Kategorie-Archiv: Politik

Andrea Böhms „Mappa mundi“

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung                                                             Eine Erkundung auf vier Kontinenten                                                                                             

 Dass Andrea Böhm eine unglaublich unerschrockene Reisende  ist und dazu auch noch wunderbar spannend erzählen kann, das konnten ihre Leser schon  in ihrem 2013 erschienenen Buch „Gott und die Krokodile“ erfahren, in dem sie von ihrer abenteuerlichen Reise durch den Kongo berichtet, wo sie alleine auf sich gestellt in die gefährlichen Gegenden des östlichen Kongo reiste, wo es für westliche Journalisten keine Sicherheitsgarantien gibt, wenn man wissen und berichten will, wie und von was die Menschen im Herzen Afrikas leben.   (Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben: Must read!)                                 

Nun hat sie 2017 ein neues Buch veröffentlicht, das von den Erfahrungen und Erkenntnissen neuer Reisen berichtet, die die Autorin  an Orten der Welt gemacht hat, von denen man wenig Verlässliches lesen kann. Als Korrespondentin großer Zeitungen wie der taz, GEO und ZEIT mit längerem Aufenthalt  in den USA glaubte sie die Welt eigentlich recht gut zu kennen. Verstärkt durch den Wohnungswechsel nach Beirut zweifelt sie aber immer mehr, ob ihre Sicht der Welt dem wahren Zustand der Welt entspreche. Dem will sie auf die Spur kommen.

Inspiriert wird sie durch eine historische Weltkarte, die  Fra Mauro, ein venezianischer Kamaldulensermönch, etwa um 1450 zeichnete und mit Informationen beschriftete. Seine Mappa mundi –  seine Weltkarte.  Sie enthält das aktuellste Wissen jener Zeit über die Geographie der Erde, wie man sie damals sah. Auch wenn Amerika noch nicht entdeckt  und deshalb nicht eingezeichnet war, so unterscheidet sie sich doch sehr von den damaligen Weltkarten. Nur gewissenhaft verbürgte Fakten und Erkenntnisse sollten in seiner Mappa mundi festgehalten werden. Keine Mythen und Legenden. So machte er entgegen der damals üblichen religiösen Vorstellung  z.B. nicht Jerusalem  zum Zentrum der Welt, sondern verortete es in das muslimische Bagdad. 

Auf dieser Weltkarte des Fra Mauro entdeckt Andrea Böhm Städte und Reiche, die es zwar heute noch gibt – damals sagenhaft reich und  attraktiv, heute aber für eher bedeutungslos gehalten, im Westen höchstens als humanitäre Katastrophengebiete erwähnt werden. Was aus ihnen geworden ist, das will sie persönlich erkunden.

Von Venedig, dem führenden „global player“  im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts, geht es nach Mogadischu in Somalia, einem ehemals bedeutenden Handelszentrum am Horn von Afrika am Indischen Ozean – heute ein fast symbolischer Name für eine „No go-area“ für westliche Besucher. Von dort aus nach Somaliland, einem Land, das es angeblich gar nicht gibt, und vom Rest der Welt auch nicht anerkannt wird. Weiter geht es nach Guangzhou, dem alten Kanton am Perlfluss in Südchina, dem historischen Handelshafen Europas mit China, das heute seine eigene Weltkarte zeichnet. Danach besucht die Autorin Bagdad, dem einstigen Mittelpunkt der Welt und nach Basra im Süden des Irak ins Flussdelta des Euphrat, wo die  Bibel das Paradies vermutete. Danach unter dem Titel Mare nostrum eindringliche Erfahrungen in den Städten des östlichen Mittelmeeres in Tyros, Sidon, Haifa, Ghaza und Alexandria. Und am Ende eine Erkundung einer Gegend am Ostrand Deutschlands, die sich Nowa Amerika nennt und den meisten Deutschen wohl ganz unbekannt sein dürfte.

Eindringliche  persönliche Erinnerungen und Kontakte der Autorin schildern Leben und Überleben von Menschen an diesen Orten im 21. Jahrhundert. Wer hätte zum Beispiel von uns gewusst, dass es in der Millionenmetropole Guanzhou in China ein eigenes Afrikanerviertel gibt, in dem respektable Geschäftsleute aus dem Senegal oder Nigeria  ihre Firmen in China  vertreten – eine Geschäftswelt, in der Europa und Amerika keine Rolle mehr spielen.

Der Leser wird sich  auch die Augen reiben über die Fülle historischer Daten und Fakten, die die Autorin  über die Geschichte und Bedeutung der besuchten Orte zusammengetragen hat, und die vielleicht die persönliche Weltanschauung ihrer Leser  um sehr wichtige Zusammenhänge bereichern wird.

Fazit

Fünf Sterne für ein äußerst lesenswertes Buch, dem man allerdings – und das ist meine einzige Kritik – einen attraktiveren Titel auf einem attraktiveren Cover gegönnt hätte. Auch wenn man  die provokante These vom Ende der westlichen Weltordnung als Andrea Böhms persönliches Resümee  ihrer Reiseerfahrungen teilen wird, so entspricht dieser dürre, fast akademische Titel doch nicht dem überaus lebendig erzählten  Lesestoff.

Authentische Berichte wie diese von  Orten einer Welt, über die wir in der Regel nur aus dem Blickwinkel westlicher Interessen etwas erfahren, sind so notwendig.  Nur wenn es uns gelingt, zu erfahren, wie die Menschen vor Ort über ihre Lage denken, werden wir eventuell verstehen, warum sich die Welt so verändert, wie sie das derzeit tut und eigentlich immer getan hat. Andrea Böhms Reisenotizen lassen etwas davon  ahnen.            (KS 07-2019)

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Deutschland musste mit Gewalt befreit werden…

Gedenktage sind oft unangenehme Pflichttermine, besonders dann, wenn sie uns Deutsche zwingen, uns an die beschämendste Zeit unserer nationalen Geschichte zu erinnern. Und besonders lästig dann, wenn man versucht, wie der Vorsitzende der AfD Gauland es tat, die NS-Zeit als „Vogelschiss in der großen deutschen Geschichte“ darzustellen und zugleich an nationale Gefühle und Vorstellungen zu appellieren, die notwendig seien, um  den globalen Krisen der heutigen Zeit begegnen zu können. Ein fatales Signal!

Es ist hoch an der Zeit, Reden wie die des Historikers Götz Aly, die er vor einigen Tagen in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag gehalten hat, sehr aufmerksam zu lesen, um sich wieder klar zu machen,  welch humanitäre Mega-Katastrophe diese NS-Zeit für uns Deutsche und Millionen Menschen in Europa war und ist. 

„Eine Rede von erhabener Sachlichkeit, Anschaulichkeit und Entschiedenheit“ hat sie der WELT-Korrespondent Robin Alexander bezeichnet. Vielleicht brauchen wir häufiger Reden von dieser Qualität. (KS 2019)

Götz Aly: 

Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 

Wir haben uns versammelt, um an den 27. Januar 1945 zu erinnern – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.  Erst in der Nacht zuvor hatten SS-Truppen das letzte der vier aus Erfurt gelieferten Großkrematorien gesprengt; eines war im Oktober 1944 bei einem Aufstand des „Sonderkommandos“ zur Leichen-verbrennung zerstört, die beiden anderen waren bereits im Dezember zerlegt und Richtung Mauthausen verfrachtet worden. Dort, am Rand der geplanten Alpenfestung, sollte unter dem Codewort „Neu-Auschwitz“ ein gleichwertiges Vernichtungslager entstehen. Bis Ende 1944 waren in Auschwitz eine Million Menschen ermordet worden, die allermeisten, weil sie Juden waren.

