Monthly Archives: April 2011

Ein erschreckendes Fazit

Amir Gutfreund: Unser Holocaust

„Dies alles, der Holocaust, war ein ganz gewöhnliches Ereignis. Gewöhnliche Menschen hatten ihn begangen und gewöhnliche Menschen waren seine Opfer.“

Das schreibt Amir Gutfreund, ein Israeli, Jahrgang 1963  auf Seite 620 seines Debütromans: „Unser Holocaust“.  Originalsprache des Buches : Hebräisch! Da reibt man sich erst einmal die deutschen Augen und ist wahrlich nicht verwundert, dass dieses Buch in Israel ein sehr turbulentes Echo erzeugt haben soll.

Das obige Fazit klingt doch nach Verharmlosung und Nivellierung dieses monströsen Massenmordes deutscher Täter an 6 Millionen Juden im 20. Jahrhundert!   Das aktuelle Deutschland versucht gerade  hartnäckig, diese Erinnerung nicht in der Gewöhnlichkeit verschwinden zu lassen: Ein riesiges Mahnmal im Zentrum Berlins – die Leugnung des Holocaust ist ein Straftatbestand in Deutschland! Für den Staat Israel und seine jüdischen Bürger ist der Holocaust  die unüberholbare Rechtfertigung seiner Existenz und durchgehendes Argument seiner gesamten Politik.  Ist das dem Amir Gutfreund denn nicht klar? Was will er mit diesem Buch? Will er provozieren?

Vielleicht auch.Vielleicht ein wenig mehr in Israel als in Deutschland und der übrigen Welt. Schon der Titel: Unser Holocaust! – Im Original: Unsere Shoah! –  macht stutzig. Das Possessivum „Unser“ macht aus der historisch beispiellosen Untat eine Art Familienunglück und klingt fast satirisch. Aber weit gefehlt: das Buch ist wahrhaftig keine Satire, sondern ein redliches und  bewegendes Unternehmen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Das obige Zitat steht ja nicht am Anfang, sondern am Ende Buches und ist das Fazit einer langen Auseinandersetzung mit  der eigenen Familiengeschichte, der Geschichte von Überlebenden des Holocaust , polnischen Juden aus Bochnia, die in der Katznelson-Strasse in Haifa   ihr israelisches Zuhause gefunden haben, einer Generation,  die langsam ausstirbt. Das Buch ist zwar ein Roman, dem aber echte Biographien und Fakten zugrunde liegen.

Die Geschichte

In der ersten Hälfte des Buches wird der Leser in unzähligen Details und Geschichten mit den wichtigen Personen der Familie des Erzählers bekannt gemacht: mit dem geliebten Großvater Josef, seiner kranken Frau Feijge und dem behinderten Sohn Moshe, mit Großvater Lolek, dem alten Haudegen, seinem Bruder Cheinek, dem Rechtsanwalt Dr. Perl, Tante Frieda, Adela Gruner, Eva Lancer, Genija Minz, Herrn Lawratow und dem verrückten Herrn Hirsch und, und, und… sie alle, Überlebende des Holocaust, leben in dem Viertel Kirjat Chajim in Haifa, in dem der Erzähler seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Man kann mit diesen Bewohnern über alles reden, nur nicht über den Teil ihres Lebens, der mit ihrem Schicksal in den Ghettos und Todeslagern in Europa zu tun hat.

Ein striktes Tabu, das solange wirkt, bis der Erzähler und seine Freundin Effi in der Schule die Aufgabe erhalten anlässlich des Holocaust-Gedenktages die Lebensgeschichten ihrer Familienangehörigen  aufzuschreiben. Die Alten aber, allen voran Großvater Josef, blockieren das Projekt und sind der Ansicht, das seien keine Geschichten für Kinder. Auch den offiziellen Gedenkfeiern des Holocaust stehen sie sehr skeptisch gegenüber.  Nun aber ist das Interesse der Kinder erst recht geweckt. Sie bringen die Alten nach und nach bei verschiedensten Gelegenheiten  zum  Erzählen  ihrer Lebensgeschichte in den grauenvollen deutschen KZ’s während des 2. Weltkrieges, den unerklärlichen  Zufällen, denen sie ihr Überleben  der Katastrophe verdanken. Die Kinder studieren Bücher und Dokumente über den Holocaust und versuchen sie mit den Familiengeschichten zusammenzubringen.

