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Tsunami auf Mentawai

Deutsches Tsunami-Frühwarnsystem hat versagt“ so WELT-ONLINE am 28. 10.2010. Dem widerspricht entschieden  einen Tag später das Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhafen, das maßgeblich der Entwicklung des Systems beteiligt war:  Der Alarm sei planmäßig ausgelöst worden – allerdings fünf Minuten zu spät, um die Bewohner der Inseln noch rechtzeitig warnen zu können, bevor der Tsunami die Küste erreichte.

Das war aber der Ernstfall für das Tsunami-Frühwarnsystem im Indischen Ozean. Es hätte die Menschen auf den Mentawai-Inseln vor dem Tsunami rechtzeitig warnen müssen, der mit einer 3 m hohen Flutwelle auf die Inseln zurollte. Bis dato sind etwa 400 Menschen umgekommen und ebenso viele werden noch vermisst.

Als Reaktion der Industriestaaten auf die Tsunami-Katastrophe von Weihnachten 2004 im Indischen Ozean wurde das System für € 100 Mio. (davon allein € 45 Mio. aus Deutschland) von Ingenieuren der Uni Potsdam konstruiert und um November 2008 installiert. Nach einer Testphase mit anfänglichen Schwierigkeiten wurde es in einem feierlichen Festakt im Beisein des indonesischen Präsidenten SBY an das indonesische Tsunami-Warnzentrum in Jakarta übergeben.

Seit 2008 hat es vor der Küste Sumatras dutzende von Erdbeben einer kritischen Stärke gegeben. Aber keines davon hatte das seismische Tsunami-Potenzial, das eine Warnung hätte auslösen müssen. Am 25. Oktober 2010 war es soweit – ein Seebeben der Stärke 7,5 RS südlich der Mentawei-Inseln im Indischen Ozean hatte die destruktive Qualität für einen Tsunami. Und jetzt trotzdem Hunderte von  Toten.

Woran lag es, dass das System praktisch nicht half, die Katastrophe zu minimieren? Das dürfte sicherlich in Potsdam und Jakarta mit erhöhter Brisanz diskutiert werden. Erste Antworten sind zu lesen: Das System sei nicht richtig gewartet worden. Möglich – dann läge die Verantwortung bei den indonesischen Stellen. Nun lesen wir aber, das System hat technisch irgendwie doch funktioniert – also Wartung Okay! Die Ingenieure werden es mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen.

Bleibt aber trotzdem die traurige Frage, warum die Menschen auf den Mentawai-Inseln nicht rechtzeitig gewarnt wurden. Liegt es vielleicht daran, dass die Daten zwar im Frühwarnzentrum in Jakarta eingehen, die Leute an den Küsten vor Ort gar nicht erreicht werden? Dazu passend der völlig überflüssige Kommentar von Marzuki Alie, Präsident des indonesischen Parlaments, mit solchem Unglück müsse man eben  rechnen, wenn man auf einer Insel wohne. Empörung bei Kollegen und der Opposition über diese prominente Geschmacklosigkeit. Die prominente Entschuldigung  wurde sofort nachgeliefert.

Aber zu fragen bleibt doch: Wozu ein  100 Millionen Euro teures System, das im Ernstfall die Menschen nicht erreicht, für die es gebaut wurde? Ja, wenn man sich die Karte anschaut – die Mentawai-Inseln liegen klein und schwer erreichbar im indischen Ozean. Gab es überhaupt in den Küstendörfern Sirenen oder Signalanlagen, die die Tsunamiwarnung hätten verbreiten können? Man sollte es voraussetzen dürfen, zumal  die Geologen schon lange ein verheerendes Seebeben in dieser Region erwartet haben. Die Menschen dort werden nun fragen, ob es das schon gewesen sei.

Wie auch immer: die Menschen an Sumatras Küsten sollten, bzw. müssen wissen dürfen, ob sie sich in Zukunft auf das Warnsystem verlassen können und dass sie die Warnung auch früh genug erreicht,  sonst bleibt das alles eine teure technische Spielerei, die man sich auch hätte ersparen können. Man darf gespannt sein, was die Überlebenden der Mentawai -Katastrophe dazu zu sagen wissen.

K.S., 2010-10-29

Nb.  Leider scheint der Skeptiker wieder recht zu behalten: Ein Jahr nach der feierlichen Einweihung des Systems müssen wir lesen:  Nur noch eine der Tsunami-Bojen sei einsatztauglich!  Wieder einmal haben sich deutsche Ingenieure  in offensichtlich  bester Absicht ein technisches Musterprojekt ausgedacht, das aber die notwendige Alltagstauglichtkeit vermissen lässt.  Näheres in Financial Times Deutschland vom 15.10.2011.

 

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