Archiv nach Autor: klaussturm

Horst H. Geerkens Familien-Saga

DIE AHNEN von Horst H.Geerken

Eine Familiengeschichte in Wort und Bild:                                                                              Geerken/Gerken , Thiel, Mannhardt, Schenk

Ein wunderbares Buch für alle Leser, die irgendwann auf den Gedanken kommen, sich mit der Lebensgeschichte der Männer und Frauen der eigenen Familie zu befassen. Warum bin ich so, wie ich bin und wie ging es denn den Menschen meiner Familie früher? Wo kommen wir denn eigentlich her? Die Älteren unter uns Lesern wissen ja bereits, dass das Interesse daran meist erst in einem Alter einsetzt, in dem schon viele Leute nicht mehr leben, die uns noch authentische Information über die Familiengeschichte und die dazu gehörenden Fakten und Geschichten geben könnten.

Und so  ging es auch dem Autor, der  im Nachwort zu seinem Buch bekennt, leider so manche Familienmitglieder nicht mehr befragen zu können, die noch etwas  wissen konnten über das Leben der Generation davor. Umso erstaunlicher ist aber, was dem Autor in seinem Buch trotzdem gelungen ist: Eine aufwändig historisch abgesicherte Geschichte seiner Vorfahren. sowohl väter- wie mütterlicherseits zu erstellen, die vom Mittelalter bis zum 85. Geburtstag des Autors in 2018 reicht. Erfasst ist die Genealogie der Familien Geerken/Gerken , Thiel, Mannhardt, Schenk.

Viele Jahre hatte Horst H. Geerken  einfach Dokumente und Zeugnisse der Familie gesammelt und abgelegt, bis er fand, dass all diese Dokumente in einen Zusammenhang gebracht werden müssten. Die Idee eines Buches war geboren.  Er meinte, es sei „höchste Zeit, den Stab der Erinnerungen an die noch junge Generation der Nachkommen weiter zu geben.“ Das war bei der Fülle des Materials keine einfache Sache. Ein großes Kompliment an den Autor.

Aber es gibt ja auch wirklich Erstaunliches zu erzählen  und zu berichten über die Vorfahren der Familie des Autors. Auch wenn die Recherche sehr zeitaufwändig gewesen sei, hätte es aber „Freude gemacht, auf den Spuren der Ahnen zu wandern.“  Einiges war bekannt, z.B. dass der Großvater Johann Hinrich Geerken Kunstmaler war und aus Norddeutschland ins Schwabenland kam, aber nicht in der Lage war, seine  Frau und fünf Kinder zu versorgen. Aber dass  z. B. die Tante, Haushälterin bei Albert Einstein war, schien vielleicht nicht so bekannt gewesen zu sein. Auch vielleicht, dass Graf Luckner, ein Seeheld des 1. Weltkriegs, der heimliche Geliebte der Tante Lydia war.

Es gibt so viel zu berichten, was den Nachfahren doch interessant erscheint. Unter den Vorfahren mütterlicherseits fand sich z.B. der berühmte Turmuhrmacher-Meister Johann Michael Mannhardt, dessen Turmuhr heute noch im Köln zu besichtigen ist. Er wiederum war der Sohn eines Klosterbruders, der wohl infolge der Säkularisation seines Klosters seinen Beruf als Braumeister nicht mehr ausüben konnte, seine Kutte an den Nagel hängte und eine Familie gründete, aus deren Schoss nach fünf Generationen der Fernmelde-Ingenieur Horst H. Geerken , der Autor dieses Buches, hervorging.

Und das scheint mir die Stärke dieses Buches auszumachen: Aus dem eigentlich nur historisch-genealogisch und vor allem die weit verzweigte „Geerken-Sippe“ interessierenden Werk, entsteht durch die Erzählung des Autors eine richtig spannende „Familiensaga“,  die auch gut hätte ein Roman sein können, wenn sie nicht vom wirklichen Leben der Familie Geerken berichten würde.  Eine wahrhaft kosmopolitische Familie, deren Mitglieder heute in Europa, USA und Australien zuhause sind.  Die vielen Fotos veranschaulichen das Gelesene.

Der bewegendste Teil des Buches ist die erlebte Zeit des Autors von 1933 bis 2018. Freimütig und detailliert lässt er den Leser an seinem Erleben dieser Zeit teilnehmen.  An der Not der Kindheit der Schwester und des Bruders in Kriegs- und Nachkriegszeit, den Schwierigkeiten des Vaters mit der „Entnazifizierung“, der Jugend in der frühen Bundesrepublik, der ersten Liebe, seinen Hobbies und Leidenschaften, dem beruflichen Werdegang, der 18 erfolgreichen Jahre als Resident der  Firma AEG-Telefunken in Indonesien, der Gründung der Familie mit der Geburt der Tochter in Jakarta, der Übersiedlung nach Australien und der Scheidung  der Ehe, den letzten Jahren der Eltern, dem Leben mit der neuen geliebten Lebensgefährtin und ihrem frühen Tod, der Freude über  die Enkelkinder, denen dieses Buch gewidmet ist.  Horst H. Geerkens Vermächtnis an die nächste Generation, deren lebender „Ahne“ er inzwischen geworden ist.

Fazit: Ein wunderbares Buch für alle, die sich auf eine wahre „Familien-Saga“ einlassen wollen. (KS – Nov 2018)

Nb. Über die Lebensepoche des Autors in Indonesien siehe https://klaussturm.wordpress.com/2017/10/03/toke-toke/  und https://klaussturm.wordpress.com/2017/10/26/erlebtes-indonesien-von-1964-bis-2014/

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Herbstgedanken 2018

 

 

 

 

 

 

 

Was war dieser Sommer schön! Die Sonne verwöhnte uns so lange. Das Wasser der Seen war warm, um  täglich darin zu schwimmen. Wie oft konnte man bis spät abends noch draußen sitzen, sich mit Freunden und Nachbarn unterhalten und ein Gläschen trinken. Aber nun ist auch der sommerliche Herbst vorbei und der schönste Sommer hat ein Ende. Die Position des Erdballs zur Sonne lässt uns Menschen auf der Nordhalbkugel keine andere Option: Der Winter wird kommen, ob uns das gefällt oder nicht. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Man kann sie nicht aufhalten.

