Monthly Archives: August 2011

Denk ich an Deutschland…

Günter Ederer:  Träum weiter, Deutschland!

Sollten Deutschlands  leselustige Bürger tatsächlich träumen wollen, dann sollten sie die Lektüre von Ederers Buch eher sein lassen. Sollten sie es  aber dennoch versuchen, dann werden sie eher Albträume quälen, ganz ähnlich wie  Heinrich Heine im Pariser Exil, der sich um seinen Nachtschlaf gebracht sah, wenn er an das Deutschland von 1843 dachte.  Also von wegen Träumen  als schöne Erfahrung …

Der Leser hat ja auch schnell kapiert, dass Ederers Aufruf  zum Träumen ein sarkastisch zorniger Stoßseufzer eines sehr frustrierten Deutschen ist, der befürchtet, dass sein Land von seinen Bürgern und den Regierenden in naher Zukunft unausweichlich „Politisch korrekt gegen die Wand“ (Untertitel)  gefahren wird. Deshalb hat er sich auch vorgenommen, komme was wolle, ein „politisch unkorrektes“ Buch zu schreiben.   Für uns alle, die mit dem Ausdruck „politisch korrekt“ wenig anfangen können: Er wird Ansichten äußern, die man angeblich öffentlich nicht sagen darf und auch nicht hören will. (Leider verkommt dieser Anspruch gelegentlich zu simpler polemischer Verbalattacke auf den politischen Gegner. Sorry, Herr Ederer, das muss gesagt werden!) Bücher dieses Genre haben derzeit ja Konjunktur, wie Thilo Sarrazins  Buch „Deutschland schafft sich ab“ mit über einer Million verkaufter Exemplare belegt. Von Sarrazins Buch wird aber berichtet, dass von der Thematik fasziniert –  viele Leser das Buch bald wegen unverdaulicher Thesen und Theorien  desillusioniert  beiseitelegen. Vielleicht gut so!

Das werden Ederers Leser garantiert nicht tun. Ein mit heißem Herzen geschriebenes Buch, das man nicht so schnell aus der Hand legen wird, übersichtlich komponiert, packend geschrieben und brandaktuell. Es liest sich fast wie das Resümee eines langen Journalistenlebens, das immer dem politisch kritischen Report  der deutschen Befindlichkeit – der sozial-ökonomischen im Besonderen – gewidmet war und ist. Ederers Sprache ist zutreffend und unverblümt, und seine Kritik trifft schonungslos alle, die er für das heraufziehende deutsche Desaster verantwortlich sieht. Und das sind beileibe nicht nur die immer gescholtenen Politiker und Wirtschaftsbosse, sondern auch wir, die Bürger, die zu feige und zu bequem sind, die notwendigen Reformen eindeutig zu wollen und ihre Vertreter zu unterstützen.

Nein, die Deutschen träumen nicht mehr! Wovon denn auch? Sie verdrängen heftig und versuchen irgendwelche guten alten DM-Zeiten zu beschwören. Das sind übrigens nicht die vielgescholtenen „Gutmenschen“, die angeblich Deutschland politisch korrekt an die Wand träumen. Da sind die täglichen Nachrichten über Europas Finanzmisere und den teuren Euro-Rettungsschirm, der im Ernstfall unbezahlbar sei. Man glaubt, das Problem läge irgendwo in Europa, schimpft auf die faulen Südeuropäer, verdrängt aber die eigenen Schulden von 1,9 Billionen Euro  und hofft, dass das heraufziehende polit-ökonomische Desaster irgendwie an uns vorbeigehen wird. Wir sind ja noch AAA-Kreditkunden der Großbanken!

Der Countdown zum Crash

Nach der Lektüre von Ederers Buch, kann man sich solche Illusionen abschminken.  Zitat aus dem Vorwort: „Da sind zwei Züge in den Siebzigerjahren auf demselben Gleis losgefahren, die irgendwann in den nächsten 15 Jahren zusammenstoßen werden. Der eine Zug heißt Bevölkerungsentwicklung, der andere Staatsverschuldung.“

Das vorhersehbare Ende dieser Entwicklung: die Staatspleite des deutschen Staates, der z.B.  für den Schuldendienst im Jahre 2008 unvorstellbare 229 Mrd. Euro aufbringen musste, der sich als Sozialstaat übernommen hat und soziale Gerechtigkeit über eine kontraproduktive Steuer- und Sozialgesetzgebung zu erreichen versucht.  Als tieferen Grund  der Misere analysiert Ederer die Staatsgläubigkeit der Deutschen als unverarbeitetes Erbe des Nationalsozialismus, ihre Untertanenmentalität und den mangelnden Mut zur persönlich haftenden Freiheit.

