Monthly Archives: Oktober 2015

INDONESIENS „KILLING SEASON“

Zum Datum des 30. September gibt es in Indonesiens Presse nicht viel von einem Ereignis zu lesen, das vor 50 Jahren in jenem Lande der Auftakt zu einem der größten Massaker des 20.Jahrhunderts war, und zu einem bis heute gültigen Politikwechsel führte, mit dem das Militär bis 1998 de facto die Macht übernahm.  Unter der Regie der indonesischen Armee unter dem Kommando General Suhartos wurden damals zwischen 500 000 und 1 Million Menschen umgebracht, Mitglieder oder Sympathisanten der Kommunistischen Partei PKI, denen vorgeworfen wurde, einen Staatsstreich inszeniert zu haben.

Was die wahren Hintergründe  und die entscheidenden Akteure dieses Dramas waren, ist bis heute nicht offiziell untersucht und aufgeklärt. „Es ist der am wenigsten überprüfte und am wenigsten bekannte politische Genozid des vergangenen Jahrhunderts.“ sagt der ehemalige australische Außenminister Gareth Evans. Entdeckungen in Chinas Archiven bringen neue Details ans Licht, die im folgenden Artikel der „Nikkei Asia Review“ vor einigen Tagen publiziert wurden.(KS)

Indonesiens „Killing Season“ –  auch nach 50 Jahren ein Rätsel

Von Hamish McDonald

Circa 1946: President Sukarno making a speech. (Photo by John Florea/The LIFE Picture Collection/Getty Images)

Sukarno bei einer Rede ca.1946                                                         © Getty Images

Es war eine Nacht, wie sie  in dem Film von 1982  „The Year of Living Dangerously“ zu sehen war –  genauso wie es ein unbekümmerter Präsident angekündigt hatte, der Präsident eines Landes, das sich in freiem ökonomischen Absturz befand. Lastwagen voll mit Soldaten rumpelten durch die spärlich erleuchteten Straßen von Jakarta. Sechs Armeegeneräle  wurden aus ihren Häusern verschleppt, drei davon getötet, weil sie sich wehrten und die anderen in einem Lager  einer Gummiplantage exekutiert.

Was danach passierte, ist allen wohlbekannt, die mit Südostasien etwas vertraut sind. Das indonesische Militär bezichtigte die Kommunistische Partei Indonesiens, PKI, für das Ereignis verantwortlich zu sein und begann mit einer Säuberungskampagne, der bis zu einer Million PKI-Unterstützer zum Opfer fielen. Suharto, ein überlebender Armeegeneral, riss die Macht an sich in einer Weise, die der Politikwissenschaftler Harold  Crouch einen „schleichenden Putsch“ nannte. Der entmachtete Unabhängigkeitsführer Sukarno überlebte und starb fünf Jahre später in Armut und unter Hausarrest.

Jetzt, 50 Jahre danach, bleiben Identität und Motive derer, die hinter der „30. September-Bewegung“ („G30S“ ist das indonesische Kürzel) zum größten Teil genauso undurchsichtig wie 1965. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf. War es anstelle des „PKI- Putschversuches“ eventuell eine simple Armee-Meuterei?    War es eine verdeckte Operation des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA oder Großbritanniens MI6? War es eine Falle von Leuten aus dem Umfeld Suhartos?

Dokumentarische Belege

Neuere Untersuchungen aus Peking liefern neue Erkenntnisse. 2008 öffnete das Chinesische Außenministerium  seine diplomatischen Archive der Jahre 1961 bis 1965. Taomo  Zhou, ein junger Wissenschaftler der Nanyang Technological University von Singapur untersuchte die Akten, bevor die Archive Mitte 2013 plötzlich wieder geschlossen wurden.

Zhou entdeckte ein Dokument, in dem folgende historische Detektiv-Story zu lesen war. Am 5. August 1965 ist der PKI-Generalsekretär Dipa Nusantara Aidit zu Besuch in Peking. Mit ihm eine kleine Parteidelegation, um sich mit dem Vorsitzenden Mao Zedong und anderen chinesischen Topleuten wie Zhou Enlai zu treffen.

Am Tag zuvor war Sukarno zusammengebrochen infolge eines Nierenversagens, das ihn später 1970 auch das Leben kosten sollte. Er wurde von einem Team chinesischer Ärzte aus Peking behandelt. Sie bekamen das Problem in den Griff und erklärten, dass keine akute Lebensgefahr mehr drohe. Tatsächlich hielt Sukarno zwei Wochen später seine weitschweifige Rede zum Unabhängigkeitstag am 17. August. Dabei signalisierte er auch, dass Jakarta im Chino-Sowjet-Streit sich auf die Seite Pekings schlagen würde, um der antiimperialistischen Achse Peking, Hanoi, Phnom Penh und Plönyang beizutreten. Auch kündigte er an, dass er Aidits Idee einer „Fünften Kraft“ von bewaffneten Arbeitern und Bauern unterstützen würde, um Militär und  Polizei widerstehen zu können.

