Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“

Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“

Was für ein schönes Buch! Ich bin begeistert. Vielleicht muss man alt genug sein, ein bisschen dieser Zeit noch erlebt haben, um diese Erzählung so richtig mitempfinden zu können.  Wunderbar, dass dem inzwischen 82-jährigen Karl Heinz Bohrer noch so viel präzise Erinnerung an seine Kindheit und Jugend geblieben ist, in diesem Alter ein solches Buch zu schreiben. Auch wenn der Autor in seinem Postskriptum darauf hinweist, dass dieses Buch keine Autobiographie sei, sondern die „Phantasie einer Jugend“, so hat er sich doch einen Jungen ausgesucht, der diese Zeit zwischen 1932 – 1953 de facto erlebt haben muss. Bohrer, Jahrgang 1932, ist  ein Kölner Junge, dem die Liebe seines Vaters zu seiner Heimatstadt Köln irgendwie unerklärlich war, der aber selbst als Kind mit viel Gefühl an seiner katholischen Vaterstadt hing, den aber sein Lebensweg in ein ganz anderes Deutschland führte. Philipp Oehmeke vom SPIEGEL nennt diesen „Bohrer-Jungen“ den „Huckleberry Finn des Ruinendeutschlands“.  Das Ruinendeutschland erlebte der  „Bohrer-Junge“ allerdings nur dann, wenn er aus dem ländlichen, vom Krieg verschonten Internat im Schwarzwald seine Schulferien bei seinen Eltern in Köln verbrachte.

Der Charme dieses Buches liegt eben nicht so sehr in der phantastischen Dimension der Erzählung, sondern in der Schilderung konkreter Erfahrung dieser Zeit, auch wenn der „Bohrer-Junge“ die Gymnasialjahre in dem elitären Internat „Birklehof“ in Hinterzarten/Breitnau im Schwarzwald erlebte, einem Ort, der nicht unbedingt als der typische Erfahrungsbereich der deutschen Altersgenossen des Karl Heinz Bohrer gelten kann.  Wie man der Präsentation im Internet http://www.birklehof.de/  entnehmen kann, gibt es das Internatsgymnasium „Birklehof“ auch heute noch, und Karl Heinz Bohrer ist ein sicher hoch angesehener „Alumnus“ der „Altbirklehofer“. Der „Birklehof“ , eines der angesagten Zentren  der Reformpädagogik  im Nachkriegsdeutschland, eine Schwestergründung des bekannteren Internats „Salem“ am Bodensee, ist auch heute noch eine exklusive Privatadresse für Eltern, die für die Schule ihres Kindes monatlich etwa € 3.000,- zur Verfügung haben.

Die Vita des „Bohrer-Jungen“ ist aber ein Beispiel für eine Generation von Kindern, deren  Eltern sich damals im bürgerlich konservativen Ressentiment gegenüber Nazideutschland befanden und ihre Kinder der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus entziehen konnten. Der „Bohrer-Junge“ im Internat erlebt seine Jugend in einem Kokon von Schule, Literatur und klassischem Drama, aus dem er sich erst in späteren Jugendjahren befreien wird. Seine Passion für Literatur und Theater bringt ihn in Konflikt zu seinem Vater, der sich als promovierter Nationalökonom eine konkretere Karriere für seinen Sohn gewünscht hatte. Aber der „Bohrer-Junge“ bleibt der Passion für die Literatur treu. Seine Begegnung mit England und den Engländern bringt ihm die nötige Distanz zum bisher Erlebten in Deutschland. Aus dem „Bohrer-Jungen“ wird einer der renommiertesten Literaturkritiker Deutschlands, der in seinen „Granatsplittern“  dieses Mal nicht hochkarätig kritisiert, sondern einfach  einnehmend erzählt. Leseempfehlung: Natürlich – mit fünf Sternen!

Nb. Dank an meine Schwester Hildegard, die mir das Buch zu Weihnachten geschenkt hat.

Wer etwas mehr über den „Bohrer-Jungen“ wissen möchte, dem sei ein Interview mit Karl Heinz Bohrer aus der Süddeutschen Zeitung empfohlen: „Ich habe einen romantischen Blick“

Wenn Menschen nicht arbeiten und keine Genies sind, werden sie banal. Gegenüber diesem existentiellen Kummer habe ich die Universität als erhabene Existenz empfunden. Es gibt keinen stärkeren Schutz gegen die Banalität des Daseins als theoretisches Denken oder Dichten. Im Hörsaal Studenten zu erklären, was die Kunst an der Kunst ist, war und ist für mich ein Lebenselixier.“  Karl Heinz Bohrer

  KS

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter – Erzählung einer Jugend © Carl Hanser-Verlag- München 2012

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