Nias und Deutschland – eine sehr besondere Beziehung


Vielen Menschen in Deutschland wurde die Insel Nias bekannt, als sich Weihnachten 2004 die Tsunamikatastrophe  und  Ostern 2005 das gewaltige Erdbeben ereignete und die Welt entschlossen den Opfern  zu Hilfe eilte, als man in allen Medien sehen konnte, welches Ausmaß die Katastrophe hatte. Deutsche Hilfe kam besonders der kleinen Insel Nias zugute. Es gibt besondere Beziehungen zwischen Nias und Deutschland: Deutsche Missionare hatten seit 150 Jahren sich um den Aufbau der christlichen Kirchen gekümmert,  und noch immer bestehen enge Verbindungen zwischen Mutter- und Tochterkirchen.  Das ist mehr oder weniger bekannt und präsent
.

Wenig bekannt und fast vergessen ist, dass sich 1942 vor der Küste von Nias ein holländisch-deutsches Seekriegsdrama ereignete, das über 400 Deutsche das Leben kostete. Das niederländische Schiff, das dort unterging, trug kurioser weise den Namen „Van Imhoff“, den Namen eines berühmten Generalgouverneurs deutscher Herkunft .

Fast gar nicht bekannt ist, dass die Überlebenden der „Van Imhoff“ -Katastrophe  im Januar 1942 in einer Art Staatstreich die Republik Nias Merdeka – die Republik Freies Nias ausriefen, und ein Herr Fischer- Vertreter der Firma Bosch – ihr erster Präsident und ein Herr Vehring ihr Außenminister war. Die Unabhängigkeit dieser Republik dauerte zwar nur wenige Monate – aber immerhin …. ein wahrlich besonderes Kapitel deutsch-niassischer Beziehungen, das selbst im heutigen Nias kaum noch bekannt ist.

Näheres zu diesen tragisch-kuriosen Ereignissen ist im folgenden Beitrag nachzulesen, den  Herwig Zahorka 2001 im Internet veröffentlicht hat.  Zahorka schrieb eine Dokumentation über die Geschichte des deutschen Soldatenfriedhofs ARCA DOMAS in der Nähe der Stadt Bogor in Westjava. Diese Geschichte liefert auch die Verbindung zu den Ereignissen der „Van Imhoff“- Tragödie vor der Küste von Nias.

D er Untergang  der „Van Imhoff“ und die „Freie Republik Nias“

von Herwig Zahorka

1939 brach der Zweite Weltkrieg aus, und am 10. Mai 1940 fielen deutsche Truppen in die Niederlande ein. Noch am selben Tage begann die Kolonialverwaltung im damaligen „Nederlands Indie“  alle  2.436 Deutschen zu internieren. Es waren überwiegend Angehörige der Kolonialverwaltung mit ihren Familien, wie Plantagenexperten, Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler, Erdölexperten. Aber auch Diplomaten, viele Missionare, Kaufleute und Seeleute und einige Künstler, wie der Begründer der berühmten balinesischen Malschule, Walter Spies, waren darunter. Das größte Lager befand sich in Nord-Sumatra. Die Männer wurden von den Frauen und Kindern getrennt. Einige Hundert Frauen und Kinder konnten dank der Vermittlung der Helferichs später über China nach Japan ausreisen, so auch Albert Vehrings Frau Hildegard. Helfferichs Plantage wurde enteignet.

Am 14. Dezember 1941 landeten japanische Truppen auf Borneo und im Februar 1942 in Air Bangis auf Sumatra. Die deutschen Männer durften nicht in Ihre Hände fallen- beschlossen die Niederländer – denn Deutschland war mit Japan verbündet. Die niederländische Kolonialverwaltung beschloss daher bereits im Januar, die Internierten in die britische Kronkolonie Indien zu verschiffen. Zwei holländische Gefängnisschiffe stachen am 17. Januar 1942 von Sibolga auf Sumatra in See. Am 18. folgte als drittes der 3000 BRT-Dampfer der Niederl. Königlichen Paketfahrt Gesellschaft KPM „VAN IMHOFF“ unter Kapitän Bongvani*). Das Schiff wurde aber nach einigen Stunden Fahrt wieder zurückbeordert, um weitere Deutsche aufzunehmen.

477 Deutsche waren schließlich in ein Meter hohe, mit Stacheldraht umgebene Verließe gezwängt, darunter auch Albert Vehring und Walter Spies. Bewacht wurden sie von 62 bewaffneten Holländern. Die Crew umfasste weitere 48 Mann. Das Schiff war nicht mit dem Rot-Kreuz-Symbol bezeichnet.

