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Nias 2010 – Reisenotizen

Fünf Jahre nach dem Erdbeben  (Fotos)

Donnerstag, 25. Februar 2010 — Es ist 8:30 Uhr als unsere Maschine auf dem Flughafen Bhinaka in Nias landet.  Etwa eine Stunde brauchen die Propellermaschinen  der Riau-Airlines von Medan (Nordsumatra) bis nach Nias. Endlich wieder in Nias! Unsere Familie wartet schon sehnsüchtig auf uns. Eigentlich sollten wir schon sehr viel eher wieder nach Nias kommen. Inzwischen waren aber doch wieder vier Jahre vergangen seit unserem letzten Besuch.  Außer dem Wiedersehen mit unserer Familie in Lahewa, wollten wir auch mit eigenen Augen sehen, was denn in der Zwischenzeit an Wiederaufbau in Nias geleistet worden war.

Damals  in 2006, ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben – war noch kaum etwas von  Wiederaufbau zu  sehen, das diesen Namen verdiente. Die ganz wichtigen Infrastrukturprojekte des BRR, der staatlichen Wiederaufbaubehörde,  schienen irgendwie ohne Realisierungsdruck oder eventuell von interessierter Seite blockiert.   Ich schrieb damals in meinem Reisebericht: „Ohne die Arbeit der privaten und kirchlichen Hilfsorganisationen brauchte man von Wiederaufbau gar nicht zu sprechen. Das ist Fakt.“ Die Arbeit dieser Organisationen war auf Hilfe im privaten Bereich konzentriert, aber zunehmend abhängig vom Fortschritt der Arbeiten infrastruktureller Art.  Wie sollte man z.B. zerstörte Häuser und Schulen in den abgelegeneren Dörfern wieder aufbauen, wenn Straßen und Brücken nicht befahrbar waren, um das Baumaterial dahin zu schaffen?

Auch wenn man in den folgenden Jahren im Internet Berichte von Erfolgen beim Wiederaufbau der Insel zu lesen bekam, die Skepsis wollte nicht weichen: Hatten denn die eingesetzten Hilfsgelder von ca. 1 Mrd EUR  tatsächlich zu erkennbaren Ergebnissen geführt? Zumal es auch immer wieder zu berichteten Skandalen bei der Auftragsvergabe und Ausführung gekommen war.  Dieser Skepsis konnte nur ein persönlicher Besuch abhelfen. Die Phase des Wiederaufbaus war planmäßig  Mitte 2009 offiziell beendet worden. Alle Projekte mussten also bis dato beendet sein. Für uns als Besucher natürlich nicht überprüfbar, ob mit dem investierten Geld nicht mehr zu machen gewesen wäre, und ob das Geld immer in den richtigen Taschen gelandet war. Die persönlichen Beobachtungen beschränken sich also auf die sichtbaren Seiten des wieder aufgebauten Nias.Um es vorweg zu nehmen:

Es tut gut, angenehm überrascht zu werden.

Wir fanden ein Nias vor, wie wir es nicht kannten. Beeindruckend, was in den vier bzw. fünf Jahren geleistet wurde. Nias hatte einen mächtigen Sprung in die zivilisatorische Moderne gemacht und Anschluss an die indonesische Normalität gefunden. Das war unübersehbar. Die unmittelbarste Erfahrung waren die Telekommunikation und  und der Straßenverkehr.  Ausgebaute und benutzbare Straßen von Nord nach Süd und von Ost nach West. Die Brücken zum großen Teil problemlos befahrbar. Die Qualität des Straßenbelags auf vielen Streckenabschnitten von fast europäischem Standard.

Wir profitierten sofort von diesem neuen Verkehrsstandard: Für die Fahrt von Gunung Sitoli in das 80 km  entfernte Lahewa an der Nordspitze der Insel brauchten wir nur eineinhalb Stunden mit dem Auto.  Dort in Lahewa waren wir für die nächsten zwei Wochen Gäste im Haus unserer Familie und  es  war dann genug Zeit, sich ein persönliches Bild vom „neuen Nias“ zu machen.

Die kleine Hafenstadt Lahewa  hat eine Reihe attraktiver neuer Schulgebäude vorzuweisen und auch  eine neue katholische Kirche, die erbebensicher auf einer Anhöhe über dem alten Kirchplatz erbaut wurde. Auch eine Bank und eine tadellos funktionierende Pertamina-Tankstelle steht den Einwohnern zur Verfügung.Der Pasar–Lahewa ist wieder aufgebaut mit Ausnahme der ehemaligen Hauptgeschäftstraße zum Hafen. Eine Reihe chinesischer Geschäftsleute hat das Interesse an diesem Stadtteil verloren, weil  der Hafen offensichtlich  nicht mehr die Bedeutung besitzt, die er früher hatte. Die meisten importierten und exportierten Waren kommen inzwischen auf dem Landweg aus dem Hafen von Gunung Sitoli.

