Kategorie-Archiv: Politik

… und alles wegen der Muskatnuss!

Das Gold der Bandas   von Horst H. Geerken 

Das einladende Cover des Buches ziert ein schönes Foto einer reifen Muskatfrucht, wie sie wohl ganz wenigen Menschen in Deutschland bekannt sein dürfte: Zu sehen ist nämlich die von dem roten Macis-Netz umgebene schwarz-braune Muskatnuss, die noch in ihrem hellem Fruchtfleisch eingebettet ist. Darüber prangt der verheißungs- volle Titel des Buches: “Das Gold der Bandas”. Sollte der Leser von diesem “Gold” noch nichts gelesen haben, dann führt ihn der Untertitel auf eine etwas richtigere Spur, die allerdings noch nicht ganz verrät, worum es da wirklich geht: “Der verhängnisvolle Schatz der vergessenen Inseln, die einst Weltgeschichte schrieben”.  Welcher Schatz und welche vergessenen Inseln sind das? Ein spannender Titel für ein richtig spannendes Buch, das der Autor Horst H. Geerken 2019 seinen Lesern geschenkt hat.  

Es geht um nichts weniger als um die Geschichte der kolonialen Eroberung der Welt durch die europäischen Seefahrernationen des 16./17.  Jahr-hunderts – Portugal, Spanien, England und in unserem speziellen Fall um die Rolle Hollands (Niederlande) in Südostasien, dem heutigen Indonesien.  Und es geht ganz speziell um die Banda-Inseln – winzige Inselchen im Seegebiet der Molukken im äußersten Osten Indonesiens – und dabei um die Muskatnuss!   

Wurde  uns Schülern der 50-er Jahre im gymnasialen Geschichtsunterricht noch vor allem der ungeheure Wagemut von Seefahrern wie Christoph Columbus, Vasco da Gama oder Ferdinand Magellan gerühmt, die sich auf eine neue Geographie der Erdkugel verlassend die Entdeckung der Welt  auf ihren Schiffen in Angriff nahmen, so wurde uns doch weniger erklärt, warum sie diese Risiken wirklich auf sich nahmen, und welches die konkreten Hoffnungen und Bedingungen ihrer Finanziers waren. Es ging ja dabei um den unbekannten “Seeweg nach Indien”, auf dem dann aber 1492 durch Columbus erst einmal „Amerika“ entdeckt wurde, das er selbst ja sein leben lang für die Küste von „West-Indien“ hielt…   “Der Seeweg nach Indien” war ja aber der Weg zu den in Europa ungeheuer teuren exotischen Gewürzen, wie Pfeffer, Zimt, Kardamon und vor allem der Muskatnuss, die auf langen und nicht bekannten Handelswegen aus Asien über Venedig  an die europäischen Höfe gelangten.

Und spätestens ab da sollte man Horst Geerkens Buch in die Hand nehmen. Auf annähernd 200 Seiten der ersten Hälfte des Buches  erzählt der Autor bewundernswert informiert und detailreich die Geschichte der europäischen Eroberung der Handelswege zu diesen Gewürzen, speziell zur Muskatnuss.  

Die fatale Rolle der Muskatnuss

Diese Gewürznuss wuchs und gedieh auf Grund einzigartiger botanischer Bedingungen bis ins ausgehende 18. Jahrhundert nur auf den Banda-Inseln im heutigen Indonesien, nirgendwo anders  auf der Welt. Heute aus verschiedenen tropischen Ländern importiert, kann man sie für ein paar  Cent in jedem europäischen Supermarkt kaufen. Damals hielten die einheimischen Händler die geographische Lage dieser Inseln vor möglichen Konkurrenten geheim, bis die Portugiesen 1512 diese sagenumwobenen Inselchen doch entdeckten und von da ab als eigenständige Händler – nicht mehr über arabische oder chinesische Zwischenhändler – Muskatnüsse  direkt von den Bewohnern der Banda Inseln kauften und mit riesigen Gewinnen auf den Märkten Europas verkauften. 

Das sollte auch fast 100 Jahre so bleiben, bis englische und vor allem holländische Kaufleute die asiatischen Handelsniederlassungen der Portugiesen zu erobern begannen. 1602 wurde in Amsterdam die Vereinigung holländischer Kaufleute VOC (Vereinigte Ostindische Compagnie) gegründet.  Ihre Chefs, die Generalsgouverneure, mit nahezu unbeschränkter Vollmacht ausgerüstet, agierten als Herren über Leben und Tod in ihrem Reich in Südostasien, nur ihren Auftraggebern in Holland Rechenschaft schuldig.

Mit welcher Brutalität sie dabei agierten, zeigt das Vorgehen des Generalgouverneurs Jan Pieterszoon Coen. Um im Muskathandel mit Europa endgültig das Monopol   der VOC zu garantieren, ließ er  1623 die etwa 15000 Bewohner der Banda-Inseln durch seine Soldaten umbringen, um die Inseln dann mit europäischen Kolonisten zu besiedeln.  Importierte Sklaven aus anderen Gegenden des Archipels mussten die Arbeit in den Muskat-Plantagen übernehmen. Die grausamen Einzelheiten dieses Genozids kann man im Buch nachlesen. Die ökonomische Folge dieser brutalen Untat war für etwa 150 Jahre lang das Muskat-Monopol der VOC im Welthandel. Es garantierte den holländischen Geldgebern – Hollands reichen “Pfeffersäcken” in Amsterdam und Middelburg –  tausendfache Gewinne:  Auf Europas Märkten wurde die Muskatnuss mit Gold aufgewogen! Die armen Bandanesen mussten ihren verhängnisvollen Schatz mit dem Leben bezahlen. 

Die einzigen, die weiterhin versuchten, sich gegen das Diktat der VOC auf den Banda Inseln zu wehren, waren englische Kaufleute, die den Anspruch Englands auf die kleine Banda-Insel Run  unverdrossen  aufrecht erhielten. Im Streit um diese Insel einigte sich England und Holland im Frieden von Breda 1667 durch einen Tausch: Holland bekam die winzige Insel Run und England erhielt im Gegenzug die damals holländische Kolonie Niew Amsterdam, das heutige Manhattan New Yorks.  Und damit schrieb die winzige – heute vergessene – Banda-Insel vor 350 Jahren schon einmal Weltgeschichte. 

Die Reise zu den Bandas 2018

Leser von Horst H. Geerkens Bücher wissen ja, dass man als Leser seiner Bücher auch  immer ein Begleiter seiner persönlichen Recherchen und Erfahrungen ist.  Auch in diesem Buch nimmt er uns mit auf seine Reise zu den Banda-Inseln, seinen Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen vor Ort. Eine Fülle von Karten, Bildern, Dokumenten und Fotos belegen eine selten so engagierte Suche nach den Verbindungen zwischen der kolonialen Vergangenheit und dem heutigen Indonesien. Z.B. ist ein hochinteressantes Kapitel dem deutschen Biologen Georg Eberhard Rumpf – Rumphius genannt – gewidmet, der von 1654 bis 1702 in Ambon lebte und arbeitete, und eine gewaltige Forschungsarbeit hinterlassen hat, die inzwischen auch von den Indonesiern gewürdigt wird.