Damals war Sukarnos lebensgefährliche Krankheit das beherrschende Thema  im Bewusstsein aller Parteien in Indonesien. Die PKI ließ  die Idee einer Revolution auf dem Lande nach chinesischem Muster fallen zugunsten der Beteiligung der Politiker in Jakarta,   und sie gewann an Boden bis zu dem Punkt, an dem sie sich als das sich entwickelnde Kraftzentrum darstellte, das Sukarnos Nachfolge übernehmen konnte, wenn er die Bühne verlassen sollte.

Aber die Ablehnung dieser Entwicklung in der indonesischen Armee war unübersehbar: Die Generäle erinnerten sich genau an den revolutionären Aufstand der PKI in Madiun 1948, als die gerade errichtete Indonesische Republik um die Befreiung von der Holländischen Kolonialherrschaft kämpfte. Jahrelang waren Armee-Offiziere auf die US amerikanischen Militärakademien für „Zivilangelegenheiten“ gegangen, um sich auf die Übernahme der Macht aus den Händen der zunehmend inkompetenten Politiker und Bürokraten vorzubereiten.

Nachdem Mao Zedong Zhou Enlai‘s  Bericht über Sukarnos Gesundheitszustand angehört hatte, kam er direkt zur Sache: “Ich denke, Indonesiens rechter Flügel ist entschlossen, die Macht zu übernehmen. Seid ihr auch entschlossen?“ fragte er Aidit.

„Wenn Sukarno stirbt, wird die Frage lauten, wer die Oberhand gewinnt“ erwiderte Aidit, bevor er zwei Szenarien erläuterte: Sowohl ein direkter Angriff auf die PKI als auch ein Bemühen der Militärs, Sukarnos politischen Balanceakt zwischen Nationalisten, Kommunisten und religiösen Parteien fortzusetzen, würde sich für die PKI als „schwierig“ erweisen.

Weiterlesen…. Indonesiens „Killing Season“

Originalversion: ©http://asia.nikkei.com/Viewpoints/Perspectives/Indonesia-s-killing-season-remains-a-mystery-50-years-on

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Die ewige Doppelmoral des Westens

2. Oktober 2015

Der tägliche Zustrom von Flüchtlingen aus Syrien, Irak und Nordafrika stellt Behörden, Städte und Gemeinden in Deutschland vor schwer zu bewältigende organisatorische Aufgaben. Einer aktuellen Umfrage zufolge haben 51% der Bundesbürger die Sorge, dass Deutschland mit dem Flüchtlingsproblem überfordert sei. Die Regierung erklärt die Grenze der Belastbarkeit sei bald erreicht. Einige Staaten  Europas verweigern ostentativ die Hilfe, zu der sie eigentlich vertraglich verpflichtet sind. Es zeigt sich, dass die viel zitierte „Wertegemeinschaft des Westens“ ein sehr dünnes Band zu sein scheint, wenn man mit den Ergebnissen einer blauäugigen Außenpolitik konfrontiert wird. Bevor das Flüchtlingsdrama begann, hielt man das Kriegselend der Menschen im Nahen Osten achselzuckend für  das Ergebnis orientalischer Verbrecherregime und islamistischer Terroristen, die ihre Länder zugrunde richteten.

Dass das Flüchtlingsdrama  aber das Ergebnis der katastrophalen Außenpolitik  des Westens unter der Führung der USA in den vergangenen 20 Jahren ist, scheint man einfach nicht wahrhaben zu wollen.  Auch wenn es derzeit für die Helfer in Städten und Gemeinden um ganz praktische Fragen geht, wie man den Flüchtlingen in Zelten und Turnhallen wintertaugliche Unterkunftsmöglichkeiten schaffen kann, muss die  Frage nach der politischen Verantwortung für das Drama gestellt werden. Informierte Leute, wie Michael Lüders, haben immer wieder auf die Zusammenhänge hingewiesen und vor den Folgen einer Außenpolitik gewarnt, die mit Demokratie und Menschenrechten auf den Fahnen eine naiv-brutale Interessenpolitik verfolgte. Hier ein Interview zu seinem neuen Buch „Wer Wind sät…“, das in der Zeitschrift Publik-Forum veröffentlicht wurde. (KS)