Am 27. Januar vor 74 Jahren verharrten noch etwa 7000 von den geflüchteten Wachmannschaften zurückgelassene, extrem geschwächte Häftlinge im Lager. Nach Gefechten mit Wehrmachtsverbänden erreichten zwei vermummte Soldaten das Tor von Auschwitz-Birkenau um 15.00 Uhr. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Soldaten per Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“

Am 15. April rückten britische Truppen auf das Konzentrationslager Bergen-Belsen vor. Auch dort waren die deutschen Bewacher jäh verschwunden. Wie die ungarische Jüdin Lilly Weiss bezeugte, die als einzige ihrer großen Familie überlebte, herrschte unter den Häftlingen äußerste Spannung. Man hörte Schüsse und Kanonendonner – bis plötzlich aus einem Lautsprecher diese Sätze erschollen: „Hier sind die Soldaten der Britischen Armee! Ihr seid frei! Ab morgen gibt es Lebensmittel. Die Kranken werden versorgt, die Gesunden kommen in Quarantäne. Sie können nach Hause. Keine Panik! Jeder bleibt an seinem Platz! Bergen-Belsen ist befreit!“

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Text als Veröffentlichung der „Berliner Zeitung“ – Vielen Dank.

Die Tragödie von Chinas Reich des Himmlischen Friedens

Gott der Barbaren von Stephan Thome

Der Roman hätte das Zeug zu einem absoluten Abenteurer-Roman des Phantasy-Genres, wenn er nicht in einem sehr bestimmten  historischen Zeitrahmen im  China des 19. Jahrhunderts spielen würde, und einige Protagonisten des Romans de facto historisch bedeutsame Akteure dieser Zeit wären, die  unter dem Namen „Taiping-Rebellion“ bekannt ist. Das gibt dem Roman seine besondere Bedeutung.

Aber wer – außer einigen Spezialisten der chinesischen Geschichte – weiß denn, dass es in China zwischen 1850 und 1864 eine von schwärmerisch evangelikalen Christen angeführte Rebellion gab, deren revolutionär-kriegerischer Elan kurz davor stand, die alte mandschurische Qing-Dynastie zu stürzen, ganz China zu erobern und in einen „christlichen“ Gottesstaat zu verwandeln?

Der Gott der Barbaren ist der christliche Gott, der von den Chinesen nicht wegen seiner blutrünstigen Befehle barbarisch genannt wird, sondern weil er ein ausländischer Import-Gott ist und die geheiligte konfuzianische Gesellschaftsordnung vernichten will.

Dass davon in europäischer Wahrnehmung so wenig bekannt ist, hat  wahrscheinlich auch mit dem katastrophalen Scheitern dieser Revolution zu tun, die doch zwischen 20 bis  40 Millionen Menschen das Leben kostete – das blutigste Massaker des 19. Jahrhunderts war und erst durch die Massenmorde des 20. Jahrhunderts fatal überboten wurde.  Es gibt nicht sehr viel authentisches Material darüber, da die Sieger versuchten, alle Erinnerung an diesen Aufstand durch die Vernichtung aller Dokumente darüber auszulöschen.

Dass die Revolution des „Taiping Tianguo“ („Das Himmlische Reich des ewigen Friedens“) damals scheiterte, die alte  Mandschu-Dynastie noch bis in die 1920-er Jahre weiter regieren konnte, war nicht zuletzt dem Agieren der europäischen Kolonialmächte, vor allem Englands, zu verdanken, das in den zwei sog. Opiumkriegen seine kolonialen Ambitionen in China mit seinen modernen Waffen militärisch durchzusetzen wusste, und damit in China die „100 Jahre der Schande“ einleitete, wie die Kommunistische Partei der Volksrepublik China diese Phase der chinesischen Geschichte heute nennt.

Übrigens bewertet die KP Chinas heute die Taiping-Rebellion von damals  als gescheiterten Vorläufer der wahren sozialen Revolution durch die KP Mao Tse Dongs.  Das Taiping-Programm war in großen Teilen auch revolutionär: Zerstörung der konfuzianisch-taoistischen begründeten Tradition und Gesellschaftsordnung, Abschaffung des Privateigentums, Enteignung der Großgrundbesitzer und Landverteilung an die landlosen Bauern,  Gleichheit von Mann und Frau im Alltag bis hin zum Militärdienst, Verbot des Zopftragens der Männer, das  den Männern  von den Mandschu-Herren  unter Androhung der Todesstrafe befohlen worden war. Da die Taiping-Männer das Haar offen trugen, wurden sie von ihren Gegnern als „Die Langhaarigen“ bezeichnet. Frauen durften die Füße nicht mehr zu „Lotus-Füßen“ zusammen gebunden werden.

Das alles sollte man eigentlich wissen, bevor man mit der Lektüre dieses 700 Seiten starken Romans  beginnt. Auch wenn es zwei Landkarten im Buch gibt, tut es gut, die Geographie Chinas im Kopf zu haben, um sich in etwa ein Bild davon zu machen, von  welchen Städten, Provinzen und Flüssen im Roman die Rede ist, in denen sich die Dramen der Erzählung ereignen.

Auf jeder Seite des Buches ist zu spüren, dass der Autor Stephan Thome – ein studierter Sinologe -, sich vor Ort seine Romanbühne sehr genau angesehen hat. Das Spiel zwischen historischer Realität und der fiktiven Handlung macht den Reiz dieses hochinteressanten Romans aus, der natürlich nicht einfach eine Reportage der oben genannten Fakten sein will, sondern sehr viel tiefer verstehen will, was in den Herzen und Gedanken der Akteure aus Ost und West in dieser brisanten Phase der chinesischen Geschichte vor sich ging.

Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure, deren Schicksal und Agieren im Roman miteinander verwoben wird, lässt erahnen, auf wie vielen Ebenen sich das Drama abspielen wird.                                                                                                                    (Die mit (*)markierten Namen sind vom Autor erdachte Personen. Alle anderen und viele mehr sind historisch dokumentiert.)

Die Taiping-Rebellen

  • Hong Xiuquan, Titel „Himmlischer König“, ehemaliger Dorflehrer, Angehöriger des Hakkavolkes im Süden Chinas, charismatischer Anführer der Aufständischen, der sich als jüngerer Bruder Jesu durch eine Vision von Gott Vater beauftragt fühlt, China von den ungerechten Zuständen der Mandschu-Herrschaft zu befreien und in ein Reich des Gottesfriedens zu verwandeln.Entwickelt sich vom glühenden Messias der kleinen Leute zum orientalischen Sektendespot, dessen Verhalten den Tod Hunderttausender Anhänger provoziert. Stirbt 1864 bei der Eroberung Nankings durch Gift oder Selbstmord.
  • Hong Rengan, auch Hong Jin genannt, Vetter Hong Xiuquans. In Hongkong von englischen Missionaren getaufter Christ, und Sekretär von Rev. James Legge, dem Leiter der London Missionary Society, ein von revolutionären Ideen für ein modernes China nach europäischem Vorbild begeisterter Mann, der in der Taiping-Rebellion die Chance für  seine Träume gekommen sieht und sich den Taipings anschließt.  Sehr effektiver Organisator des Taiping-Reiches. Nach der Eroberung Nankings durch die Hunan-Armee hingerichtet.
  • Huang Shushua (*), chinesisches Mädchen, aus dessen Tagebuch wir erfahren, wie sehr sie als Frau von der neuen Freiheit der Taiping-Revolution begeistert ist und wie katastrophal für sie persönlich deren Scheitern ist.