Gegenwart ist eine sehr vergängliche Seinsweise. Es gibt sie eigentlich gar nicht. Die Zukunft ist das Problem. Unaufhörlich produziert sie Vergangenheit, auf die wir dann traurig, sehnsüchtig oder manchmal auch  froh zurückblicken. Wir stehen an Deck und schauen zurück auf das sich entfernende Land, während unser Lebensschiff unbeirrbar dem Horizont unseres Lebens entgegen fährt…

Oh ja, der Sommer war sehr schön!

DIE HERZEN DER MÄNNER

Die Herzen der Männer

von Nickolas Butler

Wer von diesem Buch erwartet hatte, dass es uns etwas über die Herzen aller Männer dieser Welt erzählen würde, der wird als deutscher Leser erfahren, dass es in diesem Buch vor allem um die Herzen amerikanischer Männer, und zwar weißer Männer aus Eau Clair/ Wisconsin im mittleren Westen der USA, geht. Noch genauer um die Geschichten von drei Männern, ihren Frauen, ihren Vätern und Müttern, deren Leben wir  über eine Zeit von 1962 bis 2019 verfolgen dürfen. Natürlich geht es in diesem Buch auch um grundlegend menschliche Beziehungsprobleme zwischen Freunden, zwischen Männern und Frauen, der ersten Liebe, dem oft sich abnutzenden Gefühlen im Ehealltag, der Gewalttätigkeit betrunkener Ehemänner, ja auch einer versuchten Vergewaltigung. Aber das alles spielt sich auf einer sehr amerikanischen Bühne ab.  Wenn wir diese Einschränkung akzeptieren, dann dürfen wir an einem hinreißend erzählten Lebensdrama der Freunde Nelson und Jonathan und dessen Sohn Trevor teilnehmen.

 Wenn im ersten Teil des Buches die Welt des amerikanischen Pfadfindersommerlagers Camp Chippewa von 1962 sehr ausführlich geschildert wird, dann ahnt man,  der Autor Nickolas Butler muss das selbst erlebt und beobachtet haben. Ebenso, wie es um die  Herzen 13-jähriger Jungen bestellt ist, die in diesem Lager zu vorbildlichen Amerikanern erzogen werden sollen, deren Erfahrung im Lager ihnen später als Soldaten zugutekommen soll.  Die Väter, als ehemalige Pfadfinder begleiten ihre Söhne in diesen Lagerwochen, wobei sie sich erlauben, in dieser Zeit auch Urlaub von ihren Ehefrauen zu nehmen. Trevor muss erfahren, dass sein toller Papa schon einige Jahre eine Freundin hat, und ihm während dieses Sommerlagers klar macht, dass er sich scheiden  lassen will. Für Trevor bricht eine Welt zusammen, zumal ihm sein Vater unbedingt beibringen möchte, dass seine unbedingte Liebe zur Schulkameradin Rachel auch keine Zukunft haben würde. Dass sich Trevor und Rachel in späteren Jahren nach einigen Umwegen  doch noch einmal finden und ein unzertrennliches Ehepaar werden, gehört zu den überraschenden Wendungen der Geschichte.

Sowohl Nelson, als auch Jonathans Sohn Trevor, werden später beim Militär  ihre entscheidende Prägung erfahren. Der erwachsene Nelson als traumatisierter Vietnamheimkehrer, der immer wieder in Albträumen von den Erlebnissen dieses Krieges heimgesucht wird, und sich nicht wieder in einem normalen bürgerlichen Leben zurecht findet und von Gelegenheitsjobs lebt, sieht seine weitere Lebensaufgabe darin, im Sommer als Leiter des Pfadfinderlagers, die Jungen einer neuen Generation im Geiste der amerikanischen Pfadfinder zu erziehen. Auch Trevor, der Sohn seines Freundes Jonathan wird die jährlichen Sommerferien dort verbringen und von ihm geprägt werden.

Auch noch Trevors Sohn Thomas, Jonathans Enkel, muss im Jahre 2019 noch im Alter von sechzehn Jahren mit seiner Mutter Rachel in das Pfandfindercamp fahren, das immer noch von dem alten Nelson geleitet wird. Thomas Vater Trevor, ein im Afghanistankrieg hochdekorierter Soldat, kam noch vor der Geburt seines Sohnes durch einen unglückseligen Zufall ums Leben. Rachel als allein erziehende Mutter versucht ihren Sohn im Geiste und in der Verehrung seines Vaters zu erziehen, muss aber erkennen, dass sie als Frau in dieser Männerwelt des Lagers deplatziert ist. Ebenso ihr Sohn Thomas, wie viele anderen Jungen der Smartphone- Generation übrigens auch, will nichts mehr mit dieser Lagerwelt zu tun haben. Nelson wird schwer verletzt und stirbt, als er die versuchte Vergewaltigung Rachels durch einen Lager-Vater gerade noch verhindern kann. Nelsons Tod bedeutet auch, dass die Welt dieses „Pfadfinder-Amerika“ zu Ende geht.

Fazit: Ein hinreißendes, wunderbar erzähltes Buch über die Welt  der Menschen des weißen Amerika im mittleren Westen. Erinnerungen an die Männergeschichten von John Updikes „Rabbit“ seien erlaubt. Sollte dieses Buch von Autor Butler aber als gewollt literarisches Porträt von Menschen des gegenwärtigen Wisconsin sein, dann bleiben doch einige Fragen. Außer ein paar Redewendungen über Demokraten oder Republikaner und die Traumata von Vietnam, Afghanistan und Irak, keine Erwähnung der gegenwärtigen innenpolitischen Konflikte der USA im Zusammenhang mit der Wahl Trumps zum Präsidenten und der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Kein Echo auf das Desaster der Bankenkrise 2008 .  Auch scheint es in der Welt von Eau Clair keine Afroamerikaner und keine lateinamerikanischen Migranten zu geben. Jedenfalls scheinen sie  im Leben für Butlers Protagonisten keine Rolle zu spielen. Ist das gewollt oder vergessen?