Am nächsten Tag wurde das Schiff auf hoher See von einem japanischen Jagdflugzeug angegriffen. Zwei Bomben explodierten im Wasser, die dritte schlug das Schiff Leck. Der erste Offizier kam zu den Deutschen und erklärte, das Schiff sei nicht in Gefahr, aber man habe trotzdem um Hilfe gefunkt. Hinter dem Stacheldraht brach keine Panik aus. Aber die Deutschen waren entsetzt, als sie durch die mit Stacheldraht vergitterten Ausblicke sahen, dass die Niederländer die fünf großen Landeboote zu Wasser ließen, sie an eine Motorpinasse hängten und das Schiff Richtung Sumatra verließen. Jedes dieser Fünf-Tonnen-Boote hätte 80 Mann fassen können, die Motorpinasse weitere 60. Einige dieser Boote sind fast leer.

Nun brachen die Deutschen ihre Gefängnisse auf und erkannten, dass das Schiff am Sinken war. Sie stellten fest, dass die Holländer auch die Pumpen und die Funkausrüstung zerschlagen hatten. Auf dem Achterschiff befand sich noch ein kleines Rettungsboot, das die Holländer nicht aus den festsitzenden Krampen bekamen. Die Ruder hatten die Holländer zerbrochen. Das Boot war für 42 Mann ausgezeichnet. Mit vereinten Kräften konnte es freigemacht und zu Wasser gelassen werden. 53 Mann stürzten sich hinein. Mit Planken als Ruder entfernten sie sich aus Sicherheitsgründen.

Etwa 200 Mann waren schon ins Wasser gesprungen in der Hoffnung auf Rettung. Aber die von den Bomben getöteten Fische hatten viele Haie angelockt, die nun die hilflosen Männer angriffen. Einige begingen Selbstmord. Die Tatkräftigsten bauten schnell aus Ladeluken, Brettern und Seilen Flöße. Albert Vehrings Bekannter findet noch ein verstecktes 2 bis 3 Meter langes Ruderboot an Deck. 14 Mann zwängen sich hinein, Vehring übernimmt das Kommando. Die Bordkante ragt eine Handbreit aus dem Wasser. Als sie 100 Meter vom Schiff entfernt sind, geht dieses plötzlich unter. Um die 200 Männer waren noch an Bord.

Die beiden Boote und die Flöße versuchten nun, die 55 Seemeilen entfernte Insel Nias zu erreichen, die Sumatra vorgelagert ist. Am nächsten Morgen, den 20. Januar, erschien das holländische Motorschiff „BOELONGAN“. Es kam auf 100 Meter an Vehrings Boot heran. Es wurde zugerufen: „Seid Ihr Holländer?“. Auf die Verneinung drehte die „Boeloengan“ ab und verschwand. Damit hatten die Männer auf den Flößen keine Chance mehr, gerettet zu werden. Ein jüdischer Juwelier, der aus Nazi-Deutschland geflüchtet war, schwamm von seinem Floß an das Schiff heran, wurde aber erbarmungslos zurückgewiesen. Das war sein unverdientes Todesurteil.

Albert Vehring berichtete später über diese unglaublichen Vorfälle in einer eidesstattlichen Erklärung am 20. Juni 1949 in Bielefeld bei Notar Bernhard Grünewald (Urkundenrolle Nr. 61/1949). Er schilderte, dass bei schwerem Seegang die Hälfte der Männer zur Entlastung des Bootes über Bord gehen und sich von außen am Boot festhalten mussten. Die Flöße waren aber nicht mehr zu retten. Erst am vierten Tag, den 23. Januar, erreichten sie vollkommen erschöpft, ausgehungert, dehydriert und sonnenverbrannt die Korallenküste von Nias. Das größere Boot wurde von der Brandung umgeworfen, wobei ein Mann ums Leben kam. Ein 73-Jähriger erhängte sich vor Verzweiflung. Am nächsten Morgen versorgten freundliche Niasser und ein holländischer Pastor namens Ildefons van Straalen die Geretteten mit Nahrung und Getränken.

Bei diesem Unglück gingen 411 zivilinternierte Deutsche unter, darunter 20 protestantische und 18 katholische Missionare sowie der geniale Künstler Walter Spies. 67 Männer erreichten Nias, wovon 65 überlebten. Da die „VAN IMHOFF“ der niederländischen KPM gehörte und die Niederlande unter deutscher Besetzung waren, mussten die versicherten Betreiber eine Entschädigungen von 4 Millionen Gulden an die Angehörigen der Toten in Deutschland zahlen, auch eine Einmaligkeit während eines Krieges. Nach dem Kriege strengten die in England lebenden Eltern von Walter Spies eine Klage gegen den Kapitän der „VAN IMHOFF“ Bongvani*). Er wurde zum Tode verurteilt, aber sofort amnestiert.

