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Erlebtes Indonesien – von 1964 bis 2014

Annette Bräker und Horst H. Geerken

Indonesien – Gestern und Heute      

„Reiseberichte der anderen Art“, heißt der Untertitel  von 12 Reisen im Laufe von 50 Jahren durch den indonesischen Archipel. Von Sumatra bis Papua-Neuguinea, nach Sulawesi ,nach Sumba und Kalimantan, bedeutende Ziele im Reich der 13000 Inseln, die aber von ganz wenigen Indonesienreisenden  besucht werden. Auch für Annette Bräker und Horst Geerken, die beiden Autoren des Buches, waren es außergewöhnliche Reiseziele. Ihre besondere Liebe und Aufmerksamkeit jedoch gilt den Inseln Java und Bali, mit denen sich auch die meisten Erinnerungen verknüpfen. Besonders aber an Bali, der Insel, die den beiden in den vergangenen Jahren wie eine zweite Heimat wurde.

Der Reiz des Buches liegt zum einen in dem großen Zeitbogen von 50 Jahren, aus dem diese authentischen Reiseerzählungen stammen, und  die zugleich fast dokumentarisch  über das sich so schnell verändernde  Indonesien berichten:  Siehe den Titel des Buches: Indonesien, Gestern und heute. Zum andern profitiert das Buch von den langjährigen persönlichen Begegnungen und Freundschaften mit indonesischen Freunden, der detaillierten Kenntnis von Sitte, Religion und Kultur dieses exotischen Landes. Der größte Teil der Reiseerinnerungen stammt aus Annettes Feder, die durch Horst Geerkens Schilderungen und Fotos komplettiert werden.

Was wäre aber das alles ohne die interessanten privaten Stories, die der Leser mit bekommt! Vom Flugbetrieb und Fluggästen vor 40  Jahren, vom Besuch  an Sukarnos Grab und seinem Arbeitszimmer im  Tugu-Hotel in Blitar,  von guten und schlechten  Hotels in Java, von Annettes Toilettenproblemen 1987 an den Bushaltestationen in Sumatra, vom Treffen mit alten Freunden, aber auch von lästigen und unerfreulichen Mitreisenden, von lebensgefährlichen Abenteuern 2001 in Kalimantan, vom Urlaubsdomizil bei den Redemptoristenpatres in Sumba, von einer Seereise als 1.Klasse-Passagiere auf einem PELNI-Schiff von Bali bis Jayapura, vom Schacher um gefälschte Bilder von Walter Spieß in Bali, von der er geliebten Ferienwohnung in Ubud, sowie  den Freuden und Kummer der Hausangestellten, vom Hausfrosch in der Urlaubsvilla, der nicht mehr quaken wollte, von Horsts Problemen mit Miet-Autos auf Bali oder von Annettes Salsa-Tanzleidenschaft, der sie in den beiden letzten Jahren ihres Lebens nicht mehr richtig frönen konnte, als auch ihrem tapferen Leben mit ihrer tödlichen Krankheit auch im geliebten Ambiente Balis.

Ironisch bis sarkastisch Annettes Reserve gegenüber dem zunehmenden Boom von  Touristen , der Bali zu überrennen droht und an Balis Kultur und Religion keinen Deut interessiert  scheint, an amerikanischen und australischen Heilern und Gurus, die in Bali eine ertragreiche Nachfolgeadresse für Bhagwans  heimatlos gewordene Nachkommen aus Poona entdeckt haben, und mit ihren Festivals und Kursen heilsuchenden Schülern das letzte Geld aus der Tasche ziehen.

Gerade in ihren letzten Urlaubsmonaten2014  in Bali beschreibt sie – ungeachtet ihrer persönlichen Krankheit – die Sorge um die Zukunft ihres geliebten Bali, ob die Insel im Erfolg des Tourismus und der javanischen Geschäftsleute, der zunehmenden Islamisierung Indonesiens,  ihren Charme und ihre Seele behalten kann. Fast nebenbei – ohne dozierende Attitüde –  lässt Annette in die Erzählungen aus ihrem balinesischen Alltag – aus dem „Nähkästchen“ ihrer Profession als vergleichende Religionswissenschaftlerin –  höchst informative Anmerkungen über Religion und Kultur Balis einfließen, die zeigen, wie eng sie sich diesem Kulturkreis verbunden fühlte. Wie wir aus dem Nachwort von Horst Geerken erfahren, wurde – Annettes Wunsch entsprechend – nach ihrem Tod 2015 ihre Asche nach Bali verbracht und im heiligen Fluss  Campuhan in der Nähe von Tampaksiring verstreut.

Wem ist die Lektüre zu empfehlen? Sicherlich allen Lesern, die Indonesien aus einer unmittelbar persönlichen Erfahrung erleben wollen, die zugleich ein Dokument einer großen Liebe und Zuneigung zu diesem Land, aber auch eine berührende Liebesgeschichte der beiden Autoren zu einander ist.

Für jemanden  wie mich, der Indonesien seit 1968 kennt, war das Buch natürlich eine unwiderstehliche Einladung zum Lesen, nachdem mir kurz davor Horst Geerkens „Ruf des Gecko“ wieder in die Finger gekommen war. Ich habe „Indonesien – Gestern und Heute“ in einem Rutsch gelesen. Ein posthumes herzliches „Terima kasih!“ an die leider 2015 schon verstorbene Annette Bräker, die uns Leser literarisch so nah an ihren Reisen und indonesischen Erfahrungen teilhaben ließ. Dank aber auch an Horst Geerken, ohne den diese so lebendigen Erinnerungen wohl für immer in einer Nachlassschublade verschwunden wären.

(KS) Oktober 2017

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Toke‘, Toke‘!

DER RUF DES GECKOS  –  Horst H. Geerken

Können Geckos rufen – wie es der Titel dieses hochinteressanten Buches unterstellt? Ja, müssen wir sagen: Der indonesischen Vertreter dieser Gattung schon, der „Tokek“ – der große Mauergecko, der abends und nachts in den Häusern und Hütten sein unüberhörbares  tiefes Toke‘ ertönen lässt  und dem viele Indonesier magische Kraft zuschreiben: Man zählt aufmerksam, wie oft sein Toke‘ zu hören ist und erfährt dann, ob einem Glück beschert sein wird. Allerdings muss das Toke‘ mindestens siebenmal – am besten aber – neunmal zu hören sein. Soll man so etwas ernst nehmen? Horst Geerken und seiner Familie hat der oft gehörte 9-malige Ruf des Geckos – sowohl privat als auch geschäftlich -18  glückliche Jahre in Indonesien gebracht.

