Monthly Archives: Juni 2017

Besser kann eine Premiere einfach nicht sein

 

Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler begeistern samt Solisten ihr Publikum bei ihrem ersten Konzert unter dem Dirigat von Jeremy Hulin                                            Von Andreas Röchter

Eschweiler. Große Namen standen am Samstagabend auf dem Pro­gramm: Johannes Brahms und Ludwig van Beethoven. Literari­sche Verstärkung erhielt das Duo der musikalischen Genies durch keinen Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe. Und im Geiste waren auch Klavier-Virtuo­sin Clara Schumann und der Meis­terviolinist Joseph Joachim zuge­gen.

So stellten sich die spürbar er­wartungsvollen Gäste des Konzerts der Städtischen Musikgesellschaft in der vollbesetzten Aula des Städ­tischen Gymnasiums vor dem Er­klingen der ersten Melodie sicher­lich die Frage, ob sich Chor und Orchester unter dem Premieren-Dirigat des neuen Ensemble-Lei­ters Jeremy Hulin der anspruchs­vollen Aufgaben gewachsen zeigen würden?

Rund zwei Stunden später waren keinerlei Zweifel mehr vorhanden. Die Zuhörer, darunter auch der ehemalige Chor- und Orchesterlei­ter Horst Berretz, der die Geschicke der Gesellschaft drei Jahrzehnte maßgeblich prägte, erhoben sich von ihren Sitzplätzen und spende­ten frenetischen und dankbaren Applaus.

Diesen erhielten die Sängerin­nen und Sänger sowie die Instrumentalisten der Städtischen Mu­sikgesellschaft, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert, auch von ihrem neuen „Chef“ und einer professionellen Musikerin der Extraklasse: Die großartige Pia­nistin Tomoko Yoneyama begeis­terte zum krönenden Abschluss des Konzerts, das unter dem Titel „Eine Sommerserenade“ stand, mit einer meisterhaften Interpre­tation der „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester Op. 80″ von Ludwig van Beethoven und bildete dabei eine wunderschöne Sym­biose mit den Protagonisten der Musikgesellschaft.

 Beethoven und Brahms

Auch der Start in die neue Ära der Gemeinschaft war dem 1770 in Bonn geborenen Musikgiganten gewidmet: Ludwig van Beethoven, der in den Jahren 1811 und 1812 einen regen Gedankenaustausch mit dem von ihm hochverehrten Dichter Johann Wolfgang von Goethe unterhielt, vertonte we­nige Jahre später dessen Gedichte „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“ zu einer Kantate. Nach dem , schwermütigen, aber stimmlich  anspruchsvollen Beginn, der in  den Worten „Keine Luft von keiner l Seite! Todesstille fürchterlich!“ seinen Ausdruck findet, gelang es – Chor und Orchester unter dem  energischen Dirigat von Jeremy  Hulin eindrucksvoll, hymnisch den  Wind und die Wellen zu entfesseln und das rettende Land in Sicht­weite kommen zu lassen.

 

Inmitten der Klammer Beethoven setzte sich die Musikgesellschaft mit zwei sehr unterschiedlichen Werken von Johannes Brahms aus­einander. Die Sammlung kurzer Lieder, denen der Komponist unter dem Titel „Liebeslieder-Walzer Op. 52″ eine „lyrisch-schwelgerische“ Note gab, forderte von Sängern und Instrumentalisten höchste Konzentration und Genauigkeit. Die 17-jährige Sopranistin Jeanne Jansen setzte einen elektrisierenden Kontrapunkt mit ihrem gelungenen Solo.

Nach der Pause stellte sich das Orchester der Herausforderung einer „Beinahe-Symphonie“ von Brahms, der der Komponist und Pianist schließlich den Titel „Sere­nade Nr. l Op. 11″ gab, nachdem er eine frühere Fassung seinen Freunden Clara Schumann und Jo­seph Joachim im Jahr 1858 vorge­stellt hatte.

