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Ein Lob der Ausgrenzung

Das Debakel der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und das politische Spiel der AfD sollte ganz Deutschland klarmachen, dass es Zeit wird, zu sagen, wofür diese Republik steht, und was sie sich auf keinen Fall erlauben kann. Es verbietet ihre Geschichte: Dass eine faschistische Partei das Zünglein an der Waage spielen darf, wenn es darum geht, wer in diesem Lande regieren wird. Diese  Ansage gilt vor allem den Leuten, die glauben aus angeblich guten Gründen der AFD ihre Stimme geben zu müssen, um aus angeblich guten Gründen dem politischen System dieser Republik eine Lektion erteilen zu sollen.

Es ist einfach nicht wahr, dass man eine Partei wie die AfD nun deshalb  – genau wie alle anderen Parteien – respektieren müsse,  weil sie von einem Teil der Bevölkerung ja in die Parlamente gewählt worden sei.  Auch dann, wenn ihre Ziele und Überzeugungen die Grundwerte und den Grundkonsens dieser Republik in Frage stellt? )

Hier folgen Auszüge aus einem Artikel des SPON – Bloggers Sascha Lobo, der ad item eine sehr klarsichtige politische Analyse liefert und eine notwendige  Strategie fordert. (KS)

Ein Lob der Ausgrenzung 

Sascha Lobo

Vom Umgang mit Faschisten und ihren Wählern

„Seit Jahren beobachte ich im Netz AfD-Anhänger und ihre Umfelder: Putin-Fans und Ex-Linke, Offensiv-Rassisten und Bismarck-Jünger, vorgestrige Sexisten und Islamhasser, Antisemiten und Sozialdarwinisten, Neonazis und Hassbürgerliche, grünlich-braune Tierschützer, Radikallibertäre und viele mehr.

Die meiner Einschätzung nach größte Teilgruppe aber sind diejenigen, die sich für „bürgerliche Mitte“ halten. Sie sind natürlich nicht jene Mitte, denn die AfD ist eine rechtsextreme Partei, in der Menschenfeindlichkeit blüht. Und es spielt nicht die geringste Rolle, welche politische Überzeugung AfD-Wähler glauben zu haben, denn sie wählen Faschisten.“  …..

„Wo ein Wertekompass nicht ganz so eindeutig gepolt ist, kann ein wenig sozialer Druck eine große Hilfe sein. Weil in denjenigen AfD-Wählern, die sich für die bürgerliche Mitte halten, meist noch konservative Restempfindungen vorhanden sind, wirkt Ausgrenzung.

Ziel dieser AfD-Wähler ist es, sich nicht für ihre Wahl schämen zu müssen. Das Ziel aller Demokraten muss daher sein, ihnen klarzumachen: „Doch, ihr solltet euch schämen.“ Das funktioniert keineswegs bei jedem, aber bei der pseudobürgerlichen Möchtegernmitte eben doch“   …..

„Das, worauf es letztlich ankommt, ist die Ausgrenzung der AfD durch echte Konservative und Wirtschaftsliberale – denn sie funktioniert. Das ist weniger einfach, als man glauben möchte, denn in mancher Hinsicht ist die AfD die politische Bad Bank der CDU.Vor der Modernisierung der Union hatten rechte Positionen durchaus einen gewissen Platz in der Partei, und man kann jeden Tag dankbar sein, dass es so simpel nicht mehr ist.“

Der ganze Artilkel ist hier zu lesen:   SPON  -Sascha Lobo, 12.02.2020

Nachtrag : Und wer meint, die Berliner Republik sei nicht die von Weimar, – noch hat er ja Gottseidank Recht – der lese einmal andächtig den Artikel der ‚Frankfurter Zeitung vom 1.11.1929 „Wer wählt nationalsozialistisch?“ Es reicht ja einem beachtlichen Teil der AfD- Klientel schon, wenn sie die verfassungsmäßigen Instrumente der parlamentarischen Demokratie lächerlich und ihre Repräsentanten unglaubwürdig machen. Siehe Thüringen 2020! Eine Alternative für Deutschland ist das wahrlich nicht!

„THE WINNER TAKES IT ALL…“ ?

Nein, die Situation der Welt ist gar nicht weihnachtlich friedfertig, sondern die Zeichen der Zeit stehen auf Konfrontation und Konflikt. In Großbrittanien feiert Wahlsieger Boris Johnson sein Austrittsprojekt  aus der EU als Sieg des demokratischen Willens Großbrittaniens. Dabei bleibt aber die Frage, ob er und seine Partei wirklich  eine Mehrheit der britischen  Wähler hinter sich hat.

