Monthly Archives: Januar 2016

..beileibe keine Urlaubsschnäppchen!

P.J.Rourke – Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen

o'rourkeSchon der Buchtitel macht ja Laune und verrät etwas von dem Projekt, das offensichtlich nur mit einer ganzen Portion sarkastischen Humors zu bewältigen war. O’Rourkes  Reisen in elf Krisenregionen der Erde von 1984 bis 2005 waren wahrhaftig keine Urlaubsreisen – schon gar keine Urlaubsschnäppchen –,  sondern eher Dienstreisen eines engagierten Reporters, der es sich partout antun wollte, über den Zustand unserer Welt aus eigener Erfahrung zu berichten, besonders von dort, wo uns Normalurlaubern damals schon bei den Namen der Reiseziele die Lust am Reisen verging.

Oder wer von uns wäre schon gerne aus purer Reiselust 1984 in den Bürgerkriegs-Libanon, 1988 nach Nordirland oder in die palästinensische Intifada nach Israel, 1992 nach Bosnien oder 1997 nach Tirana usw. gereist? Orte des Schreckens, von denen man hoffte, dass sie möglichst bald keine Nachrichten mehr produzierten. Wir sind ja so gerne bereit zu glauben, dass ja alles schon irgendwie okay sei, wenn Radio und TV nichts mehr berichteten… O‘Rourke war trotzdem dort!

Dass es dem Autor vor Ort gelegentlich wie die Hölle vorgekommen sein mag, glaubt man gerne, wenn man seine Reportagen liest, mit der kleinen Einschränkung, dass es dann doch eher eine Form der Vorhölle gewesen sein muss, die ihm ja immer erlaubte, ihr wieder zu entkommen. Er besucht ja zumeist „Länder, in denen nichts funktioniert, aber alles irgendwie geregelt werden kann.“ Und das provoziert Pointen. Ein anderer Rezensent dieses Buches titelte: „ Man soll lieber einen Freund verlieren als eine gute Pointe“. Und die Pointen und geniale Formulierungen machen diese  Reiseberichte wirklich zum Lesevergnügen.

Kapitelüberschriften wie „Bummeltour durch den Libanon“, „Das Heilige Land – Gottes Affenhaus“ oder „Make Lunch, not War“  usw. verführen dazu zu glauben, man hätte es bei dem Autor eventuell mit einem literarischen Commedian zu tun – weit gefehlt.  Unter der Hand bekommt der Leser sehr viel detaillierte Information über Land und Leute.  Warum gehen sich Menschen einer bestimmten Region gegenseitig an die Gurgel, warum geht es einem Land so schlecht, wie es ihm eben geht? Sind die westlichen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Demokratie wirklich so universell hilfreich? Was hilft denn überhaupt einem armen Land wie Tansania?

O‘Rourke ist ein entschiedener Gegner staatlicher Programme,  und obwohl eigentlich überzeugter Vertreter des ökonomischen Laissez faire der “Chikago-boys“ Milton Friedmans, kommen ihm doch z.B. in Albanien recht sarkastische Gedanken zur menschlichen Freiheit beim Beschreiben des chaotischen Autoverkehrs von Tirana und dem Vertrauen der Menschen in die katastrophal gescheiterten Renditeversprechen albanischer Banken. Noch mehr Sarkasmus allerdings beim Autor, als er 2005 nach  Gouadeloupe in die Karibik reist, wo damals auch dort über  die Verfassung  der Europäischen Union abgestimmt wurde. „In Goudeloupe taten die Leute nicht viel – am allerwenigsten abstimmen….das Departement stimmte beim Referendum mit „Qui“, wenn auch nur mit einer Nichtstuer-Beteiligung von 22 Prozent….Der Flughafen war brechend voll, aber alle Duty-Free-Shops hatten geschlossen.“

…aber am Horizont geht es irgendwie weiter – warum und wohin, danach darf man unseren Autor vielleicht besser nicht fragen. Die Verhältnisse eignen sich nur schlecht für sichere Prognosen. Seine „Reiseerfahrungen in der Hölle“ jedoch, sind m.E. äußerst lesenswert  (KS)

Ps. Danke an meine belesene Schwester H. für das Buchgeschenk zu Weihnachten.

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DAS – gar nicht so – INDONESISCHE GEHEIMNIS

 

Hella S. Haasse:    Das indonesische Geheimnis

haasseUm es vorweg zu schicken: Das Buch war für mich so spannend, das ich es in fast einem Rutsch gelesen habe. Die Kritik ist sich einig: der holländischen Autorin ist mit dem 2002 publizierten Roman ein großer Wurf gelungen, der ihr in Holland den Publikumspreis 2003 einbrachte.  2015, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel: „Das indonesische Geheimnis“. Wahrscheinlich habe ich es diesem Titel zu verdanken, dass mein lieber Schwager Werner mir, dem „Indonesien-Nerd“ dieses Buch als Weihnachtsgeschenk aussuchte. Ein Dankeschön an ihn sei nicht vergessen.

