Kategorie-Archiv: Indonesia

… und alles wegen der Muskatnuss!

Das Gold der Bandas   von Horst H. Geerken 

Das einladende Cover des Buches ziert ein schönes Foto einer reifen Muskatfrucht, wie sie wohl ganz wenigen Menschen in Deutschland bekannt sein dürfte: Zu sehen ist nämlich die von dem roten Macis-Netz umgebene schwarz-braune Muskatnuss, die noch in ihrem hellem Fruchtfleisch eingebettet ist. Darüber prangt der verheißungs- volle Titel des Buches: “Das Gold der Bandas”. Sollte der Leser von diesem “Gold” noch nichts gelesen haben, dann führt ihn der Untertitel auf eine etwas richtigere Spur, die allerdings noch nicht ganz verrät, worum es da wirklich geht: “Der verhängnisvolle Schatz der vergessenen Inseln, die einst Weltgeschichte schrieben”.  Welcher Schatz und welche vergessenen Inseln sind das? Ein spannender Titel für ein richtig spannendes Buch, das der Autor Horst H. Geerken 2019 seinen Lesern geschenkt hat.  

Es geht um nichts weniger als um die Geschichte der kolonialen Eroberung der Welt durch die europäischen Seefahrernationen des 16./17.  Jahr-hunderts – Portugal, Spanien, England und in unserem speziellen Fall um die Rolle Hollands (Niederlande) in Südostasien, dem heutigen Indonesien.  Und es geht ganz speziell um die Banda-Inseln – winzige Inselchen im Seegebiet der Molukken im äußersten Osten Indonesiens – und dabei um die Muskatnuss!   

Wurde  uns Schülern der 50-er Jahre im gymnasialen Geschichtsunterricht noch vor allem der ungeheure Wagemut von Seefahrern wie Christoph Columbus, Vasco da Gama oder Ferdinand Magellan gerühmt, die sich auf eine neue Geographie der Erdkugel verlassend die Entdeckung der Welt  auf ihren Schiffen in Angriff nahmen, so wurde uns doch weniger erklärt, warum sie diese Risiken wirklich auf sich nahmen, und welches die konkreten Hoffnungen und Bedingungen ihrer Finanziers waren. Es ging ja dabei um den unbekannten “Seeweg nach Indien”, auf dem dann aber 1492 durch Columbus erst einmal „Amerika“ entdeckt wurde, das er selbst ja sein leben lang für die Küste von „West-Indien“ hielt…   “Der Seeweg nach Indien” war ja aber der Weg zu den in Europa ungeheuer teuren exotischen Gewürzen, wie Pfeffer, Zimt, Kardamon und vor allem der Muskatnuss, die auf langen und nicht bekannten Handelswegen aus Asien über Venedig  an die europäischen Höfe gelangten.

Und spätestens ab da sollte man Horst Geerkens Buch in die Hand nehmen. Auf annähernd 200 Seiten der ersten Hälfte des Buches  erzählt der Autor bewundernswert informiert und detailreich die Geschichte der europäischen Eroberung der Handelswege zu diesen Gewürzen, speziell zur Muskatnuss.  

Die fatale Rolle der Muskatnuss

Diese Gewürznuss wuchs und gedieh auf Grund einzigartiger botanischer Bedingungen bis ins ausgehende 18. Jahrhundert nur auf den Banda-Inseln im heutigen Indonesien, nirgendwo anders  auf der Welt. Heute aus verschiedenen tropischen Ländern importiert, kann man sie für ein paar  Cent in jedem europäischen Supermarkt kaufen. Damals hielten die einheimischen Händler die geographische Lage dieser Inseln vor möglichen Konkurrenten geheim, bis die Portugiesen 1512 diese sagenumwobenen Inselchen doch entdeckten und von da ab als eigenständige Händler – nicht mehr über arabische oder chinesische Zwischenhändler – Muskatnüsse  direkt von den Bewohnern der Banda Inseln kauften und mit riesigen Gewinnen auf den Märkten Europas verkauften. 

Das sollte auch fast 100 Jahre so bleiben, bis englische und vor allem holländische Kaufleute die asiatischen Handelsniederlassungen der Portugiesen zu erobern begannen. 1602 wurde in Amsterdam die Vereinigung holländischer Kaufleute VOC (Vereinigte Ostindische Compagnie) gegründet.  Ihre Chefs, die Generalsgouverneure, mit nahezu unbeschränkter Vollmacht ausgerüstet, agierten als Herren über Leben und Tod in ihrem Reich in Südostasien, nur ihren Auftraggebern in Holland Rechenschaft schuldig.

Mit welcher Brutalität sie dabei agierten, zeigt das Vorgehen des Generalgouverneurs Jan Pieterszoon Coen. Um im Muskathandel mit Europa endgültig das Monopol   der VOC zu garantieren, ließ er  1623 die etwa 15000 Bewohner der Banda-Inseln durch seine Soldaten umbringen, um die Inseln dann mit europäischen Kolonisten zu besiedeln.  Importierte Sklaven aus anderen Gegenden des Archipels mussten die Arbeit in den Muskat-Plantagen übernehmen. Die grausamen Einzelheiten dieses Genozids kann man im Buch nachlesen. Die ökonomische Folge dieser brutalen Untat war für etwa 150 Jahre lang das Muskat-Monopol der VOC im Welthandel. Es garantierte den holländischen Geldgebern – Hollands reichen “Pfeffersäcken” in Amsterdam und Middelburg –  tausendfache Gewinne:  Auf Europas Märkten wurde die Muskatnuss mit Gold aufgewogen! Die armen Bandanesen mussten ihren verhängnisvollen Schatz mit dem Leben bezahlen. 

Die einzigen, die weiterhin versuchten, sich gegen das Diktat der VOC auf den Banda Inseln zu wehren, waren englische Kaufleute, die den Anspruch Englands auf die kleine Banda-Insel Run  unverdrossen  aufrecht erhielten. Im Streit um diese Insel einigte sich England und Holland im Frieden von Breda 1667 durch einen Tausch: Holland bekam die winzige Insel Run und England erhielt im Gegenzug die damals holländische Kolonie Niew Amsterdam, das heutige Manhattan New Yorks.  Und damit schrieb die winzige – heute vergessene – Banda-Insel vor 350 Jahren schon einmal Weltgeschichte. 

Die Reise zu den Bandas 2018

Leser von Horst H. Geerkens Bücher wissen ja, dass man als Leser seiner Bücher auch  immer ein Begleiter seiner persönlichen Recherchen und Erfahrungen ist.  Auch in diesem Buch nimmt er uns mit auf seine Reise zu den Banda-Inseln, seinen Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen vor Ort. Eine Fülle von Karten, Bildern, Dokumenten und Fotos belegen eine selten so engagierte Suche nach den Verbindungen zwischen der kolonialen Vergangenheit und dem heutigen Indonesien. Z.B. ist ein hochinteressantes Kapitel dem deutschen Biologen Georg Eberhard Rumpf – Rumphius genannt – gewidmet, der von 1654 bis 1702 in Ambon lebte und arbeitete, und eine gewaltige Forschungsarbeit hinterlassen hat, die inzwischen auch von den Indonesiern gewürdigt wird.

Horst Geerkens Liebe zu Indonesien, das er seit über 55 Jahren kennt und das er als eine zweite Heimat betrachtet, lässt ihn mit indonesischen Augen auf die Erfahrungen der holländischen Kolonialzeit blicken. Sein Resümee teilt den Eindruck vieler geschichtsbewusster Indonesier: Die holländische Kolonialzeit hat den Menschen Indonesiens wenig Gutes und viel Schlechtes beschert.  Das aber ist eine Erfahrung, die Indonesien mit vielen ehemaligen europäischen Kolonien in Asien, Afrika und Amerika teilt.  Das Rassismus-Problem der USA von 2020 ist ein aktuell schmerzlicher Nachhall dieser Epoche. 

Wem ist die über 400 Seiten starke Lektüre zu empfehlen?                          Fans von H.H. Geerkens Büchern brauchen ja eigentlich keine Empfehlung. Sie kennen und lieben die authentische Art des Autors von seinen indonesischen Erfahrungen und Recherchen zu berichten. Auch dieses Buch über die Reise zu den Banda-Inseln ist wieder sehr typisch und kompetent. Aber es wäre auch ein Buch für alle neuen – vielleicht sogar jungen – Leser, die etwas genauer über die fatale Rolle und das Agieren des “weißen Mannes” in der kolonialen Welt Südostasiens wissen möchten.  Fünf Sterne! (KS -2020)   

Das Herz von Hia spricht

Johannes Maria Hämmerle

DAS HERZ VON HIA SPRICHT

Die Urbevölkerung von Nias/ Indonesien

Bekommt man dieses  400 Seiten dicke Buch in die Hände, dann machen eventuell gleich zwei Dinge neugierig:    Das Bild einer Tigerfigur – mehr wie ein Leopard gefleckt – auf einem Tragepodest und dazu der Buchtitel „Das Herz von Hia spricht“.  Da möchte man ja gerne  wissen, was denn beide miteinander zu tun haben könnten. Davon soll später noch die Rede sein. Aber der Untertitel erklärt dann ein wenig,  worum es geht:   „Die Urbevölkerung von Nias / Indonesien“. Nias, ein kleines – der großen Insel Sumatra vorgelagertes – Eiland  im indischen Ozean.  