Die Ausländer:

  • Philipp Johann Neukamp, *) chinesischer Name Fei Lipu ehemaliger Mitstreiter der Revolution von 1848 in Deutschland und Missionar der Basler Missionsgesellschaft in Hongkong, , engster Freund von Hong Jin, der ihn eingeladen hat,  nach Nanking, der Hauptstadt der Taiping zu kommen. Die  Erlebnisse dieser Reise bilden den Haupterzählstrang des Buches.
  • Alonzo Potter *), amerikanischer Abenteurer und Reisegefährte Neukamps
  • Karl Gützlaff, freievangelischer Chinamissionar, Bibelübersetzer, Diplomat und Betrüger                                                                                                                                        –
  • Lord Elgin, Sonderbotschafter der  englischen Königin Victoria, Verantwortlicher im 2. Opiumkrieg für die Eroberung Pekings und die Zerstörung des berühmten kaiserlichen Sommerpalastes. Symbolfigur des kolonialen Selbstverständnisses der europäischen, speziell der britischen Ambitionen.
  • Robert Taylor Maddox *), Lord Elgins persönlicher Sekretär und Chinaexperte. Als Geisel von Qing- Soldaten gefoltert und getötet.

Die Hunan-Armee

  • Zeng Guofan, Gelehrter und kaiserlicher Beamter, Angehöriger der Han-Bevölkerung Zentralchinas, Oberbefehlshaber der Hunan-Armee, dem 1864 mit der Eroberung Nankings die Niederschlagung der Taiping-Rebellion gelang.
  • Li Hongshan, alias Shan Quan. Schüler von Zeng Guofan, General und Organisator einer militärischen Zusammenarbeit mit britischem Militär zur Modernisierung der Bewaffnung der Hunan-Armee. (In späteren Zeiten als Vizekönig auch auf Besuch in Deutschland.)

Die Qing-Dynastie (das offizielle China)

  • Prinz Gong, Halbbruder des Xianfeng-Kaisers, Gegenspieler und Verhandlungspartner Lord Elgins, Vertrauter der Kaiserinwitwe Ci Xi und eigentlicher Regent Chinas der späten Qingzeit.                      –
  • Ci XI, Kaiserin-Witwe, Konkubine des Xianfengkaisers und Mutter des minderjährigen Thronfolgers Tongzhi

Über viele Seiten hinweg ist das Buch spannend und auch richtig lehrreich. Stephan Thome ist ein Meister der Sprache. Aber seinem Leser wird bei der Lektüre auch einiges zugemutet. Detaillierte Schilderungen der erbarmungslos grausamen Kriegspraxis im damaligen China werden sensiblen Gemütern vielleicht nicht besonders zusagen. Auch die manchmal endlos langen Gespräche, Gedanken und Erinnerungen Lord Elgins oder auf chinesischer Seite auch  die des Generals Zeng Guofan strapazieren gelegentlich die Leselust.  Aber sie alle dienen der möglichst treuen Begegnung  mit den Ereignissen im China des 19. Jahrhunderts.

Dem Autor gebührt das Verdienst, mit seinem Roman  heute über die aktuellen politisch wirtschaftlichen Probleme hinaus,  die Aufmerksamkeit auf den gewaltigen Konflikt zwischen der chinesisch dominierten Kulturgeschichte Asiens und dem Selbstverständnis des europäisch geprägten Westens gelenkt zu haben, der heute mit dem chinesischen Projekt der neuen Seidenstraße in eine neue Phase getreten ist. Auch werden uns die monströsen Fakten der Mao Tse Dong Ära und der der sog. „Kulturrevolution“ von 1966 erklärlicher.  Auch  die nervös brutale Reaktion der KP Chinas auf religiöse Bewegungen wie z.B. die der Faling Gong.

Trotz der obigen Einschränkung  5 Sterne für das Buch und vielen Dank an Werner und Mechthild, die mir dieses Buch ausgewählt und zu Weihnachten geschenkt haben.           (KS 2019)

Anmerkungen zum Buch:

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor ist hier zu lesen.                                  Rezensionen des Buches finden sich in den Stuttgarter Nachrichten und der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel: „Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß.“

Informationen  zum „Taiping – Aufstand“

DIE ZEIT 2010  Martin Herzog: Gottes zweiter Sohn – Der Taiping Aufstand

­­­­http://www.bauernkriege.de/taiping1851.html

http://www.kriegsreisende.de/imperialismus/taiping.htm

https://heimdallwardablog.wordpress.com/2017/11/23/der-taiping-aufstand-christentum-auf-chinesisch-und-der-himmlische-koenig/

 

Die kaum erzählte Geschichte einer Generation

Horst H.Geerken: Missbrauchte Kindheit       Geboren im Jahr von Hitlers Machtergreifung

Ja, auch vom sexuellem Missbrauch des siebenjährigen Jungen während seiner Evakuierung  auf einem schwäbischen Bauernhof und seiner kindlichen Hilflosigkeit dieser Erfahrung gegenüber, berichtet der Autor  in seinem Buch „Missbrauchte Kindheit“, einer Erfahrung die in unseren Tagen von so vielen Menschen endlich öffentlich gemacht wird.

Aber schon der Untertitel legt nahe, dass es in diesem Buch um einen weit umfangreicheren Missbrauch  geht. Es geht um die betrogene Kindheit und Jugend der „Generation 33“, wie ein anderer Rezensent sie genannt hat, die von nationalsozialistischen Propaganda verführt und indoktriniert, und noch als Kinder die katastrophalen Konsequenzen dieser Ideologie durch den 2. Weltkrieg erleiden mussten.

Auch wenn der Autor immer wieder engagiert auf das Schicksal und die Seelen traumatisierter Kinder aus derzeitigen  Kriegen in der Welt z.B. im Irak, Afghanistan und Syrien aufmerksam macht, ist sein Buch vor allem die seinen Enkeln in Australien gewidmete Geschichte seiner eigenen Kindheit  in Deutschland von 1933 bis ca 1950.

Der kleine Horst H. Geerken wird 1933 in  Stuttgart geboren. Er wächst auf im kleinbürgerlichen Milieu als Kind einer Familie, in der Vater, und besonders die  Mutter begeisterte Anhänger  Adolf Hitlers sind und auch ihre Kinder im Geiste der NS-Ideologie erziehen.   Es macht die Bedeutung dieses Buches aus, dass  der Autor über diese Zeit, über sich  und seine Familie sehr ehrlich und freimütig berichtet.  Für den etwas nachgeborenen Leser wird durch die detailliert geschilderten Erlebnisse deutlich, auf welcher Woge der Popularität sich Hitler und seine NSDAP in weiten Kreisen der Bevölkerung der  30-er Jahre bewegte, von der dann nach dem Krieg fast niemand etwas gewusst haben will.

Der zweite Teil des Buches widmet sich eindringlich der Erfahrung des Krieges, der Bombennächte, der Zerstörung der elterlichen Wohnung,  der Evakuierung der Kinder aus dem bedrohten Stuttgart auf schwäbische Dörfer,  Horst ist sieben Jahre alt, als er  „verschickt“ wird und erst vier Jahre später zu Mutter und Geschwistern zurückkehren kann. (Er teilt dieses Schicksal mit etwa 2 Millionen deutscher Kinder in dieser Zeit)

Erzählt wird im schon katastrophal zerstörten Deutschland von dem fanatischen Festhalten der Bevölkerung am Glauben an den  „Endsieg“ Hitlers, von  dem Erleben des Einmarschs der amerikanischen   Truppen  und dem Bekanntwerden der unglaublichen Verbrechen der SS in den KZ’s, die man  für Feindpropaganda hält.

