Monatsarchiv: August 2019

Armageddon im Orient …

 

heißt das neueste in 2018 erschienene Buch von Michael Lüders. „Armageddon“ (auch „Harmagedon“) ist ein biblischer Name für den Ort der Entscheidungsschlacht zwischen den „Mächten des Guten und des Bösen“ am Ende der Welt. (Angemerkt:  Für eine nicht unbedeutende Zahl evangelikaler Christen in Amerika ist  Armageddon ein ganz reales militärisches Schlachtfeld, auf dem Gott seine treuen Christen zum Siege über ihre Feinde führen wird.)

Mit dem Titel Armageddon hat Lüders also ein recht dramatisches Ausrufezeichen gesetzt. ( Erinnert sei ein wenig an Saddam Hussiens propagierte „Mutter aller Schlachten“ im 1. Irak/Kuwaitkrieg 1990/91.) Wenn man das Buch aber gelesen hat, dann versteht man schon, welch apokalyptisches Szenario im Orient  droht. Vielleicht wäre ein Fragezeichen hinter dem Titel  angesagt? Der Untertitel gibt aber Aufschluss, worum es derzeit konkret geht: „Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt.“

Was und wer diese Saudi-Connection ist, die im Iran ihren Erzfeind sieht, das ist in diesem Buch in eindrucksvoller Weise dargestellt. Michael Lüders ist ein Garant seriöser Information über die Situation im Nahen Osten und sein Buch wird von der Kritik einmütig gelobt. Es ist de facto viel zu wenig bekannt über die unseriösen bis desaströsen „deals“, die hinter dieser „Saudi-Connection“ stecken. Das Titelbild zeigt ja, welch groteske Inszenierungen in der Ära Trump möglich sind. Sie sind aber  nur die jüngste Auflage einer schon Jahrzehnte dauernden folgenreichen Geschäftsbeziehung zwischen USA und Saudi-Arabien.

Derzeit unter der Regierung Trump geht es um einen sog. „Regime-Change“ im Iran, bei der die Falken unter Trumps Beratern auch eine militärische Interrvention nicht aussschließen. Sicherheitschef John Bolton 2017: „Erklärtes Ziel der USA sollte es sein, das Mullah-Regime in Teheran zu stürzen…“ Und Außenminister Mike Pompeo: „Muslime verabscheuen Christen. Sie werden Druck ausüben, solange wir nicht beten, vereint sind und kämpfen. Solange wir uns nicht vor Augen führen, dass Jesus Christus unser Erlöser ist und die einzige Lösung für unsere Welt bereit hält.“ ( Und dieser Jesus Christus ist dann sicherlich ein republikanischer US-Amerikaner mit  ausgezeichneten Geschäftsbeziehungen zu wahabitischen Prinzen der saudischen Erdölindustrie!!! Sorry, der Tritt gegen das Schienbein dieses unsäglichen Politpromis musste sein. KS)

Über die fatale Politik der USA und mit ihr des Westens siehe auch ein Interview aus 2015 mit Michael Lüders in diesem Blog: „Die ewige Doppelmoral des Westens“ und auch das bittere Resümee Robert Kennedys (jr) „Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“

Neu für uns Leser von 2018/19 sind Lüders Recherchen über die Rolle des Trump- Schwiegersohnes Jared Kushner im Zusammenspiel mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS) und israelischen Hardlinern, sowie Informationen über den furchtbaren Krieg im Jemen, über den hier in den Medien kaum etwas bekannt ist.

Anstelle einer ausführlicheren Rezension zu diesem Buch, hier der Link zu  einem exzellenten Interview im YouTube-Kanal „Jung & naiv“ mit dem Moderator Tilo Jung,  „Armageddon im Orient“, in dem Michael Lüders sich von Tilo Jung befragen lässt. Must see!

Unbedingte Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses Buch. (KS – 08-2019)

Die Wiege des Islam

Glen W. Bowersock:

Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen

Wenn man unter Wiege die frühe Umgebung verstehen will, in die ein kleiner Erdenbürger eingebettet ist, dann hat das Buch einen passenden Titel. Es geht ihm nämlich nicht in erster Linie um die Religion des Islam und seines Propheten Mohammed, sondern um die sozio-kulturelle Umgebung, in der der Islam entstand.