 Grandiose Leistung

Das Orchester der Musikgesell­schaft präsentierte den l. Satz Allegro molto und strebte melodiös und ausschweifend, aber dennoch feingliedrig, dem klanglichen Hö­hepunkt des Werkes entgegen. Ein Musikerlebnis der besonders ge­lungenen Art bescherten dann alle Konzert-Mitwirkenden ihren Zu­hörern mit der Wiedergabe von Beethovens „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester Op. 80″. „Wo­bei ich hoffe, dass wir im Hinblick auf die Erstaufführung im Jahr 1811 nicht allzu authentisch auf­treten werden“, bemerkte Jeremy Hulin schmunzelnd.

Schließlich wird die damalige Ausführung als schlecht bezeichnet. Selbst Beethoven, der bei dieser Gelegenheit letztmals öffentlich als Pianist auftrat, hatte wohl nicht den besten Tag innerhalb seines unvergleichlichen Lebenswerkes erwischt. Das Chaos während der Chor-Fantasie soll irgendwann so­gar so groß gewesen sein, dass die Beteiligten den Entschluss fassten, abzubrechen und von vorne zu beginnen.

Da Capo zum Finale

Davon konnte am Samstag in der Aula des Städtischen Gymna­siums allerdings keine Rede sein. Obwohl Tomoko Yoneyama ge­meinsam mit Chor und Orchester den beinahe ekstatischen Schluss­teil der Komposition ebenfalls ein zweites Mal darbrachten. Aber nicht wegen vorherigem Chaos, sondern auf Grund des stürmi­schen Beifalls, den die grandiose Leistung aller Mitwirkenden voll­kommen zu Recht herausgefordert hatte. (AR)

Sie sorgten für ein Musikerlebnis, das so schnell niemand vergisst       ______________________________________________________________________

Die Mitwirkenden des Konzerts:

 Gesamtleitung: Jeremy Hulin

Kla­vier: Tomoko Yoneyama.

 Chor: Sopran: Hildegard Breuer, Claudia Förster, Elke Frohmann, Ursula Helmling, Jeanne Jansen, Maria Johnen, Ute Kowalewski, Edeltraud Müller, Käthe Müller, Stepha­nie Sievers, Doris Sommer;

Alt: Birgit Breckheimer, Stephanie Fell, Sabine Härtung, Ingrid Hilgers-Szemeit, Ga­briela Jansen, Rosemarie Keuthen, Ursula Manthey, Christa Michaizyk, Renate Schwartz, Cornelia Schwarz-Misere, Ursula Weyand;

Tenor: Fried­rich Friedhoff, Georg Lingemann, Markus Paulmann, Johannes Rohrer, Nikolaus Sturm;

Bass: Peter Adrian, Helmut Dolfen, Josef Holtmann-Spötter, Arno Johnen, Andreas Laurs, Johannes Mülfahrt, Lothar Szemeit, Franz Wolters, Wolfgang Zemler, Jür­gen Kozel.

Orchester: Erste Violine: Konzert­meisterin Brigitte Petrovitsch, Astrid Latz, Etelka Nagy, Lisa Plecikova, Vera Wunsch;

Zweite Violine: Roswi-tha Kühnen, Kathrin Lingemann, Yumiko Matsuyama, Ellen Nowack, Mi­chaela Schieren;

Viola: Katharina Lindemann-Docter, Helmut Löwe, Xa­ver Schiffeis;

Violincello: Ingrid Walz, Paula Becker, Helmut Erbstößer, Charlotte Lehmbruck, Wolfram Simonsen;

Kontrabass: Georg Klinkenberg, Klaus Schruff;

Flöte: Anna Boese, Agnes Acs;

Oboe: Christoph Linge­mann, Yvonne Schabarum;

Klari­nette: Jochen Förster, Stephan Wistop;

Fagott: Severin Graff, Katharina Zey;

Hörner: Ulrich Michels, Gereon Graff, Thomas Graff, Simon Bauer;

Trompete: Jonas Nobis, Didier Dhont;

Pauke, Schlagwerk: Martin Graff.