Beim Surfen im Netz  fiel mir ein hochinteressanter Artikel des Portals „Nachdenkseiten“ zum britischen Wahlsystem auf, das den famosen Erfolg Boris Johnsons ja erst möglich machte. Würde man das englische Mehrheitswahlrecht auf die Bundesrepublik Deutschland anwenden, dann hätte die Bundestagswahl 2017 einen brisanten „britischen“ Effekt:

Die „historische“ Labour-Niederlage und das britische Wahlsystem

von Jens Berger

Die Tagesschau bezeichnet die Niederlage von Jeremy Corbyn als „historisch“ und viele andere deutsche Medien teilen offenbar diese Ansicht. Dabei wird jedoch gerne unterschlagen, dass das Ausmaß der Niederlage vor allem eine Folge des britischen Wahlsystems ist und andere Zahlen der Deutung einer „historischen Niederlage“ klar widersprechen. Erstaunlich: Hätte Deutschland das britische Wahlsystem, würde die CDU/CSU, die bei den letzten Bundestagswahlen 32,9% der Stimmen bekam, 77% der Bundestagsmandate stellen; die FDP wäre gar nicht, die Grünen mit einer einzigen Abgeordneten vertreten. Einige Fakten zum Wahlsystem und zur Unterhauswahl von Jens Berger und ein Leserartikel von C.K. im Anhang.

Boris Johnson bezeichnete das britische System eines reinen Mehrheitswahlrechts als das demokratischste der Welt. Das ist verständlich, sind seine Tories doch diesmal die großen Profiteure dieses Systems, bei dem gemäß des Abba-Schlagers „The Winner takes it all“ nur die Gewinner der Wahlkreise in das Parlament einziehen. Wie undemokratisch dieses System jedoch eigentlich ist, zeigt ein vereinfachter Blick auf die Ergebnisse der deutschen Wahlkreise bei den letzten Bundestagswahlen. Gäbe es keine Landeslisten, über die Abgeordnete nach dem Verhältniswahlrecht in den Bundestag einziehen, sähe die heutige Sitzverteilung folgendermaßen aus:

  • CDU/CSU: 228 Sitze (77% der Sitze bei 32,9% der Stimmen)
  • SPD:            58 Sitze (20% der Sitze bei 20,5% der Stimmen)
  • Linke:           5 Sitze (1,7% der Sitze bei 9,2% der Stimmen)
  • AfD:              3 Sitze (1,0% der Sitze bei 12,6% der Stimmen)*
  • Grüne:         1 Sitz (0,3% der Sitze bei 8,9% der Stimmen)
  • FDP:             0 Sitze (0% der Sitze bei 10,7% der Stimmen)

Gemäß dem britischen System wären übrigens weder Olaf Scholz, Horst Seehofer, Heiko Maas, Christine Lambrecht, Annegret Kramp-Karrenbauer, Julia Klöckner, Franziska Giffey noch Svenja Schulze „ministrabel“, da sie entweder über gar kein Bundestagsmandat verfügen oder über eine Liste in den Bundestag einzogen.

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Dank an Jens Berger und die „Nachdenkseiten“

 

 

Deprimierend aktuell…

Nein, die Geschichte wiederholt sich nicht, darin sind sich die Historiker einig. Aber es gibt sehr wohl sich ähnelnde Prozesse historischer Entwicklungen, deren Ende nicht ohne weiteres vorhersehbar ist.

Aber wenn im Deutschland von 2019 wieder völkisch-nationalistische Töne, Ängste vor Überfremdung und Fremdenfeindlichkeit salonfähig werden, man politische Gegner bedroht oder gar ermordet,  und eine Partei, wie die AFD, sich versucht als die „wahre Stimme der besorgten Deutschen“  als  „bürgerliche Alternative“ gegen das „etablierte marode System der Altparteien“ der Republik Deutschland zu präsentieren, dann sollten in Deutschland Alarmglocken schrillen und der „deutsche Michel“ zu einer  dringlichen Geschichtsstunde verdonnert werden…

(… ich weiß leider, dass es bei so vielen Leuten nichts nützen wird – sie wollen es einfach  nicht wahrhaben, dass Hitler und seine Mörderbande NSDAP damals ganz demokratisch an die Macht kam, und die „besorgten Deutschen“  ihm mit ihrer Stimme im Wahllokal dazu verhalfen.  Selbst ein eigentlich gebildeter Mann meiner Generation, wie  Dr. jur. Alexander Gauland, entblödete sich nicht, öffentlich im Jahre 2018  zu verkünden, dass  Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ seien. Ein „Vogelschiss“ ???… von 6 Mio systematisch ermordeten jüdischen Menschen und 55 Mio Kriegstoten!)

Ein gestern in FAZ-online veröffentlichter Artikel aus dem Archiv der „Frankfurter Zeitung“ aus dem Jahr 1929 beschreibt, wie sich die (pseudo)demokratischen Anfänge der oben zitierten Katastrophe im politischen Alltag der damaligen Republik darstellten. Es scheint so deprimierend aktuell… 

Vielen Dank an FAZ-Online (KS)

 FRANKFURTER ZEITUNG – 01.11.1929

Wer wählt nationalsozialistisch?

AKTUALISIERT AM 01.11.2019- (https://www.faz.net/-i18-9rkdj)

 

Zum ersten Mal zieht die NSDAP in den badischen Landtag ein. Die Frankfurter Zeitung zieht erste Schlüsse aus dem Wahlerfolg – und glaubt derweil nicht, dass die Partei die Demokratie gefährden könnte.

Das politische Thema des Tages ist in Baden der Wahlerfolg der Nationalsozialisten und die Frage nach den Gründen für ihn. Viel ist in diesen Tagen darüber geschrieben worden, aber die Erörterung der Frage wird dadurch erschwert, dass die Ursachen für das Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen zu verschiedenartig und im einzelnen Fall zu wenig kontrollierbar sind.