Eigentlich sind dem politisch interessierten Bürger die dazugehörigen Problemstichworte präsent: Deutsche Einheit, Europa, Subventionen, Sozialkosten, Staatsknete/Hartz IV, Steuergesetze, Geburtenrückgang (Deutschland 2011: das Land mit der geringsten Kinderzahl in Europa!), Bildungsmisere, Fachkräftemangel, Überalterung der Gesellschaft,  unkontrollierte Zuwanderung, Ghettobildung, Scharia/Islam und Grundgesetz usw.

In Ederers Buch ist die dazugehörige Faktenlage derart aktuell und beispielreich komprimiert, dass sich der  Leser  fragt, ob denn den politisch Verantwortlichen diese Faktenlage unbekannt sei, und falls bekannt, sie denn ruhig schlafen können. Immer natürlich unter der Voraussetzung, dass ihr Handeln dem Wohl des Volkes verpflichtet ist, wie sie es geschworen haben. Oder dient ihr Agieren ganz zynisch selbstverständlich nur dem eigenen Machterhalt oder der Durchsetzung der jeweiligen Parteiideologie? Ja, das Buch sei allen Volksvertretern und politisch Verantwortlichen dringlich als Pflichtlektüre empfohlen. Und natürlich nicht nur ihnen…

Nicht verschwiegen

sei jedoch, dass manche von  Ederers Positionen durchaus zur Kritik herausfordern: etwa seine Einstellung und seine Kronzeugen in der Klimafrage oder der Glaube an den zweifellos immer richtig handelnden Marktteilnehmer, gelegentliche Reduktion sozialer Probleme auf ökonomische Prozesse, das zitierende Beschwören des sozialen Marktwirtschaftserfolgs Ludwig Erhards im Nachkriegsdeutschland. Was 1947 ff. funktionierte, schien aber 1962 schon nicht mehr ganz rund zu laufen. Es sei erinnert, dass 1962 angesichts der wirtschaftspolitischen Entwicklung in Deutschland eben diesem Ludwig Erhard, inzwischen Kanzler der BRD, nichts anderes einfiel, als einen „Maßhalteappell“ von der politischen Kanzel zu predigen, der bekanntermaßen für die Katz war und demonstrierte, wie trotz richtiger ökonomischer Überzeugungen, das polit-ökonomische Tagesgeschäft einer Demokratie eine eigene Befähigung verlangt.

Vielleicht gibt es   aber doch etwas zum Träumen für uns Deutsche 2011. Ederer hat sich ein wenig umgesehen in der Welt: Da gibt es beispielhafte Reaktionen anderer Staaten auf ähnliche Probleme: Finnlands und  Hollands Einwanderungs- und Bildungspolitik zum Beispiel, Dänemarks Arbeitslosengesetze, Neuseeland und seine beseitigte Staatsverschuldung, Japan und die Überalterung seiner Gesellschaft. Es gibt also praktizierbare Lösungen, wenn man sie will.

Und da gibt es zusammengefasst in Ederers Buch einen ausgearbeiteten Lösungsvorschlag zur deutschen Staatsverschuldung des Dr. Otto Gaßner, Chefsyndikus  des renommierten Bankhauses Merck, Fink & Co.: Für den interessierten Leser die Original-Datei: http://www.gassner.de/images/Dateien/Dateien/Staatsschuld.pdf    Seine „Operation Rebound“ ist keine Träumerei, sondern ein durchgerechneter Vorschlag zur Beseitigung der aktuellen deutschen Staatsverschuldung und ihrer Folgen. Der Crash könnte ausbleiben und es würde ein Traum  dann doch wahr, wenn sich Deutschland zu diesem Kraftakt durchringen könnten. Ederer ist eher pessimistisch und auch der Leser würde gerne optimistischer davon träumen können. Aber ein bisschen träumen sollte uns doch noch erlaubt sein, oder?

KS – August 2011

PS. Unbedingte Leseempfehlung

______________________________

Günter Ederer

Träum weiter, Deutschland!

Eichborn-Verlag – ISBN:9783821865409

21.95 Euro

Advertisements