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Toke‘, Toke‘!

DER RUF DES GECKOS  –  Horst H. Geerken

Können Geckos rufen – wie es der Titel dieses hochinteressanten Buches unterstellt? Ja, müssen wir sagen: Der indonesischen Vertreter dieser Gattung schon, der „Tokek“ – der große Mauergecko, der abends und nachts in den Häusern und Hütten sein unüberhörbares  tiefes Toke‘ ertönen lässt  und dem viele Indonesier magische Kraft zuschreiben: Man zählt aufmerksam, wie oft sein Toke‘ zu hören ist und erfährt dann, ob einem Glück beschert sein wird. Allerdings muss das Toke‘ mindestens siebenmal – am besten aber – neunmal zu hören sein. Soll man so etwas ernst nehmen? Horst Geerken und seiner Familie hat der oft gehörte 9-malige Ruf des Geckos – sowohl privat als auch geschäftlich -18  glückliche Jahre in Indonesien gebracht.

Dabei begann seine Zeit in Jakarta als Geschäftsträger der deutschen Firma AEG –TELEFUNKEN im Jahre 1963 – die bis 1981 währen sollte,  zu einer Zeit, in der Indonesien unter seinem Präsidenten Sukarno auf ein politisch-ökonomisches Desaster zusteuerte, das 1965 mit dem Putsch-Massaker des General Suharto seinen Tiefpunkt erreichte. Horst Geerken hat diese Zeit hautnah erlebt.  Sein Buch erzählt detailreich, welch schwierige Verhältnisse des täglichen Lebens damals selbst für ein Mitglied der deutschen Geschäfts-Community  zu bewältigen waren. Aber auch welch interessante Aufgaben und Begegnungen der junge Geschäftsmann – Horst Geerken war damals gerade 30 Jahre alt – erleben konnte. Er hat im Laufe der Jahre neben vielen Persönlichkeiten  der deutschen Politik und Wirtschaft und der deutschen Botschaft in Indonesien  z.B. auch den damaligen Präsidenten Sukarno persönlich kennen und schätzen gelernt.

Was aber den besonderen Charme dieses Buches ausmacht, ist die Sympathie  für Indonesiens Menschen, ihre  Kultur und Geschichte, der des Autors engagiertes Interesse gilt. Nicht eben selbstverständlich für einen Ingenieur der Nachrichtentechnik! Über  fünfzig Seiten widmet das Buch der Geschichte des Landes, das 350 Jahre eine holländische Kolonie war und seine Unabhängigkeit letztendlich in einem fast fünfjährigen Krieg gegen Holland erkämpfen musste. Sehr gut auch die engagierte Sympathie des Autors für die Rolle Sukarnos, des ersten Präsidenten  Indonesiens, ohne den ein Indonesia Merdeka – ein freies Indonesien, wohl nicht vorstellbar wäre. Schonungslos dokumentiert der Autor auch die Grausamkeiten des kolonialen Terrorregimes als blutige Antwort auf die indonesischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1945 – Fakten, von denen in Europa wenig zu lesen war und die für Holland noch immer ein sehr unpopuläres Kapitel seiner jüngsten Geschichte sind.

Ebenso aufschlussreich Geerkens Schilderung der Rolle der USA für das unabhängige Indonesien. Die anfängliche Unterstützung, dann aber die wiederholten Versuche der CIA den Präsidenten Sukarno durch Attentate zu ermorden  und  schließlich  die maßgebliche Rolle der CIA beim Putsch des General Suharto und dem Massenmord von 1965/66 an hunderttausenden Menschen – ein Trauma, unter dem auch noch das heutige Indonesien leidet.

Neben diesem wichtigen Exkurs in die Geschichte, von der man auch als kurzweiliger Indonesienbesucher ein wenig wissen sollte, sind es vor allem die kenntnisreichen, oft  sehr amüsanten Erlebnisse und Anekdoten aus dem Leben und den Erfahrungen des langjährigen „Expats“ H. Geerken, dem Indonesien – wie er bekennt – zur zweiten Heimat geworden ist.

Wer sollte sich die Lektüre gönnen? Natürlich alle, die ein wenig mehr über Indonesien erfahren wollen, als die Prospekte der Reiseveranstalter dem Touristen an die Hand geben. Für jemanden wie mich aber, der selbst neun Jahre von 1968 -1977 in Indonesien gelebt und gearbeitet hat, also auch ein paar Jahre zur selben Zeit wie der Autor,  bedarf es keiner Leseempfehlung für dieses Buch. Es ist eine lebendige – fast nostalgische Erinnerung an ein Indonesien, das es heute so fast nicht mehr gibt.  Einen herzlichen Dank an den Autor also, der sich die Mühe – aber sicher auch die Freude – gemacht hat, seine indonesischen Erfahrungen mit uns zu teilen. Terima kasih, Pak!

nb.  Das Buch ist ja schon 2009 erschienen, und ich hatte es schon 2010 gelesen.Die kleine Buchrezension hätte eigentlich schon längst verfasst sein müssen. Entstanden ist damals aber zunächst der Blog-Artikel  „Merdeka atau Mati“ über den indonesischen Unabhängigkeitskampf .  Inzwischen hatte ich aber das Buch verliehen und erst vor kurzem wieder in die Hand bekommen. Nach einer neuerlichen Lektüre war es mir eine Herzenssache, mich für das Lesevergnügen durch eine kleine Besprechung zu bedanken.

Oktober 2017 (KS)

 

 

 

 

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Wenn man ein Problem leugnet…

Einmal abgesehen davon, dass die Überschrift des unten zitierten Artikels aus der FAZ –  „Terrorismus und Islam hängen zusammen “ – eine Blabla-Überschrift darstellt, die das informierende Interview mit einem wirklich informierten muslimischen Gelehrten nicht verdient hat, zeigt die Reaktion im „Netz“ und den „sozialen Medien“, dass der Artikel vor allem von solchen Leuten zitiert und gelobt wird, die den Islam lieber grundsätzlich als Terror-Religion einstufen und verbieten würden

.Der tapfere Haji Staquf als Kronzeuge  dieser Leute könnte einem fast leid tun, wenn er nicht ein lebendiger Kronzeuge der gewaltigen und leider auch gewalttätigen  Auseinandersetzungen  der Gesellschaften des muslimischen Kulturkreises wäre. Der Islam ringt dort um seine weltanschaulich-religiöse Bedeutung für die moderne Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Islamischer Fundamentalismus – auch Islamismus genannt – möchte die Muslime des 21. Jahrhunderts  in eine Lebensform und Weltanschauung des 7. Jahrhunderts zurück zwingen, die sie als die gottgewollte und einzig gültige propagieren.

Kyai Staquf kommt aus Indonesien, einem Land, das bei seiner Gründung 1945, sich bewusst  eine säkuläre Verfassung gab, die das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen garantieren sollte, ringt heute auf vielen Ebenen um die Gültigkeit dieser Verfassung „Pancasila“. Kyai Staquf steht als Generalsekretär der NU (Nadlatul Ulama) und Verteidiger eines modernen Islam in  vorderster Front gegen die fundamentalistischen Strömungen in seiner Heimat. Klartext sei auch in Europa angesagt, mahnt er. Der Deckmantel der Religionsfreiheit sollte einem fundamentalistischen Islam nicht zugestanden werden. (KS)

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – 19.08.2017  (Printausgabe)

Terrorismus und Islam hängen zusammen

Ein Interview von Marco Stahlhut  (FAZ)                                      

Wenn Bomben Terror in die Städte bringen, sind meist Muslime die Täter. Das hat seinen Grund, und der Westen muss anders damit umgehen als bislang üblich.

