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GOTTES LETZTER DIENER

Wir leben in Zeiten, in denen sich im Vatikan in Rom erstaunliche Veränderungen vollzogen: Papst Benedikt XVI. hat nach neun Amtsjahren – laut eigenem Kommentar – „eine Bombe“ platzen lassen“  und sein Amt zu seinen Lebzeiten freiwillig  zu Verfügung gestellt. Ein Summus Pontifex Emeritus!?  Deus meus! Unerhört! Päpste hatten so etwas seit dem Jahre 1294 nicht mehr gemacht.

Ein neuer Papst aus  Argentinien, ein Jesuit, der sich sehr absichtlich den Namen Franziskus  zulegte und der Option für die Kirche der Armen oberste Priorität verordnete, sieht sich derzeit  der lange bekannten Problematik der Vatikanbank gegenüber. Haftbefehle der italienischen Staatsanwaltschaft gegen Amtsträger, Entlassungen und Neuanstellungen in der Bank, die den Vatikan erneut in die Schlagzeilen der Skandalpresse brachten. Damit soll nun endgültig Schluss sein…  Papst Franziskus will das stemmen. Aber  wird er es schaffen?

Der Roman: Gottes letzter Diener oder wie Papst Patrick das Ende der freien Welt herbeiführte                                                                         

Just in dieBildsen interessanten Zeiten fällt mir ein Buch in die Hände – ein Roman aus dem Jahr 1995, der für diese Thematik wie gerade geschrieben erschien. Der Titel „Gottes letzter Diener“  von Peter de Rosa.  Obwohl damals 1995 Papst Johannes Paul II. noch quicklebendig war,  inszeniert der Autor Peter de Rosa Ereignisse im Jahr 2009, nachdem der polnische Papst nach 31-jähriger Amtszeit gestorben war.   ( Info: Joh. Paul II.  ist de facto 2005 nach 27-jähriger Amtszeit verstorben. )

Das Roman-Konklave von 2009 tut sich schwer mit der Wahl eines Nachfolgers und macht aus Verlegenheit den völlig unbekannten irischen Kardinal Brian Aidan O’Flynn zum Papst,  bisher in der Kurie für Heiligsprechungsprozesse zuständig. Mit dem Namen Patrick wird zum ersten Mal in der Kirchengeschichte ein gebürtige Ire Papst. Ein Jahr später ist er tot, vergiftet durch den päpstlichen Leibarzt im Auftrag der CIA. Aber das Jahr seiner Amtszeit hat es in sich.

Die Welt von 2009 ist zunächst begeistert von dem netten irischen Kerl auf dem Papstthron, der immer von seinem Hund Charley begleitet wird und absolut unpäpstliche Hobbies pflegt: er repariert die Fahrräder des vatikanischen Personals. Aber dabei bleibt es nicht. Die Kirche soll sich so verhalten, wie es das Evangelium verlangt. Ganz einfach: Die Einkommen der Kardinäle werden den Gehältern der übrigen Vatikanangestellten angeglichen und Roms Kirchen müssen nachts für die Obdachlosen geöffnet bleiben. Papst Patrick glaubt, dass auch das Zölibatsgesetz der römischen Kirche unevangelisch ist und veranstaltet im Petersdom eine Massentrauung ehewilliger Priester und Bischöfe, was ihm neben großem Beifall auch den geharnischten Protest der Ostkirchen einbringt. Auch verkündet er, dass Frauen durchaus das Zeug hätten, um als Priesterinnen die Leitung der Gemeinden zu übernehmen. Auch das wird von der Weltöffentlichkeit mit großem Beifall aufgenommen, von einem großen Teil der amtierenden Bischöfe nur protestierend zur Kenntnis genommen.

„Splendor vitae“

Dann aber verfasst er die Enzyklika „Splendor vitae“, in der er Empfängnisverhütung beim Geschlechtsverkehr in jeder Form für unvereinbar mit dem von Gott gewollten Sinn der Geschlechtlichkeit erklärt.  „Mit wirklich aufrichtigem Bedauern sehe er sich gezwungen, Pius XII. zurechtzuweisen, den ersten Papst, der 1951 die Nutzung der unfruchtbaren Tage für den Geschlechtsverkehr gebilligt habe. Er habe der  unveränderlichen Lehre der Kirche widersprochen“ und Papst Patrick fühle sich verpflichtet, Pius XII. zum Ketzer zu erklären. Die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. hätten diesen Irrtum gedankenlos wiederholt, wenngleich er sie nicht auch noch exkommunizieren wollte. Die Welt war wie vor den Kopf gestoßen und begann an der geistigen Gesundheit des neuen Papstes zu zweifeln.

Die internationalen Irritationen verstärken sich noch, als Patrick beginnt,  sich mit der Welt der Finanzen zu beschäftigen. Nach einem Besuch der Vatikanbank IOR, befielt  er die unverzügliche Schließung des päpstlichen Geldinstituts. ( siehe Text Kap.41: Papst Patrick und die Vatikanbank) Nach einem hoch geheimen Treffen mit drei Kardinälen aus Lateinamerika, kommt Patrick zu der Überzeugung, dass der westliche Kapitalismus der Grund für die ungerechte Armut in der Welt sei, dessen zinsgestütztes Kreditgeschäft nichts anderes als gottloser Wucher sei, mit Gottes Gebot und der kirchlichen Lehre absolut unvereinbar .( siehe Text Kap.43 : Papst Patrick und die Schuldenkrise Lateinamerikas und Kap. 44 Papst Patrick und die Zinsen) In einer eindringlichen Rede  vor der Vollversammlung der UN nennt er die internationalen Banken Räuber und Barbaren: “Nehmt eure gierigen Hände aus den Taschen der Armen und eure Füße von ihrem Nacken!“  Die Zinslasten seien ein fortwährendes Unrecht an den Armen. Die Schuldnernationen hätten genug bezahlt und brauchten keine Zinsen mehr an ihre Gläubiger zu bezahlen.