Dabei begann seine Zeit in Jakarta als Geschäftsträger der deutschen Firma AEG –TELEFUNKEN im Jahre 1963 – die bis 1981 währen sollte,  zu einer Zeit, in der Indonesien unter seinem Präsidenten Sukarno auf ein politisch-ökonomisches Desaster zusteuerte, das 1965 mit dem Putsch-Massaker des General Suharto seinen Tiefpunkt erreichte. Horst Geerken hat diese Zeit hautnah erlebt.  Sein Buch erzählt detailreich, welch schwierige Verhältnisse des täglichen Lebens damals selbst für ein Mitglied der deutschen Geschäfts-Community  zu bewältigen waren. Aber auch welch interessante Aufgaben und Begegnungen der junge Geschäftsmann – Horst Geerken war damals gerade 30 Jahre alt – erleben konnte. Er hat im Laufe der Jahre neben vielen Persönlichkeiten  der deutschen Politik und Wirtschaft und der deutschen Botschaft in Indonesien  z.B. auch den damaligen Präsidenten Sukarno persönlich kennen und schätzen gelernt.

Was aber den besonderen Charme dieses Buches ausmacht, ist die Sympathie  für Indonesiens Menschen, ihre  Kultur und Geschichte, der des Autors engagiertes Interesse gilt. Nicht eben selbstverständlich für einen Ingenieur der Nachrichtentechnik! Über  fünfzig Seiten widmet das Buch der Geschichte des Landes, das 350 Jahre eine holländische Kolonie war und seine Unabhängigkeit letztendlich in einem fast fünfjährigen Krieg gegen Holland erkämpfen musste. Sehr gut auch die engagierte Sympathie des Autors für die Rolle Sukarnos, des ersten Präsidenten  Indonesiens, ohne den ein Indonesia Merdeka – ein freies Indonesien, wohl nicht vorstellbar wäre. Schonungslos dokumentiert der Autor auch die Grausamkeiten des kolonialen Terrorregimes als blutige Antwort auf die indonesischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1945 – Fakten, von denen in Europa wenig zu lesen war und die für Holland noch immer ein sehr unpopuläres Kapitel seiner jüngsten Geschichte sind.

Ebenso aufschlussreich Geerkens Schilderung der Rolle der USA für das unabhängige Indonesien. Die anfängliche Unterstützung, dann aber die wiederholten Versuche der CIA den Präsidenten Sukarno durch Attentate zu ermorden  und  schließlich  die maßgebliche Rolle der CIA beim Putsch des General Suharto und dem Massenmord von 1965/66 an hunderttausenden Menschen – ein Trauma, unter dem auch noch das heutige Indonesien leidet.

Neben diesem wichtigen Exkurs in die Geschichte, von der man auch als kurzweiliger Indonesienbesucher ein wenig wissen sollte, sind es vor allem die kenntnisreichen, oft  sehr amüsanten Erlebnisse und Anekdoten aus dem Leben und den Erfahrungen des langjährigen „Expats“ H. Geerken, dem Indonesien – wie er bekennt – zur zweiten Heimat geworden ist.

Wer sollte sich die Lektüre gönnen? Natürlich alle, die ein wenig mehr über Indonesien erfahren wollen, als die Prospekte der Reiseveranstalter dem Touristen an die Hand geben. Für jemanden wie mich aber, der selbst neun Jahre von 1968 -1977 in Indonesien gelebt und gearbeitet hat, also auch ein paar Jahre zur selben Zeit wie der Autor,  bedarf es keiner Leseempfehlung für dieses Buch. Es ist eine lebendige – fast nostalgische Erinnerung an ein Indonesien, das es heute so fast nicht mehr gibt.  Einen herzlichen Dank an den Autor also, der sich die Mühe – aber sicher auch die Freude – gemacht hat, seine indonesischen Erfahrungen mit uns zu teilen. Terima kasih, Pak!

nb.  Das Buch ist ja schon 2009 erschienen, und ich hatte es schon 2010 gelesen.Die kleine Buchrezension hätte eigentlich schon längst verfasst sein müssen. Entstanden ist damals aber zunächst der Blog-Artikel  „Merdeka atau Mati“ über den indonesischen Unabhängigkeitskampf .  Inzwischen hatte ich aber das Buch verliehen und erst vor kurzem wieder in die Hand bekommen. Nach einer neuerlichen Lektüre war es mir eine Herzenssache, mich für das Lesevergnügen durch eine kleine Besprechung zu bedanken.

Oktober 2017 (KS)

 

 

 

 

Ein fatales Gerichtsurteil in Jakarta

Es ist passiert, was zu befürchten war: Nicht nur, dass der politische Wendehals Anies Baswedan vor zwei Wochen zum Gouverneur von Jakarta gewählt wurde, sondern dass das Gericht von Nord-Jakarta am Dienstag den bisherigen Gouverneur Tjahaya Basuki Purnama, kurz: „Ahok“ genannt, tatsächlich zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe wegen öffentlicher Beleidigung/Verächtlichmachung des Islam verurteilt hat.

Was war vorgefallen? Ahok, bekennender evangelischer Christ, hatte während des Wahlkampfs zur Gouverneurswahl bei einem Besuch in einem Fischerdorf  auf die Kampagne seiner Gegner reagiert, die verkündeten, der Koran verbiete es  Muslimen, sich von einem Nicht-Moslem regieren zu lassen. Ahok sagte den Leuten, sie sollten sich bei dieser Wahl nicht von  muslimischen Propagandisten manipulieren lassen, die  den Koran für ihre politischen Zwecke missbrauchten. Dieses Statement verdrehte man zu den Vorwurf, Ahok hätte den Koran und seine Gläubigen verunglimpft. Ein Unding! Aber Ahoks Gegner – man darf ruhig „Feinde“ sagen – setzten dieses Strafverfahren durch.

Man muss den Verdacht haben, dass ein indonesisches Gericht hier dem Druck der Straße radikaler Moslems nachgegeben hat. Der Richter ging mit seinem Strafmaß dazu noch über den Strafantrag der Staatsanwalts von einem Jahr Gefängnis hinaus. Das Urteil ist eine Farce und ein katastrophaler Indikator für die politische Situation in Indonesien 2017. Und man  sollte wissen, dass der neue Gouverneur Baswedan im Wahlkampf just mit den Leuten von der radikal-muslimischen FPI paktiert hat, die diesen Prozess angestrengt und durchgesetzt hatten.

Das Urteil gegen Ahok ist noch nicht rechtskräftig, aber er wurde sofort nach der Urteilsverkündung wie ein Schwerverbrecher abgeführt und muss wohl vom Gefängnis aus seinen Einspruch gegen das Urteil betreiben. Traurig, und besorgniserregend.