Man muß zunächst übertriebene Auffassungen zurückweisen: der Kern der Wählerschaft hat an der guten demokratischen Tradition des Landes festgehalten; nur ein – allerdings ansehnlicher – Bruchteil ist der nationalsozialistischen Werbung widerstandslos erlegen, nämlich der Teil der Bauernschaft und des Bürgertums, den Kriegsende, Umwälzung und Inflation politisch aus dem Gleise geworfen und derart direktionslos gemacht haben, daß er, verstärkt durch wirtschaftlich Unzufriedene aller Art, seit zehn Jahren von Wahl zu Wahl anderen Phantomen nachjagt.

Es sind die Leute der nationalen Romantik, die die Götzendämmerung des Nationalismus noch nicht erkennen und die sich noch immer nicht zu der Erkenntnis durchgerungen haben, die Alfred Weber kürzlich etwa so formulierte: daß wir, weil wir uns unsere Stellung in der Welt nicht mit „heroischen“ Mitteln schaffen können, darauf angewiesen sind, klug zu sein.

Es sind die Leute mit dem kurzen Gedächtnis, die nicht nur die Lehre des Krieges und der Niederlage nie erfaßt haben, sondern die sich auch absolut nicht mehr daran erinnern, wie es 1923 bei uns aussah und wie ungeheure Fortschritte wir, so groß die Not breiter Volksschichten immer noch ist, seither, doch ganz unbestreitbar politisch und wirtschaftlich gemacht haben.

Es sind die Leute, die innerlich so durcheinander gebracht sind, daß sie kritiklos auf jede Hetze reagieren und jeden Schwindel glauben, der ihnen von skrupellosen Spektakelmachern vorgesetzt wird. Das Märchen vom Sklavenexport, den Deutschland im Young-Plan zugestanden haben soll, gab eine Probe davon, was alles man diesen Leuten bieten kann, ohne ausgelacht zu werden.

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Eschweiler musiziert … 2019

 

Natürlich musiziert in Eschweiler nicht nur die Städt. Musikgesellschaft. Eschweiler freut sich nämlich über eine reiche Musikszene verschiedenster Art. Darin war die Städt. Musikgesellschaft mit ihrem Chor und Orchester vor allem für die Aufführung klassischer Musik zuständig. (Nebenbei bemerkt: sie ist – neben dem Stadttheater Aachen – der einzige „Klangkörper“ in der Euregio, der sowohl über einen Chor als auch über ein Orchester verfügt.)

Aber seit 2018 präsentiert sich das Sommerkonzert der Städt. Musikgesellschaft Eschweiler in einem neuen Format, das  in Verbindung mit dem Städt. Gymnasium Eschweiler vor allem dessen jungen Künstlern, Sängern und Musikern eine Bühne gibt, auf der sie sich im Zusammenspiel mit dem Chor und dem Orchester der Städt. Musikgesellschaft präsentieren können.

Berührungsängste zwischen E- und U-Musik, zwischen Klassik, Jazz und Pop gibt es nicht. Die Eschweiler „Inde-Singers“, die Trompeter Jonas Nobis, Jan Andres, Holger Gilles und Jazzposaunist Bert Konzen im Arrangement  mit einem exzellent aufspielenden Orchester komplementierten den gelungenen musikalischen Event. Und ein begeistertes Publikum gibt dem neuen Konzept recht.  (KS)                                                                                                       Programm_Eschweiler_musiziert_2019

(c) „Eschweiler Nachrichten“ Lokalteil – Montag, 09.09. 2019

Städtische Musikgesellschaft Eschweiler e.V.

Armageddon im Orient …

 

heißt das neueste in 2018 erschienene Buch von Michael Lüders. „Armageddon“ (auch „Harmagedon“) ist ein biblischer Name für den Ort der Entscheidungsschlacht zwischen den „Mächten des Guten und des Bösen“ am Ende der Welt. (Angemerkt:  Für eine nicht unbedeutende Zahl evangelikaler Christen in Amerika ist  Armageddon ein ganz reales militärisches Schlachtfeld, auf dem Gott seine treuen Christen zum Siege über ihre Feinde führen wird.)

Mit dem Titel Armageddon hat Lüders also ein recht dramatisches Ausrufezeichen gesetzt. ( Erinnert sei ein wenig an Saddam Hussiens propagierte „Mutter aller Schlachten“ im 1. Irak/Kuwaitkrieg 1990/91.) Wenn man das Buch aber gelesen hat, dann versteht man schon, welch apokalyptisches Szenario im Orient  droht. Vielleicht wäre ein Fragezeichen hinter dem Titel  angesagt? Der Untertitel gibt aber Aufschluss, worum es derzeit konkret geht: „Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt.“

Was und wer diese Saudi-Connection ist, die im Iran ihren Erzfeind sieht, das ist in diesem Buch in eindrucksvoller Weise dargestellt. Michael Lüders ist ein Garant seriöser Information über die Situation im Nahen Osten und sein Buch wird von der Kritik einmütig gelobt. Es ist de facto viel zu wenig bekannt über die unseriösen bis desaströsen „deals“, die hinter dieser „Saudi-Connection“ stecken. Das Titelbild zeigt ja, welch groteske Inszenierungen in der Ära Trump möglich sind. Sie sind aber  nur die jüngste Auflage einer schon Jahrzehnte dauernden folgenreichen Geschäftsbeziehung zwischen USA und Saudi-Arabien.