 Vielleicht muss man dann doch auch J.D.Vance „Hillbilly Elegie“ lesen, um sich ein kompletteres Bild dieses weißen Amerika zu machen, um die Herzen der amerikanischen Männer ein wenig zu verstehen. (KS – Okt. 2018)

Nb. Mit Dank an meine belesene Schwester Agi, die – wohl vom Titel verführt – mir dieses Buch ungelesen zum Geburtstag schenkte, und der ich es jetzt wohl zur Lektüre unbedingt  zukommen lassen muss.

J.S.Bach’s MATTHÄUSPASSION in Eschweiler

 

Auch wenn uns Heutigen die Texte der Arien  und Rezitative  der Matthäuspassion aus dem barock-pietistischen Lebensgefühl heute nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar sein mögen, so ist es die geniale Kraft der Musik Johann Sebastian Bachs, die uns  alle auch heute noch in ihren Bann schlägt.

Und so waren auch alle Mitwirkenden aus Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler  stolz und glücklich, als nach fast dreistündiger Aufführung fest stand, dass die lange und intensive Probearbeit der vergangenen Monate nicht umsonst gewesen war. 

Die begeisternde Kompetenz unseres Dirigenten Jeremy Hulin hatte uns überzeugt, diese schwierige Herausforderung meistern zu können. Der Applaus des Publikums in der St. Peter und Paul-Kirche gab ihm recht. Ein großes Dankeschön für dieses Erlebnis. (KS)

Detailliertere Information zum Werk und den Mitwirkenden sind hier zu finden.

 

„The poor Palatines“– oder wie kamen arme Pfälzer 1709 in die Londoner Schlagzeilen?

Daniel Defoe:  Kurze Geschichte der Pfälzischen Flüchtlinge

Das war ja spannend: Ein weltbekannter englischer Schriftsteller wie Daniel Defoe, Autor des Romans „Robinson Crusoe“ soll in England eine Schrift über Pfälzische Flüchtlinge verfasst haben?  Das wäre ja nicht nur speziell für heutige Pfälzer, sondern auch für andere deutsche Landsleute eventuell ganz interessant.  Ja, Defoe hat tatsächlich am 11. August 1709 den Traktat  A Brief History oft he Poor Palatine Refugees in London  veröffentlicht. Ein hoch politischer Text, über 300 Jahre alt, der zudem noch eine aktuelle  Brisanz zur heutigen Flüchtlingsdebatte in Deutschland hat.

Besser informierte Leser mögen es mir gnädig nachsehen – ich wusste nicht, dass   Daniel Defoe –  der Autor des Romans „Robinson Crusoe“ – in seiner Zeit vor allem ein sehr gefragter politischer „Journalist“ war, der Zugang  zu wichtigsten Vertretern der damaligen britischen Regierung der Königin Anne Stuart hatte und der seit 1706 regelmäßig in der politischen Zeitschrift „Review“ seinen Kommentar zur „Lage der Nation“ beisteuerte. Ein bisschen Recherche  im Internet macht ja– Google sei Dank – oft ein wenig schlauer.

„Fake-News“ mit tragischen Konsequenzen! 

Aber was hat es denn nun mit den armen Pfälzer Flüchtlingen auf sich?  Im Sommer 1709 in London scheint es das brisanteste soziale Problem gewesen zu sein: Zu Zehntausenden kommen  Menschen aus der Pfalz und Süddeutschland nach England, um Armut und religiöser Verfolgung zu entfliehen und eine bessere Zukunft in den englischen Kolonien Nordamerikas zu finden. Sie verlassen eine pfälzische Heimat, die im  pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) von den Heeren des französischen  Königs Louis XIV. barbarisch verwüstet fast unbewohnbar war. Sie hatten außerdem einen Winter(1708/09) hinter sich, der zu den kältesten Wintern Mitteleuropas zählt. Man hatte den Menschen erzählt, in Carolina, in Amerika würden dringend Menschen gesucht, und die gute englische Königin Anne würde die Überfahrt dorthin bezahlen, was aber nicht der Wahrheit entsprach, wie sich dann in London herausstellte. Auch wenn England tatsächlich Zuwanderung in den Kolonien brauchte, eine solch hohe Zahl an Menschen zu befördern, war sowohl technisch als auch ökonomisch nicht machbar. Defoe hat es in seinem Traktat dokumentiert.

Helfen oder zurückschicken? 

Was aber tun mit zehntausenden mittellosen Menschen, die zunächst  ganz auf die soziale Wohltätigkeit der englischen Bevölkerung angewiesen waren?  Die Diskussion in der Bevölkerung ging hoch her. Besonders die mit eingereisten Katholiken sollte man sofort wieder zurückschicken. Nach eingehender Recherche bei der Regierung und unter den Flüchtlingen, kommt Defoe zu dem Schluss: die beste Lösung sei eine schnelle und systematisch betreute Einbürgerung. Die Flüchtlinge aus der Pfalz seien ehrliche und arbeitsame Leute.  Defoe nennt  detaillierte  Zahlen  und listet  auf, aus welchen Gegenden und Städten der Pfalz die Menschen kämen und  welche Berufe sie hätten. (Er weiß auch, wo Germersheim, Heidelberg, Frankenthal und Philippsburg usw liegt..)

England sei es seiner christlichen Religion schuldig, verfolgte protestantische Flüchtlinge aufzunehmen und sie so schnell wie möglich in Arbeit zu bringen und einzubürgern. Selbst wenn religiöse Verfolgung nicht  der hauptsächliche Auswanderungsgrund sei, so gäbe es doch eine menschliche Pflicht zur Hilfe.  Das führe darüber hinaus zu nationaler Ehre und verspreche außerdem einen beträchtlichen wirtschaftlichen Gewinn. Das belege der Blick auf andere erfolgreiche Länder wie z.B. die Niederlande und Brandenburg, wo die Aufnahme von Einwanderern zu erheblichem staatlichen Wohlstand geführt habe. Soweit das Plädoyer von Daniel Defoe.

