J.S.Bach – Johannespassion in Eschweiler

Ja, große Zustimmung bei allen Akteuren der Städt. Musikgesellschaft Eschweiler, als wir uns in 2010 entschlossen, J.S.Bachs Johannespassion in 2011 aufzuführen. Nur drei Monate standen für die Einstudierung zur Verfügung. Genügend Zeit sollte man meinen!  Für Profis ganz bestimmt –  für passionierte Amateure jedoch eine nicht geringe Herausforderung. Nun sind wir froh und stolz, diese bestanden zu haben und hoffen, der musikalischen Dramatik dieses Passions-Oratoriums gerecht geworden zu sein. (KS)

Eine Geschichte voller Leid, Wut und Glauben

Der Chor und das Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler gestalteten Bachs Johannes-Passion in der Kirche St. Peter und Paul

Dankbarer Beifall nach zwei Stunden dramatischen Musik- Geschehens: Der Chor und das Orchester der Städtischen Mu­sikgesellschaft Eschweiler stellten sich am Samstag einer besonderen Herausforderung.   Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach ist ein komplexes und schwieriges, ein auch für die Zu­hörer, wenn sie sich auf die baro­cke Vorstellungswelt ein- lassen, anstrengendes Werk. Für die Eschweiler Musiker und Sänger war es ein Wagnis – aber ein gelun­genes.

Musikalisches Wagnis

Das Leiden und Sterben Jesu Christi musikalisch darzustellen, war auch zu der Zeit, als Bach sei­ne Passionen komponierte, ein Wagnis. Zumal in Leipzig, wo ein glaubensstrenger und konservati­ver Stadtrat regierte. Und ebenso die evangelische Geistlichkeit sah es nicht gern, wenn das Wort Got­tes in allzu prächtiger musikali­scher Gestalt daherkam. Bach, der sich intensiv mit den Bibeltexten und ihrer musikalischen Umset­zung beschäftigte, begegnete die­sem puritanischen Misstrauen mit einer Musiksprache, die sich ganz dem Text anpasst und sich ihm scheinbar unterordnet.

Wenn da von Geißelung die Rede ist, hört man im Gesang des Evangelisten die einzelnen Schlä­ge. Wenn die Kriegsknechte um den Rock des Gekreuzigten wür­feln, kann man den Würfel gera­dezu rollen hören. Bach illustriert den Text der Bibel derart wörtlich –da konnte auch der sauer töpfischste Stadtrat schwerlich etwas einwenden, auch wenn ihm ein Oratorium insgeheim verdächtig war, weil es ja fast schon eine Oper und damit etwas Unterhaltendes war.

Bach war erst seit zehn Monaten Thomaskantor in Leipzig, als die Johannespassion uraufgeführt wurde, in der Karfreitagsvesper. 1724 in der Leipziger Nikolaikir­che. Sein erstes Passionsoratori­um, wenn man von einem ange­blich 1717 komponierten, aber verschollenen Werk – der „Weima­rer Passion“ –  absieht.

Im Johannes-Evangelium wird das Leiden Christi unter einem anderen Blick­winkel geschildert als in den ande­ren drei Evangelien. Jesus ist bei Johannes nicht so sehr der leiden­de, sondern der siegende Gottes­sohn. Einer, der dem römischen Stadthalter Pontius Pilatus beim Verhör auf Augenhöhe begegnet, der mit königlicher Würde seiner Bestimmung entgegen geht.

Bei Johannes – und damit auch in der Johannes-Passion – werden „die Juden“ als treibende Kraft für die Verurteilung Jesu dargestellt. Aus dieser Ansicht hat sich auch der christliche Antisemitismus lange gespeist. Heute wird das the­ologisch differenziert gesehen: nicht mit dem Volk, sondern mit der religiös-politischen Führung des römisch-besetzten Landes lag der Wanderprediger Jesus im Kon­flikt.

