Monthly Archives: Oktober 2017

Erlebtes Indonesien – von 1964 bis 2014

Annette Bräker und Horst H. Geerken

Indonesien – Gestern und Heute      

„Reiseberichte der anderen Art“, heißt der Untertitel  von 12 Reisen im Laufe von 50 Jahren durch den indonesischen Archipel. Von Sumatra bis Papua-Neuguinea, nach Sulawesi ,nach Sumba und Kalimantan, bedeutende Ziele im Reich der 13000 Inseln, die aber von ganz wenigen Indonesienreisenden  besucht werden. Auch für Annette Bräker und Horst Geerken, die beiden Autoren des Buches, waren es außergewöhnliche Reiseziele. Ihre besondere Liebe und Aufmerksamkeit jedoch gilt den Inseln Java und Bali, mit denen sich auch die meisten Erinnerungen verknüpfen. Besonders aber an Bali, der Insel, die den beiden in den vergangenen Jahren wie eine zweite Heimat wurde.

Der Reiz des Buches liegt zum einen in dem großen Zeitbogen von 50 Jahren, aus dem diese authentischen Reiseerzählungen stammen, und  die zugleich fast dokumentarisch  über das sich so schnell verändernde  Indonesien berichten:  Siehe den Titel des Buches: Indonesien, Gestern und heute. Zum andern profitiert das Buch von den langjährigen persönlichen Begegnungen und Freundschaften mit indonesischen Freunden, der detaillierten Kenntnis von Sitte, Religion und Kultur dieses exotischen Landes. Der größte Teil der Reiseerinnerungen stammt aus Annettes Feder, die durch Horst Geerkens Schilderungen und Fotos komplettiert werden.

Was wäre aber das alles ohne die interessanten privaten Stories, die der Leser mit bekommt! Vom Flugbetrieb und Fluggästen vor 40  Jahren, vom Besuch  an Sukarnos Grab und seinem Arbeitszimmer im  Tugu-Hotel in Blitar,  von guten und schlechten  Hotels in Java, von Annettes Toilettenproblemen 1987 an den Bushaltestationen in Sumatra, vom Treffen mit alten Freunden, aber auch von lästigen und unerfreulichen Mitreisenden, von lebensgefährlichen Abenteuern 2001 in Kalimantan, vom Urlaubsdomizil bei den Redemptoristenpatres in Sumba, von einer Seereise als 1.Klasse-Passagiere auf einem PELNI-Schiff von Bali bis Jayapura, vom Schacher um gefälschte Bilder von Walter Spieß in Bali, von der er geliebten Ferienwohnung in Ubud, sowie  den Freuden und Kummer der Hausangestellten, vom Hausfrosch in der Urlaubsvilla, der nicht mehr quaken wollte, von Horsts Problemen mit Miet-Autos auf Bali oder von Annettes Salsa-Tanzleidenschaft, der sie in den beiden letzten Jahren ihres Lebens nicht mehr richtig frönen konnte, als auch ihrem tapferen Leben mit ihrer tödlichen Krankheit auch im geliebten Ambiente Balis.

Ironisch bis sarkastisch Annettes Reserve gegenüber dem zunehmenden Boom von  Touristen , der Bali zu überrennen droht und an Balis Kultur und Religion keinen Deut interessiert  scheint, an amerikanischen und australischen Heilern und Gurus, die in Bali eine ertragreiche Nachfolgeadresse für Bhagwans  heimatlos gewordene Nachkommen aus Poona entdeckt haben, und mit ihren Festivals und Kursen heilsuchenden Schülern das letzte Geld aus der Tasche ziehen.

Gerade in ihren letzten Urlaubsmonaten2014  in Bali beschreibt sie – ungeachtet ihrer persönlichen Krankheit – die Sorge um die Zukunft ihres geliebten Bali, ob die Insel im Erfolg des Tourismus und der javanischen Geschäftsleute, der zunehmenden Islamisierung Indonesiens,  ihren Charme und ihre Seele behalten kann. Fast nebenbei – ohne dozierende Attitüde –  lässt Annette in die Erzählungen aus ihrem balinesischen Alltag – aus dem „Nähkästchen“ ihrer Profession als vergleichende Religionswissenschaftlerin –  höchst informative Anmerkungen über Religion und Kultur Balis einfließen, die zeigen, wie eng sie sich diesem Kulturkreis verbunden fühlte. Wie wir aus dem Nachwort von Horst Geerken erfahren, wurde – Annettes Wunsch entsprechend – nach ihrem Tod 2015 ihre Asche nach Bali verbracht und im heiligen Fluss  Campuhan in der Nähe von Tampaksiring verstreut.