Dieses Nias war in Deutschland bis vor wenigen Jahrzehnten  nur einer Handvoll Ethnologen bekannt. Schon länger und intensiver allerdings der seit 1865 tätigen ev. Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) – Wuppertal, und seit 1955 den kath.  Missionaren der Rheinisch-Westfälischen Kapuzinerprovinz.  Das hat sich inzwischen etwas geändert, als ab den 1990-er Jahren die internationale Surfer-Elite die großen Wellen in der Lagundri-Bucht in Südnias entdeckte. Zwar hatten Touristik-Unternehmen schon in 1970-er Jahren die Attraktivität der großen Adat-Dörfer in Südnias  in ihren Notizbüchern, aber die völlig unterentwickelte Infrastruktur der Insel ließ die Geschäfte nicht richtig in Gang kommen. Die Insel zu besuchen, war immer noch ein touristischer Geheimtipp.

Das änderte sich schlagartig, als 2004 der katastrophale Tsunami  von Aceh/ Nordsumatra und 2005 ein verheerendes Erdbeben der Stärke RS 8,7 die Insel Nias ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit rückten. ( nb. Der vertikale Stoß dieses Bebens von 2005 war so stark, dass der westliche Teil der Insel ca. 3 m angehoben wurde und sich die Küstenform der Insel drastisch veränderte) Eine Welle der Hilfsbereitschaft – vor allem auch aus Deutschland – und ein fünfjähriges Wiederaufbauprogramm der Regierung erschloss die Insel erfolgreich  für die Außenwelt.  Und damit begann auch ein erhöhtes touristisches Interesse an der einzigartigen Kultur der Insel Nias.

Und hier setzt die Arbeit des Autors Johannes Maria Hämmerle an, eines deutschen Kapuzinerpaters –  inzwischen mit indonesischem Pass – der seit 1972 auf der Insel lebt. Neben seiner Tätigkeit als Pastor, begann er schon bald, sich sehr intensiv mit der offensichtlich verschwindenden Kultur des alten Nias zu beschäftigen, die durch die 150 jährige Christianisierung und den rasanten Modernisierungsschub in der Bevölkerung immer mehr in Vergessenheit zu geraten schien. 

„Nias, eine eigene Welt“

Er begann mit dem Sammeln von Texten in niassischer Sprache  der nur in mündlicher Form überlieferten Gesänge und Rezitationen der ehemals großen Feste der alten autochtonen Niaskultur. Er begann sie zu notieren und  seit 1984 auch zu publizieren. Das ermöglicht einer Generation junger Niasser den Zugang zu ihrer eigenen – heute fast vergessenen – Tradition und bestärkt sie, im großen Konzert der vielen lokalen indonesischen Kulturen  mit berechtigtem Stolz sich zu ihrer eigenen Kultur zu bekennen.  Darüber hinaus gründete P. Johannes in der Hauptstadt Gunung Sitoli das  „Museum Pusaka Nias“ ( Museum des Erbes von Nias),  in dem den  – vor allem niassischen – Besuchern die Begegnung mit Zeugnissen und Artefakten der Niaskultur erfahrbar wird.  

Eine ausführlichere Darstellung der hier skizzierten Informationen bekommt der Leser in der interessanten Einleitung des Buches, die sehr notwendig ist, um sich einen Zugang zum Inhalt  des Buches zu ermöglichen.  Für Leser, die schon  das 1999 erschienene Buch  des Autors „Nias, eine eigene Welt“  (Academia Verlag – St. Augustin)  gelesen  hatten, wird vieles in diesem neuen Buch nicht ganz so fremd und exotisch sein – aber auch damals schon ein Buch für „Nias-Insider“.  

In diesem neuen Buch geht es noch konzentrierter um ganz bestimmte überlieferte Texte und kulturelle Traditionen speziell in Südnias.  Wenn in diesem Buch das „Herz von Hia spricht“, dann spricht es vor allem von den Traditionen, der Adatkultur  von Südnias, speziell  dem Gebiet von Maenamölö. Hia als der mythische Urahn und Urvater, auf den sich alle Sippen (Mado) und Dörfer (banua) in Südnias zurückführen,    so wie wir es heute noch mit seinen bekannten Dörfern, Pfahlhäusern und Menhiren, den  ‚Adu‘  kennen. Es spricht Hia als Börönadu = Grund und Anfang der Adu, – Symbol der Ahnenverehrung – mit dem die uns bekannte Niaskultur ihren Anfang nahm. Hia spricht  zu seinen Kindern und Nachfahren. 

Waren frühere Ethnologen  davon ausgegangen, dass diese Kultur sich auf eine protomalayische Zuwanderung vor etwa 2000 Jahren gründete, so glaubt  P. Johannes M. Hämmerle genügend Gründe gefunden  zu haben, dass diese uns bekannte und erforschbare Kultur – jenseits aller früheren Zuwanderungen – „nur“ etwa 600 Jahre alt sein dürfte.

„Die mündliche Tradition von Nias begann vor ca. 600 Jahren mit der Einwanderung einer kleinen Gruppe von der Westküste Sumatras nach Südnias. Die Physiognomie der Bewohner weist oft chinesische Züge auf. Die mündliche Tradition berichtet vom Beginn der Ahnenfiguren (adu) und von der Ahnenverehrung in Gomo, Börönadu.  

Hier in Gomo fanden diese Einwanderer ihre erste Heimat auf Nias. Sie brachten die Sitte, das Adat-Recht, mit. Sie führten die Schmiedekunst und das Zimmermannshandwerk ein. Jetzt erst konnte sich die einzigartige Architektur der niassischen Pfahlhäuser entwickeln. Die mündliche Tradition berichtet von den Errungenschaften dieser Neuzeit.

Die Saembu-Figur in Gestalt einer schönen Frau und Göttin sowie die Tigerfigur werden in Prozession umhergetragen. Bei der Feier dieser beiden Prozessionen geht es darum, die Rechtsversammlung zur Erneuerung, Formulierung und Bestätigung der beschlossenen Gesetze abzuhalten.“ (Zitat)

Auch die schon auf dem Buchcover abgebildete Tigerfigur scheint ein Beleg für diese Zuwanderung aus Sumatra zu sein. Auf Nias hat es nie lebende Tiger – wie etwa bis heute auf Sumatra – gegeben. Trotzdem dient die Figur dieses Tieres als Symbol der Macht und des Rechts der Dorfchefs, die auch ihre Repräsentationsschwerter (tolögu) mit echten Tigerzähnen schmückten.

Auch ein Blick in die Geschichte Chinas als maritime Großmacht des 14. Jahrhunderts  im südostasiatischen Raum, lässt eine chinesische  Zuwanderung in Nias in dem genannten Zeitraum als möglich erscheinen.  Trotz der doch sehr überzeugenden Argumente zur  kulturellen Genese der Niasser,  harren doch noch eine Reihe von Fragen auf eine befriedigende Antwort. Zum Beispiel ist die niassische Sprache kein chinesischer Dialekt, wie man es vielleicht aus dieser Zuwanderungsthese erwarten könnte, sondern wird von den Ethnologen der protomalayischen  Sprachfamilie zugeordnet.  Aber vielleicht gibt es auch für dieses Problem bald eine befriedigende Antwort.  Als Laie ist man in diesem Bereich ganz auf das Wissen der Fachleute angewiesen, die diesen Ansatz diskutieren  müssen.

Probleme mit der Lektüre

Obwohl das Buch in einem flüssigen und gut lesbaren Deutsch verfasst ist, wird dem deutschen/europäischen Leser dieses Buches Einiges abverlangt. Die Bilder und Vorstellungen der mythischen Texte sind uns nur schwer zugänglich und verstehbar, machen aber deutlich, in welcher Vorstellungswelt sich das Leben der alten Niasser bewegte. „ Nias , wahrlich eine eigene Welt.“ In diesem  neuen Buch  belegt eine Fülle von Texten,  Genealogien, Dorf und Flussnamen, ein umfangreiches  Glossar niassischer Worte und Idioms, Zeichnungen und Fotografien die bewundernswerte  Kenntnis und Fleißarbeit des Autors, deren Bedeutung eigentlich nur ein ethnologisch interessierter „Nias-Insider“ wirklich zu würdigen weiß.  

Deswegen darf man auch die deutschen Leser beglückwünschen, die sich eine so spezielle Lektüre zutrauen, und die dann sicher auch für  fünf Sterne plädieren würden, die dieses Buch sicher verdient. Dank auch an den Academia Verlag- Sankt Augustin, der 2018 die Publikation eines so speziellen Werkes  für den deutschen Leser ermöglichte. (KS 2020)

INDONESIEN UND HITLER…???