Derzeit unter der Regierung Trump geht es um einen sog. „Regime-Change“ im Iran, bei der die Falken unter Trumps Beratern auch eine militärische Interrvention nicht aussschließen. Sicherheitschef John Bolton 2017: „Erklärtes Ziel der USA sollte es sein, das Mullah-Regime in Teheran zu stürzen…“ Und Außenminister Mike Pompeo: „Muslime verabscheuen Christen. Sie werden Druck ausüben, solange wir nicht beten, vereint sind und kämpfen. Solange wir uns nicht vor Augen führen, dass Jesus Christus unser Erlöser ist und die einzige Lösung für unsere Welt bereit hält.“ ( Und dieser Jesus Christus ist dann sicherlich ein republikanischer US-Amerikaner mit  ausgezeichneten Geschäftsbeziehungen zu wahabitischen Prinzen der saudischen Erdölindustrie!!! Sorry, der Tritt gegen das Schienbein dieses unsäglichen Politpromis musste sein. KS)

Über die fatale Politik der USA und mit ihr des Westens siehe auch ein Interview aus 2015 mit Michael Lüders in diesem Blog: „Die ewige Doppelmoral des Westens“ und auch das bittere Resümee Robert Kennedys (jr) „Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“

Neu für uns Leser von 2018/19 sind Lüders Recherchen über die Rolle des Trump- Schwiegersohnes Jared Kushner im Zusammenspiel mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS) und israelischen Hardlinern, sowie Informationen über den furchtbaren Krieg im Jemen, über den hier in den Medien kaum etwas bekannt ist.

Anstelle einer ausführlicheren Rezension zu diesem Buch, hier der Link zu  einem exzellenten Interview im YouTube-Kanal „Jung & naiv“ mit dem Moderator Tilo Jung,  „Armageddon im Orient“, in dem Michael Lüders sich von Tilo Jung befragen lässt. Must see!

Unbedingte Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses Buch. (KS – 08-2019)

Die Wiege des Islam

Glen W. Bowersock:

Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen

Wenn man unter Wiege die frühe Umgebung verstehen will, in die ein kleiner Erdenbürger eingebettet ist, dann hat das Buch einen passenden Titel. Es geht ihm nämlich nicht in erster Linie um die Religion des Islam und seines Propheten Mohammed, sondern um die sozio-kulturelle Umgebung, in der der Islam entstand.

In der Überzeugung der großen Mehrheit der Muslime ist diese  Umgebung vor allem eine feindliche. Ob es nun die heidnischen Mekkaner, die Juden oder die Christen sind, immer sind es Leute und Überzeugungen, gegen die der Prophet Mohammed seine Berufung und seine Botschaft durchsetzen musste.

Das kann man durchaus auch so sehen, wenn man eben nur die durch den Islam sanktionierte Geschichtstradition gelten lassen will, nach der eben der Prophet ab dem Jahre 610 n.Chr. seine Offenbarungen empfangen hat, die im Koran niedergeschrieben sind.  Sie sind direkte und einzigartige Weisungen Gottes an die Welt, die keiner Voraussetzungen bedürfen. Also auch keiner Forschung, inwiefern die im Islam gültigen Lehren ihre eventuellen geschichtlichen Voraussetzungen im Judentum oder Christentum haben.

Für den westlichen Historiker eine ausgemachte Sache: So sehr  man auch die Originalität einer neuen Bewegung schätzen mag, nichts in der Kultur- und Religionsgeschichte entsteht voraussetzungslos. In unserem Fall: welche sozio-kulturellen und religiösen Erfahrungen haben  vermutlich den jungen Mohammed geprägt, bevor er zum Propheten des Islam  berufen wurde?

Oder welche  Bedeutung haben  politischen und kulturellen Großmächte jener Zeit Byzanz, Syrien und Persien für die Ausbreitung des Islam?  Weithin unbekannt die Rolle der christlichen Äthiopier, die unter einem König Abraha in der Region des heutigen Jemen das christliche Königreich Himyar mit der Hauptstadt Sanaa errichteten, das bis kurz vor Mohammeds Geburt im Jahre 570 n.Chr. entscheidenden Einfluss in Südarabien hatte. Anlass für die Intervention der Äthiopier auf der arabischen Halbinsel  war das Blutbad von Nadschraf, das zum Judentum konvertierte Araber an der dortigen Christengemeinde angerichtet hatten.

Dieses und vieles mehr gibt uns Bowersock zu lesen, und wir verstehen, dass dieses Südarabien, in dem der Islam entstand, nicht einfach eine  geschichtslose Wüstenregion war, in der vor allem Händler mit ihren Kamelkarawanen von Oase zu Oase wanderten, sondern eine Region, in der die prägenden kulturellen Kräfte jener Zeit sehr präsent waren.

Fazit

Ein hochinteressantes Buch für alle Leser, die sich bisher mit dem kulturell-politischen Umfeld der Entstehungszeit  des Islam nicht so sehr beschäftigt hatten. Eine kleine Kritik, die die Bedeutung des Buches nicht schmälert, sei mir aber erlaubt:  man muss sich in den einzelnen Kapiteln des Öfteren mit Wiederholungen abfinden, in denen der Autor Zusammenfassungen aus früheren Kapiteln zitiert. (Frage: Waren die Kapitel eventuell früher einmal Vorlesungen oder Vorträge? Dort machen solche Rückgriffe ja Sinn.)