Wem ist die Lektüre zu empfehlen? Sicherlich allen Lesern, die Indonesien aus einer unmittelbar persönlichen Erfahrung erleben wollen, die zugleich ein Dokument einer großen Liebe und Zuneigung zu diesem Land, aber auch eine berührende Liebesgeschichte der beiden Autoren zu einander ist.

Für jemanden  wie mich, der Indonesien seit 1968 kennt, war das Buch natürlich eine unwiderstehliche Einladung zum Lesen, nachdem mir kurz davor Horst Geerkens „Ruf des Gecko“ wieder in die Finger gekommen war. Ich habe „Indonesien – Gestern und Heute“ in einem Rutsch gelesen. Ein posthumes herzliches „Terima kasih!“ an die leider 2015 schon verstorbene Annette Bräker, die uns Leser literarisch so nah an ihren Reisen und indonesischen Erfahrungen teilhaben ließ. Dank aber auch an Horst Geerken, ohne den diese so lebendigen Erinnerungen wohl für immer in einer Nachlassschublade verschwunden wären.

(KS) Oktober 2017

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…von wegen “ linke Spinner“

Ulrike Herrmann

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Die   Krise der heutigen Ökonomie                                                                                              und was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können

514BOJId2UL  Der pikante Titel des Buches von Ulrike Herrmann macht neugierig und verspricht irgendwie ein Lesevergnügen besonderer Art. Dieses Versprechen hat die Autorin genial  eingelöst – vom Vorwort bis zum Schlusskapitel. Das fast durchweg begeisterte Leserecho bestätigt diesen Eindruck. Ich schließe mich voll diesem Eindruck an.

Eine Wirtschaftsjournalistin der linken taz sorgt sich um den Kapitalismus? Ja und wie! Der Untertitel zeigt aber schon, worum es ihr geht: Die Krise der heutigen Ökonomie und der herrschenden  Volkswirtshaftlehre also, deren maßgebliche Theoretiker eine Lehre vertreten, die unter dem Namen  „Neoklassik“ Schule gemacht hat. Und das nicht nur an den Universitäten, sondern fatalerweise auch in der internationalen Politik, die sich danach ausrichtet. Eine maßgebliche Lehre, in der z.B. Finanzkrisen von 2008, die die internationale Wirtschaft fast in eine Katastrophe steuerten, eigentlich  gar nicht vorkommen  – ja überhaupt nicht vorkommen dürften.

Wenn die Autorin recht hat, dann „mag es ungeheuerlich klingen, aber die meisten Volkswirte  haben keine Ahnung, was es bedeutet, in einem voll ausgereiften Kapitalismus zu leben, in dem Großkonzerne herrschen und Banken das Geld aus dem Nichts schöpfen. Daher sind diese Ökonomen stets verblüfft und überfordert, wenn es zu Finanzkrisen kommt.“ (Zitat)  Und wir einfache Laienspieler in diesem Drama natürlich auch.

Natürlich fragen wir uns, wie es dazu kommen kann, dass an den Börsen täglich mit etwa  4 Billionen Dollar an Währungsspekulationen gehandelt wird, und was es bedeutet, dass z.B. 2015 der Nominalwert der außerbörslich gehandelten Derivate 493 Billionen Dollar betrug, während die weltweite Wirtschaftsleistung nur auf insgesamt 73 Billionen Dollar kam. Mehr als 400 Billionen Dollar also, für das man sich eigentlich nichts kaufen kann. Aber es ist Buchgeld, das im Ernstfall einsetzbar ist, um bestimmte Machtansprüche zum eigenen Vorteil durchzusetzen. Volksweisheit: Geld regiert die Welt! Aber die „Neoklassik“ scheint das irgendwie nicht zu glauben.

Man muss aber kapieren: „Der Kapitalismus ist ein totales System, das nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche durchdringt. Aber das macht ihn so spannend. Das Abenteuer namens Kapitalismus lässt sich am besten erfahren, wenn man seine klügsten Theoretiker kennt. Also Smith, Marx, Keynes“ (Zitat)

Bevor die Autorin im Anschluss an Keynes in Kapitel 9 und 10 die Probleme der heutigen Mainstream-Ökonomie analysiert, beschäftigt sie sich eingehend mit den beiden anderen Protagonisten der Wirtschaftswissenschaft Adam Smith und Karl Marx, deren Bedeutung und Erkenntnisse für diesen Bereich heute in den VWL-Lehrplänen  – laut der Autorin – einfach übergangen werden. Ein Gleiches gälte für John Maynard Keynes, dessen Lehren namens „Keynesianismus“ gerne als überholte „linke Spinnerei“ abgetan wird.