Horst H. Geerken: Hitlers Griff nach Asien –  Bd.1 und 2

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Indonesien und Hitler…?

Hat sich Hitler tatsächlich für Indonesien interessiert? Das fragte sich  auch der Autor Horst H. Geerken, als er im Laufe seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit für AEG-Telefunken in Indonesien dort immer wieder  auf Berichte und Fakten aus dem  2. Weltkrieg stieß, die nicht ohne weiteres erklärlich schienen und die ihn bis heute beschäftigen.  Dass Indonesien schon vor dem 2. Weltkrieg eines der tropischen „dreamlands“  der Deutschen war, das konnte der Autor im Rückblick auf seine eigene Jugend bestätigen.

Wie  kommt es aber, dass  z.B. der  Massenmörder Hitler noch heute  bei vielen Indonesiern  eine Popularität genießt, die bei uns Deutschen mindestens ein ungläubiges Kopfschütteln provoziert? Wie erklärt sich, dass in den Bergen  Westjavas  nicht weit von Jakarta auf dem Soldatenfriedhof ARCA DOMAS die Gräber deutscher  Marinesoldaten zu finden sind?  Was hat Indonesien überhaupt  mit Deutschlands Weltkrieg zu tun?

Horst H. Geerken begann intensiv zu recherchieren und förderte Erstaunliches zu Tage. Zwei Bände umfasst seine Dokumentation unter dem Titel „Hitlers Griff nach Asien“, die 2015 veröffentlicht wurde. Vieles dürfte auch für professionelle Historiker neu sein. Geerken entdeckt z.B. bei seinen Recherchen   Dokumente über und von SS-Brigadführer Walter Hewel, einem sehr engen Vertrauten Hitlers,  der  in den dreißiger Jahren leitender Angestellter auf einer  britischen Teeplantage in Westjava war und  im damaligen  Indonesien eine wichtige Rolle als Vertreter der NSDAP für die dortigen Auslandsdeutschen spielte. Zurück in Deutschland war Hewel ab 1938 Hitlers Verbindungsmann zu Ribbentrops Außenministerium mit speziellem Bereich  für Südostasien.  Durch diesen engen persönlichen Kontakt ist wohl auch das Interesse Hitlers an Indonesien erklärbar.

Auch wenn professionellen Historikern die Dimension von Hitlers Weltkrieg natürlich klar ist,  im Bewusstsein der  deutschen Öffentlichkeit ist der 2. Weltkrieg  aber vor allem eine Kriegskatastrophe   auf europäischen Kriegsschauplätzen.   Dass dieser  Krieg aber ein wahrhaftiger Weltkrieg war, lässt sich in  Geerkens Buch detailliert nachlesen, wie  Hitlers Politik und Krieg sich z.B.  auf den südostasiatischen Raum auswirkte. Die  Verflechtungen von Japans Krieg in Ostasien mit den Interessen  und Kriegszielen Hitlers in Europa. Die Brutalität des Krieges auf den asiatischen Kriegsschauplätzen. Die Unterstützung Hitlerdeutschlands für den indischen Freiheitskämpfer Chandra Bose, den neben Mahatma Ghandi wichtigsten Protagonisten eines unabhängigen  Indien.  Die Situation und das Schicksal der Auslandsdeutschen jener Zeit in China, Japan und Indonesien. Der deutsche U-Bootkrieg und die abenteuerlich-katastrophalen Operationen deutscher U-Boote im Indischen Ozean sowie die Stützpunkte der Deutschen Kriegsmarine in Malaysia, Singapur und Indonesien.  Das Schicksal  der deutschen Marinesoldaten in Indonesien 1945/46 nach der Kapitulation Deutschlands und Japans.  Das alles ist  sehr informierend und spannend zu lesen.

Die Verflechtung von Indonesiens Geschichte mit Deutschland hat – abgesehen von der  historischen Bedeutung vieler bekannter deutscher Persönlichkeiten im einstmaligen „Nederlands Indie“  – einen besonders brisanten Berührungspunkt: Die Besetzung Hollands 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Für die indonesische Unabhängigkeitsbewegung unter ihren Führer Soekarno war das die Niederlage der Kolonialmacht Holland. Hitler und Deutschland – neben dem damals siegreichen Japan – als einer der faktischen Väter der indonesischen Unabhängigkeit, so sahen es die indonesischen Freiheitskämpfer.  Indonesien und Hitler…?.. Sic!

Im letzten Teil des 2. Bandes schildert Geerken den indonesischen  Unabhängigkeitskampf  von 1945 bis 1949, den Anteil und die Rolle Deutschlands beim Aufbau des jungen Staates, von dessen Geschichte die Hunderttausenden deutscher Bali-Touristen wohl recht wenig wissen und von der in den Prospekten der Reiseveranstalter nicht viel zu lesen ist.

Für alle, die doch ein wenig mehr wissen wollen, ist Geerkens  „Hitlers Griff nach Asien“   anschaulich spannend erzählte Geschichte, die in dieser Form bisher noch nicht zu lesen war. Fünf Sterne und unbedingte Leseempfehlung. (KS)

NB. Eine empfehlenswerte Rezension bei AMAZON:                                                                Eine Geschichte von Helden und Schurken am fernen Ende der Welt

siehe auch:                                                                                                                                         Herwig Zahorka:    Die Geschichte des deutschen Soldatenfriedhofs ARCA DOMAS

 

Erlebtes Indonesien – von 1964 bis 2014

Annette Bräker und Horst H. Geerken

Indonesien – Gestern und Heute      

„Reiseberichte der anderen Art“, heißt der Untertitel  von 12 Reisen im Laufe von 50 Jahren durch den indonesischen Archipel. Von Sumatra bis Papua-Neuguinea, nach Sulawesi ,nach Sumba und Kalimantan, bedeutende Ziele im Reich der 13000 Inseln, die aber von ganz wenigen Indonesienreisenden  besucht werden. Auch für Annette Bräker und Horst Geerken, die beiden Autoren des Buches, waren es außergewöhnliche Reiseziele. Ihre besondere Liebe und Aufmerksamkeit jedoch gilt den Inseln Java und Bali, mit denen sich auch die meisten Erinnerungen verknüpfen. Besonders aber an Bali, der Insel, die den beiden in den vergangenen Jahren wie eine zweite Heimat wurde.

Der Reiz des Buches liegt zum einen in dem großen Zeitbogen von 50 Jahren, aus dem diese authentischen Reiseerzählungen stammen, und  die zugleich fast dokumentarisch  über das sich so schnell verändernde  Indonesien berichten:  Siehe den Titel des Buches: Indonesien, Gestern und heute. Zum andern profitiert das Buch von den langjährigen persönlichen Begegnungen und Freundschaften mit indonesischen Freunden, der detaillierten Kenntnis von Sitte, Religion und Kultur dieses exotischen Landes. Der größte Teil der Reiseerinnerungen stammt aus Annettes Feder, die durch Horst Geerkens Schilderungen und Fotos komplettiert werden.

Was wäre aber das alles ohne die interessanten privaten Stories, die der Leser mit bekommt! Vom Flugbetrieb und Fluggästen vor 40  Jahren, vom Besuch  an Sukarnos Grab und seinem Arbeitszimmer im  Tugu-Hotel in Blitar,  von guten und schlechten  Hotels in Java, von Annettes Toilettenproblemen 1987 an den Bushaltestationen in Sumatra, vom Treffen mit alten Freunden, aber auch von lästigen und unerfreulichen Mitreisenden, von lebensgefährlichen Abenteuern 2001 in Kalimantan, vom Urlaubsdomizil bei den Redemptoristenpatres in Sumba, von einer Seereise als 1.Klasse-Passagiere auf einem PELNI-Schiff von Bali bis Jayapura, vom Schacher um gefälschte Bilder von Walter Spieß in Bali, von der er geliebten Ferienwohnung in Ubud, sowie  den Freuden und Kummer der Hausangestellten, vom Hausfrosch in der Urlaubsvilla, der nicht mehr quaken wollte, von Horsts Problemen mit Miet-Autos auf Bali oder von Annettes Salsa-Tanzleidenschaft, der sie in den beiden letzten Jahren ihres Lebens nicht mehr richtig frönen konnte, als auch ihrem tapferen Leben mit ihrer tödlichen Krankheit auch im geliebten Ambiente Balis.

Ironisch bis sarkastisch Annettes Reserve gegenüber dem zunehmenden Boom von  Touristen , der Bali zu überrennen droht und an Balis Kultur und Religion keinen Deut interessiert  scheint, an amerikanischen und australischen Heilern und Gurus, die in Bali eine ertragreiche Nachfolgeadresse für Bhagwans  heimatlos gewordene Nachkommen aus Poona entdeckt haben, und mit ihren Festivals und Kursen heilsuchenden Schülern das letzte Geld aus der Tasche ziehen.