Horst Geerkens Liebe zu Indonesien, das er seit über 55 Jahren kennt und das er als eine zweite Heimat betrachtet, lässt ihn mit indonesischen Augen auf die Erfahrungen der holländischen Kolonialzeit blicken. Sein Resümee teilt den Eindruck vieler geschichtsbewusster Indonesier: Die holländische Kolonialzeit hat den Menschen Indonesiens wenig Gutes und viel Schlechtes beschert.  Das aber ist eine Erfahrung, die Indonesien mit vielen ehemaligen europäischen Kolonien in Asien, Afrika und Amerika teilt.  Das Rassismus-Problem der USA von 2020 ist ein aktuell schmerzlicher Nachhall dieser Epoche. 

Wem ist die über 400 Seiten starke Lektüre zu empfehlen?                          Fans von H.H. Geerkens Büchern brauchen ja eigentlich keine Empfehlung. Sie kennen und lieben die authentische Art des Autors von seinen indonesischen Erfahrungen und Recherchen zu berichten. Auch dieses Buch über die Reise zu den Banda-Inseln ist wieder sehr typisch und kompetent. Aber es wäre auch ein Buch für alle neuen – vielleicht sogar jungen – Leser, die etwas genauer über die fatale Rolle und das Agieren des “weißen Mannes” in der kolonialen Welt Südostasiens wissen möchten.  Fünf Sterne! (KS -2020)   

Amerikas wunderbare Jahre ?

David Talbot: Das Schachbrett des Teufels 
Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung

Wenn der Untertitel nicht unzweideutig klar machte, wovon dieses Buch handelte, dann ließe der Haupttitel fast  einen Thriller des okkulten Genres vermuten.   Aber nein, der Leser bekommt eine ungemein spannende  Dokumentation zu lesen über den allmächtigen Geheimdienst CIA und seine skrupellosen Chefs, die nach dem 2. Weltkrieg  bis in die Ära Präsident Kennedys in den 1960-er Jahren maßgeblich die Politik der USA in aller Welt bestimmten – ein Machtkartell, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für die Ermordung des Präsidenten Kennedy im November 1963 verantwortlich ist. Das Buch erzählt aus einer Zeit, die in den Erinnerungen älterer Amerikaner als Amerikas wunderbare Nachkriegsjahre gelten. Der 2. Weltkrieg war zu Ende – Amerika der Sieger an allen Fronten. Für die Jugend dieser Zeit die „Rock’nRoll-Jahre“.  Aber waren das wirklich so wunderbare Jahre?

Immer wieder musste ich bei der Lektüre dieses Buches innehalten, um deprimiert zu  verifizieren, was ich da gerade an Unglaublichem gelesen hatte.  Das Buch berichtet zu einem großen Teil über eine Zeit, die auch meine Lebenszeit (*1941 -) ist, über Ereignisse und Namen, die mir durchaus präsent sind. Über deren fatale Hintergründe und Zusammenhänge, ich aber erst durch dieses Buch schlüssig informiert wurde.

Da ist z.B. die bekannte Tatsache, dass der bundesdeutsche Nachrichtendienst BND aus dem militärischen Geheimdienst Nazideutschlands „Fremde Heere Ost“ des General Gehlen entstand. Wie das allerdings zustande kam, zu welchem Preis und unter welchen Auflagen der BND all die Jahre für die CIA funktionierte, das ist wohl wenigen Zeitgenossen klar gewesen. Überhaupt ein deprimiertes  Erstaunen des Lesers über die geheimen Verbindungen noch während des Krieges von Allen Dulles und seinem  Bruder Foster  zu Kontaktleuten in Nazideutschland. Auf Schweizer Banken gebunkertes Nazigold,  – wohl geraubtes Gold aus jüdischem Besitz oder sogar „Blutgold“  aus den KZs -, legte nach dem Krieg den finanziellen Grundstock für die geheimen Aktionen der neugegründeten CIA, mit der Allen Dulles seine eigene Sicht der Prioritäten amerikanischer Weltpolitik durchzusetzen versuchte.

 „Allen Dulles war einer der durchtriebensten Meister verborgener Machtausübung, die Amerika je hervorgebracht hat, und seine ehrgeizigsten Geheimmanöver richteten sich nicht gegen feindliche Regierungen, sondern gegen seine eigene. In Diensten zahlreicher US-Regierungen lernte er diese zu manipulieren und ihre Ziele mitunter auch zu hintertreiben.                          

Aus Sicht der Dulles-Brüder war Demokratie ein Unternehmen, das sorgfältig von den richtigen Männern gesteuert werden musste, nicht etwas, das einfach gewählten Amtsträgern überlassen bleiben durfte, denen die Öffentlichkeit ihr Vertrauen geschenkt hatte. Seit ihren frühesten Tagen an der Wall Street  – wo sie Sullivan & Cromwell führten, die mächtigste Wirtschaftskanzlei der Nation – fühlten sie sich stets an erster Stelle dem Kreis arrivierte, privilegierter Männer verpflichtet, die sie als den wahren Hort der Macht in Amerika ansahen. Obwohl Foster und Allen selbst nicht aus einer jener reichen Familien stammten, die diesen elitären Klub beherrschten, sicherten sie sie sich durch ihre Gewieftheit, ihren missionarischen Eifer und ihre mächtigen Beziehungen einen festen Platz als Führungskräfte dieser exklusiven Welt.“  (Zitat)

Nur so lassen sich die unfasslichen Unternehmen amerikanischer Außenpolitik jener Jahre erklären, in denen  z.B. 1954  im Interesse des US- Bananenunternehmens „United Fruit“ – heute unter dem Namen „Chiquita“ bekannt -, von der CIA ein Staatsstreich in Guatemala inszeniert wurde.  United Fruit  besaß 80% der Plantagen Guatemalas und  kontrollierte bis dahin auch die Regierung  in ihrem Sinne.  (Man erinnere sich an den Ausdruck „Bananenrepublik“!)  Die vom Volk gewählte Regierung  Arbenz hatte  eine Agrarreform zugunsten landloser Bauern in die Wege geleitet, die gar nicht im Sinne von United Fruit war. Das reichte, um im „vitalen Interesse Amerikas“ eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen und das Land in den folgenden Jahrzehnten unter einer Militärdiktatur in einem Albtraum von Mord und  Totschlag versinken zu lassen. Es war dies nur eine von mehreren darauf folgenden dieser skrupellosen Aktionen, mit denen die CIA unliebsame Regierungen durch inszenierte Putsche stürzte,

Es war dieser mörderischen Politmafia, die in der CIA des Allen Dulles ihre extremsten Formen annahm, –  gelungen, die wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Konzerne  als die essentiellen Interessen Amerikas und der „freien Welt“ darzustellen. Dazu reichten natürlich nicht einfach die bezahlten Revolvermänner vor Ort, sondern die weltweite Öffentlichkeit musste durch entsprechend gesteuerte Nachrichten gezielt beeinflusst werden. Allen Dulles konnte über seine Beziehungen auf hochintelligente Leute aus den prominenten Universitäten der USA zurückgreifen.  Er nannte ja seinen Dienst nicht einfach „Secret Service“, sondern Central Intelligence  Agency – Zentrale Intelligenz  Agentur.  

