Der legendäre Weltreisende – ein Nachruf

Der Fluch der bösen Tat   von Peter Scholl-Latour

psl fluchEs war Scholl-Latours letztes Buch –  ein Buch, das voll grimmiger Sorge die jüngsten kriegerischen Katastrophen  vor allem  im Vorderen Orient beschreibt, in den ihn seine letzte Reise noch einmal führte, bevor  der Tod  ihn 2014 im Alter von 91 Jahren von der Weltbühne holte.

Nein, noch eine Besprechung brauchte dieses Buch eigentlich nicht. Allein bei Amazon sind bis dato 150 Rezensionen eingegangen. Aber seit seinem  Buch „Tod im Reisfeld“ (1980) bin ich ein begeisterter Leser seiner Bücher und fühle mich nun in der Pflicht,  wenigstens zu seinem letzten Buch ein paar Zeilen zu schreiben.  Die hat er sicher verdient, der legendäre Weltreisende, der uns an so vielem Erlebten durch seine Bücher teilnehmen ließ.

Die Veröffentlichung seiner Memoiren 2015 hat der Autor  unzähliger Artikel und Bücher nicht mehr erlebt. Aber oft hat er ja schon in Interviews über die prägenden Momente seines Lebens Auskunft erteilt: Seine deutsch-französische familiäre Herkunft, die ihn als Sohn einer jüdischen Mutter mit Nazi-Deutschland in Konflikt brachte, seine Schulzeit in einem gymnasialen Internat der Jesuiten in der Schweiz, seine Verhaftung durch die Gestapo auf seinem Weg zu Titos Partisanen, seine Teilnahme als Fremdenlegionär am Indochina-Krieg mit der Kapitulation der französischen Kolonialarmee in Dien Bien Phu, sein Studium der Arabistik bei den Jesuiten im Libanon, um nur die wichtigsten frühen Erfahrungen zu nennen. Und obwohl er ja im Laufe seines Lebens fast alle Länder der Welt bereiste, hatte er ein ganz besonderes Verhältnis zu Südostasien und den Ländern des moslemischen Kulturkreises, und hier wiederum besonders zum schiitischen Islam.

Der Abschied des „Weißen Mannes“  Europas als bestimmender „global Player“,  der Aufstieg Chinas zur kommenden Weltmacht   und  vor allem der Aufbruch des Islam in die Moderne, das waren die großen Themen, denen seine  leidenschaftliche Aufmerksamkeit galt.   Eindringlich warnte er von den Konsequenzen für das Establishment der sog. Westlichen Welt, das diese  Veränderung irgendwie bis heute nicht wahrhaben will. Seine scharfe Kritik galt den amerikanischen und europäischen Akteuren, die durch ihre naive Interessenpolitik die desaströse Katastrophe im heutigen Nahen und Mittleren Osten verursacht haben. Daher auch der Titel des Buches vom „Fluch der bösen Tat“ mit dem Untertitel: „Vom Scheitern des Westens im Orient“.

Dieses Urteil  fällte er nicht von seinem europäischen Schreibtisch aus, sondern war als journalistischer Zeitzeuge vielfach bei schicksalhaften politischen Veränderungen vor Ort.  So  die von ihm immer wieder besprochene Begegnung mit dem Ayatollah Khomeini, bei dessen Rückkehr nach Teheran und der Gründung der Islamischen Republik Iran. Ausführlich  und lebendig seine Beschäftigung mit der „neuen“ Türkei Erdogans und der „kurdischen  Zeitbombe“, dem unglücklichen Schicksal Syriens und dem Scheitern des sog. „arabischen Frühlings“ in Libyen, Ägypten und Syrien. Und immer wieder seine Kritik an den politischen Entscheidungsträgern des Westens, ihre Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse anderer Völker und ihre Unfähigkeit, sich in deren Lage zu versetzen und ihre Motive zu verstehen.

Daher auch seine bittere Kritik der westlichen Politik im Umgang mit dem Russland Putins im Ukrainekonflikt, dem das erste Kapitel in diesem Buch gewidmet ist. Ein kurzer Blick in die entscheidenden Phasen und Fakten der jüngeren Geschichte dieses Landes, hätte womöglich einen anderen Umgang mit dem Problem verlangt, als nur mit wirtschaftlichen Sanktionen  zu agieren.