Immer konkreter werden die Fakten, die sich mit den Namen, Auschwitz, Belzek, Treblinka, Buchenwald, Dachau, Ravensbrück usw.  verbinden. Immer ungeheuerlicher der Berg der Tragödien.  Und immer mehr wächst in ihnen der Hass auf die unmenschlichen deutschen Täter der Vernichtungslager, deren Namen und Funktionen fein säuberlich im Zettelarchiv von Rechtsanwalt Perl vermerkt sind. Es sind so viele, dass die Kinder fragen: Gibt es auch gute Deutsche?

Diese kindlich naive Sicht der Welt und ihrer Menschen, in der Juden gut und die Deutschen  schlecht sind, hat der Erzähler auch noch, als er einige Jahre später als junger Mann beginnt, eine Dokumentation über die Geschichte der Menschen seines Viertels zu  schreiben. Dabei stößt er bei seiner Recherche auf die Namen von  Juden, die im Ghetto und in den KZ’s mörderische Handlanger und Verräter ihrer eigenen Brüder und Schwestern waren.

Diese konfliktreiche Erkenntnis wird noch verstärkt als  eines Tages Dr. Hans Odermann, ein junger deutscher Professor aus Frankfurt nach Haifa kommt, um ein Buch über das Schicksal der Waisenkinder des 2. Weltkrieges zu schreiben.  Der junge Deutsche gleicht äußerlich der hinlänglich bekannten „blonden Nazibestie“, ist aber ein liebenswerter sensibler Zeitgenosse, der partout  dann nach Israel kommt – und auch in den gefährlichen Wochen dort bleibt – , als Sadam Hussein seine Scudraketen auf Israel abschießen lässt.  Großvater  Josef und Effi mögen ihn, und auch der Erzähler kommt nicht umhin, ihn als guten Menschen zu akzeptieren.

Ganz schwierig  aber wird es für ihn, als er herausfindet, dass der Vater seiner Frau Anat,  der Großvater seines Söhnchens Jariv, Hermann Dunewitsch , ein berüchtigter Kollaborateur  der SS im KZ war, der in Kanada unerkannt vor einigen Jahren gestorben war. Wie soll er  mit dieser Entdeckung umgehen? Wie  kann er eine Frau lieben, deren Vater ein von vielen verfluchter Verräter seines Volkes war? Wie wird Anat das aufnehmen? Wie soll ihr Sohn Jariv mit dieser Wahrheit leben können?

In einem Gespräch mit Hans Odermann, stellt sich heraus, dass jener ganz ähnliche Probleme mit seiner eigenen Familiengeschichte hat: Aufgewachsen als Waise bei Pflegeeltern  musste er später feststellen, dass er ein Kind der SS-Aktion „Lebensborn“ war, und dieses Schicksal mit zehntausenden jungen Deutschen seiner Generation teilt. Sein Buch über die Waisenkinder der Aktion „Lebensborn“ als Versuch, mit der eigenen Familiengeschichte ins Reine zu kommen.

Die Welt ist viel schwieriger als gedacht. Die Farben schwarz und weiß reichen nicht aus, um sie zu beschreiben. Die Überlebenden wissen um diese Schwierigkeit.  Freundin Effi, inzwischen eine viel gefragte Ärztin, ist überzeugt, Leben bedeutet Herausforderung durch die Probleme der Gegenwart. Unser Leben wird nicht deshalb gut, weil wir Kinder von Helden und Heiligen sind. Und wir sind nicht deshalb bessere Menschen, weil wir Kinder von Opfern und zufällig Überlebenden einer Katastrophe sind.

Und dann der Umkehrschluss, das erschreckende Fazit, formuliert durch den verrückten Herrn Hirsch: Der monströse Holocaust ist nicht die einzigartige Untat  von typisch deutschen  Monstern, sondern das massale Verbrechen von ganz gewöhnlichen Menschen, verführt und verstrickt in eine böse und mörderische Ideologie vom besseren Menschen, definiert durch Abstammung und Rasse, ermöglicht durch eine unheilvolle politische Situation in Mitteleuropa nach dem ersten Weltkrieg. Die Folgerung: Unter bestimmten Bedingungen mutieren wir gewöhnlichen Menschen fast aussichtlos zu gewöhnlichen Mördern. Das gilt auch für Juden. Angesichts des Holocaust ein  erschreckendes Fazit.

„Unser Holocaust“ – eine Leseempfehlung?

