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Der absolute Imperativ und seine Strapazen

Anmerkungen zu Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern

  

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer sich gedrängt fühlt, sein Leben nun endlich ändern zu müssen und sich praktische  Hilfe von diesem  Buch  verspricht, der wird sehr bald merken, dass das der falsche Griff ins Bücherregal war. Statt einer eventuell  gewünschten Entscheidungshilfe, die der Titel möglicherweise suggeriert, wird der Leser  vom Autor auf eine 700 Seiten lange und schwierige, aber zugegeben auch interessante Reise durch die Kulturgeschichte mitgenommen. Hier also schon die Einschränkung einer Leseempfehlung: Nur für hartnäckige Leser!

Einblicke in die Welt der Sezession

Zunächst muss der sich  aber in einer ausführlichen Einleitung mit einem anderen Phänomen beschäftigen, das in der Tat eine seriöse Auseinandersetzung erfordert: Die Wiederkehr der Religion und die Behauptung vom Scheitern der Aufklärung. Sloterdijk hat sich in seinem Buch über die drei Monotheismen schon mit dieser Provokation beschäftigt, möchte aber noch einmal entschieden darlegen, dass  „ eine  Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist, wie eine Rückkehr der Religionen  – aus dem einfachen Grund, weil es keine „Religion“ und keine „Religionen“ gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme“, Anthropotechniken genannt, „sozio-immunologische Praktiken“, die kulturwissenschaftlich zu behandeln seien.

 Zitat: „Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren“. Anthropotechnik sei keine Biotechnik. „Wer darauf achtet, dass es heißt, „Du musst dein Leben ändern“ und nicht, „Du musst das Leben ändern“, hat schon  im ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt.“

Also durchstreifen wir in einer ersten Exkursion auf 144 Seiten den Planet der Übenden und begegnen dabei 1. Rilkes Erfahrung mit einem Befehl aus dem Stein, 2. Nietzsches Antikeprojekt,   3. Unthans Krüppellektionen, 4. Kafkas Artistik, 5. Ciorans buddhistischen Exerzitien, de Coubertins Olympischer Idee und Ron Hubbards Scientology.

Im eigentlichen Hauptteil des Buches geht es 527 Seiten lang um 1. Die Eroberung des Unwahrscheinlichen und das Programm für eine akrobatische Ethik,  2. Übertreibungsverfahren und die Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit und 3. Die Exerzitien der Modernen und die Wiederverweltlichung des zurückgezogenen Subjekts. Es geht um Leben und Lehren exemplarischer Lebensartisten, “Sezessionisten“, “Asketen“,  „Sakroathleten“  und  „Geistesakrobaten“ vergangener Zeiten und Kulturen – auch Jesus bekommt übrigens die Qualifikation „Sakroathlet“ –  und ihre Wirkung auf ihre Epochen.

Aber was auch immer die Männer – es sind fast ausschließlich Männer – jener Zeiten zu ihrer epochalen „Sezession“ bewogen hat, es waren andere Gründe als die, die die heutige Diskussion bewegen, die bestimmt wird durch eine technisch neue Lebenswelt und das Überlebensproblem von  ca. 7 Mrd. Menschen auf der Erde bei immer prekärer werdender Ressourcenlage. Auch Sloterdijk spricht angesichts der globalen Krise von seinem Motto „Du musst dein Leben ändern“ als dem aktuellen „Absoluten Imperativ“,  den er aber erst im letzten Kapitel auf mageren 11 Seiten näher erläutert.

Der Umfang gewisser Erdknollen

Unschwer die Einsicht, dass wir es mit nicht ganz leicht überschaubaren Lektionen zu tun bekommen, die auch nicht dadurch einfacher werden, dass Sloterdijk ein ungeheuer formulierungsfreudiger Genius ist. Im Gegenteil, seine Formulierungskunst verführt ihn gelegentlich  zu Kunststücken, die das zu Klärende eher verschleiern als verdeutlichen.  Ob die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten, wird auch dann nicht leichter zu beweisen sein, wenn man die Antwort von der Formulierung abhängig macht, dass „der Umfang gewisser Erdknollen im negativ reziproken Verhältnis zum Intelligenzquotienten sie produzierender Agrarier stehe“.   Aber Sloterdijk ist überzeugt: „Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden!“ (Zitat)

