteckend. Im Laufe weniger Jahre entwickelte sich eine eigene indonesische Popmusik-Kultur, die Bands wie THE MERCY’S, PANBERS, D’LLOYD, BIMBO&IJN, APRILITE’S GROUP usw. und Stars wie Charles Hutagalung, Bob Tutupoli, Tetty Kadi, Emilia Contessa, Ernie Johan, Titiek Sandhora u.v.a. hervorbrachte, die heute noch bekannt sind und deren Lieder immer noch gesungen werden.

Als erste niassische Popmusik-Gruppe, die in elektrisch verstärkter Bandformation auftrat, gründete sich 1970 in Südnias die Band „The Teluk-Dalam Beachboys“, die indonesische und internationale Hits coverten, aber auch schon den Beatles-Hit „Obladi-Oblada“ mit einem niassischen Text („Sökhi li ziliwi gowi“) unterlegt präsentierten. Auch spielte man populäre Nias-Lieder (z.B.“Katitira langi“ oder „Bowo madala“), die auf den Dörfern gesungen wurden. Leider gibt es keine Tonaufnahmen dieser Band.

Die gab es erst 1973 von der Band SIMAENARIA LAHEWA, einer 1972 in Lahewa-Nordnias gegründeten Band.  Erschwingliche japanische Kassetten-recorder, die es inzwischen auch in Nias zu kaufen gab, ermöglichten die Verbreitung ihrer Lieder auf der ganzen Insel.  Dann begann eine rasante Entwicklung der niassischen Musikszene: Gruppen wie z.B. MARDIANA, BATE’E  BROTHERS GROUP und eine Reihe anderer Bands veröffentlichten ihre Lieder auf Musikkassetten, die mit einfachster Technik aufgenommen waren. Besonders an ihren Lieder war, dass sowohl Text als auch Musik ihre eigenen Kompositionen waren und nicht nur gecoverte Titel der außerniassischen Musikszene.

Einen qualitativen Schub erfuhr die niassische Popmusik  Anfang der 80-ziger Jahre, als niassische Musiker ihre Lieder in professionellen Studios in Jakarta aufnahmen, wie z.B. AVORE NIAS oder TRIO TIVALI. Seither gibt es eine ganze Reihe von niassischen Popmusik-Produktionen, die über Kasette, CD und Internet sich verbreiten.

Aber alle Gruppen, deren Lieder in den 70-er Jahren auf einfachen Kasettentapes gespeichert waren, haben das Problem des tropischen Klimas: die Bänder sind so korrodiert, dass ihre Produktionen in Nias heute fast nicht mehr verfügbar sind. Für alle Fans der ersten Stunde eine kleine Katastrophe.

Deshalb also dieser Blog-Beitrag: Niassische Popmusik der 70-er Jahre aus drei Cassetten, die sich in meiner Mediathek noch gefunden haben.Lagu Nias – Nostalgia. Here we are!

ROM 2009

Arrivederci Roma…

Flashback einer Rom-Reise im Oktober 2009

Ob man Rom lieben muss, wenn man die Stadt einmal sah, wie Vico Torriani einmal  gesungen hat, sei dahingestellt. Aber unbeeindruckt, wenn nicht fasziniert, wird man Rom nicht verlassen, wenn man diese Stadt zum ersten Mal besucht.  Für mich war es der erste Rombesuch – und ich bin immer noch fasziniert. Obwohl man  schon im Voraus wusste, dass fünf Tage zu wenig sein würden, um die „must see–topics“ zu besuchen, ist Kopf und Herz  nach fünf Tagen schon so voll mit Eindrücken, dass eine Programm-Pause dringend erschien.  Also waren fünf Tage  Rom fürs erste Mal  genug.

Noch nie war ich in einer Stadt, in der auf so engem Raum so viel beeindruckend schöne Bauwerke  sich zusammendrängen – aus einer Geschichte von über 2500 Jahren. Das antike Rom, die  Basiliken und Kapellen des christlichen Rom – fast alles ist zu Fuß  erreichbar, wenn man in der Nähe des Bahnhofs Termini eine Unterkunft gefunden hat.  Unsere „Hauskapelle“, die herrliche Kirche „Santa Maria Maggiore“, nur etwa fünf Minuten entfernt und  in entgegen gesetzter Richtung ebenso nah die Piazza  della Repubblica mit der wunderbaren „Basilica Santa Maria degli Angeli“, die Michelangelo unnachahmlich in die Thermen-Ruinen des Diokletian  hinein baute. Nicht weit davon die Chiesa Santa Maria della  Vittoria mit der von Bernini geschaffenen Statue der verzückten Theresia von Avila… überall weltberühmte Kunstdenkmäler, alle frei zugängig, sofern sie besuchte Kirchen waren…. In Rom soll es über tausend katholische Kirchen geben.

