Frank Ridwan Lutz: »Stranger in Paradise«

Immer mehr Menschen in Deutschland haben Eltern, die aus verschiedenen Ländern und Kulturen der Welt stammen. In Deutschland aufgewachsen, sind sie geprägt durch die  kulturellen Standards ihrer deutsch-europäischen Umwelt. Immer aber bleibt das Erbe aus dem anderen Teil der Welt, das in ihnen präsent ist, faszinierend und herausfordernd. Frank Ridwan Lutz hat seinen Bericht mit dem Titel „Stranger in Paradise“ überschrieben, womit  auch schon die Ambivalenz solcher Erfahrungen angedeutet ist.In beiden Welten gleich zuhause und akzeptiert zu sein, gelingt nicht allzu vielen. Aber die Suche nach den eigenen Wurzeln ist immer eine spannende Angelegenheit.  – K.S.

Dort studieren, wo andere Menschen Urlaub machen…

Von September 2003 bis August 2004 erfüllte sich mein Traum vom einjährigen Studium in Indonesien, dem Heimatland meiner Mutter. Genauer gesagt verschlug es mich nach Bali, an die Universitas Udayana in Denpasar. In dieser Zeit schrieb ich diesen Erfahrungsbericht, zunächst in indonesischer Sprache, da er ursprünglich als Abschlussarbeit für den Indonesisch-Sprachkurses, den ich an der Universitas Udayana belegt hatte, bestimmt gewesen war. Inhaltlich geht es in diesem Bericht hauptsächlich um meine Erfahrungen mit dem Alltagsleben der Menschen auf Bali und den Unterschieden zum Alltag in Deutschland, die mir auffielen. Ich berichte nicht über die bekannten Seiten Balis, wie beispielsweise die hindu-balinesische Religion und die traditionellen Kunstformen. Dennoch geht es in meinem Text auch um Bali, allerdings um das moderne, urbane Bali, das inzwischen auch von zahlreichen Migranten aus anderen Landesteilen geprägt wird und sich in vielen Dingen gar nicht mehr so stark von anderen Regionen Indonesiens unterscheidet. Mir ist selbstverständlich klar, dass ich nur einen kleinen Teil des Ganzen erfassen und nur über das berichten kann, was ich selbst erlebt habe oder was mir erzählt wurde. Ich habe mich auch nur auf drei Bereiche konzentriert, in der ich die Unterschiede zwischen der deutschen und indonesischen Lebensweise besonders prägnant finde, nämlich die gegenseitige Fürsorge der Menschen, das allgemeine Lebenstempo und die Rolle der Religion.

Wenn ich von »der indonesischen Kultur«spreche, so geschieht dies nur der Einfachheit halber. In einem Vielvölkerstaat wie Indonesien ist es natürlich problematisch, von »der Kultur« zu sprechen. Genauso schwierig ist es sicherlich, die deutsche Kultur von der anderer europäischer Länder abzugrenzen. Aber wie bereits erwähnt, kann ich nur über das schreiben, was ich aus eigener Erfahrung kenne.

Beim Umschreiben ins Deutsche merkte ich bald, dass ich meinen Text nicht einfach wortwörtlich übersetzen konnte. An vielen Stellen musste ich andere Dinge betonen und hervorheben als im Original, denn was Indonesiern alltäglich und selbstverständlich erscheint, kann Deutschen sehr fremd und exotisch anmuten, wie auch umgekehrt. Sogar meinen Schreibstil musste ich anpassen: Indonesier wollen eher, dass man ihnen etwas erzählt und dabei eine ausdrucksvolle Sprache und einen vertraulichen Tonfall wählt. Deutsche dagegen wünschen meistens, die Dinge erklärt zu bekommen und legen viel größeren Wert auf Sachlichkeit und überzeugende Argumente.

An dieser Stelle möchte ich auch auf meine Identität als „Indo“, als Sohn einer Indonesierin und eines Deutschen, zu sprechen kommen. Was bedeutete diese Identität für meine Erfahrungen während meines Studienjahres auf Bali? Machte ich andere Erfahrungen als meine ebenfalls ausländischen Kommilitonen? Reagierten die Einheimischen vielleicht sogar anders auf mich? Und nicht zuletzt: Was bedeuten mir die Erfahrungen, die ich während meines Studienjahres auf Bali machte, und in wie fern veränderten sie mich? Auch mit solchen Fragen möchte ich mich auf den folgenden Seiten beschäftigen.

