INDONESIENS „KILLING SEASON“

Zum Datum des 30. September gibt es in Indonesiens Presse nicht viel von einem Ereignis zu lesen, das vor 50 Jahren in jenem Lande der Auftakt zu einem der größten Massaker des 20.Jahrhunderts war, und zu einem bis heute gültigen Politikwechsel führte, mit dem das Militär bis 1998 de facto die Macht übernahm.  Unter der Regie der indonesischen Armee unter dem Kommando General Suhartos wurden damals zwischen 500 000 und 1 Million Menschen umgebracht, Mitglieder oder Sympathisanten der Kommunistischen Partei PKI, denen vorgeworfen wurde, einen Staatsstreich inszeniert zu haben.

Was die wahren Hintergründe  und die entscheidenden Akteure dieses Dramas waren, ist bis heute nicht offiziell untersucht und aufgeklärt. „Es ist der am wenigsten überprüfte und am wenigsten bekannte politische Genozid des vergangenen Jahrhunderts.“ sagt der ehemalige australische Außenminister Gareth Evans. Entdeckungen in Chinas Archiven bringen neue Details ans Licht, die im folgenden Artikel der „Nikkei Asia Review“ vor einigen Tagen publiziert wurden.(KS)

Indonesiens „Killing Season“ –  auch nach 50 Jahren ein Rätsel

Von Hamish McDonald

Circa 1946: President Sukarno making a speech. (Photo by John Florea/The LIFE Picture Collection/Getty Images)

Sukarno bei einer Rede ca.1946                                                         © Getty Images

Es war eine Nacht, wie sie  in dem Film von 1982  „The Year of Living Dangerously“ zu sehen war –  genauso wie es ein unbekümmerter Präsident angekündigt hatte, der Präsident eines Landes, das sich in freiem ökonomischen Absturz befand. Lastwagen voll mit Soldaten rumpelten durch die spärlich erleuchteten Straßen von Jakarta. Sechs Armeegeneräle  wurden aus ihren Häusern verschleppt, drei davon getötet, weil sie sich wehrten und die anderen in einem Lager  einer Gummiplantage exekutiert.

Was danach passierte, ist allen wohlbekannt, die mit Südostasien etwas vertraut sind. Das indonesische Militär bezichtigte die Kommunistische Partei Indonesiens, PKI, für das Ereignis verantwortlich zu sein und begann mit einer Säuberungskampagne, der bis zu einer Million PKI-Unterstützer zum Opfer fielen. Suharto, ein überlebender Armeegeneral, riss die Macht an sich in einer Weise, die der Politikwissenschaftler Harold  Crouch einen „schleichenden Putsch“ nannte. Der entmachtete Unabhängigkeitsführer Sukarno überlebte und starb fünf Jahre später in Armut und unter Hausarrest.

Jetzt, 50 Jahre danach, bleiben Identität und Motive derer, die hinter der „30. September-Bewegung“ („G30S“ ist das indonesische Kürzel) zum größten Teil genauso undurchsichtig wie 1965. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf. War es anstelle des „PKI- Putschversuches“ eventuell eine simple Armee-Meuterei?    War es eine verdeckte Operation des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA oder Großbritanniens MI6? War es eine Falle von Leuten aus dem Umfeld Suhartos?

Dokumentarische Belege

Neuere Untersuchungen aus Peking liefern neue Erkenntnisse. 2008 öffnete das Chinesische Außenministerium  seine diplomatischen Archive der Jahre 1961 bis 1965. Taomo  Zhou, ein junger Wissenschaftler der Nanyang Technological University von Singapur untersuchte die Akten, bevor die Archive Mitte 2013 plötzlich wieder geschlossen wurden.

Zhou entdeckte ein Dokument, in dem folgende historische Detektiv-Story zu lesen war. Am 5. August 1965 ist der PKI-Generalsekretär Dipa Nusantara Aidit zu Besuch in Peking. Mit ihm eine kleine Parteidelegation, um sich mit dem Vorsitzenden Mao Zedong und anderen chinesischen Topleuten wie Zhou Enlai zu treffen.

Am Tag zuvor war Sukarno zusammengebrochen infolge eines Nierenversagens, das ihn später 1970 auch das Leben kosten sollte. Er wurde von einem Team chinesischer Ärzte aus Peking behandelt. Sie bekamen das Problem in den Griff und erklärten, dass keine akute Lebensgefahr mehr drohe. Tatsächlich hielt Sukarno zwei Wochen später seine weitschweifige Rede zum Unabhängigkeitstag am 17. August. Dabei signalisierte er auch, dass Jakarta im Chino-Sowjet-Streit sich auf die Seite Pekings schlagen würde, um der antiimperialistischen Achse Peking, Hanoi, Phnom Penh und Plönyang beizutreten. Auch kündigte er an, dass er Aidits Idee einer „Fünften Kraft“ von bewaffneten Arbeitern und Bauern unterstützen würde, um Militär und  Polizei widerstehen zu können.

Damals war Sukarnos lebensgefährliche Krankheit das beherrschende Thema  im Bewusstsein aller Parteien in Indonesien. Die PKI ließ  die Idee einer Revolution auf dem Lande nach chinesischem Muster fallen zugunsten der Beteiligung der Politiker in Jakarta,   und sie gewann an Boden bis zu dem Punkt, an dem sie sich als das sich entwickelnde Kraftzentrum darstellte, das Sukarnos Nachfolge übernehmen konnte, wenn er die Bühne verlassen sollte.

Aber die Ablehnung dieser Entwicklung in der indonesischen Armee war unübersehbar: Die Generäle erinnerten sich genau an den revolutionären Aufstand der PKI in Madiun 1948, als die gerade errichtete Indonesische Republik um die Befreiung von der Holländischen Kolonialherrschaft kämpfte. Jahrelang waren Armee-Offiziere auf die US amerikanischen Militärakademien für „Zivilangelegenheiten“ gegangen, um sich auf die Übernahme der Macht aus den Händen der zunehmend inkompetenten Politiker und Bürokraten vorzubereiten.

Nachdem Mao Zedong Zhou Enlai‘s  Bericht über Sukarnos Gesundheitszustand angehört hatte, kam er direkt zur Sache: “Ich denke, Indonesiens rechter Flügel ist entschlossen, die Macht zu übernehmen. Seid ihr auch entschlossen?“ fragte er Aidit.

„Wenn Sukarno stirbt, wird die Frage lauten, wer die Oberhand gewinnt“ erwiderte Aidit, bevor er zwei Szenarien erläuterte: Sowohl ein direkter Angriff auf die PKI als auch ein Bemühen der Militärs, Sukarnos politischen Balanceakt zwischen Nationalisten, Kommunisten und religiösen Parteien fortzusetzen, würde sich für die PKI als „schwierig“ erweisen.

Weiterlesen…. Indonesiens „Killing Season“

Originalversion: ©http://asia.nikkei.com/Viewpoints/Perspectives/Indonesia-s-killing-season-remains-a-mystery-50-years-on

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