Eine detaillierte Darstellung der Bedeutung dieser drei Männer würde den Rahmen dieser Besprechung überfordern. Man lese das Buch, in dem es die Autorin überzeugend  versucht. Aber herausstellen möchte ich besonders ihren Ansatz, zunächst einmal die Lebensgeschichte dieser Männer möglichst getreu  zu erzählen, um zu verstehen, wie sie zu ihren Erkenntnissen und Lehren kamen. Bei allen dreien lässt sich nämlich beobachten, dass sie erst über ihre durchweg widersprüchlichen Erfahrungen ihre theoretischen Konsequenzen zogen. Nicht immer die richtigen, wie die Autorin konzediert. „Auch ein Genie darf  irren!“ schreibt sie im Anschluss an Marx, dessen Verelendungsprognose für die Arbeiter zum Beispiel und die damit verbundene zwangsläufige Weltrevolution des Proletariats nicht eingetreten ist. Aber dessen Theorie über die Dialektik des Kapitals ist  brennend aktuell, nach der die Konkurrenz des Marktes in Monopolen endet, wie wir heute an der Konzentration der multinationalen Konzerne feststellen können.

Im Hinblick auf die aktuelle Situation der Weltwirtschaft finde ich besonders tragisch, dass man angesichts des heutigen  „Finanzkasinos“ die Einsichten und Lehren von Keynes so wenig beherzigt, der schon in den 1940-er Jahren als Konsequenz aus den Wirtschaftskrisen  der 1930er Jahre ein weltweites Verbot  der Währungsspekulation an den Börsen forderte, das auch heute dringend erforderlich wäre. Die neoklassische Nationalökonomie hat die Bedeutung des Finanzkapitalismus einfach  nicht verstanden und verarbeitet.

Für uns Deutsche ist vielleicht die Information interessant, dass es vor allem Keynes war, der nach dem 2. Weltkrieg aus der Erfahrung der Beschlüsse von Versailles die Siegermächte dazu bewegte, die Reparationen für das besiegte Deutschland nicht in solchen Höhen festzuschreiben, dass man vorhersehen musste, dass diese Schulden nie beglichen werden könnten. Von wegen „linker Spinner“ ! ( Nb. Analogien zur Schuldenproblematik der Südstaaten Europas bieten sich zwingend an.)

Vielleicht noch eine kleine, aber doch wichtige Einsicht, die vielleicht professionellen Leserinnen und Lesern sicher ohnehin geläufig ist: Volkswirtschaft( VWL) und Betriebswirtschaft (BWL) sind zwei verschiedene Fächer und nur bedingt vergleichbar. Wirtschaftliches Verhalten von Unternehmen (BWL) ist nicht einfach übertragbar auf das wirtschaftspolitische Handeln von Regierungen (VWL). Rezepte aus der BWL-Apotheke sind nicht unbedingt gesund für den VWL-Kranken. Pleite-Unternehmen verschwinden vom Markt – Pleite-Staaten aber nicht von der Landkarte! (Deshalb war das Beispiel von der „sparsamen schwäbischen Hausfrau“, das Frau Merkel während der Griechenland-Krise verlauten ließ, durchaus unpassend.)

Wer sollte das Buch lesen? Frau Herrmann hat das Buch ausdrücklich den VWL-Studenten gewidmet, um deren neoklassische Indoktrination sie sich Sorgen macht. Aber eigentlich auch für uns alle, die wir täglich die Nachrichten über das Auf und Ab der wirtschaftspolitischen Meldungen versuchen zu verstehen, bzw. nicht mehr verstehen. In der Hoffnung, doch ein wenig schlauer geworden zu sein:  Ein großes Dankeschön an die Autorin, die so lesenswert versucht hat, uns die Welt der Ökonomen zu erklären.        (KS)   Oktober 2017

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Nb. Für uns alle, die noch nicht wussten, wie Finanzderivate entstehen, hier die unübertroffene Erklärung von Chin Meyer:  https://youtu.be/TSxH5qi-ZkM

 

 

Europa, was hast du für eine beeindruckende Geistesgeschichte!