Am nächsten Tag wurden die Überlebenden auf Nias wieder von Holländern gefangen genommen und in den Hauptort der Insel, Gunung Sitoli, gebracht. Dort wurden sie im Polizeigefängnis eingesperrt, das von Holländern und von indonesischen Polizisten aus Sumatra bewacht wurde. Die Indonesier zeigten sich sehr verwundert, dass sie nun Deutsche bewachen sollten, wo doch die Deutschen erst vor kurzem ihre ungeliebten Kolonialherren in Holland besiegt hatten. Albert Vehring schmiedete mit ihnen ein Komplott. Die Deutschen verbündeten sich mit den Indonesiern und setzten am Palmsonntag 1942 die Holländer als Gefangene fest. Die Japaner waren inzwischen schon auf Sumatra und Java gelandet und hatten nun – Ironie des Schicksals – überall die Niederländer in Internierungslager gesperrt.

Nun ereignete sich auf Nias eine unglaubliche Inszenierung, die uns heute zum Schmunzeln veranlasst: Die Deutschen proklamierten zusammen mit den Niassern die „Freie Republik Nias“. Der Vertreter der Firma Bosch, ein Herr Fischer, wurde ihr Ministerpräsident, und Albert Vehring wurde Außenminister. Sie hatten niassische Counterparts. Die Niasser jubelten, sie hatten endlich das Kolonialjoch abgeschüttelt. Einige Wochen regierten die Deutschen im Einvernehmen mit den Niassern ihre Insel.

Albert Vehring segelte dann hinüber nach Sumatra, um mit den Japanern Verbindung aufzunehmen. Diese kamen am 17. April nach Nias und transportierten nun die Holländer als Gefangene ab, darunter auch Pastor van Straalen. Die Deutschen konnten wieder an ihre früheren Stätten zurückkehren, die „Freie Republik Nias“ hatte sich wieder aufgelöst. Albert Vehring arbeitete für die Japaner in einem Hotel, braute Schnaps und findet sich später wieder als Schiffsingenieur in Singapur.

*) Anderen Berichten zufolge hieß der Kapitän  H.J.Hoeksema (SPIEGEL 12/1965)

Weiterlesen über deutsche Schicksale in Indonesien während des 2. Weltkrieges:

http://www.bogor.indo.net.id/indonesien.deutschersoldatenfriedhof

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Kommentare

  • Jürgen Schmidt  On 25. Februar 2012 at 15:27

    1986 habe ich in Palma einen Hamburger Mettwurstfabrikanten kennen gelernt, der den Untergang der „Van Imhoff“ als 20 jähriger Sohn eines Hamburger Teehändlers überlebt hat und auch an der kuriosen Gründung der freien Republik Nias beteiligt war. Nach seiner Rückkehr zu seiner Verlobten Kalina nach Batavia/Jakarta war er in dem dortigen deutschen U-Bootstützpunkt beschäftigt. 1946 endlich konnten sie zurückkehren nach Hamburg und gründeten eine Mettwurstfabrik. Seine mir berichtete Liebesgeschichte und seine Erlebnisse in Indonesien habe ich zu einem Roman verarbeitet, der unter dem Titel „Liebe, Krieg und Mettwurst“ beim Lulu-Verlag veröffentlicht wird.
    Jürgen Schmidt

  • klaussturm  On 25. Februar 2012 at 17:23

    Vielen Dank für den Beitrag. Und auf den Roman bin ich schon sehr gespannt.
    „Liebe, Krieg und Mettwurst“ machen richtig Appetit…

  • Hans Maarthen Stüber  On 3. September 2012 at 23:24

    Ich weiss zeit zwei wochen das mein opa W.C.J. Stüber auf Van Imhoff ist gestorben. Mijn oma erzahlte immer diese geschichte und bin ich auf der suche gegangen und gefunden. Mijn opa war besuurs assistent für holland. Sein sohn Heinrich Stüber und familie ist im jahre 1962 nach der Niederland gegangen.

    • Jürgen Schmidt  On 4. September 2012 at 07:31

      Hallo Hans Maarthen,
      was ist ein besuurs assistent? Dann ist dein Opa damals auch eingesperrt worden und sollte nach Indien gebracht werden, damit die Japaner ihn nicht befreien! Nur deshalb ist er gestorben! Auch die Deutschen, die für die Holländer gearbeitet haben, wurden nicht verschont. Ein Krieg entwurzelt die Menschen! Dazu passt auch die Entscheidung, die der Kapitän der „Van Imhoff“ damals getroffen hat. Ich habe es in meinem Buch so verarbeitet, wie ich es 1986 von einem Überlebendem erfahren habe.
      Gruß aus Wilhelmshaven Jürgen Schmidt

      • Hans Maarthen Stüber  On 11. September 2012 at 16:07

        Ein nestuurs assistentvis ein bezirkleiter. Mijn opa war eingesteld durch Resident Lulofs und später durch resident Haga. Stüber pacificierte das gebied Waris auf nned indie

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