Mau ke mana? » Wohin gehst du?

Für eine nützliche Methode, sich der Alltagskultur eines anderen Landes anzunähern, halte ich, von den Einheimischen oftmals benutze Wörter, Sätze oder Phrasen einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Der Satz, den ich in meiner gesamten Zeit in Indonesien am häufigsten hörte, war sicherlich »Mau ke mana?« (»Wohin gehst du?«). Um immer eine passende Antwort auf diese manchmal lästige Frage parat zu haben, dachte ich sogar darüber nach, zwei meiner T-Shirts mit den Aufschriften »Zur Uni« und »Zum Warung« (eine Art typisch indonesisches Esslokal) bedrucken zu lassen. Doch was steckt hinter dieser Frage? Meiner Meinung nach weisen diese drei Worte auf die große Fürsorge und Aufmerksamkeit hin, die sich Indonesier gegenseitig entgegenbringen und von der sie auch Gäste aus anderen Ländern nicht ausnehmen. Oder etwas negativer ausgedrückt: Viele Indonesier sind neugierig und mischen sich manchmal gerne in die Angelegenheiten anderer Leute ein. Dies hat einerseits zur Folge, dass normalerweise niemand mit seinen Problemen alleine gelassen wird, sondern sich fast immer darauf verlassen kann, Hilfe von seinen Mitmenschen zu bekommen. Gotong-royong, die traditionelle Nachbarschaftshilfe unter den Bewohnern eines Dorfes, ist meiner Erfahrung nach auch in den indonesischen Großstädten des 21. Jahrhunderts noch weit verbreitet. Von der großen Hilfsbereitschaft der Indonesier profitierte ich immer wieder: Von meinen ersten Tagen in Denpasar, als ich nach einer Unterkunft suchte und mir viele völlig fremde Leute, die ich auf der Straße traf, bereitwillig halfen, bis zum unerfreulichen Vorfall, als ich mein Portemonnaie verloren hatte und mich meine einheimischen Mitbewohner mit viel Geduld dabei unterstützten, Verlustmeldungen bei der Polizei und bei einem lokalen Radiosender aufzugeben.

Aber der Nachteil der gegenseitigen Fürsorge und Anteilnahme ist meiner Meinung nach, dass Privatangelegenheiten in Indonesien nicht immer Privatangelegenheiten bleiben und sich Gerüchte mit großer Geschwindigkeit ausbreiten. Wie ich aus Gesprächen mit Freunden erfuhr, sind beispielsweise die Geburt eines unehelichen Kindes oder die Heirat mit einem Angehörigen einer anderen Religionsgemeinschaft nach wie vor Ereignisse, welche die Aufmerksamkeit vieler Leute erregen. Die Folgen für jemanden, der auf diese Weise zum Gesprächsthema der Leute geworden ist, können sehr schlimm sein und sogar bis hin zu einem faktischen Ausschluss aus der Familie und der ganzen Gesellschaft führen. Was sind die Hintergedanken für solch ein Handeln? Wie einer meiner Freunde mir erklärte, gebe es zwei Hauptgründe für die typisch indonesische Fürsorglichkeit, die im Extremfall ins Negative umschlagen kann: Zum einen denke man ganz pragmatisch: Wenn ich jemandem helfe, kann ich auch seine Hilfe erwarten, wenn ich sie einmal benötigen sollte. Zum anderen müsse hier die starke Religiosität der meisten Indonesier berücksichtigt werden: Die Hoffnung auf ein Jenseits, in dem man für seine guten Taten belohnt wird, sei »unabhängig von der Religionszugehörigkeit« nach wie vor sehr stark im Denken der meisten Menschen verwurzelt. Wenn sich nun aber jemand entgegen der allgemein vorherrschenden Moral verhalte, mache er sich aus der Sicht vieler Leute nicht nur zur Schande seines eigenen gesellschaftlichen Umkreises, sondern beeinflusse auch die Seelen seiner Mitmenschen auf eine negative Art und Weise. Vielleicht ist es typisch für asiatische Gesellschaften, dass dabei das Wohl der Gruppe als wichtiger betrachtet wird als das Heil des Einzelnen und dass dem Einzelnen mitunter ein großer Schaden zugefügt werden kann, um dadurch die Ehre der Gruppe zu retten und ihr Wohlergehen zu sichern.