Mehr zu den Hintergründen im Artikel von Christina Schott, der hiermit empfohlen sei.

Gouverneurswahl in Indonesien

Stimmungsmesser für Toleranz und Pluralismus

Indonesiens Hauptstadt Jakarta wird künftig wieder von einem Muslim regiert: Bei der Stichwahl um das Gouverneursamt unterlag der bisherige christliche Amtsinhaber seinem muslimischen Herausforderer Anies Baswedan. Für viele war die Wahl ein Testfall für den indonesischen Pluralismus. Aus Jakarta informiert Christina Schott

„Ich wusste ehrlich nicht, wen ich noch wählen sollte“, sagt Ivana Lee. Die 32-jährige Lehrerin ist unentschlossen, wer ihr Wunschkandidat für den Posten des Gouverneurs von Jakarta ist. „Der eine Kandidat lässt sich von den Islamisten unterstützen. Der andere vertreibt die Armen aus ihren Häusern. Deswegen bin ich heute zu Hause geblieben.“ Gewählt hat sie nicht.

Lee hat sich jahrelang im Gemeindezentrum „Ciliwung Merdeka“ im Armenviertel Bukit Duri engagiert, das sich am Ufer des völlig vermüllten Flusses Ciliwung drängt. Gleichzeitig mit den Behausungen von 440 Familien musste das zweistöckige Haus im vergangenen August einem massiven Betonwall weichen. Mit solchen Flussbegradigungen will Jakartas amtierender Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok, die notorischen Überschwemmungen in Indonesiens Hauptstadt eindämmen. Dabei hat er sich bei den unteren Schichten der Bevölkerung nicht gerade beliebt gemacht. „Viele Leute hier haben bis heute keine der versprochenen Ersatzwohnungen erhalten. Sie haben daher Ahoks Gegner gewählt“, sagt sie.

Ahoks Gegner heißt Anies Baswedan. Und er wird sein Nachfolger werden: Rund 55 Prozent der Bewohner von Jakarta haben den ehemaligen Bildungsminister zu ihrem neuen Gouverneur gewählt.

Im Wahlkampf allerdings spielten die Vertreibungen aus Armenvierteln nur eine untergeordnete Rolle, genauso wie die durchaus beachtlichen Erfolge des amtierenden Gouverneurs, der hart gegen korrupte Beamte vorging, wichtige Infrastrukturprojekte anstieß und den Zugang zu Bildungs- und Gesundheitswesen verbesserte.

Herkunft und Glaube als entscheidende Faktoren

Stattdessen ging es vor allem um Ahoks Glauben und seine Herkunft: Ein Christ, der noch dazu der unbeliebten chinesischen Minderheit angehört, könne unmöglich die Hauptstadt des Landes mit der weltgrößten muslimischen Bevölkerung führen, so die einhellige Meinung islamischer Massenorganisationen.

„Diese Wahl ist ein Testfall für den indonesischen Pluralismus, ob wir dem Druck der religiösen Gruppen und Populisten widerstehen können“, sagte Wimar Witoelar, ein angesehener politischer Analyst und Berater des früheren Präsidenten Abdurrahman Wahid vor der Wahl: „Indonesien steht an einem Wendepunkt. Und ich meine Indonesien, nicht nur Jakarta.“

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Eine lebendige Begegnung mit der Steinzeit

Die Siberuter von Herwig Zahorka

DownloadEs gibt sie noch: Menschen, die ihr Leben heute im Jahre 2016 noch auf der Kulturstufe der Jungsteinzeit verbringen, in einer Lebensweise und Überlebenstechnik, die ihren Völkern über 5000 Jahre hinweg das Überleben ermöglichte. Ein solches Volk  gibt es noch auf der indonesischen Insel Siberut am Rande des Indischen Ozeans. Dort nämlich hat sich im Inneren der Insel ein Volk erhalten, das bis auf den heutigen Tag von der Jagd, dem Fischen, seinen Haustieren und den Früchten des tropischen Regenwalds lebt: Keine Bauern, sondern Jäger und Sammler.

Der Autor Herwig Zahorka, Forstdirektor a.D. und seit 1995  in Indonesien lebend, hat diese Insel mehrere Male besucht und darüber ein wunderschönes und ungemein kundiges Buch geschrieben: Wunderschön, weil das Buch reichhaltig mit farbigen Fotos ausgestattet ist, und kundig, weil der Autor nicht nur als interessierter Trekking-Reisender, sondern als Biologe / Forstexperte und Ethnologe seine Erfahrungen beschreibt. In einer Zeit, die historisch mit dem folgenreichen Verschwinden/Abholzung der letzten Urwälder Südostasiens verbunden sein wird,  eröffnet uns das Buch einen detaillierten Einblick in den völlig anderen Kosmos dieser Menschen, der bis dato den Urwald von Siberut schützte. Deshalb auch der Untertitel: „Mit ihrer steinzeitlichen Religion haben sie den Regenwald erhalten“

Daher ist der „Religion“ der Siberuter –  kulturhistorisch Animismus genannt –  sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, die uns sehr deutlich auf den Zusammenhang zwischen Natur/ Überleben und Religion hinweist: Die Natur ist beseelt und sie gehört nicht den Menschen. Der Wald und die Achtung seines Lebens und seiner Bewohner garantiert das Leben der Siberuter. Das verlangt die Einhaltung bestimmter Regeln und Tabus, die diesen Kosmos im Gleichgewicht halten. Wir erfahren vom Leben einer freundlichen, egalitären, Konflikte vermeidenden Stammesgesellschaft im tropischen Regenwald, in der Männer und Frauen gleichermaßen für ihre Familien sorgen. Männer und Frauen  schmücken sich mit Blumen und Blüten  und unterwerfen sich schmerzhaften Tätowierungen, um ihre Körper zu verschönern, damit ihre Seele gerne in ihren Körpern wohnt.

Durch die Freundschaft des Autors mit dem Schamanen Teopatrekere und seiner Familie kann der Leser sehr informiert an den Ritualen für Jagd, Krankheit und Tod teilnehmen, den Tänzen der Schamanen, die mit den mächtigen Geistern der Ahnen in Kontakt zu treten. Der Biologe Zahorka  belässt es nicht beim ungefähren Beschreiben oder Fotografieren der vorkommenden Pflanzen und Bäume: immer wird der Leser mit den exakten wissenschaftlichen (lateinischen) Bezeichnungen versorgt. So auch mit der Identifizierung der Pflanzenmixtur, die die Siberuter Jäger für ihr intelligentes Pfeilgift „omai“ verwenden, das für die Jagdtiere tödlich, für den Verzehr des Fleisches durch die Menschen aber ungefährlich ist.

