INDONESISCHES SCHATTENTHEATER

Bei meinem letzten Besuch in Indonesien im Oktober 2012 fand ich in der Tageszeitung KOMPAS einen bemerkenswerten Artikel, der unten in Übersetzung zu lesen ist. Überschrift: „Ketoprak yang tidak Lagi Lucu“ („Ein gar nicht mehr lustiges Theater“) –  Verfasst von P. Franz Magnis-Suseno SJ, dem aus Deutschland stammenden Em. Professor der Philosophie an der Universität Driyarkara in Jakarta, der seit 1961 in Indonesien lebt und über alle Parteien hinweg großes Ansehen genießt.35490_252786791511153_1837723080_n           

Sein Kommentar beschäftigt sich mit Ereignissen aus den Jahren 1965/66, die in Indonesien unter dem Kürzel „G-30S/PKI“ bekannt sind. (Eine kurze Zusammenfassung ist hier/Wikipedia) nachzulesen.) Indonesien beginnt vielleicht endlich mit der Aufarbeitung eines seiner großen nationalen Tabus, dem ungeheuerlichen Massenmord an mindestens 500.000 Menschen und der Diskriminierung von ca. 10 Millionen Landsleuten zu Beginn der Suharto-Ära.

Entfacht wurde die Diskussion wahrscheinlich durch einen im September 2012 erschienenen Dokumentarfilm: The Act of Killing – (Indonesische Version „Jagal“), in dem einige Täter von damals –  bis zum heutigen Tag unbehelligt und straffrei –  über ihre Mordorgien berichten.(Siehe Interview mit Joshua Oppenheimer, dem Regisseur des Films)

Ob es allerdings  in der indonesischen Öffentlichkeit zu einer breiten  Auseinandersetzung  kommt, wird abzuwarten sein. (Viele Leute aus der ersten Reihe des heutigen Indonesien haben wahrscheinlich absolut kein Interesse an einer intensiven Erörterung:  z.B. ganz prominent Ibu Ani Herawati,  die First Lady, Frau des amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono (Ex-General), ist die Tochter des Generals Sarwo Edhie Wibowo, dem damals verantwortlichen Kommandeur der antikommunistischen Einsatztruppen in Mitteljava. Ihr Bruder Pramono ist derzeit Chef des Generalstabs der Streitkräfte…usw)

Nachtrag  15.11.2013.                                                                                                                                                                                                                                   Der Film „The Act of Killing“ ist  inzwischen in deutschen Kinos zu sehen.                 Siehe Bericht „Wenn Mörder Opfer spielen“ in  SPIEGEL-ONLINE.

HARIAN KOMPAS Samstag – 6. Oktober 2012

Ein gar nicht mehr lustiges Theater

Von Franz Magnis-Suseno SJ

Nach Meinung von Experten wurden von Oktober 1965 bis Februar 1966 mindestens eine halbe Million, maximal drei Millionen Menschen ermordet, die der „PKI“ (Partai Komunis Indonesia) oder als „Terlibat“ („darin Verwickelte“) zugerechnet wurden. Letztere Zahl stammt von Sarwo Edhie Wibowo, dem Kommandeur des RPKAD (Regimentseinsatzkommando des Heeres), das mit der Ausrottung der PKI damals befasst war.

Wenn wir einmal die kleinste Zahl der Opfer (500.000 Menschen) annehmen, dann gehört dieses Morden zu den vier größten Gräueltaten, die von Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verübt wurden. Nr. 1 war der Hungertod von 30 Millionen Menschen oder auch mehr, die in China 1958-1961 Opfer der politischen „Weisheit“ Mao Zedongs wurden. Nr. 2 war die Ermordung von zwei Millionen Menschen in Kambodscha durch das Pol Pot-Regime. Nr. 3 Die Ermordung von 800 000 Tutsi beim Genozid in Ruanda.

Nun hört man (in Indonesien d .Ü.) die Nachricht, dass sich die Regierung entschuldigen wolle. Aber – man höre: zuerst sollen sich die anderen entschuldigen, nämlich die Ermordeten, die Millionen anderen Opfer, die gefangen, gequält, vergewaltigt wurden ohne zu wissen, wessen sie sich schuldig gemacht hatten…!?

Düstere Ereignisse

Ja, ich stimme zu, Kommunismus ist eine schlimme Ideologie, und die PKI war eine ernste Bedrohung. Auch ich bin froh, dass es diese PKI-Gefahr hier nicht mehr gibt. In den sog. „Madiun-Ereignissen“ von 1948 sollen die Aufständischen unter der Führung von Muso etwa 4000 Menschen umgebracht haben, darunter viele Ulema und lokale (islamische) Religionsführer. Man versteht, dass die Erinnerung an diese Ereignisse noch nicht erloschen ist. Klar auch – ich habe es selbst erfahren und erlebt: die Lage 1965 war sehr ernst. Es gab das Gefühl „entweder wir oder die“. In der Luft lag der Geruch eines gewaltigen Bharatayudha (legendärer Bruderkrieg ). Das alles war der tiefere Grund, warum nach Beginn der Bewegung des 30.September 1965 eine friedliche Lösung nicht mehr möglich war, wie sie von Präsident Sukarno damals verlangt wurde – das war weit weg von dem, was im Volk damals glühte.

