Frank Ridwan Lutz: »Stranger in Paradise«

Immer mehr Menschen in Deutschland haben Eltern, die aus verschiedenen Ländern und Kulturen der Welt stammen. In Deutschland aufgewachsen, sind sie geprägt durch die  kulturellen Standards ihrer deutsch-europäischen Umwelt. Immer aber bleibt das Erbe aus dem anderen Teil der Welt, das in ihnen präsent ist, faszinierend und herausfordernd. Frank Ridwan Lutz hat seinen Bericht mit dem Titel „Stranger in Paradise“ überschrieben, womit  auch schon die Ambivalenz solcher Erfahrungen angedeutet ist.In beiden Welten gleich zuhause und akzeptiert zu sein, gelingt nicht allzu vielen. Aber die Suche nach den eigenen Wurzeln ist immer eine spannende Angelegenheit.  – K.S.

Dort studieren, wo andere Menschen Urlaub machen…

Von September 2003 bis August 2004 erfüllte sich mein Traum vom einjährigen Studium in Indonesien, dem Heimatland meiner Mutter. Genauer gesagt verschlug es mich nach Bali, an die Universitas Udayana in Denpasar. In dieser Zeit schrieb ich diesen Erfahrungsbericht, zunächst in indonesischer Sprache, da er ursprünglich als Abschlussarbeit für den Indonesisch-Sprachkurses, den ich an der Universitas Udayana belegt hatte, bestimmt gewesen war. Inhaltlich geht es in diesem Bericht hauptsächlich um meine Erfahrungen mit dem Alltagsleben der Menschen auf Bali und den Unterschieden zum Alltag in Deutschland, die mir auffielen. Ich berichte nicht über die bekannten Seiten Balis, wie beispielsweise die hindu-balinesische Religion und die traditionellen Kunstformen. Dennoch geht es in meinem Text auch um Bali, allerdings um das moderne, urbane Bali, das inzwischen auch von zahlreichen Migranten aus anderen Landesteilen geprägt wird und sich in vielen Dingen gar nicht mehr so stark von anderen Regionen Indonesiens unterscheidet. Mir ist selbstverständlich klar, dass ich nur einen kleinen Teil des Ganzen erfassen und nur über das berichten kann, was ich selbst erlebt habe oder was mir erzählt wurde. Ich habe mich auch nur auf drei Bereiche konzentriert, in der ich die Unterschiede zwischen der deutschen und indonesischen Lebensweise besonders prägnant finde, nämlich die gegenseitige Fürsorge der Menschen, das allgemeine Lebenstempo und die Rolle der Religion.

Wenn ich von »der indonesischen Kultur«spreche, so geschieht dies nur der Einfachheit halber. In einem Vielvölkerstaat wie Indonesien ist es natürlich problematisch, von »der Kultur« zu sprechen. Genauso schwierig ist es sicherlich, die deutsche Kultur von der anderer europäischer Länder abzugrenzen. Aber wie bereits erwähnt, kann ich nur über das schreiben, was ich aus eigener Erfahrung kenne.

Beim Umschreiben ins Deutsche merkte ich bald, dass ich meinen Text nicht einfach wortwörtlich übersetzen konnte. An vielen Stellen musste ich andere Dinge betonen und hervorheben als im Original, denn was Indonesiern alltäglich und selbstverständlich erscheint, kann Deutschen sehr fremd und exotisch anmuten, wie auch umgekehrt. Sogar meinen Schreibstil musste ich anpassen: Indonesier wollen eher, dass man ihnen etwas erzählt und dabei eine ausdrucksvolle Sprache und einen vertraulichen Tonfall wählt. Deutsche dagegen wünschen meistens, die Dinge erklärt zu bekommen und legen viel größeren Wert auf Sachlichkeit und überzeugende Argumente.

An dieser Stelle möchte ich auch auf meine Identität als „Indo“, als Sohn einer Indonesierin und eines Deutschen, zu sprechen kommen. Was bedeutete diese Identität für meine Erfahrungen während meines Studienjahres auf Bali? Machte ich andere Erfahrungen als meine ebenfalls ausländischen Kommilitonen? Reagierten die Einheimischen vielleicht sogar anders auf mich? Und nicht zuletzt: Was bedeuten mir die Erfahrungen, die ich während meines Studienjahres auf Bali machte, und in wie fern veränderten sie mich? Auch mit solchen Fragen möchte ich mich auf den folgenden Seiten beschäftigen.