Gerade in ihren letzten Urlaubsmonaten2014  in Bali beschreibt sie – ungeachtet ihrer persönlichen Krankheit – die Sorge um die Zukunft ihres geliebten Bali, ob die Insel im Erfolg des Tourismus und der javanischen Geschäftsleute, der zunehmenden Islamisierung Indonesiens,  ihren Charme und ihre Seele behalten kann. Fast nebenbei – ohne dozierende Attitüde –  lässt Annette in die Erzählungen aus ihrem balinesischen Alltag – aus dem „Nähkästchen“ ihrer Profession als vergleichende Religionswissenschaftlerin –  höchst informative Anmerkungen über Religion und Kultur Balis einfließen, die zeigen, wie eng sie sich diesem Kulturkreis verbunden fühlte. Wie wir aus dem Nachwort von Horst Geerken erfahren, wurde – Annettes Wunsch entsprechend – nach ihrem Tod 2015 ihre Asche nach Bali verbracht und im heiligen Fluss  Campuhan in der Nähe von Tampaksiring verstreut.

Wem ist die Lektüre zu empfehlen? Sicherlich allen Lesern, die Indonesien aus einer unmittelbar persönlichen Erfahrung erleben wollen, die zugleich ein Dokument einer großen Liebe und Zuneigung zu diesem Land, aber auch eine berührende Liebesgeschichte der beiden Autoren zu einander ist.

Für jemanden  wie mich, der Indonesien seit 1968 kennt, war das Buch natürlich eine unwiderstehliche Einladung zum Lesen, nachdem mir kurz davor Horst Geerkens „Ruf des Gecko“ wieder in die Finger gekommen war. Ich habe „Indonesien – Gestern und Heute“ in einem Rutsch gelesen. Ein posthumes herzliches „Terima kasih!“ an die leider 2015 schon verstorbene Annette Bräker, die uns Leser literarisch so nah an ihren Reisen und indonesischen Erfahrungen teilhaben ließ. Dank aber auch an Horst Geerken, ohne den diese so lebendigen Erinnerungen wohl für immer in einer Nachlassschublade verschwunden wären.

(KS) Oktober 2017

Toke‘, Toke‘!

DER RUF DES GECKOS  –  Horst H. Geerken

Können Geckos rufen – wie es der Titel dieses hochinteressanten Buches unterstellt? Ja, müssen wir sagen: Der indonesischen Vertreter dieser Gattung schon, der „Tokek“ – der große Mauergecko, der abends und nachts in den Häusern und Hütten sein unüberhörbares  tiefes Toke‘ ertönen lässt  und dem viele Indonesier magische Kraft zuschreiben: Man zählt aufmerksam, wie oft sein Toke‘ zu hören ist und erfährt dann, ob einem Glück beschert sein wird. Allerdings muss das Toke‘ mindestens siebenmal – am besten aber – neunmal zu hören sein. Soll man so etwas ernst nehmen? Horst Geerken und seiner Familie hat der oft gehörte 9-malige Ruf des Geckos – sowohl privat als auch geschäftlich -18  glückliche Jahre in Indonesien gebracht.

Dabei begann seine Zeit in Jakarta als Geschäftsträger der deutschen Firma AEG –TELEFUNKEN im Jahre 1963 – die bis 1981 währen sollte,  zu einer Zeit, in der Indonesien unter seinem Präsidenten Sukarno auf ein politisch-ökonomisches Desaster zusteuerte, das 1965 mit dem Putsch-Massaker des General Suharto seinen Tiefpunkt erreichte. Horst Geerken hat diese Zeit hautnah erlebt.  Sein Buch erzählt detailreich, welch schwierige Verhältnisse des täglichen Lebens damals selbst für ein Mitglied der deutschen Geschäfts-Community  zu bewältigen waren. Aber auch welch interessante Aufgaben und Begegnungen der junge Geschäftsmann – Horst Geerken war damals gerade 30 Jahre alt – erleben konnte. Er hat im Laufe der Jahre neben vielen Persönlichkeiten  der deutschen Politik und Wirtschaft und der deutschen Botschaft in Indonesien  z.B. auch den damaligen Präsidenten Sukarno persönlich kennen und schätzen gelernt.

Was aber den besonderen Charme dieses Buches ausmacht, ist die Sympathie  für Indonesiens Menschen, ihre  Kultur und Geschichte, der des Autors engagiertes Interesse gilt. Nicht eben selbstverständlich für einen Ingenieur der Nachrichtentechnik! Über  fünfzig Seiten widmet das Buch der Geschichte des Landes, das 350 Jahre eine holländische Kolonie war und seine Unabhängigkeit letztendlich in einem fast fünfjährigen Krieg gegen Holland erkämpfen musste. Sehr gut auch die engagierte Sympathie des Autors für die Rolle Sukarnos, des ersten Präsidenten  Indonesiens, ohne den ein Indonesia Merdeka – ein freies Indonesien, wohl nicht vorstellbar wäre. Schonungslos dokumentiert der Autor auch die Grausamkeiten des kolonialen Terrorregimes als blutige Antwort auf die indonesischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1945 – Fakten, von denen in Europa wenig zu lesen war und die für Holland noch immer ein sehr unpopuläres Kapitel seiner jüngsten Geschichte sind.

Ebenso aufschlussreich Geerkens Schilderung der Rolle der USA für das unabhängige Indonesien. Die anfängliche Unterstützung, dann aber die wiederholten Versuche der CIA den Präsidenten Sukarno durch Attentate zu ermorden  und  schließlich  die maßgebliche Rolle der CIA beim Putsch des General Suharto und dem Massenmord von 1965/66 an hunderttausenden Menschen – ein Trauma, unter dem auch noch das heutige Indonesien leidet.

Neben diesem wichtigen Exkurs in die Geschichte, von der man auch als kurzweiliger Indonesienbesucher ein wenig wissen sollte, sind es vor allem die kenntnisreichen, oft  sehr amüsanten Erlebnisse und Anekdoten aus dem Leben und den Erfahrungen des langjährigen „Expats“ H. Geerken, dem Indonesien – wie er bekennt – zur zweiten Heimat geworden ist.

Wer sollte sich die Lektüre gönnen? Natürlich alle, die ein wenig mehr über Indonesien erfahren wollen, als die Prospekte der Reiseveranstalter dem Touristen an die Hand geben. Für jemanden wie mich aber, der selbst neun Jahre von 1968 -1977 in Indonesien gelebt und gearbeitet hat, also auch ein paar Jahre zur selben Zeit wie der Autor,  bedarf es keiner Leseempfehlung für dieses Buch. Es ist eine lebendige – fast nostalgische Erinnerung an ein Indonesien, das es heute so fast nicht mehr gibt.  Einen herzlichen Dank an den Autor also, der sich die Mühe – aber sicher auch die Freude – gemacht hat, seine indonesischen Erfahrungen mit uns zu teilen. Terima kasih, Pak!

nb.  Das Buch ist ja schon 2009 erschienen, und ich hatte es schon 2010 gelesen.Die kleine Buchrezension hätte eigentlich schon längst verfasst sein müssen. Entstanden ist damals aber zunächst der Blog-Artikel  „Merdeka atau Mati“ über den indonesischen Unabhängigkeitskampf .  Inzwischen hatte ich aber das Buch verliehen und erst vor kurzem wieder in die Hand bekommen. Nach einer neuerlichen Lektüre war es mir eine Herzenssache, mich für das Lesevergnügen durch eine kleine Besprechung zu bedanken.

Oktober 2017 (KS)

 

 

 

 

Wenn man ein Problem leugnet…

Einmal abgesehen davon, dass die Überschrift des unten zitierten Artikels aus der FAZ –  „Terrorismus und Islam hängen zusammen “ – eine Blabla-Überschrift darstellt, die das informierende Interview mit einem wirklich informierten muslimischen Gelehrten nicht verdient hat, zeigt die Reaktion im „Netz“ und den „sozialen Medien“, dass der Artikel vor allem von solchen Leuten zitiert und gelobt wird, die den Islam lieber grundsätzlich als Terror-Religion einstufen und verbieten würden

.Der tapfere Haji Staquf als Kronzeuge  dieser Leute könnte einem fast leid tun, wenn er nicht ein lebendiger Kronzeuge der gewaltigen und leider auch gewalttätigen  Auseinandersetzungen  der Gesellschaften des muslimischen Kulturkreises wäre. Der Islam ringt dort um seine weltanschaulich-religiöse Bedeutung für die moderne Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Islamischer Fundamentalismus – auch Islamismus genannt – möchte die Muslime des 21. Jahrhunderts  in eine Lebensform und Weltanschauung des 7. Jahrhunderts zurück zwingen, die sie als die gottgewollte und einzig gültige propagieren.

