Monthly Archives: August 2016

MOHAMED – EINE ABRECHNUNG

Hamed Abdel-Samad:   Mohamed – Eine Abrechnung

Abdel-Samads persönliche Recherche zum religiösen „Über-Ich“ des Islam.

Dieses41EZc0UMoKL._AC_US160_ Buch, 2015 im Droemer-Verlag erschienen, hat eine gewaltige Resonanz im Leserpublikum erfahren,  von überschwänglichem Lob bis zu aggressiver Ablehnung im muslimischen Milieu. (siehe Diskussion bei Amazon)             Um es vorweg zu nehmen: Auch wenn man einige Exkurse des Autors (zB:  Mohamed und Maffia u.ä.) für entbehrlich hält, so ist das Buch hoch interessant und empfehlenswert für alle, die sich mit Mohamed und dem Koran noch nicht näher befasst haben. Eine Fundgrube an detaillierter Recherche zum Thema. Vieles wird verständlicher auch an der Situation des Islam in 2016. Kein wissenschaftliches Buch, sondern – wie der Untertitel sagt – „Eine Abrechnung“ des Autors mit dem „Über-Ich“ der Religion seiner Kindheit und Jugend.

„Als ich noch ein streng gläubiger Muslim war, dachte ich, ich wüsste alles über Mohamed, nur weil ich seine Biographie, den Koran und seine zahlreichen Hadithe – seine außerkoranischen Aussagen – gelesen hatte.“ Das schreibt der Autor in der Einführung zu diesem Buch. Und mit dieser Ansicht ist er einer von etwa einer Milliarde Muslimen, seien sie nun mehr oder weniger orthodox, für die aber alle  der Prophet Mohamed und der Koran in einer streng sanktionierten Sphäre unantastbar und nicht hinterfragbar akzeptiert sind.  Abdel-Samad beschreibt dann, wie er im Rahmen seines religionshistorischen Studiums in Deutschland immer mehr in eine kritische Distanz zum Koran und zu Mohamed sich gedrängt sah.

Ist es einem kritischen Verstand von 2015 vorstellbar, dass der Koran  die bis in jede Sure korrekt überlieferte Version eines Buches ist, das in seinem Urtext im Himmel Allahs niedergelegt sein soll? Ist der historische Mann Mohamed wirklich der heilige „beste aller Menschen“, das „Siegel der Propheten“ Gottes? Was weiß man über die Biografie Mohameds, die großen Teils einfach eine Hagiographie – die Legende eines Heiligen, der laut Abdel-Samads Resümee eben nun gar kein Heiliger ist, sondern der durch sein persönliches Schicksal geprägte, ethisch-humanistische Prediger von Mekka, im Laufe seiner kriegerischen Erfolge zum intoleranten Kriegsfürsten von Medina wird.  Wie steht es um die heilige Autorität eines Buches, auf dessen wortwörtliche Zitate sich auch die barbarischen Dschihadisten berufen dürfen, auch wenn der sog. moderate Islam ihnen das im Namen des „wahren Islam“ lautstark verbieten will?

Der Autor fordert eine durchgreifende Reform des Denkens, die nichts weniger ist, als das, was die europäische Aufklärung dem  Christentum Europas  zumutete. Muslime müssen wagen, den Propheten Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu befreien, den Koran aus seinem literargeschichtlichen Kontext zu verstehen und die sozial-politischen Vorstellungen in dem Jahrhundert zu belassen, wo sie hingehören – im 7. nachchristlichen Jahrhundert.

Dass das kein leichtes Unternehmen sein wird, zeigt die Reaktion ägyptischer Muftis, die den Autor wegen Beleidigung des Islam und des Propheten – sich auf die Autorität des Korans berufend – mit einer „Todes-Fatwah“ belegt haben und den Autor derzeit zwingen, sein Leben von deutscher Polizei rund um die Uhr beschützen zu lassen. Der Autor ist belesen genug, um zu wissen, dass ähnliches auch einem katholischen Apostaten des 18. Jahrhunderts geblüht hätte. Ob ihn dass trösten wird? Ich glaube kaum.  Aber großer Dank und Respekt an den Autor für das notwendige  Buch im 21. Jahrhundert. (KS)

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