Wie es denn den „poor Palatines“ – wie sie in England genannt wurden tatsächlich danach ergangen ist, weiß man nicht so genau. Etwa 3000 Menschen habe man nach Irland gebracht, die Hälfte davon war schon nach einigen Monaten wieder in London. John Robert Moore vermutet in seinem Vorwort, dass wohl ein Teil der Menschen tatsächlich in England geblieben oder wieder auf den Kontinent zurückgekehrt oder auch umgekommen sei. Andere Quellen berichten, dass  tatsächlich ein Teil der armen Pfälzer – nämlich etwa 600 Menschen – eine Schiffspassage ins gelobte Land Carolina geschafft hätte. Davon seien aber nur etwa 300 lebend angekommen. (siehe: Die Queen und ihr Flüchtlingsproblem)

Pfälzer in Amerika

Übrigens war diese geschilderte Auswanderungsbewegung aus der Pfalz in Richtung Amerika weder die erste, noch die letzte. Die größte Welle wird das 19. Jahrhundert bringen, in dem neben Millionen Deutschen  auch wieder zehntausende Pfälzer in die USA emigrieren, dann nicht über den Umweg Rotterdam und England, sondern auf direktem Wege über die Häfen Bremen und Hamburg. Amerika, das Sehnsuchtsland der Migranten des alten Europa. Aber dass nicht jede gelungene Auswanderung nach Amerika auch ein glückliches Schicksal bedeutete, davon  kann so manche Familiengeschichte erzählen. (Und dass nicht jeder erfolgreiche pfälzische Auswandererenkel ein Glück für den Rest der Welt bedeutet, das dürfen wir derzeit  mit Donald Trump erleben. Aber das ist ja noch nicht das Thema von Daniel Defoe.)

Zeitversetzte Aktualität

Was uns an seiner kleinen Geschichte berührt, ist die zeitversetzte Aktualität der Problematik mit unvorhergesehener Massenmigration, der sich eine Gesellschaft plötzlich gegenübersieht. Auch wenn man die Zeiten und die konkreten Bedingungen des Flüchtlingsstroms nach Europa, besonders nach Deutschland mit der Situation in England vor 300 Jahren nicht ohne weiteres vergleichen kann – die Kriege damals waren ein rein europäisches Desaster, die kulturelle Identität europäisch, – so ähneln doch aktuelle Situationen heute erschreckend den Ereignissen von damals.

Da kommt vor 350 Jahren eine wohlhabende und begehrte Region  wie die schöne Pfalz aufgrund dynastischer und religiöser Machtinteressen  erst im 30jährigen Krieg und dann ein paar Jahre später im pfälzischen Erbfolgekrieg in die erbarmungslose Mühle katastrophaler Kriege, denen man nur durch eine geglückte Flucht entrinnen konnte. Irgendwohin, wo man erwartete,  für sich und die Seinen ein besseres Leben zu finden. Eine Situation, die der in Syrien, im Irak und in so vielen Gegenden der Welt im Jahre 2018 so bedrohlich ähnelt. Und dann die Problematik, im erreichten Land aufgenommen und akzeptiert zu werden, auch wenn heute vor allem die kulturell-religiösen Probleme islamischer Migranten eine Integration erschweren. Ich denke aber, Defoes Plädoyer, Migranten schnell in Arbeit zu bringen, für sich selbst sorgen zu lassen und damit auch eine Einbürgerung  möglich  zu machen, ist auch heute noch ein sehr guter Rat.

Auch wenn Defoe’s Text über 300 Jahre alt und seine Ausdrucksweise oft von barocker Weitläufigkeit ist, lohnt es, ihn zu lesen. 85 Seiten sind auch gut zu schaffen. Dank an meine Schwester Hildegard, die mir das Büchlein zur schnellen Lektüre zugeschickt hat.  (KS – Febr. 2018)

Zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema:

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/03/Massenauswanderung                                                                                                                                                                                                        http://www.zeit.de/2016/01/deutsche-fluechtlinge-london-daniel-defoe-anne-stuart

https://de.wikipedia.org/wiki/Massenauswanderung_der_Pf%C3%A4lzer_(1709) 

http://www.woerterwoelfe.de/?p=3401

INDONESIEN UND HITLER…???

Horst H. Geerken: Hitlers Griff nach Asien Bd. 1 +2

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Indonesien und Hitler…?

Hat sich Hitler tatsächlich für Indonesien interessiert? Das fragte sich  auch der Autor Horst H. Geerken, als er im Laufe seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit für AEG-Telefunken in Indonesien dort immer wieder  auf Berichte und Fakten aus dem  2. Weltkrieg stieß, die nicht ohne weiteres erklärlich schienen und die ihn bis heute beschäftigen.  Dass Indonesien schon vor dem 2. Weltkrieg eines der tropischen „dreamlands“  der Deutschen war, das konnte der Autor im Rückblick auf seine eigene Jugend bestätigen.

Wie  kommt es aber, dass  z.B. der  Massenmörder Hitler noch heute  bei vielen Indonesiern  eine Popularität genießt, die bei uns Deutschen mindestens ein ungläubiges Kopfschütteln provoziert? Wie erklärt sich, dass in den Bergen  Westjavas  nicht weit von Jakarta auf dem Soldatenfriedhof ARCA DOMAS die Gräber deutscher  Marinesoldaten zu finden sind?  Was hat Indonesien überhaupt  mit Deutschlands Weltkrieg zu tun?

Horst H. Geerken begann intensiv zu recherchieren und förderte Erstaunliches zu Tage. Zwei Bände umfasst seine Dokumentation unter dem Titel „Hitlers Griff nach Asien“, die 2015 veröffentlicht wurde. Vieles dürfte auch für professionelle Historiker neu sein. Geerken entdeckt z.B. bei seinen Recherchen   Dokumente über und von SS-Brigadführer Walter Hewel, einem sehr engen Vertrauten Hitlers,  der  in den dreißiger Jahren leitender Angestellter auf einer  britischen Teeplantage in Westjava war und  im damaligen  Indonesien eine wichtige Rolle als Vertreter der NSDAP für die dortigen Auslandsdeutschen spielte. Zurück in Deutschland war Hewel ab 1938 Hitlers Verbindungsmann zu Ribbentrops Außenministerium mit speziellem Bereich  für Südostasien.  Durch diesen engen persönlichen Kontakt ist wohl auch das Interesse Hitlers an Indonesien erklärbar.