Nicht wenige der jungen Indonesier, mit denen ich zu tun hatte, sahen diese traditionellen Sanktionsmechanismen der Gesellschaft sehr kritisch und fühlten sich zum in ihren Augen typisch »westlichen« Individualismus hingezogen. Doch meiner Meinung nach greift eine solche Sichtweise zu kurz. Ich denke, dass wir als Mitteleuropäer uns durchaus glücklich schätzen können, dass die Gesellschaft uns das Recht zugesteht, Entscheidungen, die unsere eigene Person betreffen, selbständig zu fällen; die Toleranz gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen scheint mir hierzulande größer zu sein, die »moralische Messlatte« dagegen weniger hoch zu liegen, so dass wir uns viele Lebensentwürfe, Denk- und Verhaltensweisen erlauben können, die in der indonesischen Gesellschaft noch mit einem starken Tabu belegt sind. Doch denke ich manchmal, dass wir unseren Lifestyle etwas kritischer überdenken sollten. »Individualismus« bedeutet nämlich auch, dass man zur Selbständigkeit gezwungen wird und seine Ziele mit Aggressivität und Entschlossenheit verfolgen muss, womit sich viele Leute überfordert fühlen. Ich habe zwar keine Statistiken zu diesem Thema studiert, aber rein gefühlsmäßig würde ich auf einen Zusammenhang zwischen zunehmender Individualisierung, oft in Kombination mit starkem Leistungsdruck, und einem Anstieg psychischer Erkrankungen schließen. Natürlich darf man hier nicht zu sehr verallgemeinern, denn bei jeder psychischen Erkrankung müssen auch die jeweiligen persönlichen Hintergründe betrachtet werden, und selbstverständlich kommen psychische Erkrankungen auch in weniger individualisierten Gesellschaften wie der Indonesischen vor. Aber wer einmal das Gefühl der Geborgenheit der Indonesier in ihrem sozialen Netz nachgefühlt hat »und ich habe es dank der herzlichen Aufnahme durch Verwandte und Freunde bei jedem meiner bisherigen Indonesien-Besuche erfahren können »wird vielleicht verstehen, was vielen Menschen hierzulande entgeht und was einige von ihnen wohl sogar aus eigener Erfahrung gar nicht mehr kennen.

Was können wir von den Indonesiern lernen, und umgekehrt?

Dazu gilt es zunächst einmal, die jeweiligen Stärken der beiden verschiedenen Kulturen heraus zu arbeiten. Was ist die größte Errungenschaft, der höchste Wert in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft? Meiner Meinung nach »abgesehen von der Fähigkeit, für sich selbst sorgen zu können« vor allem eines: Toleranz. Auch Indonesier sind im Allgemeinen tolerant, aber sie sind es auf eine andere Art und Weise: Toleranz ist in Indonesien seltener ideologisch motiviert »mit Ausnahme religiös motivierter Toleranz« sondern erwächst normalerweise entweder einem Gefühl der Zuneigung für den Anderen gerade wegen seiner Andersartigkeit oder aber praktischen Gegebenheiten. Dies bedeutet auch, dass ein unhöflicher ausländischer Gast, der sich nicht um die Sitten und Gebräuche des Gastlandes kümmert, aber auf dessen Geld man angewiesen ist, manchmal mit mehr Toleranz bedacht wird als ein unliebsames Mitglied der eigenen Gesellschaft. Etwas mehr Toleranz aus einer tieferen Überzeugung heraus könnte der indonesischen Gesellschaft möglicherweise gut tun.