Kyai Staquf kommt aus Indonesien, einem Land, das bei seiner Gründung 1945, sich bewusst  eine säkuläre Verfassung gab, die das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen garantieren sollte, ringt heute auf vielen Ebenen um die Gültigkeit dieser Verfassung „Pancasila“. Kyai Staquf steht als Generalsekretär der NU (Nadlatul Ulama) und Verteidiger eines modernen Islam in  vorderster Front gegen die fundamentalistischen Strömungen in seiner Heimat. Klartext sei auch in Europa angesagt, mahnt er. Der Deckmantel der Religionsfreiheit sollte einem fundamentalistischen Islam nicht zugestanden werden. (KS)

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – 19.08.2017  (Printausgabe)

Terrorismus und Islam hängen zusammen

Ein Interview von Marco Stahlhut  (FAZ)                                      

Wenn Bomben Terror in die Städte bringen, sind meist Muslime die Täter. Das hat seinen Grund, und der Westen muss anders damit umgehen als bislang üblich.

Kyai Haji Yahya Cholil Staquf stammt aus einer sunnitischen Gelehrtenfamilie. Er ist Generalsekretär des Obersten Rats van Nahdlatul Ulama, der größten muslimischen Vereinigung Indonesiens, das wiederum das Land mit den meisten Muslimen ist. Nahdlatul Ulama gibt ihre Mitgliederzahl mit fünfzig Millionen an und versteht sich zumindest in Teilen als moderat. Yahya Cholil Staquf gehört dem spirituell orientierten Flügel der Organisation an. F.A.Z

Im Westen gibt es viele Politiker und Intellektuelle, die sagen, dass der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun habe. Was sagen Sie als führendes Mitglied der wohl größten sunnitischen Massenorganisation der Welt dazu, der indonesischen Nahdlatul Ulama?

Westliche Politiker sollten aufhören, zu behaupten, Extremismus und Terrorismus hätten nichts mit dem Islam zu tun. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Fundamentalismus, Terror und Grundannahmen der islamischen Orthodoxie. Solange wir darüber keinen Konsens erzielen, so lange werden wir keinen endgültigen Sieg über die fundamentalistische Gewalt im Islam erreichen. Radikalislamische Bewegungen sind doch nichts Neues. Auch in der indonesischen Geschichte gab es sie immer wieder. Ich bin selbst gläubiger Muslim. Der Westen muss aufhören, das Nachdenken über diese Fragen für islamophob zu erklären. Oder will man mich, einen islamischen Gelehrten, auch islamophob nennen?

Welche Grundannahmen des traditionellen Islams sind problematisch?

Drei Bereiche, wir nennen sie die „centers of concern“, sind besonders wichtig.               Erstens das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen. Zweitens das Verhältnis von Muslimen zum Staat. Drittens das muslimische Verhältnis zum Recht.

Fangen wir mit dem Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen an. Was ist am traditionellen Verständnis davon problematisch?

In der klassischen Tradition ist das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen eines von Segregation und Feindschaft. Dafür mag es Gründe gegeben haben im Mittelalter, als die islamische Orthodoxie sich konsolidiert hat, aber heutzutage ist eine solche Lehre schlicht unvernünftig. Sie macht ein friedliches Leben von Muslimen in den multikulturellen, sen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts tendenziell unmöglich.

 Das sind harte Aussagen. Kämen sie von einem westlichen Politiker, würde ihm womöglich Rassismus vorgeworfen.

Ich sage nicht, dass der Islam das Einzige ist, was die muslimischen Minderheiten im Westen dazu bringt, ein mehr oder weniger segregiertes Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft zu leben. Es mag weitere Faktoren auf der Seite der Gastgebergesellschaft geben, Rassismus zum Beispiel, wie überall. Aber jedenfalls ist der traditionelle Islam, der eine Haltung von Segregation und Feindschaft gegen-über Nichtmuslimen fördert, ein wichtiger Grund.

Nun zum zweiten Punkt, dem traditionellen muslimischen Verhältnis zum Staat.

In der islamischen Tradition ist der Staat als universaler, einheitlicher Staat für alle Muslime konzipiert, mit einem Einzelherrscher an der Spitze, der die muslimische gegen die nichtmuslimische Welt vereinigt.

Zumindest in dieser Hinsicht ist der Ruf von radikalen Kräften wie dem IS nach einem Kalifat also nicht unislamisch?

Nein, in dieser Hinsicht entspricht der IS der Tradition. Aber wir leben in einer Welt von Nationalstaaten, und jeder Versuch, im 21. Jahrhunderts einen einheitlichen islamischen Staat zu schaffen, kann nur zu Chaos und Gewalt führen.

Der dritte Bereich problematischer Grundannahmen des traditionellen Islams betrifft das Verhältnis zum Recht.

Viele Muslime setzen voraus, dass es eine Gruppe fester, unveränderlicher islamischer Gesetze gibt, auch bekannt als Scharia. Auch das steht im Einklang mit der Tradition, aber es führt zwangsläufig zu Konflikten mit den Gesetzen von säkularen Nationalstaaten. Wir müssen dahin kommen, dass ein Verständnis, das die traditionellen Normen der islamischen Rechtslehre absolut setzt, als falsch gilt. Religiöse Werte und soziale Realität müssen zueinander passen. Und es muss glasklar sein, dass die staatlichen Gesetze Vorrang haben.

Was muss man dafür tun?

In Indonesien waren wir schon einmal so weit, dass sich eine kontextualistische Lesart dieser Grundannahmen im Islam durchgesetzt hatte. Dass indonesische Muslime also mehrheitlich der Meinung waren — ich denke, auch noch sind —, dass bestimmte im Mittelalter entstandene Grundannahmen der Tradition im Kontext ihrer Entstehungszeit verstanden werden müssen, aber bitte nicht als Handlungsanweisung für die Gegenwart. Darüber müsste möglichst weltweit ein Konsens hergestellt werden.

Wie könnte das gelingen?

Wie wir aus der Geschichte wissen, werden Fragen darüber, welche theologischen Interpretationen die richtigen sind, nicht rein theologisch entschieden. Das sind Kämpfe um Autorität, sie haben eine stark politische Dimension. In den Ländern, in denen Muslime eine Mehrheit darstellen, benutzen politische Eliten ihn als Waffe zur Durchsetzung ihrer eigenen Ziele, auch in Indonesien.

Kann man aus Ihrer Perspektive überall auf der Welt eine ähnliche Politisierung des Islams diagnostizieren?

Ich glaube nicht, dass es in europäischen Ländern wie Belgien, Großbritannien oder Dänemark weniger große Probleme in dieser Hinsicht gibt als in Indonesien. Zu viele Muslime sehen die Zivilisation, das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedenen Glaubens, als etwas an, das bekämpft werden muss. Und ich glaube, dass viele Europäer das spüren. Es gibt doch eine immer größere Unzufriedenheit im Westen, was die dortigen muslimischen Minderheiten angeht, eine steigende Furcht vor dem Islam. In diesem Sinne sind auch einige westliche Freunde von mir islamophob. Sie haben Angst vor dem Islam. Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich das verstehen.

Was sollte der Westen tun?                                                                                                                                                                                                                                                      Der Westen kann den Muslimen keine moderate Interpretation des Islams aufzwingen. Aber die westlichen Politiker sollten aufhören zu erzählen, dass Fundamentalismus und Gewalt nichts mit dem traditionellen Islam zu tun hätten. Das ist schlicht falsch.

Aber westliche Politiker, die so argumentieren, haben zumindest einen guten Grund dafür: Sie möchten eine Spaltung ihrer Gesellschaften in Muslime und Nichtmuslime nicht noch befördern, möchten nicht zu Rassismus gegenüber Muslimen beitragen.

Diesen Wunsch teile ich. Das ist sogar ein Hauptgrund, warum ich mich so deutlich äußere. Aber so wird das nicht funktionieren. Wenn man ein Problem leugnet, kann man es nicht lösen. Man muss das Problem benennen und sagen, wer und was dafür verantwortlich ist.

Über den Beitrag der islamischen Tradition zu den aktuellen Problemen haben wir geredet. Welche Akteure tragen darüber hinaus zur Zuspitzung der Lage in den letzten Jahren bei?

Was jetzt hinzukommt, ist, dass Saudi-Arabien und andere Golfstaaten überall in der Welt massenhaft Geld verteilen, um ihre ultrakonservative Version des Islams zu verbreiten. Der Westen muss Saudi-Arabien endlich ernsthaft unter Druck setzen, damit aufzuhören.

Was für ein Ziel verfolgen die Saudis denn aus Ihrer Perspektive?

Es sind auch politische Ziele. Saudi Arabien und Iran konkurrieren miteinander um die Vorherrschaft, geopolitisch wie religiös. Iran ist schiitisch. Deshalb ist es für Saudi-Arabien politisch hilfreich zu betonen, dass Schiiten Ungläubige wären. Aber wenn man zugleich alle Ungläubigen zum Feind erklärt, der vernichtet werden darf, bleibt es bei den Schiiten als Gegnern natürlich nicht stehen. Iran unternimmt im Übrigen etwas Ähnliches wie die Saudis, nur in der schiitischen Welt. Aber vor allem die saudische Strategie einer Verbreitung van Wahhabismus und Salafismus hat die Welt in ein Pulverfass verwandelt.

