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DIE FATALE FASZINATION DES DSCHIHADISMUS

 „Die diabolische Logik dieser Mörder bedroht jeden, der ihren Hass nicht teilt“

Eine Woche ist vergangen seit dem Attentat in Paris, und  eigentlich hat unsere Aufmerksamkeit ganz den Opfern des barbarischen Massakers von Paris zu gelten, die auf so brutale Weise ums Leben kamen, sowie der Trauer der Angehörigen. Frankreich und ein solidarisches Europa trauert mit ihnen.

Aber bei dieser Katastrophe handelt es sich ja nicht um einen Vulkanausbruch oder einen Schiffsuntergang, dem die Menschen zum Opfer fielen, sondern um ein gezieltes Attentat  auf das Leben möglichst vieler Menschen in Paris, ausgeführt von jungen Männern aus Europa, die den eigenen Tod mit in Kauf genommen hatten. Selbstmordattentäter nennen wir sie und unsere Reaktionen ihnen gegenüber reichen von ungläubigem Kopfschütteln bis zu zorniger Vergeltungsbereitschaft ihren Auftraggebern gegenüber.

27542714,27553094,highRes,maxh,480,maxw,480,mc_3289A6000C8AC8A9_BWas aber geht in den Herzen und Köpfen dieser jungen Leute vor, das sie bereit macht, zu Massenmördern zu mutieren. Woher dieser tollwütige Hass auf Frankreich und ein Europa, in dem sie selbst aufwuchsen?  Ja, schon beim Attentat auf  „Charlie Hebdo“ richtete sich der Blick auf die Banlieues der französischen Großstädte und die Einwandererjugend der zweiten Generation aus dem Maghreb. Aber der Hinweis auf die trostlosen Problemviertel scheint nicht zu genügen.  Die machen aus jungen Leuten vor allem Sozialhilfeempfänger und  Kleinkriminelle.

Die jungen Attentäter begehen ihre Mordtaten  im Namen des Islam, im Namen Gottes, beauftragt und unterstützt durch eine quasistaatliche Organisation in Syrien und Irak, die sich IS (Islamischer Staat) nennt. Dort werden ihre Morde als Heldentaten gefeiert, und sie selbst als „sahid“, als Märtyrer verehrt.  Für uns umso unverständlicher, weil nach christlicher Tradition ein Märtyrer, ein Heiliger ist, der um seines Glaubens willen getötet wird,  der immer nur Opfer und niemals Täter sein kann. Übrigens auch für die große Mehrheit der Muslime sind die Attentäter von Paris keine „sahid“, keine Märtyrer.  Es ist also dringend geboten, sich neben allen soziologischen Untersuchungen vor allem mit den religiösen Vorstellungen vertraut zu machen, die man unter dem Begriff „Dschihadismus“ zusammenfassen kann, einer gewaltbereiten und gewaltverherrlichenden Richtung des Islamismus, der wohl leider weitere junge Leute für seinen barbarischen Anspruch in den Tod schicken wird.

Reinhard Schulze, Professor für Islamwissenschaften in Bern, hat in der FAZ, vom 16. November 2015 einen sehr aufschlussreichen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, dessen Text ich hiermit zugängig machen möchte. (KS)

Der IS wartet nur auf eine Kriegserklärung 

von REINHARD SCHULZE

Nach den Terrorakten fliegt Frankreich wieder Bombenangriffe auf Stellungen des IS in Syrien. Doch der sogenannte „Islamische Staat“ sieht seinen Kriegsschauplatz längst im Westen.

Die Massaker von Paris kann oder darf man eigentlich nicht verstehen. Zu groß ist das Entsetzen über die Kaltblütigkeit, mit der die Täter wahllos Menschen erschossen. Und doch gilt: Ohne ein Verstehen der Handlungsweisen dieser wohl mehrheitlich jugendlichen Mörder ist Prävention kaum möglich. Natürlich können polizeiliche Maßnahmen im Vorfeld dazu beitragen, potentieller Attentäter habhaft zu werden, doch werden sie allein kaum geeignet sein, den Sumpf trockenzulegen, der diese Menschen zu Massenmördern macht.