Kyai Haji Yahya Cholil Staquf stammt aus einer sunnitischen Gelehrtenfamilie. Er ist Generalsekretär des Obersten Rats van Nahdlatul Ulama, der größten muslimischen Vereinigung Indonesiens, das wiederum das Land mit den meisten Muslimen ist. Nahdlatul Ulama gibt ihre Mitgliederzahl mit fünfzig Millionen an und versteht sich zumindest in Teilen als moderat. Yahya Cholil Staquf gehört dem spirituell orientierten Flügel der Organisation an. F.A.Z

Im Westen gibt es viele Politiker und Intellektuelle, die sagen, dass der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun habe. Was sagen Sie als führendes Mitglied der wohl größten sunnitischen Massenorganisation der Welt dazu, der indonesischen Nahdlatul Ulama?

Westliche Politiker sollten aufhören, zu behaupten, Extremismus und Terrorismus hätten nichts mit dem Islam zu tun. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Fundamentalismus, Terror und Grundannahmen der islamischen Orthodoxie. Solange wir darüber keinen Konsens erzielen, so lange werden wir keinen endgültigen Sieg über die fundamentalistische Gewalt im Islam erreichen. Radikalislamische Bewegungen sind doch nichts Neues. Auch in der indonesischen Geschichte gab es sie immer wieder. Ich bin selbst gläubiger Muslim. Der Westen muss aufhören, das Nachdenken über diese Fragen für islamophob zu erklären. Oder will man mich, einen islamischen Gelehrten, auch islamophob nennen?

Welche Grundannahmen des traditionellen Islams sind problematisch?

Drei Bereiche, wir nennen sie die „centers of concern“, sind besonders wichtig.               Erstens das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen. Zweitens das Verhältnis von Muslimen zum Staat. Drittens das muslimische Verhältnis zum Recht.

Fangen wir mit dem Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen an. Was ist am traditionellen Verständnis davon problematisch?

In der klassischen Tradition ist das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen eines von Segregation und Feindschaft. Dafür mag es Gründe gegeben haben im Mittelalter, als die islamische Orthodoxie sich konsolidiert hat, aber heutzutage ist eine solche Lehre schlicht unvernünftig. Sie macht ein friedliches Leben von Muslimen in den multikulturellen, sen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts tendenziell unmöglich.

 Das sind harte Aussagen. Kämen sie von einem westlichen Politiker, würde ihm womöglich Rassismus vorgeworfen.

Ich sage nicht, dass der Islam das Einzige ist, was die muslimischen Minderheiten im Westen dazu bringt, ein mehr oder weniger segregiertes Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft zu leben. Es mag weitere Faktoren auf der Seite der Gastgebergesellschaft geben, Rassismus zum Beispiel, wie überall. Aber jedenfalls ist der traditionelle Islam, der eine Haltung von Segregation und Feindschaft gegen-über Nichtmuslimen fördert, ein wichtiger Grund.

Nun zum zweiten Punkt, dem traditionellen muslimischen Verhältnis zum Staat.

In der islamischen Tradition ist der Staat als universaler, einheitlicher Staat für alle Muslime konzipiert, mit einem Einzelherrscher an der Spitze, der die muslimische gegen die nichtmuslimische Welt vereinigt.

Zumindest in dieser Hinsicht ist der Ruf von radikalen Kräften wie dem IS nach einem Kalifat also nicht unislamisch?

Nein, in dieser Hinsicht entspricht der IS der Tradition. Aber wir leben in einer Welt von Nationalstaaten, und jeder Versuch, im 21. Jahrhunderts einen einheitlichen islamischen Staat zu schaffen, kann nur zu Chaos und Gewalt führen.

Der dritte Bereich problematischer Grundannahmen des traditionellen Islams betrifft das Verhältnis zum Recht.

Viele Muslime setzen voraus, dass es eine Gruppe fester, unveränderlicher islamischer Gesetze gibt, auch bekannt als Scharia. Auch das steht im Einklang mit der Tradition, aber es führt zwangsläufig zu Konflikten mit den Gesetzen von säkularen Nationalstaaten. Wir müssen dahin kommen, dass ein Verständnis, das die traditionellen Normen der islamischen Rechtslehre absolut setzt, als falsch gilt. Religiöse Werte und soziale Realität müssen zueinander passen. Und es muss glasklar sein, dass die staatlichen Gesetze Vorrang haben.

Was muss man dafür tun?

In Indonesien waren wir schon einmal so weit, dass sich eine kontextualistische Lesart dieser Grundannahmen im Islam durchgesetzt hatte. Dass indonesische Muslime also mehrheitlich der Meinung waren — ich denke, auch noch sind —, dass bestimmte im Mittelalter entstandene Grundannahmen der Tradition im Kontext ihrer Entstehungszeit verstanden werden müssen, aber bitte nicht als Handlungsanweisung für die Gegenwart. Darüber müsste möglichst weltweit ein Konsens hergestellt werden.

Wie könnte das gelingen?

Wie wir aus der Geschichte wissen, werden Fragen darüber, welche theologischen Interpretationen die richtigen sind, nicht rein theologisch entschieden. Das sind Kämpfe um Autorität, sie haben eine stark politische Dimension. In den Ländern, in denen Muslime eine Mehrheit darstellen, benutzen politische Eliten ihn als Waffe zur Durchsetzung ihrer eigenen Ziele, auch in Indonesien.

Kann man aus Ihrer Perspektive überall auf der Welt eine ähnliche Politisierung des Islams diagnostizieren?

Ich glaube nicht, dass es in europäischen Ländern wie Belgien, Großbritannien oder Dänemark weniger große Probleme in dieser Hinsicht gibt als in Indonesien. Zu viele Muslime sehen die Zivilisation, das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedenen Glaubens, als etwas an, das bekämpft werden muss. Und ich glaube, dass viele Europäer das spüren. Es gibt doch eine immer größere Unzufriedenheit im Westen, was die dortigen muslimischen Minderheiten angeht, eine steigende Furcht vor dem Islam. In diesem Sinne sind auch einige westliche Freunde von mir islamophob. Sie haben Angst vor dem Islam. Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich das verstehen.

Was sollte der Westen tun?                                                                                                                                                                                                                                                      Der Westen kann den Muslimen keine moderate Interpretation des Islams aufzwingen. Aber die westlichen Politiker sollten aufhören zu erzählen, dass Fundamentalismus und Gewalt nichts mit dem traditionellen Islam zu tun hätten. Das ist schlicht falsch.

Aber westliche Politiker, die so argumentieren, haben zumindest einen guten Grund dafür: Sie möchten eine Spaltung ihrer Gesellschaften in Muslime und Nichtmuslime nicht noch befördern, möchten nicht zu Rassismus gegenüber Muslimen beitragen.

Diesen Wunsch teile ich. Das ist sogar ein Hauptgrund, warum ich mich so deutlich äußere. Aber so wird das nicht funktionieren. Wenn man ein Problem leugnet, kann man es nicht lösen. Man muss das Problem benennen und sagen, wer und was dafür verantwortlich ist.

Über den Beitrag der islamischen Tradition zu den aktuellen Problemen haben wir geredet. Welche Akteure tragen darüber hinaus zur Zuspitzung der Lage in den letzten Jahren bei?