Auch wenn professionellen Historikern die Dimension von Hitlers Weltkrieg natürlich klar ist,  im Bewusstsein der  deutschen Öffentlichkeit ist der 2. Weltkrieg  aber vor allem eine Kriegskatastrophe   auf europäischen Kriegsschauplätzen.   Dass dieser  Krieg aber ein wahrhaftiger Weltkrieg war, lässt sich in  Geerkens Buch detailliert nachlesen, wie  Hitlers Politik und Krieg sich z.B.  auf den südostasiatischen Raum auswirkte. Die  Verflechtungen von Japans Krieg in Ostasien mit den Interessen  und Kriegszielen Hitlers in Europa. Die Brutalität des Krieges auf den asiatischen Kriegsschauplätzen. Die Unterstützung Hitlerdeutschlands für den indischen Freiheitskämpfer Chandra Bose, den neben Mahatma Ghandi wichtigsten Protagonisten eines unabhängigen  Indien.  Die Situation und das Schicksal der Auslandsdeutschen jener Zeit in China, Japan und Indonesien. Der deutsche U-Bootkrieg und die abenteuerlich-katastrophalen Operationen deutscher U-Boote im Indischen Ozean sowie die Stützpunkte der Deutschen Kriegsmarine in Malaysia, Singapur und Indonesien.  Das Schicksal  der deutschen Marinesoldaten in Indonesien 1945/46 nach der Kapitulation Deutschlands und Japans.  Das alles ist  sehr informierend und spannend zu lesen.

Die Verflechtung von Indonesiens Geschichte mit Deutschland hat – abgesehen von der  historischen Bedeutung vieler bekannter deutscher Persönlichkeiten im einstmaligen „Nederlands Indie“  – einen besonders brisanten Berührungspunkt: Die Besetzung Hollands 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Für die indonesische Unabhängigkeitsbewegung unter ihren Führer Soekarno war das die Niederlage der Kolonialmacht Holland. Hitler und Deutschland – neben dem damals siegreichen Japan – als einer der faktischen Väter der indonesischen Unabhängigkeit, so sahen es die indonesischen Freiheitskämpfer.  Indonesien und Hitler…?.. Sic!

Im letzten Teil des 2. Bandes schildert Geerken den indonesischen  Unabhängigkeitskampf  von 1945 bis 1949, den Anteil und die Rolle Deutschlands beim Aufbau des jungen Staates, von dessen Geschichte die Hunderttausenden deutscher Bali-Touristen wohl recht wenig wissen und von der in den Prospekten der Reiseveranstalter nicht viel zu lesen ist.

Für alle, die doch ein wenig mehr wissen wollen, ist Geerkens  „Hitlers Griff nach Asien“   anschaulich spannend erzählte Geschichte, die in dieser Form bisher noch nicht zu lesen war. Fünf Sterne und unbedingte Leseempfehlung. (KS)

NB. Eine empfehlenswerte Rezension bei AMAZON:                                                                Eine Geschichte von Helden und Schurken am fernen Ende der Welt

siehe auch:                                                                                                                                         Herwig Zahorka:    Die Geschichte des deutschen Soldatenfriedhofs ARCA DOMAS

 

Ein Sankt Nikolaus-Konzert 2017

„CONFESSIONES – 2017“

Mit dem Titel „Confessiones“ verbindet sich literaturhistorisch eigentlich der Name des Kirchenlehrers Augustinus, der ( 397- 401 n.Chr.)  in den „Confessiones“ – seinen „Bekenntnissen“ – seinen Lebensweg zum christlichen Glauben aufgeschrieben hat.        Mit „Confessiones – 2017“ habe ich   hier die Bekenntnisse dreier Männer getitelt, die ihren langen Weg nicht in,  sondern aus der überlieferten christlichen Glaubenswelt  beschreiben.

  • Hubertus Halbfas: Glaubensverlust  
  • Kurt Flasch:             Warum ich kein Christ bin
  • Heiner Geissler:     Kann man noch Christ sein – wenn man an Gott zweifeln muss?

Alle drei – bekannte Leute: Kurt Flasch  (geb. 1927),  Deutschlands bekanntester Experte für alte Philosophie-Geschichte, Hubertus Halbfas ( geb. 1932), prominenter Professor der Religionspädagogik und  Heiner Geissler (1930-2017), der streitbare CDU-Politiker, dessen Buch nun fast ein Testament ist, da er 2017- kurz nach dem Erscheinen des Buches – gestorben ist.

Drei Autoren, die im hohen Alter von über 80 Jahren öffentlich Rechenschaft über ihre religiösen Überzeugungen ablegen, nicht als mediale Provokation, sondern als Resümee eines langen Lebensweges in Auseinandersetzung mit den tradierten christlichen Glaubenslehren, die sie nicht mehr teilen können. Jedes dieser Bücher wäre eine eigene Besprechung wert, hat  doch jedes seinen ganz eigenen persönlichen Problemansatz. Schon die Buchtitel verraten das ja.

Gemeinsam ist ihnen jedoch das Fazit, dass das tradierte christliche Credo für einen intellektuell redlichen Menschen von heute so nicht mehr nachvollziehbar sei. Dieses Fazit rechtfertigt vielleicht auch eine gemeinsame Besprechung.  Dass es angesichts der sich leerenden Kirchen nicht einfach um eine Kirchenkrise handelt, der man organisatorisch beikommen könnte, sondern dass es sich um eine fundamentale Krise des christlichen Glaubens handelt, deren Gründe viel tiefer zu suchen sind.   Es geht um die Antwort auf fundamentale Problemkreise:

  • Das christliche Credo als Basis christlicher Glaubensüberzeugung
  • Die heiligen Schriften und die historisch-kritische Textforschung
  • Der Jesus der Evangelien und die dogmatische Christologie
  • Biblische Gottesvorstellungen und die christliche Theologie
  • Die christliche Erlösungslehre und das dazu gehörige Menschenbild
  • Der Anspruch der Kirche und ihr Agieren im Namen Gottes