Aus dem 80 km entfernten Gunung Sitoli kommen auch jeden Samstag oder Sonntag  Hunderte von jungen Leute auf ihren Motorrädern angebraust, um am Strand von Tureloto (6 km außerhalb von Lahewa ) das Wochenende zu verbringen – einfach so!  Sind das die Anfänge eines einheimischen Tourismus in Nordnias?  Vielleicht ja, und Nordnias hat außer Tureloto noch andere prospektreife „Traumstrände“,  die noch zu erschließen wären.

Dagegen ist der Tourismus in Südnias nach dem Erdbeben noch nicht wieder richtig in Gang gekommen. Der international bekannte Surfspot, „Sorake-Beach“ bekommt nur spärlichen Besuch von den Surf-Cracks aus der internationalen Szene. Der Strand hat etwas von seiner ehemaligen Attraktivität eingebüßt. Das Beben von 2005 hat die Insel ja um etwa zwei Meter angehoben, sodass  man in Sorake-Beach nun nicht mehr direkt vom weißen Sandstrand in die Welle paddeln kann, sondern das Board unterm Arm zunächst über das flache Strandkorallenriff balancieren muss, um im tieferen Wasser in die Surf-Wellen zu gelangen. An Unterkünften stehen nur sehr einfache Losmen zur Verfügung, die den Namen Hotel eigentlich nicht verdienen. Ein vor  15 Jahren errichtetes Viersterne-Hotel ist bis dato noch nicht wieder in Betrieb genommen.

Die eigentliche Attraktion  von Südnias sind ja die herrlich gelegenen Traditionsdörfer auf den nahen Hügeln, in denen bis in die Mitte des vergangenen  Jahrhunderts die Megalith-Kultur noch lebendige Normalität war. Auf Grund dieser Attraktionen glaubt man, dass Nias ein ähnliches touristisches Potential zu bieten hätte wie Bali.  Ich selbst bin da skeptisch. Selbst  wenn  mehr Besucher in die Dörfer kommen  würden, darf bezweifelt werden, ob die Erwartungen der Dorfbewohner erfüllbar sind, die sich vom Besuchstourismus ihren Lebensunterhalt erhoffen.  Viele  junge Südniasser glauben nicht an diese touristische Zukunft und haben ihre Dörfer bereits verlassen, um in den großen Städten Indonesiens ihr  Auskommen zu suchen. Die Problematik der Überbevölkerung ist besonders in Südnias zu erleben, wo es  schon  vor vierzig Jahren das Problem der großen Dörfer war, ihre Leute von den Erträgen der eigenen Felder nicht mehr ernähren zu können.  Und die Bevölkerung wächst weiter: noch immer haben die meisten Familien vier und mehr Kinder.

Auch wenn sich so viel verändert hat: Der Besuch im Großen Haus, dem „Königshaus“ von Bawömataluo war für mich ein biographisches „Real-Dejavu“: Ich dachte für einen Moment, die Zeit sei stehen geblieben. Nichts schien sich verändert zu haben, seit ich dieses Haus vor vierzig Jahren das letzte Mal besucht hatte. Die derzeitigen Hausbesitzer der Si’ulu-Familie Wau, die uns willkommen hießen, waren zu der damaligen Zeit noch Kinder. Aber man erinnerte sich noch an mich.

Um die Dörfer in ihrer jetzigen Form erhalten zu können, brauchte es eigentlich einen großen Kultur-Fonds, der den Bewohnern helfen müsste, ihre Häuser in der alten Adat-Form zu renovieren.  Das ist aber sehr teuer, weil es die dazu notwendigen Hölzer in Nias gar nicht mehr zu bekommen sind. Es gibt in Nias keinen Urwald mehr mit den erforderlichen Baumriesen. Man ist da auf Holz-Importe etwa aus Kalimantan(Borneo) angewiesen. Zum anderen sind z.B. die adligen Hausbesitzer wirtschaftlich nicht mehr in der Lage, einen solchen Hausbau zu finanzieren oder auch die erforderlichen Feste zu bezahlen, die für eine Megalith-Steinsetzung zu veranstalten sind, weil sich die sozial-ökonomischen Strukturen in den Dörfern geändert haben.