Hochinteressant auch das Kapitel über die Jagdrituale der Steinzeitjäger, die sich seit tausenden von Jahren in abgewandelter Form bis in die Jagdgewohnheiten moderner mitteleuropäischer Jäger erhalten haben.Durch die genaue Beobachtung des Jagdtrophäenkults der Siberuter glaubt Zahorka auch, einige der ungelösten Deutungsrätsel der steinzeitlichen Höhlenmalereien etwa von Lascaux lösen zu können. Durch diese Bilder würde dem erlegten Jagdtier der Respekt erwiesen, der dessen Seele gebührt, ganz ähnlich wie der Schädel des erlegten Tieres, der  in der Uma, dem Haus der Siberuter, aufgehängt wird, um der Seele des Tiere ihren Ehrenplatz zuzuweisen.

Sehr berührend das Kapitel über den tragischen Tod eines kleinen Kindes, das mit den Mitteln der animistischen Medizin nicht mehr gerettet werden konnte. Die Empfehlung des Autors, der damals als Gast im Hause weilte, das schwerkranke Kind möglichst schnell  in ein Krankenhaus der Hafenstadt an der Küste zu bringen, wurde von der Familie nicht angenommen. Das Fazit der Schamanen, mit dem sich auch die Eltern abfanden: Die Seele des Kindes wollte nicht länger im Körper des Kindes bleiben! Für uns Europäer eine schwer zu akzeptierende Auskunft, wenn die moderne Medizin im Zweifelsfall hätte helfen können.

Eine wahrscheinlich doch hohe Kindersterblichkeit hat in der Vergangenheit ein starkes Anwachsen der Bevölkerung auf Siberut verhindert und scheint der Preis für die traditionelle Überlebensmöglichkeit zu sein. Ob sich die kommende Generation der Siberuter den „Segnungen“ der modernen Zivilisation, die für sie sehr wohl an den Küstenorten erreichbar ist, verweigern wird, darf bezweifelt werden, zumal die indonesische Regierung – geprägt von islamischen Grundanschauungen –  bis dato der Lebensform der Siberuter „Waldmenschen“ nicht sehr wohlwollend gegenüber steht. Die viel konkretere Bedrohung aber ist die Lizenz zum Abholzen der Wälder auf Siberut. Sollten diese Unternehmungen nicht zu stoppen sein, dann werden der Siberuter leider das gleiche tragische Schicksal erleiden wie die anderen Urvölker dieser Erde, denen es so lange gelang, zu überleben, ohne ihre Lebensgrundlagen zu vernichten.

Herwig Zahorka hat sein Buch eine Hommage an die Siberuter genannt und  ein kostbares Dokument über eines der letzten Urvölker Indonesiens verfasst, das sehr zurecht 2015 auf der Frankfurter Buchmesse  vorgestellt wurde. Dank an den Autor  und eine besondere Leseempfehlung für alle, die sich für das Indonesien abseits der Inseln Java und Bali interessieren. (KS)

Der legendäre Weltreisende – ein Nachruf

Der Fluch der bösen Tat   von Peter Scholl-Latour

psl fluchEs war Scholl-Latours letztes Buch –  ein Buch, das voll grimmiger Sorge die jüngsten kriegerischen Katastrophen  vor allem  im Vorderen Orient beschreibt, in den ihn seine letzte Reise noch einmal führte, bevor  der Tod  ihn 2014 im Alter von 91 Jahren von der Weltbühne holte.

Nein, noch eine Besprechung brauchte dieses Buch eigentlich nicht. Allein bei Amazon sind bis dato 150 Rezensionen eingegangen. Aber seit seinem  Buch „Tod im Reisfeld“ (1980) bin ich ein begeisterter Leser seiner Bücher und fühle mich nun in der Pflicht,  wenigstens zu seinem letzten Buch ein paar Zeilen zu schreiben.  Die hat er sicher verdient, der legendäre Weltreisende, der uns an so vielem Erlebten durch seine Bücher teilnehmen ließ.

Die Veröffentlichung seiner Memoiren 2015 hat der Autor  unzähliger Artikel und Bücher nicht mehr erlebt. Aber oft hat er ja schon in Interviews über die prägenden Momente seines Lebens Auskunft erteilt: Seine deutsch-französische familiäre Herkunft, die ihn als Sohn einer jüdischen Mutter mit Nazi-Deutschland in Konflikt brachte, seine Schulzeit in einem gymnasialen Internat der Jesuiten in der Schweiz, seine Verhaftung durch die Gestapo auf seinem Weg zu Titos Partisanen, seine Teilnahme als Fremdenlegionär am Indochina-Krieg mit der Kapitulation der französischen Kolonialarmee in Dien Bien Phu, sein Studium der Arabistik bei den Jesuiten im Libanon, um nur die wichtigsten frühen Erfahrungen zu nennen. Und obwohl er ja im Laufe seines Lebens fast alle Länder der Welt bereiste, hatte er ein ganz besonderes Verhältnis zu Südostasien und den Ländern des moslemischen Kulturkreises, und hier wiederum besonders zum schiitischen Islam.

Der Abschied des „Weißen Mannes“  Europas als bestimmender „global Player“,  der Aufstieg Chinas zur kommenden Weltmacht   und  vor allem der Aufbruch des Islam in die Moderne, das waren die großen Themen, denen seine  leidenschaftliche Aufmerksamkeit galt.   Eindringlich warnte er von den Konsequenzen für das Establishment der sog. Westlichen Welt, das diese  Veränderung irgendwie bis heute nicht wahrhaben will. Seine scharfe Kritik galt den amerikanischen und europäischen Akteuren, die durch ihre naive Interessenpolitik die desaströse Katastrophe im heutigen Nahen und Mittleren Osten verursacht haben. Daher auch der Titel des Buches vom „Fluch der bösen Tat“ mit dem Untertitel: „Vom Scheitern des Westens im Orient“.

Dieses Urteil  fällte er nicht von seinem europäischen Schreibtisch aus, sondern war als journalistischer Zeitzeuge vielfach bei schicksalhaften politischen Veränderungen vor Ort.  So  die von ihm immer wieder besprochene Begegnung mit dem Ayatollah Khomeini, bei dessen Rückkehr nach Teheran und der Gründung der Islamischen Republik Iran. Ausführlich  und lebendig seine Beschäftigung mit der „neuen“ Türkei Erdogans und der „kurdischen  Zeitbombe“, dem unglücklichen Schicksal Syriens und dem Scheitern des sog. „arabischen Frühlings“ in Libyen, Ägypten und Syrien. Und immer wieder seine Kritik an den politischen Entscheidungsträgern des Westens, ihre Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse anderer Völker und ihre Unfähigkeit, sich in deren Lage zu versetzen und ihre Motive zu verstehen.