Die zentrale Mission, unter der sich damals seine Leute versammelten, war ein fanatischer Antikommunismus.  Das offensive Agieren des sowjetischen Regimes unter Stalin lieferte die nötige Munition, das sich in ein atomares Wettrüsten steigerte, das die Welt bei verschiedenen Gelegenheiten fast in die nukleare Katastrophe geführt  hätte. Selbst Präsident Kennedy, der eigentlich eine ganz neue Politik gegenüber der poststalinistischen Sowjetunion einleiten wollte,  musste sich  1962 in der sog. „Cubakrise“ einer  solchen katastrophalen Herausforderung stellen.

Das letzte Drittel von Talbots Buch widmet sich ausführlich dem  Kampf  zwischen der Regierung  Kennedy und den Interessen der amerikanischen Konzernvertreter  sowie der Cuba-Mafia, die sich weiterhin auf die Beziehungen des Allen Dulles verließen, obwohl dieser als CIA-Direktor längst entlassen worden war.  Nach allem, was der Leser da erfährt, ist es nicht sehr verwunderlich, dass J.F. Kennedy, der weltweit gefeierte Hoffnungsträger des jungen Amerika,  von seinen Feinden so heimtückisch ermordet wurde. Die Umstände seines Todes lassen auf ein hinterhältig geplantes Attentat schließen, dessen restliche Aufklärung bis heute verhindert wurde.                               

Die CIA gibt es bis dato immer noch. Aber sie muss sich seit längerer Zeit ihre Funktion mit anderen geheimen Diensten, wie z.B. der NSA, teilen und kann nicht mehr so eigenmächtig und unüberwacht agieren, wie sie es zu Zeiten von Allen Dulles tat. Aber wie wir seit den Veröffentlichungen des „Wistleblowers“  Edward Snowden wissen,  hat sich der Anspruch der CIA auf weltweite Überwachung von Freunden und Feinden  Amerikas nicht geändert.

Noch etwas ist aus Allen Dulles Zeiten von fataler Brisanz: Der aktuelle Konflikt der USA mit Iran, der seinen Anfang nahm, als Allen Dulles CIA 1953 im Auftrag britisch-amerikanischer Erdölinteressen den demokratisch gewählten  Präsidenten Mossadegh stürzte und den Schah Reza Pahlewi auf den Thron setzte – mit dem Erfolg, dass seit 1979 ein islamistisches Mullah- Regime die Geschicke Irans bestimmt.  Die  Details dieses folgenschweren „Regimechange“ sind im Buch nachzulesen. (Siehe auch „Irans gestohlene Demokratie“ )

Das “Schachbrett des Teufels“  ist für alle politisch interessierten Zeitgenossen  eine ungeheuer lehrreiche Lektion über die Jahre, die für die deutsche Bundesrepublik zu den Jahren des Wirtschaftswunders und der engen deutsch-amerikanischen Beziehungen zählen. Auch  „ Unsere wunderbaren Jahre“ ?                                                                                                                                         

Fünf Sterne für dieses gut zu lesende Buch und seinen Autor (KS – März 2020)

Ein Lob der Ausgrenzung

Das Debakel der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und das politische Spiel der AfD sollte ganz Deutschland klarmachen, dass es Zeit wird, zu sagen, wofür diese Republik steht, und was sie sich auf keinen Fall erlauben kann. Es verbietet ihre Geschichte: Dass eine faschistische Partei das Zünglein an der Waage spielen darf, wenn es darum geht, wer in diesem Lande regieren wird. Diese  Ansage gilt vor allem den Leuten, die glauben aus angeblich guten Gründen der AFD ihre Stimme geben zu müssen, um aus angeblich guten Gründen dem politischen System dieser Republik eine Lektion erteilen zu sollen.

Es ist einfach nicht wahr, dass man eine Partei wie die AfD nun deshalb  – genau wie alle anderen Parteien – respektieren müsse,  weil sie von einem Teil der Bevölkerung ja in die Parlamente gewählt worden sei.  Auch dann, wenn ihre Ziele und Überzeugungen die Grundwerte und den Grundkonsens dieser Republik in Frage stellt? )

Hier folgen Auszüge aus einem Artikel des SPON – Bloggers Sascha Lobo, der ad item eine sehr klarsichtige politische Analyse liefert und eine notwendige  Strategie fordert. (KS)

Ein Lob der Ausgrenzung 

Sascha Lobo

Vom Umgang mit Faschisten und ihren Wählern

„Seit Jahren beobachte ich im Netz AfD-Anhänger und ihre Umfelder: Putin-Fans und Ex-Linke, Offensiv-Rassisten und Bismarck-Jünger, vorgestrige Sexisten und Islamhasser, Antisemiten und Sozialdarwinisten, Neonazis und Hassbürgerliche, grünlich-braune Tierschützer, Radikallibertäre und viele mehr.

Die meiner Einschätzung nach größte Teilgruppe aber sind diejenigen, die sich für „bürgerliche Mitte“ halten. Sie sind natürlich nicht jene Mitte, denn die AfD ist eine rechtsextreme Partei, in der Menschenfeindlichkeit blüht. Und es spielt nicht die geringste Rolle, welche politische Überzeugung AfD-Wähler glauben zu haben, denn sie wählen Faschisten.“  …..

„Wo ein Wertekompass nicht ganz so eindeutig gepolt ist, kann ein wenig sozialer Druck eine große Hilfe sein. Weil in denjenigen AfD-Wählern, die sich für die bürgerliche Mitte halten, meist noch konservative Restempfindungen vorhanden sind, wirkt Ausgrenzung.

Ziel dieser AfD-Wähler ist es, sich nicht für ihre Wahl schämen zu müssen. Das Ziel aller Demokraten muss daher sein, ihnen klarzumachen: „Doch, ihr solltet euch schämen.“ Das funktioniert keineswegs bei jedem, aber bei der pseudobürgerlichen Möchtegernmitte eben doch“   …..

„Das, worauf es letztlich ankommt, ist die Ausgrenzung der AfD durch echte Konservative und Wirtschaftsliberale – denn sie funktioniert. Das ist weniger einfach, als man glauben möchte, denn in mancher Hinsicht ist die AfD die politische Bad Bank der CDU.Vor der Modernisierung der Union hatten rechte Positionen durchaus einen gewissen Platz in der Partei, und man kann jeden Tag dankbar sein, dass es so simpel nicht mehr ist.“

Der ganze Artilkel ist hier zu lesen:   SPON  -Sascha Lobo, 12.02.2020

Nachtrag : Und wer meint, die Berliner Republik sei nicht die von Weimar, – noch hat er ja Gottseidank Recht – der lese einmal andächtig den Artikel der ‚Frankfurter Zeitung vom 1.11.1929 „Wer wählt nationalsozialistisch?“ Es reicht ja einem beachtlichen Teil der AfD- Klientel schon, wenn sie die verfassungsmäßigen Instrumente der parlamentarischen Demokratie lächerlich und ihre Repräsentanten unglaubwürdig machen. Siehe Thüringen 2020! Eine Alternative für Deutschland ist das wahrlich nicht!

„THE WINNER TAKES IT ALL…“ ?