8112NOKlBuL._SL1500_Die umfassendste Auseinandersetzung mit all diesen Themen liefert der Philosoph Kurt Flasch. Er muss dabei das Fazit ziehen, dass es sich für ihn verbietet, sich weiterhin als Christ zu bezeichnen. Nach einem detailliert kenntnisreichen Sich-Umsehen in der christlichen Überlieferungs – und Kirchengeschichte ist es für ihn ein Akt intellektueller Redlichkeit, diesen Schritt zu gehen. Obwohl er dieses Fazit für sich rein persönlich zieht, muss sich der Leser fragen lassen, ob er nach der Lektüre eines so gründlichen Buches einfach weiter so Christ sein kann. Nb.  Flasch lehnt es dezidiert ab, als Atheist bezeichnet zu werden, da er sich in dieser Frage ja eher als Agnostiker sehe.

41LMtEtT2wLSo weit wie Flasch gehen Hubertus Halbfas und Heiner Geissler nicht, wobei sie sich in der Beurteilung der Glaubens- und Kirchenkrise einig sind. Der Untertitel des Halbfas-Buches „Warum das Christentum sich neu erfinden muss“ zeigt, dass für Halbfas das traditionelle Kirchenchristentum keine Zukunft haben wird. Er glaubt aber, dass es „Wege aus der  Sackgasse“ geben kann, wenn die Kirchen – ob katholisch oder protestantisch – bereit seien, sich strukturell zu ändern und sich auf die wirklichen Schwerpunkte christlicher Botschaft zu konzentrieren. Er plädiert dafür, sich auf die Urbotschaft des Jesus der Evangelien zu besinnen und das christologische Erlösungsmodell der paulinischen Theologie hinter sich zu lassen, wo nur Kreuz und Auferstehung Christi wichtig seien, das Leben und die Predigt des historischen Jesus aber keine Rolle spielten. Das sog. apostolische Credo sei das Bekenntnis zu einem  mythologischen Erlösungsmodell,  das heute nicht mehr nachvollziehbar   sei.                                                                                                                               81jzRDDrI5L._SL1500_                                                                                                                                      Laut eigenem Geständnis hat Heiner Geissler in seinen alten Tagen lange mit sich gerungen, ob er dieses Buch schreiben sollte. Es ist ja das Zeugnis eines langen inneren Konfliktes, dessen Konsequenzen ihn in einen unübersehbaren Dissens mit seiner Kirche und seinen Mitchristen führen würde. Dabei fürchtete er nicht so sehr den Konflikt mit den Vertretern der Hierarchie – Geissler ist ein streitbarer Mann,  sondern  um  das  Sich- Ausgrenzen aus der gewohnten religiösen Heimat.

Aber er will sie nicht mehr akzeptieren, die theologisch monströsen Plattitüden, wie sie in jeder Sonntagsliturgie und im „christlichen“ Alltag vorkommen. Sowohl der „liebe“ als auch der „allmächtige“ Gott, ja der immer wieder zitierte  „Gott“  selbst, erscheint ihm als katastrophales Monster angesichts einer Welt, die weder von seiner Liebe noch von seiner Allmacht Zeugnis gibt.

Was sei das für ein Gott, der das millionenfache Leid der Welt einfach geschehen lässt, ohne einen Finger zu rühren? Kann er das nicht oder will er das nicht?   Plastisch und drastisch beschreibt Geissler die  theologische Zwickmühle der traditionellen Theodizee, die schon der Philosoph Lactantius im 3. Jahrhundert formuliert hatte. („Entweder Gott kann das nicht, dann ist er nicht Gott oder er will das nicht, dann ist er eben kein „lieber“ Gott!“)

Was sei das für eine Erlösungslehre, in der Gott seinen Sohn aus Liebe zu uns Menschen  am Kreuz elend sterben lässt, damit seine beleidigte Majestät wieder zufrieden sein kann? Man spürt in Geisslers Text seine Empörung über diese Theologie und den Vorwurf an sich selbst, nicht schon früher nach Konsequenzen gesucht zu haben.

Muss man an einen solchen Gott glauben, um Christ sein zu können? Nein, sagt Geissler. Diesen Gott der Theologen brauchten die Menschen nicht. Die Kirche sollte aufhören, ihn zu predigen und sich auf das Programm des Jesus von Nazareth konzentrieren, der die Bemühung um konkrete verständnisvolle Nächstenliebe zur menschlich wichtigsten Sache erhoben hat.  Das sei die christliche Antwort auf die Situation in dieser Welt.

Fazit: Alle drei Bücher sind unbedingt lesenswert für alle, die sich mit ihrem überlieferten Christenglauben schwer tun, wobei  Kurt Flasch’s Buch mit 265 Seiten das umfangreichste ist, während die beiden anderen mit ca. 100 Seiten eine schnellere Lektüre ermöglichen. Aber alle drei Bücher sind eine „wunderbare  Anstiftung zum eigenen Denken“ wie Denis Schreck von ARD-Druckfrisch meint und auch eine Hilfe auf dem eigenen (religiösen?) Lebensweg.

 KS-Nov -2017

Erlebtes Indonesien – von 1964 bis 2014

Annette Bräker und Horst H. Geerken

Indonesien – Gestern und Heute      

„Reiseberichte der anderen Art“, heißt der Untertitel  von 12 Reisen im Laufe von 50 Jahren durch den indonesischen Archipel. Von Sumatra bis Papua-Neuguinea, nach Sulawesi ,nach Sumba und Kalimantan, bedeutende Ziele im Reich der 13000 Inseln, die aber von ganz wenigen Indonesienreisenden  besucht werden. Auch für Annette Bräker und Horst Geerken, die beiden Autoren des Buches, waren es außergewöhnliche Reiseziele. Ihre besondere Liebe und Aufmerksamkeit jedoch gilt den Inseln Java und Bali, mit denen sich auch die meisten Erinnerungen verknüpfen. Besonders aber an Bali, der Insel, die den beiden in den vergangenen Jahren wie eine zweite Heimat wurde.