Ausgerechnet aber am Titel sei ein wenig Kritik erlaubt. Nach der Lektüre des Buches stellt sich nämlich die Frage, was denn an der beschriebenen Geschichte ein „indonesisches“ Geheimnis gewesen sein soll? Was ist an dem wahrscheinlichen Verhältnis der Freundin Dee mit dem Ehemann der Protagonistin Herma Warner so besonders „indonesisch“, dass es den deutschen Titel rechtfertigte? Auf Niederländisch heißt der Roman: „Sleuteloog“, und nach Recherchen im Wörterbuch müsste man das mit „Schlüsselloch“ übersetzen. Man möge mich berichtigen, aber so die Übersetzung korrekt ist, erscheint mir auch der holländische Titel nicht ganz passend, denn es ist überhaupt keine „Schlüsselloch-Story“, im Gegenteil. Das Ende geliebter Illusionen braucht auch hier kein Schlüsselloch.

Selbst wenn einem etwa ab der Hälfte des Romans der Verdacht beschleicht, dass die attraktive Freundin Dee (Adele) eventuell auch privat mehr mit Hermas späteren Ehemann Taco zu tun hatte, als Herma es wahr haben wollte, so ist das Verhältnis der beiden Freundinnen und ihrer Familien  in „Nederlands Indie“ der zwanziger und dreißiger Jahre zwar der rote Faden der Geschichte, das große beschriebene Thema jedoch ist ein anderes: Es ist der provozierte Rückblick der Protagonistin Herma auf ihre Kindheit und Jugend als privilegierte Angehörige der niederländischen Kolonialgesellschaft jener Jahre.

Der Autorin Hella S. Haasse – selbst 1918 in Batavia (Jakarta) geborene Holländerin – gelingt es mit großer literarischer Kunst, Menschen und Welt des damaligen Niederländisch-Indien lebendig werden zu lassen. Frau Mijers, Onkel Louis, Tante Non, Hermas Eltern, sowie Hermas Freundin Dee und ihre Mutter Nadia – allesamt engagiert gezeichnete Personen und Schicksale dieses exotischen Milieus.  Für uns Heutige besonders aufschlussreich: die Beschreibung der subtilen diskriminierenden  Abgrenzungen im Verhältnis der Angehörigen der niederländischen Kolonialgesellschaft untereinander, der Spannungen zwischen den „reinblütigen“ europäischen Kolonialbeamten und der alteingesessenen Kolonialelite, die schon über Generationen hinweg von einheimischen – indonesischen Müttern abstammte. Man ahnt, dass es im neuen Staat Indonesien für alle, die ihren Status und Einfluss irgendwie an ihrer niederländisch-europäischen Herkunft festzumachen versuchten, keine Zukunft geben würde.

Zitat: „ Ich bin ein Produkt dieser letzten, schwer zu definierenden Periode Niederländisch-Indiens, den beiden Jahrzehnten zwischen den Kriegen: Einschneidende, stürmische Entwicklungen unter dem Deckmantel einer scheinbaren Ordnung, die entweder nicht bemerkt oder verstanden, beziehungsweise von der einheimischen wie auch der ansässigen europäischen Elite falsch eingeschätzt wurden. Das alte Niederländisch-Indien, in dem man auch als Holländer mit allen Vor- und Nachteilen Wurzeln schlagen konnte, war verschwunden, und für die „hierzulande Geborenen rein europäischer Herkunft“, wie es damals offiziell hieß, gab es keine Heimat mehr.“

„Das indonesische Geheimnis“  ist die eindringliche Erzählung der letzten Phase von „Nederlands-Indie“, bevor 1942 mit der Besetzung Indonesiens durch die Japaner der endgültige Countdown des holländischen Kolonialreichs eingeläutet wurde und sich unter seinem Führer Sukarno  ein neues Land mit dem Namen „Republik Indonesia“ in einem grausamen vierjährigen Kolonialkrieg seinen Platz unter den unabhängigen Staaten der Welt erkämpfte. Damit war aber nicht nur ein Kolonialreich untergegangen, sondern es war auch der traumatische Exodus von über dreihunderttausend Menschen aus einem Land, das für sie die eigentliche Heimat gewesen war.

Wer über diese rein dramatischen Fakten hinaus, etwas über Denken und Fühlen dieser Menschen erfahren möchte, dem sei dieser Roman aufs wärmste  empfohlen. (KS)

Ein sehr kundiges Gespräch über dieses Buch ist hier zu hören in ARD- Mediathek 2015 SWR2:

Ein Gespräch über H.Haasse: Das indonesische Geheimnis