Nein, die Situation der Welt ist gar nicht weihnachtlich friedfertig, sondern die Zeichen der Zeit stehen auf Konfrontation und Konflikt. In Großbrittanien feiert Wahlsieger Boris Johnson sein Austrittsprojekt  aus der EU als Sieg des demokratischen Willens Großbrittaniens. Dabei bleibt aber die Frage, ob er und seine Partei wirklich  eine Mehrheit der britischen  Wähler hinter sich hat.

Beim Surfen im Netz  fiel mir ein hochinteressanter Artikel des Portals „Nachdenkseiten“ zum britischen Wahlsystem auf, das den famosen Erfolg Boris Johnsons ja erst möglich machte. Würde man das englische Mehrheitswahlrecht auf die Bundesrepublik Deutschland anwenden, dann hätte die Bundestagswahl 2017 einen brisanten „britischen“ Effekt:

Die „historische“ Labour-Niederlage und das britische Wahlsystem

von Jens Berger

Die Tagesschau bezeichnet die Niederlage von Jeremy Corbyn als „historisch“ und viele andere deutsche Medien teilen offenbar diese Ansicht. Dabei wird jedoch gerne unterschlagen, dass das Ausmaß der Niederlage vor allem eine Folge des britischen Wahlsystems ist und andere Zahlen der Deutung einer „historischen Niederlage“ klar widersprechen. Erstaunlich: Hätte Deutschland das britische Wahlsystem, würde die CDU/CSU, die bei den letzten Bundestagswahlen 32,9% der Stimmen bekam, 77% der Bundestagsmandate stellen; die FDP wäre gar nicht, die Grünen mit einer einzigen Abgeordneten vertreten. Einige Fakten zum Wahlsystem und zur Unterhauswahl von Jens Berger und ein Leserartikel von C.K. im Anhang.

Boris Johnson bezeichnete das britische System eines reinen Mehrheitswahlrechts als das demokratischste der Welt. Das ist verständlich, sind seine Tories doch diesmal die großen Profiteure dieses Systems, bei dem gemäß des Abba-Schlagers „The Winner takes it all“ nur die Gewinner der Wahlkreise in das Parlament einziehen. Wie undemokratisch dieses System jedoch eigentlich ist, zeigt ein vereinfachter Blick auf die Ergebnisse der deutschen Wahlkreise bei den letzten Bundestagswahlen. Gäbe es keine Landeslisten, über die Abgeordnete nach dem Verhältniswahlrecht in den Bundestag einziehen, sähe die heutige Sitzverteilung folgendermaßen aus:

  • CDU/CSU: 228 Sitze (77% der Sitze bei 32,9% der Stimmen)
  • SPD:            58 Sitze (20% der Sitze bei 20,5% der Stimmen)
  • Linke:           5 Sitze (1,7% der Sitze bei 9,2% der Stimmen)
  • AfD:              3 Sitze (1,0% der Sitze bei 12,6% der Stimmen)*
  • Grüne:         1 Sitz (0,3% der Sitze bei 8,9% der Stimmen)
  • FDP:             0 Sitze (0% der Sitze bei 10,7% der Stimmen)

Gemäß dem britischen System wären übrigens weder Olaf Scholz, Horst Seehofer, Heiko Maas, Christine Lambrecht, Annegret Kramp-Karrenbauer, Julia Klöckner, Franziska Giffey noch Svenja Schulze „ministrabel“, da sie entweder über gar kein Bundestagsmandat verfügen oder über eine Liste in den Bundestag einzogen.

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Dank an Jens Berger und die „Nachdenkseiten“

 

 

Deprimierend aktuell…

Nein, die Geschichte wiederholt sich nicht, darin sind sich die Historiker einig. Aber es gibt sehr wohl sich ähnelnde Prozesse historischer Entwicklungen, deren Ende nicht ohne weiteres vorhersehbar ist.

Aber wenn im Deutschland von 2019 wieder völkisch-nationalistische Töne, Ängste vor Überfremdung und Fremdenfeindlichkeit salonfähig werden, man politische Gegner bedroht oder gar ermordet,  und eine Partei, wie die AFD, sich versucht als die „wahre Stimme der besorgten Deutschen“  als  „bürgerliche Alternative“ gegen das „etablierte marode System der Altparteien“ der Republik Deutschland zu präsentieren, dann sollten in Deutschland Alarmglocken schrillen und der „deutsche Michel“ zu einer  dringlichen Geschichtsstunde verdonnert werden…

(… ich weiß leider, dass es bei so vielen Leuten nichts nützen wird – sie wollen es einfach  nicht wahrhaben, dass Hitler und seine Mörderbande NSDAP damals ganz demokratisch an die Macht kam, und die „besorgten Deutschen“  ihm mit ihrer Stimme im Wahllokal dazu verhalfen.  Selbst ein eigentlich gebildeter Mann meiner Generation, wie  Dr. jur. Alexander Gauland, entblödete sich nicht, öffentlich im Jahre 2018  zu verkünden, dass  Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ seien. Ein „Vogelschiss“ ???… von 6 Mio systematisch ermordeten jüdischen Menschen und 55 Mio Kriegstoten!)

Ein gestern in FAZ-online veröffentlichter Artikel aus dem Archiv der „Frankfurter Zeitung“ aus dem Jahr 1929 beschreibt, wie sich die (pseudo)demokratischen Anfänge der oben zitierten Katastrophe im politischen Alltag der damaligen Republik darstellten. Es scheint so deprimierend aktuell… 

Vielen Dank an FAZ-Online (KS)

 FRANKFURTER ZEITUNG – 01.11.1929

Wer wählt nationalsozialistisch?

AKTUALISIERT AM 01.11.2019- (https://www.faz.net/-i18-9rkdj)

 

Zum ersten Mal zieht die NSDAP in den badischen Landtag ein. Die Frankfurter Zeitung zieht erste Schlüsse aus dem Wahlerfolg – und glaubt derweil nicht, dass die Partei die Demokratie gefährden könnte.

Das politische Thema des Tages ist in Baden der Wahlerfolg der Nationalsozialisten und die Frage nach den Gründen für ihn. Viel ist in diesen Tagen darüber geschrieben worden, aber die Erörterung der Frage wird dadurch erschwert, dass die Ursachen für das Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen zu verschiedenartig und im einzelnen Fall zu wenig kontrollierbar sind.

Man muß zunächst übertriebene Auffassungen zurückweisen: der Kern der Wählerschaft hat an der guten demokratischen Tradition des Landes festgehalten; nur ein – allerdings ansehnlicher – Bruchteil ist der nationalsozialistischen Werbung widerstandslos erlegen, nämlich der Teil der Bauernschaft und des Bürgertums, den Kriegsende, Umwälzung und Inflation politisch aus dem Gleise geworfen und derart direktionslos gemacht haben, daß er, verstärkt durch wirtschaftlich Unzufriedene aller Art, seit zehn Jahren von Wahl zu Wahl anderen Phantomen nachjagt.

Es sind die Leute der nationalen Romantik, die die Götzendämmerung des Nationalismus noch nicht erkennen und die sich noch immer nicht zu der Erkenntnis durchgerungen haben, die Alfred Weber kürzlich etwa so formulierte: daß wir, weil wir uns unsere Stellung in der Welt nicht mit „heroischen“ Mitteln schaffen können, darauf angewiesen sind, klug zu sein.