Nach 1945  dann die ganz schlimmen Jahre der ausgebombten Familie in der Nachkriegszeit, die mit acht Personen in einer Drei-Zimmerwohnung in Schwäbisch-Hall für Jahre unterkommen muss. Von der Not, dem Hunger und dem Kampf ums physische Überleben, dem  auch  der junge Horst und sein Bruder Hartmut täglich ausgesetzt ist, der erst mit dem Erhalt von sog. CARE- Paketen einer Tante aus Amerika etwas leichter wird. Erst mit der Währungsreform 1948 und dem Entnazifizierungsprozess  und der Wiedereinstellung des Vaters in den Postdienst bessert sich das Schicksal der Familie Geerken, und Horst beginnt als Jugendlicher  seinen eigenen Lebensweg zu suchen.

Das Resümee seiner Erfahrung dieser Zeit hat er im Nachwort seines Buches zusammengefasst:                                                                                                                                  „ Wir Kinder hatten im Dritten Reich eine Jugend ohne Wahrheit! Wir Kinder waren hilflose Opfer, keine Täter! Wir hatten daher nach Kriegsende ein Recht, uns von der unrühmlichen Vergangenheit Deutsch­lands abzugrenzen.

Es dauerte Jahre, bis mir ein Licht aufging, bis ich begriff, welch Unrecht während der NS-Herrschaft geschehen ist. Ich musste selbst lernen, wie ich mich von dem indoktrinierten nationalsozialistischen und antisemitischen Gedankengut des Dritten Reichs befreien konnte, denn die Eltern, wie alle Alten, selbst die Lehrer in der Schule schwiegen zu diesem Thema. Obwohl wir fragten, bekamen wir keine Antwort. Es war ein Thema, dem immer wieder ausgewichen wurde. Alle Erwachsenen flüchteten sich in eine Amnesie.

Die Probleme der Kriegskinder wurden in der Nachkriegszeit schlichtweg von den Erwachsenen vergessen. Wir Kinder, die wir gerade aus dem Horror des Krieges kamen, mussten uns selbst damit auseinandersetzen. Wir mussten uns selbst aufklären, wir mussten aufarbeiten, was unsere Eltern und Großeltern verschwiegen haben“. (Zitat . Missbrauchte Kindheit S. 207)

Ein unbedingt lesenswertes Buch vor allem für alle, die über diese Zeit vielleicht zu wenig wissen, aber auch für solche, die es eigentlich wissen sollten, wie z.B.  Dr. Alexander Gauland, Vorsitzender der AfD, der die Zeit der 12-jährigen NS-Herrschaft als „einen Fliegenschiss in der großen  deutschen Geschichte“ genannt hat.

Für mich, Jahrgang 1941, acht Jahre jünger als der Autor, ist die Nazizeit und auch der Krieg keine erinnerbare Erfahrung, zumal ich auf einem Dorf groß geworden bin, das von den direkten Kriegseinwirkungen verschont blieb. Einige verschüttete Erinnerungen jedoch aus den späten 1940-er Jahren wurden durch Horst H.Geerkens Buch wieder sehr lebendig. Vielen Dank dafür. (KS)

„The poor Palatines“– oder wie kamen arme Pfälzer 1709 in die Londoner Schlagzeilen?

Daniel Defoe:  Kurze Geschichte der Pfälzischen Flüchtlinge

Das war ja spannend: Ein weltbekannter englischer Schriftsteller wie Daniel Defoe, Autor des Romans „Robinson Crusoe“ soll in England eine Schrift über Pfälzische Flüchtlinge verfasst haben?  Das wäre ja nicht nur speziell für heutige Pfälzer, sondern auch für andere deutsche Landsleute eventuell ganz interessant.  Ja, Defoe hat tatsächlich am 11. August 1709 den Traktat  A Brief History oft he Poor Palatine Refugees in London  veröffentlicht. Ein hoch politischer Text, über 300 Jahre alt, der zudem noch eine aktuelle  Brisanz zur heutigen Flüchtlingsdebatte in Deutschland hat.

Besser informierte Leser mögen es mir gnädig nachsehen – ich wusste nicht, dass   Daniel Defoe –  der Autor des Romans „Robinson Crusoe“ – in seiner Zeit vor allem ein sehr gefragter politischer „Journalist“ war, der Zugang  zu wichtigsten Vertretern der damaligen britischen Regierung der Königin Anne Stuart hatte und der seit 1706 regelmäßig in der politischen Zeitschrift „Review“ seinen Kommentar zur „Lage der Nation“ beisteuerte. Ein bisschen Recherche  im Internet macht ja– Google sei Dank – oft ein wenig schlauer.

„Fake-News“ mit tragischen Konsequenzen! 

Aber was hat es denn nun mit den armen Pfälzer Flüchtlingen auf sich?  Im Sommer 1709 in London scheint es das brisanteste soziale Problem gewesen zu sein: Zu Zehntausenden kommen  Menschen aus der Pfalz und Süddeutschland nach England, um Armut und religiöser Verfolgung zu entfliehen und eine bessere Zukunft in den englischen Kolonien Nordamerikas zu finden. Sie verlassen eine pfälzische Heimat, die im  pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) von den Heeren des französischen  Königs Louis XIV. barbarisch verwüstet fast unbewohnbar war. Sie hatten außerdem einen Winter(1708/09) hinter sich, der zu den kältesten Wintern Mitteleuropas zählt. Man hatte den Menschen erzählt, in Carolina, in Amerika würden dringend Menschen gesucht, und die gute englische Königin Anne würde die Überfahrt dorthin bezahlen, was aber nicht der Wahrheit entsprach, wie sich dann in London herausstellte. Auch wenn England tatsächlich Zuwanderung in den Kolonien brauchte, eine solch hohe Zahl an Menschen zu befördern, war sowohl technisch als auch ökonomisch nicht machbar. Defoe hat es in seinem Traktat dokumentiert.

Helfen oder zurückschicken? 

Was aber tun mit zehntausenden mittellosen Menschen, die zunächst  ganz auf die soziale Wohltätigkeit der englischen Bevölkerung angewiesen waren?  Die Diskussion in der Bevölkerung ging hoch her. Besonders die mit eingereisten Katholiken sollte man sofort wieder zurückschicken. Nach eingehender Recherche bei der Regierung und unter den Flüchtlingen, kommt Defoe zu dem Schluss: die beste Lösung sei eine schnelle und systematisch betreute Einbürgerung. Die Flüchtlinge aus der Pfalz seien ehrliche und arbeitsame Leute.  Defoe nennt  detaillierte  Zahlen  und listet  auf, aus welchen Gegenden und Städten der Pfalz die Menschen kämen und  welche Berufe sie hätten. (Er weiß auch, wo Germersheim, Heidelberg, Frankenthal und Philippsburg usw liegt..)

England sei es seiner christlichen Religion schuldig, verfolgte protestantische Flüchtlinge aufzunehmen und sie so schnell wie möglich in Arbeit zu bringen und einzubürgern. Selbst wenn religiöse Verfolgung nicht  der hauptsächliche Auswanderungsgrund sei, so gäbe es doch eine menschliche Pflicht zur Hilfe.  Das führe darüber hinaus zu nationaler Ehre und verspreche außerdem einen beträchtlichen wirtschaftlichen Gewinn. Das belege der Blick auf andere erfolgreiche Länder wie z.B. die Niederlande und Brandenburg, wo die Aufnahme von Einwanderern zu erheblichem staatlichen Wohlstand geführt habe. Soweit das Plädoyer von Daniel Defoe.