Was jetzt hinzukommt, ist, dass Saudi-Arabien und andere Golfstaaten überall in der Welt massenhaft Geld verteilen, um ihre ultrakonservative Version des Islams zu verbreiten. Der Westen muss Saudi-Arabien endlich ernsthaft unter Druck setzen, damit aufzuhören.

Was für ein Ziel verfolgen die Saudis denn aus Ihrer Perspektive?

Es sind auch politische Ziele. Saudi Arabien und Iran konkurrieren miteinander um die Vorherrschaft, geopolitisch wie religiös. Iran ist schiitisch. Deshalb ist es für Saudi-Arabien politisch hilfreich zu betonen, dass Schiiten Ungläubige wären. Aber wenn man zugleich alle Ungläubigen zum Feind erklärt, der vernichtet werden darf, bleibt es bei den Schiiten als Gegnern natürlich nicht stehen. Iran unternimmt im Übrigen etwas Ähnliches wie die Saudis, nur in der schiitischen Welt. Aber vor allem die saudische Strategie einer Verbreitung van Wahhabismus und Salafismus hat die Welt in ein Pulverfass verwandelt.

Glauben Sie, dass es noch gelingen kann, das Steuer herumzureißen?

Es hat schon bessere Zeiten gegeben (lacht traurig). Aber wir müssen es zumindest versuchen.

Ich vermute,  Sie und Ihre Organisation sind gefragte Gesprächspartner der Politik im terrorgeplagten Westen?

Wissen Sie, ich bewundere westliche, insbesondere europäische Politiker. Sie denken so wunderbar humanitär. Aber das allein reicht nicht. Wir leben in einer Zeit, in der man realistisch denken und handeln muss.

Das ist eine sehr diplomatische Antwort.

Europa hat aus seinen Fehlern in der Vergangenheit immer noch nicht gelernt. Als ich zuletzt in Brüssel war, habe ich gesehen, wie eine Gruppe arabischer, viel-leicht auch nordafrikanischer Jugendlicher Polizisten bedrängt hat. Meine belgischen Freunde haben gesagt, das sei schon fast alltäglich in Belgien. Warum lässt man das zu? Was macht das für einen Eindruck? Jetzt nimmt Europa, nimmt Deutschland massenhaft Flüchtlinge auf — verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich darf man die Augen nicht vor Not verschließen. Aber man nimmt Flüchtlinge auf, über die man nichts weiß, die am sehr problematischen Gegenden stammen. Extremisten sind nicht dumm.

Ich vermute, wir sind uns einig darin, dass es einen harten rechten Rand in westlichen Gesellschaften gibt, der auch einen moderaten, kontextualistischen Islam ablehnen würde, einfach weil es sich um eine fremde Religion handelt . . .

. . . und es gibt einen harten linksliberalen Rand im Westen, der jedes Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen traditionellem Islam, Fundamentalismus und Gewalt als islamophob denunziert. Das muss endlich aufhören. Wie gesagt: Ein Problem, das geleugnet wird, kann nicht gelöst werden.

© FAZ  Das Gespräch führte Marco Stahlhut.

 

Ein fatales Gerichtsurteil in Jakarta

Es ist passiert, was zu befürchten war: Nicht nur, dass der politische Wendehals Anies Baswedan vor zwei Wochen zum Gouverneur von Jakarta gewählt wurde, sondern dass das Gericht von Nord-Jakarta am Dienstag den bisherigen Gouverneur Tjahaya Basuki Purnama, kurz: „Ahok“ genannt, tatsächlich zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe wegen öffentlicher Beleidigung/Verächtlichmachung des Islam verurteilt hat.

Was war vorgefallen? Ahok, bekennender evangelischer Christ, hatte während des Wahlkampfs zur Gouverneurswahl bei einem Besuch in einem Fischerdorf  auf die Kampagne seiner Gegner reagiert, die verkündeten, der Koran verbiete es  Muslimen, sich von einem Nicht-Moslem regieren zu lassen. Ahok sagte den Leuten, sie sollten sich bei dieser Wahl nicht von  muslimischen Propagandisten manipulieren lassen, die  den Koran für ihre politischen Zwecke missbrauchten. Dieses Statement verdrehte man zu den Vorwurf, Ahok hätte den Koran und seine Gläubigen verunglimpft. Ein Unding! Aber Ahoks Gegner – man darf ruhig „Feinde“ sagen – setzten dieses Strafverfahren durch.

Man muss den Verdacht haben, dass ein indonesisches Gericht hier dem Druck der Straße radikaler Moslems nachgegeben hat. Der Richter ging mit seinem Strafmaß dazu noch über den Strafantrag der Staatsanwalts von einem Jahr Gefängnis hinaus. Das Urteil ist eine Farce und ein katastrophaler Indikator für die politische Situation in Indonesien 2017. Und man  sollte wissen, dass der neue Gouverneur Baswedan im Wahlkampf just mit den Leuten von der radikal-muslimischen FPI paktiert hat, die diesen Prozess angestrengt und durchgesetzt hatten.

Das Urteil gegen Ahok ist noch nicht rechtskräftig, aber er wurde sofort nach der Urteilsverkündung wie ein Schwerverbrecher abgeführt und muss wohl vom Gefängnis aus seinen Einspruch gegen das Urteil betreiben. Traurig, und besorgniserregend.

Mehr zu den Hintergründen im Artikel von Christina Schott, der hiermit empfohlen sei.

Gouverneurswahl in Indonesien

Stimmungsmesser für Toleranz und Pluralismus

Indonesiens Hauptstadt Jakarta wird künftig wieder von einem Muslim regiert: Bei der Stichwahl um das Gouverneursamt unterlag der bisherige christliche Amtsinhaber seinem muslimischen Herausforderer Anies Baswedan. Für viele war die Wahl ein Testfall für den indonesischen Pluralismus. Aus Jakarta informiert Christina Schott

„Ich wusste ehrlich nicht, wen ich noch wählen sollte“, sagt Ivana Lee. Die 32-jährige Lehrerin ist unentschlossen, wer ihr Wunschkandidat für den Posten des Gouverneurs von Jakarta ist. „Der eine Kandidat lässt sich von den Islamisten unterstützen. Der andere vertreibt die Armen aus ihren Häusern. Deswegen bin ich heute zu Hause geblieben.“ Gewählt hat sie nicht.

Lee hat sich jahrelang im Gemeindezentrum „Ciliwung Merdeka“ im Armenviertel Bukit Duri engagiert, das sich am Ufer des völlig vermüllten Flusses Ciliwung drängt. Gleichzeitig mit den Behausungen von 440 Familien musste das zweistöckige Haus im vergangenen August einem massiven Betonwall weichen. Mit solchen Flussbegradigungen will Jakartas amtierender Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok, die notorischen Überschwemmungen in Indonesiens Hauptstadt eindämmen. Dabei hat er sich bei den unteren Schichten der Bevölkerung nicht gerade beliebt gemacht. „Viele Leute hier haben bis heute keine der versprochenen Ersatzwohnungen erhalten. Sie haben daher Ahoks Gegner gewählt“, sagt sie.

Ahoks Gegner heißt Anies Baswedan. Und er wird sein Nachfolger werden: Rund 55 Prozent der Bewohner von Jakarta haben den ehemaligen Bildungsminister zu ihrem neuen Gouverneur gewählt.