Es sind die Leute mit dem kurzen Gedächtnis, die nicht nur die Lehre des Krieges und der Niederlage nie erfaßt haben, sondern die sich auch absolut nicht mehr daran erinnern, wie es 1923 bei uns aussah und wie ungeheure Fortschritte wir, so groß die Not breiter Volksschichten immer noch ist, seither, doch ganz unbestreitbar politisch und wirtschaftlich gemacht haben.

Es sind die Leute, die innerlich so durcheinander gebracht sind, daß sie kritiklos auf jede Hetze reagieren und jeden Schwindel glauben, der ihnen von skrupellosen Spektakelmachern vorgesetzt wird. Das Märchen vom Sklavenexport, den Deutschland im Young-Plan zugestanden haben soll, gab eine Probe davon, was alles man diesen Leuten bieten kann, ohne ausgelacht zu werden.

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Armageddon im Orient …

 

heißt das neueste in 2018 erschienene Buch von Michael Lüders. „Armageddon“ (auch „Harmagedon“) ist ein biblischer Name für den Ort der Entscheidungsschlacht zwischen den „Mächten des Guten und des Bösen“ am Ende der Welt. (Angemerkt:  Für eine nicht unbedeutende Zahl evangelikaler Christen in Amerika ist  Armageddon ein ganz reales militärisches Schlachtfeld, auf dem Gott seine treuen Christen zum Siege über ihre Feinde führen wird.)

Mit dem Titel Armageddon hat Lüders also ein recht dramatisches Ausrufezeichen gesetzt. ( Erinnert sei ein wenig an Saddam Hussiens propagierte „Mutter aller Schlachten“ im 1. Irak/Kuwaitkrieg 1990/91.) Wenn man das Buch aber gelesen hat, dann versteht man schon, welch apokalyptisches Szenario im Orient  droht. Vielleicht wäre ein Fragezeichen hinter dem Titel  angesagt? Der Untertitel gibt aber Aufschluss, worum es derzeit konkret geht: „Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt.“

Was und wer diese Saudi-Connection ist, die im Iran ihren Erzfeind sieht, das ist in diesem Buch in eindrucksvoller Weise dargestellt. Michael Lüders ist ein Garant seriöser Information über die Situation im Nahen Osten und sein Buch wird von der Kritik einmütig gelobt. Es ist de facto viel zu wenig bekannt über die unseriösen bis desaströsen „deals“, die hinter dieser „Saudi-Connection“ stecken. Das Titelbild zeigt ja, welch groteske Inszenierungen in der Ära Trump möglich sind. Sie sind aber  nur die jüngste Auflage einer schon Jahrzehnte dauernden folgenreichen Geschäftsbeziehung zwischen USA und Saudi-Arabien.

Derzeit unter der Regierung Trump geht es um einen sog. „Regime-Change“ im Iran, bei der die Falken unter Trumps Beratern auch eine militärische Interrvention nicht aussschließen. Sicherheitschef John Bolton 2017: „Erklärtes Ziel der USA sollte es sein, das Mullah-Regime in Teheran zu stürzen…“ Und Außenminister Mike Pompeo: „Muslime verabscheuen Christen. Sie werden Druck ausüben, solange wir nicht beten, vereint sind und kämpfen. Solange wir uns nicht vor Augen führen, dass Jesus Christus unser Erlöser ist und die einzige Lösung für unsere Welt bereit hält.“ ( Und dieser Jesus Christus ist dann sicherlich ein republikanischer US-Amerikaner mit  ausgezeichneten Geschäftsbeziehungen zu wahabitischen Prinzen der saudischen Erdölindustrie!!! Sorry, der Tritt gegen das Schienbein dieses unsäglichen Politpromis musste sein. KS)

Über die fatale Politik der USA und mit ihr des Westens siehe auch ein Interview aus 2015 mit Michael Lüders in diesem Blog: „Die ewige Doppelmoral des Westens“ und auch das bittere Resümee Robert Kennedys (jr) „Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“

Neu für uns Leser von 2018/19 sind Lüders Recherchen über die Rolle des Trump- Schwiegersohnes Jared Kushner im Zusammenspiel mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS) und israelischen Hardlinern, sowie Informationen über den furchtbaren Krieg im Jemen, über den hier in den Medien kaum etwas bekannt ist.

Anstelle einer ausführlicheren Rezension zu diesem Buch, hier der Link zu  einem exzellenten Interview im YouTube-Kanal „Jung & naiv“ mit dem Moderator Tilo Jung,  „Armageddon im Orient“, in dem Michael Lüders sich von Tilo Jung befragen lässt. Must see!

Unbedingte Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses Buch. (KS – 08-2019)

Die Wiege des Islam

Glen W. Bowersock:

Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen

Wenn man unter Wiege die frühe Umgebung verstehen will, in die ein kleiner Erdenbürger eingebettet ist, dann hat das Buch einen passenden Titel. Es geht ihm nämlich nicht in erster Linie um die Religion des Islam und seines Propheten Mohammed, sondern um die sozio-kulturelle Umgebung, in der der Islam entstand.

In der Überzeugung der großen Mehrheit der Muslime ist diese  Umgebung vor allem eine feindliche. Ob es nun die heidnischen Mekkaner, die Juden oder die Christen sind, immer sind es Leute und Überzeugungen, gegen die der Prophet Mohammed seine Berufung und seine Botschaft durchsetzen musste.

Das kann man durchaus auch so sehen, wenn man eben nur die durch den Islam sanktionierte Geschichtstradition gelten lassen will, nach der eben der Prophet ab dem Jahre 610 n.Chr. seine Offenbarungen empfangen hat, die im Koran niedergeschrieben sind.  Sie sind direkte und einzigartige Weisungen Gottes an die Welt, die keiner Voraussetzungen bedürfen. Also auch keiner Forschung, inwiefern die im Islam gültigen Lehren ihre eventuellen geschichtlichen Voraussetzungen im Judentum oder Christentum haben.

Für den westlichen Historiker eine ausgemachte Sache: So sehr  man auch die Originalität einer neuen Bewegung schätzen mag, nichts in der Kultur- und Religionsgeschichte entsteht voraussetzungslos. In unserem Fall: welche sozio-kulturellen und religiösen Erfahrungen haben  vermutlich den jungen Mohammed geprägt, bevor er zum Propheten des Islam  berufen wurde?

Oder welche  Bedeutung haben  politischen und kulturellen Großmächte jener Zeit Byzanz, Syrien und Persien für die Ausbreitung des Islam?  Weithin unbekannt die Rolle der christlichen Äthiopier, die unter einem König Abraha in der Region des heutigen Jemen das christliche Königreich Himyar mit der Hauptstadt Sanaa errichteten, das bis kurz vor Mohammeds Geburt im Jahre 570 n.Chr. entscheidenden Einfluss in Südarabien hatte. Anlass für die Intervention der Äthiopier auf der arabischen Halbinsel  war das Blutbad von Nadschraf, das zum Judentum konvertierte Araber an der dortigen Christengemeinde angerichtet hatten.

Dieses und vieles mehr gibt uns Bowersock zu lesen, und wir verstehen, dass dieses Südarabien, in dem der Islam entstand, nicht einfach eine  geschichtslose Wüstenregion war, in der vor allem Händler mit ihren Kamelkarawanen von Oase zu Oase wanderten, sondern eine Region, in der die prägenden kulturellen Kräfte jener Zeit sehr präsent waren.