Eine andere Frage ist mir aber durch den Autor zu wenig beantwortet. Was waren das für christliche Gemeinden in Arabien? Wir lesen von miaphysitischen (monophysitischen) Christen z. B. den Äthiopiern, oder auch persischen Nestorianern, für die Jesus nur eine göttliche Natur habe.  Auch gab es sicher  byzantinische Christengemeinden, die das chalzedonensische Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit bekannten .  Aber gab es denn nicht auch noch judenchristliche Gemeinden, für die Jesus  zwar der von Gott gesandte Prophet und Messias war, aber eben nicht Gott selbst als zweite Person der Dreifaltigkeit?

Diese Judenchristen  wurden ja sowohl von den orthodoxen Juden als auch von den anderen Christen abgelehnt und angefeindet. Ihre theologische Position passt  jedoch sehr  genau zu Mohammeds Überzeugungen bezüglich Jesus und Maria oder der Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften, Beschneidung, Thora usw. Dass Mohammed letztlich aber auch von ihnen nicht anerkannt werden konnte, hat wahrscheinlich mit seinem Anspruch zu tun, selbst „Das Siegel der Propheten“ zu sein, ursprünglich ein Würdetitel Jesu. Man wüsste gerne mehr…                                                    aber doch vier Sterne für das Buch. (KS 08-2019)

Andrea Böhms „Mappa mundi“

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung                                                             Eine Erkundung auf vier Kontinenten                                                                                             

 Dass Andrea Böhm eine unglaublich unerschrockene Reisende  ist und dazu auch noch wunderbar spannend erzählen kann, das konnten ihre Leser schon  in ihrem 2013 erschienenen Buch „Gott und die Krokodile“ erfahren, in dem sie von ihrer abenteuerlichen Reise durch den Kongo berichtet, wo sie alleine auf sich gestellt in die gefährlichen Gegenden des östlichen Kongo reiste, wo es für westliche Journalisten keine Sicherheitsgarantien gibt, wenn man wissen und berichten will, wie und von was die Menschen im Herzen Afrikas leben.   (Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben: Must read!)                                 

Nun hat sie 2017 ein neues Buch veröffentlicht, das von den Erfahrungen und Erkenntnissen neuer Reisen berichtet, die die Autorin  an Orten der Welt gemacht hat, von denen man wenig Verlässliches lesen kann. Als Korrespondentin großer Zeitungen wie der taz, GEO und ZEIT mit längerem Aufenthalt  in den USA glaubte sie die Welt eigentlich recht gut zu kennen. Verstärkt durch den Wohnungswechsel nach Beirut zweifelt sie aber immer mehr, ob ihre Sicht der Welt dem wahren Zustand der Welt entspreche. Dem will sie auf die Spur kommen.

Inspiriert wird sie durch eine historische Weltkarte, die  Fra Mauro, ein venezianischer Kamaldulensermönch, etwa um 1450 zeichnete und mit Informationen beschriftete. Seine Mappa mundi –  seine Weltkarte.  Sie enthält das aktuellste Wissen jener Zeit über die Geographie der Erde, wie man sie damals sah. Auch wenn Amerika noch nicht entdeckt  und deshalb nicht eingezeichnet war, so unterscheidet sie sich doch sehr von den damaligen Weltkarten. Nur gewissenhaft verbürgte Fakten und Erkenntnisse sollten in seiner Mappa mundi festgehalten werden. Keine Mythen und Legenden. So machte er entgegen der damals üblichen religiösen Vorstellung  z.B. nicht Jerusalem  zum Zentrum der Welt, sondern verortete es in das muslimische Bagdad. 

Auf dieser Weltkarte des Fra Mauro entdeckt Andrea Böhm Städte und Reiche, die es zwar heute noch gibt – damals sagenhaft reich und  attraktiv, heute aber für eher bedeutungslos gehalten, im Westen höchstens als humanitäre Katastrophengebiete erwähnt werden. Was aus ihnen geworden ist, das will sie persönlich erkunden.

Von Venedig, dem führenden „global player“  im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts, geht es nach Mogadischu in Somalia, einem ehemals bedeutenden Handelszentrum am Horn von Afrika am Indischen Ozean – heute ein fast symbolischer Name für eine „No go-area“ für westliche Besucher. Von dort aus nach Somaliland, einem Land, das es angeblich gar nicht gibt, und vom Rest der Welt auch nicht anerkannt wird. Weiter geht es nach Guangzhou, dem alten Kanton am Perlfluss in Südchina, dem historischen Handelshafen Europas mit China, das heute seine eigene Weltkarte zeichnet. Danach besucht die Autorin Bagdad, dem einstigen Mittelpunkt der Welt und nach Basra im Süden des Irak ins Flussdelta des Euphrat, wo die  Bibel das Paradies vermutete. Danach unter dem Titel Mare nostrum eindringliche Erfahrungen in den Städten des östlichen Mittelmeeres in Tyros, Sidon, Haifa, Ghaza und Alexandria. Und am Ende eine Erkundung einer Gegend am Ostrand Deutschlands, die sich Nowa Amerika nennt und den meisten Deutschen wohl ganz unbekannt sein dürfte.