Im Wahlkampf allerdings spielten die Vertreibungen aus Armenvierteln nur eine untergeordnete Rolle, genauso wie die durchaus beachtlichen Erfolge des amtierenden Gouverneurs, der hart gegen korrupte Beamte vorging, wichtige Infrastrukturprojekte anstieß und den Zugang zu Bildungs- und Gesundheitswesen verbesserte.

Herkunft und Glaube als entscheidende Faktoren

Stattdessen ging es vor allem um Ahoks Glauben und seine Herkunft: Ein Christ, der noch dazu der unbeliebten chinesischen Minderheit angehört, könne unmöglich die Hauptstadt des Landes mit der weltgrößten muslimischen Bevölkerung führen, so die einhellige Meinung islamischer Massenorganisationen.

„Diese Wahl ist ein Testfall für den indonesischen Pluralismus, ob wir dem Druck der religiösen Gruppen und Populisten widerstehen können“, sagte Wimar Witoelar, ein angesehener politischer Analyst und Berater des früheren Präsidenten Abdurrahman Wahid vor der Wahl: „Indonesien steht an einem Wendepunkt. Und ich meine Indonesien, nicht nur Jakarta.“

Weiterlesen... Ahok und Jakartas Gouverneurswahl

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Liebe und Tod auf Pulau Buru

ALLE FARBEN ROT

von Laksmi Pamuntjak

ambaEin großartiger Roman und ein wichtiges Buch für  das Indonesien von 2015, das aber auch  international für Aufmerksamkeit sorgte. Als deutscher Leser  muss man allerdings ein wenig Geduld haben mit deutschen Titel: „Alle Farben rot“. Er erschließt sich erst im letzten Kapitel. Im indonesischen Original heißt das Buch einfach nur: AMBA und ist der Erstlingsroman der Autorin Laksmi Pamuntjak, die mit diesem Buch sehr zu Recht  auf die Frankfurter Buchmesse 2015 eingeladen wurde.

Inhalt

Oberflächlich betrachtet ist „Amba“ eine triviale Dreiecksgeschichte: Eine junge Javanerin, in ihren tragischen Gefühlen zwischen zwei bzw. drei Männern, wie sie sich leider häufig in der Welt ereignet – wenn da nicht 1. die Namen der Protagonisten und 2. der Zeitrahmen wäre, in der das Beziehungsdrama sich abspielt.

Die Namen Amba, Bhisma und Salwa sind nämlich die Namen der mythischen Akteure aus dem hinduistischen Sagendrama „Mahabharata“. Deren tragisch verflochtenes Schicksal ist die Matrix für das moderne Drama, das im Indonesien der 1960-er Jahre spielt und sich bis zum Jahr 2009 hinzieht. Es ist die Zeit vor und nach der Machtübernahme des Generals Suharto, die Zeit des Massenmords und der Diskriminierung von Millionen Menschen, die verdächtig werden, einen kommunistischen Staatsstreich unterstützt zu haben.

Die Erzählung beginnt 2006 auf der Insel Buru mit der Suche  über sechzigjährigen Amba nach dem Grab ihres Geliebten und Vater ihrer Tochter Srikandi, den sie vor fast vierzig Jahren aus den Augen verloren hat. Amba, 1965 eine junge Englischstudentin in Jogyakarta, wird von ihren Eltern mit Salwa verlobt, einem  jungen liebenswerten Uni-Dozenten , den sie zwar nett findet, aber  nicht liebt. Bei einem Praktikum als Übersetzerin begegnet sie dem attraktiven Assistenzarzt Bhisma und verliebt sich hoffnungslos in ihn. Bhisma erwidert ihre Liebe und die beiden werden ein Paar. Bhisma stammt aus einer begüterten Familie in Jakarta, hat in Holland und Ostdeutschland Medizin studiert und ist aus dieser Zeit mit vielen Akteuren und Künstlern aus dem sozial-revolutionären Umfeld befreundet.

Im Oktober 1965 nehmen Bhisma und Amba in Jogyakarta an einer demonstrativen Totenfeier für Bhismas ermordeten Studienfreund Untarto, einem angesehenen PKI-Kader  teil, als die Veranstaltung plötzlich von einem Überfallkommando des Militärs unter Beschuss genommen wird. Im Strudel dieser Ereignisse, verlieren sich Amba und Bhisma aus den Augen. Als Amba noch Monate lang später keine Nachricht von Bhisma erhält, beginnt sie an seiner Liebe zu zweifeln, vermutet eine Verbindung Bhismas zu einer anderen Frau. Von Bhisma schwanger, kann Amba nicht zurück zu ihrer Familie. Sie löst die Verlobung mit Salwa und zieht mit dem deutsch-amerikanischen Englischdozenten Adelhard Eilers nach Jakarta, wo die beiden heiraten, und für die Tochter Srikandi sich in den Folgejahren eine gemeinsame Existenz aufbauen

Bhisma jedoch, ist nach den Ereignissen vom Oktober 1965 in Jogyakarta der Kontakt zu Amba verrwehrt, weil  er  als PKI-Sympathisant von den Häschern des Suharto-Regimes verhaftet  und in deren Spezialgefängnissen verschwindet. Auch möchte er verhindern, dass Amba eventuell auch noch verhaftet wird. Später wird er als einer von 12000 Schicksalsgenossen auf die Gefangeneninsel Buru – den Gulag der Suharto-Ära, -deportiert. Er überlebt das Arbeitslager und könnte 1979  nach seiner Entlassung nach Java zurückkehren. Er entschließt sich aber, auf der Insel Buru zu bleiben, wo er der armen Dorfbevölkerung als hochgeschätzter Arzt und Heiler zur Verfügung steht, bis er 2006 bei einer zufälligen Begegnung von einem Ex-Häftling  erschossen wird.

Eine E-Mail eines unbekannten Absenders macht Amba auf den Tod des ehemaligen Geliebten aufmerksam. Amba reist auf die Insel Buru, findet das Grab und ein Bündel versteckter Briefe Bhismas, in denen sie lesen muss, dass sie immer die einzige wahre Liebe Bhismas gewesen war.  Tief getroffen  muss Amba sich eingestehen, mit ihrem damaligen eifersüchtigen Zweifeln an der Liebe Bhismas schuldig geworden zu sein und mit diesem Wissen jetzt weiterleben zu müssen.

Fazit

Laksmi Pamuntjak hat sich mit diesem, 650 Seiten starken, Roman viel vorgenommen.  Beeindruckend: die poetische Kraft ihrer Sprache, ihre sensibel kenntnisreiche Schilderung der javanischen Familien-Verhältnisse, die profunde Recherche der politisch sozialen Problematik der späten Sukarno-Ära und der Lebensumstände auf der Gefangeneninsel Buru.

Frau Pamuntjak 1971 geboren, erlebt Kindheit und Jugend in der „Orde Baru“ (Neuen Ordnung) der Suharto-Ära, die 1997 zu Ende geht. Sie gehört zu der Generation, der von klein auf eingetrichtert wurde, dass  der Militärputsch und die damit verbundenen  Gräueltaten notwendig gewesen seien zur Rettung Indonesiens vor der kommunistischen Gefahr. Das damit begangene Unrecht an Millionen Bürgern und ihren Familien wurde einfach geleugnet, die Kritik daran verboten und verfolgt.

