Kategorie-Archiv: Religion & Kultur

Das Herz von Hia spricht

Johannes Maria Hämmerle

DAS HERZ VON HIA SPRICHT

Die Urbevölkerung von Nias/ Indonesien

Bekommt man dieses  400 Seiten dicke Buch in die Hände, dann machen eventuell gleich zwei Dinge neugierig:    Das Bild einer Tigerfigur – mehr wie ein Leopard gefleckt – auf einem Tragepodest und dazu der Buchtitel „Das Herz von Hia spricht“.  Da möchte man ja gerne  wissen, was denn beide miteinander zu tun haben könnten. Davon soll später noch die Rede sein. Aber der Untertitel erklärt dann ein wenig,  worum es geht:   „Die Urbevölkerung von Nias / Indonesien“. Nias, ein kleines – der großen Insel Sumatra vorgelagertes – Eiland  im indischen Ozean.  

Dieses Nias war in Deutschland bis vor wenigen Jahrzehnten  nur einer Handvoll Ethnologen bekannt. Schon länger und intensiver allerdings der seit 1865 tätigen ev. Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) – Wuppertal, und seit 1955 den kath.  Missionaren der Rheinisch-Westfälischen Kapuzinerprovinz.  Das hat sich inzwischen etwas geändert, als ab den 1990-er Jahren die internationale Surfer-Elite die großen Wellen in der Lagundri-Bucht in Südnias entdeckte. Zwar hatten Touristik-Unternehmen schon in 1970-er Jahren die Attraktivität der großen Adat-Dörfer in Südnias  in ihren Notizbüchern, aber die völlig unterentwickelte Infrastruktur der Insel ließ die Geschäfte nicht richtig in Gang kommen. Die Insel zu besuchen, war immer noch ein touristischer Geheimtipp.

Das änderte sich schlagartig, als 2004 der katastrophale Tsunami  von Aceh/ Nordsumatra und 2005 ein verheerendes Erdbeben der Stärke RS 8,7 die Insel Nias ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit rückten. ( nb. Der vertikale Stoß dieses Bebens von 2005 war so stark, dass der westliche Teil der Insel ca. 3 m angehoben wurde und sich die Küstenform der Insel drastisch veränderte) Eine Welle der Hilfsbereitschaft – vor allem auch aus Deutschland – und ein fünfjähriges Wiederaufbauprogramm der Regierung erschloss die Insel erfolgreich  für die Außenwelt.  Und damit begann auch ein erhöhtes touristisches Interesse an der einzigartigen Kultur der Insel Nias.

Und hier setzt die Arbeit des Autors Johannes Maria Hämmerle an, eines deutschen Kapuzinerpaters –  inzwischen mit indonesischem Pass – der seit 1972 auf der Insel lebt. Neben seiner Tätigkeit als Pastor, begann er schon bald, sich sehr intensiv mit der offensichtlich verschwindenden Kultur des alten Nias zu beschäftigen, die durch die 150 jährige Christianisierung und den rasanten Modernisierungsschub in der Bevölkerung immer mehr in Vergessenheit zu geraten schien. 

„Nias, eine eigene Welt“

Er begann mit dem Sammeln von Texten in niassischer Sprache  der nur in mündlicher Form überlieferten Gesänge und Rezitationen der ehemals großen Feste der alten autochtonen Niaskultur. Er begann sie zu notieren und  seit 1984 auch zu publizieren. Das ermöglicht einer Generation junger Niasser den Zugang zu ihrer eigenen – heute fast vergessenen – Tradition und bestärkt sie, im großen Konzert der vielen lokalen indonesischen Kulturen  mit berechtigtem Stolz sich zu ihrer eigenen Kultur zu bekennen.  Darüber hinaus gründete P. Johannes in der Hauptstadt Gunung Sitoli das  „Museum Pusaka Nias“ ( Museum des Erbes von Nias),  in dem den  – vor allem niassischen – Besuchern die Begegnung mit Zeugnissen und Artefakten der Niaskultur erfahrbar wird.  

Eine ausführlichere Darstellung der hier skizzierten Informationen bekommt der Leser in der interessanten Einleitung des Buches, die sehr notwendig ist, um sich einen Zugang zum Inhalt  des Buches zu ermöglichen.  Für Leser, die schon  das 1999 erschienene Buch  des Autors „Nias, eine eigene Welt“  (Academia Verlag – St. Augustin)  gelesen  hatten, wird vieles in diesem neuen Buch nicht ganz so fremd und exotisch sein – aber auch damals schon ein Buch für „Nias-Insider“.  

In diesem neuen Buch geht es noch konzentrierter um ganz bestimmte überlieferte Texte und kulturelle Traditionen speziell in Südnias.  Wenn in diesem Buch das „Herz von Hia spricht“, dann spricht es vor allem von den Traditionen, der Adatkultur  von Südnias, speziell  dem Gebiet von Maenamölö. Hia als der mythische Urahn und Urvater, auf den sich alle Sippen (Mado) und Dörfer (banua) in Südnias zurückführen,    so wie wir es heute noch mit seinen bekannten Dörfern, Pfahlhäusern und Menhiren, den  ‚Adu‘  kennen. Es spricht Hia als Börönadu = Grund und Anfang der Adu, – Symbol der Ahnenverehrung – mit dem die uns bekannte Niaskultur ihren Anfang nahm. Hia spricht  zu seinen Kindern und Nachfahren. 

Waren frühere Ethnologen  davon ausgegangen, dass diese Kultur sich auf eine protomalayische Zuwanderung vor etwa 2000 Jahren gründete, so glaubt  P. Johannes M. Hämmerle genügend Gründe gefunden  zu haben, dass diese uns bekannte und erforschbare Kultur – jenseits aller früheren Zuwanderungen – „nur“ etwa 600 Jahre alt sein dürfte.

„Die mündliche Tradition von Nias begann vor ca. 600 Jahren mit der Einwanderung einer kleinen Gruppe von der Westküste Sumatras nach Südnias. Die Physiognomie der Bewohner weist oft chinesische Züge auf. Die mündliche Tradition berichtet vom Beginn der Ahnenfiguren (adu) und von der Ahnenverehrung in Gomo, Börönadu.  

Hier in Gomo fanden diese Einwanderer ihre erste Heimat auf Nias. Sie brachten die Sitte, das Adat-Recht, mit. Sie führten die Schmiedekunst und das Zimmermannshandwerk ein. Jetzt erst konnte sich die einzigartige Architektur der niassischen Pfahlhäuser entwickeln. Die mündliche Tradition berichtet von den Errungenschaften dieser Neuzeit.