Fazit

Ein hochinteressantes Buch für alle Leser, die sich bisher mit dem kulturell-politischen Umfeld der Entstehungszeit  des Islam nicht so sehr beschäftigt hatten. Eine kleine Kritik, die die Bedeutung des Buches nicht schmälert, sei mir aber erlaubt:  man muss sich in den einzelnen Kapiteln des Öfteren mit Wiederholungen abfinden, in denen der Autor Zusammenfassungen aus früheren Kapiteln zitiert. (Frage: Waren die Kapitel eventuell früher einmal Vorlesungen oder Vorträge? Dort machen solche Rückgriffe ja Sinn.)

Eine andere Frage ist mir aber durch den Autor zu wenig beantwortet. Was waren das für christliche Gemeinden in Arabien? Wir lesen von miaphysitischen (monophysitischen) Christen z. B. den Äthiopiern, oder auch persischen Nestorianern, für die Jesus nur eine göttliche Natur habe.  Auch gab es sicher  byzantinische Christengemeinden, die das chalzedonensische Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit bekannten .  Aber gab es denn nicht auch noch judenchristliche Gemeinden, für die Jesus  zwar der von Gott gesandte Prophet und Messias war, aber eben nicht Gott selbst als zweite Person der Dreifaltigkeit?

Diese Judenchristen  wurden ja sowohl von den orthodoxen Juden als auch von den anderen Christen abgelehnt und angefeindet. Ihre theologische Position passt  jedoch sehr  genau zu Mohammeds Überzeugungen bezüglich Jesus und Maria oder der Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften, Beschneidung, Thora usw. Dass Mohammed letztlich aber auch von ihnen nicht anerkannt werden konnte, hat wahrscheinlich mit seinem Anspruch zu tun, selbst „Das Siegel der Propheten“ zu sein, ursprünglich ein Würdetitel Jesu. Man wüsste gerne mehr…                                                    aber doch vier Sterne für das Buch. (KS 08-2019)

Andrea Böhms „Mappa mundi“

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung                                                             Eine Erkundung auf vier Kontinenten                                                                                             

 Dass Andrea Böhm eine unglaublich unerschrockene Reisende  ist und dazu auch noch wunderbar spannend erzählen kann, das konnten ihre Leser schon  in ihrem 2013 erschienenen Buch „Gott und die Krokodile“ erfahren, in dem sie von ihrer abenteuerlichen Reise durch den Kongo berichtet, wo sie alleine auf sich gestellt in die gefährlichen Gegenden des östlichen Kongo reiste, wo es für westliche Journalisten keine Sicherheitsgarantien gibt, wenn man wissen und berichten will, wie und von was die Menschen im Herzen Afrikas leben.   (Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben: Must read!)                                 

Nun hat sie 2017 ein neues Buch veröffentlicht, das von den Erfahrungen und Erkenntnissen neuer Reisen berichtet, die die Autorin  an Orten der Welt gemacht hat, von denen man wenig Verlässliches lesen kann. Als Korrespondentin großer Zeitungen wie der taz, GEO und ZEIT mit längerem Aufenthalt  in den USA glaubte sie die Welt eigentlich recht gut zu kennen. Verstärkt durch den Wohnungswechsel nach Beirut zweifelt sie aber immer mehr, ob ihre Sicht der Welt dem wahren Zustand der Welt entspreche. Dem will sie auf die Spur kommen.

Inspiriert wird sie durch eine historische Weltkarte, die  Fra Mauro, ein venezianischer Kamaldulensermönch, etwa um 1450 zeichnete und mit Informationen beschriftete. Seine Mappa mundi –  seine Weltkarte.  Sie enthält das aktuellste Wissen jener Zeit über die Geographie der Erde, wie man sie damals sah. Auch wenn Amerika noch nicht entdeckt  und deshalb nicht eingezeichnet war, so unterscheidet sie sich doch sehr von den damaligen Weltkarten. Nur gewissenhaft verbürgte Fakten und Erkenntnisse sollten in seiner Mappa mundi festgehalten werden. Keine Mythen und Legenden. So machte er entgegen der damals üblichen religiösen Vorstellung  z.B. nicht Jerusalem  zum Zentrum der Welt, sondern verortete es in das muslimische Bagdad. 

Auf dieser Weltkarte des Fra Mauro entdeckt Andrea Böhm Städte und Reiche, die es zwar heute noch gibt – damals sagenhaft reich und  attraktiv, heute aber für eher bedeutungslos gehalten, im Westen höchstens als humanitäre Katastrophengebiete erwähnt werden. Was aus ihnen geworden ist, das will sie persönlich erkunden.

Von Venedig, dem führenden „global player“  im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts, geht es nach Mogadischu in Somalia, einem ehemals bedeutenden Handelszentrum am Horn von Afrika am Indischen Ozean – heute ein fast symbolischer Name für eine „No go-area“ für westliche Besucher. Von dort aus nach Somaliland, einem Land, das es angeblich gar nicht gibt, und vom Rest der Welt auch nicht anerkannt wird. Weiter geht es nach Guangzhou, dem alten Kanton am Perlfluss in Südchina, dem historischen Handelshafen Europas mit China, das heute seine eigene Weltkarte zeichnet. Danach besucht die Autorin Bagdad, dem einstigen Mittelpunkt der Welt und nach Basra im Süden des Irak ins Flussdelta des Euphrat, wo die  Bibel das Paradies vermutete. Danach unter dem Titel Mare nostrum eindringliche Erfahrungen in den Städten des östlichen Mittelmeeres in Tyros, Sidon, Haifa, Ghaza und Alexandria. Und am Ende eine Erkundung einer Gegend am Ostrand Deutschlands, die sich Nowa Amerika nennt und den meisten Deutschen wohl ganz unbekannt sein dürfte.

Eindringliche  persönliche Erinnerungen und Kontakte der Autorin schildern Leben und Überleben von Menschen an diesen Orten im 21. Jahrhundert. Wer hätte zum Beispiel von uns gewusst, dass es in der Millionenmetropole Guanzhou in China ein eigenes Afrikanerviertel gibt, in dem respektable Geschäftsleute aus dem Senegal oder Nigeria  ihre Firmen in China  vertreten – eine Geschäftswelt, in der Europa und Amerika keine Rolle mehr spielen.

Der Leser wird sich  auch die Augen reiben über die Fülle historischer Daten und Fakten, die die Autorin  über die Geschichte und Bedeutung der besuchten Orte zusammengetragen hat, und die vielleicht die persönliche Weltanschauung ihrer Leser  um sehr wichtige Zusammenhänge bereichern wird.

Fazit

Fünf Sterne für ein äußerst lesenswertes Buch, dem man allerdings – und das ist meine einzige Kritik – einen attraktiveren Titel auf einem attraktiveren Cover gegönnt hätte. Auch wenn man  die provokante These vom Ende der westlichen Weltordnung als Andrea Böhms persönliches Resümee  ihrer Reiseerfahrungen teilen wird, so entspricht dieser dürre, fast akademische Titel doch nicht dem überaus lebendig erzählten  Lesestoff.