Die Rede löst eine internationale Finanzkrise aus, und die amerikanische Regierung unter dem katholischen Präsidenten Delaney sieht sich gezwungen, die CIA mit der Eliminierung des Papstes zu beauftragen. Patrick übersteht die Mordattacke eines falschen Kapuziners, aber an dem heimtückischen Giftanschlag seines Leibarztes wird er später sterben.

„Mundi Holocaustum“

Von Todesahnungen geplagt, verfasst er die Enzyklika „Mundi Holocaustum“, in der er den Besitz und die Abschreckung mit atomaren Massenvernichtungswaffen für verbrecherisch und gottlos erklärt. Katholische Staatsoberhäupter seien exkommuniziert, wenn sie nicht sofort auf den atomaren Erstschlag verzichteten. Die Staatsbürger seien dann  ihrer Loyalitätspflicht diesen Regierungen gegenüber entbunden. Patrick beruft sich dabei auf  Entscheidungen seiner Vorgängerpäpste Gregor VII., Bonifaz VIII. und Pius V., die auch Kaiser und Könige abgesetzt hätten.

Die freie Welt ist  tief gespalten. Einige bejubeln den Papst als Friedensstifter und Heiligen. Die katholischen Staatsoberhäupter jedoch sind sich einig, die Enzyklika zu ignorieren: Der Papst mische sich in Dinge ein, von denen er nichts verstehe. Und der amerikanische Präsident Delaney wiederholt im Fernsehen sein Gelöbnis, ohne zu zögern, eine Milliarde Muslime abzuknallen, wenn es denn sein müsse.  Das Star-Wars-Programm stehe kurz vor seiner Vollendung.

Die islamische Welt ist alarmiert. Nur noch wenige Wochen, und das Star-Wars-Programm machen die USA endgültig unangreifbar. Das Gleichgewicht des Schreckens funktioniert nicht mehr.  Eine islamische Welt rückt in weite Ferne. Die Führer der FIR (Föderation Islamischer Republiken) unter ihrem Vorsitzenden Ayatollah Hourani entschließen sich angesichts der sich zuspitzenden internationalen Lage zu einem ungeheuren Coup: Um die Option einer islamischen Welt zu behalten, wollen sie auf Papst Patricks Abrüstungsinitiative eingehen und Washington  den einseitigen Verzicht auf Kernwaffen anbieten. Der geheime Plan enthält die Bereitschaft, ihr Leben als Märtyrer für den Islam zu opfern.  Zum Beweis der Ernsthaftigkeit ihrer Absichten reisen die Führer der FIR mit ihren gesamten Familien in die USA und übergeben den Koffer mit den Geheimcodes in amerikanische Hände. Sie selbst stellen sich als Gäste unter den Schutz Amerikas. Präsident Delaney ist nach anfänglichem Misstrauen überzeugt, Amerikas Politik der strategischen Übermacht habe gesiegt und die FIR habe davor kapituliert: Als Zeichen des guten Willens wird die ständige Luftalarmbereitschaft  der USA aufgehoben.

Genau in diesem Zeitraum starten die FIR-Raketen mit nuklearen Sprengköpfen von ihren Abschussrampen von Marokko bis Pakistan und beginnen praktisch ohne Widerstand die freie Welt auszulöschen. Papst Patrick war wenige Minuten zuvor in Rom gestorben. Soweit das fiktive Szenario des Romans.

Fazit 

Einmal abgesehen von der fesselnden Story dieses provozierenden Pontifikats und der wunderbaren Erzählkunst des Autors, ist das Buch eine profunde Auseinandersetzung mit den großen Themen christlicher Lehre und Geschichte. De Rosa steht  für intime Kenntnis sowohl römischer Gepflogenheiten als auch katholischer Theologie und Kirchengeschichte. Obwohl man ob der Skurrilität geschilderter Situationen immer wieder lachen muss – de Rosa ist ein Meister englisch-humorigen Understatements -, wird dem Leser immer mehr deutlich, dass es dem Autor nicht um lächerliche Pointen geht, sondern  um ein Grundproblem moralischer – speziell christlicher – Lebenshaltung:  Ist dem Gemeinwohl der Menschen am besten gedient, wenn man sich einfach gläubig auf Jesu Evangelium verlässt?

Vorbemerkung des Autors: “Papst Patrick ist nur Papst Patrick; für seine Ansichten ist er allein verantwortlich.“

Ein absolut tragisches Szenario:  Im Roman provoziert  der Glaube dieses sympathischen und grundanständigen Papstes Patrick das atomare Ende der westlichen Welt. Ob die es wegen ihrer Unchristlichkeit verdient hat? –  der Autor lässt eventuell mehrere Interpretationen zu.   Aber Fakt ist auch, dass das Ende dieser uns so kostbaren, freien Welt durch unbeirrbar gläubige islamische Überzeugungstäter herbei gebombt wird, die glauben, der Welt  ihrer Religion und dem Gott dieser Religion  einen historischen Dienst erwiesen zu haben. Die Welt von Al Quaeda  und Hisbollah lässt grüßen.

Leseempfehlung?

 Ja sicher –  für alle, die sich ein wenig in der Welt der römisch katholischen Kirche auskennen und nicht bei  jeder Weihrauchschwade einen ideologischen Hustenanfall bekommen. (KS)

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Peter de Rosa: Gottes letzter Diener   KNAUR-München 1998 –  ISBN 3-426-61463-4

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