Das „Museum Pusaka Nias“ in Gunung  Sitoli

Dem Erhalt und der Dokumentation der allmählich verschwindenden Nias-Kultur ist das „Museum Pusaka Nias“ in Gunung  Sitoli ( http://www.museum-nias.org ) gewidmet, das vom deutsch-stämmigen Kapuziner P. Yohannes Hämmerle 1997 gegründet wurde, und heute für einheimische und fremde Besucher ein echte Attraktion darstellt.  Die Niasser der jüngeren Generation, besonders wenn sie aus den Küstengegenden stammen, kennen ihre eigene Kultur zum Teil nur aus Erzählungen der Älteren. In diesem Museum, in dem neben den Artefakten der niassischen Bildhauerei  auch die charakteristischen Haustypen der verschiedenen Nias-Regionen aufgebaut sind, erleben die jungen Besucher ganz plastisch den Reiz der Kultur,     der sie ihre spezifische niassische Identität verdanken.

Besonders angetan war ich von dem kleinen Tierpark des Museums, in dem speziell in Nias vorkommende Tiere, wie Laosi, Kancil, der Nias-Hirsch, der Nias-Beo, der Nias-Tukan, viele andere Tiere zu sehen waren, denen die jungen Niasser nicht einmal in Büchern begegnen. Sehr eindrucksvoll auch zwei veritable Nias-Krokodile – wahrscheinlich im Unterlauf der großen Flüsse gefangen. Das Museum, ein beeindruckendes Projekt, das alle Kraft und Aufmerksamkeit von P. Yohannes  und seiner 20 Mitarbeiter beansprucht.  P. Yohannes , bald siebzig Jahre alt , macht  sich ein wenig Sorgen , ob das Museum auch ohne ihn und seine Kontakte wird überleben können. Bleiben wir einfach optimistisch. Das Erdbeben von 2005 hatte auch das Museum  schwer beschädigt. Aber heute, durch Spenden der Wiederaufbauhilfe wieder aufgebaut und erweitert, ist es offensichtlich schöner und attraktiver geworden.

Der Entwicklungsschub

Wie schon einmal erwähnt: Das Wiederaufbauprogramm hat einen nicht zu unterschätzenden Entwicklungsschub bis in die Dörfer verursacht. Nicht zu übersehen, überall im Land die neuen Schulgebäude, Sanitätsstationen und einfachen Wohnhäuser. Die verschiedenen Hilfsorganisationen hatten unterschiedliche Konzeptionen für den  Aufbau von neuen Wohnhäusern. Auffällig in den Dörfern vor allem in Nordnias die neuen  Häuser mit bunten Seitenwänden, deren spezielle Qualität sich erst beim genaueren Hinsehen erschloss: Eine Rahmenkonstruktion aus verzinktem Stahl, die auf unterschiedlichstem Untergrund errichtet werden kann. Sie ist erdbebensicher und kann im Bedarfsfall auseinander geschraubt und an anderer Stelle  wieder aufgebaut werden. Das kanadische Rote Kreuz hatte sich in seinem Hilfsprogramm für diese zweifellos teurere, aber sicher nachhaltigere Häuser-Variante entschieden, deren Vorteil von den Leuten sehr schnell erkannt wurde.“ Rumah Canada“ ist ein Schnäppchen!

Zweifellos – der Wiederaufbau hat Geld unter die Leute gebracht – vom Verwaltungsbeamten bis zum Hilfsarbeiter beim Straßenbau.  Eine neue Betriebsamkeit hat die Insel erfasst. Zehnausende von Motorrädern Typ Honda Cup (100 ccm)  scheinen ständig unterwegs zu sein, um irgendjemand oder irgendetwas von hier nach da zu transportieren. Für uns auffällig, für die Leute aber alltäglich: nicht nur junge und alte Männer sind die Fahrzeuglenker – Frauen, Mädchen mit und ohne Jilbab-Kopftuch steuern ihre Honda  mit größter Selbstverständlichkeit zum Einkauf oder zum Verwandtenbesuch ins nächste Dorf.  Die Hondas, wie Motorräder in Nias einfach genannt werden, haben das Fahrrad abgelöst und sind die derzeit angesagten Transportesel. Atemberaubend, was man mit ihnen alles transportieren kann. Das ist zwar alles nicht von TÜV und Straßenverkehrsordnung genehmigt, aber die Polizei verhält sich sehr pragmatisch und greift vor allem ein, wenn es zu Unfällen kommt, oder die Polizei Geld braucht. Das ist allerdings häufiger der Fall als den meisten Verkehrsteilnehmern lieb ist. Sowohl die Häufigkeit von Unfällen, als auch die Geldnöte der Polizeibeamten.

Der Anteil der PKWs ist noch relativ gering – der Kaufpreis dafür ist für die meisten Leute unerschwinglich hoch. Eine Honda Cup in indonesischer Ausführung  kostet etwa 12 Mio Rupiah(€ 1.000,-).  Das scheint über monatliche Ratenkredite irgendwie finanzierbar zu sein.  Für einen Toyota Innova, die indonesische Minivan-Variante von Toyota, muss man schon über andere Einkünfte verfügen, um sich das Auto leisten zu können.