DIE EWIGE DOPPELMORAL

Der Westen hat in der arabischen Welt Wind gesät. Nun sieht er sich einem Sturm der Gewalt gegenüber. Wie es dazu kam und was daraus folgt, erklärt der Nahostexperte Michael Lüders in einem Interview mit der Zeitschrift Publik-Forum

lueders-interview-54Michael Lüders, geboren 1959, ist Politologe und Islamwissenschaftler. Er studierte zudem in Damaskus ara­bische Literatur. Danach promovierte er über das ägyptische Kino. Lüders hat alle arabischen Länder als Journalist bereist. Heute ist er als renommierter Fachberater für den Nahen Osten tätig, unter anderem für das Auswärti­ge Amt und die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Er kommentiert in deutschsprachigen Medien die Entwicklungen in der ara­bischen Welt. Zu unserem Gespräch kam der Wahlberliner mit dem Fahr­radhelm unter dem Arm; er radelt  ger­ne durch die Hauptstadt.

Publik-Forum: Sie behaupten, der Westen habe den islamis­tischen Terror gefordert. Das klingt ziemlich provokant…

 Michael Lüders: In vielerlei Hinsicht ist das aber so. West­liche Politiker haben wesentlich dazu beigetragen, den Islamismus zu befördern. Und wenn wir über den Staats­verfall in großen Teilen der arabischen Welt sprechen, müssen wir zugeben: Er ist in wesentlichen Teilen das Ergebnis westlicher Interventionspolitik.

Können Sie das belegen?

Lüders: Zwei konkrete Beispiele: Die Amerikaner haben gemeinsam mit den Saudis im Afghanistan der 1980er-Jahre die Mudschahedin, Glaubenskämpfer also, mit Waffen und Geld ausgestattet, als die gegen die dortigen sowjetischen Besatzer kämpften. Einer von denen, die davon profitierten, war Osama Bin Laden. Aus diesen Mudschahedin entwickelten sich dann nach dem Abzug der Sowjets 1989 in Afghanistan die Taliban bezie­hungsweise Al Qaida. Ähnliches gilt für den Werdegang des »Islamischen Staates«. Der IS entstand auf den Trümmern des nach dem Sturz von Saddam Hussein völlig zerstörten Irak.                 ,

Wie konnte das geschehen?

Lüders: Die Amerikaner hatten keinen Plan für ihre Be­satzungspolitik. Sie haben nach Gutsherrenart regiert, je­de Form gemäßigter Politik an den Rand gedrängt und sehr stark auf den konfessionellen Faktor gesetzt: Sunni­ten gegen Schiiten, Kurden gegen Araber. Und das Er­gebnis war, dass eine sunnitische Widerstandsbewegung entstand, aus deren Reihen dann schließlich der IS er­wuchs. Doch das hat eine Vorgeschichte: 13 Jahre lang war der Irak vor dem Sturz Saddams mit westlichen Sanktionen belegt. Medikamente, medizinische Geräte und Chlor zur Trinkwasseraufbereitung wurden nicht ins Land gelassen. Mehr als eine Million Iraker starben an den Folgen britischer und amerikanischer Sanktionen, davon die Hälfte Kinder. Diese vorsätzlich herbeigeführte Verelendung der iraki­schen Bevölkerung gehört zu den am wenigsten bekannten Verbrechen west­licher Politik nach dem Zweiten Welt­krieg. Sie ist eine der wesentlichen Ursa­chen für den Zusammenbruch zivilisatorischer Werte im Irak, auf den schließlich der IS folgte.

Das klingt, als ob an allem nur der Wes­ten schuld sei. Ist das nicht zu einfach?

Lüders: Natürlich ist westliche Politik nicht alleinschuldig. Dass es jetzt in der arabischen Welt brennt, hängt auch mit den korrupten Regimen dort zusam­men. Insbesondere mit ihrer Unfähig­keit, eine Politik zu gestalten, die über die Befriedigung von Klientelinteressen hinausgeht. Ich sehe aber ein großes Problem darin, dass amerikanische Poli­tik – insbesondere unter George • W. Bush – meinte, die arabische Welt demokratisieren zu können. Das hat de facto dazu beigetragen, sie zu zertrüm­mern. Der Westen argumentiert stets mit den Menschenrechten, aber die werden nur vorgeschoben. In Wirklich­keit geht es um wirtschaftliche und geopolitische Interessen. Saddam Hussein beispielsweise war ein furchtbarer Verbrecher. Aber er ist es auch deswegen geworden, weil die Amerikaner ihn zu­nächst massiv unterstützt haben, als er von 1980 bis 1988 Krieg gegen den Iran geführt hat – was im Interesse der USA lag. Diese Doppelmoral durchzieht die westliche Außenpolitik.

Weiterlesen …. Die ewige Doppelmoral

oder auch Michael Lüders  zuhören auf YouTube  Der Westen hat in der arabischen Welt Wind gesät…