Die ewige Doppelmoral des Westens

2. Oktober 2015

Der tägliche Zustrom von Flüchtlingen aus Syrien, Irak und Nordafrika stellt Behörden, Städte und Gemeinden in Deutschland vor schwer zu bewältigende organisatorische Aufgaben. Einer aktuellen Umfrage zufolge haben 51% der Bundesbürger die Sorge, dass Deutschland mit dem Flüchtlingsproblem überfordert sei. Die Regierung erklärt die Grenze der Belastbarkeit sei bald erreicht. Einige Staaten  Europas verweigern ostentativ die Hilfe, zu der sie eigentlich vertraglich verpflichtet sind. Es zeigt sich, dass die viel zitierte „Wertegemeinschaft des Westens“ ein sehr dünnes Band zu sein scheint, wenn man mit den Ergebnissen einer blauäugigen Außenpolitik konfrontiert wird. Bevor das Flüchtlingsdrama begann, hielt man das Kriegselend der Menschen im Nahen Osten achselzuckend für  das Ergebnis orientalischer Verbrecherregime und islamistischer Terroristen, die ihre Länder zugrunde richteten.

Dass das Flüchtlingsdrama  aber das Ergebnis der katastrophalen Außenpolitik  des Westens unter der Führung der USA in den vergangenen 20 Jahren ist, scheint man einfach nicht wahrhaben zu wollen.  Auch wenn es derzeit für die Helfer in Städten und Gemeinden um ganz praktische Fragen geht, wie man den Flüchtlingen in Zelten und Turnhallen wintertaugliche Unterkunftsmöglichkeiten schaffen kann, muss die  Frage nach der politischen Verantwortung für das Drama gestellt werden. Informierte Leute, wie Michael Lüders, haben immer wieder auf die Zusammenhänge hingewiesen und vor den Folgen einer Außenpolitik gewarnt, die mit Demokratie und Menschenrechten auf den Fahnen eine naiv-brutale Interessenpolitik verfolgte. Hier ein Interview zu seinem neuen Buch „Wer Wind sät…“, das in der Zeitschrift Publik-Forum veröffentlicht wurde. (KS)

DIE EWIGE DOPPELMORAL

Der Westen hat in der arabischen Welt Wind gesät. Nun sieht er sich einem Sturm der Gewalt gegenüber. Wie es dazu kam und was daraus folgt, erklärt der Nahostexperte Michael Lüders in einem Interview mit der Zeitschrift Publik-Forum

lueders-interview-54Michael Lüders, geboren 1959, ist Politologe und Islamwissenschaftler. Er studierte zudem in Damaskus ara­bische Literatur. Danach promovierte er über das ägyptische Kino. Lüders hat alle arabischen Länder als Journalist bereist. Heute ist er als renommierter Fachberater für den Nahen Osten tätig, unter anderem für das Auswärti­ge Amt und die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Er kommentiert in deutschsprachigen Medien die Entwicklungen in der ara­bischen Welt. Zu unserem Gespräch kam der Wahlberliner mit dem Fahr­radhelm unter dem Arm; er radelt  ger­ne durch die Hauptstadt.

Publik-Forum: Sie behaupten, der Westen habe den islamis­tischen Terror gefordert. Das klingt ziemlich provokant…

 Michael Lüders: In vielerlei Hinsicht ist das aber so. West­liche Politiker haben wesentlich dazu beigetragen, den Islamismus zu befördern. Und wenn wir über den Staats­verfall in großen Teilen der arabischen Welt sprechen, müssen wir zugeben: Er ist in wesentlichen Teilen das Ergebnis westlicher Interventionspolitik.

Können Sie das belegen?

Lüders: Zwei konkrete Beispiele: Die Amerikaner haben gemeinsam mit den Saudis im Afghanistan der 1980er-Jahre die Mudschahedin, Glaubenskämpfer also, mit Waffen und Geld ausgestattet, als die gegen die dortigen sowjetischen Besatzer kämpften. Einer von denen, die davon profitierten, war Osama Bin Laden. Aus diesen Mudschahedin entwickelten sich dann nach dem Abzug der Sowjets 1989 in Afghanistan die Taliban bezie­hungsweise Al Qaida. Ähnliches gilt für den Werdegang des »Islamischen Staates«. Der IS entstand auf den Trümmern des nach dem Sturz von Saddam Hussein völlig zerstörten Irak.                 ,

Wie konnte das geschehen?

Lüders: Die Amerikaner hatten keinen Plan für ihre Be­satzungspolitik. Sie haben nach Gutsherrenart regiert, je­de Form gemäßigter Politik an den Rand gedrängt und sehr stark auf den konfessionellen Faktor gesetzt: Sunni­ten gegen Schiiten, Kurden gegen Araber. Und das Er­gebnis war, dass eine sunnitische Widerstandsbewegung entstand, aus deren Reihen dann schließlich der IS er­wuchs. Doch das hat eine Vorgeschichte: 13 Jahre lang war der Irak vor dem Sturz Saddams mit westlichen Sanktionen belegt. Medikamente, medizinische Geräte und Chlor zur Trinkwasseraufbereitung wurden nicht ins Land gelassen. Mehr als eine Million Iraker starben an den Folgen britischer und amerikanischer Sanktionen, davon die Hälfte Kinder. Diese vorsätzlich herbeigeführte Verelendung der iraki­schen Bevölkerung gehört zu den am wenigsten bekannten Verbrechen west­licher Politik nach dem Zweiten Welt­krieg. Sie ist eine der wesentlichen Ursa­chen für den Zusammenbruch zivilisatorischer Werte im Irak, auf den schließlich der IS folgte.

Das klingt, als ob an allem nur der Wes­ten schuld sei. Ist das nicht zu einfach?

Lüders: Natürlich ist westliche Politik nicht alleinschuldig. Dass es jetzt in der arabischen Welt brennt, hängt auch mit den korrupten Regimen dort zusam­men. Insbesondere mit ihrer Unfähig­keit, eine Politik zu gestalten, die über die Befriedigung von Klientelinteressen hinausgeht. Ich sehe aber ein großes Problem darin, dass amerikanische Poli­tik – insbesondere unter George • W. Bush – meinte, die arabische Welt demokratisieren zu können. Das hat de facto dazu beigetragen, sie zu zertrüm­mern. Der Westen argumentiert stets mit den Menschenrechten, aber die werden nur vorgeschoben. In Wirklich­keit geht es um wirtschaftliche und geopolitische Interessen. Saddam Hussein beispielsweise war ein furchtbarer Verbrecher. Aber er ist es auch deswegen geworden, weil die Amerikaner ihn zu­nächst massiv unterstützt haben, als er von 1980 bis 1988 Krieg gegen den Iran geführt hat – was im Interesse der USA lag. Diese Doppelmoral durchzieht die westliche Außenpolitik.

Weiterlesen …. Die ewige Doppelmoral

oder auch Michael Lüders  zuhören auf YouTube  Der Westen hat in der arabischen Welt Wind gesät…

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