Wir wollen einmal zusammenrechnen: Die Opferzahl der Madiun-Ereignisse beläuft sich auf 4000 Menschen, die Zahl der Todesopfer zwischen 1948 und 1965, die auf das Konto der PKI gingen, kann man sich an den Fingern abzählen. Dann aber die Ereignisse von 1965: Zwischen 1965 bis 1966 wurden 500.000 Menschen ermordet, fast zwei Millionen Menschen wurden gefangen genommen (diese Zahl wurde von Sudomo genannt, dem obersten Chef, des KOPKAMTIB von 1978-1988 (Befriedungs- und Säuberungskommando). Hunderttausende wurden ohne Gerichtsbeschluss mehr als zehn Jahre gefangen gehalten – oft unter unmenschlichsten Bedingungen. Darin sind nicht enthalten die Zahl von etwa 10 Millionen Menschen, die sozial stigmatisiert, denen ihre Identität als Staatsbürger genommen, die entwürdigt und verteufelt wurden. Und jetzt sollen ausgerechnet die sich entschuldigen müssen? Wie  kann das denn?

Es ist auch notwendig, sich klar zu machen: Das Morden, in das die Bevölkerung verwickelt war – es waren meist Angehörige der Jugendorganisationen – geschah nicht nur in Ostjava, sondern auch in Bali, Flores, Nordsumatra und anderen Gegenden. Das bedeutet, das Morden war nicht allein Sache  bestimmter Gruppen oder Vereinigungen, sondern es ist klar, die Verantwortung für diese Untaten hatte das Militär. Es ist unmöglich, dass die Bevölkerung die Morde beging ohne die Hinweise und die Deckung durch das Militär.

Das dumme Geschwätz

Und jetzt erklärt man uns, dass dieses Morden im Umfang eines Genozids notwendig gewesen sei, „weil unser Staat nicht so geworden wäre, wie er jetzt ist, wenn diese Ereignisse damals nicht so geschehen seien.“  Natürlich, an dieser Aussage ist etwas richtig: Ohne die Bewegung 30. September (G-30S) wäre General Soeharto nicht Präsident Indonesiens geworden und das ganze System der Neuen Ordnung (Orde Baru) hätte es nicht gegeben. Aber zu sagen, dass das indonesische Volk nur gerettet werden konnte, nachdem es hunderttausende Bürger umgebracht und zehn Millionen ins Unglück gestürzt hatte, ist wirklich unsäglich. Ich schaudere. Wer muss noch alles umgebracht werden, damit das  indonesische Volk weitere Fortschritte machen kann?

Diese Aussage ist sicher auch großer Nonsens, ein dummes Geschwätz, dessen Grund aber leicht zu erraten ist. Dieses Geschwätz vermischt mit leichter Hand die drei Phasen der Post-G-30S Ereignisse.

Die erste Phase: Die Vernichtung der (kommunistischen) Truppenteile, die in die Entführungen und Morde  in Jakarta und Yogyakarta am 1. Oktober 1965 verwickelt waren.

Die zweite Phase: Die Morde in großem Umfang an Parteimitgliedern der PKI begannen drei Wochen später in Mitteljava, nachdem Sarwo Edhie Wibowo mit seiner RPKAD-Truppe vor Ort war.

Die dritte Phase begann, nachdem Soeharto am 11. März 1966 die Macht von Präsident Soekarno übernommen hatte. Danach passierten die Verhaftungen, die Gefangenschaft und die Vernichtung der Existenzen in großem Stil – es sei an die schmutzige Verleumdung der Frauen der GERWANI – Frauenorganisation erinnert. Das alles geschah in der Ära Soeharto.

Richtig ist, wenn nach dem 1.Oktober 1965 die PKI vom Militär aufgehoben worden wäre, alle Parteibüros der PKI geschlossen/besetzt (wie es ja de facto geschah) und auch alle der PKI affiliierten Organisationen verboten worden wären, wäre es mit der kommunistischen Bedrohung vorbei gewesen. Nicht einer hätte getötet werden müssen – vielleicht mit Ausnahme derer, die in die Aktion 30 September 1965 verwickelt waren, die entsprechend ihrer Rolle dabei hätten bestraft werden müssen.