Auf der anderen Seite halte ich die gegenseitige Fürsorge und Hilfsbereitschaft für ein Element der indonesischen Kultur, das unbedingt bewahrt werden sollte. Ist es jedoch auch auf unsere Gesellschaft übertragbar? Eine gegenseitige Nachbarschaftshilfe wie in Indonesien wird es bei uns wohl nicht (mehr) geben können, denn dazu ist der Individualisierungsprozess bereits zu weit fortgeschritten. Jedoch denke ich, dass jeder in seinem privaten Umfeld etwas gegen Ignoranz und Gleichgültigkeit unternehmen kann. In einer Idealgesellschaft nach meiner Vorstellung helfen sich die einzelnen Mitglieder gegenseitig und sorgen füreinander, wissen aber auch genau, wo die Grenzen zur Verletzung der Privatsphäre des Anderen liegen. Die richtige Balance muss dabei wohl jeder selbständig für sich und für sein privates Umfeld herausfinden……

»Santai aja – Entspannt euch!«

Indonesier entspannen sich sehr gerne. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie den ganzen Tag lang in der Sonne liegen würden, ganz zu schweigen davon, dass dies ja auch im Widerspruch zu ihrem weit verbreiteten Schönheitsideal einer möglichst hellen Haut stünde. Nein, die Entspanntheit der Indonesier wird in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens sichtbar. Beispielsweise ist man als ausländischer Gast immer wieder beeindruckt von der indonesischen Gastfreundschaft. Und wenn ein ausländischer Gast die indonesische Sprache noch nicht fließend beherrscht oder unabsichtlich gegen die Höflichkeitsregeln verstößt, begegnet man ihm mit sehr viel Verständnis. Es kann allerdings passieren, dass man ihn auslacht. Dabei geht es aber nicht darum, diesen »dummen Ausländer« zu verspotten, sondern es ist viel eher so, dass die Indonesier normalerweise viel Humor besitzen und sich über vermeintlich banale Dinge sehr freuen können. Oft staunte ich darüber, wie diese Leute so fröhlich sein konnten oder zumindest immer so wirkten. Auch steht der etwas kindliche, unkomplizierte typisch indonesische Humor meiner Meinung nach im starken Kontrast zum eher wohl durchdachten, oftmals harten und vulgären, manchmal ins Zynische übergehenden deutschen Humor. Auch in der indonesischen Arbeitswelt geht es oft entspannt zu. Das soll selbstverständlich nicht bedeuten, dass Indonesier faul wären; es war nur mein Eindruck, dass sie auch am Arbeitsplatz großen Wert auf eine angenehme und freundliche Atmosphäre legen.

An meiner Universität gingen die meisten Studenten sehr freundschaftlich und vertraulich miteinander um, und die Dozenten nahmen oft eine Art Elternrolle ein. Indonesier legen also auch im öffentlichen Leben großen Wert auf intakte zwischenmenschliche Beziehungen, wohingegen man es mit gerade in Deutschland so hoch geschätzten Tugenden wie Disziplin und Pünktlichkeit nicht immer ganz genau nimmt. ‹ber die Gründe dafür kann ich nur spekulieren. Sind es etwa die tropischen Temperaturen, die einen automatisch dazu bringen, die Dinge langsamer anzugehen? Schließlich bemerkte ich an mir selbst im Laufe der Zeit eine Veränderung hin zu mehr Entspanntheit und Umgänglichkeit.

Aber ist das wirklich alles oder verbirgt sich hinter der Maske der Entspanntheit nicht auch manchmal eine tiefe Unzufriedenheit und eine Ohnmacht gegenüber gewissen Zuständen im Lande, wie der weit verbreiteten Korruption und Vetternwirtschaft, die einfach nicht veränderbar zu sein scheinen? Selbstverständlich habe ich auch sehr engagierte und ehrgeizige Leute kennen gelernt, die hart arbeiten, ihre Ziele entschlossen verfolgen und in ihrem Land »etwas bewegen«wollen. Dennoch denke ich, dass eine gewisse Passivität und Schicksalsgläubigkeit für die indonesische Mentalität typisch ist »mit allen positiven und negativen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Von Göttern und Dämonen – Religion als Lebensinhalt

Bali ist in unseren Regionen als »Insel der Götter« bekannt. Und tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass Religion im Leben der Balinesen nach wie vor eine sehr wichtige Rolle spielt. An den religiösen Zeremonien schien sich jeder zu beteiligen, und die festliche Atmosphäre war überall spürbar. Auch für die Muslime, die ich traf, hatten Feiertage wie Lebaran, das Fest zum Abschluss des Fastenmonats Ramadhan, eine Bedeutung, die nicht von der Religion getrennt werden kann.