Authentische Berichte wie diese von  Orten einer Welt, über die wir in der Regel nur aus dem Blickwinkel westlicher Interessen etwas erfahren, sind so notwendig.  Nur wenn es uns gelingt, zu erfahren, wie die Menschen vor Ort über ihre Lage denken, werden wir eventuell verstehen, warum sich die Welt so verändert, wie sie das derzeit tut und eigentlich immer getan hat. Andrea Böhms Reisenotizen lassen etwas davon  ahnen.            (KS 07-2019)

Deutschland musste mit Gewalt befreit werden…

Gedenktage sind oft unangenehme Pflichttermine, besonders dann, wenn sie uns Deutsche zwingen, uns an die beschämendste Zeit unserer nationalen Geschichte zu erinnern. Und besonders lästig dann, wenn man versucht, wie der Vorsitzende der AfD Gauland es tat, die NS-Zeit als „Vogelschiss in der großen deutschen Geschichte“ darzustellen und zugleich an nationale Gefühle und Vorstellungen zu appellieren, die notwendig seien, um  den globalen Krisen der heutigen Zeit begegnen zu können. Ein fatales Signal!

Es ist hoch an der Zeit, Reden wie die des Historikers Götz Aly, die er vor einigen Tagen in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag gehalten hat, sehr aufmerksam zu lesen, um sich wieder klar zu machen,  welch humanitäre Mega-Katastrophe diese NS-Zeit für uns Deutsche und Millionen Menschen in Europa war und ist. 

„Eine Rede von erhabener Sachlichkeit, Anschaulichkeit und Entschiedenheit“ hat sie der WELT-Korrespondent Robin Alexander bezeichnet. Vielleicht brauchen wir häufiger Reden von dieser Qualität. (KS 2019)

Götz Aly: 

Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 

Wir haben uns versammelt, um an den 27. Januar 1945 zu erinnern – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.  Erst in der Nacht zuvor hatten SS-Truppen das letzte der vier aus Erfurt gelieferten Großkrematorien gesprengt; eines war im Oktober 1944 bei einem Aufstand des „Sonderkommandos“ zur Leichen-verbrennung zerstört, die beiden anderen waren bereits im Dezember zerlegt und Richtung Mauthausen verfrachtet worden. Dort, am Rand der geplanten Alpenfestung, sollte unter dem Codewort „Neu-Auschwitz“ ein gleichwertiges Vernichtungslager entstehen. Bis Ende 1944 waren in Auschwitz eine Million Menschen ermordet worden, die allermeisten, weil sie Juden waren.

Am 27. Januar vor 74 Jahren verharrten noch etwa 7000 von den geflüchteten Wachmannschaften zurückgelassene, extrem geschwächte Häftlinge im Lager. Nach Gefechten mit Wehrmachtsverbänden erreichten zwei vermummte Soldaten das Tor von Auschwitz-Birkenau um 15.00 Uhr. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Soldaten per Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“

Am 15. April rückten britische Truppen auf das Konzentrationslager Bergen-Belsen vor. Auch dort waren die deutschen Bewacher jäh verschwunden. Wie die ungarische Jüdin Lilly Weiss bezeugte, die als einzige ihrer großen Familie überlebte, herrschte unter den Häftlingen äußerste Spannung. Man hörte Schüsse und Kanonendonner – bis plötzlich aus einem Lautsprecher diese Sätze erschollen: „Hier sind die Soldaten der Britischen Armee! Ihr seid frei! Ab morgen gibt es Lebensmittel. Die Kranken werden versorgt, die Gesunden kommen in Quarantäne. Sie können nach Hause. Keine Panik! Jeder bleibt an seinem Platz! Bergen-Belsen ist befreit!“

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Text als Veröffentlichung der „Berliner Zeitung“ – Vielen Dank.

Die Tragödie von Chinas „Reich des Himmlischen Friedens“

Gott der Barbaren von Stephan Thome

Der Roman hätte das Zeug zu einem absoluten Abenteurer-Roman des Phantasy-Genres, wenn er nicht in einem sehr bestimmten  historischen Zeitrahmen im  China des 19. Jahrhunderts spielen würde, und einige Protagonisten des Romans de facto historisch bedeutsame Akteure dieser Zeit wären, die  unter dem Namen „Taiping-Rebellion“ bekannt ist. Das gibt dem Roman seine besondere Bedeutung.

Aber wer – außer einigen Spezialisten der chinesischen Geschichte – weiß denn, dass es in China zwischen 1850 und 1864 eine von schwärmerisch evangelikalen Christen angeführte Rebellion gab, deren revolutionär-kriegerischer Elan kurz davor stand, die alte mandschurische Qing-Dynastie zu stürzen, ganz China zu erobern und in einen „christlichen“ Gottesstaat zu verwandeln?

Der Gott der Barbaren ist der christliche Gott, der von den Chinesen nicht wegen seiner blutrünstigen Befehle barbarisch genannt wird, sondern weil er ein ausländischer Import-Gott ist und die geheiligte konfuzianische Gesellschaftsordnung vernichten will.

Dass davon in europäischer Wahrnehmung so wenig bekannt ist, hat  wahrscheinlich auch mit dem katastrophalen Scheitern dieser Revolution zu tun, die doch zwischen 20 bis  40 Millionen Menschen das Leben kostete – das blutigste Massaker des 19. Jahrhunderts war und erst durch die Massenmorde des 20. Jahrhunderts fatal überboten wurde.  Es gibt nicht sehr viel authentisches Material darüber, da die Sieger versuchten, alle Erinnerung an diesen Aufstand durch die Vernichtung aller Dokumente darüber auszulöschen.

Dass die Revolution des „Taiping Tianguo“ („Das Himmlische Reich des ewigen Friedens“) damals scheiterte, die alte  Mandschu-Dynastie noch bis in die 1920-er Jahre weiter regieren konnte, war nicht zuletzt dem Agieren der europäischen Kolonialmächte, vor allem Englands, zu verdanken, das in den zwei sog. Opiumkriegen seine kolonialen Ambitionen in China mit seinen modernen Waffen militärisch durchzusetzen wusste, und damit in China die „100 Jahre der Schande“ einleitete, wie die Kommunistische Partei der Volksrepublik China diese Phase der chinesischen Geschichte heute nennt.

Übrigens bewertet die KP Chinas heute die Taiping-Rebellion von damals  als gescheiterten Vorläufer der wahren sozialen Revolution durch die KP Mao Tse Dongs.  Das Taiping-Programm war in großen Teilen auch revolutionär: Zerstörung der konfuzianisch-taoistischen begründeten Tradition und Gesellschaftsordnung, Abschaffung des Privateigentums, Enteignung der Großgrundbesitzer und Landverteilung an die landlosen Bauern,  Gleichheit von Mann und Frau im Alltag bis hin zum Militärdienst, Verbot des Zopftragens der Männer, das  den Männern  von den Mandschu-Herren  unter Androhung der Todesstrafe befohlen worden war. Da die Taiping-Männer das Haar offen trugen, wurden sie von ihren Gegnern als „Die Langhaarigen“ bezeichnet. Frauen durften die Füße nicht mehr zu „Lotus-Füßen“ zusammen gebunden werden.

Das alles sollte man eigentlich wissen, bevor man mit der Lektüre dieses 700 Seiten starken Romans  beginnt. Auch wenn es zwei Landkarten im Buch gibt, tut es gut, die Geographie Chinas im Kopf zu haben, um sich in etwa ein Bild davon zu machen, von  welchen Städten, Provinzen und Flüssen im Roman die Rede ist, in denen sich die Dramen der Erzählung ereignen.