Die Saembu-Figur in Gestalt einer schönen Frau und Göttin sowie die Tigerfigur werden in Prozession umhergetragen. Bei der Feier dieser beiden Prozessionen geht es darum, die Rechtsversammlung zur Erneuerung, Formulierung und Bestätigung der beschlossenen Gesetze abzuhalten.“ (Zitat)

Auch die schon auf dem Buchcover abgebildete Tigerfigur scheint ein Beleg für diese Zuwanderung aus Sumatra zu sein. Auf Nias hat es nie lebende Tiger – wie etwa bis heute auf Sumatra – gegeben. Trotzdem dient die Figur dieses Tieres als Symbol der Macht und des Rechts der Dorfchefs, die auch ihre Repräsentationsschwerter (tolögu) mit echten Tigerzähnen schmückten.

Auch ein Blick in die Geschichte Chinas als maritime Großmacht des 14. Jahrhunderts  im südostasiatischen Raum, lässt eine chinesische  Zuwanderung in Nias in dem genannten Zeitraum als möglich erscheinen.  Trotz der doch sehr überzeugenden Argumente zur  kulturellen Genese der Niasser,  harren doch noch eine Reihe von Fragen auf eine befriedigende Antwort. Zum Beispiel ist die niassische Sprache kein chinesischer Dialekt, wie man es vielleicht aus dieser Zuwanderungsthese erwarten könnte, sondern wird von den Ethnologen der protomalayischen  Sprachfamilie zugeordnet.  Aber vielleicht gibt es auch für dieses Problem bald eine befriedigende Antwort.  Als Laie ist man in diesem Bereich ganz auf das Wissen der Fachleute angewiesen, die diesen Ansatz diskutieren  müssen.

Probleme mit der Lektüre

Obwohl das Buch in einem flüssigen und gut lesbaren Deutsch verfasst ist, wird dem deutschen/europäischen Leser dieses Buches Einiges abverlangt. Die Bilder und Vorstellungen der mythischen Texte sind uns nur schwer zugänglich und verstehbar, machen aber deutlich, in welcher Vorstellungswelt sich das Leben der alten Niasser bewegte. „ Nias , wahrlich eine eigene Welt.“ In diesem  neuen Buch  belegt eine Fülle von Texten,  Genealogien, Dorf und Flussnamen, ein umfangreiches  Glossar niassischer Worte und Idioms, Zeichnungen und Fotografien die bewundernswerte  Kenntnis und Fleißarbeit des Autors, deren Bedeutung eigentlich nur ein ethnologisch interessierter „Nias-Insider“ wirklich zu würdigen weiß.  

Deswegen darf man auch die deutschen Leser beglückwünschen, die sich eine so spezielle Lektüre zutrauen, und die dann sicher auch für  fünf Sterne plädieren würden, die dieses Buch sicher verdient. Dank auch an den Academia Verlag- Sankt Augustin, der 2018 die Publikation eines so speziellen Werkes  für den deutschen Leser ermöglichte. (KS 2020)

Ernesto Cardenal + RIP

Ernesto Cardenal – gestern am Sonntag, dem 1.März 2020 ist er im Alter von 95 Jahren gestorben. Es gibt Nachrufe und Würdigungen seines Lebens und seiner Arbeit in allen seriösen Zeitungen der Welt. Denn er war die Stimme der Revolution  in den 1970-er Jahren gegen die Diktatur Samozas in Nicaragua und die letzten 25 Jahre auch gegen den derzeitig autoritär regierenden Daniel Ortega, seinen ehemaligen Freund und Kampfgefährten.

Aber er war nicht nur die Stimme der Revolution, sondern auch ein konsequent für die Armen engagierter Priester und Theologe. Dieses theologische Engagement, das sich mit dem Begriff „Befreiungstheologie“ verbindet, brachte ihn in Konflikt mit Papst Johannes Paul II., der ihm dann 1985 auch die Ausübung seiner priesterlichen Tätigkeit verbot. Erst der derzeitige Papst Franziskus – selbst ein Südamerikaner, hob dieses Verbot vor einem Jahr  wieder auf.

Aber Ernesto Cardenal war vor allem ein inspirierender Dichter, dessen inzwischen weltberühmte Gedichte und Essays mich in jungen Jahren sehr beeindruckt hatten. Daher anlässlich seines Todes meine dankbare Erinnerung an ihn. (KS)

Für den Tod hatte er diese  Deutung bereit:

„Sterben heißt in Gott eingehen.                                                                                                                                                                                Wenn Gott kein anderer mehr ist, sondern du selbst.                                                                                                                                                Es ist die Einheit mit Gott, die keiner Religion mehr bedarf.                                                                                                                                 

Dieselbe Kraft, die uns dem Chaos entriss, führt uns auch in den Tod.                                
Ein Verstand, der den Kosmos begreift –
Ein Kosmos, der den Verstand erschafft.
Beide Dinge sind ein und dasselbe.

Aus Sternen geboren- die Sterne erforschend.
Am Ende des Universums steht nur ein Rätsel
und du bist schon darin aufgehoben.“

Ernesto Cardenal (1925 – 2020)

Eschweiler musiziert … 2019

 

Natürlich musiziert in Eschweiler nicht nur die Städt. Musikgesellschaft. Eschweiler freut sich nämlich über eine reiche Musikszene verschiedenster Art. Darin war die Städt. Musikgesellschaft mit ihrem Chor und Orchester vor allem für die Aufführung klassischer Musik zuständig. (Nebenbei bemerkt: sie ist – neben dem Stadttheater Aachen – der einzige „Klangkörper“ in der Euregio, der sowohl über einen Chor als auch über ein Orchester verfügt.)

Aber seit 2018 präsentiert sich das Sommerkonzert der Städt. Musikgesellschaft Eschweiler in einem neuen Format, das  in Verbindung mit dem Städt. Gymnasium Eschweiler vor allem dessen jungen Künstlern, Sängern und Musikern eine Bühne gibt, auf der sie sich im Zusammenspiel mit dem Chor und dem Orchester der Städt. Musikgesellschaft präsentieren können.

Berührungsängste zwischen E- und U-Musik, zwischen Klassik, Jazz und Pop gibt es nicht. Die Eschweiler „Inde-Singers“, die Trompeter Jonas Nobis, Jan Andres, Holger Gilles und Jazzposaunist Bert Konzen im Arrangement  mit einem exzellent aufspielenden Orchester komplementierten den gelungenen musikalischen Event. Und ein begeistertes Publikum gibt dem neuen Konzept recht.  (KS)                                                                                                       Programm_Eschweiler_musiziert_2019

(c) „Eschweiler Nachrichten“ Lokalteil – Montag, 09.09. 2019

Städtische Musikgesellschaft Eschweiler e.V.