Unbedingt –  mit einigen Anmerkungen. Gutfreund ist ein unermüdlicher Erzähler  von orientalischer Qualität. Detailliert, lebendig, szenenreich. Ein tiefer Blick in das Leben eines Stadtviertels in Haifa. Aber man braucht Zeit und Geduld, bis man den roten Faden der Erzählung in die Hand bekommt. Der Autor hilft dem Leser auch nicht durch strukturierende Kapitelüberschriften. Die Einteilung: 1994–Unsere Gesetze, 1991–Großvater Josefs Reise und 1992-Jariv  erscheint fast zufällig. Zufall oder Absicht des Autors?

Wir –  die Generation der mit der Bundesrepublik großgewordenen Deutschen – bekommen  eine sehr aufschlussreiche Lektion unserer nationalen Geschichte. Amir Gutfreunds Täterrecherche anhand des Zettelkastens von Dr. Perl führt uns vor, mit wie viel  prominentem Nazi-Personal „unsere BRD“ groß geworden ist: Holocaust -Täter und Helfer, die nach geringen Haftstrafen amnestiert und ohne Zögern wieder in die vorderen Ränge der politischen Arena kletterten. Leute wie Hans Globke, Theo Oberländer, Kiesinger, Zoglmann, W. Naumann … bei Amir Gutfreund sind eine Menge Namen aus Nazi-Deutschland zu lesen, bei deren Biographien man sich die deutschen Augen reibt. Ein ebenso erschreckendes Fazit. Wem Amir Gutfreunds Information dazu  nicht reicht, der kann bei Wikipedia weiterlesen…

Ausdrücklichen Dank an Inge, die mir die Lektüre empfahl (KS)

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J.S.Bach – Johannespassion in Eschweiler

Ja, große Zustimmung bei allen Akteuren der Städt. Musikgesellschaft Eschweiler, als wir uns in 2010 entschlossen, J.S.Bachs Johannespassion in 2011 aufzuführen. Nur drei Monate standen für die Einstudierung zur Verfügung. Genügend Zeit sollte man meinen!  Für Profis ganz bestimmt –  für passionierte Amateure jedoch eine nicht geringe Herausforderung. Nun sind wir froh und stolz, diese bestanden zu haben und hoffen, der musikalischen Dramatik dieses Passions-Oratoriums gerecht geworden zu sein. (KS)

Eine Geschichte voller Leid, Wut und Glauben

Der Chor und das Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler gestalteten Bachs Johannes-Passion in der Kirche St. Peter und Paul

Dankbarer Beifall nach zwei Stunden dramatischen Musik- Geschehens: Der Chor und das Orchester der Städtischen Mu­sikgesellschaft Eschweiler stellten sich am Samstag einer besonderen Herausforderung.   Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach ist ein komplexes und schwieriges, ein auch für die Zu­hörer, wenn sie sich auf die baro­cke Vorstellungswelt ein- lassen, anstrengendes Werk. Für die Eschweiler Musiker und Sänger war es ein Wagnis – aber ein gelun­genes.

Musikalisches Wagnis

Das Leiden und Sterben Jesu Christi musikalisch darzustellen, war auch zu der Zeit, als Bach sei­ne Passionen komponierte, ein Wagnis. Zumal in Leipzig, wo ein glaubensstrenger und konservati­ver Stadtrat regierte. Und ebenso die evangelische Geistlichkeit sah es nicht gern, wenn das Wort Got­tes in allzu prächtiger musikali­scher Gestalt daherkam. Bach, der sich intensiv mit den Bibeltexten und ihrer musikalischen Umset­zung beschäftigte, begegnete die­sem puritanischen Misstrauen mit einer Musiksprache, die sich ganz dem Text anpasst und sich ihm scheinbar unterordnet.

Wenn da von Geißelung die Rede ist, hört man im Gesang des Evangelisten die einzelnen Schlä­ge. Wenn die Kriegsknechte um den Rock des Gekreuzigten wür­feln, kann man den Würfel gera­dezu rollen hören. Bach illustriert den Text der Bibel derart wörtlich –da konnte auch der sauer töpfischste Stadtrat schwerlich etwas einwenden, auch wenn ihm ein Oratorium insgeheim verdächtig war, weil es ja fast schon eine Oper und damit etwas Unterhaltendes war.

Bach war erst seit zehn Monaten Thomaskantor in Leipzig, als die Johannespassion uraufgeführt wurde, in der Karfreitagsvesper. 1724 in der Leipziger Nikolaikir­che. Sein erstes Passionsoratori­um, wenn man von einem ange­blich 1717 komponierten, aber verschollenen Werk – der „Weima­rer Passion“ –  absieht.