Daher auch seine bittere Kritik der westlichen Politik im Umgang mit dem Russland Putins im Ukrainekonflikt, dem das erste Kapitel in diesem Buch gewidmet ist. Ein kurzer Blick in die entscheidenden Phasen und Fakten der jüngeren Geschichte dieses Landes, hätte womöglich einen anderen Umgang mit dem Problem verlangt, als nur mit wirtschaftlichen Sanktionen  zu agieren.

Zum Besten in Scholl-Latours Büchern gehören seine historischen Exkurse zu den bereisten Ländern und Ereignissen, die uns erleben lassen, auf welch brisantem Terrain sich der Reisende gerade befindet und die Dimensionen der gegenwärtigen Konflikte klar macht. Was z.B. bedeutet für den normalen deutschen Radiohörer schon, wenn von einer Bombe in der Moschee von Kerbela mit Hunderten von Toten berichtet wird, wenn man nicht weiß, welche Bedeutung diese Moschee für den schiitischen Islam hat? Scholl-Latour ergriffe da z.B. die Gelegenheit, uns eindringlich über den alles überschattenden Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten aufzuklären, der seit über 1400 Jahren die beiden großen moslemischen Konfessionen unversöhnlich trennt.

Diese historischen Exkursionen sind nun genau der Vorwurf, der ihm von seinen Kritikern aus dem Lager der kulturhistorischen und religiösen Fachwelt gemacht wird: seine Betrachtungen seien oft zu oberflächlich und nicht faktengerecht. Auch gibt es Leser, die ihm genau diese Ausflüge in die Geschichte übelnehmen, weil ihnen das alles zu fremd und überflüssig erscheint. Wir interessierte Leser sind aber doch froh, dass man uns nicht wie  „den Reiter über dem Bodensee“ im Unklaren belässt, welche historischen Abgründe wir gerade überqueren.

Ja „de mortuis, nisi nil bene“, („Über die Toten, nichts als nur Gutes!“ ) hätte Scholl-Latour vielleicht selbst gesagt. Aber für jemanden, der so vieles wusste und erlebt hatte wie er, war  Eitelkeit und Kritikresistenz sicher eine Gefahr.  Auch störte des Öfteren doch, wenn er  in seinen Büchern seinen Interviewpartnern  Passagen lang die eigenen Analysen in den Mund legte – den eigenen Erzählduktus inklusive. Ob ihm, dem Vielschreibenden, das wirklich unbemerkt geblieben ist? Hatten seine Verlagslektoren so wenig Korrekturbefugnisse?

Wie auch immer – eine zweite Gruppe seiner Kritiker warfen ihm nicht ganz unberechtigt vor, Geschichte vor allem unter militärstrategischen Gesichtspunkten zu referieren. „Si vis pacem, para bellum!“  („Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor“)  – davon war PSL sicher überzeugt. Und hier geht es eben um ganz grundlegende Überzeugungen über das Verhalten von Staaten und Gesellschaften zueinander.  So sehr Scholl-Latour z.B. auch die Politik der USA kritisierte, so sehr respektierte er deren militärische Stärke und die Kampfkraft ihrer Soldaten. Er dehnte dieses Faible für Stärke auch auf Religion und Kultur aus. So betrachtete er z.B. als Katholik  das 2. Vatikanische Konzil  mit der Öffnung der katholischen Kirche aus der römisch-lateinischen Enge in eine multikulturelle Welt  als strategischen Fehler.

Aber die Weisheit und Lebenserfahrung alter Männer ist eine Sache, die Bedeutung und das Umgehen mit neuen Situationen und Möglichkeiten eine andere. Ich denke, Scholl-Latour ist das Lebensgefühl und die Hoffnungen der jungen Generation,  die globale technische Vernetzung der Welt mit ihren Möglichkeiten fremd geblieben.  Wer möchte ihm, dem fast Hundertjährigen das vorwerfen?  Vielleicht hätte Scholl-Latour den Kohelet der Bibel, den Prediger Salomos zitiert: „Eine Generation geht, die andere kommt… alles hat seine Zeit und Stunde!“  oder eben den bitteren Vers des Dichters Omar Khayyam, den er auf der letzten Seite seines Buches zitierte:

„Alle die Heiligen, die hochgeschätzt                                                                                                 philosophierten, sind des Todes Raub.                                                                                                     Auch ihre Stimme wird nicht mehr gehört,                                                                                           ihr Mund ist vollgestopft mit Sand und Staub.“

Sic!

(KS)

Der Islam – an allem schuld – Fragezeichen ?

Der Islam-Irrtum von Michael Thumann

thumannVorneweg: Ein großartiges und ein dringend notwendiges Buch. Auch wenn man zunächst ein wenig über den Titel stutzt und vermuten könnte, wieder einmal hätte ein „Islamexperte“ versucht, uns zu helfen, den „wahren“ vom „falschen Islam“  zu unterscheiden. Aber schon der Untertitel hilft uns auf die richtige Spur: „Europas Angst vor der muslimischen Welt“.

 Dieser Angst, die derzeit in der westlichen Welt so bedrohliche Blüten treibt, möchte der Autor mit konkreten Reportagen aus eben dieser muslimischen Welt entgegentreten. Es geht ihm dabei nicht darum, irgendwelche Gefahren in und aus den Ländern des moslemischen Kulturkreises zu verharmlosen, sondern darum, die These, der Islam sei an allem schuld,  zu entmythologisieren. Deshalb auch das erste Kapitel: „Unsere Islam-Besessenheit“

Welche Rolle spielt die Religion konkret in den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens? Mit welchen Problemen sind die Länder dieser Region konfrontiert? Michael Thumann lebte als ZEIT-Korrespondent seit 2007 vor Ort in Istanbul und  veröffentlichte dieses Buch 2011 kurz nach den Ereignissen des sog. „Arabischen Frühlings“, in dem eine junge Generation sich gegen die alten korrupten Herrscher in ihren Ländern auflehnte. Das Buch  – heute in 2016 gelesen – berichtet noch nicht über die fatale Katastrophe, die sich mit dieser Auflehnung in Syrien anbahnte und auch noch nicht über die Entstehung des IS und seinen barbarischen Krieg gegen alle Parteien dieser Region.