Wie es denn den „poor Palatines“ – wie sie in England genannt wurden tatsächlich danach ergangen ist, weiß man nicht so genau. Etwa 3000 Menschen habe man nach Irland gebracht, die Hälfte davon war schon nach einigen Monaten wieder in London. John Robert Moore vermutet in seinem Vorwort, dass wohl ein Teil der Menschen tatsächlich in England geblieben oder wieder auf den Kontinent zurückgekehrt oder auch umgekommen sei. Andere Quellen berichten, dass  tatsächlich ein Teil der armen Pfälzer – nämlich etwa 600 Menschen – eine Schiffspassage ins gelobte Land Carolina geschafft hätte. Davon seien aber nur etwa 300 lebend angekommen. (siehe: Die Queen und ihr Flüchtlingsproblem)

Pfälzer in Amerika

Übrigens war diese geschilderte Auswanderungsbewegung aus der Pfalz in Richtung Amerika weder die erste, noch die letzte. Die größte Welle wird das 19. Jahrhundert bringen, in dem neben Millionen Deutschen  auch wieder zehntausende Pfälzer in die USA emigrieren, dann nicht über den Umweg Rotterdam und England, sondern auf direktem Wege über die Häfen Bremen und Hamburg. Amerika, das Sehnsuchtsland der Migranten des alten Europa. Aber dass nicht jede gelungene Auswanderung nach Amerika auch ein glückliches Schicksal bedeutete, davon  kann so manche Familiengeschichte erzählen. (Und dass nicht jeder erfolgreiche pfälzische Auswandererenkel ein Glück für den Rest der Welt bedeutet, das dürfen wir derzeit  mit Donald Trump erleben. Aber das ist ja noch nicht das Thema von Daniel Defoe.)

Zeitversetzte Aktualität

Was uns an seiner kleinen Geschichte berührt, ist die zeitversetzte Aktualität der Problematik mit unvorhergesehener Massenmigration, der sich eine Gesellschaft plötzlich gegenübersieht. Auch wenn man die Zeiten und die konkreten Bedingungen des Flüchtlingsstroms nach Europa, besonders nach Deutschland mit der Situation in England vor 300 Jahren nicht ohne weiteres vergleichen kann – die Kriege damals waren ein rein europäisches Desaster, die kulturelle Identität europäisch, – so ähneln doch aktuelle Situationen heute erschreckend den Ereignissen von damals.

Da kommt vor 350 Jahren eine wohlhabende und begehrte Region  wie die schöne Pfalz aufgrund dynastischer und religiöser Machtinteressen  erst im 30jährigen Krieg und dann ein paar Jahre später im pfälzischen Erbfolgekrieg in die erbarmungslose Mühle katastrophaler Kriege, denen man nur durch eine geglückte Flucht entrinnen konnte. Irgendwohin, wo man erwartete,  für sich und die Seinen ein besseres Leben zu finden. Eine Situation, die der in Syrien, im Irak und in so vielen Gegenden der Welt im Jahre 2018 so bedrohlich ähnelt. Und dann die Problematik, im erreichten Land aufgenommen und akzeptiert zu werden, auch wenn heute vor allem die kulturell-religiösen Probleme islamischer Migranten eine Integration erschweren. Ich denke aber, Defoes Plädoyer, Migranten schnell in Arbeit zu bringen, für sich selbst sorgen zu lassen und damit auch eine Einbürgerung  möglich  zu machen, ist auch heute noch ein sehr guter Rat.

Auch wenn Defoe’s Text über 300 Jahre alt und seine Ausdrucksweise oft von barocker Weitläufigkeit ist, lohnt es, ihn zu lesen. 85 Seiten sind auch gut zu schaffen. Dank an meine Schwester Hildegard, die mir das Büchlein zur schnellen Lektüre zugeschickt hat.  (KS – Febr. 2018)

Zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema:

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/03/Massenauswanderung                                                                                                                                                                                                        http://www.zeit.de/2016/01/deutsche-fluechtlinge-london-daniel-defoe-anne-stuart

https://de.wikipedia.org/wiki/Massenauswanderung_der_Pf%C3%A4lzer_(1709) 

http://www.woerterwoelfe.de/?p=3401

INDONESIEN UND HITLER…???

Horst H. Geerken: Hitlers Griff nach Asien Bd. 1 +2

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Indonesien und Hitler…?

Hat sich Hitler tatsächlich für Indonesien interessiert? Das fragte sich  auch der Autor Horst H. Geerken, als er im Laufe seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit für AEG-Telefunken in Indonesien dort immer wieder  auf Berichte und Fakten aus dem  2. Weltkrieg stieß, die nicht ohne weiteres erklärlich schienen und die ihn bis heute beschäftigen.  Dass Indonesien schon vor dem 2. Weltkrieg eines der tropischen „dreamlands“  der Deutschen war, das konnte der Autor im Rückblick auf seine eigene Jugend bestätigen.

Wie  kommt es aber, dass  z.B. der  Massenmörder Hitler noch heute  bei vielen Indonesiern  eine Popularität genießt, die bei uns Deutschen mindestens ein ungläubiges Kopfschütteln provoziert? Wie erklärt sich, dass in den Bergen  Westjavas  nicht weit von Jakarta auf dem Soldatenfriedhof ARCA DOMAS die Gräber deutscher  Marinesoldaten zu finden sind?  Was hat Indonesien überhaupt  mit Deutschlands Weltkrieg zu tun?

Horst H. Geerken begann intensiv zu recherchieren und förderte Erstaunliches zu Tage. Zwei Bände umfasst seine Dokumentation unter dem Titel „Hitlers Griff nach Asien“, die 2015 veröffentlicht wurde. Vieles dürfte auch für professionelle Historiker neu sein. Geerken entdeckt z.B. bei seinen Recherchen   Dokumente über und von SS-Brigadführer Walter Hewel, einem sehr engen Vertrauten Hitlers,  der  in den dreißiger Jahren leitender Angestellter auf einer  britischen Teeplantage in Westjava war und  im damaligen  Indonesien eine wichtige Rolle als Vertreter der NSDAP für die dortigen Auslandsdeutschen spielte. Zurück in Deutschland war Hewel ab 1938 Hitlers Verbindungsmann zu Ribbentrops Außenministerium mit speziellem Bereich  für Südostasien.  Durch diesen engen persönlichen Kontakt ist wohl auch das Interesse Hitlers an Indonesien erklärbar.

Auch wenn professionellen Historikern die Dimension von Hitlers Weltkrieg natürlich klar ist,  im Bewusstsein der  deutschen Öffentlichkeit ist der 2. Weltkrieg  aber vor allem eine Kriegskatastrophe   auf europäischen Kriegsschauplätzen.   Dass dieser  Krieg aber ein wahrhaftiger Weltkrieg war, lässt sich in  Geerkens Buch detailliert nachlesen, wie  Hitlers Politik und Krieg sich z.B.  auf den südostasiatischen Raum auswirkte. Die  Verflechtungen von Japans Krieg in Ostasien mit den Interessen  und Kriegszielen Hitlers in Europa. Die Brutalität des Krieges auf den asiatischen Kriegsschauplätzen. Die Unterstützung Hitlerdeutschlands für den indischen Freiheitskämpfer Chandra Bose, den neben Mahatma Ghandi wichtigsten Protagonisten eines unabhängigen  Indien.  Die Situation und das Schicksal der Auslandsdeutschen jener Zeit in China, Japan und Indonesien. Der deutsche U-Bootkrieg und die abenteuerlich-katastrophalen Operationen deutscher U-Boote im Indischen Ozean sowie die Stützpunkte der Deutschen Kriegsmarine in Malaysia, Singapur und Indonesien.  Das Schicksal  der deutschen Marinesoldaten in Indonesien 1945/46 nach der Kapitulation Deutschlands und Japans.  Das alles ist  sehr informierend und spannend zu lesen.

