MÖRDERISCHE IDENTITÄTEN

Mörderische Identitäten

maaloufIn den Zeiten der Charlie Hebdo-Attentate und I.S. , von Front National und Pegida fällt mir ein Büchlein des französisch-libanesischen Autors Amin Maalouf aus dem Jahre 1998 in die Hände mit dem provokanten Titel: „Mörderische Identitäten“. Auf dem Hintergrund des grausamen Jugoslawienkriegs (1991–1996) widmet er sich darin eindringlich der Frage:  Ist es ein Naturgesetz oder einfach geschichtliche Entwicklung, die die Menschen dazu verdammen, sich im Namen von Identitäten gegenseitig zu bekämpfen und umzubringen? Warum können Menschen verschiedener Herkunft, Religion oder Hautfarbe nicht miteinander leben? Was macht dieses Zusammenleben so gefährlich?

Amin Maalouf fühlt sich persönlich durch diese Frage herausgefordert.   Maalouf,  ein Autor prachtvoller historischer Romane, wie „Leo Africanus“ oder „Die Reisen des Herrn Baldassare“, oder „Die Häfen der Levante“, wurde 1949  im Libanon geboren als Sohn einer christlichen Araberfamilie, verließ 1976 im Alter von 27 Jahren den Libanon und lebt seither in Frankreich. Oft gefragt: „Halb Libanese, halb Franzose? Keineswegs!“, sagt er. „Identität lässt sich nicht aufteilen, weder halbieren, noch dritteln oder in Abschnitte zergliedern!  Ich besitze nicht mehrere Identitäten, ich  besitze nur eine einzige, bestehend aus all den Elementen, die sie geformt haben, in einer besonderen „Dosierung“, die von Mensch zu Mensch verschieden ist.“ Die wichtigsten dabei sind familiäre Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Kultur, Religion, Nationalität, persönliche Erfahrungen.

Maalouf besteht darauf, genau hinzusehen und sich klar zu machen, dass jeder von uns seine ganz persönliche Geschichte und Prägung hat. Und dass eigentlich keines dieser Elemente das Recht hat, mich als Mensch und Person ausschließlich in Besitz zu nehmen. Es kann aber zu tödlichen Loyalitätskonflikten kommen, wenn eines dieser Elemente dominante Ausschließlichkeit beansprucht, bzw. die anderen bestimmen, ob ich dazugehöre oder nicht. Extremstes Beispiel neben vielen Progromen und Exzessen der jüngeren europäischen Geschichte war die Rassenideologie der Nazis.

Europa erlebt in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Migration von Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika, die zum großen Teil aus muslimischen Ländern flüchten oder einzuwandern versuchen, um Bürger Europas zu werden. Migration ist kein Randproblem mehr. Laut Statistischem Bundesamt hat 2014 jede dritte Familie in Deutschland Migrationshintergrund. Einwanderung und  Integration war immer schon ein schwieriger Prozess, da die Migranten – häufig unreflektiert – ihre Lebens und Wertevorstellungen mitbringen, die mit den vorgefundenen europäischen Gewohnheiten und Überzeugungen kollidieren. Europa und speziell Deutschland tut sich schwer mit Einwanderung, da es sich bis vor wenigen Jahren ostentativ geweigert hat, Einwanderungsland zu sein –  und de facto bis dahin eher ein Auswanderungsland war.

Ein besonderes Problem bildet aktuell der Islam, der sich derzeit in seinem eigenen Kulturraum in Afrika und Asien in einer oft tödlichen Auseinandersetzung um den „wahren“, den „richtigen“ Islam befindet, die durch die technisch-zivilisatorische Übermacht des „Westens“ provoziert wird. Maalouf beschreibt im 2. Kapitel sehr anschaulich diese Krise des muslimischen Kulturraums. Die Konfliktlinien gehen auch durch viele Einwandererfamilien  Europas. Auf Grund sozialer und wirtschaftlicher Probleme verweigern viele Kinder und Enkel der Einwanderer inzwischen ostentativ die Identifikation mit ihrer neuen europäischen Heimat. Die Auseinandersetzungen in Frankreich zeigen,  dass nicht einmal die gemeinsame Sprache die Probleme mindern – die Migranten aus Nordafrika sprechen alle recht gut französisch – wobei die Beherrschung der Sprache des Gastlandes eigentlich eine der wichtigsten Brücken des guten Zusammenlebens ist.

Wie gut lässt sich Identität an der Nationalität festmachen? Was heißt denn: „Ich bin Franzose, ich bin Deutscher, ich bin Schweizer?“ Reicht ein Blick in den gültigen Pass oder Personalausweis? Zur Ein- oder Ausreise in ein Land schon, zu mehr aber auch nicht. Maalouf  plädiert eindringlich für ein neues europäisches Bewusstsein, das sich angesichts der Globalisierung an sein historisches Ringen um eine menschlichere Gesellschaft  erinnert, in der die alten überkommenen Identitätsforderungen – die alten Totems –  aus Familienclan, Religion und Nationalität ihren mörderischen Ausschließlichkeitsanspruch verloren haben. Europa nicht am Ende – sondern an einem neuen Anfang seiner wichtigen Geschichte für die Welt.

Unbedingte Leseempfehlung. Ich wünschte mir das 144 Seiten dicke Büchlein als „must-read- Lektüre“ für die   jungen Leute in unseren Schulen.

KS – Feb. 2015

ps. Ausdrückliche Empfehlung auch anderer Rezensionen: hier bei Amazon

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