Mau ke mana? » Wohin gehst du?

Für eine nützliche Methode, sich der Alltagskultur eines anderen Landes anzunähern, halte ich, von den Einheimischen oftmals benutze Wörter, Sätze oder Phrasen einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Der Satz, den ich in meiner gesamten Zeit in Indonesien am häufigsten hörte, war sicherlich »Mau ke mana?« (»Wohin gehst du?«). Um immer eine passende Antwort auf diese manchmal lästige Frage parat zu haben, dachte ich sogar darüber nach, zwei meiner T-Shirts mit den Aufschriften »Zur Uni« und »Zum Warung« (eine Art typisch indonesisches Esslokal) bedrucken zu lassen. Doch was steckt hinter dieser Frage? Meiner Meinung nach weisen diese drei Worte auf die große Fürsorge und Aufmerksamkeit hin, die sich Indonesier gegenseitig entgegenbringen und von der sie auch Gäste aus anderen Ländern nicht ausnehmen. Oder etwas negativer ausgedrückt: Viele Indonesier sind neugierig und mischen sich manchmal gerne in die Angelegenheiten anderer Leute ein. Dies hat einerseits zur Folge, dass normalerweise niemand mit seinen Problemen alleine gelassen wird, sondern sich fast immer darauf verlassen kann, Hilfe von seinen Mitmenschen zu bekommen. Gotong-royong, die traditionelle Nachbarschaftshilfe unter den Bewohnern eines Dorfes, ist meiner Erfahrung nach auch in den indonesischen Großstädten des 21. Jahrhunderts noch weit verbreitet. Von der großen Hilfsbereitschaft der Indonesier profitierte ich immer wieder: Von meinen ersten Tagen in Denpasar, als ich nach einer Unterkunft suchte und mir viele völlig fremde Leute, die ich auf der Straße traf, bereitwillig halfen, bis zum unerfreulichen Vorfall, als ich mein Portemonnaie verloren hatte und mich meine einheimischen Mitbewohner mit viel Geduld dabei unterstützten, Verlustmeldungen bei der Polizei und bei einem lokalen Radiosender aufzugeben.

Aber der Nachteil der gegenseitigen Fürsorge und Anteilnahme ist meiner Meinung nach, dass Privatangelegenheiten in Indonesien nicht immer Privatangelegenheiten bleiben und sich Gerüchte mit großer Geschwindigkeit ausbreiten. Wie ich aus Gesprächen mit Freunden erfuhr, sind beispielsweise die Geburt eines unehelichen Kindes oder die Heirat mit einem Angehörigen einer anderen Religionsgemeinschaft nach wie vor Ereignisse, welche die Aufmerksamkeit vieler Leute erregen. Die Folgen für jemanden, der auf diese Weise zum Gesprächsthema der Leute geworden ist, können sehr schlimm sein und sogar bis hin zu einem faktischen Ausschluss aus der Familie und der ganzen Gesellschaft führen. Was sind die Hintergedanken für solch ein Handeln? Wie einer meiner Freunde mir erklärte, gebe es zwei Hauptgründe für die typisch indonesische Fürsorglichkeit, die im Extremfall ins Negative umschlagen kann: Zum einen denke man ganz pragmatisch: Wenn ich jemandem helfe, kann ich auch seine Hilfe erwarten, wenn ich sie einmal benötigen sollte. Zum anderen müsse hier die starke Religiosität der meisten Indonesier berücksichtigt werden: Die Hoffnung auf ein Jenseits, in dem man für seine guten Taten belohnt wird, sei »unabhängig von der Religionszugehörigkeit« nach wie vor sehr stark im Denken der meisten Menschen verwurzelt. Wenn sich nun aber jemand entgegen der allgemein vorherrschenden Moral verhalte, mache er sich aus der Sicht vieler Leute nicht nur zur Schande seines eigenen gesellschaftlichen Umkreises, sondern beeinflusse auch die Seelen seiner Mitmenschen auf eine negative Art und Weise. Vielleicht ist es typisch für asiatische Gesellschaften, dass dabei das Wohl der Gruppe als wichtiger betrachtet wird als das Heil des Einzelnen und dass dem Einzelnen mitunter ein großer Schaden zugefügt werden kann, um dadurch die Ehre der Gruppe zu retten und ihr Wohlergehen zu sichern.