Eine Annäherung an die Vorstellungswelten der Attentäter führt zwangsläufig zunächst zum Islam, mit dem sie ihre Taten rechtfertigen. Die Mörder haben gezeigt, dass es für sie keine Unschuldigen gibt. Ganz nach dem alten Spruch „Der Unglauben bildet eine einzige Gemeinschaft“ wähnten sie sich in einer geschlossenen und feindlichen Welt der Götzendiener. Konzerthallen, Cafés, Sportveranstaltungen oder Märkte gelten ihnen als Orte dieser Götzendienerei, die zu zerstören allein schon Gottesdienst sei. Im Unterschied zu den Morden an den Mitarbeitern der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar verstehen die Täter ihre Morde nicht mehr als Rache an bestimmten Personen. Vielmehr galt ihre Tat der Gesamtheit der in ihren Augen gottlosen Gesellschaft. Sie mussten sich demnach nicht mehr die Mühe machen, bestimmte Mitglieder der Gesellschaft zu „Ungläubigen“ zu erklären. Diese Rechtfertigung (arabisch takfîr) war in früheren Jahren noch Voraussetzung für die Durchführung mancher Terroranschläge gewesen. Heute ist dieses Konzept in den Hintergrund getreten. Denn angegriffen wurden nun ja nicht Menschen, die als „Ungläubige“ stigmatisiert wurden, vielmehr galt der Behauptung, dass es eine einheitliche Welt des Unglaubens gebe, als gesetzt. In dieser Vorstellungswelt gehören Muslime, ganz gleich ob Schiiten oder Sunniten, ebenso der „Welt des Unglaubens“ an, sofern und solange sie sich nicht der Gemeinschaft der Attentäter anschließen.

Zugleich deutet der Tatvorgang darauf hin, dass die Mörder jedwede Fähigkeit zur Empathie verloren haben. Stattdessen haben sie ihr Ressentiment mit einer Tunnelrationalität begründet, die sie hochgefährlich macht, da sie den Täter selbst als Waffe definiert. Max Weber paraphrasierend kann festgestellt werden, dass auf dem Boden einer islamisch gedeuteten Erlösungsvorstellung das Ressentiment an Bedeutung gewonnen hat: Es ist die religiöse Sollvorschrift der negativ Privilegierten. Diese hatten sich in direkter Umkehrung alter islamischer Vorstellungswelten damit getröstet, dass die ungleiche Verteilung der irdischen Lose auf Sünde und Unrecht der positiv Privilegierten beruhe, also früher oder später die Rache Gottes herbeiführen müsse.

Gewalt als Kultpflicht

In Gestalt dieser Theodizee der „negativ Privilegierten“ dient dann der Moralismus als Mittel der Legitimierung bewussten oder unbewussten Rachedurstes. Besteht einmal eine solche „Vergeltungsreligiosität“, so kann gerade das „Leiden“ als solches, da es ja gewaltige Vergeltungs-hoffnungen mit sich führt, als etwas an sich Islamisches erscheinen. Das mag skurril klingen, passt aber zu der seit den späten Achtzigern propagierten Aussage, der Muslim lasse erst durch sein gottesdienstliches Tun den Islam in sich wahr werden. Dieses Tun könne sich allein im „Streiten auf dem Wege Gottes“ (Dschihâd) verwirklichen.

Wer den Gottesstreit aufgibt, so die diabolische Logik, zerstört den Islam in sich selbst – wie ja auch der Islam im Einzelnen selbst nur durch den Gottesstreit herbeigeführt werden kann. Gewalthandeln wäre demnach nicht nur Kultpflicht, sondern bedeute zugleich Katharsis und Erlösung, weil sie im Falle des Selbstmords die höchste und letztmalige Form der Existenzerfahrung bewirke. Diese existentialistisch anmutende Setzung reduziert die Seinsaussage auf den Begriff Islam. Islam erscheint hier als das Dasein in Wahrheit; der Einzelne ist demnach nur dann in Wahrheit existent, wenn er in sich den Islam durch den Kampf verwirklicht.

Natürlich deutet sich ein Jugendlicher, der für den „Islamischen Staat“ rekrutiert wird, sein Dasein nicht in diesen Begriffen. Für ihn beruht die Tunnelrationalität im Kern nur noch auf der Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Falsch ist die Welt, in der er sozialisiert wurde, richtig ist die Vorstellungswelt, die er als Islam begreift. Doch dieser Islam steht jenseits der modernen islamischen Ordnung, die noch immer darauf beruht, eine Unterscheidung von Religion und Gesellschaft anzuerkennen. Insofern ist der Islam der Akteure in einem Netzwerk des „Islamischen Staats“ ultrareligiös und zugleich Ausdruck eines Zerfalls der islamischen Öffentlichkeit, ja des Islams selbst. Diese Diagnose hat Navid Kermani in seiner Friedenspreisrede angesprochen: „Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang. Was uns jetzt um die Ohren und auf die Köpfe fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion.“

Weiterlesen: Apokalyptische Visionen

(c) http://www.faz.net/aktuell/politik/islamistischer-terror

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