Und hier beginnt die mutige Brisanz dieses Buches, das ja vor allem für indonesische Leser geschrieben wurde. Die Autorin lässt den Leser – das ist vor allem die junge Generation Indonesiens – lebendig teilnehmen an einer Zeit – 1965, in der Präsident Sukarno, der Nationalheld  der Unabhängigkeit, das neu entstandene Indonesien mit seiner Politik in ein sozial-ökonomisches  Desaster gesteuert hatte, das einen Umsturz geradezu herausforderte.    Die für den deutschen Leser oft ermüdend vielen Namen von Orten, Organisationen, Abkürzungen und Erklärungen, sind für den indonesischen Leser von großer Bedeutung, zeigen sie doch, dass die Ereignisse von 1965 doch anders gesehen und bewertet werden müssen, als es die offizielle indonesische Geschichtsschreibung vermitteln wollte.

Eine zweite Ebene ist für das heutige Indonesien von Bedeutung: Der Konflikt der Frauen und Mädchen zwischen der Jahrhunderte gültigen Familientradition, sich den Wünschen der Eltern zu beugen und dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Amba muss erfahren, welchen Preis die Verhältnisse von einer jungen Frau fordern, deren Schicksal es ist, ihren Weg alleine gehen zu müssen. Wie im Mahabharata gibt es kein einfaches Happy End als mögliche Lösung, sondern nur den Willen, sich dem Schicksal aufrecht zu stellen. (KS)

ps. Ein ganz großes Lob für die deutsche Übersetzerin Martina Heinschke, der eine beeindruckende Übertragung aus dem Indonesischen gelungen ist. Danke!

 

Verlag Ullstein 2015 – ISBN-10: 35500808

Eine lebendige Begegnung mit der Steinzeit

Die Siberuter von Herwig Zahorka

DownloadEs gibt sie noch: Menschen, die ihr Leben heute im Jahre 2016 noch auf der Kulturstufe der Jungsteinzeit verbringen, in einer Lebensweise und Überlebenstechnik, die ihren Völkern über 5000 Jahre hinweg das Überleben ermöglichte. Ein solches Volk  gibt es noch auf der indonesischen Insel Siberut am Rande des Indischen Ozeans. Dort nämlich hat sich im Inneren der Insel ein Volk erhalten, das bis auf den heutigen Tag von der Jagd, dem Fischen, seinen Haustieren und den Früchten des tropischen Regenwalds lebt: Keine Bauern, sondern Jäger und Sammler.

Der Autor Herwig Zahorka, Forstdirektor a.D. und seit 1995  in Indonesien lebend, hat diese Insel mehrere Male besucht und darüber ein wunderschönes und ungemein kundiges Buch geschrieben: Wunderschön, weil das Buch reichhaltig mit farbigen Fotos ausgestattet ist, und kundig, weil der Autor nicht nur als interessierter Trekking-Reisender, sondern als Biologe / Forstexperte und Ethnologe seine Erfahrungen beschreibt. In einer Zeit, die historisch mit dem folgenreichen Verschwinden/Abholzung der letzten Urwälder Südostasiens verbunden sein wird,  eröffnet uns das Buch einen detaillierten Einblick in den völlig anderen Kosmos dieser Menschen, der bis dato den Urwald von Siberut schützte. Deshalb auch der Untertitel: „Mit ihrer steinzeitlichen Religion haben sie den Regenwald erhalten“

Daher ist der „Religion“ der Siberuter –  kulturhistorisch Animismus genannt –  sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, die uns sehr deutlich auf den Zusammenhang zwischen Natur/ Überleben und Religion hinweist: Die Natur ist beseelt und sie gehört nicht den Menschen. Der Wald und die Achtung seines Lebens und seiner Bewohner garantiert das Leben der Siberuter. Das verlangt die Einhaltung bestimmter Regeln und Tabus, die diesen Kosmos im Gleichgewicht halten. Wir erfahren vom Leben einer freundlichen, egalitären, Konflikte vermeidenden Stammesgesellschaft im tropischen Regenwald, in der Männer und Frauen gleichermaßen für ihre Familien sorgen. Männer und Frauen  schmücken sich mit Blumen und Blüten  und unterwerfen sich schmerzhaften Tätowierungen, um ihre Körper zu verschönern, damit ihre Seele gerne in ihren Körpern wohnt.

Durch die Freundschaft des Autors mit dem Schamanen Teopatrekere und seiner Familie kann der Leser sehr informiert an den Ritualen für Jagd, Krankheit und Tod teilnehmen, den Tänzen der Schamanen, die mit den mächtigen Geistern der Ahnen in Kontakt zu treten. Der Biologe Zahorka  belässt es nicht beim ungefähren Beschreiben oder Fotografieren der vorkommenden Pflanzen und Bäume: immer wird der Leser mit den exakten wissenschaftlichen (lateinischen) Bezeichnungen versorgt. So auch mit der Identifizierung der Pflanzenmixtur, die die Siberuter Jäger für ihr intelligentes Pfeilgift „omai“ verwenden, das für die Jagdtiere tödlich, für den Verzehr des Fleisches durch die Menschen aber ungefährlich ist.

Hochinteressant auch das Kapitel über die Jagdrituale der Steinzeitjäger, die sich seit tausenden von Jahren in abgewandelter Form bis in die Jagdgewohnheiten moderner mitteleuropäischer Jäger erhalten haben.Durch die genaue Beobachtung des Jagdtrophäenkults der Siberuter glaubt Zahorka auch, einige der ungelösten Deutungsrätsel der steinzeitlichen Höhlenmalereien etwa von Lascaux lösen zu können. Durch diese Bilder würde dem erlegten Jagdtier der Respekt erwiesen, der dessen Seele gebührt, ganz ähnlich wie der Schädel des erlegten Tieres, der  in der Uma, dem Haus der Siberuter, aufgehängt wird, um der Seele des Tiere ihren Ehrenplatz zuzuweisen.

Sehr berührend das Kapitel über den tragischen Tod eines kleinen Kindes, das mit den Mitteln der animistischen Medizin nicht mehr gerettet werden konnte. Die Empfehlung des Autors, der damals als Gast im Hause weilte, das schwerkranke Kind möglichst schnell  in ein Krankenhaus der Hafenstadt an der Küste zu bringen, wurde von der Familie nicht angenommen. Das Fazit der Schamanen, mit dem sich auch die Eltern abfanden: Die Seele des Kindes wollte nicht länger im Körper des Kindes bleiben! Für uns Europäer eine schwer zu akzeptierende Auskunft, wenn die moderne Medizin im Zweifelsfall hätte helfen können.

Eine wahrscheinlich doch hohe Kindersterblichkeit hat in der Vergangenheit ein starkes Anwachsen der Bevölkerung auf Siberut verhindert und scheint der Preis für die traditionelle Überlebensmöglichkeit zu sein. Ob sich die kommende Generation der Siberuter den „Segnungen“ der modernen Zivilisation, die für sie sehr wohl an den Küstenorten erreichbar ist, verweigern wird, darf bezweifelt werden, zumal die indonesische Regierung – geprägt von islamischen Grundanschauungen –  bis dato der Lebensform der Siberuter „Waldmenschen“ nicht sehr wohlwollend gegenüber steht. Die viel konkretere Bedrohung aber ist die Lizenz zum Abholzen der Wälder auf Siberut. Sollten diese Unternehmungen nicht zu stoppen sein, dann werden der Siberuter leider das gleiche tragische Schicksal erleiden wie die anderen Urvölker dieser Erde, denen es so lange gelang, zu überleben, ohne ihre Lebensgrundlagen zu vernichten.