Nicht wenige der jungen Indonesier, mit denen ich zu tun hatte, sahen diese traditionellen Sanktionsmechanismen der Gesellschaft sehr kritisch und fühlten sich zum in ihren Augen typisch »westlichen« Individualismus hingezogen. Doch meiner Meinung nach greift eine solche Sichtweise zu kurz. Ich denke, dass wir als Mitteleuropäer uns durchaus glücklich schätzen können, dass die Gesellschaft uns das Recht zugesteht, Entscheidungen, die unsere eigene Person betreffen, selbständig zu fällen; die Toleranz gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen scheint mir hierzulande größer zu sein, die »moralische Messlatte« dagegen weniger hoch zu liegen, so dass wir uns viele Lebensentwürfe, Denk- und Verhaltensweisen erlauben können, die in der indonesischen Gesellschaft noch mit einem starken Tabu belegt sind. Doch denke ich manchmal, dass wir unseren Lifestyle etwas kritischer überdenken sollten. »Individualismus« bedeutet nämlich auch, dass man zur Selbständigkeit gezwungen wird und seine Ziele mit Aggressivität und Entschlossenheit verfolgen muss, womit sich viele Leute überfordert fühlen. Ich habe zwar keine Statistiken zu diesem Thema studiert, aber rein gefühlsmäßig würde ich auf einen Zusammenhang zwischen zunehmender Individualisierung, oft in Kombination mit starkem Leistungsdruck, und einem Anstieg psychischer Erkrankungen schließen. Natürlich darf man hier nicht zu sehr verallgemeinern, denn bei jeder psychischen Erkrankung müssen auch die jeweiligen persönlichen Hintergründe betrachtet werden, und selbstverständlich kommen psychische Erkrankungen auch in weniger individualisierten Gesellschaften wie der Indonesischen vor. Aber wer einmal das Gefühl der Geborgenheit der Indonesier in ihrem sozialen Netz nachgefühlt hat »und ich habe es dank der herzlichen Aufnahme durch Verwandte und Freunde bei jedem meiner bisherigen Indonesien-Besuche erfahren können »wird vielleicht verstehen, was vielen Menschen hierzulande entgeht und was einige von ihnen wohl sogar aus eigener Erfahrung gar nicht mehr kennen.

Was können wir von den Indonesiern lernen, und umgekehrt?

Dazu gilt es zunächst einmal, die jeweiligen Stärken der beiden verschiedenen Kulturen heraus zu arbeiten. Was ist die größte Errungenschaft, der höchste Wert in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft? Meiner Meinung nach »abgesehen von der Fähigkeit, für sich selbst sorgen zu können« vor allem eines: Toleranz. Auch Indonesier sind im Allgemeinen tolerant, aber sie sind es auf eine andere Art und Weise: Toleranz ist in Indonesien seltener ideologisch motiviert »mit Ausnahme religiös motivierter Toleranz« sondern erwächst normalerweise entweder einem Gefühl der Zuneigung für den Anderen gerade wegen seiner Andersartigkeit oder aber praktischen Gegebenheiten. Dies bedeutet auch, dass ein unhöflicher ausländischer Gast, der sich nicht um die Sitten und Gebräuche des Gastlandes kümmert, aber auf dessen Geld man angewiesen ist, manchmal mit mehr Toleranz bedacht wird als ein unliebsames Mitglied der eigenen Gesellschaft. Etwas mehr Toleranz aus einer tieferen Überzeugung heraus könnte der indonesischen Gesellschaft möglicherweise gut tun.

Auf der anderen Seite halte ich die gegenseitige Fürsorge und Hilfsbereitschaft für ein Element der indonesischen Kultur, das unbedingt bewahrt werden sollte. Ist es jedoch auch auf unsere Gesellschaft übertragbar? Eine gegenseitige Nachbarschaftshilfe wie in Indonesien wird es bei uns wohl nicht (mehr) geben können, denn dazu ist der Individualisierungsprozess bereits zu weit fortgeschritten. Jedoch denke ich, dass jeder in seinem privaten Umfeld etwas gegen Ignoranz und Gleichgültigkeit unternehmen kann. In einer Idealgesellschaft nach meiner Vorstellung helfen sich die einzelnen Mitglieder gegenseitig und sorgen füreinander, wissen aber auch genau, wo die Grenzen zur Verletzung der Privatsphäre des Anderen liegen. Die richtige Balance muss dabei wohl jeder selbständig für sich und für sein privates Umfeld herausfinden……

….weiter lesen: „Stranger in paradise“



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