Der Reiz des Buches liegt zum einen in dem großen Zeitbogen von 50 Jahren, aus dem diese authentischen Reiseerzählungen stammen, und  die zugleich fast dokumentarisch  über das sich so schnell verändernde  Indonesien berichten:  Siehe den Titel des Buches: Indonesien, Gestern und heute. Zum andern profitiert das Buch von den langjährigen persönlichen Begegnungen und Freundschaften mit indonesischen Freunden, der detaillierten Kenntnis von Sitte, Religion und Kultur dieses exotischen Landes. Der größte Teil der Reiseerinnerungen stammt aus Annettes Feder, die durch Horst Geerkens Schilderungen und Fotos komplettiert werden.

Was wäre aber das alles ohne die interessanten privaten Stories, die der Leser mit bekommt! Vom Flugbetrieb und Fluggästen vor 40  Jahren, vom Besuch  an Sukarnos Grab und seinem Arbeitszimmer im  Tugu-Hotel in Blitar,  von guten und schlechten  Hotels in Java, von Annettes Toilettenproblemen 1987 an den Bushaltestationen in Sumatra, vom Treffen mit alten Freunden, aber auch von lästigen und unerfreulichen Mitreisenden, von lebensgefährlichen Abenteuern 2001 in Kalimantan, vom Urlaubsdomizil bei den Redemptoristenpatres in Sumba, von einer Seereise als 1.Klasse-Passagiere auf einem PELNI-Schiff von Bali bis Jayapura, vom Schacher um gefälschte Bilder von Walter Spieß in Bali, von der er geliebten Ferienwohnung in Ubud, sowie  den Freuden und Kummer der Hausangestellten, vom Hausfrosch in der Urlaubsvilla, der nicht mehr quaken wollte, von Horsts Problemen mit Miet-Autos auf Bali oder von Annettes Salsa-Tanzleidenschaft, der sie in den beiden letzten Jahren ihres Lebens nicht mehr richtig frönen konnte, als auch ihrem tapferen Leben mit ihrer tödlichen Krankheit auch im geliebten Ambiente Balis.

Ironisch bis sarkastisch Annettes Reserve gegenüber dem zunehmenden Boom von  Touristen , der Bali zu überrennen droht und an Balis Kultur und Religion keinen Deut interessiert  scheint, an amerikanischen und australischen Heilern und Gurus, die in Bali eine ertragreiche Nachfolgeadresse für Bhagwans  heimatlos gewordene Nachkommen aus Poona entdeckt haben, und mit ihren Festivals und Kursen heilsuchenden Schülern das letzte Geld aus der Tasche ziehen.

Gerade in ihren letzten Urlaubsmonaten2014  in Bali beschreibt sie – ungeachtet ihrer persönlichen Krankheit – die Sorge um die Zukunft ihres geliebten Bali, ob die Insel im Erfolg des Tourismus und der javanischen Geschäftsleute, der zunehmenden Islamisierung Indonesiens,  ihren Charme und ihre Seele behalten kann. Fast nebenbei – ohne dozierende Attitüde –  lässt Annette in die Erzählungen aus ihrem balinesischen Alltag – aus dem „Nähkästchen“ ihrer Profession als vergleichende Religionswissenschaftlerin –  höchst informative Anmerkungen über Religion und Kultur Balis einfließen, die zeigen, wie eng sie sich diesem Kulturkreis verbunden fühlte. Wie wir aus dem Nachwort von Horst Geerken erfahren, wurde – Annettes Wunsch entsprechend – nach ihrem Tod 2015 ihre Asche nach Bali verbracht und im heiligen Fluss  Campuhan in der Nähe von Tampaksiring verstreut.

Wem ist die Lektüre zu empfehlen? Sicherlich allen Lesern, die Indonesien aus einer unmittelbar persönlichen Erfahrung erleben wollen, die zugleich ein Dokument einer großen Liebe und Zuneigung zu diesem Land, aber auch eine berührende Liebesgeschichte der beiden Autoren zu einander ist.

Für jemanden  wie mich, der Indonesien seit 1968 kennt, war das Buch natürlich eine unwiderstehliche Einladung zum Lesen, nachdem mir kurz davor Horst Geerkens „Ruf des Gecko“ wieder in die Finger gekommen war. Ich habe „Indonesien – Gestern und Heute“ in einem Rutsch gelesen. Ein posthumes herzliches „Terima kasih!“ an die leider 2015 schon verstorbene Annette Bräker, die uns Leser literarisch so nah an ihren Reisen und indonesischen Erfahrungen teilhaben ließ. Dank aber auch an Horst Geerken, ohne den diese so lebendigen Erinnerungen wohl für immer in einer Nachlassschublade verschwunden wären.

(KS) Oktober 2017

…von wegen “ linke Spinner“

Ulrike Herrmann

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Die   Krise der heutigen Ökonomie                                                                                              und was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können

514BOJId2UL  Der pikante Titel des Buches von Ulrike Herrmann macht neugierig und verspricht irgendwie ein Lesevergnügen besonderer Art. Dieses Versprechen hat die Autorin genial  eingelöst – vom Vorwort bis zum Schlusskapitel. Das fast durchweg begeisterte Leserecho bestätigt diesen Eindruck. Ich schließe mich voll diesem Eindruck an.

Eine Wirtschaftsjournalistin der linken taz sorgt sich um den Kapitalismus? Ja und wie! Der Untertitel zeigt aber schon, worum es ihr geht: Die Krise der heutigen Ökonomie und der herrschenden  Volkswirtshaftlehre also, deren maßgebliche Theoretiker eine Lehre vertreten, die unter dem Namen  „Neoklassik“ Schule gemacht hat. Und das nicht nur an den Universitäten, sondern fatalerweise auch in der internationalen Politik, die sich danach ausrichtet. Eine maßgebliche Lehre, in der z.B. Finanzkrisen von 2008, die die internationale Wirtschaft fast in eine Katastrophe steuerten, eigentlich  gar nicht vorkommen  – ja überhaupt nicht vorkommen dürften.