Armageddon im Orient …

 

heißt das neueste in 2018 erschienene Buch von Michael Lüders. „Armageddon“ (auch „Harmagedon“) ist ein biblischer Name für den Ort der Entscheidungsschlacht zwischen den „Mächten des Guten und des Bösen“ am Ende der Welt. (Angemerkt:  Für eine nicht unbedeutende Zahl evangelikaler Christen in Amerika ist  Armageddon ein ganz reales militärisches Schlachtfeld, auf dem Gott seine treuen Christen zum Siege über ihre Feinde führen wird.)

Mit dem Titel Armageddon hat Lüders also ein recht dramatisches Ausrufezeichen gesetzt. ( Erinnert sei ein wenig an Saddam Hussiens propagierte „Mutter aller Schlachten“ im 1. Irak/Kuwaitkrieg 1990/91.) Wenn man das Buch aber gelesen hat, dann versteht man schon, welch apokalyptisches Szenario im Orient  droht. Vielleicht wäre ein Fragezeichen hinter dem Titel  angesagt? Der Untertitel gibt aber Aufschluss, worum es derzeit konkret geht: „Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt.“

Was und wer diese Saudi-Connection ist, die im Iran ihren Erzfeind sieht, das ist in diesem Buch in eindrucksvoller Weise dargestellt. Michael Lüders ist ein Garant seriöser Information über die Situation im Nahen Osten und sein Buch wird von der Kritik einmütig gelobt. Es ist de facto viel zu wenig bekannt über die unseriösen bis desaströsen „deals“, die hinter dieser „Saudi-Connection“ stecken. Das Titelbild zeigt ja, welch groteske Inszenierungen in der Ära Trump möglich sind. Sie sind aber  nur die jüngste Auflage einer schon Jahrzehnte dauernden folgenreichen Geschäftsbeziehung zwischen USA und Saudi-Arabien.

Derzeit unter der Regierung Trump geht es um einen sog. „Regime-Change“ im Iran, bei der die Falken unter Trumps Beratern auch eine militärische Interrvention nicht aussschließen. Sicherheitschef John Bolton 2017: „Erklärtes Ziel der USA sollte es sein, das Mullah-Regime in Teheran zu stürzen…“ Und Außenminister Mike Pompeo: „Muslime verabscheuen Christen. Sie werden Druck ausüben, solange wir nicht beten, vereint sind und kämpfen. Solange wir uns nicht vor Augen führen, dass Jesus Christus unser Erlöser ist und die einzige Lösung für unsere Welt bereit hält.“ ( Und dieser Jesus Christus ist dann sicherlich ein republikanischer US-Amerikaner mit  ausgezeichneten Geschäftsbeziehungen zu wahabitischen Prinzen der saudischen Erdölindustrie!!! Sorry, der Tritt gegen das Schienbein dieses unsäglichen Politpromis musste sein. KS)

Über die fatale Politik der USA und mit ihr des Westens siehe auch ein Interview aus 2015 mit Michael Lüders in diesem Blog: „Die ewige Doppelmoral des Westens“ und auch das bittere Resümee Robert Kennedys (jr) „Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“

Neu für uns Leser von 2018/19 sind Lüders Recherchen über die Rolle des Trump- Schwiegersohnes Jared Kushner im Zusammenspiel mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS) und israelischen Hardlinern, sowie Informationen über den furchtbaren Krieg im Jemen, über den hier in den Medien kaum etwas bekannt ist.

Anstelle einer ausführlicheren Rezension zu diesem Buch, hier der Link zu  einem exzellenten Interview im YouTube-Kanal „Jung & naiv“ mit dem Moderator Tilo Jung,  „Armageddon im Orient“, in dem Michael Lüders sich von Tilo Jung befragen lässt. Must see!

Unbedingte Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses Buch. (KS – 08-2019)

Die Wiege des Islam

Glen W. Bowersock:

Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen

Wenn man unter Wiege die frühe Umgebung verstehen will, in die ein kleiner Erdenbürger eingebettet ist, dann hat das Buch einen passenden Titel. Es geht ihm nämlich nicht in erster Linie um die Religion des Islam und seines Propheten Mohammed, sondern um die sozio-kulturelle Umgebung, in der der Islam entstand.

In der Überzeugung der großen Mehrheit der Muslime ist diese  Umgebung vor allem eine feindliche. Ob es nun die heidnischen Mekkaner, die Juden oder die Christen sind, immer sind es Leute und Überzeugungen, gegen die der Prophet Mohammed seine Berufung und seine Botschaft durchsetzen musste.

Das kann man durchaus auch so sehen, wenn man eben nur die durch den Islam sanktionierte Geschichtstradition gelten lassen will, nach der eben der Prophet ab dem Jahre 610 n.Chr. seine Offenbarungen empfangen hat, die im Koran niedergeschrieben sind.  Sie sind direkte und einzigartige Weisungen Gottes an die Welt, die keiner Voraussetzungen bedürfen. Also auch keiner Forschung, inwiefern die im Islam gültigen Lehren ihre eventuellen geschichtlichen Voraussetzungen im Judentum oder Christentum haben.

Für den westlichen Historiker eine ausgemachte Sache: So sehr  man auch die Originalität einer neuen Bewegung schätzen mag, nichts in der Kultur- und Religionsgeschichte entsteht voraussetzungslos. In unserem Fall: welche sozio-kulturellen und religiösen Erfahrungen haben  vermutlich den jungen Mohammed geprägt, bevor er zum Propheten des Islam  berufen wurde?

Oder welche  Bedeutung haben  politischen und kulturellen Großmächte jener Zeit Byzanz, Syrien und Persien für die Ausbreitung des Islam?  Weithin unbekannt die Rolle der christlichen Äthiopier, die unter einem König Abraha in der Region des heutigen Jemen das christliche Königreich Himyar mit der Hauptstadt Sanaa errichteten, das bis kurz vor Mohammeds Geburt im Jahre 570 n.Chr. entscheidenden Einfluss in Südarabien hatte. Anlass für die Intervention der Äthiopier auf der arabischen Halbinsel  war das Blutbad von Nadschraf, das zum Judentum konvertierte Araber an der dortigen Christengemeinde angerichtet hatten.

Dieses und vieles mehr gibt uns Bowersock zu lesen, und wir verstehen, dass dieses Südarabien, in dem der Islam entstand, nicht einfach eine  geschichtslose Wüstenregion war, in der vor allem Händler mit ihren Kamelkarawanen von Oase zu Oase wanderten, sondern eine Region, in der die prägenden kulturellen Kräfte jener Zeit sehr präsent waren.

Fazit

Ein hochinteressantes Buch für alle Leser, die sich bisher mit dem kulturell-politischen Umfeld der Entstehungszeit  des Islam nicht so sehr beschäftigt hatten. Eine kleine Kritik, die die Bedeutung des Buches nicht schmälert, sei mir aber erlaubt:  man muss sich in den einzelnen Kapiteln des Öfteren mit Wiederholungen abfinden, in denen der Autor Zusammenfassungen aus früheren Kapiteln zitiert. (Frage: Waren die Kapitel eventuell früher einmal Vorlesungen oder Vorträge? Dort machen solche Rückgriffe ja Sinn.)