Glauben Sie, dass es noch gelingen kann, das Steuer herumzureißen?

Es hat schon bessere Zeiten gegeben (lacht traurig). Aber wir müssen es zumindest versuchen.

Ich vermute,  Sie und Ihre Organisation sind gefragte Gesprächspartner der Politik im terrorgeplagten Westen?

Wissen Sie, ich bewundere westliche, insbesondere europäische Politiker. Sie denken so wunderbar humanitär. Aber das allein reicht nicht. Wir leben in einer Zeit, in der man realistisch denken und handeln muss.

Das ist eine sehr diplomatische Antwort.

Europa hat aus seinen Fehlern in der Vergangenheit immer noch nicht gelernt. Als ich zuletzt in Brüssel war, habe ich gesehen, wie eine Gruppe arabischer, viel-leicht auch nordafrikanischer Jugendlicher Polizisten bedrängt hat. Meine belgischen Freunde haben gesagt, das sei schon fast alltäglich in Belgien. Warum lässt man das zu? Was macht das für einen Eindruck? Jetzt nimmt Europa, nimmt Deutschland massenhaft Flüchtlinge auf — verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich darf man die Augen nicht vor Not verschließen. Aber man nimmt Flüchtlinge auf, über die man nichts weiß, die am sehr problematischen Gegenden stammen. Extremisten sind nicht dumm.

Ich vermute, wir sind uns einig darin, dass es einen harten rechten Rand in westlichen Gesellschaften gibt, der auch einen moderaten, kontextualistischen Islam ablehnen würde, einfach weil es sich um eine fremde Religion handelt . . .

. . . und es gibt einen harten linksliberalen Rand im Westen, der jedes Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen traditionellem Islam, Fundamentalismus und Gewalt als islamophob denunziert. Das muss endlich aufhören. Wie gesagt: Ein Problem, das geleugnet wird, kann nicht gelöst werden.

© FAZ  Das Gespräch führte Marco Stahlhut.

 

Ein fatales Gerichtsurteil in Jakarta

Es ist passiert, was zu befürchten war: Nicht nur, dass der politische Wendehals Anies Baswedan vor zwei Wochen zum Gouverneur von Jakarta gewählt wurde, sondern dass das Gericht von Nord-Jakarta am Dienstag den bisherigen Gouverneur Tjahaya Basuki Purnama, kurz: „Ahok“ genannt, tatsächlich zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe wegen öffentlicher Beleidigung/Verächtlichmachung des Islam verurteilt hat.

Was war vorgefallen? Ahok, bekennender evangelischer Christ, hatte während des Wahlkampfs zur Gouverneurswahl bei einem Besuch in einem Fischerdorf  auf die Kampagne seiner Gegner reagiert, die verkündeten, der Koran verbiete es  Muslimen, sich von einem Nicht-Moslem regieren zu lassen. Ahok sagte den Leuten, sie sollten sich bei dieser Wahl nicht von  muslimischen Propagandisten manipulieren lassen, die  den Koran für ihre politischen Zwecke missbrauchten. Dieses Statement verdrehte man zu den Vorwurf, Ahok hätte den Koran und seine Gläubigen verunglimpft. Ein Unding! Aber Ahoks Gegner – man darf ruhig „Feinde“ sagen – setzten dieses Strafverfahren durch.

Man muss den Verdacht haben, dass ein indonesisches Gericht hier dem Druck der Straße radikaler Moslems nachgegeben hat. Der Richter ging mit seinem Strafmaß dazu noch über den Strafantrag der Staatsanwalts von einem Jahr Gefängnis hinaus. Das Urteil ist eine Farce und ein katastrophaler Indikator für die politische Situation in Indonesien 2017. Und man  sollte wissen, dass der neue Gouverneur Baswedan im Wahlkampf just mit den Leuten von der radikal-muslimischen FPI paktiert hat, die diesen Prozess angestrengt und durchgesetzt hatten.

Das Urteil gegen Ahok ist noch nicht rechtskräftig, aber er wurde sofort nach der Urteilsverkündung wie ein Schwerverbrecher abgeführt und muss wohl vom Gefängnis aus seinen Einspruch gegen das Urteil betreiben. Traurig, und besorgniserregend.

Mehr zu den Hintergründen im Artikel von Christina Schott, der hiermit empfohlen sei.

Gouverneurswahl in Indonesien

Stimmungsmesser für Toleranz und Pluralismus

Indonesiens Hauptstadt Jakarta wird künftig wieder von einem Muslim regiert: Bei der Stichwahl um das Gouverneursamt unterlag der bisherige christliche Amtsinhaber seinem muslimischen Herausforderer Anies Baswedan. Für viele war die Wahl ein Testfall für den indonesischen Pluralismus. Aus Jakarta informiert Christina Schott

„Ich wusste ehrlich nicht, wen ich noch wählen sollte“, sagt Ivana Lee. Die 32-jährige Lehrerin ist unentschlossen, wer ihr Wunschkandidat für den Posten des Gouverneurs von Jakarta ist. „Der eine Kandidat lässt sich von den Islamisten unterstützen. Der andere vertreibt die Armen aus ihren Häusern. Deswegen bin ich heute zu Hause geblieben.“ Gewählt hat sie nicht.

Lee hat sich jahrelang im Gemeindezentrum „Ciliwung Merdeka“ im Armenviertel Bukit Duri engagiert, das sich am Ufer des völlig vermüllten Flusses Ciliwung drängt. Gleichzeitig mit den Behausungen von 440 Familien musste das zweistöckige Haus im vergangenen August einem massiven Betonwall weichen. Mit solchen Flussbegradigungen will Jakartas amtierender Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok, die notorischen Überschwemmungen in Indonesiens Hauptstadt eindämmen. Dabei hat er sich bei den unteren Schichten der Bevölkerung nicht gerade beliebt gemacht. „Viele Leute hier haben bis heute keine der versprochenen Ersatzwohnungen erhalten. Sie haben daher Ahoks Gegner gewählt“, sagt sie.

Ahoks Gegner heißt Anies Baswedan. Und er wird sein Nachfolger werden: Rund 55 Prozent der Bewohner von Jakarta haben den ehemaligen Bildungsminister zu ihrem neuen Gouverneur gewählt.

Im Wahlkampf allerdings spielten die Vertreibungen aus Armenvierteln nur eine untergeordnete Rolle, genauso wie die durchaus beachtlichen Erfolge des amtierenden Gouverneurs, der hart gegen korrupte Beamte vorging, wichtige Infrastrukturprojekte anstieß und den Zugang zu Bildungs- und Gesundheitswesen verbesserte.

Herkunft und Glaube als entscheidende Faktoren

Stattdessen ging es vor allem um Ahoks Glauben und seine Herkunft: Ein Christ, der noch dazu der unbeliebten chinesischen Minderheit angehört, könne unmöglich die Hauptstadt des Landes mit der weltgrößten muslimischen Bevölkerung führen, so die einhellige Meinung islamischer Massenorganisationen.

„Diese Wahl ist ein Testfall für den indonesischen Pluralismus, ob wir dem Druck der religiösen Gruppen und Populisten widerstehen können“, sagte Wimar Witoelar, ein angesehener politischer Analyst und Berater des früheren Präsidenten Abdurrahman Wahid vor der Wahl: „Indonesien steht an einem Wendepunkt. Und ich meine Indonesien, nicht nur Jakarta.“

Weiterlesen... Ahok und Jakartas Gouverneurswahl

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Liebe und Tod auf Pulau Buru

ALLE FARBEN ROT

von Laksmi Pamuntjak

ambaEin großartiger Roman und ein wichtiges Buch für  das Indonesien von 2015, das aber auch  international für Aufmerksamkeit sorgte. Als deutscher Leser  muss man allerdings ein wenig Geduld haben mit deutschen Titel: „Alle Farben rot“. Er erschließt sich erst im letzten Kapitel. Im indonesischen Original heißt das Buch einfach nur: AMBA und ist der Erstlingsroman der Autorin Laksmi Pamuntjak, die mit diesem Buch sehr zu Recht  auf die Frankfurter Buchmesse 2015 eingeladen wurde.

Inhalt

Oberflächlich betrachtet ist „Amba“ eine triviale Dreiecksgeschichte: Eine junge Javanerin, in ihren tragischen Gefühlen zwischen zwei bzw. drei Männern, wie sie sich leider häufig in der Welt ereignet – wenn da nicht 1. die Namen der Protagonisten und 2. der Zeitrahmen wäre, in der das Beziehungsdrama sich abspielt.

Die Namen Amba, Bhisma und Salwa sind nämlich die Namen der mythischen Akteure aus dem hinduistischen Sagendrama „Mahabharata“. Deren tragisch verflochtenes Schicksal ist die Matrix für das moderne Drama, das im Indonesien der 1960-er Jahre spielt und sich bis zum Jahr 2009 hinzieht. Es ist die Zeit vor und nach der Machtübernahme des Generals Suharto, die Zeit des Massenmords und der Diskriminierung von Millionen Menschen, die verdächtig werden, einen kommunistischen Staatsstreich unterstützt zu haben.