Wir haben es also folgerichtig bei Sloterdijk mit akrobatischer Lektüre zu tun und mühen uns  auch öfter, dem in schwindelnder Höhe argumentierenden Sprachartisten hinterher zu denken. Aber nicht unbegründet beschleicht uns auch der Verdacht, dass es hier weniger um die Begründung der Notwendigkeit einer Lebensänderung geht, als vielmehr um die Vorführung des Kultur-artistischen Panoptikums, das der Autor inszenieren möchte. Das ist ja auch recht beeindruckend. Chapeau! Dass Sloterdijk ein überaus belesener und eigenständiger Kommentator ist, bedarf eigentlich keiner neuen Erwähnung.

Seine Sympathien für die „Sezessionisten“ aller Zeiten – vor allem für Friedrich Nietzsche – in Ehren, aber sind sie mit ihrer „Lebensänderung“ denn wirklich die „Zeitenwender“, die die neuen Level schaffen? Sind sie nicht häufiger Ausdruck zeittypischer Ängste oder grotesker Sehnsüchte, Ergebnisse verquerer Wahrnehmung und missgedeuteter Argumente oder auch Konsequenzen richtiger Einsichten in konkrete Notwendigkeiten, die in den Protagonisten und ihren Jüngern ihren persönlichen Ausdruck finden?

Sind für die evolutionären oder auch revolutionären Veränderungen der Menschengeschichte nicht viel entscheidender ganz reale  historische Ereignisse, Katastrophen, technische Erfindungen und erst danach die Gedanken und Theorien, die sich Menschen darüber machen? Sloterdijk gesteht dem Heute zu: „Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne!“  Aber gibt es heute nicht auch „faktisch Neues unter der Sonne“, das eine Lebensänderung de facto provoziert? Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck als sei Menschengeschichte vor allem Ideengeschichte. Dem muss widersprochen werden. Das eigentlich Neue der modernen Naturwissenschaft ist doch nicht nur die neue physikalische Theorie, sondern die experimentelle Beweisbarkeit ihrer Thesen und ihre technische Nutzungsmöglichkeit. Sie verändert nicht nur dein Leben, sondern das Leben auf der Erde.  Deswegen ist hinter  die Forderung „Du sollst dein Leben ändern!“ als Generalschlüssel zur Lösung unserer Lebensprobleme ein großes Fragezeichen zu machen.

Ist Peter Sloterdijk nicht ganz unvermutbar ein Vertreter einer  Philosophentradition, die Ideen – „Vertikalspannung“ –  für wichtiger halten als die schnöden technischen Erfindungen und Realitäten, die die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beschäftigen? Solche Präferenz sei ihm als Artisten ja durchaus erlaubt, aber er muss sich dann auch die Meinung gefallen lassen, dass Philosophie dieser Art im musealen Denker-Panoptikum ihren  Platz hat und  für die Bewältigung heutiger Probleme unbrauchbar ist. Der Philosoph als Museumsführer.

Welchen praktischen Wert hat zum Beispiel seine These, dass es „Religion“ und „Religionen“ eigentlich gar nicht gäbe, weil sie im Wesentlichen ja nur überkommene spirituelle Übungssysteme – Anthropotechniken – seien und deshalb gar nicht wiederkehren könnten?  Meint er mit dieser begrifflichen Exkommunikation die  von ihm – und nicht nur von ihm – als bedrohlich empfundene Wiederkehr  der Religionen verhindern zu können? Sie kulturhistorisch nicht mehr Religionen nennen zu dürfen, hat doch mehr mit schamanischen  Tabus zu tun, als mit kulturwissenschaftlicher Präzession.  Dass Religion etwas mit Übung und Ausübung – mit Ritualen – zu tun hat, ist doch nichts Neues. Viel interessanter ist doch die Beobachtung, dass im Jahre 2012 wieder so viele Menschen in diese „spirituellen Übungssysteme“ ihre Hoffnungen investieren und glauben, sich und der Welt einen schuldigen Dienst zu erweisen. Das Motto: „Du musst dein Leben ändern!“ mutiert zur Forderung, „Du sollst wieder religiöser werden!“. „Aufklärung“  kommt fortan wieder von der Kanzel oder der Mimbar! Das ist Fakt, auch wenn es uns noch so missfallen sollte. Gott sei’s geklagt!