Das Alltagsleben eines Großteils der Indonesier wird von ihrer Religion geprägt. Dies ist in Mitteleuropa für viele Menschen nicht mehr vorstellbar, denn Religion bestimmt den Alltag der meisten Menschen kaum noch und ist sogar zu einer etwas exotischen Angelegenheit geworden. Auch der religiöse Ursprung vieler Feiertage ist längst in den Hintergrund gerückt. Die tiefe Frömmigkeit der Indonesier beeindruckte mich und brachte mich sogar soweit, zu denken, dass diese Menschen niemals verzweifelt sein können, weil ihr starker Glaube und die damit verbundenen Hoffnungen sie über alle Sorgen hinwegtrösten.

Jedoch hat eine starke Religiosität nicht nur positive Seiten. Der Glaube vieler ihrer Landsleute wurde von einigen meiner indonesischen Freunde als naiv bezeichnet. Eine allzu leichtgläubige Auffassung von der eigenen Religion und ihrer Vorschriften kann schnell zu einer Abgrenzung gegenüber anderen Religionen führen. Die Folgen werden im bereits angesprochenen Problem interreligiöser Heiraten sichtbar, oder noch extremer bei interreligiösen Konflikten oder sogar religiös motivierten Terrorakten. Natürlich handelt es sich hierbei nur um die Taten kleiner Gruppen, die auf keinen Fall repräsentativ für den Großteil der Indonesier sind.

Meiner Erfahrung nach ist das Zusammenleben verschiedener Religionen oft eher ein »Nebeneinanderì, bei der die Angehörigen der verschiedenen Religionen in verschiedenen Wohnvierteln leben und sich soweit möglich aus dem Weg gehen; ein Nebeneinander jedoch, das im Allgemeinen ohne größere Konflikte funktioniert. Manchmal schien es mir allerdings, als gebe es so etwas wie ein verstecktes generelles Misstrauen gegenüber Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften. Der Umgang mit meinen indonesischen Altersgenossen stimmte mich dagegen überwiegend optimistisch. Unter den Bewohnern meiner Kost (dem indonesischen Pendant zu einer Wohngemeinschaft, meistens mit elterlicher Fürsorge durch den Vermieter) gingen Christen und Muslime unter dem wohlwollenden Blick des hinduistischen Vermieters gemeinsam in die Kirche und feierten zusammen Lebaran.

Es bewegt sich etwas bei der jungen Bevölkerung Indonesiens. Es scheint mir, dass religiöse Unterschiede inzwischen mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit überwunden werden als noch in der Generation meiner Mutter. In unseren Medien immer wieder auftauchende Bilder junger Rekruten für islamische Terrororganisationen sollen darüber nicht hinwegtäuschen. Auch die Konversion zu einer anderen Religion, von der man sich Antworten auf Fragen erhofft, die die eigene Religion nicht beantworten kann, wird von vielen jungen Indonesiern vollzogen. Obwohl es sich dabei in vielen Fällen möglicherweise nur um eine Modeerscheinung handelt, halte ich das Phänomen doch für bemerkenswert, da mir in Deutschland nichts Vergleichbares außer der Konversion einiger nach mehr Spiritualität in ihrem Leben suchender Menschen vor allem zum Buddhismus einfällt. Diese Beispiele mögen zeigen, dass die zunehmende Verwestlichung in den indonesischen Großstädten bisher keineswegs zu einer massenhaften Abkehr von der Religion geführt hat, sondern eher zu einer Integration der Religion in die veränderten Lebensumstände, wobei ich es allerdings schwierig finde, den zukünftigen Trend vorauszusagen.

Ist vielleicht eine tolerante und progressive Form des Glaubens, die Spiritualismus mit oftmals rationalem, pragmatischem Denken verbindet, der ideale Mittelweg zwischen religiösem Fundamentalismus und Atheismus? Dass Ersterer das Zusammenleben verschiedener Religionsgruppen gefährdet, braucht wohl nicht betont zu werden. Doch halte ich auch Atheismus nicht für die ideale Lösung. Natürlich ist es legitim, dass viele Leute Religionsfreiheit als Freiheit von Religion interpretieren, und vor dem Hintergrund religiös motivierten Terrors und politischer Instrumentalisierung von Religion erscheint eine solche Denkweise auch nicht ganz unverständlich. Ich denke nur, dass Atheismus das interkulturelle Verständnis erschweren kann, weil er nicht erklären oder nachfühlen kann, warum Religion für einen großen Teil der Menschheit weiterhin eine solch zentrale Rolle spielt.