Die Erzählung beginnt 2006 auf der Insel Buru mit der Suche  über sechzigjährigen Amba nach dem Grab ihres Geliebten und Vater ihrer Tochter Srikandi, den sie vor fast vierzig Jahren aus den Augen verloren hat. Amba, 1965 eine junge Englischstudentin in Jogyakarta, wird von ihren Eltern mit Salwa verlobt, einem  jungen liebenswerten Uni-Dozenten , den sie zwar nett findet, aber  nicht liebt. Bei einem Praktikum als Übersetzerin begegnet sie dem attraktiven Assistenzarzt Bhisma und verliebt sich hoffnungslos in ihn. Bhisma erwidert ihre Liebe und die beiden werden ein Paar. Bhisma stammt aus einer begüterten Familie in Jakarta, hat in Holland und Ostdeutschland Medizin studiert und ist aus dieser Zeit mit vielen Akteuren und Künstlern aus dem sozial-revolutionären Umfeld befreundet.

Im Oktober 1965 nehmen Bhisma und Amba in Jogyakarta an einer demonstrativen Totenfeier für Bhismas ermordeten Studienfreund Untarto, einem angesehenen PKI-Kader  teil, als die Veranstaltung plötzlich von einem Überfallkommando des Militärs unter Beschuss genommen wird. Im Strudel dieser Ereignisse, verlieren sich Amba und Bhisma aus den Augen. Als Amba noch Monate lang später keine Nachricht von Bhisma erhält, beginnt sie an seiner Liebe zu zweifeln, vermutet eine Verbindung Bhismas zu einer anderen Frau. Von Bhisma schwanger, kann Amba nicht zurück zu ihrer Familie. Sie löst die Verlobung mit Salwa und zieht mit dem deutsch-amerikanischen Englischdozenten Adelhard Eilers nach Jakarta, wo die beiden heiraten, und für die Tochter Srikandi sich in den Folgejahren eine gemeinsame Existenz aufbauen

Bhisma jedoch, ist nach den Ereignissen vom Oktober 1965 in Jogyakarta der Kontakt zu Amba verrwehrt, weil  er  als PKI-Sympathisant von den Häschern des Suharto-Regimes verhaftet  und in deren Spezialgefängnissen verschwindet. Auch möchte er verhindern, dass Amba eventuell auch noch verhaftet wird. Später wird er als einer von 12000 Schicksalsgenossen auf die Gefangeneninsel Buru – den Gulag der Suharto-Ära, -deportiert. Er überlebt das Arbeitslager und könnte 1979  nach seiner Entlassung nach Java zurückkehren. Er entschließt sich aber, auf der Insel Buru zu bleiben, wo er der armen Dorfbevölkerung als hochgeschätzter Arzt und Heiler zur Verfügung steht, bis er 2006 bei einer zufälligen Begegnung von einem Ex-Häftling  erschossen wird.

Eine E-Mail eines unbekannten Absenders macht Amba auf den Tod des ehemaligen Geliebten aufmerksam. Amba reist auf die Insel Buru, findet das Grab und ein Bündel versteckter Briefe Bhismas, in denen sie lesen muss, dass sie immer die einzige wahre Liebe Bhismas gewesen war.  Tief getroffen  muss Amba sich eingestehen, mit ihrem damaligen eifersüchtigen Zweifeln an der Liebe Bhismas schuldig geworden zu sein und mit diesem Wissen jetzt weiterleben zu müssen.

Fazit

Laksmi Pamuntjak hat sich mit diesem, 650 Seiten starken, Roman viel vorgenommen.  Beeindruckend: die poetische Kraft ihrer Sprache, ihre sensibel kenntnisreiche Schilderung der javanischen Familien-Verhältnisse, die profunde Recherche der politisch sozialen Problematik der späten Sukarno-Ära und der Lebensumstände auf der Gefangeneninsel Buru.

Frau Pamuntjak 1971 geboren, erlebt Kindheit und Jugend in der „Orde Baru“ (Neuen Ordnung) der Suharto-Ära, die 1997 zu Ende geht. Sie gehört zu der Generation, der von klein auf eingetrichtert wurde, dass  der Militärputsch und die damit verbundenen  Gräueltaten notwendig gewesen seien zur Rettung Indonesiens vor der kommunistischen Gefahr. Das damit begangene Unrecht an Millionen Bürgern und ihren Familien wurde einfach geleugnet, die Kritik daran verboten und verfolgt.

Und hier beginnt die mutige Brisanz dieses Buches, das ja vor allem für indonesische Leser geschrieben wurde. Die Autorin lässt den Leser – das ist vor allem die junge Generation Indonesiens – lebendig teilnehmen an einer Zeit – 1965, in der Präsident Sukarno, der Nationalheld  der Unabhängigkeit, das neu entstandene Indonesien mit seiner Politik in ein sozial-ökonomisches  Desaster gesteuert hatte, das einen Umsturz geradezu herausforderte.    Die für den deutschen Leser oft ermüdend vielen Namen von Orten, Organisationen, Abkürzungen und Erklärungen, sind für den indonesischen Leser von großer Bedeutung, zeigen sie doch, dass die Ereignisse von 1965 doch anders gesehen und bewertet werden müssen, als es die offizielle indonesische Geschichtsschreibung vermitteln wollte.

Eine zweite Ebene ist für das heutige Indonesien von Bedeutung: Der Konflikt der Frauen und Mädchen zwischen der Jahrhunderte gültigen Familientradition, sich den Wünschen der Eltern zu beugen und dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Amba muss erfahren, welchen Preis die Verhältnisse von einer jungen Frau fordern, deren Schicksal es ist, ihren Weg alleine gehen zu müssen. Wie im Mahabharata gibt es kein einfaches Happy End als mögliche Lösung, sondern nur den Willen, sich dem Schicksal aufrecht zu stellen. (KS)

ps. Ein ganz großes Lob für die deutsche Übersetzerin Martina Heinschke, der eine beeindruckende Übertragung aus dem Indonesischen gelungen ist. Danke!

 

Verlag Ullstein 2015 – ISBN-10: 35500808

Eine lebendige Begegnung mit der Steinzeit

Die Siberuter von Herwig Zahorka

DownloadEs gibt sie noch: Menschen, die ihr Leben heute im Jahre 2016 noch auf der Kulturstufe der Jungsteinzeit verbringen, in einer Lebensweise und Überlebenstechnik, die ihren Völkern über 5000 Jahre hinweg das Überleben ermöglichte. Ein solches Volk  gibt es noch auf der indonesischen Insel Siberut am Rande des Indischen Ozeans. Dort nämlich hat sich im Inneren der Insel ein Volk erhalten, das bis auf den heutigen Tag von der Jagd, dem Fischen, seinen Haustieren und den Früchten des tropischen Regenwalds lebt: Keine Bauern, sondern Jäger und Sammler.

Der Autor Herwig Zahorka, Forstdirektor a.D. und seit 1995  in Indonesien lebend, hat diese Insel mehrere Male besucht und darüber ein wunderschönes und ungemein kundiges Buch geschrieben: Wunderschön, weil das Buch reichhaltig mit farbigen Fotos ausgestattet ist, und kundig, weil der Autor nicht nur als interessierter Trekking-Reisender, sondern als Biologe / Forstexperte und Ethnologe seine Erfahrungen beschreibt. In einer Zeit, die historisch mit dem folgenreichen Verschwinden/Abholzung der letzten Urwälder Südostasiens verbunden sein wird,  eröffnet uns das Buch einen detaillierten Einblick in den völlig anderen Kosmos dieser Menschen, der bis dato den Urwald von Siberut schützte. Deshalb auch der Untertitel: „Mit ihrer steinzeitlichen Religion haben sie den Regenwald erhalten“

Daher ist der „Religion“ der Siberuter –  kulturhistorisch Animismus genannt –  sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, die uns sehr deutlich auf den Zusammenhang zwischen Natur/ Überleben und Religion hinweist: Die Natur ist beseelt und sie gehört nicht den Menschen. Der Wald und die Achtung seines Lebens und seiner Bewohner garantiert das Leben der Siberuter. Das verlangt die Einhaltung bestimmter Regeln und Tabus, die diesen Kosmos im Gleichgewicht halten. Wir erfahren vom Leben einer freundlichen, egalitären, Konflikte vermeidenden Stammesgesellschaft im tropischen Regenwald, in der Männer und Frauen gleichermaßen für ihre Familien sorgen. Männer und Frauen  schmücken sich mit Blumen und Blüten  und unterwerfen sich schmerzhaften Tätowierungen, um ihre Körper zu verschönern, damit ihre Seele gerne in ihren Körpern wohnt.