Eine andere Frage ist mir aber durch den Autor zu wenig beantwortet. Was waren das für christliche Gemeinden in Arabien? Wir lesen von miaphysitischen (monophysitischen) Christen z. B. den Äthiopiern, oder auch persischen Nestorianern, für die Jesus nur eine göttliche Natur habe.  Auch gab es sicher  byzantinische Christengemeinden, die das chalzedonensische Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit bekannten .  Aber gab es denn nicht auch noch judenchristliche Gemeinden, für die Jesus  zwar der von Gott gesandte Prophet und Messias war, aber eben nicht Gott selbst als zweite Person der Dreifaltigkeit?

Diese Judenchristen  wurden ja sowohl von den orthodoxen Juden als auch von den anderen Christen abgelehnt und angefeindet. Ihre theologische Position passt  jedoch sehr  genau zu Mohammeds Überzeugungen bezüglich Jesus und Maria oder der Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften, Beschneidung, Thora usw. Dass Mohammed letztlich aber auch von ihnen nicht anerkannt werden konnte, hat wahrscheinlich mit seinem Anspruch zu tun, selbst „Das Siegel der Propheten“ zu sein, ursprünglich ein Würdetitel Jesu. Man wüsste gerne mehr…                                                    aber doch vier Sterne für das Buch. (KS 08-2019)

Andrea Böhms „Mappa mundi“

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung                                                             Eine Erkundung auf vier Kontinenten                                                                                             

 Dass Andrea Böhm eine unglaublich unerschrockene Reisende  ist und dazu auch noch wunderbar spannend erzählen kann, das konnten ihre Leser schon  in ihrem 2013 erschienenen Buch „Gott und die Krokodile“ erfahren, in dem sie von ihrer abenteuerlichen Reise durch den Kongo berichtet, wo sie alleine auf sich gestellt in die gefährlichen Gegenden des östlichen Kongo reiste, wo es für westliche Journalisten keine Sicherheitsgarantien gibt, wenn man wissen und berichten will, wie und von was die Menschen im Herzen Afrikas leben.   (Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben: Must read!)                                 

Nun hat sie 2017 ein neues Buch veröffentlicht, das von den Erfahrungen und Erkenntnissen neuer Reisen berichtet, die die Autorin  an Orten der Welt gemacht hat, von denen man wenig Verlässliches lesen kann. Als Korrespondentin großer Zeitungen wie der taz, GEO und ZEIT mit längerem Aufenthalt  in den USA glaubte sie die Welt eigentlich recht gut zu kennen. Verstärkt durch den Wohnungswechsel nach Beirut zweifelt sie aber immer mehr, ob ihre Sicht der Welt dem wahren Zustand der Welt entspreche. Dem will sie auf die Spur kommen.

Inspiriert wird sie durch eine historische Weltkarte, die  Fra Mauro, ein venezianischer Kamaldulensermönch, etwa um 1450 zeichnete und mit Informationen beschriftete. Seine Mappa mundi –  seine Weltkarte.  Sie enthält das aktuellste Wissen jener Zeit über die Geographie der Erde, wie man sie damals sah. Auch wenn Amerika noch nicht entdeckt  und deshalb nicht eingezeichnet war, so unterscheidet sie sich doch sehr von den damaligen Weltkarten. Nur gewissenhaft verbürgte Fakten und Erkenntnisse sollten in seiner Mappa mundi festgehalten werden. Keine Mythen und Legenden. So machte er entgegen der damals üblichen religiösen Vorstellung  z.B. nicht Jerusalem  zum Zentrum der Welt, sondern verortete es in das muslimische Bagdad. 

Auf dieser Weltkarte des Fra Mauro entdeckt Andrea Böhm Städte und Reiche, die es zwar heute noch gibt – damals sagenhaft reich und  attraktiv, heute aber für eher bedeutungslos gehalten, im Westen höchstens als humanitäre Katastrophengebiete erwähnt werden. Was aus ihnen geworden ist, das will sie persönlich erkunden.

Von Venedig, dem führenden „global player“  im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts, geht es nach Mogadischu in Somalia, einem ehemals bedeutenden Handelszentrum am Horn von Afrika am Indischen Ozean – heute ein fast symbolischer Name für eine „No go-area“ für westliche Besucher. Von dort aus nach Somaliland, einem Land, das es angeblich gar nicht gibt, und vom Rest der Welt auch nicht anerkannt wird. Weiter geht es nach Guangzhou, dem alten Kanton am Perlfluss in Südchina, dem historischen Handelshafen Europas mit China, das heute seine eigene Weltkarte zeichnet. Danach besucht die Autorin Bagdad, dem einstigen Mittelpunkt der Welt und nach Basra im Süden des Irak ins Flussdelta des Euphrat, wo die  Bibel das Paradies vermutete. Danach unter dem Titel Mare nostrum eindringliche Erfahrungen in den Städten des östlichen Mittelmeeres in Tyros, Sidon, Haifa, Ghaza und Alexandria. Und am Ende eine Erkundung einer Gegend am Ostrand Deutschlands, die sich Nowa Amerika nennt und den meisten Deutschen wohl ganz unbekannt sein dürfte.

Eindringliche  persönliche Erinnerungen und Kontakte der Autorin schildern Leben und Überleben von Menschen an diesen Orten im 21. Jahrhundert. Wer hätte zum Beispiel von uns gewusst, dass es in der Millionenmetropole Guanzhou in China ein eigenes Afrikanerviertel gibt, in dem respektable Geschäftsleute aus dem Senegal oder Nigeria  ihre Firmen in China  vertreten – eine Geschäftswelt, in der Europa und Amerika keine Rolle mehr spielen.

Der Leser wird sich  auch die Augen reiben über die Fülle historischer Daten und Fakten, die die Autorin  über die Geschichte und Bedeutung der besuchten Orte zusammengetragen hat, und die vielleicht die persönliche Weltanschauung ihrer Leser  um sehr wichtige Zusammenhänge bereichern wird.

Fazit

Fünf Sterne für ein äußerst lesenswertes Buch, dem man allerdings – und das ist meine einzige Kritik – einen attraktiveren Titel auf einem attraktiveren Cover gegönnt hätte. Auch wenn man  die provokante These vom Ende der westlichen Weltordnung als Andrea Böhms persönliches Resümee  ihrer Reiseerfahrungen teilen wird, so entspricht dieser dürre, fast akademische Titel doch nicht dem überaus lebendig erzählten  Lesestoff.