Kurt Flasch:  Das philosophische Denken im Mittelalter                                  Von Augustin zu Machiavelli

Eigentlich sehe ich mich außerstande eine angemessene Rezension über ein so profundes Werk zu schreiben. Dazu sollte man von der Materie wirklich mehr verstehen. Aber ich bin fasziniert von dem, was ich zu lesen bekam.                                                                                                                                                                                                                                                             Das Buch ist eine Riesenunternehmung des Autors: Es begreift sich als der Versuch, das ideelle Fundament Europas zu rekonstruieren – von Augustinus zu Machiavelli.

Wichtig: Die Begriffe Mittelalter – Renaissance – Neuzeit täuschen eine Einteilung der Geschichte vor, die es bei genauerem Hinsehen nicht gibt.-

Die Philosophiegeschichte ist konkret viel verwobener und mit viel mehr Denkern verbunden, deren Namen nicht allgemein bekannt sind.

Thomas von Aquin z.B. ist de facto nicht so wichtig für die Philosophie des Mittelalters , wie die „Thomisten“ und die katholische Kirche das tradieren.

Ein Kandidat wäre eventuell Marsilius von Padua (1324), der Autor des Defensor Pacis: Man stelle sich – probeweise – einmal vor, es hätte seit dem 15.Jahrhundert mächtige Organisationen (ähnlich den kirchlichen Orden (KS ) gegeben, die ihn – vielleicht zusammen mit Gaunilo und Berengar von Tour, mit Adelhard von Bath und Abaelard, mit Wilhelm von Conches und Thierry von Chartres, mit Siger von Brabant und Dietrich von Freiberg, mit Roger Bacon und Nikolaus  Oresme – als den größten Philosophen des Mittelalters präsentiert hätten.                                                                                                        De facto haben Ordensgemeinschaften seit dem 15.Jahrhundert ihre Ordenslehrer genau so aufgebaut. Sie schufen den Anschein, Anselm und Bonaventura, Albert, Thomas von Aquin und Duns Scotus hätten die Summe des mittelalterlichen Denkens gezogen. (Zitat)

Sehr aufschlussreich auch die Einbettung der „mittelalterlichen“ Denker und ihrer Ideen in die konkreten historischen Zeitläufe und Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss, die ihr Denken provozierten. (Das Sein bestimmt Bewusstsein“? ) Aber auch ihr Einfluss auf das Handeln der politisch Mächtigen ihrer Zeit.

Besonders pikant ein abschließendes Kapitel über Luther und Machiavelli im derzeitig gefeierten Lutherjahr, in dem Luther häufig als Protagonist einer Neuen Zeit dargestellt wird. Unbeschadet seines Mutes und seiner Verdienste um die christliche Reformation, der Rückbesinnung auf die religiösen Wurzeln christlichen Glaubens, ist Luther nach Flasch kein eigentlicher Repräsentant der Neuen Zeit, die ja dem menschlichen Denken und der Kraft der wissenschaftlichen Erkenntnis vertraut.

Da die menschliche Vernunft zur Erkenntnis des wahren Gottes nicht tauge, „ sah er (Luther) sie im Besitz des Satans, als Werkzeug einer widergöttlichen Instanz“ (Zitat) Mit seiner Vorstellungswelt von Himmel und Hölle,  seinem Beharren auf der „Sola scriptura“-Lehre und auch seiner Ablehnung  des heliozentrischen Weltbildes gehört er  eher ins Mittelalter als in die Neue Zeit.

Für Flasch sind eher Leonardo da Vinci und Machiavelli, Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus die Protagonisten der Neuen Zeit.

Ein Buch für wen? Trotz der gut verständlichen Sprache – bei Philosophieprofessoren oft nicht selbstverständlich – erfordert der schier unendliche Detailreichtum des Buches einen treuen und wissensdurstigen Leser, der aber dafür mit vielen historischen Einsichten entschädigt wird. Für alle philosophisch-theologisch interessierten Leser aber, ist Kurt Flaschs Buch ein unbedingtes Muss.  (KS)

Toke‘, Toke‘!

DER RUF DES GECKOS  –  Horst H. Geerken

Können Geckos rufen – wie es der Titel dieses hochinteressanten Buches unterstellt? Ja, müssen wir sagen: Der indonesischen Vertreter dieser Gattung schon, der „Tokek“ – der große Mauergecko, der abends und nachts in den Häusern und Hütten sein unüberhörbares  tiefes Toke‘ ertönen lässt  und dem viele Indonesier magische Kraft zuschreiben: Man zählt aufmerksam, wie oft sein Toke‘ zu hören ist und erfährt dann, ob einem Glück beschert sein wird. Allerdings muss das Toke‘ mindestens siebenmal – am besten aber – neunmal zu hören sein. Soll man so etwas ernst nehmen? Horst Geerken und seiner Familie hat der oft gehörte 9-malige Ruf des Geckos – sowohl privat als auch geschäftlich -18  glückliche Jahre in Indonesien gebracht.