Im Johannes-Evangelium wird das Leiden Christi unter einem anderen Blick­winkel geschildert als in den ande­ren drei Evangelien. Jesus ist bei Johannes nicht so sehr der leiden­de, sondern der siegende Gottes­sohn. Einer, der dem römischen Stadthalter Pontius Pilatus beim Verhör auf Augenhöhe begegnet, der mit königlicher Würde seiner Bestimmung entgegen geht.

Bei Johannes – und damit auch in der Johannes-Passion – werden „die Juden“ als treibende Kraft für die Verurteilung Jesu dargestellt. Aus dieser Ansicht hat sich auch der christliche Antisemitismus lange gespeist. Heute wird das the­ologisch differenziert gesehen: nicht mit dem Volk, sondern mit der religiös-politischen Führung des römisch-besetzten Landes lag der Wanderprediger Jesus im Kon­flikt.

Zwei Passagen aus Matthäus

Den Text seines Oratoriums hat Johann Sebastian Bach nicht kom­plett dem Johannes- Evangelium entnommen. Um etwas mehr Dra­matik ins Geschehen zu bringen, hat er zwei Passagen aus Matthäus eingefügt: die Verleugnung Jesu durch Petrus und die lebhafte Schilderung des Erdbebens samt Erweckung der Toten nach Jesu Tod am Kreuz.

Die Johannes-Passion ist Musik, die nicht für den Konzertsaal, son­dern für den Gottesdienst geschaf­fen wurde. Zwischen den ersten und den zweiten Teil gehörte ur­sprünglich die Predigt. Und wirk­lich macht es einen großen und bewegenden Unterschied, ob man diese Musik von einer CD hört, mag die Einspielung auch noch so brillant und perfekt sein, oder ob man sie an dem Ort hört, wo sie vom Ursprung her hin gehört, nämlich in einer Kirche.

Bei einer solchen Aufführung, wie sie am Samstag durch Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft geboten wurde, entscheidet nicht die Perfektion, ob die Zuhörer berührt sind, ob sie von Musik, Text und Geschehen ergriffen werden. Sondern das ent­scheidet sich daran, ob es den Mu­sikern und Sängern gelingt, die Zuhörer mitzunehmen in das Ge­schehen um Verhaftung, Anklage und Verhör, um Verurteilung und Kreuzigung Jesu. Bach macht es da den Zuhörern leicht, aber den Künstlern schwer. Besonders der Chor hat Enormes zu leisten. Er muss nicht nur elf Choräle und zwei große Chorsätze singen, er treibt vor allem in 14 emotionalen sog. Turba-Chören („Turba“ aus dem Lateini­schen für Schar, Volkshaufen, Getümmel) die Handlung voran. Wutschreie  und  Verachtung, Hassausbrüche und Spottgeläch­ter – wie lange muss Chor- und Orchesterleiter Horst Berretz das mit seinem Chor geübt haben, da­mit es wirklich so glaubhaft deut­lich wurde wie am Samstag in der Kirche am Eschweiler Markt?

Berretz „hetzte“ den Chor gerade­zu voran –  in seinen Gesten sah man die geballten Fäuste der em­pörten Volksmenge – man sah den Würfel der Kriegsknechte rollen. Und dann wieder konnte Berretz den Chor ganz zurücknehmen, in eine sanfte, lyrische Stimmung, und auch das bildete sich in sei­nen Gesten ab,   wie sich dann am Schluss der Himmel öffnet, um den an Christus glaubenden Men­schen aufzunehmen.

Überzeugender Tenor

In Bachs Johannes-Passion ist die Rolle des Evangelisten sozusagen das Rückgrat. Er erzählt die Ge­schichte, und wie er sie erzählt, entscheidet darüber, ob sie in den Köpfen der Zuhörer lebendig wird. Mit dem Tenor Johannes Klüser hatte die Städtische Musikgesell­schaft einen Sänger verpflichtet, der in den Rezitativen jedes einzel­ne Wort mit Bedeutung aufladen kann, der die Passion geradezu nachlebt.  Sein erstauntes, ungläu­big fragendes „Was schlägst du mich?“ in der Verhaftungsszene oder auch das erschütternd trost­lose Weinen des Petrus nach sei­nem Verrat waren Höhepunkte der Aufführung.

Die wurde am Schluss mit Bei­fall und Blumen bedacht. Es gab glückliche Gesichter bei den Musi­kern und den Chorsängern, die sich einer ganz großen Aufgabe gestellt und sie gemeistert hatten. Ganz besonders hatte Dirigent Horst Berretz Grund zum Strah­len – nachdem er sich erst einmal den Schweiß von der Stirn ge­wischt hatte.

(c) Eschweiler Nachrichten – Montag,  11. April 2011