Nirgendwo ist mir so bewusst geworden wie in Rom, dass Architektur das künstlerische Lieblingskind der Mächtigen aller Zeiten ist. Man muss nicht erst den Riesendom St. Peter besucht haben, um zu erleben, dass durch gewaltige Bauten die Erinnerung an die eigene Bedeutung der jeweiligen Bauherrn verewigt werden soll. Auch wenn man einwenden mag,  dass diese Anstrengungen ja immer zu Ehren der Stadt, der Götter oder Gottes, der Kirche Christi  und  ihrer Heiligen unternommen wurden, nie vergaßen die Bauherren für die Nachwelt ihre Namen mit großen Lettern in Stein meißeln zu lassen.

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Die Päpste seit der Renaissance taten es ganz in der Tradition der römischen Kaiser in ihrer Funktion als „Pontifices maximi“, die sich im antiken Rom mit Tempeln und Mausoleen gegenseitig überboten. Der Titel vom „Ewigen Rom“ will erarbeitet sein.  Für das christliche Rom erkennbar der feste Glaube, dass mit dem Felsen Petri, auf den Gott seine Kirche gebaut habe, der Felsen Roms gemeint sei. Ja, wenn man auf den Stufen von St. Peter über die riesige von den Kolonaden umschlungene Piazza blickt, dann kann man schon nachfühlen, dass manche Katholiken und ihre Päpste auch heute noch Rom  für den Mittelpunkt der Welt halten, ganz wie die antiken Ahnen des römischen Imperiums.

Und siehe da – es funktioniert! Wir, und mit uns Tausende Touristen aus aller Welt pilgern willig und begeistert zu diesen Monumenten vergangener Macht. Staunend stehen wir vor den schon in antiker Kaiserzeit aus Ägypten herbeigeschafften riesigen Obelisken, die die Päpste neu in der Stadt platzieren ließen.

Einer dieser Päpste, Papst Sixtus V. (1585-1590) – unter anderem auch  der Bauherr, der den Obelisken auf dem Petersplatz aufstellen ließ – ,  ein workoholic von titanischer Energie verordnete den Männern von Rom in seiner fünfjährigen Amtszeit so viel Frondienste zum Aufbau der Stadt, dass das Volk bei seinem Tode, anstatt zu trauern, Jubellieder sang, verbunden mit Bittgebeten um einen weniger bauwütigen Nachfolger auf dem Papstthron.

Was aber wäre das heutige Volk von Rom, die Nachfahren des Populus Romanus, ohne die Bauten seiner Cäsaren und Päpste? Was aber wäre es auch ohne seine Pilger und Touristen. Ob es nur ein sehr subjektiver Eindruck ist? Vielleicht sind warme Oktobertage auch eine ideale Reisezeit. Aber man fühlt sich in Rom als Besucher erwünscht und willkommen.

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Menschen aus aller Welt treffen sich auf den Straßen und Plätzen der Stadt und mischen sich unter die „eingeborenen“ Römer, die im Oktober offensichtlich wieder alle aus ihren Sommerdomizilien in den Bergen oder am Meer in ihre Stadt zurückgekommen sind. Die Tage sind nicht mehr so heiß und die Abende immer noch so warm, dass man im Freien zu Abend essen kann.  Einladend sind die unzähligen Straßenrestaurants für den kleinen oder großen Durst und Hunger, günstig und preiswert die Transportmöglichkeiten von U-Bahn und Stadtbussen, freundlich und hilfsbereit die Polizisten und Stadtbediensteten. Rom scheint seine Besucher zu schätzen. Ja, wir werden irgendwann gerne wiederkommen. Arrivederci Roma! Volesse Dio!

Rom und Kaiser Konstantin I.

Nach einem Besuch der Lateranbasilika

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Am zweiten Tag unserer Romreise besuchten wir die herrliche Basilika „San Giovanni in Laterano“, die  alte Residenz- und Palastkirche des römischen Papstes, die sich bis heute rühmen darf, die „Haupt- und Mutterkirche der Stadt (Rom) und des Erdkreises“  zu sein. Der Besuch dieser Kirche gehört zum berechtigten „Must visit-Programm“ aller Rombesucher. Nicht nur, weil sie ein so eindrucksvolles sakrales Bauwerk  ist –  in dieser Basilika befinden wir uns augenfällig genau am  Schnittpunkt des alten heidnischen und des neuen christlichen Rom.  Bevor man  das weiträumige Kirchschiff betritt, grüßt auf der linken Seite der Eingangshalle die unübersehbare  Statue des Kaisers Konstantin in der Pose des siegreichen Feldherrn. Dass seine Statue im Kirchenvorraum und nicht innerhalb aufgestellt wurde, ist wohl ganz beabsichtigt. Obwohl ihm die römische Kirche soviel verdankt, hat sie ihn nicht – wie die griechisch-orthodoxe Kirche – zum Heiligen erklärt, was er wohl auch kaum gewesen sein dürfte, wenn man seine (mörderische) Lebensgeschichte kennt.