Thumann berichtet von seinen investigativen Reisen in die Krisenregionen Kurdistans/Nordosttürkei, Nordiraks, Saudi-Arabiens, Ägyptens und des Libanon, berichtet von Gesprächen aus den Rückzugsquartieren der Muslimbrüder  in abgelegenen Wohnvierteln Kairos, mit Frauen aus den Glaspalästen in Riad, mit  islamischen „Neo-Fundamentalisten“ – so nennt er die jihadistische Fraktion der Islamisten – , mit CIA-Agenten und Hisbollah-Kämpfern, er erläutert die Bedeutung der neuen Medien und des Senders Al Jazira und die neuen ökonomischen Machtzentren am Persischen Golf. Besonders aufschlussreich für mich die Information über die Parteien und Kräfteverhältnisse in der Türkei, den Aufstieg und die Bedeutung der AKP, der Partei des Präsidenten Erdogan als Partei der anatolischen Aufsteiger als machtvolle Konkurrenz zu der alten laizistischen kemalistischen Beamten- und Militärelite der Türkei:  Die AKP als etwa so religiös wie  die CDU/CSU früherer Jahre in Deutschland.

Und hier also das Grundanliegen dieses Buches: Die im Westen überschätzte Rolle  des religiös fanatischen Islam in der Problematik dieser Länder. Nach der Analyse Thumanns sind ganz andere – uns sehr bekannte – Phänomene die eigentlichen Gefahren dieser Region auf ihrem Weg in die Moderne: Bevölkerungswachstum, Nationalismus, Kapitalismus, Diktatur und unterdrückte Minderheiten. Bei all diesen gewaltigen Kräften spielt der Islam als Religion keine entscheidende Rolle. Thumann lädt uns zu einem Gedankenexperiment ein und fragt dabei, ob auch nur eines der Probleme des Nahen Ostens gelöst wäre, wenn man sich den Islam aus der Problemlage wegdenken würde: Das Kurdenproblem, Israel und Palästina, Iran-Persien und Saudi Arabien, Ägypten und des Libanon?

Wenn ja, dann immer etwa in der Funktion, wie sie etwa Katholizismus und Protestantismus in den terroristischen Auseinandersetzungen in Nordirland früherer Jahre zwischen der IRA und England  gespielt hat. Es gilt also genau hinzuschauen, wenn die religiöse Karte in diesen Konflikten gezogen wird.

Man möchte allerdings den Autor fragen, ob das auch noch für ein Phänomen wie Al Quaeda und den IS zutrifft, oder etwa für den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak. Richtig und wichtig scheint der Hinweis, dass es sich auch da um den Machtanspruch der jeweiligen Clans  für diese Region handelt, denen die religiöse Motivation der Jihadis für ihren Machtkampf gerade nützlich ist. Die Länder der muslimischen Welt mit dem fanatischen Islam gleichzusetzen ist genauso falsch, wie die Jihadisten der muslimischen Welt weismachen möchten, die teuflische Kraft des Westens sei das Christentum Amerikas und Europas, das einen Kreuzzug gegen den Islam in aller Welt führen würde.

Auch wenn es ein fast verwegener Wunsch ist: Die Leute von Pegida, AfD und Co. möchten sich doch bitte die Lektüre dieses Buches gönnen, um zu erkennen, wie naiv und uninformiert ihre Parolen sind,  und sie genau in die Falle tappen, die ihnen die Propaganda der jihadistischen Desperados gestellt hat. Dringlich und bedeutsam wäre es aber, dass sich die verantwortlichen Politiker ein informierteres Bild vom Nahen und Mittleren Osten machen würden – dieses   Buch wäre sicherlich hilfreich. Videant Consules!

Danke an meine Schwester H., die mir dieses Buch zu lesen gab.(KS)

..beileibe keine Urlaubsschnäppchen!

P.J.Rourke – Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen

o'rourkeSchon der Buchtitel macht ja Laune und verrät etwas von dem Projekt, das offensichtlich nur mit einer ganzen Portion sarkastischen Humors zu bewältigen war. O’Rourkes  Reisen in elf Krisenregionen der Erde von 1984 bis 2005 waren wahrhaftig keine Urlaubsreisen – schon gar keine Urlaubsschnäppchen –,  sondern eher Dienstreisen eines engagierten Reporters, der es sich partout antun wollte, über den Zustand unserer Welt aus eigener Erfahrung zu berichten, besonders von dort, wo uns Normalurlaubern damals schon bei den Namen der Reiseziele die Lust am Reisen verging.

Oder wer von uns wäre schon gerne aus purer Reiselust 1984 in den Bürgerkriegs-Libanon, 1988 nach Nordirland oder in die palästinensische Intifada nach Israel, 1992 nach Bosnien oder 1997 nach Tirana usw. gereist? Orte des Schreckens, von denen man hoffte, dass sie möglichst bald keine Nachrichten mehr produzierten. Wir sind ja so gerne bereit zu glauben, dass ja alles schon irgendwie okay sei, wenn Radio und TV nichts mehr berichteten… O‘Rourke war trotzdem dort!

Dass es dem Autor vor Ort gelegentlich wie die Hölle vorgekommen sein mag, glaubt man gerne, wenn man seine Reportagen liest, mit der kleinen Einschränkung, dass es dann doch eher eine Form der Vorhölle gewesen sein muss, die ihm ja immer erlaubte, ihr wieder zu entkommen. Er besucht ja zumeist „Länder, in denen nichts funktioniert, aber alles irgendwie geregelt werden kann.“ Und das provoziert Pointen. Ein anderer Rezensent dieses Buches titelte: „ Man soll lieber einen Freund verlieren als eine gute Pointe“. Und die Pointen und geniale Formulierungen machen diese  Reiseberichte wirklich zum Lesevergnügen.

Kapitelüberschriften wie „Bummeltour durch den Libanon“, „Das Heilige Land – Gottes Affenhaus“ oder „Make Lunch, not War“  usw. verführen dazu zu glauben, man hätte es bei dem Autor eventuell mit einem literarischen Commedian zu tun – weit gefehlt.  Unter der Hand bekommt der Leser sehr viel detaillierte Information über Land und Leute.  Warum gehen sich Menschen einer bestimmten Region gegenseitig an die Gurgel, warum geht es einem Land so schlecht, wie es ihm eben geht? Sind die westlichen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Demokratie wirklich so universell hilfreich? Was hilft denn überhaupt einem armen Land wie Tansania?

