Nachgehakt…

Von Guttenberg… Wer war das denn? Was war da noch? Ach ja… die Sache mit der abgekupferten Doktorarbeit. Aber das ist doch schon so lange vorbei, oder? Hätten sich vielleicht manche gewünscht: Aber Nein! Gerade kommt die Schlagzeile über die News-ticker: Uni Bayreuth: „Guttenberg hat vorsätzlich getäuscht!“ – Punkt!

Just in diesen Tagen brüten wieder Zehntausende von Abiturienten über ihren Klausuren. Und für sie alle gilt: Festgestellter Täuschungsversuch  –  Ausschluss aus der ABI-Prüfung!  Von wegen „kleine Schummelei“ usw. Im jüngsten Heft der Lehrerzeitschrift „rabs“ (religionsunterricht an beruflichen schulen) stellt H.C. Trilling, ein Reli-Lehrer, die Guttenberg-Affäre noch einmal in die richtigen Koordinaten:

Schuld und Sühne

Von der aktuellen freigutsherrlichen Sprachverwirrung, die keine babylonische ist

Von H. Christoph Trilling

Ob es die Übersetzerin war oder die Wer­bestrategen eines Verlages, die sich den Titel für den neu übersetzten Klassiker aus­gedacht haben, weiß ich nicht: Verbrechen und Strafe. Vielleicht kann man unter die­sem Titel mehr Bücher verkaufen als unter dem altertümlich anmutenden des großen Dostojewski-Romans  Schuld und Sühne

In herrisch frei-gutsherrlicher Art hat sich jetzt ein hochrangiger Politiker „entschul­digt“, wenn er andere verletzt haben sollte, weil er sie nicht namentlich genannt habe. Abgesehen davon, dass er kaum sich selbst die Schuld abnehmen kann (sich entschuldigen), hätte es ihm besser ange­standen, um Ent-Schuldigung zu bitten.Aber so kann man natürlich mit sprachlicher Verschleierung von der eigentlichen causa ablenken.

In der gleichen Spur läuft dann auch die Verschleierung durch unglaubli­che Verharmlosung. Da wird ein kriminelles Delikt – die Missachtung der Urheberschaft an Eigentum – zu einer „Schummelei“ oder „mutmaßlichen Mogelei“, der Verstoß ge­gen klare Regeln wissenschaftlichen Arbeitens zu einem „Vergessen von Gänsefüß­chen“ erklärt.Auf das Anmahnen von Ehrlichkeit, Kor­rektheit und Glaubwürdigkeit wird mit der unwürdigen Frage reagiert, ob man nichts Besseres zu tun habe, als nach fehlenden Anführungsstrichen zu suchen.

Wo eine ehrliche Auseinandersetzung über die Sache nicht geführt, ja, ich behaupte: auch nicht gewollt wird, müssen sprachli­che Mittel eingesetzt werden, die so reiz­voll sind, dass sie jede Argumentation überflüssig machen: Ohne auf die Inhalte einzugehen, wird die in Deutschland ja immer wieder zuschlagende „linke Kampf­presse“ (diesmal wird sogar die Frankfur­ter Allgemeine Zeitung dazugerechnet!) beschuldigt, sie habe ja nur einen Sün­denbock gesucht. Nicht nur dieses bibli­sche Symbolwort wird herangezogen, um sowohl bildstark als auch aufreizend von der Sache abzulenken: Auch wenn er den Feldherrnmantel lässig nass-forsch über die Schulter wirft, so stark gestählt kann sein Rücken nicht sein, dass er alle Sünden (wessen eigentlich?) tragen könnte… Der israelitische Bock trug ja eben nicht seine eigenen Sünden. Auch die weinerliche Rede vom Opferlamm taugt nicht zur Schuldbewältigung, denn das wird stellvertretend geschlachtet für andere und anderes (in unserem Falle: für wen?). Martialische Schlagwörter von Menschenjagd oder Medienhatz lenken BILD-reich von den eingestandenen Feh­lern ab.

Eine unglaubliche, unglaubwürdige und rücksichtslose Verschiebung der morali­schen Koordinaten in unserem ethischen Koordinatensystem findet zurzeit statt. Da wird mit einem verbalen Degenstreich atemberaubend schizophrenisiert: der Pro­tagonist sei ja nicht engagiert worden als wissenschaftlicher Mitarbeiter, der einem Ehrenkodex seiner Arbeit verpflichtet sei, sondern als Politiker, für den dieser Kodex offensichtlich nicht gilt. Oder doch? So ver­teidigt ihn seine Vorgesetzte, für die dieser Kodex offensichtlich nicht galt. Oder gilt? Oder doch?

Ebenso atemberaubend werden Spreng­ladungen, die die Fundamente der akade­mischen Arbeit, nicht des Elfenbeinturms, zerstören können, zu harmlosen Papierflie­gern bagatellisiert, die der Überforderung eines jungen Familienvaters und Politikers geschuldet werden. Aus diesen Mündern möchte ich Begriffe wie „Werte“, „Glaubwürdigkeit“, „Ehrlich­keit“ nicht mehr hören. Ein solches Trom­melfeuer der Hohl-Hülsen würde nicht nur mein Trommelfell zerstören… Aber vielleicht geht es ja auch bei der Neuauflage des Dostojewski-Romans um mehr als nur um die Frage nach Markt­strategie. Welche Kategorie steht im Vorder­grund: die moralische oder die juristische? Oder: kann und soll man diese Kategorien voneinander trennen oder sie gemeinsam bemühen, wenn wir die aktuellen politisch-­moralisch-ethischen Koordinaten unseres gesellschaftlichen und politischen Systems betrachten und bewerten.

Wie sollen wir von unseren Schülern und Studenten gerade jetzt in der Prüfungszeit Ehrlichkeit, Korrektheit und Glaubwürdig­keit erwarten, ja verlangen angesichts dieser Skrupellosigkeit und Verlogenheit auf „höchster“ Ebene, die so hoch ist, dass man ganz tief stürzen kann.  ‚Wir halten den Himmel offen… aber si­cherlich nicht die Schleich-, Tunnel- und Tarnwege zur Arroganz der Macht!

(c) rabs 02/2011

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