DIE HERZEN DER MÄNNER

Die Herzen der Männer

von Nickolas Butler

Wer von diesem Buch erwartet hatte, dass es uns etwas über die Herzen aller Männer dieser Welt erzählen würde, der wird als deutscher Leser erfahren, dass es in diesem Buch vor allem um die Herzen amerikanischer Männer, und zwar weißer Männer aus Eau Clair/ Wisconsin im mittleren Westen der USA, geht. Noch genauer um die Geschichten von drei Männern, ihren Frauen, ihren Vätern und Müttern, deren Leben wir  über eine Zeit von 1962 bis 2019 verfolgen dürfen. Natürlich geht es in diesem Buch auch um grundlegend menschliche Beziehungsprobleme zwischen Freunden, zwischen Männern und Frauen, der ersten Liebe, dem oft sich abnutzenden Gefühlen im Ehealltag, der Gewalttätigkeit betrunkener Ehemänner, ja auch einer versuchten Vergewaltigung. Aber das alles spielt sich auf einer sehr amerikanischen Bühne ab.  Wenn wir diese Einschränkung akzeptieren, dann dürfen wir an einem hinreißend erzählten Lebensdrama der Freunde Nelson und Jonathan und dessen Sohn Trevor teilnehmen.

 Wenn im ersten Teil des Buches die Welt des amerikanischen Pfadfindersommerlagers Camp Chippewa von 1962 sehr ausführlich geschildert wird, dann ahnt man,  der Autor Nickolas Butler muss das selbst erlebt und beobachtet haben. Ebenso, wie es um die  Herzen 13-jähriger Jungen bestellt ist, die in diesem Lager zu vorbildlichen Amerikanern erzogen werden sollen, deren Erfahrung im Lager ihnen später als Soldaten zugutekommen soll.  Die Väter, als ehemalige Pfadfinder begleiten ihre Söhne in diesen Lagerwochen, wobei sie sich erlauben, in dieser Zeit auch Urlaub von ihren Ehefrauen zu nehmen. Trevor muss erfahren, dass sein toller Papa schon einige Jahre eine Freundin hat, und ihm während dieses Sommerlagers klar macht, dass er sich scheiden  lassen will. Für Trevor bricht eine Welt zusammen, zumal ihm sein Vater unbedingt beibringen möchte, dass seine unbedingte Liebe zur Schulkameradin Rachel auch keine Zukunft haben würde. Dass sich Trevor und Rachel in späteren Jahren nach einigen Umwegen  doch noch einmal finden und ein unzertrennliches Ehepaar werden, gehört zu den überraschenden Wendungen der Geschichte.

Sowohl Nelson, als auch Jonathans Sohn Trevor, werden später beim Militär  ihre entscheidende Prägung erfahren. Der erwachsene Nelson als traumatisierter Vietnamheimkehrer, der immer wieder in Albträumen von den Erlebnissen dieses Krieges heimgesucht wird, und sich nicht wieder in einem normalen bürgerlichen Leben zurecht findet und von Gelegenheitsjobs lebt, sieht seine weitere Lebensaufgabe darin, im Sommer als Leiter des Pfadfinderlagers, die Jungen einer neuen Generation im Geiste der amerikanischen Pfadfinder zu erziehen. Auch Trevor, der Sohn seines Freundes Jonathan wird die jährlichen Sommerferien dort verbringen und von ihm geprägt werden.

Auch noch Trevors Sohn Thomas, Jonathans Enkel, muss im Jahre 2019 noch im Alter von sechzehn Jahren mit seiner Mutter Rachel in das Pfandfindercamp fahren, das immer noch von dem alten Nelson geleitet wird. Thomas Vater Trevor, ein im Afghanistankrieg hochdekorierter Soldat, kam noch vor der Geburt seines Sohnes durch einen unglückseligen Zufall ums Leben. Rachel als allein erziehende Mutter versucht ihren Sohn im Geiste und in der Verehrung seines Vaters zu erziehen, muss aber erkennen, dass sie als Frau in dieser Männerwelt des Lagers deplatziert ist. Ebenso ihr Sohn Thomas, wie viele anderen Jungen der Smartphone- Generation übrigens auch, will nichts mehr mit dieser Lagerwelt zu tun haben. Nelson wird schwer verletzt und stirbt, als er die versuchte Vergewaltigung Rachels durch einen Lager-Vater gerade noch verhindern kann. Nelsons Tod bedeutet auch, dass die Welt dieses „Pfadfinder-Amerika“ zu Ende geht.

Fazit: Ein hinreißendes, wunderbar erzähltes Buch über die Welt  der Menschen des weißen Amerika im mittleren Westen. Erinnerungen an die Männergeschichten von John Updikes „Rabbit“ seien erlaubt. Sollte dieses Buch von Autor Butler aber als gewollt literarisches Porträt von Menschen des gegenwärtigen Wisconsin sein, dann bleiben doch einige Fragen. Außer ein paar Redewendungen über Demokraten oder Republikaner und die Traumata von Vietnam, Afghanistan und Irak, keine Erwähnung der gegenwärtigen innenpolitischen Konflikte der USA im Zusammenhang mit der Wahl Trumps zum Präsidenten und der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Kein Echo auf das Desaster der Bankenkrise 2008 .  Auch scheint es in der Welt von Eau Clair keine Afroamerikaner und keine lateinamerikanischen Migranten zu geben. Jedenfalls scheinen sie  im Leben für Butlers Protagonisten keine Rolle zu spielen. Ist das gewollt oder vergessen?

 Vielleicht muss man dann doch auch J.D.Vance „Hillbilly Elegie“ lesen, um sich ein kompletteres Bild dieses weißen Amerika zu machen, um die Herzen der amerikanischen Männer ein wenig zu verstehen. (KS – Okt. 2018)

Nb. Mit Dank an meine belesene Schwester Agi, die – wohl vom Titel verführt – mir dieses Buch ungelesen zum Geburtstag schenkte, und der ich es jetzt wohl zur Lektüre unbedingt  zukommen lassen muss.

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