Eindringliche  persönliche Erinnerungen und Kontakte der Autorin schildern Leben und Überleben von Menschen an diesen Orten im 21. Jahrhundert. Wer hätte zum Beispiel von uns gewusst, dass es in der Millionenmetropole Guanzhou in China ein eigenes Afrikanerviertel gibt, in dem respektable Geschäftsleute aus dem Senegal oder Nigeria  ihre Firmen in China  vertreten – eine Geschäftswelt, in der Europa und Amerika keine Rolle mehr spielen.

Der Leser wird sich  auch die Augen reiben über die Fülle historischer Daten und Fakten, die die Autorin  über die Geschichte und Bedeutung der besuchten Orte zusammengetragen hat, und die vielleicht die persönliche Weltanschauung ihrer Leser  um sehr wichtige Zusammenhänge bereichern wird.

Fazit

Fünf Sterne für ein äußerst lesenswertes Buch, dem man allerdings – und das ist meine einzige Kritik – einen attraktiveren Titel auf einem attraktiveren Cover gegönnt hätte. Auch wenn man  die provokante These vom Ende der westlichen Weltordnung als Andrea Böhms persönliches Resümee  ihrer Reiseerfahrungen teilen wird, so entspricht dieser dürre, fast akademische Titel doch nicht dem überaus lebendig erzählten  Lesestoff.

Authentische Berichte wie diese von  Orten einer Welt, über die wir in der Regel nur aus dem Blickwinkel westlicher Interessen etwas erfahren, sind so notwendig.  Nur wenn es uns gelingt, zu erfahren, wie die Menschen vor Ort über ihre Lage denken, werden wir eventuell verstehen, warum sich die Welt so verändert, wie sie das derzeit tut und eigentlich immer getan hat. Andrea Böhms Reisenotizen lassen etwas davon  ahnen.            (KS 07-2019)

Eintauchen in die Welt der Kindheit

Hajo Kurzenberger: Kopfweitsprung

 „Kopfweitsprung“ – ein wunderbarer Titel für das Projekt, das sich der Autor Hajo Kurzenberger vorgenommen hatte: im Alter von über 70 Jahren möglichst weit in die Welt seiner Kindheit einzutauchen, um ein Stück des eigenen Lebensweges  möglichst treu  nachzugehen und damit die eigene Biographie lebendig werden zu lassen. Aber auch, um  diese Geschichte der heutigen Generation zu erzählen, die sich die Welt der Nachkriegszeit in einer süddeutschen Kleinstadt nur noch schwer vorstellen kann. Das Buch ist ein großes Geschenk  an die Generation von  Enkeln und Urenkeln der Großfamilie und wird ihnen später eventuell helfen können, ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

Wie wir im Buch erfahren, zieht der Autor Hajo Kurzenberger nach Abschluss seiner beruflichen Karriere als Professor für Theaterwissenschaft in Hildesheim zurück ins Elternhaus seiner Heimatstadt Bruchsal, wo er 1944 geboren wurde. Der offensichtlich umfangreiche elterliche Nachlass an Dokumenten, Briefen, Tagebüchern  und Fotos provoziert ihn, diesen Fundus in Verbindung mit den eigenen Erinnerungen und Gefühlen in einem Buch lebendig werden zu lassen. Es ist der Blick zurück in eine Kindheit und Jugend, deren Leben entscheidend vom Aufstieg aus dem Desaster der Nachkriegszeit in  das „Wirtschaftswunder-Deutschland“ der 1950-er Jahre geprägt ist.

Hajo Kurzenbergers Elternhaus ist fast ein Paradebeispiel dafür. Dem Vater Ernst gelingt es zusammen mit seinem Geschäftspartner Kruse schon bald nach Kriegsende  in Bruchsal ein erfolgreiches Herrenbekleidungsgeschäft zu gründen, das der Familie in der Folgezeit einen respektablen Lebensunterhalt verschafft.

Es ist das Leben einer kleinbürgerlichen Familie im katholisch dominierten Milieu der süddeutschen Kleinstadt Bruchsal, wie es sich ähnlich in vielen katholisch geprägten Kleinstädten dieser Zeit abgespielt hat. Wenn da nicht der von Hajo sehr verehrte Vater Ernst gewesen wäre, in dessen Brust wohl zwei Herzen zu schlagen schienen: Die des Vaters und erfolgreichen Geschäftsmannes, der sein Leben lang auch ein begeisterter Ehepartner seiner Frau Ruth war und des leidenschaftlichen Liebhabers von Musik und Kunst. Es war der Vater, der dem Autor die Liebe und den Weg zum Theater ermöglichte, das später sein Beruf werden sollte-

Und noch etwas  unterscheidet diesen Mann von vielen Vätern dieser Zeit: Vater Ernst Kurzenberger hatte kein Problem mit einer verheimlichten Nazivergangenheit, was dem Sohn Hajo den Konflikt mit dem Vater ersparte, der viele Söhne dieser Generation in bittere Auseinandersetzungen mit ihren Vätern trieb.  Vater Ernst war seit früher Jugend begeisterter Pfadfinder, dessen Jugend von den Idealen und Reiseabenteuern der Pfadfinderschaft erfüllt war und der die nationalistische Pervertierung der Ideale der bündischen Jugend durch die HJ sowie das Verbot seiner Organisation den Nationalsozialisten persönlich übel nahm.