Eigentlich müssten die Römer aus einem anderen Grunde gar nicht gut auf ihn zu sprechen sein, denke ich.  War er es doch, der die Hauptstadt des römischen Imperiums 330 n.Chr. offiziell vom Tiber  an den Bosporus verlegte und dort  mit der ihm eigenen Energie die neue Superstadt Konstantinopel  erbauen ließ, deren Kaiser sich noch tausend Jahre lang (bis 1453) als die wahren Erben der römischen Kaiser  verstanden. Vielleicht  hätte Rom das Schicksal vieler verlassener Residenzstädte erlitten, die nach dem Abzug ihrer regierenden Herrscher nur noch ein museales Dasein fristeten, da ihnen die politische und wirtschaftliche Bedeutung abhanden gekommen war.  Auch das stolze und selbstbewusste Pochen der römischen Senatoren auf ihre Rechte und Traditionen hätte nach 330  auf die Dauer wenig geholfen.

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Zwar hatten sie sich schon fast ein halbes Jahrhundert daran gewöhnt, dass ihre Cäsaren außerhalb Roms ihre Residenzen errichteten – Konstantin war zunächst ja auch nur Cäsar des Westreiches mit Regierungssitz in Trier an der Mosel – aber trotz allem blieb Rom die Stadt,  die die Macht des Imperiums symbolisierte und legitimierte. Dort  standen die Altäre der Götter, deren gnädiger Segen das Wohl des Reiches und seiner Regenten garantierte.

Mit der Ernennung Konstantinopels zur neuen Reichshauptstadt aber wurde eine neue Epoche  der römischen Geschichte eingeleitet, in der dem alten Rom seine politische Bedeutung unwiederbringlich genommen worden wäre, gäbe es da nicht die Geschichte der christlichen Kirche und ihres römischen Bischofs, den man später den römischen Papst nannte. Umgekehrt kann die Bedeutung Kaiser Konstantins für die Geschichte der christlichen Kirche gar nicht überschätzt werden: Die Form der heutigen römisch-katholischen Kirche ist ohne Kaiser Konstantin nicht vorstellbar.

Konstantin aber war es, der 312 n. Chr. nach seinem Sieg über seinen Rivalen Maxentius  und der Eroberung der Stadt den Bau dieser riesigen fünfschiffigen Basilika veranlasste, noch bevor er die Errichtung der Basilika von St. Peter auf dem Vatikanhügel in Auftrag gab und noch bevor er den Triumphbogen des Trajan beim Kolosseum im Jahre 315 n. Chr.  auf seinen eigenen Namen umwidmen und ausstatten ließ.  Das aber fand alles noch im „alten Rom“ statt, das inzwischen schon auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken durfte.

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Woher aber hatte Konstantin den „Über-Mut“, sein „neues Rom“ am Bosporus ohne den Schutz der alten Götter Roms zu errichten? Die Historiker sind sich nicht ganz einig. Aber einer der entscheidenden Gründe dürfte sein Sieg über Maxentius und die Eroberung Roms gewesen sein.  Konstantin glaubte, diesen Sieg dem Beistand des Christengottes zu verdanken. Die alten Götter Roms schienen keine Macht mehr zu haben.

Dass ihm am Abend vor der Schlacht an der Milvischen Brücke Christus mit dem Kreuz erschienen sei und ihm gesagt habe: In hoc signo vinces! (In diesem Zeichen wirst du siegen.) ist sicherlich christliche Legende. Dass er aber in seinem Entscheidungskampf um die Hilfe des Christengottes bat, ist durchaus plausibel und macht alle seine späteren Aktionen auch verständlich.  Konstantin war damals kein Christ und wurde auch erst 337 – also 25 Jahre später – auf dem Totenbett in seinem Palast in Nikomedia bei Konstantinopel getauft.

Sein bisheriger Gott, als dessen besonderen Schützling er sich verstand, war der “ Jupiter Sol Invictus“, Jupiter, der unbesiegbare Sonnengott, dessen Kult  er von seinem Vater Constantius Chlorus übernommen hatte. Auf Münzen wird ab 312 bald Jupiters Sonnenkranz mit dem Christussymbol in der Mitte immer häufiger abgebildet sein und zeigen, dass  Konstantin auf beide Kulte setzte.