Dabei begann seine Zeit in Jakarta als Geschäftsträger der deutschen Firma AEG –TELEFUNKEN im Jahre 1963 – die bis 1981 währen sollte,  zu einer Zeit, in der Indonesien unter seinem Präsidenten Sukarno auf ein politisch-ökonomisches Desaster zusteuerte, das 1965 mit dem Putsch-Massaker des General Suharto seinen Tiefpunkt erreichte. Horst Geerken hat diese Zeit hautnah erlebt.  Sein Buch erzählt detailreich, welch schwierige Verhältnisse des täglichen Lebens damals selbst für ein Mitglied der deutschen Geschäfts-Community  zu bewältigen waren. Aber auch welch interessante Aufgaben und Begegnungen der junge Geschäftsmann – Horst Geerken war damals gerade 30 Jahre alt – erleben konnte. Er hat im Laufe der Jahre neben vielen Persönlichkeiten  der deutschen Politik und Wirtschaft und der deutschen Botschaft in Indonesien  z.B. auch den damaligen Präsidenten Sukarno persönlich kennen und schätzen gelernt.

Was aber den besonderen Charme dieses Buches ausmacht, ist die Sympathie  für Indonesiens Menschen, ihre  Kultur und Geschichte, der des Autors engagiertes Interesse gilt. Nicht eben selbstverständlich für einen Ingenieur der Nachrichtentechnik! Über  fünfzig Seiten widmet das Buch der Geschichte des Landes, das 350 Jahre eine holländische Kolonie war und seine Unabhängigkeit letztendlich in einem fast fünfjährigen Krieg gegen Holland erkämpfen musste. Sehr gut auch die engagierte Sympathie des Autors für die Rolle Sukarnos, des ersten Präsidenten  Indonesiens, ohne den ein Indonesia Merdeka – ein freies Indonesien, wohl nicht vorstellbar wäre. Schonungslos dokumentiert der Autor auch die Grausamkeiten des kolonialen Terrorregimes als blutige Antwort auf die indonesischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1945 – Fakten, von denen in Europa wenig zu lesen war und die für Holland noch immer ein sehr unpopuläres Kapitel seiner jüngsten Geschichte sind.

Ebenso aufschlussreich Geerkens Schilderung der Rolle der USA für das unabhängige Indonesien. Die anfängliche Unterstützung, dann aber die wiederholten Versuche der CIA den Präsidenten Sukarno durch Attentate zu ermorden  und  schließlich  die maßgebliche Rolle der CIA beim Putsch des General Suharto und dem Massenmord von 1965/66 an hunderttausenden Menschen – ein Trauma, unter dem auch noch das heutige Indonesien leidet.

Neben diesem wichtigen Exkurs in die Geschichte, von der man auch als kurzweiliger Indonesienbesucher ein wenig wissen sollte, sind es vor allem die kenntnisreichen, oft  sehr amüsanten Erlebnisse und Anekdoten aus dem Leben und den Erfahrungen des langjährigen „Expats“ H. Geerken, dem Indonesien – wie er bekennt – zur zweiten Heimat geworden ist.

Wer sollte sich die Lektüre gönnen? Natürlich alle, die ein wenig mehr über Indonesien erfahren wollen, als die Prospekte der Reiseveranstalter dem Touristen an die Hand geben. Für jemanden wie mich aber, der selbst neun Jahre von 1968 -1977 in Indonesien gelebt und gearbeitet hat, also auch ein paar Jahre zur selben Zeit wie der Autor,  bedarf es keiner Leseempfehlung für dieses Buch. Es ist eine lebendige – fast nostalgische Erinnerung an ein Indonesien, das es heute so fast nicht mehr gibt.  Einen herzlichen Dank an den Autor also, der sich die Mühe – aber sicher auch die Freude – gemacht hat, seine indonesischen Erfahrungen mit uns zu teilen. Terima kasih, Pak!

nb.  Das Buch ist ja schon 2009 erschienen, und ich hatte es schon 2010 gelesen.Die kleine Buchrezension hätte eigentlich schon längst verfasst sein müssen. Entstanden ist damals aber zunächst der Blog-Artikel  „Merdeka atau Mati“ über den indonesischen Unabhängigkeitskampf .  Inzwischen hatte ich aber das Buch verliehen und erst vor kurzem wieder in die Hand bekommen. Nach einer neuerlichen Lektüre war es mir eine Herzenssache, mich für das Lesevergnügen durch eine kleine Besprechung zu bedanken.