Herwig Zahorka hat sein Buch eine Hommage an die Siberuter genannt und  ein kostbares Dokument über eines der letzten Urvölker Indonesiens verfasst, das sehr zurecht 2015 auf der Frankfurter Buchmesse  vorgestellt wurde. Dank an den Autor  und eine besondere Leseempfehlung für alle, die sich für das Indonesien abseits der Inseln Java und Bali interessieren. (KS)

DAS – gar nicht so – INDONESISCHE GEHEIMNIS

 

Hella S. Haasse:    Das indonesische Geheimnis

haasseUm es vorweg zu schicken: Das Buch war für mich so spannend, das ich es in fast einem Rutsch gelesen habe. Die Kritik ist sich einig: der holländischen Autorin ist mit dem 2002 publizierten Roman ein großer Wurf gelungen, der ihr in Holland den Publikumspreis 2003 einbrachte.  2015, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel: „Das indonesische Geheimnis“. Wahrscheinlich habe ich es diesem Titel zu verdanken, dass mein lieber Schwager Werner mir, dem „Indonesien-Nerd“ dieses Buch als Weihnachtsgeschenk aussuchte. Ein Dankeschön an ihn sei nicht vergessen.

Ausgerechnet aber am Titel sei ein wenig Kritik erlaubt. Nach der Lektüre des Buches stellt sich nämlich die Frage, was denn an der beschriebenen Geschichte ein „indonesisches“ Geheimnis gewesen sein soll? Was ist an dem wahrscheinlichen Verhältnis der Freundin Dee mit dem Ehemann der Protagonistin Herma Warner so besonders „indonesisch“, dass es den deutschen Titel rechtfertigte? Auf Niederländisch heißt der Roman: „Sleuteloog“, und nach Recherchen im Wörterbuch müsste man das mit „Schlüsselloch“ übersetzen. Man möge mich berichtigen, aber so die Übersetzung korrekt ist, erscheint mir auch der holländische Titel nicht ganz passend, denn es ist überhaupt keine „Schlüsselloch-Story“, im Gegenteil. Das Ende geliebter Illusionen braucht auch hier kein Schlüsselloch.

Selbst wenn einem etwa ab der Hälfte des Romans der Verdacht beschleicht, dass die attraktive Freundin Dee (Adele) eventuell auch privat mehr mit Hermas späteren Ehemann Taco zu tun hatte, als Herma es wahr haben wollte, so ist das Verhältnis der beiden Freundinnen und ihrer Familien  in „Nederlands Indie“ der zwanziger und dreißiger Jahre zwar der rote Faden der Geschichte, das große beschriebene Thema jedoch ist ein anderes: Es ist der provozierte Rückblick der Protagonistin Herma auf ihre Kindheit und Jugend als privilegierte Angehörige der niederländischen Kolonialgesellschaft jener Jahre.

Der Autorin Hella S. Haasse – selbst 1918 in Batavia (Jakarta) geborene Holländerin – gelingt es mit großer literarischer Kunst, Menschen und Welt des damaligen Niederländisch-Indien lebendig werden zu lassen. Frau Mijers, Onkel Louis, Tante Non, Hermas Eltern, sowie Hermas Freundin Dee und ihre Mutter Nadia – allesamt engagiert gezeichnete Personen und Schicksale dieses exotischen Milieus.  Für uns Heutige besonders aufschlussreich: die Beschreibung der subtilen diskriminierenden  Abgrenzungen im Verhältnis der Angehörigen der niederländischen Kolonialgesellschaft untereinander, der Spannungen zwischen den „reinblütigen“ europäischen Kolonialbeamten und der alteingesessenen Kolonialelite, die schon über Generationen hinweg von einheimischen – indonesischen Müttern abstammte. Man ahnt, dass es im neuen Staat Indonesien für alle, die ihren Status und Einfluss irgendwie an ihrer niederländisch-europäischen Herkunft festzumachen versuchten, keine Zukunft geben würde.

Zitat: „ Ich bin ein Produkt dieser letzten, schwer zu definierenden Periode Niederländisch-Indiens, den beiden Jahrzehnten zwischen den Kriegen: Einschneidende, stürmische Entwicklungen unter dem Deckmantel einer scheinbaren Ordnung, die entweder nicht bemerkt oder verstanden, beziehungsweise von der einheimischen wie auch der ansässigen europäischen Elite falsch eingeschätzt wurden. Das alte Niederländisch-Indien, in dem man auch als Holländer mit allen Vor- und Nachteilen Wurzeln schlagen konnte, war verschwunden, und für die „hierzulande Geborenen rein europäischer Herkunft“, wie es damals offiziell hieß, gab es keine Heimat mehr.“

„Das indonesische Geheimnis“  ist die eindringliche Erzählung der letzten Phase von „Nederlands-Indie“, bevor 1942 mit der Besetzung Indonesiens durch die Japaner der endgültige Countdown des holländischen Kolonialreichs eingeläutet wurde und sich unter seinem Führer Sukarno  ein neues Land mit dem Namen „Republik Indonesia“ in einem grausamen vierjährigen Kolonialkrieg seinen Platz unter den unabhängigen Staaten der Welt erkämpfte. Damit war aber nicht nur ein Kolonialreich untergegangen, sondern es war auch der traumatische Exodus von über dreihunderttausend Menschen aus einem Land, das für sie die eigentliche Heimat gewesen war.

Wer über diese rein dramatischen Fakten hinaus, etwas über Denken und Fühlen dieser Menschen erfahren möchte, dem sei dieser Roman aufs wärmste  empfohlen. (KS)

Ein sehr kundiges Gespräch über dieses Buch ist hier zu hören in ARD- Mediathek 2015 SWR2:

Ein Gespräch über H.Haasse: Das indonesische Geheimnis

 

INDONESIENS „KILLING SEASON“

Zum Datum des 30. September gibt es in Indonesiens Presse nicht viel von einem Ereignis zu lesen, das vor 50 Jahren in jenem Lande der Auftakt zu einem der größten Massaker des 20.Jahrhunderts war, und zu einem bis heute gültigen Politikwechsel führte, mit dem das Militär bis 1998 de facto die Macht übernahm.  Unter der Regie der indonesischen Armee unter dem Kommando General Suhartos wurden damals zwischen 500 000 und 1 Million Menschen umgebracht, Mitglieder oder Sympathisanten der Kommunistischen Partei PKI, denen vorgeworfen wurde, einen Staatsstreich inszeniert zu haben.

Was die wahren Hintergründe  und die entscheidenden Akteure dieses Dramas waren, ist bis heute nicht offiziell untersucht und aufgeklärt. „Es ist der am wenigsten überprüfte und am wenigsten bekannte politische Genozid des vergangenen Jahrhunderts.“ sagt der ehemalige australische Außenminister Gareth Evans. Entdeckungen in Chinas Archiven bringen neue Details ans Licht, die im folgenden Artikel der „Nikkei Asia Review“ vor einigen Tagen publiziert wurden.(KS)

Indonesiens „Killing Season“ –  auch nach 50 Jahren ein Rätsel

Von Hamish McDonald

Circa 1946: President Sukarno making a speech. (Photo by John Florea/The LIFE Picture Collection/Getty Images)

Sukarno bei einer Rede ca.1946                                                         © Getty Images

Es war eine Nacht, wie sie  in dem Film von 1982  „The Year of Living Dangerously“ zu sehen war –  genauso wie es ein unbekümmerter Präsident angekündigt hatte, der Präsident eines Landes, das sich in freiem ökonomischen Absturz befand. Lastwagen voll mit Soldaten rumpelten durch die spärlich erleuchteten Straßen von Jakarta. Sechs Armeegeneräle  wurden aus ihren Häusern verschleppt, drei davon getötet, weil sie sich wehrten und die anderen in einem Lager  einer Gummiplantage exekutiert.

