Reiches armes Indonesien

Die Wochenzeitung DAS PARLAMENT hat  ihre Beilage vom 12. März 2012  ganz dem Land INDONESIEN gewidmet. Acht aktuelle Beiträge beschäftigen sich mit dem Land unter ganz verschiedenen Aspekten und vermitteln ein eindringliches Bild von der kompexen Realität des Landes der 17.000 Inseln. Obwohl z.B. die Insel Bali als Urlaubsziel für deutsche Touristen beliebt und bekannt  ist, wird bei der Lektüre der angebotenen Beiträge dem Leser doch deutlich, dass die Beschäftigung mit Indonesien und seinen Menschen  für die meisten Deutschen eine “ Annäherung an ein unbekanntes Land“ sein dürfte, wie Doris K.Gamino ihren exzellenten Essay überschrieben hat. Dank an Frau Gamino und die anderen Autoren. (KS)

Annäherung an ein unbekanntes Land

Doris K. Gamino

Jakarta zur Feierabendzeit an einem beliebigen Tag: Wie ein zäher Lavastrom schieben sich die Lichter der schier endlosen Blechlawine über die von blühenden Frangipanibäumen gesäumten Boulevards Thamrin und Sudirman im Central Business District, vorbei an säulenverbrämten Zuckerbäckerbauten und vielstöckigen Glasfassaden der Banken, Versicherungen und Verwaltungsgebäuden großer Unternehmen. Der Strom schiebt sich, Stoßstange an Stoßstange, nicht wenige von Luxuskarossen deutscher Provenienz, im Schneckentempo um die Plaza Indonesia, vorbei am dereinst ersten Sterne-Hotel des Landes, dem legendären Hotel Indonesia, jetzt Kempinsky, eingerahmt von hell erleuchteten Shoppingtempeln. Mit der Energie, die allein die Klimaanlagen um den Platz herum täglich verbrauchen, ließe sich vermutlich einen Monat lang eine Kleinstadt versorgen.

Wer sich auf diese Weise der indonesischen Hauptstadt nähert, könnte versucht sein, sie für eine gewöhnliche, moderne Metropole zu halten. Erste Zweifel befallen den Besucher aber beim Versuch, aus dem Strom auszubrechen. Es gibt weder Parkplätze noch Bürgersteige; mit Schranken gesicherte, schwer bewachte Grundstückseinfahrten machen ein Anhalten unmöglich. Seit den Bombenanschlägen 2003 und 2009 sind öffentliche Gebäude, Banken und Hotels nicht mehr ohne Kontrollen zu begehen. So fährt man gezielt vom Hotel zur Mall, zur Bank, zum Amt. Inselhopping in der Stadt, synonym zum Rest des Landes, das sich auf mehr als 17000 Inseln verteilt. Und wer sich traut, aus dem klimatisierten Wagen auszusteigen, ohne sich direkt in ein klimatisiertes Gebäude zu flüchten, stellt schnell fest: Jenseits des Pomp ist Niemandsland. Das Elend liegt nahtlos um die Ecke. Die Löcher in ehemaligen oder unvollendeten Bürgersteigen, die sich über teerschwarzen, stinkenden Abwasserkanälen öffnen, sind so groß, dass ein Moped darin verschwinden könnte. Kleineleuteviertel gehen rasch über in Armenviertel, geprägt von aus den Fugen geratenen Häusern, die nur durch guten Willen, Hoffnung und sehr viele Wäscheleinen zusammengehalten werden. Während des Ramadan boomt der Babyverleih: Arme Familien verpachten ihre Säuglinge für ein paar Rupiah an Bettlerinnen, die mit den Babys auf dem Arm zum Zwecke der effektiveren Mitleidserregung in Scharen an Kreuzungen und im Stau Autofahrer anbetteln.

Die Hauptstädter, besonders die jungen Blackberry- und Mac-Besitzer, bezeichnen ihre Stadt gerne als buzzling, als asiatische Antwort auf New York oder Paris. Dass dazu mehr gehört als Konsumtempel und Abgaswolken, wird dabei lieber übergangen. Für viele ist der Stau ein Ausdruck von Wohlstand: Wo nichts sei, könne sich auch nichts stauen. Auf die fatale Stadtplanung und den schon vor 20 Jahren absehbaren Mangel an Straßenfläche und einem öffentlichen Nahverkehrssystem kommt man nicht gerne zu sprechen. Auch nicht auf das katastrophale Müll- und Abwassersystem oder die alljährlich während der Regenzeit wiederkehrenden Überschwemmungen, bei denen jedes Mal Tausende ihre Häuser und nicht wenige ihr Leben verlieren. Wie Monumente des Versagens mahnen über viele Straßenkilometer die verrotteten Pfeiler einer vor zehn Jahren vollmundig angekündigten Hochbahn, die endlich die Rettung vor dem Verkehrskollaps bringen sollte. Sang- und klanglos wurde das Projekt eingestellt. Bürokratische Hürden, Streitereien bei der Auftragsvergabe und das „Verschwinden“ öffentlicher Gelder dürften, wie beim Scheitern der meisten öffentlichen Vorhaben, auch hier die Gründe gewesen sein. Soziale Ungerechtigkeit, Armut und Korruption sind nicht auf die Hauptstadt beschränkt, im Gegenteil. Aber in Jakarta laufen die Fäden zusammen, hier werden Entscheidungen getroffen, hierher fließt das Geld, und hier versickert es auch. Hier lassen sich die Probleme des Landes wie durch ein Brennglas betrachten; gelöst werden die wenigsten.

weiterlesen…    Java: Kulturelles und politisches Zentrum ….. Transmigrasi… Koloniales Erbe… Reiches armes Indonesien
Zur Person: Doris K.amino M.A.,geb. 1958; Publizistin und Journalistin; lebt in Jakarta/ Indonesien                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                weiterlesen….Alle acht Beiträge zu INDONESIEN (PDF-Version)
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