Mit der Vermischung der oben skizzierten drei Phasen, sollen offensichtlich die Untaten der Phase zwei und drei vertuscht werden. Was wir gerade erleben ist ein Kapitel eines Pasar Malam-Theaterstücks (Nachtmarkt) – das aber gar nichts Lustiges mehr an sich hat. Wahrlich eine verrückte Zeit, ein verdrehtes Zeitalter, in dem die Opfer sich entschuldigen sollen, weil sie ein wenig Gerechtigkeit verlangen. Herr erbarme Dich unser aller!

(Übersetzung aus dem Indonesischen: Klaus Sturm)

Für die meisten jüngeren Indonesier ist „G30S/PKI“ ein Kapitel ihrer nationalen Geschichte, das ihnen nur sehr pauschal bekannt ist und über das man heute  öffentlich noch immer nicht gerne spricht, weil die Erinnerung an die damaligen Ereignisse noch immer bedrohlich nachwirkt. Bis zum Ende des Suharto-Regimes 1998 zog dieser Verdacht – im damaligen Indonesien mit dem unseligen Wort „terlibat“ („verwickelt“) verbunden – ganz offiziell soziale Abstrafung nach sich. Noch heute – 15 Jahre nach dem Sturz Suhartos – hat man Angst, mit der PKI oder dem Kommunismus in Verbindung gebracht zu werden.

Dazu eine kleine Geschichte aus dem persönlichen Umfeld, die verständlich macht, warum mich der Artikel von P.Magnis-Suseno so interessiert hat: Mein (indonesischer) Schwiegervater wollte 1996 unsere Familie in Deutschland besuchen und benötigte dafür einen Reisepass. Dieser wurde ihm von der zuständigen Behörde (Imigrasi) verweigert mit der Begründung, sein Name stände auf der Liste der „Terlibat-Personen“ der Stufe „C“. Wie das denn?

 Das ging so: Mein Schwiegervater arbeitete zwischen 1953/1954 (!) ein halbes Jahr im Büro der Hafenarbeiter von Lahewa auf der Insel Nias und wurde damals automatisch Mitglied der Gewerkschaft SOBSI, die in späteren Jahren stark von der PKI unterwandert war. Der Name auf der Mitgliederliste von 1953 reichte 40 Jahre später noch aus, um ihm sein Recht auf einen Reisepass zu nehmen! Mit Schmiergeld an den zuständigen Beamten wären Reisepass und Reiseerlaubnis natürlich zu bekommen gewesen. Das aber verbot ihm sein Stolz als indonesischer Staatsbürger.

Er ist 1997, ein Jahr danach gestorben, ohne seine Tochter und Enkel in Deutschland noch einmal besuchen zu können. Er hat leider auch nicht mehr das Ende der Suharto-Ära und das Ende dieser unseligen „terlibat-PKI“-Diskriminierung erlebt.  (Klaus Sturm)

Nb.  Wer sich intensiver mit dieser Zeit befassen möchte, dem sei das bewegende Buch  Pramoedya Anata Toer: „Stilles Lied eines Stummen“ – Aufzeichnungen aus Buru   empfohlen, erschienen im Horlemann-Verlag ,  Bad Honnef.

Nachtrag –  19.03.2014

„Don’t Make Sarwo Edhie a Hero!“

Da ist aus Indonesien zu hören und zu lesen: General Pramono, der Generalstabschef der Indonesischen Streitkräfte,  hat jüngst seinem Schwager Susilo Bambang Yudhoyono, Präsident der Republik Indonesien, vorgeschlagen, seinen Vater – den 1989 verstorbenen General Sarwo Edhie Wibowo zum Nationalhelden (Pahlawan Nasional) zu auszurufen.

Einmal abgesehen davon, dass es aus Termingründen wahrscheinlich nicht dazu kommen wird, zeigt dieses  Ansinnen , wie wenig  diesen Kreisen bewusst ist, dass ihre Familie aktiv und verantwortlich am Massenmord von 1965/66 beteiligt war, dass diese Morde zu den großen Verbrechen gegen die Menschlichkeit des 20. Jahrhunderts gehören.  Sarwo Eddhie war der verantwortliche Organisator der Morde von 1966 an Hunderttausenden Menschen in Jogyakarta, Surabaya und Bali.  

Eine beträchtliche Zahl der Täter lebt unbehelligt, prahlt mit den damaligen Untaten und lässt sich als Retter Indonesiens  feiern. (siehe den Gangster  Anwar Congo im Film „The Act of Killing“) Sarwo Edhie zum Nationalhelden zu machen, hieße die Opfer und ihre Kinder, Millionen indonesischer Bürger, im Namen Indonesiens zu verhöhnen. 

Soe Tjen Marching,  Tochter eines der Opfer von 1965/66 hat  2013 eine internationale Aktion gestartet, um zu verhindern, dass Sarwo Edhie zum Nationalhelden gemacht wird. Eine Unterschriftenaktion an den Präsidenten Indonesiens: „Don’t Make Sarwo Edhie a Hero!“   Der Aktion ist unbedingt ein Erfolg zu wünschen.

 

 

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