Was danach passierte, ist allen wohlbekannt, die mit Südostasien etwas vertraut sind. Das indonesische Militär bezichtigte die Kommunistische Partei Indonesiens, PKI, für das Ereignis verantwortlich zu sein und begann mit einer Säuberungskampagne, der bis zu einer Million PKI-Unterstützer zum Opfer fielen. Suharto, ein überlebender Armeegeneral, riss die Macht an sich in einer Weise, die der Politikwissenschaftler Harold  Crouch einen „schleichenden Putsch“ nannte. Der entmachtete Unabhängigkeitsführer Sukarno überlebte und starb fünf Jahre später in Armut und unter Hausarrest.

Jetzt, 50 Jahre danach, bleiben Identität und Motive derer, die hinter der „30. September-Bewegung“ („G30S“ ist das indonesische Kürzel) zum größten Teil genauso undurchsichtig wie 1965. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf. War es anstelle des „PKI- Putschversuches“ eventuell eine simple Armee-Meuterei?    War es eine verdeckte Operation des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA oder Großbritanniens MI6? War es eine Falle von Leuten aus dem Umfeld Suhartos?

Dokumentarische Belege

Neuere Untersuchungen aus Peking liefern neue Erkenntnisse. 2008 öffnete das Chinesische Außenministerium  seine diplomatischen Archive der Jahre 1961 bis 1965. Taomo  Zhou, ein junger Wissenschaftler der Nanyang Technological University von Singapur untersuchte die Akten, bevor die Archive Mitte 2013 plötzlich wieder geschlossen wurden.

Zhou entdeckte ein Dokument, in dem folgende historische Detektiv-Story zu lesen war. Am 5. August 1965 ist der PKI-Generalsekretär Dipa Nusantara Aidit zu Besuch in Peking. Mit ihm eine kleine Parteidelegation, um sich mit dem Vorsitzenden Mao Zedong und anderen chinesischen Topleuten wie Zhou Enlai zu treffen.

Am Tag zuvor war Sukarno zusammengebrochen infolge eines Nierenversagens, das ihn später 1970 auch das Leben kosten sollte. Er wurde von einem Team chinesischer Ärzte aus Peking behandelt. Sie bekamen das Problem in den Griff und erklärten, dass keine akute Lebensgefahr mehr drohe. Tatsächlich hielt Sukarno zwei Wochen später seine weitschweifige Rede zum Unabhängigkeitstag am 17. August. Dabei signalisierte er auch, dass Jakarta im Chino-Sowjet-Streit sich auf die Seite Pekings schlagen würde, um der antiimperialistischen Achse Peking, Hanoi, Phnom Penh und Plönyang beizutreten. Auch kündigte er an, dass er Aidits Idee einer „Fünften Kraft“ von bewaffneten Arbeitern und Bauern unterstützen würde, um Militär und  Polizei widerstehen zu können.

Damals war Sukarnos lebensgefährliche Krankheit das beherrschende Thema  im Bewusstsein aller Parteien in Indonesien. Die PKI ließ  die Idee einer Revolution auf dem Lande nach chinesischem Muster fallen zugunsten der Beteiligung der Politiker in Jakarta,   und sie gewann an Boden bis zu dem Punkt, an dem sie sich als das sich entwickelnde Kraftzentrum darstellte, das Sukarnos Nachfolge übernehmen konnte, wenn er die Bühne verlassen sollte.

Aber die Ablehnung dieser Entwicklung in der indonesischen Armee war unübersehbar: Die Generäle erinnerten sich genau an den revolutionären Aufstand der PKI in Madiun 1948, als die gerade errichtete Indonesische Republik um die Befreiung von der Holländischen Kolonialherrschaft kämpfte. Jahrelang waren Armee-Offiziere auf die US amerikanischen Militärakademien für „Zivilangelegenheiten“ gegangen, um sich auf die Übernahme der Macht aus den Händen der zunehmend inkompetenten Politiker und Bürokraten vorzubereiten.

Nachdem Mao Zedong Zhou Enlai‘s  Bericht über Sukarnos Gesundheitszustand angehört hatte, kam er direkt zur Sache: “Ich denke, Indonesiens rechter Flügel ist entschlossen, die Macht zu übernehmen. Seid ihr auch entschlossen?“ fragte er Aidit.

„Wenn Sukarno stirbt, wird die Frage lauten, wer die Oberhand gewinnt“ erwiderte Aidit, bevor er zwei Szenarien erläuterte: Sowohl ein direkter Angriff auf die PKI als auch ein Bemühen der Militärs, Sukarnos politischen Balanceakt zwischen Nationalisten, Kommunisten und religiösen Parteien fortzusetzen, würde sich für die PKI als „schwierig“ erweisen.

Weiterlesen…. Indonesiens „Killing Season“

Originalversion: ©http://asia.nikkei.com/Viewpoints/Perspectives/Indonesia-s-killing-season-remains-a-mystery-50-years-on

Apropos Günter Grass …

… ein Nachruf auf den Förderer des indonesischen Schriftstellers Pramoedya Ananta Toer.

Günter Grass ist tot. Die deutsche Literatur hat einen der wichtigsten Schriftsteller der Nachkriegszeit verloren.  Neben seinem fast unbestrittenen Rang als großer Erzähler und Künstler polarisierte der Literatur-Nobelpreisträger ein Leben lang die deutsche Öffentlichkeit durch seine Thesen und Statements zu aktuellen Themen deutscher Politik. Darüber kann man derzeit ausführlich in allen Feuilletons der deutschen Zeitungen lesen.

DownloadWeniger bekannt ist allerdings, dass sich Günter Grass auch  ein Leben lang für Schriftsteller aus der sog. „3. Welt“ eingesetzt  und nach Kräften unterstützt hat. Einer von diesen war der 2006 verstorbene indonesische Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer.  „Pram“, wie er von seinen Freunden genannt wurde, ist der bedeutendste Romanzier der jungen indonesischen Literatur, dessen Bücher in Indonesien bis zum Sturz Suhartos 1998 auf dem Index verbotener Bücher standen.  Durch wen Günter Grass auf ihn aufmerksam wurde, konnte ich nicht herausfinden. Sicher ist allerdings, dass er nach der Lektüre von Prams Büchern sich unermüdlich für den verfemten Erzähler engagiert hat. 1981 hat er den vom Suhartoregime unter Hausarrest gestellten Dichter ostentativ in Jakarta besucht und ihm als Zeichen der Verbundenheit eine Grafik von ihm  geschenkt, die seitdem eine Wand in Prams Haus zierte.