Zum Besten in Scholl-Latours Büchern gehören seine historischen Exkurse zu den bereisten Ländern und Ereignissen, die uns erleben lassen, auf welch brisantem Terrain sich der Reisende gerade befindet und die Dimensionen der gegenwärtigen Konflikte klar macht. Was z.B. bedeutet für den normalen deutschen Radiohörer schon, wenn von einer Bombe in der Moschee von Kerbela mit Hunderten von Toten berichtet wird, wenn man nicht weiß, welche Bedeutung diese Moschee für den schiitischen Islam hat? Scholl-Latour ergriffe da z.B. die Gelegenheit, uns eindringlich über den alles überschattenden Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten aufzuklären, der seit über 1400 Jahren die beiden großen moslemischen Konfessionen unversöhnlich trennt.

Diese historischen Exkursionen sind nun genau der Vorwurf, der ihm von seinen Kritikern aus dem Lager der kulturhistorischen und religiösen Fachwelt gemacht wird: seine Betrachtungen seien oft zu oberflächlich und nicht faktengerecht. Auch gibt es Leser, die ihm genau diese Ausflüge in die Geschichte übelnehmen, weil ihnen das alles zu fremd und überflüssig erscheint. Wir interessierte Leser sind aber doch froh, dass man uns nicht wie  „den Reiter über dem Bodensee“ im Unklaren belässt, welche historischen Abgründe wir gerade überqueren.

Ja „de mortuis, nisi nil bene“, („Über die Toten, nichts als nur Gutes!“ ) hätte Scholl-Latour vielleicht selbst gesagt. Aber für jemanden, der so vieles wusste und erlebt hatte wie er, war  Eitelkeit und Kritikresistenz sicher eine Gefahr.  Auch störte des Öfteren doch, wenn er  in seinen Büchern seinen Interviewpartnern  Passagen lang die eigenen Analysen in den Mund legte – den eigenen Erzählduktus inklusive. Ob ihm, dem Vielschreibenden, das wirklich unbemerkt geblieben ist? Hatten seine Verlagslektoren so wenig Korrekturbefugnisse?

Wie auch immer – eine zweite Gruppe seiner Kritiker warfen ihm nicht ganz unberechtigt vor, Geschichte vor allem unter militärstrategischen Gesichtspunkten zu referieren. „Si vis pacem, para bellum!“  („Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor“)  – davon war PSL sicher überzeugt. Und hier geht es eben um ganz grundlegende Überzeugungen über das Verhalten von Staaten und Gesellschaften zueinander.  So sehr Scholl-Latour z.B. auch die Politik der USA kritisierte, so sehr respektierte er deren militärische Stärke und die Kampfkraft ihrer Soldaten. Er dehnte dieses Faible für Stärke auch auf Religion und Kultur aus. So betrachtete er z.B. als Katholik  das 2. Vatikanische Konzil  mit der Öffnung der katholischen Kirche aus der römisch-lateinischen Enge in eine multikulturelle Welt  als strategischen Fehler.

Aber die Weisheit und Lebenserfahrung alter Männer ist eine Sache, die Bedeutung und das Umgehen mit neuen Situationen und Möglichkeiten eine andere. Ich denke, Scholl-Latour ist das Lebensgefühl und die Hoffnungen der jungen Generation,  die globale technische Vernetzung der Welt mit ihren Möglichkeiten fremd geblieben.  Wer möchte ihm, dem fast Hundertjährigen das vorwerfen?  Vielleicht hätte Scholl-Latour den Kohelet der Bibel, den Prediger Salomos zitiert: „Eine Generation geht, die andere kommt… alles hat seine Zeit und Stunde!“  oder eben den bitteren Vers des Dichters Omar Khayyam, den er auf der letzten Seite seines Buches zitierte:

„Alle die Heiligen, die hochgeschätzt                                                                                                 philosophierten, sind des Todes Raub.                                                                                                     Auch ihre Stimme wird nicht mehr gehört,                                                                                           ihr Mund ist vollgestopft mit Sand und Staub.“

Sic!

(KS)

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