O‘Rourke ist ein entschiedener Gegner staatlicher Programme,  und obwohl eigentlich überzeugter Vertreter des ökonomischen Laissez faire der “Chikago-boys“ Milton Friedmans, kommen ihm doch z.B. in Albanien recht sarkastische Gedanken zur menschlichen Freiheit beim Beschreiben des chaotischen Autoverkehrs von Tirana und dem Vertrauen der Menschen in die katastrophal gescheiterten Renditeversprechen albanischer Banken. Noch mehr Sarkasmus allerdings beim Autor, als er 2005 nach  Gouadeloupe in die Karibik reist, wo damals auch dort über  die Verfassung  der Europäischen Union abgestimmt wurde. „In Goudeloupe taten die Leute nicht viel – am allerwenigsten abstimmen….das Departement stimmte beim Referendum mit „Qui“, wenn auch nur mit einer Nichtstuer-Beteiligung von 22 Prozent….Der Flughafen war brechend voll, aber alle Duty-Free-Shops hatten geschlossen.“

…aber am Horizont geht es irgendwie weiter – warum und wohin, danach darf man unseren Autor vielleicht besser nicht fragen. Die Verhältnisse eignen sich nur schlecht für sichere Prognosen. Seine „Reiseerfahrungen in der Hölle“ jedoch, sind m.E. äußerst lesenswert  (KS)

Ps. Danke an meine belesene Schwester H. für das Buchgeschenk zu Weihnachten.

DER „GUNUNG-SAMALAS“ WAR ES…

gunung-rinjaniSonnenaufgang am Rinjani – So schön sieht sie manchmal aus: die Caldera des Vulkans Rinjani auf der Insel Lombok in Indonesien. Ein blauweißer Kratersee, in dessen Mitte ein heißer Ascheberg gelegentlich ein Wölkchen Rauch und Asche in den Himmel pustet. Seit Jahren so friedlich, dass man den Touristen Treckingtouren zu seinem Kraterrand anbietet. Seit 2013 scheint aber sicher, dass dieser attraktive Feuerberg auf Lombok zu den globalen Übeltätern von historischer Dimension zählt.

Was man heute als Gunung Rinjani beobachten kann, ist die Restmasse des Vulkans Samalas, der im Jahre 1257 n.Chr. mit verheerender Gewalt explodierte. Neben der Verwüstung in seiner unmittelbaren Umgebung schleuderte der Samalas so viel Asche in die Atmosphäre, dass in Europa noch im Jahr danach 1258 der Sommer ausfiel, ja vielleicht sogar die sog. „kleine Eiszeit“ für mehrere hundert Jahre provoziert wurde…  Das Echo globaler Schreckensnachrichten aus dem Mittelalter – zu lesen in den Zeitungen von 2013 – von einem historischen Desaster, für das es bis jetzt keine schlüssige Erklärung gab. 

Hier der Artikel aus der Wissenschaftsredaktion von SPIEGEL-Online vom 1. Oktober 2013

Kälteeinbruch im Jahr 1258

Ein geologisches Mysterium ist offenbar geklärt: Für eine der gewaltigsten Eruptionen der vergangenen 10.000 Jahre soll ein Vulkan auf der Insel Lombok gesorgt haben. Der Ausbruch hatte 1258 einen Temperatursturz und schwere Hungersnöte in Europa verursacht.

weiterlesen in…. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/kaelteeinbruch-1258-forscher-legen-loesung-fuer-vulkan-raetsel-vor-a-925391.html

INDONESIENREISE 2012

Von Manado nach Lahewa

Nias: Am Strand von Soroma°asi /Lahewa

Nias: Am Strand von Soroma°asi /Lahewa

Seit zwei Wochen sind wir nun zurück aus Indonesien. Der Jet-Lag hat nachgelassen, aber die Seele –  die ja bekanntlich zu Fuß geht – ist bemüht, sich hier in Deutschland wieder heimisch zu fühlen.  Sechs intensive Wochen in Indonesien wollen verdaut sein. (Nb. Wem die Lektüre zu lang ist, der kann sich auch nur  die Links mit den Fotos anschauen, sofern ihm die kurzen Bild-Kommentare reichen)

Dienstag, 18. September, 12:00 Uhr Abflug von Düsseldorf mit „Etihad Air“ via Abu Dhabi nach Jakarta.  „Etihad Air“ hat ordentliche Flugzeuge und einen guten Service, verlangt auf dieser Route jedoch viel Geduld mit langen Transit-Zeiten in Abu Dhabi: Wir durften sechs Stunden auf unseren Anschlussflug warten. Aber –  Bismillah! – was nimmt man nicht alles für einen preiswerten Flug in Kauf!  Ankunft in Jakarta jedenfalls am darauffolgenden Tag  um 14:15 Uhr Ortszeit.  Zwei Stunden Zeit für  Auschecken, Passkontrolle und  erneutes Einchecken bei  „Lion-Air“, einer Inlandfluglinie. Dann  Weiterflug von Jakarta nach Surabaya, wo uns kurz nach 18:00 Uhr Khae und Lian am Flughafen begrüßen konnten.

 Fünf Tage  Surabaya   – Fotos

Ein frohes Wiedersehen mit unseren alten Freunden aus Aachener Zeiten in der Sittarderstraße.  Da ihre Kinder alle aus dem Haus sind, ist reichlich Platz und Zeit für Gäste.  Wie schon 2010 waren Khae und Lian  wieder ganz wunder-bare Gastgeber. Und wie vor zwei Jahren  war alles schon prima vorbereitet, damit wir uns möglichst problemlos akklimatisieren konnten. Aircon im Schlafzimmer sorgt bei Außentemperaturen von fast 30°  für einen erholsamen Schlaf. Nach zwei Tagen waren denn auch die unvermeidlichen Jetlag-Probleme überwunden (Surabaya hat sechs Stunden Zeitvorsprung zu Deutschland.) Indonesisch als Umgangssprache funktionierte  auch wieder. Nur meine Darmflora brauchte etwas länger, bis sie sich mit den neuen Umständen abfand, zumal ich – kaum in Indonesien gelandet – sofort wieder mit Hingabe die geliebten  Kretek-Zigaretten schmauchte. Khae hatte schon im Voraus meine Lieblingsmarke Gudang Garam besorgt.

Khae musste zwar noch zwei Tage in seine Firma am Stadtrand von Surabaya. Aber dann zum Wochenende hatte er sich einen zusätzlichen freien Tag genommen und chauffierte uns Freitag-Morgen in seinem Toyota Innova souverän durch das Verkehrschaos von Surabaya zum Ferienhaus von Lians Familie in Trawas, in den kühlen Bergen von Ostjava. Am Samstag machten wir eine schöne Fahrt nach Pacet in das Gebirge nordwestlich des schlafenden Vulkans Gunung Arjuna und trafen uns da wie zufällig mit  Lians Bruder Sun und seiner Frau Ino zum Essen in einem schön gelegenen Bergrestaurant.

Das „zufällige“ Treffen war aber beileibe nicht zufällig: Lian hatte ihre Handy-Kontakte spielen lassen. Die immer aktiven Black-Berries und Smartphones machen solche spontanen Verabredungen möglich. Man ist immer online und erreichbar, und ohne diese Dinger geht nichts mehr im Indonesien von 2012. Indonesien ist pausenlos online…  Wir profitierten ein wenig davon: Die  fünf Tage mit Lian und Khae vergingen wie im Fluge und Dienstag, dem 25.09. hieß es Abschied nehmen von  Surabaya.  