 „Seit vielen Jahren werbe ich für den Autor Pramoedya Ananta Toer“, so Günter Grass, „es sind vor allem seine Bücher, die uns das nach wie vor verschlossene Inselreich Indonesien und dessen wechselvolle Geschichte eröffnen; Bücher, die allen Widrigkeiten zum Trotz entstanden sind und die den Leser, wenn er nur will, reich machen können.“

Einmal abgesehen von seinem Engagement für einen von der politischen Klasse verfolgten Kollegen, was interessierte den deutschen Schriftsteller Grass so besonders an dem Autor Pramoedya Ananta Toer? Ich denke, beide sind engagierte Zeitzeugen eines zeitgeschichtlichen Umbruchs ihrer Gesellschaften. Günter Grass sagte, sein Thema sei der 2.Weltkrieg,  und was er aus Deutschland und seinen Menschen gemacht hat. Prams Thema ist das Ende der holländischen Kolonialherrschaft und das revolutionäre Schicksal des sich neu formierenden Nationalstaates Indonesien, das auch sein persönliches Schicksal war. Die Hälfte seines Lebens verbrachte er in Gefängnissen und Lagern. Dort entstanden auch seine wichtigsten Bücher. Einen kurzen Überblick über Prams Leben und Werk schenkt uns sehr anschaulich der – leider 2009 verstorbene – Autor

Rüdiger Siebert:

„Leseproben – Indonesiens Beitrag zur Weltliteratur –  Pramoedya Ananta Toer (1923 – 2006)“

 Wäre Pramoedya Ananta Toer noch am Leben, dann hätte es sicher auch einen dankenden Nachruf auf den Freund und Kollegen Günter Grass  in den indonesischen Medien gegeben, in denen ich eine Würdigung von Günter Grass bis dato vermisse.  Vielleicht sind es die Nachwehen der langen Suharto-Ära, in der Pram zu den totgeschwiegenen Autoren gehörte und einer ganzen Generation von jungen Indonesiern unbekannt war und ist, einer Zeit, in der  Indonesiens wichtigster Autor – um überleben zu können – auf das Engagement und die Unterstützung ausländischer Kollegen, wie Günter Grass angewiesen war. Ihm sei hiermit posthum ausdrücklich dafür gedankt.

 (KS)

Es wird höchste Zeit…

Obwohl es im Indonesien von 2015  an Projekten und Problemen nicht mangelt, wird es höchste Zeit, dass Indonesien nach 50 Jahren sich endlich  Klarheit über die Ereignisse verschafft, die mit dem Kürzel „G30S“ umschrieben werden, dem Militärputsch des General Suharto und dem damit verbundenen Massenmord und den Progromen an  Millionen indonesischer Bürger.

Bald wird es keine überlebenden Zeugen mehr geben.  Den überlebenden Tätern, die sich als Retter Indonesiens feiern lassen,  käme das sehr zu pass. So wurde z.B. 2014 durch eine internationale Kampagne gerade noch verhindert, dass der damalige Präsident (und Ex-General) Susilo Bambang Yudhoyono (SBY), seinen Schwiegervater General Sarwo Edhie Wibowo, den verantwortlichen Militärkommandeur für den Massenmord in Mitteljava, posthum zum Nationalhelden  erklärte. 

Das Regime Suharto wurde 1998 zwar entmachtet, aber das Tabu „G30S“ und seine Profiteure blieben bis heute unangetastet. Die Kinder und hinterbliebenen Familien haben einen Anspruch auf Gerechtigkeit.

Dank an den Autor Till Mayer, der sich dieses  Themas in diesem SPIEGEL-Artikel angenommen hat.  (KS)

Till Mayer Indonesien

Völkermord in Indonesien:                                             Eine Million Tote – keine Gerechtigkeit

Aus Jakarta berichtet Till Mayer                                                                                      SPIEGEL-Online 1. März 2015

In Indonesiens Folterkellern starben bis zu eine Million Kommunisten, Linke, Künstler. Überlebende und Angehörige fordern 50 Jahre danach noch immer Gerechtigkeit. Doch die Täter gelten als Helden

Die Schattenmänner stehen verloren im Abseits, kaum einer beachtet sie. Trotzdem streckt einer die linke Faust in den Himmel. „Gegen die Straflosigkeit!“ Was Endang Darsa ruft, schluckt der Verkehr. Mopeds, Laster, Autos rauschen an ihm vorbei. Ab und zu blickt einer hinter dem Steuer auf die alten Männer am Straßenrand. Dann springt die Ampel wieder auf Grün.

Wer oft an Indonesiens Präsidentenpalast vorbeifährt, kennt die Demonstranten. Seit Jahren stehen sie dort an jedem Donnerstagnachmittag. Ihre schwarzen Schirme mit dem weißen Aufdruck erinnern an einen verdrängten Völkermord. Zu ihren Füßen liegen Fotos der Ermordeten.

1965 töteten rechtsgerichtete Militärs und Milizen laut Schätzungen von Amnesty International bis zu eine Million Menschen, die sie für Staatsfeinde hielten: Kommunisten, Intellektuelle, Studenten, Künstler, Gewerkschafter, zudem Angehörige der chinesischen Minderheit und sogar andere Soldaten.

Weiterlesenhttp://www.spiegel.de/politik/ausland/indonesien-opfer-des-genozids-fordern-entschaedigung-und-gedenken-a-1019629.html

siehe zum Thema auch:

1. https://klaussturm.wordpress.com/2012/11/30/ein-gar-nicht-mehr-lustiges-theater/

2. http://de.qantara.de/inhalt/joshua-oppenheimers-dokumentarfilm-the-look-of-silence-ich-hatte-erwartet-monster-zu-treffen

„HERR, schicke mich bitte nicht in Deinen Himmel…“

ya tuhan

Indonesien: Gebet eines jungen muslimischen Bloggers

„HERR,  schicke mich bitte nicht in Deinen Himmel…“

Wenn die Bewohner dieses Himmels ihre Mitmenschen gerne in Deinem Namen verfluchen…

Schick mich bitte nicht in den Himmel, wenn die Bewohner dieses Himmels gerne die Gebets- und Kultstätten  in Brand stecken von Menschen, die andere Überzeugungen haben als ihre eigenen…

Schick mich bitte nicht in den Himmel, wenn dieser  Himmel von Leuten bevölkert wird, die ihre Mitmenschen gerne beleidigen und terrorisieren…

Schick mich bitte nicht in den Himmel, wenn dieser Himmel von Leuten bevölkert wird, die gerne die Häuser ihrer Nachbarn in  Brand stecken und sie obdachlos machen…

Schick mich bitte nicht in den Himmel, wenn dieser Himmel von Leuten bevölkert wird, die sich gerne selbst in die Luft sprengen und in Deinem Namen die Erde verwüsten…

Schick mich bitte nicht in den Himmel, wenn dieser Himmel voll ist  von Leuten, die in Deinem Namen  gerne Kriege führen und das Blut ihrer Mitmenschen vergießen..

HERR, lass mich bitte nicht in den Himmel, der von Leuten bevölkert ist, die gerne in Deinem Namen ihre Mitmenschen umbringen…

HERR, lass mich bitte nicht in den Himmel, der voll ist von Leuten, die gerne in Deinem Namen über ihre Mitmenschen richten…

HERR, erhöre meine Bitte, denn dieser Himmel  kann doch nicht aus Blut, Zorn und Feuer bestehen…

…weil es doch klar ist, dass dieser Himmel nur  die HÖLLE sein kann!

Jakarta, 3. April 2008

Feri Latif

ps. Es sei denn, diese Leute bereuen und bekennen ihre Verfehlungen gegenüber DIR und der Menschheit… und sind bereit,  für ihre Fehler zu büßen.

(Übers. aus Bahasa Indonesia: K.S.)