„Deus lo vult – Gott will es?“

Peter Sloterdijk:

Gottes Eifer  –  Vom Kampf der drei Monotheismen

Ganz gleich, was ich nachher noch schreiben werde und ob diese kurze Rezension dem Buch gerecht wird: Peter Sloterdijks Buch hat fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung verdient.  Die Lektüre sei auch allen empfohlen, denen gelegentlich die Lust am Lesen  seiner Bücher vergangen ist – der Sloterdijk‘schen  Formulierungskünste wegen . (Dieses Problem hätte eine eigene Besprechung verdient.) In diesem Buch hat sich der Autor weithin um  Verständlichkeit bemüht und belohnt den Leser  mit scharfsinnigen Analysen und einer Fülle genialer Metaphern , die oft verblüffend einfach die Problematiken veranschaulichen. Es ist die oft zitierte und angesagte Wiederkehr der Religion und des Religiösen im 21.Jahrhundert, die den Autor zu einer kritischen Auseinandersetzung provozierte. Und eine notwendige dazu, wie ich meine.

Gottes-Gen, Gottes-Wahn, Gottes-Vergiftung… in den letzten Jahren gab es einige Bestseller mit Gott in der Titelzeile, die sich dem Phänomen der menschlichen Gottesbeziehungen widmeten – Bücher für ein thematisch interessiertes Publikum. Auch wenn die kirchliche Mitgliederstatistik in Europa andere Trends zeigt: Religion ist wieder ein Thema in Europa und in der Welt. Peter Sloterdijk musste es nicht erst suchen.

Und das Thema macht blutige Schlagzeilen. Der Islam befindet sich weltweit in einer brisanten Aufbruchsstimmung und stellt den Status quo der betroffenen Gesellschaften in Frage. Militante Islamisten haben dem Westen den heiligen Krieg erklärt, einen Krieg im Namen Gottes gegen seine Feinde. Es geht hier nicht nur um starke Worte – „Nine-eleven“ hat alle Skeptiker drastisch belehrt – diese starken Worte sind uns eigentlich bekannt und sollten uns alarmieren.  Der Aufruf zum Kampf gegen die Feinde Gottes  fanatisierte  vor tausend Jahren das christliche Europa zu unsäglichen Kriegszügen, die unter dem Namen „Kreuzzüge“ in die Geschichte eingegangen sind. Der Schlachtruf hieß damals „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“ und „Allahu akbar!“ – „Gott ist groß!“ auf der anderen Seite. Die Parole „Deus lo vult“ ist – Gott(?) sei Dank  – heute weniger zu hören, aber „Allahu akbar“ ist aktueller denn je.

Aber was hat denn der heilige Gott mit den unheiligen Kriegen der Menschen zu tun? Sloterdijks Diagnose: Aggressiv intolerante Religion hat konstitutiv mit Monotheismus, dem Ein-Gott-Glauben, zu tun  – kulturgeschichtlich speziell mit dem Monotheismus der „Abrahams-Religionen“ – Judentum, Christentum  und Islam. Entgegen dem viel geäußerten Vorwurf oder der Entschuldigung, die dummen Menschen hätten da etwas missverstanden und missbrauchten den friedlich liebenden Gott für ihre unfriedlichen Zwecke, ist festzuhalten, dass dieser Gott vonAnfang an ein eifernder Herr ist – siehe Sloterdijks Buchtitel „Gottes Eifer“ -, der keine anderen Götter neben sich duldet und von seinen Gläubigen bedingungslose Liebe und Unterwerfung verlangt. Er ist der einzige und der wahre Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und der Herr des Lebens aller Menschen. Sein Wille ist Gesetz.

Ab jetzt wird sein Anspruch und seine Wahrheit zum globalen Thema, das Bekenntnis zu ihm eine Sache auf Leben und Tod, Heil und Unheil der Welt, über die er ein endzeitliches Gericht halten wird. Dann wird auch entschieden, wer von den drei Erben der Abrahams-Religion der gottgewollte und gottwohlgefällige  Erbe sein wird. Alle drei bestreiten sich nämlich gegenseitig unerbittlich die beanspruchte göttliche Legitimität. Für das orthodoxe Judentum ist das Christentum eine  Häresie, und für das Christentum und Judentum ist der Islam der Usurpator und umgekehrt.

Sloterdijk gibt einen kenntnisreichen Einblick in die „Aufstellungen“, die „Fronten“ und die „Feldzüge“ der monotheistischen Kulturen. Der Kampf dieser drei und ihr Selbstverständnis hat in den letzten zweitausend Jahren die Welt in immer heftigere Krisen geführt. Die Radikalität ihrer Protagonisten scheint sie heute unempfindlich zu machen für die Herausforderung der globalen Krise der Überbevölkerung, der Armut und der Umwelt: Gott ist wichtiger!  Allahu akbar!  Pereat mundus! (Soll die Welt doch zugrunde gehen!) Für seine Getreuen hat Gott einen Platz im Himmel bereitet, für seine Feinde die Hölle. Das Leben auf der Erde ist nicht mehr von Belang. Keine guten Aussichten für den Rest ihrer Bewohner… sollten sich die Zeloten Gottes durchsetzen.

Was kann man erwarten und was muss man tun? Sloterdijk versucht zu ergründen, was denn ein Glaube, ein Sich-Einlassen auf einen solchen Gott und seine Religion so attraktiv und verständlich mache. Es müssen Inhalte von Begriffen wie „Transzendenz“ und „Offenbarung“ geklärt, sowie das kulturhistorische Phänomen von „Religion“ untersucht werden. Der Autor legt Wert darauf, zu erkennen, dass Religion kein eigenständiges Phänomen, sondern  in die übergreifende Kategorie der Kultur einzuordnen  ist und mit der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis aus diesem Bereich zu behandeln sei. Religion ist für Sloterdijk eine „Anthropotechnik“, eng verwoben mit dem jeweiligen kulturellen Bemühen der Gesellschaft mit den inneren und äußeren Herausforderungen fertig zu werden.

Die historische Bedingtheit der Religionen, auch speziell der global agierenden monotheistischen Religionen, lässt gründlich zweifeln an ihrer Fähigkeit tragfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen heutiger Zeit anbieten zu können – es sei denn, sie wandelten  ihren bedingten „Gotteseifer“ zu unbedingtem „Menscheneifer“.  Die aggressive Rechthaberei bezüglich göttlicher Wahrheiten ist dann überflüssig. Die bisherigen Opfer- und Unterwerfungsrituale  sind obsolet geworden.  Sloterdijk: „ Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte…Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.“  Volesse  Dio und Insyallah!

Bis dieser zivilisierende Weg allerdings von allen einsichtig beschritten wird,  werden die Menschen wohl noch harte Zeiten vor sich haben. In diesen Tagen probieren vor allem muslimische Gesellschaften mit dem Handwerkszeug ihrer Religion einen modernen Staat aufzubauen, zornig und enttäuscht über kapitalistische und sozialistische Verheißungen. Ein durch die Scharia religiös kontrolliertere Gesellschaft soll den Erfolg bringen. Wahrscheinlich  wird aber  erst die Frustration der Menschen über diese zum Scheitern verurteilte Bemühung den zivilisatorischen Weg öffnen. Auch diese Erfahrung gehört zu jenem alleinigen Weg… Muslime sollten  Europas christliche Geschichte etwas genauer studieren.

KS  09.01.2012

(c) Peter Sloterdijk: Gottes Eifer – Vom Kampf der Monotheismen  –                       Verlag der Weltreligionen – Frankfurt/Main 2007

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