Vier Tage Manado – Fotos

Die nächste Station unserer Reise hieß Manado, die Hauptstadt von Nord-Sulawesi (Nordcelebes). Eigentlich wollten wir gemeinsam mit Khae und Lian dorthin reisen und ein paar gemeinsame Tage dort verbringen. Doch Khae war schlussendlich für die entsprechende Zeit in seiner Firma leider unabkömmlich – eine Spezialmaschine, frisch geliefert aus der Schweiz, sollte in Betrieb genommen werden – unsere gemeinsamen Reisepläne mussten gecancelt werden. Schade, schade…   Weiterlesen…..hier!

Reiches armes Indonesien

Die Wochenzeitung DAS PARLAMENT hat  ihre Beilage vom 12. März 2012  ganz dem Land INDONESIEN gewidmet. Acht aktuelle Beiträge beschäftigen sich mit dem Land unter ganz verschiedenen Aspekten und vermitteln ein eindringliches Bild von der kompexen Realität des Landes der 17.000 Inseln. Obwohl z.B. die Insel Bali als Urlaubsziel für deutsche Touristen beliebt und bekannt  ist, wird bei der Lektüre der angebotenen Beiträge dem Leser doch deutlich, dass die Beschäftigung mit Indonesien und seinen Menschen  für die meisten Deutschen eine “ Annäherung an ein unbekanntes Land“ sein dürfte, wie Doris K.Gamino ihren exzellenten Essay überschrieben hat. Dank an Frau Gamino und die anderen Autoren. (KS)

Annäherung an ein unbekanntes Land

Doris K. Gamino

Jakarta zur Feierabendzeit an einem beliebigen Tag: Wie ein zäher Lavastrom schieben sich die Lichter der schier endlosen Blechlawine über die von blühenden Frangipanibäumen gesäumten Boulevards Thamrin und Sudirman im Central Business District, vorbei an säulenverbrämten Zuckerbäckerbauten und vielstöckigen Glasfassaden der Banken, Versicherungen und Verwaltungsgebäuden großer Unternehmen. Der Strom schiebt sich, Stoßstange an Stoßstange, nicht wenige von Luxuskarossen deutscher Provenienz, im Schneckentempo um die Plaza Indonesia, vorbei am dereinst ersten Sterne-Hotel des Landes, dem legendären Hotel Indonesia, jetzt Kempinsky, eingerahmt von hell erleuchteten Shoppingtempeln. Mit der Energie, die allein die Klimaanlagen um den Platz herum täglich verbrauchen, ließe sich vermutlich einen Monat lang eine Kleinstadt versorgen.

Wer sich auf diese Weise der indonesischen Hauptstadt nähert, könnte versucht sein, sie für eine gewöhnliche, moderne Metropole zu halten. Erste Zweifel befallen den Besucher aber beim Versuch, aus dem Strom auszubrechen. Es gibt weder Parkplätze noch Bürgersteige; mit Schranken gesicherte, schwer bewachte Grundstückseinfahrten machen ein Anhalten unmöglich. Seit den Bombenanschlägen 2003 und 2009 sind öffentliche Gebäude, Banken und Hotels nicht mehr ohne Kontrollen zu begehen. So fährt man gezielt vom Hotel zur Mall, zur Bank, zum Amt. Inselhopping in der Stadt, synonym zum Rest des Landes, das sich auf mehr als 17000 Inseln verteilt. Und wer sich traut, aus dem klimatisierten Wagen auszusteigen, ohne sich direkt in ein klimatisiertes Gebäude zu flüchten, stellt schnell fest: Jenseits des Pomp ist Niemandsland. Das Elend liegt nahtlos um die Ecke. Die Löcher in ehemaligen oder unvollendeten Bürgersteigen, die sich über teerschwarzen, stinkenden Abwasserkanälen öffnen, sind so groß, dass ein Moped darin verschwinden könnte. Kleineleuteviertel gehen rasch über in Armenviertel, geprägt von aus den Fugen geratenen Häusern, die nur durch guten Willen, Hoffnung und sehr viele Wäscheleinen zusammengehalten werden. Während des Ramadan boomt der Babyverleih: Arme Familien verpachten ihre Säuglinge für ein paar Rupiah an Bettlerinnen, die mit den Babys auf dem Arm zum Zwecke der effektiveren Mitleidserregung in Scharen an Kreuzungen und im Stau Autofahrer anbetteln.

Die Hauptstädter, besonders die jungen Blackberry- und Mac-Besitzer, bezeichnen ihre Stadt gerne als buzzling, als asiatische Antwort auf New York oder Paris. Dass dazu mehr gehört als Konsumtempel und Abgaswolken, wird dabei lieber übergangen. Für viele ist der Stau ein Ausdruck von Wohlstand: Wo nichts sei, könne sich auch nichts stauen. Auf die fatale Stadtplanung und den schon vor 20 Jahren absehbaren Mangel an Straßenfläche und einem öffentlichen Nahverkehrssystem kommt man nicht gerne zu sprechen. Auch nicht auf das katastrophale Müll- und Abwassersystem oder die alljährlich während der Regenzeit wiederkehrenden Überschwemmungen, bei denen jedes Mal Tausende ihre Häuser und nicht wenige ihr Leben verlieren. Wie Monumente des Versagens mahnen über viele Straßenkilometer die verrotteten Pfeiler einer vor zehn Jahren vollmundig angekündigten Hochbahn, die endlich die Rettung vor dem Verkehrskollaps bringen sollte. Sang- und klanglos wurde das Projekt eingestellt. Bürokratische Hürden, Streitereien bei der Auftragsvergabe und das „Verschwinden“ öffentlicher Gelder dürften, wie beim Scheitern der meisten öffentlichen Vorhaben, auch hier die Gründe gewesen sein. Soziale Ungerechtigkeit, Armut und Korruption sind nicht auf die Hauptstadt beschränkt, im Gegenteil. Aber in Jakarta laufen die Fäden zusammen, hier werden Entscheidungen getroffen, hierher fließt das Geld, und hier versickert es auch. Hier lassen sich die Probleme des Landes wie durch ein Brennglas betrachten; gelöst werden die wenigsten.

weiterlesen…    Java: Kulturelles und politisches Zentrum ….. Transmigrasi… Koloniales Erbe… Reiches armes Indonesien
Zur Person: Doris K.amino M.A.,geb. 1958; Publizistin und Journalistin; lebt in Jakarta/ Indonesien                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                weiterlesen….Alle acht Beiträge zu INDONESIEN (PDF-Version)