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(c) Eschweiler Nachrichten – 8. Mai 2017

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Die ausgebliebene „Friedensdividende“ und andere bittere Erkenntnisse

Heribert Münkler: DIE NEUEN KRIEGE

1990: Welch überschwängliche Hoffnungen hatte sich  die westliche Welt mit der Auflösung des Warschauer Paktes gemacht: Die Supermächte USA und Russlands Sowjetunion hatten sich geeinigt. Der eiserne Vorhang war obsolet. Ende der gegenseitigen nuklearen Bedrohung. Ende des monströsen Aufrüstens, Ende der ruinösen Rüstungsausgaben. Der große Weltkrieg war nicht mehr auf der Agenda.  Kriege schienen nicht mehr realistisch. Vom „Ende der Geschichte“ war die Rede. (F. Fukuyama)

Das war natürlich reichlich blauäugig, aber typisch für die eurozentristische Betrachtung der Welt. Dass zum gleichen Zeitpunkt  auf dem Balkan, im Vorderen Orient und in Afrika  sich katastrophale Auseinander-setzungen ankündigten bzw. Kriege schon blutiger Alltag waren, das wollte man in der neuen Friedensseligkeit nicht wirklich wahrhaben.

Inzwischen ist die Welt weiter denn je davon entfernt,  ein Ort des Friedens zu sein, von  einer damals erhofften „Friedensdividende“ ganz zu schweigen. 50 Millionen Flüchtlinge auf der Welt sind das traurige Ergebnis der neuen Kriege. Dass für die internationale Waffenindustrie ein Friede keine erfreuliche Alternative sei, hätte man allerdings schon damals wissen können. Dass es allerdings der Politik des Westens unter der Führung der USA gelungen ist, die alte Gegnerschaft mit Russland neu zu provozieren, das ist ein politischer Skandal, auch wenn man derzeit sehr bemüht ist, militärisch nicht direkt aneinander zu geraten. Der klassische Staatenkrieg scheint ein historisches Auslaufmodell zu sein. Große Kriege scheinen keine erfolgreichen Siege mehr zu versprechen.

Was ist an ihre Stelle getreten? Was ist charakteristisch für diese neuen Kriege? Heribert Münkler hat sich umgesehen und sein Buch fasst zusammen, was man heute dazu sagen kann und wissen sollte.

„Anstelle der Staaten und ihrer Streitkräfte als kriegführende Parteien treten immer häufiger parastaatliche, teilweise sogar private Akteure -von lokalen Warlords und Guerillagruppen über weltweit operierende Söldnerfirmen bis zu internationalen Terrornetzwerken -, für die der Krieg zu einem dauerhaften Betätigungsfeld geworden ist.  Nicht alle, aber doch viele von ihnen sind Kriegsunternehmer, die den Krieg auf eigene Rechnung führen und sich die benötigten Einnahmen auf unterschiedliche Art und Weise verschaffen.“ (S.7)

Der Krieg als Geschäft, dessen Ende gar nicht wünschenswert erscheint. Will man diese Kriege verstehen, so muss man ihre wirtschaftlichen Grundlagen in den Blick nehmen. Ohne Rentabilität der Gewalt keine Privatisierung des Krieges.

Im Hinblick auf die religiösen – aktuell die islamistischen – Aspekte der Auseinandersetzungen ist Münklers Verweis und Analyse  auf  die Konstellationen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) äußerst aufschlussreich.

Die damalige Gemengelage weist viele Parallelen zur heutigen Situation auf und erklärt, warum man nicht auf ein schnelles Ende dieser neuen Kriege hoffen sollte. Religiöse Motive spielten übrigens auch damals nicht die Rolle, die ihnen pauschal gerne unterstellt wird.

Sehr aufschlussreich Münklers Beschäftigung mit Themen wie „Kindersoldaten“ , „Massenvergewaltigungen von Frauen“ als taktisches Mittel zur sog. ethnischen Säuberung, „Verwüstung von Landschaften“, „Flüchtlingscamps als Versorgungs-Ressource“, „Terrorismus als Kommunikationswaffe“.

Man versteht, warum auch eine militärische Supermacht wie die USA mit all ihrer Hightech-Bewaffnung so hilflos erscheint im Hinblick auf die neuen Formen der „asymmetrischen Kriege“. Die Instrumentalisierung kultureller und religiöser Feindschaften für eigene Interessen haben eine desaströse Situation im Nahen Osten entstehen lassen, deren Lösung  überhaupt nicht absehbar erscheint.

Auch wenn uns Münkler keine  zu großen Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft machen kann, sein Buch ist überaus lesenswert und ein „must read“ für alle, die sich zu diesem Thema äußern wollen. Fünf Sterne.     (KS 30-05-2017)