Zwei Passagen aus Matthäus

Den Text seines Oratoriums hat Johann Sebastian Bach nicht kom­plett dem Johannes- Evangelium entnommen. Um etwas mehr Dra­matik ins Geschehen zu bringen, hat er zwei Passagen aus Matthäus eingefügt: die Verleugnung Jesu durch Petrus und die lebhafte Schilderung des Erdbebens samt Erweckung der Toten nach Jesu Tod am Kreuz.

Die Johannes-Passion ist Musik, die nicht für den Konzertsaal, son­dern für den Gottesdienst geschaf­fen wurde. Zwischen den ersten und den zweiten Teil gehörte ur­sprünglich die Predigt. Und wirk­lich macht es einen großen und bewegenden Unterschied, ob man diese Musik von einer CD hört, mag die Einspielung auch noch so brillant und perfekt sein, oder ob man sie an dem Ort hört, wo sie vom Ursprung her hin gehört, nämlich in einer Kirche.

Bei einer solchen Aufführung, wie sie am Samstag durch Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft geboten wurde, entscheidet nicht die Perfektion, ob die Zuhörer berührt sind, ob sie von Musik, Text und Geschehen ergriffen werden. Sondern das ent­scheidet sich daran, ob es den Mu­sikern und Sängern gelingt, die Zuhörer mitzunehmen in das Ge­schehen um Verhaftung, Anklage und Verhör, um Verurteilung und Kreuzigung Jesu. Bach macht es da den Zuhörern leicht, aber den Künstlern schwer. Besonders der Chor hat Enormes zu leisten. Er muss nicht nur elf Choräle und zwei große Chorsätze singen, er treibt vor allem in 14 emotionalen sog. Turba-Chören („Turba“ aus dem Lateini­schen für Schar, Volkshaufen, Getümmel) die Handlung voran. Wutschreie  und  Verachtung, Hassausbrüche und Spottgeläch­ter – wie lange muss Chor- und Orchesterleiter Horst Berretz das mit seinem Chor geübt haben, da­mit es wirklich so glaubhaft deut­lich wurde wie am Samstag in der Kirche am Eschweiler Markt?

Berretz „hetzte“ den Chor gerade­zu voran –  in seinen Gesten sah man die geballten Fäuste der em­pörten Volksmenge – man sah den Würfel der Kriegsknechte rollen. Und dann wieder konnte Berretz den Chor ganz zurücknehmen, in eine sanfte, lyrische Stimmung, und auch das bildete sich in sei­nen Gesten ab,   wie sich dann am Schluss der Himmel öffnet, um den an Christus glaubenden Men­schen aufzunehmen.

Überzeugender Tenor

In Bachs Johannes-Passion ist die Rolle des Evangelisten sozusagen das Rückgrat. Er erzählt die Ge­schichte, und wie er sie erzählt, entscheidet darüber, ob sie in den Köpfen der Zuhörer lebendig wird. Mit dem Tenor Johannes Klüser hatte die Städtische Musikgesell­schaft einen Sänger verpflichtet, der in den Rezitativen jedes einzel­ne Wort mit Bedeutung aufladen kann, der die Passion geradezu nachlebt.  Sein erstauntes, ungläu­big fragendes „Was schlägst du mich?“ in der Verhaftungsszene oder auch das erschütternd trost­lose Weinen des Petrus nach sei­nem Verrat waren Höhepunkte der Aufführung.

Die wurde am Schluss mit Bei­fall und Blumen bedacht. Es gab glückliche Gesichter bei den Musi­kern und den Chorsängern, die sich einer ganz großen Aufgabe gestellt und sie gemeistert hatten. Ganz besonders hatte Dirigent Horst Berretz Grund zum Strah­len – nachdem er sich erst einmal den Schweiß von der Stirn ge­wischt hatte.

(c) Eschweiler Nachrichten – Montag,  11. April 2011

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