Authentische Berichte wie diese von  Orten einer Welt, über die wir in der Regel nur aus dem Blickwinkel westlicher Interessen etwas erfahren, sind so notwendig.  Nur wenn es uns gelingt, zu erfahren, wie die Menschen vor Ort über ihre Lage denken, werden wir eventuell verstehen, warum sich die Welt so verändert, wie sie das derzeit tut und eigentlich immer getan hat. Andrea Böhms Reisenotizen lassen etwas davon  ahnen.            (KS 07-2019)

Eintauchen in die Welt der Kindheit

Hajo Kurzenberger: Kopfweitsprung

 „Kopfweitsprung“ – ein wunderbarer Titel für das Projekt, das sich der Autor Hajo Kurzenberger vorgenommen hatte: im Alter von über 70 Jahren möglichst weit in die Welt seiner Kindheit einzutauchen, um ein Stück des eigenen Lebensweges  möglichst treu  nachzugehen und damit die eigene Biographie lebendig werden zu lassen. Aber auch, um  diese Geschichte der heutigen Generation zu erzählen, die sich die Welt der Nachkriegszeit in einer süddeutschen Kleinstadt nur noch schwer vorstellen kann. Das Buch ist ein großes Geschenk  an die Generation von  Enkeln und Urenkeln der Großfamilie und wird ihnen später eventuell helfen können, ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

Wie wir im Buch erfahren, zieht der Autor Hajo Kurzenberger nach Abschluss seiner beruflichen Karriere als Professor für Theaterwissenschaft in Hildesheim zurück ins Elternhaus seiner Heimatstadt Bruchsal, wo er 1944 geboren wurde. Der offensichtlich umfangreiche elterliche Nachlass an Dokumenten, Briefen, Tagebüchern  und Fotos provoziert ihn, diesen Fundus in Verbindung mit den eigenen Erinnerungen und Gefühlen in einem Buch lebendig werden zu lassen. Es ist der Blick zurück in eine Kindheit und Jugend, deren Leben entscheidend vom Aufstieg aus dem Desaster der Nachkriegszeit in  das „Wirtschaftswunder-Deutschland“ der 1950-er Jahre geprägt ist.

Hajo Kurzenbergers Elternhaus ist fast ein Paradebeispiel dafür. Dem Vater Ernst gelingt es zusammen mit seinem Geschäftspartner Kruse schon bald nach Kriegsende  in Bruchsal ein erfolgreiches Herrenbekleidungsgeschäft zu gründen, das der Familie in der Folgezeit einen respektablen Lebensunterhalt verschafft.

Es ist das Leben einer kleinbürgerlichen Familie im katholisch dominierten Milieu der süddeutschen Kleinstadt Bruchsal, wie es sich ähnlich in vielen katholisch geprägten Kleinstädten dieser Zeit abgespielt hat. Wenn da nicht der von Hajo sehr verehrte Vater Ernst gewesen wäre, in dessen Brust wohl zwei Herzen zu schlagen schienen: Die des Vaters und erfolgreichen Geschäftsmannes, der sein Leben lang auch ein begeisterter Ehepartner seiner Frau Ruth war und des leidenschaftlichen Liebhabers von Musik und Kunst. Es war der Vater, der dem Autor die Liebe und den Weg zum Theater ermöglichte, das später sein Beruf werden sollte-

Und noch etwas  unterscheidet diesen Mann von vielen Vätern dieser Zeit: Vater Ernst Kurzenberger hatte kein Problem mit einer verheimlichten Nazivergangenheit, was dem Sohn Hajo den Konflikt mit dem Vater ersparte, der viele Söhne dieser Generation in bittere Auseinandersetzungen mit ihren Vätern trieb.  Vater Ernst war seit früher Jugend begeisterter Pfadfinder, dessen Jugend von den Idealen und Reiseabenteuern der Pfadfinderschaft erfüllt war und der die nationalistische Pervertierung der Ideale der bündischen Jugend durch die HJ sowie das Verbot seiner Organisation den Nationalsozialisten persönlich übel nahm.

Es ist eines der sehr aufschlussreichen Kapitel des Buches, in dem der Autor versucht, das Denken und Fühlen der bündischen Jugend der 1920-er Jahre, die die Jugendjahre seines Vaters waren, zu beschreiben. Auch wird dadurch verständlich, warum der Versuch einer Neuerrichtung bündischer Jugend nach dem Kriege, ob nun Pfadfinderschaft oder katholische Jugend, letztendlich scheitern musste. Man konnte 1945 nicht einfach da weiter machen, wo man 1935 gezwungen wurde aufzuhören. Die Welt hatte sich entscheidend verändert. Es war zu viel passiert.

Ähnlich aufschlussreich ist auch das Kapitel „ Katholisch“, in dem der Autor sehr kenntnisreich und einfühlsam das Denken und Erleben der religiösen Welt seiner Kindheit und Jugend beschreibt.  Wie stark die Feiern und der Rhythmus des Kirchenjahres das Leben prägten.  Auch die damaligen Pfarrer sind ihm in durchaus positiver Erinnerung. Aber ähnlich dem Schicksal der Pfadfinderschaft und der bündischen Jugend war der Restauration des katholischen Milieus der 1930-er Jahre kein dauerhafter Erfolg beschieden, obwohl nach dem Kriege die Kirchen voll waren von Menschen, die nach der Katastrophe dort ihre Heimat suchten.

Fazit

Das Buch gehört in die Reihe der Bücher, die der Nachwelt einen authentischen Eindruck vom Leben einer vergangenen Zeit vermitteln möchten.  Sie sind wichtige Dokumente persönlich erlebter Zeitgeschichte. Viele Fotos im Buch  illustrieren die Erinnerungen. Der Autor Kurzenberger ist ein wunderbarer Erzähler, der aber dem Leser einiges abverlangt. Oft wird man von der Fülle der geschilderten Details überfordert. Das mag in vielem der treuen Dokumentation der Zeit zugute kommen.  So man aber kein Familienmitglied, Freund, Bekannter des Autors oder zumindest Bruchsaler ist, sind einem die Erinnerungsdetails in manchem zu reichlich und persönlich, sodass man öfter das Gefühl hat, an Familieninternas oder Lokalgeschichten  beteiligt zu werden, die man als „Fremder“ nicht unbedingt lesen müsste. Trotzdem sei die Lektüre allen „Nachkriegskindern“ sehr empfohlen.