Einmal abgesehen davon, dass Menschen manchmal von alleine  und ohne exemplarische Sezessionisten herausfinden, was ihnen gut tut, werden wir einstweilen als unverbesserliche Aufklärer die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann auch  beratungsresistente Katholiken einsehen, dass der Papst kein Dalai Lama ist und intelligente Moslems kapieren, dass man den Teufel nicht steinigen kann, auch wenn man es  jedes Jahr in Mekka versucht. Weitere Erkenntnisfortschritte seien  nicht ausgeschlossen. Insyallah!
KS  –  24-01-2012

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Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern   Suhrkamp-Verlag 2009

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„Deus lo vult – Gott will es?“

Peter Sloterdijk:

Gottes Eifer  –  Vom Kampf der drei Monotheismen

Ganz gleich, was ich nachher noch schreiben werde und ob diese kurze Rezension dem Buch gerecht wird: Peter Sloterdijks Buch hat fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung verdient.  Die Lektüre sei auch allen empfohlen, denen gelegentlich die Lust am Lesen  seiner Bücher vergangen ist – der Sloterdijk‘schen  Formulierungskünste wegen . (Dieses Problem hätte eine eigene Besprechung verdient.) In diesem Buch hat sich der Autor weithin um  Verständlichkeit bemüht und belohnt den Leser  mit scharfsinnigen Analysen und einer Fülle genialer Metaphern , die oft verblüffend einfach die Problematiken veranschaulichen. Es ist die oft zitierte und angesagte Wiederkehr der Religion und des Religiösen im 21.Jahrhundert, die den Autor zu einer kritischen Auseinandersetzung provozierte. Und eine notwendige dazu, wie ich meine.

Gottes-Gen, Gottes-Wahn, Gottes-Vergiftung… in den letzten Jahren gab es einige Bestseller mit Gott in der Titelzeile, die sich dem Phänomen der menschlichen Gottesbeziehungen widmeten – Bücher für ein thematisch interessiertes Publikum. Auch wenn die kirchliche Mitgliederstatistik in Europa andere Trends zeigt: Religion ist wieder ein Thema in Europa und in der Welt. Peter Sloterdijk musste es nicht erst suchen.

Und das Thema macht blutige Schlagzeilen. Der Islam befindet sich weltweit in einer brisanten Aufbruchsstimmung und stellt den Status quo der betroffenen Gesellschaften in Frage. Militante Islamisten haben dem Westen den heiligen Krieg erklärt, einen Krieg im Namen Gottes gegen seine Feinde. Es geht hier nicht nur um starke Worte – „Nine-eleven“ hat alle Skeptiker drastisch belehrt – diese starken Worte sind uns eigentlich bekannt und sollten uns alarmieren.  Der Aufruf zum Kampf gegen die Feinde Gottes  fanatisierte  vor tausend Jahren das christliche Europa zu unsäglichen Kriegszügen, die unter dem Namen „Kreuzzüge“ in die Geschichte eingegangen sind. Der Schlachtruf hieß damals „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“ und „Allahu akbar!“ – „Gott ist groß!“ auf der anderen Seite. Die Parole „Deus lo vult“ ist – Gott(?) sei Dank  – heute weniger zu hören, aber „Allahu akbar“ ist aktueller denn je.

Aber was hat denn der heilige Gott mit den unheiligen Kriegen der Menschen zu tun? Sloterdijks Diagnose: Aggressiv intolerante Religion hat konstitutiv mit Monotheismus, dem Ein-Gott-Glauben, zu tun  – kulturgeschichtlich speziell mit dem Monotheismus der „Abrahams-Religionen“ – Judentum, Christentum  und Islam. Entgegen dem viel geäußerten Vorwurf oder der Entschuldigung, die dummen Menschen hätten da etwas missverstanden und missbrauchten den friedlich liebenden Gott für ihre unfriedlichen Zwecke, ist festzuhalten, dass dieser Gott vonAnfang an ein eifernder Herr ist – siehe Sloterdijks Buchtitel „Gottes Eifer“ -, der keine anderen Götter neben sich duldet und von seinen Gläubigen bedingungslose Liebe und Unterwerfung verlangt. Er ist der einzige und der wahre Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und der Herr des Lebens aller Menschen. Sein Wille ist Gesetz.

