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Bummel durch Europa 1878

Das waren noch Zeiten…

Bemerkungen zu Mark Twains Bummel durch Europa

Dieses Mal also weder Tom Sawyer,  noch Huckleberry  Finn, sondern der Autor Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain selbst, der da auf Abenteuerfahrt geht – auch  nicht auf dem Mississippi im wilden Westen Amerikas – , sondern im wohlbekannten Europa.

Aber  ein Bummel – wie uns das nebenstehende Cover suggerieren möchte – war das wahrhaftig nicht, was sich Mark Twain damals 1878 auf seiner Europareise zumutete, einer Reise, die  gelegentlich eher einer Expedition glich als einem gemächlichen Flanieren zu Europas  Sehenswürdigkeiten. Aber vielleicht hätte der Autor diesem Titel seines Buches  in deutscher Übersetzung sein überzeugtes „Nihil Obstat“ erteilt, weil er  so schön  ironisch-sarkastisch diese Unternehmung karikiert.       Ja, er hat  sich Zeit genommen für diesen Europabesuch im Jahre 1878, einen ganzen Sommer lang. Und die meiste Zeit davon hat er in Heidelberg und im Schwarzwald verbracht, bevor er dann die Schweiz, Frankreich und Norditalien besuchte. Für jemanden, der die besuchten Orte und Gegenden etwas aus eigener Anschauung kennt, ist es ganz spannend, den Erzählungen dieses aufmerksamen Besuchers zu folgen im historischen Abstand von 130 Jahren.  Die beschriebenen Orte gibt es ja heute noch. Aber es muss wohl doch eine andere Welt gewesen sein, die Welt von 1878.

Das müssen wirklich noch andere Zeiten gewesen sein, als Heidelbergs Alma Mater  etwa 800 Studenten zählte ( 2010 ca. 25.000!)  und deren Elite die Corps-Studenten waren, die sich auf den Paukböden ihrer Verbindungshäuser  die Säbel  um die Ohren hauten und ansonsten durch gutes Benehmen in den Gasthäusern der Stadt auffielen. Mark Twain war beeindruckt vom studentischen Leben an der Heidelberger Universität, die es fertigbrachte,  aus leichtlebigen Jünglingen respektable Akademiker zu machen.

Überhaupt:  Heidelberg hat es ihm angetan – er hat „sein Herz – nicht in, sondern – an Heidelberg verloren“ –  seine Sympathie für die Stadt am Neckar scheint echt und ohne seine berüchtigte sarkastische Reserve. Spannend zu lesen auch die Expedition ins Neckartal bis nach Heilbronn und dann eine Floßfahrt zurück nach Heidelberg. Der Leser bekommt detaillierte Information über alles, was sich auf dem Fluss und an seinem Ufer ereignet. Und obendrein schreibt M. Twain die Sagen und Legenden auf, die ihm der Flößerkapitän über die Burgen und Schlösser am Neckar erzählte.

Mark Twain ist ein wirklich origineller Tourist. Ein sehr amerikanischer Amerikaner, der sich 1878 ernstlich bemüht, die deutsche Sprache zu erlernen, das allein ist schon bemerkenswert. Ein Highlight und „Must read“ für alle Leser deutscher Zunge im Anhang des Buches der 20-seitige Exkurs mit dem Titel: “Die schreckliche deutsche Sprache“  mit detaillierten Vorschlägen  zur Reform der deutschen Sprache. Er sei allen deutschen Schülern und Studenten empfohlen, die sich noch nicht klar gemacht haben, welches Monstrum von Muttersprache sie ihr Eigen nennen. (als Hörbuch unter: http://www.vorleser.net/html/twain.html 2011  zum selben Thema –  siehe: spiegel.de/kultur/literatur

Obwohl er offensichtlich der „Must visit“- Route des damaligen Tourismus folgt, wird der Leser mit einzigartigen Erfahrungen des Einzelgängers Twain versorgt. Und nicht gar so viel von Old Europe findet Gnade in den kritischen Augen von Mr. Twain: Baden-Baden scheint schon 1878 eine langweilige Bleibe für betuchte Pensionäre gewesen zu sein. Schweizer Hotels waren damals schon von Engländern überrannt, die alle irgendwann nach Zermatt zum Matterhorn wollten, den Mont Blanc oder irgendeinen anderen Schweizer Berg zu besteigen entschlossen waren. Aber auch Twains amerikanische Landsleute als Touristen bekommen ihr Fett weg.

Ganz schlimm scheint es 1878 um die mitteleuropäische Hotelküche bestellt gewesen zu sein – so schlimm, dass Mark Twain sich die Mühe macht, eine seitenlange Liste aller amerikanischen Leckerbissen zu erstellen, nach denen sich sein Gaumen sehnt, nachdem er nun schon Monate lang auf europäische Speisekarten angewiesen war.  Das klingt nun im Jahre 2010 im Zeitalter von McDonalds und diverser anderer amerikanischer Junkfood-Ketten  wahrlich exotisch.

Aber nicht nur das europäische Essen, auch andere kulturelle Highlights Europas schmecken  Mr. Twain nicht: Die hochverehrten sog. Alten Meister der mittelalterlichen Malerei bekommen schlechte Noten und der enthusiastischen Begeisterung für die Musik Richard Wagners  steht er kopfschüttelnd gegenüber. Wegen seiner sarkastischen Bemerkungen zu Wagners „Lohengrin“ nach einem Opernbesuch in Mannheim  dürfte Mr. Twain in Bayreuth vermutlich „persona non grata“ sein.

Für uns Zeitreisende des 21. Jahrhunderts ist es eine wirklich amüsante Unternehmung,  uns von einem so neugierigen Reiseführer wie Mark Twain in den europäischen Alltag des ausgehenden 19. Jahrhunderts mitnehmen zu lassen. Leider ist der rastlose Tourist schon 100 Jahre tot, gestorben im Alter von  75 Jahren am 21. April 1910.

Ein fantastischer Vorschlag geht mir durch den Kopf: Mark Twain im Jahre 2010 durch Europa „bummeln“ zu lassen…. Ich würde wieder 500 Seiten darüber lesen…  mit dem größtem Vergnügen selbstverständlich!

K.S. ,  am 03.08.2010 – mit Dank an  meine  belesene Schwester Agi, die mir das Buch zum Geburtstag schenkte.

Zu Mark Twain 2011 –  siehe: spiegel.de/kultur/literatur

 

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