Wenn die Autorin recht hat, dann „mag es ungeheuerlich klingen, aber die meisten Volkswirte  haben keine Ahnung, was es bedeutet, in einem voll ausgereiften Kapitalismus zu leben, in dem Großkonzerne herrschen und Banken das Geld aus dem Nichts schöpfen. Daher sind diese Ökonomen stets verblüfft und überfordert, wenn es zu Finanzkrisen kommt.“ (Zitat)  Und wir einfache Laienspieler in diesem Drama natürlich auch.

Natürlich fragen wir uns, wie es dazu kommen kann, dass an den Börsen täglich mit etwa  4 Billionen Dollar an Währungsspekulationen gehandelt wird, und was es bedeutet, dass z.B. 2015 der Nominalwert der außerbörslich gehandelten Derivate 493 Billionen Dollar betrug, während die weltweite Wirtschaftsleistung nur auf insgesamt 73 Billionen Dollar kam. Mehr als 400 Billionen Dollar also, für das man sich eigentlich nichts kaufen kann. Aber es ist Buchgeld, das im Ernstfall einsetzbar ist, um bestimmte Machtansprüche zum eigenen Vorteil durchzusetzen. Volksweisheit: Geld regiert die Welt! Aber die „Neoklassik“ scheint das irgendwie nicht zu glauben.

Man muss aber kapieren: „Der Kapitalismus ist ein totales System, das nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche durchdringt. Aber das macht ihn so spannend. Das Abenteuer namens Kapitalismus lässt sich am besten erfahren, wenn man seine klügsten Theoretiker kennt. Also Smith, Marx, Keynes“ (Zitat)

Bevor die Autorin im Anschluss an Keynes in Kapitel 9 und 10 die Probleme der heutigen Mainstream-Ökonomie analysiert, beschäftigt sie sich eingehend mit den beiden anderen Protagonisten der Wirtschaftswissenschaft Adam Smith und Karl Marx, deren Bedeutung und Erkenntnisse für diesen Bereich heute in den VWL-Lehrplänen  – laut der Autorin – einfach übergangen werden. Ein Gleiches gälte für John Maynard Keynes, dessen Lehren namens „Keynesianismus“ gerne als überholte „linke Spinnerei“ abgetan wird.

Eine detaillierte Darstellung der Bedeutung dieser drei Männer würde den Rahmen dieser Besprechung überfordern. Man lese das Buch, in dem es die Autorin überzeugend  versucht. Aber herausstellen möchte ich besonders ihren Ansatz, zunächst einmal die Lebensgeschichte dieser Männer möglichst getreu  zu erzählen, um zu verstehen, wie sie zu ihren Erkenntnissen und Lehren kamen. Bei allen dreien lässt sich nämlich beobachten, dass sie erst über ihre durchweg widersprüchlichen Erfahrungen ihre theoretischen Konsequenzen zogen. Nicht immer die richtigen, wie die Autorin konzediert. „Auch ein Genie darf  irren!“ schreibt sie im Anschluss an Marx, dessen Verelendungsprognose für die Arbeiter zum Beispiel und die damit verbundene zwangsläufige Weltrevolution des Proletariats nicht eingetreten ist. Aber dessen Theorie über die Dialektik des Kapitals ist  brennend aktuell, nach der die Konkurrenz des Marktes in Monopolen endet, wie wir heute an der Konzentration der multinationalen Konzerne feststellen können.

Im Hinblick auf die aktuelle Situation der Weltwirtschaft finde ich besonders tragisch, dass man angesichts des heutigen  „Finanzkasinos“ die Einsichten und Lehren von Keynes so wenig beherzigt, der schon in den 1940-er Jahren als Konsequenz aus den Wirtschaftskrisen  der 1930er Jahre ein weltweites Verbot  der Währungsspekulation an den Börsen forderte, das auch heute dringend erforderlich wäre. Die neoklassische Nationalökonomie hat die Bedeutung des Finanzkapitalismus einfach  nicht verstanden und verarbeitet.

Für uns Deutsche ist vielleicht die Information interessant, dass es vor allem Keynes war, der nach dem 2. Weltkrieg aus der Erfahrung der Beschlüsse von Versailles die Siegermächte dazu bewegte, die Reparationen für das besiegte Deutschland nicht in solchen Höhen festzuschreiben, dass man vorhersehen musste, dass diese Schulden nie beglichen werden könnten. Von wegen „linker Spinner“ ! ( Nb. Analogien zur Schuldenproblematik der Südstaaten Europas bieten sich zwingend an.)

Vielleicht noch eine kleine, aber doch wichtige Einsicht, die vielleicht professionellen Leserinnen und Lesern sicher ohnehin geläufig ist: Volkswirtschaft( VWL) und Betriebswirtschaft (BWL) sind zwei verschiedene Fächer und nur bedingt vergleichbar. Wirtschaftliches Verhalten von Unternehmen (BWL) ist nicht einfach übertragbar auf das wirtschaftspolitische Handeln von Regierungen (VWL). Rezepte aus der BWL-Apotheke sind nicht unbedingt gesund für den VWL-Kranken. Pleite-Unternehmen verschwinden vom Markt – Pleite-Staaten aber nicht von der Landkarte! (Deshalb war das Beispiel von der „sparsamen schwäbischen Hausfrau“, das Frau Merkel während der Griechenland-Krise verlauten ließ, durchaus unpassend.)

Wer sollte das Buch lesen? Frau Herrmann hat das Buch ausdrücklich den VWL-Studenten gewidmet, um deren neoklassische Indoktrination sie sich Sorgen macht. Aber eigentlich auch für uns alle, die wir täglich die Nachrichten über das Auf und Ab der wirtschaftspolitischen Meldungen versuchen zu verstehen, bzw. nicht mehr verstehen. In der Hoffnung, doch ein wenig schlauer geworden zu sein:  Ein großes Dankeschön an die Autorin, die so lesenswert versucht hat, uns die Welt der Ökonomen zu erklären.        (KS)   Oktober 2017

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Nb. Für uns alle, die noch nicht wussten, wie Finanzderivate entstehen, hier die unübertroffene Erklärung von Chin Meyer:  https://youtu.be/TSxH5qi-ZkM