Ab jetzt wird sein Anspruch und seine Wahrheit zum globalen Thema, das Bekenntnis zu ihm eine Sache auf Leben und Tod, Heil und Unheil der Welt, über die er ein endzeitliches Gericht halten wird. Dann wird auch entschieden, wer von den drei Erben der Abrahams-Religion der gottgewollte und gottwohlgefällige  Erbe sein wird. Alle drei bestreiten sich nämlich gegenseitig unerbittlich die beanspruchte göttliche Legitimität. Für das orthodoxe Judentum ist das Christentum eine  Häresie, und für das Christentum und Judentum ist der Islam der Usurpator und umgekehrt.

Sloterdijk gibt einen kenntnisreichen Einblick in die „Aufstellungen“, die „Fronten“ und die „Feldzüge“ der monotheistischen Kulturen. Der Kampf dieser drei und ihr Selbstverständnis hat in den letzten zweitausend Jahren die Welt in immer heftigere Krisen geführt. Die Radikalität ihrer Protagonisten scheint sie heute unempfindlich zu machen für die Herausforderung der globalen Krise der Überbevölkerung, der Armut und der Umwelt: Gott ist wichtiger!  Allahu akbar!  Pereat mundus! (Soll die Welt doch zugrunde gehen!) Für seine Getreuen hat Gott einen Platz im Himmel bereitet, für seine Feinde die Hölle. Das Leben auf der Erde ist nicht mehr von Belang. Keine guten Aussichten für den Rest ihrer Bewohner… sollten sich die Zeloten Gottes durchsetzen.

Was kann man erwarten und was muss man tun? Sloterdijk versucht zu ergründen, was denn ein Glaube, ein Sich-Einlassen auf einen solchen Gott und seine Religion so attraktiv und verständlich mache. Es müssen Inhalte von Begriffen wie „Transzendenz“ und „Offenbarung“ geklärt, sowie das kulturhistorische Phänomen von „Religion“ untersucht werden. Der Autor legt Wert darauf, zu erkennen, dass Religion kein eigenständiges Phänomen, sondern  in die übergreifende Kategorie der Kultur einzuordnen  ist und mit der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis aus diesem Bereich zu behandeln sei. Religion ist für Sloterdijk eine „Anthropotechnik“, eng verwoben mit dem jeweiligen kulturellen Bemühen der Gesellschaft mit den inneren und äußeren Herausforderungen fertig zu werden.

Die historische Bedingtheit der Religionen, auch speziell der global agierenden monotheistischen Religionen, lässt gründlich zweifeln an ihrer Fähigkeit tragfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen heutiger Zeit anbieten zu können – es sei denn, sie wandelten  ihren bedingten „Gotteseifer“ zu unbedingtem „Menscheneifer“.  Die aggressive Rechthaberei bezüglich göttlicher Wahrheiten ist dann überflüssig. Die bisherigen Opfer- und Unterwerfungsrituale  sind obsolet geworden.  Sloterdijk: „ Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte…Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.“  Volesse  Dio und Insyallah!

Bis dieser zivilisierende Weg allerdings von allen einsichtig beschritten wird,  werden die Menschen wohl noch harte Zeiten vor sich haben. In diesen Tagen probieren vor allem muslimische Gesellschaften mit dem Handwerkszeug ihrer Religion einen modernen Staat aufzubauen, zornig und enttäuscht über kapitalistische und sozialistische Verheißungen. Ein durch die Scharia religiös kontrolliertere Gesellschaft soll den Erfolg bringen. Wahrscheinlich  wird aber  erst die Frustration der Menschen über diese zum Scheitern verurteilte Bemühung den zivilisatorischen Weg öffnen. Auch diese Erfahrung gehört zu jenem alleinigen Weg… Muslime sollten  Europas christliche Geschichte etwas genauer studieren.

KS  09.01.2012

(c) Peter Sloterdijk: Gottes Eifer – Vom Kampf der Monotheismen  –                       Verlag der Weltreligionen – Frankfurt/Main 2007