Durch die Freundschaft des Autors mit dem Schamanen Teopatrekere und seiner Familie kann der Leser sehr informiert an den Ritualen für Jagd, Krankheit und Tod teilnehmen, den Tänzen der Schamanen, die mit den mächtigen Geistern der Ahnen in Kontakt zu treten. Der Biologe Zahorka  belässt es nicht beim ungefähren Beschreiben oder Fotografieren der vorkommenden Pflanzen und Bäume: immer wird der Leser mit den exakten wissenschaftlichen (lateinischen) Bezeichnungen versorgt. So auch mit der Identifizierung der Pflanzenmixtur, die die Siberuter Jäger für ihr intelligentes Pfeilgift „omai“ verwenden, das für die Jagdtiere tödlich, für den Verzehr des Fleisches durch die Menschen aber ungefährlich ist.

Hochinteressant auch das Kapitel über die Jagdrituale der Steinzeitjäger, die sich seit tausenden von Jahren in abgewandelter Form bis in die Jagdgewohnheiten moderner mitteleuropäischer Jäger erhalten haben.Durch die genaue Beobachtung des Jagdtrophäenkults der Siberuter glaubt Zahorka auch, einige der ungelösten Deutungsrätsel der steinzeitlichen Höhlenmalereien etwa von Lascaux lösen zu können. Durch diese Bilder würde dem erlegten Jagdtier der Respekt erwiesen, der dessen Seele gebührt, ganz ähnlich wie der Schädel des erlegten Tieres, der  in der Uma, dem Haus der Siberuter, aufgehängt wird, um der Seele des Tiere ihren Ehrenplatz zuzuweisen.

Sehr berührend das Kapitel über den tragischen Tod eines kleinen Kindes, das mit den Mitteln der animistischen Medizin nicht mehr gerettet werden konnte. Die Empfehlung des Autors, der damals als Gast im Hause weilte, das schwerkranke Kind möglichst schnell  in ein Krankenhaus der Hafenstadt an der Küste zu bringen, wurde von der Familie nicht angenommen. Das Fazit der Schamanen, mit dem sich auch die Eltern abfanden: Die Seele des Kindes wollte nicht länger im Körper des Kindes bleiben! Für uns Europäer eine schwer zu akzeptierende Auskunft, wenn die moderne Medizin im Zweifelsfall hätte helfen können.

Eine wahrscheinlich doch hohe Kindersterblichkeit hat in der Vergangenheit ein starkes Anwachsen der Bevölkerung auf Siberut verhindert und scheint der Preis für die traditionelle Überlebensmöglichkeit zu sein. Ob sich die kommende Generation der Siberuter den „Segnungen“ der modernen Zivilisation, die für sie sehr wohl an den Küstenorten erreichbar ist, verweigern wird, darf bezweifelt werden, zumal die indonesische Regierung – geprägt von islamischen Grundanschauungen –  bis dato der Lebensform der Siberuter „Waldmenschen“ nicht sehr wohlwollend gegenüber steht. Die viel konkretere Bedrohung aber ist die Lizenz zum Abholzen der Wälder auf Siberut. Sollten diese Unternehmungen nicht zu stoppen sein, dann werden der Siberuter leider das gleiche tragische Schicksal erleiden wie die anderen Urvölker dieser Erde, denen es so lange gelang, zu überleben, ohne ihre Lebensgrundlagen zu vernichten.

Herwig Zahorka hat sein Buch eine Hommage an die Siberuter genannt und  ein kostbares Dokument über eines der letzten Urvölker Indonesiens verfasst, das sehr zurecht 2015 auf der Frankfurter Buchmesse  vorgestellt wurde. Dank an den Autor  und eine besondere Leseempfehlung für alle, die sich für das Indonesien abseits der Inseln Java und Bali interessieren. (KS)

DAS – gar nicht so – INDONESISCHE GEHEIMNIS

 

Hella S. Haasse:    Das indonesische Geheimnis

haasseUm es vorweg zu schicken: Das Buch war für mich so spannend, das ich es in fast einem Rutsch gelesen habe. Die Kritik ist sich einig: der holländischen Autorin ist mit dem 2002 publizierten Roman ein großer Wurf gelungen, der ihr in Holland den Publikumspreis 2003 einbrachte.  2015, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel: „Das indonesische Geheimnis“. Wahrscheinlich habe ich es diesem Titel zu verdanken, dass mein lieber Schwager Werner mir, dem „Indonesien-Nerd“ dieses Buch als Weihnachtsgeschenk aussuchte. Ein Dankeschön an ihn sei nicht vergessen.

Ausgerechnet aber am Titel sei ein wenig Kritik erlaubt. Nach der Lektüre des Buches stellt sich nämlich die Frage, was denn an der beschriebenen Geschichte ein „indonesisches“ Geheimnis gewesen sein soll? Was ist an dem wahrscheinlichen Verhältnis der Freundin Dee mit dem Ehemann der Protagonistin Herma Warner so besonders „indonesisch“, dass es den deutschen Titel rechtfertigte? Auf Niederländisch heißt der Roman: „Sleuteloog“, und nach Recherchen im Wörterbuch müsste man das mit „Schlüsselloch“ übersetzen. Man möge mich berichtigen, aber so die Übersetzung korrekt ist, erscheint mir auch der holländische Titel nicht ganz passend, denn es ist überhaupt keine „Schlüsselloch-Story“, im Gegenteil. Das Ende geliebter Illusionen braucht auch hier kein Schlüsselloch.

Selbst wenn einem etwa ab der Hälfte des Romans der Verdacht beschleicht, dass die attraktive Freundin Dee (Adele) eventuell auch privat mehr mit Hermas späteren Ehemann Taco zu tun hatte, als Herma es wahr haben wollte, so ist das Verhältnis der beiden Freundinnen und ihrer Familien  in „Nederlands Indie“ der zwanziger und dreißiger Jahre zwar der rote Faden der Geschichte, das große beschriebene Thema jedoch ist ein anderes: Es ist der provozierte Rückblick der Protagonistin Herma auf ihre Kindheit und Jugend als privilegierte Angehörige der niederländischen Kolonialgesellschaft jener Jahre.

Der Autorin Hella S. Haasse – selbst 1918 in Batavia (Jakarta) geborene Holländerin – gelingt es mit großer literarischer Kunst, Menschen und Welt des damaligen Niederländisch-Indien lebendig werden zu lassen. Frau Mijers, Onkel Louis, Tante Non, Hermas Eltern, sowie Hermas Freundin Dee und ihre Mutter Nadia – allesamt engagiert gezeichnete Personen und Schicksale dieses exotischen Milieus.  Für uns Heutige besonders aufschlussreich: die Beschreibung der subtilen diskriminierenden  Abgrenzungen im Verhältnis der Angehörigen der niederländischen Kolonialgesellschaft untereinander, der Spannungen zwischen den „reinblütigen“ europäischen Kolonialbeamten und der alteingesessenen Kolonialelite, die schon über Generationen hinweg von einheimischen – indonesischen Müttern abstammte. Man ahnt, dass es im neuen Staat Indonesien für alle, die ihren Status und Einfluss irgendwie an ihrer niederländisch-europäischen Herkunft festzumachen versuchten, keine Zukunft geben würde.

Zitat: „ Ich bin ein Produkt dieser letzten, schwer zu definierenden Periode Niederländisch-Indiens, den beiden Jahrzehnten zwischen den Kriegen: Einschneidende, stürmische Entwicklungen unter dem Deckmantel einer scheinbaren Ordnung, die entweder nicht bemerkt oder verstanden, beziehungsweise von der einheimischen wie auch der ansässigen europäischen Elite falsch eingeschätzt wurden. Das alte Niederländisch-Indien, in dem man auch als Holländer mit allen Vor- und Nachteilen Wurzeln schlagen konnte, war verschwunden, und für die „hierzulande Geborenen rein europäischer Herkunft“, wie es damals offiziell hieß, gab es keine Heimat mehr.“

„Das indonesische Geheimnis“  ist die eindringliche Erzählung der letzten Phase von „Nederlands-Indie“, bevor 1942 mit der Besetzung Indonesiens durch die Japaner der endgültige Countdown des holländischen Kolonialreichs eingeläutet wurde und sich unter seinem Führer Sukarno  ein neues Land mit dem Namen „Republik Indonesia“ in einem grausamen vierjährigen Kolonialkrieg seinen Platz unter den unabhängigen Staaten der Welt erkämpfte. Damit war aber nicht nur ein Kolonialreich untergegangen, sondern es war auch der traumatische Exodus von über dreihunderttausend Menschen aus einem Land, das für sie die eigentliche Heimat gewesen war.

Wer über diese rein dramatischen Fakten hinaus, etwas über Denken und Fühlen dieser Menschen erfahren möchte, dem sei dieser Roman aufs wärmste  empfohlen. (KS)

Ein sehr kundiges Gespräch über dieses Buch ist hier zu hören in ARD- Mediathek 2015 SWR2:

Ein Gespräch über H.Haasse: Das indonesische Geheimnis