Die Verflechtung von Indonesiens Geschichte mit Deutschland hat – abgesehen von der  historischen Bedeutung vieler bekannter deutscher Persönlichkeiten im einstmaligen „Nederlands Indie“  – einen besonders brisanten Berührungspunkt: Die Besetzung Hollands 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Für die indonesische Unabhängigkeitsbewegung unter ihren Führer Soekarno war das die Niederlage der Kolonialmacht Holland. Hitler und Deutschland – neben dem damals siegreichen Japan – als einer der faktischen Väter der indonesischen Unabhängigkeit, so sahen es die indonesischen Freiheitskämpfer.  Indonesien und Hitler…?.. Sic!

Im letzten Teil des 2. Bandes schildert Geerken den indonesischen  Unabhängigkeitskampf  von 1945 bis 1949, den Anteil und die Rolle Deutschlands beim Aufbau des jungen Staates, von dessen Geschichte die Hunderttausenden deutscher Bali-Touristen wohl recht wenig wissen und von der in den Prospekten der Reiseveranstalter nicht viel zu lesen ist.

Für alle, die doch ein wenig mehr wissen wollen, ist Geerkens  „Hitlers Griff nach Asien“   anschaulich spannend erzählte Geschichte, die in dieser Form bisher noch nicht zu lesen war. Fünf Sterne und unbedingte Leseempfehlung. (KS)

NB. Eine empfehlenswerte Rezension bei AMAZON:                                                                Eine Geschichte von Helden und Schurken am fernen Ende der Welt

siehe auch:                                                                                                                                         Herwig Zahorka:    Die Geschichte des deutschen Soldatenfriedhofs ARCA DOMAS

 

…von wegen “ linke Spinner“

Ulrike Herrmann

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Die   Krise der heutigen Ökonomie                                                                                              und was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können

514BOJId2UL  Der pikante Titel des Buches von Ulrike Herrmann macht neugierig und verspricht irgendwie ein Lesevergnügen besonderer Art. Dieses Versprechen hat die Autorin genial  eingelöst – vom Vorwort bis zum Schlusskapitel. Das fast durchweg begeisterte Leserecho bestätigt diesen Eindruck. Ich schließe mich voll diesem Eindruck an.

Eine Wirtschaftsjournalistin der linken taz sorgt sich um den Kapitalismus? Ja und wie! Der Untertitel zeigt aber schon, worum es ihr geht: Die Krise der heutigen Ökonomie und der herrschenden  Volkswirtshaftlehre also, deren maßgebliche Theoretiker eine Lehre vertreten, die unter dem Namen  „Neoklassik“ Schule gemacht hat. Und das nicht nur an den Universitäten, sondern fatalerweise auch in der internationalen Politik, die sich danach ausrichtet. Eine maßgebliche Lehre, in der z.B. Finanzkrisen von 2008, die die internationale Wirtschaft fast in eine Katastrophe steuerten, eigentlich  gar nicht vorkommen  – ja überhaupt nicht vorkommen dürften.

Wenn die Autorin recht hat, dann „mag es ungeheuerlich klingen, aber die meisten Volkswirte  haben keine Ahnung, was es bedeutet, in einem voll ausgereiften Kapitalismus zu leben, in dem Großkonzerne herrschen und Banken das Geld aus dem Nichts schöpfen. Daher sind diese Ökonomen stets verblüfft und überfordert, wenn es zu Finanzkrisen kommt.“ (Zitat)  Und wir einfache Laienspieler in diesem Drama natürlich auch.

Natürlich fragen wir uns, wie es dazu kommen kann, dass an den Börsen täglich mit etwa  4 Billionen Dollar an Währungsspekulationen gehandelt wird, und was es bedeutet, dass z.B. 2015 der Nominalwert der außerbörslich gehandelten Derivate 493 Billionen Dollar betrug, während die weltweite Wirtschaftsleistung nur auf insgesamt 73 Billionen Dollar kam. Mehr als 400 Billionen Dollar also, für das man sich eigentlich nichts kaufen kann. Aber es ist Buchgeld, das im Ernstfall einsetzbar ist, um bestimmte Machtansprüche zum eigenen Vorteil durchzusetzen. Volksweisheit: Geld regiert die Welt! Aber die „Neoklassik“ scheint das irgendwie nicht zu glauben.

Man muss aber kapieren: „Der Kapitalismus ist ein totales System, das nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche durchdringt. Aber das macht ihn so spannend. Das Abenteuer namens Kapitalismus lässt sich am besten erfahren, wenn man seine klügsten Theoretiker kennt. Also Smith, Marx, Keynes“ (Zitat)

Bevor die Autorin im Anschluss an Keynes in Kapitel 9 und 10 die Probleme der heutigen Mainstream-Ökonomie analysiert, beschäftigt sie sich eingehend mit den beiden anderen Protagonisten der Wirtschaftswissenschaft Adam Smith und Karl Marx, deren Bedeutung und Erkenntnisse für diesen Bereich heute in den VWL-Lehrplänen  – laut der Autorin – einfach übergangen werden. Ein Gleiches gälte für John Maynard Keynes, dessen Lehren namens „Keynesianismus“ gerne als überholte „linke Spinnerei“ abgetan wird.

Eine detaillierte Darstellung der Bedeutung dieser drei Männer würde den Rahmen dieser Besprechung überfordern. Man lese das Buch, in dem es die Autorin überzeugend  versucht. Aber herausstellen möchte ich besonders ihren Ansatz, zunächst einmal die Lebensgeschichte dieser Männer möglichst getreu  zu erzählen, um zu verstehen, wie sie zu ihren Erkenntnissen und Lehren kamen. Bei allen dreien lässt sich nämlich beobachten, dass sie erst über ihre durchweg widersprüchlichen Erfahrungen ihre theoretischen Konsequenzen zogen. Nicht immer die richtigen, wie die Autorin konzediert. „Auch ein Genie darf  irren!“ schreibt sie im Anschluss an Marx, dessen Verelendungsprognose für die Arbeiter zum Beispiel und die damit verbundene zwangsläufige Weltrevolution des Proletariats nicht eingetreten ist. Aber dessen Theorie über die Dialektik des Kapitals ist  brennend aktuell, nach der die Konkurrenz des Marktes in Monopolen endet, wie wir heute an der Konzentration der multinationalen Konzerne feststellen können.

Im Hinblick auf die aktuelle Situation der Weltwirtschaft finde ich besonders tragisch, dass man angesichts des heutigen  „Finanzkasinos“ die Einsichten und Lehren von Keynes so wenig beherzigt, der schon in den 1940-er Jahren als Konsequenz aus den Wirtschaftskrisen  der 1930er Jahre ein weltweites Verbot  der Währungsspekulation an den Börsen forderte, das auch heute dringend erforderlich wäre. Die neoklassische Nationalökonomie hat die Bedeutung des Finanzkapitalismus einfach  nicht verstanden und verarbeitet.

Für uns Deutsche ist vielleicht die Information interessant, dass es vor allem Keynes war, der nach dem 2. Weltkrieg aus der Erfahrung der Beschlüsse von Versailles die Siegermächte dazu bewegte, die Reparationen für das besiegte Deutschland nicht in solchen Höhen festzuschreiben, dass man vorhersehen musste, dass diese Schulden nie beglichen werden könnten. Von wegen „linker Spinner“ ! ( Nb. Analogien zur Schuldenproblematik der Südstaaten Europas bieten sich zwingend an.)