Denn längst war er zu dieser Zeit bekannt mit führenden Vertretern christlicher Gemeinden.  Einer seiner wichtigsten Berater war  Bischof Hosius von Corduba.  Vielleicht war es auch seine eigene Mutter Helena – seit 312 getaufte Christin -,  die er über alles liebte und verehrte, die ihn darin bestärkte, Leben und Karriere der Macht des Christengottes anzuvertrauen. Man beachte: Kriege der damaligen Zeit waren auch immer Auseinandersetzungen, in denen nicht nur die irdischen Protagonisten miteinander kämpften, sondern auch die verehrten Götter ihre Macht und Kraft unter Beweis stellen mussten: Siege als göttliche Macht – und Gunstbeweise. Wahrscheinlich hat Konstantin seine Siege im Kampf um die Herrschaft im Imperium  als einen solchen Gottesbeweis gedeutet und danach der Religion des Christengottes seine Dankbarkeit bezeigen wollen.

Ab 313  war die christliche Religion durch das sog. Edikt von Mailand zur „religio licita“, zur erlaubten Religion geworden, gleichberechtigt neben den anderen großen Kulten im römischen Reich. Man bedenke: die letzte reichsweite große Verfolgung  der christl. Kirche von 303 bis 311, die sog. diokletianische Verfolgung,  lag gerade zwei Jahre zurück. Die Christen  waren wieder freie römische Bürger. Ihre Kirchen und ihr vom Staat konfisziertes Eigentum wurde ihnen wieder zurückgegeben. Obwohl nur etwa 10% der Bevölkerung Christen waren – im Osten des Reiches in Kleinasien, der heutigen Türkei  und in den großen Städten war der Anteil höher –  waren die christlichen Gemeinden überall zuverlässige Parteigänger des neuen Alleinherrschers Konstantin. Ihre Bischöfe rückten in der konstantinischen Staatsreorganisation in den Rang kaiserlicher Regierungsbeamter auf, die neben ihren religiösen Aufgaben auch staatliche Funktionen übernahmen. (Der Terminus „Diözese“ z.B. ist eine Verwaltungseinheit des damaligen römischen Staates.) Der Siegeszug der christlichen Religion als „Marsch durch die Institutionen“ bis hin zur alleinigen Staatsreligion  im Jahre 380 n.Chr. hatte begonnen.  Diesen Vorgang bezeichnet man in der Geschichte als die sog. „Konstantinische Wende“.

Dies war denn auch die Rettung für die durch Konstantin „degradierte“ Stadt Rom. Ihre Stadt- und Staatsgottheiten waren nicht mehr die Garanten des neuen römischen Reiches . Aber Rom war die Stadt, in der nach der christlichen Überlieferung die Gräber der Apostel Petrus und Paulus waren. Sie waren die prominentesten Märtyrer des Christentums und ihre Gräber waren die heiligsten Gräber der jungen Christenheit.  Dies war ein Rang, den keine andere Stadt des römischen Reiches aufzuweisen hatte.

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Der Bischof von Rom als der Nachfolger des Apostels Petrus wurde sich seiner Bedeutung immer mehr bewusst bis hin zum Anspruch des Primats vor allen Kirchen des Erdkreises. Konstantin und seine Nachfolger hatten den Titel „Pontifex Maximus“, den Titel des römischen Oberpriesters nicht mehr für sich verwendet, weil er mit der Funktion der  traditionellen Staatsopfer für die alten Götter verbunden war.

Aber etwa hundert Jahre später –  ab 440 wird Papst Leo der Große den Titel Pontifex maximus  für das  Amt des römischen Bischofs verwenden, und somit dem Anspruch des römischen Oberpriesters seine alte Funktion zurück geben – oberster  Brückenbauer zwischen Himmel und Erde zu sein.  Erwird sich zutrauen im Streit mit Konstantinopel zu behaupten, dass dem Bischof von Rom die Verwaltung des römischen Kaisertums  anvertraut sei und  sein Nachfolger wird die Kaiserkrone dem fränkischen König Karl anbieten und aufsetzen. Mit der Gründung des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“  wird für 1000 Jahre ein neues Kapitel römischer Geschichte aufgeschlagen. Die Päpste als „Kaisererben“  und das Volk von Rom – eine 2000-jährige Story von guten und schlechten Zeiten des „Ewigen Rom“. Vielleicht haben die Römer Konstantin mehr zu verdanken als sich damals 312 absehen ließ.  Konstantinopel heißt heute Istanbul  und Rom…… heißt immer noch Rom.  Viva il Papa!