Aber im Bereich der Finanzen ist einiges geschehen. Nicht nur dass es Filialen der indonesischen Banken in allen Kreisstädten gibt, auch hat sich vielerorts inzwischen das System der CU (Credit Unions), der Kreditgenossenschaften etabliert. Propagiert und garantiert vor allem durch die katholischen Pfarreien. Die CU–Lahewa z.B., deren veröffentlichte Bilanz 2009 ich einsehen konnte, hatte mit ca. 2800 Kreditgenossen ein Kreditvolumen von 4,5 Mrd Rupiah (= € 375.000,-) eine gewaltige Summe für niassische Verhältnisse. Aber diese Kredit-Genossenschaften ermöglichen  ihren Mitgliedern die Finanzierung von Projekten, zu denen sie alleine nicht in der Lage wären.

Für die Arbeiten beim Wiederaufbau wurde vom BRR sowie den nationalen und internationalen Organisationen qualifiziertes Personal in Technik und Verwaltung benötigt, das man damals ja in Nias nicht vorfand, sondern erst anwerben oder ausbilden musste. Mit dem Erfolg, dass es inzwischen eine respektable Anzahl an ausgebildeten Leuten gibt, die jetzt in Nias dringend gebraucht werden, um den technischen Standard für ein modernes Nias zu halten. Sie haben aber das Problem, dass die Regierung ihnen sehr viel weniger Gehalt zahlen kann, als sie es in den vergangenen Jahren von der BRR gewohnt waren. Diese jungen Spezialisten haben in Nias nicht viele berufliche Alternativen, aber ihre Abwanderung  wäre für Nias ein herber Verlust.

Vorhersehbare Probleme

Dass dieser gewaltige Entwicklungsschub nicht nur Vorteile, sondern auch Probleme bringen würde, war abzusehen.  Das Wiederaufbauprogramm hat einigen Leuten einen Wohlstand beschert, der wohl nur mit Korruptionsverdacht erklärbar scheint. Gar mancher der allzu leichtsinnigen Profiteure verbringt einige Zeit seines Lebens im Gefängnis, nachdem seine Konkurrenten dem Gericht genügend belastendes Material liefern konnten und genügend Geld hatten, es dem Richter vorlegen zu dürfen. In der traditionellen niassischen Ethik wird derjenige hochgeschätzt, der „onekhe“ ist, der schlau genug ist, am Ende Sieger zu bleiben, egal wie. Also wird mit harten Bandagen gefochten. Das soziale Auf und Ab ist brisanter geworden.

Das ehedem ruhige, oft fast lethargische Inselleben ist hektischer geworden. Der Bedarf an elektrischem Strom ist enorm gestiegen.Beleuchtung,Fernseher, Kühlschränke, AC, PC und vor allem Handys benötigen mehr Strom, als die staatliche Stromversorgung PLN bereitstellen kann. Immer wieder bricht unvermittelt das Netz zusammen und niemand kann sagen, wann alles wieder funktionieren wird. Vielleicht bekommt durch diesen Mißstand eine dezentrale alternative Energieerzeugung   die dringend gebotene Chance. Solange aber die subventionierten  Benzinpreise so billig sind, wirft man lieber  den eigenen Strom-Generator hinter  dem Haus  an. Der knattert und stinkt, ist aber derzeit noch kostengünstiger, als etwa eine leistungsfähige Solaranlage.

Die besseren Straßenverhältnisse mit dem zunehmenden  und schnelleren Verkehr verursachen  eine Zahl von Verkehrsunfällen mit oft tödlichem Ausgang, die es so eben früher nicht gab.  Aber das ist die unmittelbare Kehrseite der angestoßenen Entwicklung. Die Niasser nehmen diese Schattenseite wahr und beklagen sie, aber sie trauern auf keinen Fall den alten Zeiten nach. Dafür besteht auch kein Nostalgiebedarf – das „alte Nias“ am Rande des Indischen Ozeans, isoliert  und von der Welt vergessen – , war wirklich kein Paradies, das nun gerade verloren geht, sondern es war eine Kultur, die sozial-ökonomisch an ihren Überlebens-Limit gekommen war. Heute aber besteht die drängende Frage, ob das „neue Nias“ den Level halten kann, der durch das Wiederaufbauprogramm vorgegeben wurde. Man wird sehen, was die nächsten Jahre bringen. Anfang 2010 jedenfalls war für Pessimismus kein Anlass.

K.Sturm, 2. April 2010 –

Einen ausführlicheren Bericht dieser Reise hier

2010 – Eschweiler-Nias und zurück

 

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