Vier Sterne für den „Kopfweitsprung“

(KS 07-2019)

Nb. Bzgl Kriegs- und Nachkriegskindheit siehe auch                                                        „Missbrauchte Kindheit“ von Horst H. Geerken 

Deutschland musste mit Gewalt befreit werden…

Gedenktage sind oft unangenehme Pflichttermine, besonders dann, wenn sie uns Deutsche zwingen, uns an die beschämendste Zeit unserer nationalen Geschichte zu erinnern. Und besonders lästig dann, wenn man versucht, wie der Vorsitzende der AfD Gauland es tat, die NS-Zeit als „Vogelschiss in der großen deutschen Geschichte“ darzustellen und zugleich an nationale Gefühle und Vorstellungen zu appellieren, die notwendig seien, um  den globalen Krisen der heutigen Zeit begegnen zu können. Ein fatales Signal!

Es ist hoch an der Zeit, Reden wie die des Historikers Götz Aly, die er vor einigen Tagen in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag gehalten hat, sehr aufmerksam zu lesen, um sich wieder klar zu machen,  welch humanitäre Mega-Katastrophe diese NS-Zeit für uns Deutsche und Millionen Menschen in Europa war und ist. 

„Eine Rede von erhabener Sachlichkeit, Anschaulichkeit und Entschiedenheit“ hat sie der WELT-Korrespondent Robin Alexander bezeichnet. Vielleicht brauchen wir häufiger Reden von dieser Qualität. (KS 2019)

Götz Aly: 

Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 

Wir haben uns versammelt, um an den 27. Januar 1945 zu erinnern – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.  Erst in der Nacht zuvor hatten SS-Truppen das letzte der vier aus Erfurt gelieferten Großkrematorien gesprengt; eines war im Oktober 1944 bei einem Aufstand des „Sonderkommandos“ zur Leichen-verbrennung zerstört, die beiden anderen waren bereits im Dezember zerlegt und Richtung Mauthausen verfrachtet worden. Dort, am Rand der geplanten Alpenfestung, sollte unter dem Codewort „Neu-Auschwitz“ ein gleichwertiges Vernichtungslager entstehen. Bis Ende 1944 waren in Auschwitz eine Million Menschen ermordet worden, die allermeisten, weil sie Juden waren.

Am 27. Januar vor 74 Jahren verharrten noch etwa 7000 von den geflüchteten Wachmannschaften zurückgelassene, extrem geschwächte Häftlinge im Lager. Nach Gefechten mit Wehrmachtsverbänden erreichten zwei vermummte Soldaten das Tor von Auschwitz-Birkenau um 15.00 Uhr. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Soldaten per Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“

Am 15. April rückten britische Truppen auf das Konzentrationslager Bergen-Belsen vor. Auch dort waren die deutschen Bewacher jäh verschwunden. Wie die ungarische Jüdin Lilly Weiss bezeugte, die als einzige ihrer großen Familie überlebte, herrschte unter den Häftlingen äußerste Spannung. Man hörte Schüsse und Kanonendonner – bis plötzlich aus einem Lautsprecher diese Sätze erschollen: „Hier sind die Soldaten der Britischen Armee! Ihr seid frei! Ab morgen gibt es Lebensmittel. Die Kranken werden versorgt, die Gesunden kommen in Quarantäne. Sie können nach Hause. Keine Panik! Jeder bleibt an seinem Platz! Bergen-Belsen ist befreit!“

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Text als Veröffentlichung der „Berliner Zeitung“ – Vielen Dank.

Die Tragödie von Chinas „Reich des Himmlischen Friedens“

Gott der Barbaren von Stephan Thome

Der Roman hätte das Zeug zu einem absoluten Abenteurer-Roman des Phantasy-Genres, wenn er nicht in einem sehr bestimmten  historischen Zeitrahmen im  China des 19. Jahrhunderts spielen würde, und einige Protagonisten des Romans de facto historisch bedeutsame Akteure dieser Zeit wären, die  unter dem Namen „Taiping-Rebellion“ bekannt ist. Das gibt dem Roman seine besondere Bedeutung.

Aber wer – außer einigen Spezialisten der chinesischen Geschichte – weiß denn, dass es in China zwischen 1850 und 1864 eine von schwärmerisch evangelikalen Christen angeführte Rebellion gab, deren revolutionär-kriegerischer Elan kurz davor stand, die alte mandschurische Qing-Dynastie zu stürzen, ganz China zu erobern und in einen „christlichen“ Gottesstaat zu verwandeln?

Der Gott der Barbaren ist der christliche Gott, der von den Chinesen nicht wegen seiner blutrünstigen Befehle barbarisch genannt wird, sondern weil er ein ausländischer Import-Gott ist und die geheiligte konfuzianische Gesellschaftsordnung vernichten will.

Dass davon in europäischer Wahrnehmung so wenig bekannt ist, hat  wahrscheinlich auch mit dem katastrophalen Scheitern dieser Revolution zu tun, die doch zwischen 20 bis  40 Millionen Menschen das Leben kostete – das blutigste Massaker des 19. Jahrhunderts war und erst durch die Massenmorde des 20. Jahrhunderts fatal überboten wurde.  Es gibt nicht sehr viel authentisches Material darüber, da die Sieger versuchten, alle Erinnerung an diesen Aufstand durch die Vernichtung aller Dokumente darüber auszulöschen.

Dass die Revolution des „Taiping Tianguo“ („Das Himmlische Reich des ewigen Friedens“) damals scheiterte, die alte  Mandschu-Dynastie noch bis in die 1920-er Jahre weiter regieren konnte, war nicht zuletzt dem Agieren der europäischen Kolonialmächte, vor allem Englands, zu verdanken, das in den zwei sog. Opiumkriegen seine kolonialen Ambitionen in China mit seinen modernen Waffen militärisch durchzusetzen wusste, und damit in China die „100 Jahre der Schande“ einleitete, wie die Kommunistische Partei der Volksrepublik China diese Phase der chinesischen Geschichte heute nennt.

Übrigens bewertet die KP Chinas heute die Taiping-Rebellion von damals  als gescheiterten Vorläufer der wahren sozialen Revolution durch die KP Mao Tse Dongs.  Das Taiping-Programm war in großen Teilen auch revolutionär: Zerstörung der konfuzianisch-taoistischen begründeten Tradition und Gesellschaftsordnung, Abschaffung des Privateigentums, Enteignung der Großgrundbesitzer und Landverteilung an die landlosen Bauern,  Gleichheit von Mann und Frau im Alltag bis hin zum Militärdienst, Verbot des Zopftragens der Männer, das  den Männern  von den Mandschu-Herren  unter Androhung der Todesstrafe befohlen worden war. Da die Taiping-Männer das Haar offen trugen, wurden sie von ihren Gegnern als „Die Langhaarigen“ bezeichnet. Frauen durften die Füße nicht mehr zu „Lotus-Füßen“ zusammen gebunden werden.