Es ist eines der sehr aufschlussreichen Kapitel des Buches, in dem der Autor versucht, das Denken und Fühlen der bündischen Jugend der 1920-er Jahre, die die Jugendjahre seines Vaters waren, zu beschreiben. Auch wird dadurch verständlich, warum der Versuch einer Neuerrichtung bündischer Jugend nach dem Kriege, ob nun Pfadfinderschaft oder katholische Jugend, letztendlich scheitern musste. Man konnte 1945 nicht einfach da weiter machen, wo man 1935 gezwungen wurde aufzuhören. Die Welt hatte sich entscheidend verändert. Es war zu viel passiert.

Ähnlich aufschlussreich ist auch das Kapitel „ Katholisch“, in dem der Autor sehr kenntnisreich und einfühlsam das Denken und Erleben der religiösen Welt seiner Kindheit und Jugend beschreibt.  Wie stark die Feiern und der Rhythmus des Kirchenjahres das Leben prägten.  Auch die damaligen Pfarrer sind ihm in durchaus positiver Erinnerung. Aber ähnlich dem Schicksal der Pfadfinderschaft und der bündischen Jugend war der Restauration des katholischen Milieus der 1930-er Jahre kein dauerhafter Erfolg beschieden, obwohl nach dem Kriege die Kirchen voll waren von Menschen, die nach der Katastrophe dort ihre Heimat suchten.

Fazit

Das Buch gehört in die Reihe der Bücher, die der Nachwelt einen authentischen Eindruck vom Leben einer vergangenen Zeit vermitteln möchten.  Sie sind wichtige Dokumente persönlich erlebter Zeitgeschichte. Viele Fotos im Buch  illustrieren die Erinnerungen. Der Autor Kurzenberger ist ein wunderbarer Erzähler, der aber dem Leser einiges abverlangt. Oft wird man von der Fülle der geschilderten Details überfordert. Das mag in vielem der treuen Dokumentation der Zeit zugute kommen.  So man aber kein Familienmitglied, Freund, Bekannter des Autors oder zumindest Bruchsaler ist, sind einem die Erinnerungsdetails in manchem zu reichlich und persönlich, sodass man öfter das Gefühl hat, an Familieninternas oder Lokalgeschichten  beteiligt zu werden, die man als „Fremder“ nicht unbedingt lesen müsste. Trotzdem sei die Lektüre allen „Nachkriegskindern“ sehr empfohlen.

Vier Sterne für den „Kopfweitsprung“

(KS 07-2019)

Nb. Bzgl Kriegs- und Nachkriegskindheit siehe auch                                                        „Missbrauchte Kindheit“ von Horst H. Geerken 

Deutschland musste mit Gewalt befreit werden…

Gedenktage sind oft unangenehme Pflichttermine, besonders dann, wenn sie uns Deutsche zwingen, uns an die beschämendste Zeit unserer nationalen Geschichte zu erinnern. Und besonders lästig dann, wenn man versucht, wie der Vorsitzende der AfD Gauland es tat, die NS-Zeit als „Vogelschiss in der großen deutschen Geschichte“ darzustellen und zugleich an nationale Gefühle und Vorstellungen zu appellieren, die notwendig seien, um  den globalen Krisen der heutigen Zeit begegnen zu können. Ein fatales Signal!

Es ist hoch an der Zeit, Reden wie die des Historikers Götz Aly, die er vor einigen Tagen in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag gehalten hat, sehr aufmerksam zu lesen, um sich wieder klar zu machen,  welch humanitäre Mega-Katastrophe diese NS-Zeit für uns Deutsche und Millionen Menschen in Europa war und ist. 

„Eine Rede von erhabener Sachlichkeit, Anschaulichkeit und Entschiedenheit“ hat sie der WELT-Korrespondent Robin Alexander bezeichnet. Vielleicht brauchen wir häufiger Reden von dieser Qualität. (KS 2019)

Götz Aly: 

Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 

Wir haben uns versammelt, um an den 27. Januar 1945 zu erinnern – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.  Erst in der Nacht zuvor hatten SS-Truppen das letzte der vier aus Erfurt gelieferten Großkrematorien gesprengt; eines war im Oktober 1944 bei einem Aufstand des „Sonderkommandos“ zur Leichen-verbrennung zerstört, die beiden anderen waren bereits im Dezember zerlegt und Richtung Mauthausen verfrachtet worden. Dort, am Rand der geplanten Alpenfestung, sollte unter dem Codewort „Neu-Auschwitz“ ein gleichwertiges Vernichtungslager entstehen. Bis Ende 1944 waren in Auschwitz eine Million Menschen ermordet worden, die allermeisten, weil sie Juden waren.