Vielleicht noch eine kleine, aber doch wichtige Einsicht, die vielleicht professionellen Leserinnen und Lesern sicher ohnehin geläufig ist: Volkswirtschaft( VWL) und Betriebswirtschaft (BWL) sind zwei verschiedene Fächer und nur bedingt vergleichbar. Wirtschaftliches Verhalten von Unternehmen (BWL) ist nicht einfach übertragbar auf das wirtschaftspolitische Handeln von Regierungen (VWL). Rezepte aus der BWL-Apotheke sind nicht unbedingt gesund für den VWL-Kranken. Pleite-Unternehmen verschwinden vom Markt – Pleite-Staaten aber nicht von der Landkarte! (Deshalb war das Beispiel von der „sparsamen schwäbischen Hausfrau“, das Frau Merkel während der Griechenland-Krise verlauten ließ, durchaus unpassend.)

Wer sollte das Buch lesen? Frau Herrmann hat das Buch ausdrücklich den VWL-Studenten gewidmet, um deren neoklassische Indoktrination sie sich Sorgen macht. Aber eigentlich auch für uns alle, die wir täglich die Nachrichten über das Auf und Ab der wirtschaftspolitischen Meldungen versuchen zu verstehen, bzw. nicht mehr verstehen. In der Hoffnung, doch ein wenig schlauer geworden zu sein:  Ein großes Dankeschön an die Autorin, die so lesenswert versucht hat, uns die Welt der Ökonomen zu erklären.        (KS)   Oktober 2017

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Nb. Für uns alle, die noch nicht wussten, wie Finanzderivate entstehen, hier die unübertroffene Erklärung von Chin Meyer:  https://youtu.be/TSxH5qi-ZkM

 

 

Europa, was hast du für eine beeindruckende Geistesgeschichte!

Kurt Flasch:  Das philosophische Denken im Mittelalter                                  Von Augustin zu Machiavelli

Eigentlich sehe ich mich außerstande eine angemessene Rezension über ein so profundes Werk zu schreiben. Dazu sollte man von der Materie wirklich mehr verstehen. Aber ich bin fasziniert von dem, was ich zu lesen bekam. Das Buch ist eine Riesenunternehmung des Autors: Es begreift sich als der Versuch, das ideelle Fundament Europas zu rekonstruieren – von Augustinus zu Machiavelli.

Wichtig: Die Begriffe Mittelalter – Renaissance – Neuzeit täuschen eine Einteilung der Geschichte vor, die es bei genauerem Hinsehen nicht gibt.- Die Philosophiegeschichte ist konkret viel verwobener und mit viel mehr Denkern verbunden, deren Namen nicht allgemein bekannt sind.

Thomas von Aquin z.B. ist de facto nicht so wichtig für die Philosophie des Mittelalters , wie die „Thomisten“ und die katholische Kirche das tradieren.

Ein Kandidat wäre eventuell Marsilius von Padua (1324), der Autor des Defensor Pacis: Man stelle sich – probeweise – einmal vor, es hätte seit dem 15.Jahrhundert mächtige Organisationen (ähnlich den kirchlichen Orden (KS ) gegeben, die ihn – vielleicht zusammen mit Gaunilo und Berengar von Tour, mit Adelhard von Bath und Abaelard, mit Wilhelm von Conches und Thierry von Chartres, mit Siger von Brabant und Dietrich von Freiberg, mit Roger Bacon und Nikolaus  Oresme – als den größten Philosophen des Mittelalters präsentiert hätten. De facto haben Ordensgemeinschaften seit dem 15.Jahrhundert ihre Ordenslehrer genau so aufgebaut. Sie schufen den Anschein, Anselm und Bonaventura, Albert, Thomas von Aquin und Duns Scotus hätten die Summe des mittelalterlichen Denkens gezogen. (Zitat) …was sie nach Flaschs Einschätzung eben nicht repräsentieren.

Sehr aufschlussreich auch die Einbettung der „mittelalterlichen“ Denker und ihrer Ideen in die konkreten historischen Zeitläufe und Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss, die ihr Denken provozierten. (Das Sein bestimmt Bewusstsein“? ) Aber auch ihr Einfluss auf das Handeln der politisch Mächtigen ihrer Zeit.

Besonders pikant im derzeitig gefeierten Lutherjahr ein abschließendes Kapitel über Luther und Machiavelli , in dem Luther häufig als Protagonist einer Neuen Zeit dargestellt wird. Unbeschadet seines Mutes und seiner Verdienste um die christliche Reformation, der Rückbesinnung auf die religiösen Wurzeln christlichen Glaubens, ist Luther nach Flasch kein eigentlicher Repräsentant der Neuen Zeit, die ja dem menschlichen Denken und der Kraft der wissenschaftlichen Erkenntnis vertraut.

Da die menschliche Vernunft zur Erkenntnis des wahren Gottes nicht tauge, „ sah er (Luther) sie im Besitz des Satans, als Werkzeug einer widergöttlichen Instanz“ (Zitat) Mit seiner Vorstellungswelt von Himmel und Hölle,  seinem Beharren auf der „Sola -scriptura“- Lehre und auch seiner Ablehnung  des heliozentrischen Weltbildes,  gehört er  eher ins Mittelalter als in die Neue Zeit. Für Flasch sind eher Leonardo da Vinci und Machiavelli, Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus die Protagonisten der Neuen Zeit.

Ein Buch für wen? Trotz der gut verständlichen Sprache – bei Philosophieprofessoren oft nicht selbstverständlich – erfordert der schier unendliche Detailreichtum des Buches einen treuen und wissensdurstigen Leser, der aber dafür mit vielen historischen Einsichten entschädigt wird. Für alle philosophisch-theologisch interessierten Leser aber, ist Kurt Flaschs Buch ein unbedingtes Muss.  (KS)

Toke‘, Toke‘!

DER RUF DES GECKOS  –  Horst H. Geerken

Können Geckos rufen – wie es der Titel dieses hochinteressanten Buches unterstellt? Ja, müssen wir sagen: Der indonesischen Vertreter dieser Gattung schon, der „Tokek“ – der große Mauergecko, der abends und nachts in den Häusern und Hütten sein unüberhörbares  tiefes Toke‘ ertönen lässt  und dem viele Indonesier magische Kraft zuschreiben: Man zählt aufmerksam, wie oft sein Toke‘ zu hören ist und erfährt dann, ob einem Glück beschert sein wird. Allerdings muss das Toke‘ mindestens siebenmal – am besten aber – neunmal zu hören sein. Soll man so etwas ernst nehmen? Horst Geerken und seiner Familie hat der oft gehörte 9-malige Ruf des Geckos – sowohl privat als auch geschäftlich -18  glückliche Jahre in Indonesien gebracht.

Dabei begann seine Zeit in Jakarta als Geschäftsträger der deutschen Firma AEG –TELEFUNKEN im Jahre 1963 – die bis 1981 währen sollte,  zu einer Zeit, in der Indonesien unter seinem Präsidenten Sukarno auf ein politisch-ökonomisches Desaster zusteuerte, das 1965 mit dem Putsch-Massaker des General Suharto seinen Tiefpunkt erreichte. Horst Geerken hat diese Zeit hautnah erlebt.  Sein Buch erzählt detailreich, welch schwierige Verhältnisse des täglichen Lebens damals selbst für ein Mitglied der deutschen Geschäfts-Community  zu bewältigen waren. Aber auch welch interessante Aufgaben und Begegnungen der junge Geschäftsmann – Horst Geerken war damals gerade 30 Jahre alt – erleben konnte. Er hat im Laufe der Jahre neben vielen Persönlichkeiten  der deutschen Politik und Wirtschaft und der deutschen Botschaft in Indonesien  z.B. auch den damaligen Präsidenten Sukarno persönlich kennen und schätzen gelernt.