Oktober 2017 (KS)

 

 

 

 

HILLBILLY-ELEGIE

J.D.Vance – Hillbilly-Elegie                                                                                                                                                                                            

Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise

„Das wichtigste politische Buch des Jahres 2016“  nennt die Süddeutsche Zeitung dieses Buch, das Millionen von Lesern in den USA bewegte. Obwohl der Autor das Manuskript ja schon vor den Präsidentschaftswahlen 2016 verfasst hatte, macht seine Lektüre sehr verstehbar, wie Donald Trump  mit der populistischen Parole „Make America great again!“ gewählt werden konnte. Deprimierend realistisch wird das Milieu beschrieben, dem er seinen Wahlerfolg verdankt: das Milieu der weißen Arbeiterschicht des Mittleren Westens der USA,  dem sog . „rust belt“.

„Hillbilly-Elegie“ hat J.D.Vance sein Buch genannt. Den Begriff „Elegie“ wird man etwa mit „Klagelied“ oder „Trauerrede“ übersetzen dürfen. Mit „Hillbilly“ verband sich für mich bisher eher eine bestimmte Richtung der amerikanischen Countrymusik, von der aber hier nicht die Rede sein wird, sondern mit „Hillbilly“ bezeichnete man in Amerika  etwas abwertend Leute, die  in den Appalachen-Bergen beheimatet waren, Nachkommen ulster-schottischer Siedler, die seit dem frühen 19. Jahrhundert in diese Gegend eingewandert waren. Voller Stolz hatten sie über Generationen ihre eigene Kultur bewahrt. Aber  aus armen Bergbauern und Tagelöhnern waren Mitte des 20. Jahrhunderts die recht gut verdienenden Fabrikarbeiter der Eisen- und Stahlindustrie in den Städten geworden, die aber spätestens Ende des Jahrhunderts im Zuge der Deindustrialisierung ihre Arbeitsplätze verloren und in prekäre Lebensverhältnisse abstürzten.

Der Untertitel von J.D.Vance  „Hillbilly-Elegie“ heißt:  Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Hillbilly-Elegie ist also das Klagelied des Hillbilly J.D.Vance, dessen persönliche Geschichte eigentlich eine Paradestory eines sozialen Aufsteigers ist, wie die USA sie so lieben. Er ist heute 32 Jahre alt, gut situierter Jurist im Finanzsektor, glücklich verheiratet und lebt in Kalifornien. Aber seine Lebensgeschichte lässt ihn nicht los. Er kann kaum begreifen, wie er dem Teufelskreis von Armut und Chaos, Hilflosigkeit und Gewalt, Drogen und Alkohol entkommen konnte, in den die Familien der Hillbillies geraten sind. Zitat: „Ich war eines dieser Kinder mit einer trostlosen Zukunft. Ich hätte mich beinahe der tiefsitzenden Wut und Verbitterung ergeben, die alle in meinem Umfeld erfasst hatte. Es ist meine wahre Lebensgeschichte  und das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Die Leute sollen wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich fast schon selbst aufgegeben hat, und warum es tatsächlich soweit kommen konnte.“

J.D.Vance ist ein begnadeter Erzähler: Sein Buch, eine bewegend ehrliche und detailreich erzählte Geschichte, voller Sympathie für die Menschen seiner Jugend und Kindheit, voller Dankbarkeit für seine Großmutter Mamaw und Großvater Papaw, deren beharrliche Zuneigung ihn wohl in den kritischen Jahren seiner Jugend vor dem Scheitern bewahrt hat. Aber auch eine sehr schonungslose Betrachtung der Schwächen dieser „Hillbilly-Gesellschaft“, die die Schuld an ihren Lebenskatastrophen – ob privat oder politisch –  immer bei den andern sucht, sich weigert, ihre Situation ehrlich zu betrachten  und nun „Erlösung“  durch politische Scharlatane wie Donald Trump erhofft.

Für alle, die ein wenig mehr von diesem uns so unbekannten Amerika erfahren wollen, ein unbedingt empfehlenswertes Buch. Fünf Sterne! Ein herzliches Dankeschön deswegen auch an meine belesene Schwester Agi, die mir das Buch schenkte. (KS)