Auf jeder Seite des Buches ist zu spüren, dass der Autor Stephan Thome – ein studierter Sinologe -, sich vor Ort seine Romanbühne sehr genau angesehen hat. Das Spiel zwischen historischer Realität und der fiktiven Handlung macht den Reiz dieses hochinteressanten Romans aus, der natürlich nicht einfach eine Reportage der oben genannten Fakten sein will, sondern sehr viel tiefer verstehen will, was in den Herzen und Gedanken der Akteure aus Ost und West in dieser brisanten Phase der chinesischen Geschichte vor sich ging.

Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure, deren Schicksal und Agieren im Roman miteinander verwoben wird, lässt erahnen, auf wie vielen Ebenen sich das Drama abspielen wird.                                                                                                                    (Die mit (*)markierten Namen sind vom Autor erdachte Personen. Alle anderen und viele mehr sind historisch dokumentiert.)

Die Taiping-Rebellen

  • Hong Xiuquan, Titel „Himmlischer König“, ehemaliger Dorflehrer, Angehöriger des Hakkavolkes im Süden Chinas, charismatischer Anführer der Aufständischen, der sich als jüngerer Bruder Jesu durch eine Vision von Gott Vater beauftragt fühlt, China von den ungerechten Zuständen der Mandschu-Herrschaft zu befreien und in ein Reich des Gottesfriedens zu verwandeln.Entwickelt sich vom glühenden Messias der kleinen Leute zum orientalischen Sektendespot, dessen Verhalten den Tod Hunderttausender Anhänger provoziert. Stirbt 1864 bei der Eroberung Nankings durch Gift oder Selbstmord.
  • Hong Rengan, auch Hong Jin genannt, Vetter Hong Xiuquans. In Hongkong von englischen Missionaren getaufter Christ, und Sekretär von Rev. James Legge, dem Leiter der London Missionary Society, ein von revolutionären Ideen für ein modernes China nach europäischem Vorbild begeisterter Mann, der in der Taiping-Rebellion die Chance für  seine Träume gekommen sieht und sich den Taipings anschließt.  Sehr effektiver Organisator des Taiping-Reiches. Nach der Eroberung Nankings durch die Hunan-Armee hingerichtet.
  • Huang Shushua (*), chinesisches Mädchen, aus dessen Tagebuch wir erfahren, wie sehr sie als Frau von der neuen Freiheit der Taiping-Revolution begeistert ist und wie katastrophal für sie persönlich deren Scheitern ist.

Die Ausländer:

  • Philipp Johann Neukamp, *) chinesischer Name Fei Lipu ehemaliger Mitstreiter der Revolution von 1848 in Deutschland und Missionar der Basler Missionsgesellschaft in Hongkong, , engster Freund von Hong Jin, der ihn eingeladen hat,  nach Nanking, der Hauptstadt der Taiping zu kommen. Die  Erlebnisse dieser Reise bilden den Haupterzählstrang des Buches.
  • Alonzo Potter *), amerikanischer Abenteurer und Reisegefährte Neukamps
  • Karl Gützlaff, freievangelischer Chinamissionar, Bibelübersetzer, Diplomat und Betrüger                                                                                                                                        –
  • Lord Elgin, Sonderbotschafter der  englischen Königin Victoria, Verantwortlicher im 2. Opiumkrieg für die Eroberung Pekings und die Zerstörung des berühmten kaiserlichen Sommerpalastes. Symbolfigur des kolonialen Selbstverständnisses der europäischen, speziell der britischen Ambitionen.
  • Robert Taylor Maddox *), Lord Elgins persönlicher Sekretär und Chinaexperte. Als Geisel von Qing- Soldaten gefoltert und getötet.

Die Hunan-Armee

  • Zeng Guofan, Gelehrter und kaiserlicher Beamter, Angehöriger der Han-Bevölkerung Zentralchinas, Oberbefehlshaber der Hunan-Armee, dem 1864 mit der Eroberung Nankings die Niederschlagung der Taiping-Rebellion gelang.
  • Li Hongshan, alias Shan Quan. Schüler von Zeng Guofan, General und Organisator einer militärischen Zusammenarbeit mit britischem Militär zur Modernisierung der Bewaffnung der Hunan-Armee. (In späteren Zeiten als Vizekönig auch auf Besuch in Deutschland.)

Die Qing-Dynastie (das offizielle China)

  • Prinz Gong, Halbbruder des Xianfeng-Kaisers, Gegenspieler und Verhandlungspartner Lord Elgins, Vertrauter der Kaiserinwitwe Ci Xi und eigentlicher Regent Chinas der späten Qingzeit.                      –
  • Ci XI, Kaiserin-Witwe, Konkubine des Xianfengkaisers und Mutter des minderjährigen Thronfolgers Tongzhi

Über viele Seiten hinweg ist das Buch spannend und auch richtig lehrreich. Stephan Thome ist ein Meister der Sprache. Aber seinem Leser wird bei der Lektüre auch einiges zugemutet. Detaillierte Schilderungen der erbarmungslos grausamen Kriegspraxis im damaligen China werden sensiblen Gemütern vielleicht nicht besonders zusagen. Auch die manchmal endlos langen Gespräche, Gedanken und Erinnerungen Lord Elgins oder auf chinesischer Seite auch  die des Generals Zeng Guofan strapazieren gelegentlich die Leselust.  Aber sie alle dienen der möglichst treuen Begegnung  mit den Ereignissen im China des 19. Jahrhunderts.

Dem Autor gebührt das Verdienst, mit seinem Roman  heute über die aktuellen politisch wirtschaftlichen Probleme hinaus,  die Aufmerksamkeit auf den gewaltigen Konflikt zwischen der chinesisch dominierten Kulturgeschichte Asiens und dem Selbstverständnis des europäisch geprägten Westens gelenkt zu haben, der heute mit dem chinesischen Projekt der neuen Seidenstraße in eine neue Phase getreten ist. Auch werden uns die monströsen Fakten der Mao Tse Dong Ära und der der sog. „Kulturrevolution“ von 1966 erklärlicher.  Auch  die nervös brutale Reaktion der KP Chinas auf religiöse Bewegungen wie z.B. die der Faling Gong.

Trotz der obigen Einschränkung  5 Sterne für das Buch und vielen Dank an Werner und Mechthild, die mir dieses Buch ausgewählt und zu Weihnachten geschenkt haben.           (KS 2019)

Anmerkungen zum Buch:

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor ist hier zu lesen.                                  Rezensionen des Buches finden sich in den Stuttgarter Nachrichten und der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel: „Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß.“

Informationen  zum „Taiping – Aufstand“

DIE ZEIT 2010  Martin Herzog: Gottes zweiter Sohn – Der Taiping Aufstand

­­­­http://www.bauernkriege.de/taiping1851.html

http://www.kriegsreisende.de/imperialismus/taiping.htm

https://heimdallwardablog.wordpress.com/2017/11/23/der-taiping-aufstand-christentum-auf-chinesisch-und-der-himmlische-koenig/

Historisches Museum „Himmlisches Königreich der Taiping“ in Nanking