Was aber den besonderen Charme dieses Buches ausmacht, ist die Sympathie  für Indonesiens Menschen, ihre  Kultur und Geschichte, der des Autors engagiertes Interesse gilt. Nicht eben selbstverständlich für einen Ingenieur der Nachrichtentechnik! Über  fünfzig Seiten widmet das Buch der Geschichte des Landes, das 350 Jahre eine holländische Kolonie war und seine Unabhängigkeit letztendlich in einem fast fünfjährigen Krieg gegen Holland erkämpfen musste. Sehr gut auch die engagierte Sympathie des Autors für die Rolle Sukarnos, des ersten Präsidenten  Indonesiens, ohne den ein Indonesia Merdeka – ein freies Indonesien, wohl nicht vorstellbar wäre. Schonungslos dokumentiert der Autor auch die Grausamkeiten des kolonialen Terrorregimes als blutige Antwort auf die indonesischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1945 – Fakten, von denen in Europa wenig zu lesen war und die für Holland noch immer ein sehr unpopuläres Kapitel seiner jüngsten Geschichte sind.

Ebenso aufschlussreich Geerkens Schilderung der Rolle der USA für das unabhängige Indonesien. Die anfängliche Unterstützung, dann aber die wiederholten Versuche der CIA den Präsidenten Sukarno durch Attentate zu ermorden  und  schließlich  die maßgebliche Rolle der CIA beim Putsch des General Suharto und dem Massenmord von 1965/66 an hunderttausenden Menschen – ein Trauma, unter dem auch noch das heutige Indonesien leidet.

Neben diesem wichtigen Exkurs in die Geschichte, von der man auch als kurzweiliger Indonesienbesucher ein wenig wissen sollte, sind es vor allem die kenntnisreichen, oft  sehr amüsanten Erlebnisse und Anekdoten aus dem Leben und den Erfahrungen des langjährigen „Expats“ H. Geerken, dem Indonesien – wie er bekennt – zur zweiten Heimat geworden ist.

Wer sollte sich die Lektüre gönnen? Natürlich alle, die ein wenig mehr über Indonesien erfahren wollen, als die Prospekte der Reiseveranstalter dem Touristen an die Hand geben. Für jemanden wie mich aber, der selbst neun Jahre von 1968 -1977 in Indonesien gelebt und gearbeitet hat, also auch ein paar Jahre zur selben Zeit wie der Autor,  bedarf es keiner Leseempfehlung für dieses Buch. Es ist eine lebendige – fast nostalgische Erinnerung an ein Indonesien, das es heute so fast nicht mehr gibt.  Einen herzlichen Dank an den Autor also, der sich die Mühe – aber sicher auch die Freude – gemacht hat, seine indonesischen Erfahrungen mit uns zu teilen. Terima kasih, Pak!

nb.  Das Buch ist ja schon 2009 erschienen, und ich hatte es schon 2010 gelesen.Die kleine Buchrezension hätte eigentlich schon längst verfasst sein müssen. Entstanden ist damals aber zunächst der Blog-Artikel  „Merdeka atau Mati“ über den indonesischen Unabhängigkeitskampf .  Inzwischen hatte ich aber das Buch verliehen und erst vor kurzem wieder in die Hand bekommen. Nach einer neuerlichen Lektüre war es mir eine Herzenssache, mich für das Lesevergnügen durch eine kleine Besprechung zu bedanken.

Oktober 2017 (KS)

 

 

 

 

HILLBILLY-ELEGIE

J.D.Vance – Hillbilly-Elegie                                                                                                                                                                                            

Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise

„Das wichtigste politische Buch des Jahres 2016“  nennt die Süddeutsche Zeitung dieses Buch, das Millionen von Lesern in den USA bewegte. Obwohl der Autor das Manuskript ja schon vor den Präsidentschaftswahlen 2016 verfasst hatte, macht seine Lektüre sehr verstehbar, wie Donald Trump  mit der populistischen Parole „Make America great again!“ gewählt werden konnte. Deprimierend realistisch wird das Milieu beschrieben, dem er seinen Wahlerfolg verdankt: das Milieu der weißen Arbeiterschicht des Mittleren Westens der USA,  dem sog . „rust belt“.

„Hillbilly-Elegie“ hat J.D.Vance sein Buch genannt. Den Begriff „Elegie“ wird man etwa mit „Klagelied“ oder „Trauerrede“ übersetzen dürfen. Mit „Hillbilly“ verband sich für mich bisher eher eine bestimmte Richtung der amerikanischen Countrymusik, von der aber hier nicht die Rede sein wird, sondern mit „Hillbilly“ bezeichnete man in Amerika  etwas abwertend Leute, die  in den Appalachen-Bergen beheimatet waren, Nachkommen ulster-schottischer Siedler, die seit dem frühen 19. Jahrhundert in diese Gegend eingewandert waren und voller Stolz  über Generationen ihre eigene Kultur bewahrt hatten. Aber  aus armen Bergbauern und Tagelöhnern waren Mitte des 20. Jahrhunderts  recht gut verdienende Fabrikarbeiter der Eisen- und Stahlindustrie in den Städten geworden, die aber spätestens Ende des Jahrhunderts im Zuge der Deindustrialisierung ihre Arbeitsplätze verloren und in prekäre Lebensverhältnisse abstürzten.

Der Untertitel von J.D.Vance  „Hillbilly-Elegie“ heißt:  Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Hillbilly-Elegie ist also das Klagelied des Hillbilly J.D.Vance, dessen persönliche Geschichte eigentlich eine Paradestory eines sozialen Aufsteigers ist, wie die USA sie so lieben. Er ist heute 32 Jahre alt, gut situierter Jurist im Finanzsektor, glücklich verheiratet und lebt in Kalifornien. Aber seine Lebensgeschichte lässt ihn nicht los. Er kann kaum begreifen, wie er dem Teufelskreis von Armut und Chaos, Hilflosigkeit und Gewalt, Drogen und Alkohol entkommen konnte, in den die Familien der Hillbillies geraten sind. Zitat: „Ich war eines dieser Kinder mit einer trostlosen Zukunft. Ich hätte mich beinahe der tiefsitzenden Wut und Verbitterung ergeben, die alle in meinem Umfeld erfasst hatte. Es ist meine wahre Lebensgeschichte  und das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Die Leute sollen wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich fast schon selbst aufgegeben hat, und warum es tatsächlich soweit kommen konnte.“

J.D.Vance ist ein begnadeter Erzähler: Sein Buch, eine bewegend ehrliche und detailreich erzählte Geschichte, voller Sympathie für die Menschen seiner Jugend und Kindheit, voller Dankbarkeit für seine Großmutter Mamaw und Großvater Papaw, deren beharrliche Zuneigung ihn wohl in den kritischen Jahren seiner Jugend vor dem Scheitern bewahrt hat. Aber auch eine sehr schonungslose Betrachtung der Schwächen dieser „Hillbilly-Gesellschaft“, die die Schuld an ihren Lebenskatastrophen – ob privat oder politisch –  immer bei den andern sucht, sich weigert, ihre Situation ehrlich zu betrachten  und nun „Erlösung“  durch politische Scharlatane wie Donald Trump erhofft.

Für alle, die ein wenig mehr von diesem uns so unbekannten Amerika erfahren wollen, ein unbedingt empfehlenswertes Buch. Fünf Sterne! Ein herzliches Dankeschön deswegen auch an meine belesene Schwester Agi, die mir das Buch schenkte. (KS)