Das alles sollte man eigentlich wissen, bevor man mit der Lektüre dieses 700 Seiten starken Romans  beginnt. Auch wenn es zwei Landkarten im Buch gibt, tut es gut, die Geographie Chinas im Kopf zu haben, um sich in etwa ein Bild davon zu machen, von  welchen Städten, Provinzen und Flüssen im Roman die Rede ist, in denen sich die Dramen der Erzählung ereignen.

Auf jeder Seite des Buches ist zu spüren, dass der Autor Stephan Thome – ein studierter Sinologe -, sich vor Ort seine Romanbühne sehr genau angesehen hat. Das Spiel zwischen historischer Realität und der fiktiven Handlung macht den Reiz dieses hochinteressanten Romans aus, der natürlich nicht einfach eine Reportage der oben genannten Fakten sein will, sondern sehr viel tiefer verstehen will, was in den Herzen und Gedanken der Akteure aus Ost und West in dieser brisanten Phase der chinesischen Geschichte vor sich ging.

Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure, deren Schicksal und Agieren im Roman miteinander verwoben wird, lässt erahnen, auf wie vielen Ebenen sich das Drama abspielen wird.                                                                                                                    (Die mit (*)markierten Namen sind vom Autor erdachte Personen. Alle anderen und viele mehr sind historisch dokumentiert.)

Die Taiping-Rebellen

  • Hong Xiuquan, Titel „Himmlischer König“, ehemaliger Dorflehrer, Angehöriger des Hakkavolkes im Süden Chinas, charismatischer Anführer der Aufständischen, der sich als jüngerer Bruder Jesu durch eine Vision von Gott Vater beauftragt fühlt, China von den ungerechten Zuständen der Mandschu-Herrschaft zu befreien und in ein Reich des Gottesfriedens zu verwandeln.Entwickelt sich vom glühenden Messias der kleinen Leute zum orientalischen Sektendespot, dessen Verhalten den Tod Hunderttausender Anhänger provoziert. Stirbt 1864 bei der Eroberung Nankings durch Gift oder Selbstmord.
  • Hong Rengan, auch Hong Jin genannt, Vetter Hong Xiuquans. In Hongkong von englischen Missionaren getaufter Christ, und Sekretär von Rev. James Legge, dem Leiter der London Missionary Society, ein von revolutionären Ideen für ein modernes China nach europäischem Vorbild begeisterter Mann, der in der Taiping-Rebellion die Chance für  seine Träume gekommen sieht und sich den Taipings anschließt.  Sehr effektiver Organisator des Taiping-Reiches. Nach der Eroberung Nankings durch die Hunan-Armee hingerichtet.
  • Huang Shushua (*), chinesisches Mädchen, aus dessen Tagebuch wir erfahren, wie sehr sie als Frau von der neuen Freiheit der Taiping-Revolution begeistert ist und wie katastrophal für sie persönlich deren Scheitern ist.

Die Ausländer:

  • Philipp Johann Neukamp, *) chinesischer Name Fei Lipu ehemaliger Mitstreiter der Revolution von 1848 in Deutschland und Missionar der Basler Missionsgesellschaft in Hongkong, , engster Freund von Hong Jin, der ihn eingeladen hat,  nach Nanking, der Hauptstadt der Taiping zu kommen. Die  Erlebnisse dieser Reise bilden den Haupterzählstrang des Buches.
  • Alonzo Potter *), amerikanischer Abenteurer und Reisegefährte Neukamps
  • Karl Gützlaff, freievangelischer Chinamissionar, Bibelübersetzer, Diplomat und Betrüger                                                                                                                                        –
  • Lord Elgin, Sonderbotschafter der  englischen Königin Victoria, Verantwortlicher im 2. Opiumkrieg für die Eroberung Pekings und die Zerstörung des berühmten kaiserlichen Sommerpalastes. Symbolfigur des kolonialen Selbstverständnisses der europäischen, speziell der britischen Ambitionen.
  • Robert Taylor Maddox *), Lord Elgins persönlicher Sekretär und Chinaexperte. Als Geisel von Qing- Soldaten gefoltert und getötet.

Die Hunan-Armee

  • Zeng Guofan, Gelehrter und kaiserlicher Beamter, Angehöriger der Han-Bevölkerung Zentralchinas, Oberbefehlshaber der Hunan-Armee, dem 1864 mit der Eroberung Nankings die Niederschlagung der Taiping-Rebellion gelang.
  • Li Hongshan, alias Shan Quan. Schüler von Zeng Guofan, General und Organisator einer militärischen Zusammenarbeit mit britischem Militär zur Modernisierung der Bewaffnung der Hunan-Armee. (In späteren Zeiten als Vizekönig auch auf Besuch in Deutschland.)

Die Qing-Dynastie (das offizielle China)

  • Prinz Gong, Halbbruder des Xianfeng-Kaisers, Gegenspieler und Verhandlungspartner Lord Elgins, Vertrauter der Kaiserinwitwe Ci Xi und eigentlicher Regent Chinas der späten Qingzeit.                      –
  • Ci XI, Kaiserin-Witwe, Konkubine des Xianfengkaisers und Mutter des minderjährigen Thronfolgers Tongzhi

Über viele Seiten hinweg ist das Buch spannend und auch richtig lehrreich. Stephan Thome ist ein Meister der Sprache. Aber seinem Leser wird bei der Lektüre auch einiges zugemutet. Detaillierte Schilderungen der erbarmungslos grausamen Kriegspraxis im damaligen China werden sensiblen Gemütern vielleicht nicht besonders zusagen. Auch die manchmal endlos langen Gespräche, Gedanken und Erinnerungen Lord Elgins oder auf chinesischer Seite auch  die des Generals Zeng Guofan strapazieren gelegentlich die Leselust.  Aber sie alle dienen der möglichst treuen Begegnung  mit den Ereignissen im China des 19. Jahrhunderts.

Dem Autor gebührt das Verdienst, mit seinem Roman  heute über die aktuellen politisch wirtschaftlichen Probleme hinaus,  die Aufmerksamkeit auf den gewaltigen Konflikt zwischen der chinesisch dominierten Kulturgeschichte Asiens und dem Selbstverständnis des europäisch geprägten Westens gelenkt zu haben, der heute mit dem chinesischen Projekt der neuen Seidenstraße in eine neue Phase getreten ist. Auch werden uns die monströsen Fakten der Mao Tse Dong Ära und der der sog. „Kulturrevolution“ von 1966 erklärlicher.  Auch  die nervös brutale Reaktion der KP Chinas auf religiöse Bewegungen wie z.B. die der Faling Gong.