In der Überzeugung der großen Mehrheit der Muslime ist diese  Umgebung vor allem eine feindliche. Ob es nun die heidnischen Mekkaner, die Juden oder die Christen sind, immer sind es Leute und Überzeugungen, gegen die der Prophet Mohammed seine Berufung und seine Botschaft durchsetzen musste.

Das kann man durchaus auch so sehen, wenn man eben nur die durch den Islam sanktionierte Geschichtstradition gelten lassen will, nach der eben der Prophet ab dem Jahre 610 n.Chr. seine Offenbarungen empfangen hat, die im Koran niedergeschrieben sind.  Sie sind direkte und einzigartige Weisungen Gottes an die Welt, die keiner Voraussetzungen bedürfen. Also auch keiner Forschung, inwiefern die im Islam gültigen Lehren ihre eventuellen geschichtlichen Voraussetzungen im Judentum oder Christentum haben.

Für den westlichen Historiker eine ausgemachte Sache: So sehr  man auch die Originalität einer neuen Bewegung schätzen mag, nichts in der Kultur- und Religionsgeschichte entsteht voraussetzungslos. In unserem Fall: welche sozio-kulturellen und religiösen Erfahrungen haben  vermutlich den jungen Mohammed geprägt, bevor er zum Propheten des Islam  berufen wurde?

Oder welche  Bedeutung haben  politischen und kulturellen Großmächte jener Zeit Byzanz, Syrien und Persien für die Ausbreitung des Islam?  Weithin unbekannt die Rolle der christlichen Äthiopier, die unter einem König Abraha in der Region des heutigen Jemen das christliche Königreich Himyar mit der Hauptstadt Sanaa errichteten, das bis kurz vor Mohammeds Geburt im Jahre 570 n.Chr. entscheidenden Einfluss in Südarabien hatte. Anlass für die Intervention der Äthiopier auf der arabischen Halbinsel  war das Blutbad von Nadschraf, das zum Judentum konvertierte Araber an der dortigen Christengemeinde angerichtet hatten.

Dieses und vieles mehr gibt uns Bowersock zu lesen, und wir verstehen, dass dieses Südarabien, in dem der Islam entstand, nicht einfach eine  geschichtslose Wüstenregion war, in der vor allem Händler mit ihren Kamelkarawanen von Oase zu Oase wanderten, sondern eine Region, in der die prägenden kulturellen Kräfte jener Zeit sehr präsent waren.

Fazit

Ein hochinteressantes Buch für alle Leser, die sich bisher mit dem kulturell-politischen Umfeld der Entstehungszeit  des Islam nicht so sehr beschäftigt hatten. Eine kleine Kritik, die die Bedeutung des Buches nicht schmälert, sei mir aber erlaubt:  man muss sich in den einzelnen Kapiteln des Öfteren mit Wiederholungen abfinden, in denen der Autor Zusammenfassungen aus früheren Kapiteln zitiert. (Frage: Waren die Kapitel eventuell früher einmal Vorlesungen oder Vorträge? Dort machen solche Rückgriffe ja Sinn.)

Eine andere Frage ist mir aber durch den Autor zu wenig beantwortet. Was waren das für christliche Gemeinden in Arabien? Wir lesen von miaphysitischen (monophysitischen) Christen z. B. den Äthiopiern, oder auch persischen Nestorianern, für die Jesus nur eine göttliche Natur habe.  Auch gab es sicher  byzantinische Christengemeinden, die das chalzedonensische Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit bekannten .  Aber gab es denn nicht auch noch judenchristliche Gemeinden, für die Jesus  zwar der von Gott gesandte Prophet und Messias war, aber eben nicht Gott selbst als zweite Person der Dreifaltigkeit?

Diese Judenchristen  wurden ja sowohl von den orthodoxen Juden als auch von den anderen Christen abgelehnt und angefeindet. Ihre theologische Position passt  jedoch sehr  genau zu Mohammeds Überzeugungen bezüglich Jesus und Maria oder der Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften, Beschneidung, Thora usw. Dass Mohammed letztlich aber auch von ihnen nicht anerkannt werden konnte, hat wahrscheinlich mit seinem Anspruch zu tun, selbst „Das Siegel der Propheten“ zu sein, ursprünglich ein Würdetitel Jesu. Man wüsste gerne mehr…                                                    aber doch vier Sterne für das Buch. (KS 08-2019)