Der Islam – an allem schuld – Fragezeichen ?

Der Islam-Irrtum von Michael Thumann

thumannVorneweg: Ein großartiges und ein dringend notwendiges Buch. Auch wenn man zunächst ein wenig über den Titel stutzt und vermuten könnte, wieder einmal hätte ein „Islamexperte“ versucht, uns zu helfen, den „wahren“ vom „falschen Islam“  zu unterscheiden. Aber schon der Untertitel hilft uns auf die richtige Spur: „Europas Angst vor der muslimischen Welt“.

 Dieser Angst, die derzeit in der westlichen Welt so bedrohliche Blüten treibt, möchte der Autor mit konkreten Reportagen aus eben dieser muslimischen Welt entgegentreten. Es geht ihm dabei nicht darum, irgendwelche Gefahren in und aus den Ländern des moslemischen Kulturkreises zu verharmlosen, sondern darum, die These, der Islam sei an allem schuld,  zu entmythologisieren. Deshalb auch das erste Kapitel: „Unsere Islam-Besessenheit“

Welche Rolle spielt die Religion konkret in den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens? Mit welchen Problemen sind die Länder dieser Region konfrontiert? Michael Thumann lebte als ZEIT-Korrespondent seit 2007 vor Ort in Istanbul und  veröffentlichte dieses Buch 2011 kurz nach den Ereignissen des sog. „Arabischen Frühlings“, in dem eine junge Generation sich gegen die alten korrupten Herrscher in ihren Ländern auflehnte. Das Buch  – heute in 2016 gelesen – berichtet noch nicht über die fatale Katastrophe, die sich mit dieser Auflehnung in Syrien anbahnte und auch noch nicht über die Entstehung des IS und seinen barbarischen Krieg gegen alle Parteien dieser Region.

Thumann berichtet von seinen investigativen Reisen in die Krisenregionen Kurdistans/Nordosttürkei, Nordiraks, Saudi-Arabiens, Ägyptens und des Libanon, berichtet von Gesprächen aus den Rückzugsquartieren der Muslimbrüder  in abgelegenen Wohnvierteln Kairos, mit Frauen aus den Glaspalästen in Riad, mit  islamischen „Neo-Fundamentalisten“ – so nennt er die jihadistische Fraktion der Islamisten – , mit CIA-Agenten und Hisbollah-Kämpfern, er erläutert die Bedeutung der neuen Medien und des Senders Al Jazira und die neuen ökonomischen Machtzentren am Persischen Golf. Besonders aufschlussreich für mich die Information über die Parteien und Kräfteverhältnisse in der Türkei, den Aufstieg und die Bedeutung der AKP, der Partei des Präsidenten Erdogan als Partei der anatolischen Aufsteiger als machtvolle Konkurrenz zu der alten laizistischen kemalistischen Beamten- und Militärelite der Türkei:  Die AKP als etwa so religiös wie  die CDU/CSU früherer Jahre in Deutschland.

Und hier also das Grundanliegen dieses Buches: Die im Westen überschätzte Rolle  des religiös fanatischen Islam in der Problematik dieser Länder. Nach der Analyse Thumanns sind ganz andere – uns sehr bekannte – Phänomene die eigentlichen Gefahren dieser Region auf ihrem Weg in die Moderne: Bevölkerungswachstum, Nationalismus, Kapitalismus, Diktatur und unterdrückte Minderheiten. Bei all diesen gewaltigen Kräften spielt der Islam als Religion keine entscheidende Rolle. Thumann lädt uns zu einem Gedankenexperiment ein und fragt dabei, ob auch nur eines der Probleme des Nahen Ostens gelöst wäre, wenn man sich den Islam aus der Problemlage wegdenken würde: Das Kurdenproblem, Israel und Palästina, Iran-Persien und Saudi Arabien, Ägypten und des Libanon?

Wenn ja, dann immer etwa in der Funktion, wie sie etwa Katholizismus und Protestantismus in den terroristischen Auseinandersetzungen in Nordirland früherer Jahre zwischen der IRA und England  gespielt hat. Es gilt also genau hinzuschauen, wenn die religiöse Karte in diesen Konflikten gezogen wird.

Man möchte allerdings den Autor fragen, ob das auch noch für ein Phänomen wie Al Quaeda und den IS zutrifft, oder etwa für den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak. Richtig und wichtig scheint der Hinweis, dass es sich auch da um den Machtanspruch der jeweiligen Clans  für diese Region handelt, denen die religiöse Motivation der Jihadis für ihren Machtkampf gerade nützlich ist. Die Länder der muslimischen Welt mit dem fanatischen Islam gleichzusetzen ist genauso falsch, wie die Jihadisten der muslimischen Welt weismachen möchten, die teuflische Kraft des Westens sei das Christentum Amerikas und Europas, das einen Kreuzzug gegen den Islam in aller Welt führen würde.

Auch wenn es ein fast verwegener Wunsch ist: Die Leute von Pegida, AfD und Co. möchten sich doch bitte die Lektüre dieses Buches gönnen, um zu erkennen, wie naiv und uninformiert ihre Parolen sind,  und sie genau in die Falle tappen, die ihnen die Propaganda der jihadistischen Desperados gestellt hat. Dringlich und bedeutsam wäre es aber, dass sich die verantwortlichen Politiker ein informierteres Bild vom Nahen und Mittleren Osten machen würden – dieses   Buch wäre sicherlich hilfreich. Videant Consules!

Danke an meine Schwester H., die mir dieses Buch zu lesen gab.(KS)

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