Ich glaube auch nicht, dass das als typisch westlich bezeichnete stark rationale Denken zwangsläufig den Endpunkt einer Entwicklung darstellt. Ein Wiedererstarken der Religion ist schließlich nicht nur in manchen islamischen Ländern zu beobachten, sondern beispielsweise auch in den USA – wie auch immer man diese Entwicklungen beurteilt. Auch habe ich einige Menschen kennen gelernt, die während eines längeren Aufenthaltes in Indonesien ihren Glauben und manchmal sogar ihren Aberglauben wiederentdeckt haben. Umgekehrt bleiben die meisten Indonesier ihrer Religion treu, auch wenn sie schon seit Jahren in Deutschland leben. Welchen Weg Religion in Zukunft weltweit gehen, welche Bedeutung sie für die Menschen haben und in wie weit sie sich mit einem rationalen Weltbild in Einklang bringen lassen wird, halte ich für zentrale Fragen unserer Zeit.

Zu Hause in der Ferne oder für immer »Stranger in Paradise«?

An Stelle einer Zusammenfassung möchte ich zum Abschluss versuchen, die am Ende der Einleitung gestellten Fragen zu beantworten. Zuerst möchte ich betonen, dass »obwohl mir viele Verhaltensweisen der Indonesier sehr vertraut vorkamen – ich doch niemals vollständig denken und fühlen werde wie ein echter Indonesier, denn dazu bin ich viel zu stark geprägt von der deutschen Kultur und Lebensweise. Allerdings glaube ich, dass die während meines Studienjahres auf Bali von mir immer wieder gefühlte Nähe zu den Einheimischen oftmals auf Gegenseitigkeit beruhte und es mir daher besonders leicht fiel, mit vielen Indonesiern in Kontakt zu kommen, zahlreiche neue Freundschaften zu schließen und vielleicht hier und da auch mehr zu erfahren und tiefere Einblicke zu gewinnen als andere Ausländer. Dennoch blieb ich für viele Indonesier »wohl vor allem wegen meines nicht typisch indonesischen Aussehens – immer ein »Bule« (Sammelbezeichnung für Westler) und ich wurde auch manchmal in eine Reihe mit den typischen westlichen Touristen gestellt, die einem im Touristenort Kuta so oft begegnen.

Noch eine allgemeinere Bemerkung: Wenn man zwischen zwei verschiedenen Kulturen groß geworden ist, erkennt man leichter, dass das, was viele Leute für die absolute Wahrheit halten, in Wirklichkeit nur innerhalb ihres eigenen Umfeldes oder ihrer eigenen Kultur als wahr gilt. Es fällt leicht, eine bestimmte These zu vertreten, solange man nur von Menschen umgeben ist, die ähnlich denken. Ob man von der These wirklich überzeugt ist, zeigt sich oft erst, wenn man die gegenteilige Denkweise kennen gelernt und versucht hat, sie zu verstehen und nachzuempfinden. Ich glaube daran, dass es einige absolute Wahrheiten gibt. Alles andere aber gilt nur in einem bestimmten Kontext, beispielsweise einer bestimmten Kultur. Wenn man dann einmal die Gelegenheit bekommt, hinter die Fassade kultureller Eigenheiten zu blicken, ist es oft überraschend, wie sehr sich die Menschen doch ähneln, wie sehr sie Gleiches fühlen und denken, ähnliche Wünsche und Träume haben.

Um zum Ende zu kommen, was bedeuten mir die Erfahrungen, die ich während meines Studienjahres auf Bali gemacht habe und in wie fern veränderten sie mich? Vielleicht sind die wichtigsten Erfahrungen für mich, dass ich die positiven und negativen Seiten beider Kulturen nun besser beurteilen kann, aber auch erkannt habe, dass sich die positiven Seiten nicht ohne Weiteres auf die andere Kultur übertragen lassen und man sich immer ein Stück weit an die Gegebenheiten anpassen muss. Trotzdem kann ich für mich selbst versuchen, das Beste aus beiden Kulturen zu ziehen. Dieser »interkulturelle Spagat« fällt nicht immer leicht, aber ich kann mich ihm nicht entziehen und ich denke, dass ich viel durch ihn gewinnen kann.

(c) Frank Ridwan Lutz

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