Monthly Archives: April 2015

Apropos Günter Grass …

… ein Nachruf auf den Förderer des indonesischen Schriftstellers Pramoedya Ananta Toer.

Günter Grass ist tot. Die deutsche Literatur hat einen der wichtigsten Schriftsteller der Nachkriegszeit verloren.  Neben seinem fast unbestrittenen Rang als großer Erzähler und Künstler polarisierte der Literatur-Nobelpreisträger ein Leben lang die deutsche Öffentlichkeit durch seine Thesen und Statements zu aktuellen Themen deutscher Politik. Darüber kann man derzeit ausführlich in allen Feuilletons der deutschen Zeitungen lesen.

DownloadWeniger bekannt ist allerdings, dass sich Günter Grass auch  ein Leben lang für Schriftsteller aus der sog. „3. Welt“ eingesetzt  und nach Kräften unterstützt hat. Einer von diesen war der 2006 verstorbene indonesische Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer.  „Pram“, wie er von seinen Freunden genannt wurde, ist der bedeutendste Romanzier der jungen indonesischen Literatur, dessen Bücher in Indonesien bis zum Sturz Suhartos 1998 auf dem Index verbotener Bücher standen.  Durch wen Günter Grass auf ihn aufmerksam wurde, konnte ich nicht herausfinden. Sicher ist allerdings, dass er nach der Lektüre von Prams Büchern sich unermüdlich für den verfemten Erzähler engagiert hat. 1981 hat er den vom Suhartoregime unter Hausarrest gestellten Dichter ostentativ in Jakarta besucht und ihm als Zeichen der Verbundenheit eine Grafik von ihm  geschenkt, die seitdem eine Wand in Prams Haus zierte.

 „Seit vielen Jahren werbe ich für den Autor Pramoedya Ananta Toer“, so Günter Grass, „es sind vor allem seine Bücher, die uns das nach wie vor verschlossene Inselreich Indonesien und dessen wechselvolle Geschichte eröffnen; Bücher, die allen Widrigkeiten zum Trotz entstanden sind und die den Leser, wenn er nur will, reich machen können.“

Einmal abgesehen von seinem Engagement für einen von der politischen Klasse verfolgten Kollegen, was interessierte den deutschen Schriftsteller Grass so besonders an dem Autor Pramoedya Ananta Toer? Ich denke, beide sind engagierte Zeitzeugen eines zeitgeschichtlichen Umbruchs ihrer Gesellschaften. Günter Grass sagte, sein Thema sei der 2.Weltkrieg,  und was er aus Deutschland und seinen Menschen gemacht hat. Prams Thema ist das Ende der holländischen Kolonialherrschaft und das revolutionäre Schicksal des sich neu formierenden Nationalstaates Indonesien, das auch sein persönliches Schicksal war. Die Hälfte seines Lebens verbrachte er in Gefängnissen und Lagern. Dort entstanden auch seine wichtigsten Bücher. Einen kurzen Überblick über Prams Leben und Werk schenkt uns sehr anschaulich der – leider 2009 verstorbene – Autor

Rüdiger Siebert:

„Leseproben – Indonesiens Beitrag zur Weltliteratur –  Pramoedya Ananta Toer (1923 – 2006)“

 Wäre Pramoedya Ananta Toer noch am Leben, dann hätte es sicher auch einen dankenden Nachruf auf den Freund und Kollegen Günter Grass  in den indonesischen Medien gegeben, in denen ich eine Würdigung von Günter Grass bis dato vermisse.  Vielleicht sind es die Nachwehen der langen Suharto-Ära, in der Pram zu den totgeschwiegenen Autoren gehörte und einer ganzen Generation von jungen Indonesiern unbekannt war und ist, einer Zeit, in der  Indonesiens wichtigster Autor – um überleben zu können – auf das Engagement und die Unterstützung ausländischer Kollegen, wie Günter Grass angewiesen war. Ihm sei hiermit posthum ausdrücklich dafür gedankt.

 (KS)

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