Trotz der obigen Einschränkung  5 Sterne für das Buch und vielen Dank an Werner und Mechthild, die mir dieses Buch ausgewählt und zu Weihnachten geschenkt haben.           (KS 2019)

Anmerkungen zum Buch:

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor ist hier zu lesen.                                  Rezensionen des Buches finden sich in den Stuttgarter Nachrichten und der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel: „Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß.“

Informationen  zum „Taiping – Aufstand“

DIE ZEIT 2010  Martin Herzog: Gottes zweiter Sohn – Der Taiping Aufstand

­­­­http://www.bauernkriege.de/taiping1851.html

http://www.kriegsreisende.de/imperialismus/taiping.htm

https://heimdallwardablog.wordpress.com/2017/11/23/der-taiping-aufstand-christentum-auf-chinesisch-und-der-himmlische-koenig/

Historisches Museum „Himmlisches Königreich der Taiping“ in Nanking

Die kaum erzählte Geschichte einer Generation

Horst H.Geerken: Missbrauchte Kindheit       Geboren im Jahr von Hitlers Machtergreifung

Ja, auch vom sexuellem Missbrauch des siebenjährigen Jungen während seiner Evakuierung  auf einem schwäbischen Bauernhof und seiner kindlichen Hilflosigkeit dieser Erfahrung gegenüber, berichtet der Autor  in seinem Buch „Missbrauchte Kindheit“, einer Erfahrung die in unseren Tagen von so vielen Menschen endlich öffentlich gemacht wird.

Aber schon der Untertitel legt nahe, dass es in diesem Buch um einen weit umfangreicheren Missbrauch  geht. Es geht um die betrogene Kindheit und Jugend der „Generation 33“, wie ein anderer Rezensent sie genannt hat, die von nationalsozialistischen Propaganda verführt und indoktriniert, und noch als Kinder die katastrophalen Konsequenzen dieser Ideologie durch den 2. Weltkrieg erleiden mussten.

Auch wenn der Autor immer wieder engagiert auf das Schicksal und die Seelen traumatisierter Kinder aus derzeitigen  Kriegen in der Welt z.B. im Irak, Afghanistan und Syrien aufmerksam macht, ist sein Buch vor allem die seinen Enkeln in Australien gewidmete Geschichte seiner eigenen Kindheit  in Deutschland von 1933 bis ca 1950.

Der kleine Horst H. Geerken wird 1933 in  Stuttgart geboren. Er wächst auf im kleinbürgerlichen Milieu als Kind einer Familie, in der Vater, und besonders die  Mutter begeisterte Anhänger  Adolf Hitlers sind und auch ihre Kinder im Geiste der NS-Ideologie erziehen.   Es macht die Bedeutung dieses Buches aus, dass  der Autor über diese Zeit, über sich  und seine Familie sehr ehrlich und freimütig berichtet.  Für den etwas nachgeborenen Leser wird durch die detailliert geschilderten Erlebnisse deutlich, auf welcher Woge der Popularität sich Hitler und seine NSDAP in weiten Kreisen der Bevölkerung der  30-er Jahre bewegte, von der dann nach dem Krieg fast niemand etwas gewusst haben will.

Der zweite Teil des Buches widmet sich eindringlich der Erfahrung des Krieges, der Bombennächte, der Zerstörung der elterlichen Wohnung,  der Evakuierung der Kinder aus dem bedrohten Stuttgart auf schwäbische Dörfer,  Horst ist sieben Jahre alt, als er  „verschickt“ wird und erst vier Jahre später zu Mutter und Geschwistern zurückkehren kann. (Er teilt dieses Schicksal mit etwa 2 Millionen deutscher Kinder in dieser Zeit)

Erzählt wird im schon katastrophal zerstörten Deutschland von dem fanatischen Festhalten der Bevölkerung am Glauben an den  „Endsieg“ Hitlers, von  dem Erleben des Einmarschs der amerikanischen   Truppen  und dem Bekanntwerden der unglaublichen Verbrechen der SS in den KZ’s, die man  für Feindpropaganda hält.

Nach 1945  dann die ganz schlimmen Jahre der ausgebombten Familie in der Nachkriegszeit, die mit acht Personen in einer Drei-Zimmerwohnung in Schwäbisch-Hall für Jahre unterkommen muss. Von der Not, dem Hunger und dem Kampf ums physische Überleben, dem  auch  der junge Horst und sein Bruder Hartmut täglich ausgesetzt ist, der erst mit dem Erhalt von sog. CARE- Paketen einer Tante aus Amerika etwas leichter wird. Erst mit der Währungsreform 1948 und dem Entnazifizierungsprozess  und der Wiedereinstellung des Vaters in den Postdienst bessert sich das Schicksal der Familie Geerken, und Horst beginnt als Jugendlicher  seinen eigenen Lebensweg zu suchen.

Das Resümee seiner Erfahrung dieser Zeit hat er im Nachwort seines Buches zusammengefasst:                                                                                                                                  „ Wir Kinder hatten im Dritten Reich eine Jugend ohne Wahrheit! Wir Kinder waren hilflose Opfer, keine Täter! Wir hatten daher nach Kriegsende ein Recht, uns von der unrühmlichen Vergangenheit Deutsch­lands abzugrenzen.

Es dauerte Jahre, bis mir ein Licht aufging, bis ich begriff, welch Unrecht während der NS-Herrschaft geschehen ist. Ich musste selbst lernen, wie ich mich von dem indoktrinierten nationalsozialistischen und antisemitischen Gedankengut des Dritten Reichs befreien konnte, denn die Eltern, wie alle Alten, selbst die Lehrer in der Schule schwiegen zu diesem Thema. Obwohl wir fragten, bekamen wir keine Antwort. Es war ein Thema, dem immer wieder ausgewichen wurde. Alle Erwachsenen flüchteten sich in eine Amnesie.

Die Probleme der Kriegskinder wurden in der Nachkriegszeit schlichtweg von den Erwachsenen vergessen. Wir Kinder, die wir gerade aus dem Horror des Krieges kamen, mussten uns selbst damit auseinandersetzen. Wir mussten uns selbst aufklären, wir mussten aufarbeiten, was unsere Eltern und Großeltern verschwiegen haben“. (Zitat . Missbrauchte Kindheit S. 207)

Ein unbedingt lesenswertes Buch vor allem für alle, die über diese Zeit vielleicht zu wenig wissen, aber auch für solche, die es eigentlich wissen sollten, wie z.B.  Dr. Alexander Gauland, Vorsitzender der AfD, der die Zeit der 12-jährigen NS-Herrschaft als „einen Fliegenschiss in der großen  deutschen Geschichte“ genannt hat.

Für mich, Jahrgang 1941, acht Jahre jünger als der Autor, ist die Nazizeit und auch der Krieg keine erinnerbare Erfahrung, zumal ich auf einem Dorf groß geworden bin, das von den direkten Kriegseinwirkungen verschont blieb. Einige verschüttete Erinnerungen jedoch aus den späten 1940-er Jahren wurden durch Horst H.Geerkens Buch wieder sehr lebendig. Vielen Dank dafür. (KS)