Am 27. Januar vor 74 Jahren verharrten noch etwa 7000 von den geflüchteten Wachmannschaften zurückgelassene, extrem geschwächte Häftlinge im Lager. Nach Gefechten mit Wehrmachtsverbänden erreichten zwei vermummte Soldaten das Tor von Auschwitz-Birkenau um 15.00 Uhr. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Soldaten per Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“

Am 15. April rückten britische Truppen auf das Konzentrationslager Bergen-Belsen vor. Auch dort waren die deutschen Bewacher jäh verschwunden. Wie die ungarische Jüdin Lilly Weiss bezeugte, die als einzige ihrer großen Familie überlebte, herrschte unter den Häftlingen äußerste Spannung. Man hörte Schüsse und Kanonendonner – bis plötzlich aus einem Lautsprecher diese Sätze erschollen: „Hier sind die Soldaten der Britischen Armee! Ihr seid frei! Ab morgen gibt es Lebensmittel. Die Kranken werden versorgt, die Gesunden kommen in Quarantäne. Sie können nach Hause. Keine Panik! Jeder bleibt an seinem Platz! Bergen-Belsen ist befreit!“

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Text als Veröffentlichung der „Berliner Zeitung“ – Vielen Dank.

Ein echter Kutscher…

Volker Kutscher:  Märzgefallene

Auch Kriminalkommissar  Gereon Raths  fünfter  Fall „Märzgefallene“  ist ein echter Kutscher-Krimi dieser  ganz besonderen Klasse. Hat man sich einmal ein wenig eingelesen, kann man sich nur schlecht von der Lektüre trennen. Als „Kutscher-Fan“ weiß man ja eigentlich, welche Szenarien  uns im Berlin der frühen dreißiger Jahre erwarten, in denen sich die Kriminalstory ereignet und ist gespannt, in welches Berlin uns Gereon Rath dieses Mal bei seiner Arbeit mitnimmt. Auch in diesem Buch fasziniert die Kombination von toll erdachtem Kriminalfall und der genauen Recherche der historischen Details  dieser Zeit.

Es ist im neuen Fall nicht so sehr das kriminell vergnügungssüchtige „Babylon“ Berlin,  sondern das politisch und sozial brisante Berlin nach der Machtübernahme der Nazis im Frühjahr 1933, das wir literarisch erleben. Wir verfolgen die „Machtergreifung“ der NSDAP auf der Straße bis in die Behörden von Polizei und Justiz. Missliebige Beamte werden entlassen oder  degradiert, und auf der Straße macht die SA als offizielle Hilfspolizei hemmungslos Jagd auf politische Gegner. Viele Menschen möchten noch nicht glauben, dass man sich in einer schicksalhaften politischen Wende befindet. Auch Gereon Rath will das für eine vorübergehende Erscheinung halten, die sich bei der nächsten Wahl wieder umkehren könnte. Seine Verlobte Charly Ritter ist da entschieden anderer Meinung und möchte nicht weiter als Kommissar-Anwärterin bei der Polizei arbeiten.

Im Zentrum der Kriminalgeschichte  der „Märzgefallenen“  steht eine Gruppe ehemaliger Soldaten, deren elendes Schicksal in den Nachkriegsjahren mit einem mysteriösen Verbrechen aus den letzten Tagen des 1. Weltkrieges  verbunden ist.  Der Erfolg der Ermittlungen des Kommissars Rath wird deprimierend  bestimmt bzw. behindert durch den „neuen Wind“, der im Polizeipräsidium weht.  Der neue NSDAP-Polizeipräsident Magnus v.Levetzof hat ganz bestimmte Erwartungen. Für den Reichtagsbrand  im Januar 1933 hat man mit dem  geistesgestörten van der Lubbe schnell einen Täter gefunden.  Der politisch passende Täter  für die „Märzgefallenen“ soll ein jüdischer Hauptmann des 1. Weltkriegs sein, auf den alle Merkmale  des Nazi-deutschen Judenhasses zutreffen würden. Er soll  in den letzten Tagen des 1. Weltkrieges belgisches Beutegold versteckt und Mitwisser bedenkenlos ermordet haben. Dass zum Ende dann doch die echten Täter überführt werden können, ist der kriminalistischen Hartnäckigkeit des Gereon Rath und seiner Verlobten Charly zu verdanken.

Eine attraktive Lektüre mit viel Spannung und Information.  Eine kleine Anmerkung sei mir aber erlaubt: Auch wenn  der Kommissar Gereon Rath mit der Verfilmung  von „Babylon Berlin“ durch Volker Bruch ein bestimmtes Gesicht bekommen hat, so fällt es auch nach diesem fünften Buch schwer, mir Kutschers  literarischen Kommissar Gereon Rath präziser vorzustellen: Ein „Kölsche Jung“ aus prominentem Elternhaus mit Karnevalsheimweh in Berlin. Ein furchtlos findiger Ermittler mit jeder Menge Ärger im Polizeipräsidium und dubiosen Kontakten zum Chef einer Gangsterorganisation.  Trotz stark strapazierter Liebesbeziehung heiratet  er nach langem hin und her dann endlich seine Verlobte Charly Ritter, mit deren Hilfe aus  Hannah und Fritzi, zwei arg mitgenommenen Straßenkindern,  innerhalb weniger Wochen brave Pflegekinder werden. Das ist nach all dem harten Kriminalstoff doch etwas gewöhnungsbedürftig. „Wenn sie nicht gestorben sind, dann…?“  Man wird sehen, was im nächsten Roman aus der Familienidylle  geworden ist. Einstweilen trotzdem fünf Sterne für die „Märzgefallenen. (KS – 2019)