UNGLÄUBIGES STAUNEN

Bildbetrachtungen von und mit Navid Kermani

kermaniJemanden wie mich, der – ich gestehe es – leider noch kein Buch von Navid Kermani gelesen hatte, machte der Titel richtig neugierig: „Ungläubiges Staunen“.  Über was wird hier „ungläubig gestaunt“? Untertitel: Über das Christentum. (Sic!) Zweite Frage: Wer staunt denn hier ungläubig? Das ist nach eigenem Bekenntnis zunächst einmal der Autor selbst: Navid Kermani, ein in Köln lebender deutsch-iranischer Schriftsteller, der mir  in  den vergangenen Jahren durch engagierte Reden und  politische Stellungnahmen deutschlandweit bekannt wurde. Kermani ist Moslem, bekennender Schi’it der muslimischen Tradition seiner aus dem Iran stammenden Familie. Er hat Philosophie und Theaterwissenschaften studiert, in Orientalistik promoviert und staunt über –  das Christentum!

Zu 40 Begegnungen mit christlichem Leben und christlicher Kunst, vornehmlich bedeutenden religiösen Gemälden in Kirchen und Museen nimmt er uns Leser mit. Als schi’itischem Moslem sind ihm Bilder nicht so fremd, wie einem Gläubigen der sunnitischen Tradition. Trotzdem erzeugt er in einem kulturell christlich geprägten Leser „ungläubiges Staunen“ über so viel kenntnisreiche und einfühlsame Betrachtung christlicher Kunst. Wie viel Verständnis für die christliche  Bilderwelt von Opfern, Klage, Liebe und Wundern! Immer wieder blättert man bei der Lektüre zurück zu den Abbildungen, um selbst wahrzunehmen, was Kermani entdeckt hat. Ein begnadeter „Kunstführer“! Seine engagierte Begegnung mit den Bildern, die in ihm selbst die Bewunderung und das ungläubige Staunen über das Christentum auslösen, wird für „christliche“ und „postchristliche“ Leser eine äußerst aufschlussreiche „Religionsstunde“ über den eigenen Glauben, die eigene Religiosität und die Bedeutung der christlich-kulturellen Tradition, die bis dato noch – wie lange noch? – unser Bewusstsein und tägliches Leben bestimmt.

Es ist beileibe nicht das Buch eines zum Christentum konvertierenden Moslems: Jesus als 2. Göttliche Person, der dreifaltige Gott, Kreuzesmystik, Gottesmutter Maria, Messopfer, Kommunion sind christliche „basics“, mit der ein Moslem sich nicht abfinden kann. Für jemanden, der kaum über den Tellerrand seiner eigenen christlichen Tradition hinausgesehen hat, ist es aber zumindest aufschlussreich zu lesen, worum es in der frühen Auseinandersetzung zwischen Islam und römischen Reichschristentum ging und bis heute geht, aber er wird auch bekannt gemacht mit der innigen Verwandtschaft  von christlicher und muslimisch sufistischer Mystik, die zeigt, dass beide Religionen ihre eigentliche Basis in ihrer sehnsüchtigen Liebe zu dem einen Gott haben. (Man lese das Kapitel über den Hl. Franziskus von Asissi.)

Man wünschte in der gegenwärtig negativ so aufgeheizten öffentlichen Diskussion über den Islam und das „christliche Abendland“, diesen besänftigenden Gedanken eine größere Präsenz. Man wünschte sich, dass dieses Buch nicht nur „christliche“ oder „postchristliche“ Leser, sondern auch viele muslimische Leser finden möge, die über dieses Buch so viel Schönes und Wichtiges ihrer eigenen religiösen Tradition finden können, das sie ohne Vorbehalte auch in einer „christlich“-„postchristlichen“ Gesellschaft leben lässt. Insyallah – Volesse Dio!

Eine unbedingte Leseempfehlung und besonderen Dank an meine Schwester H., die mir – wie schon so oft – auf die literarisch wichtige Fährte geholfen hat.   (KS)

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