Kategorie-Archiv: Religion & Kultur

Andrea Böhms „Mappa mundi“

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung                                                             Eine Erkundung auf vier Kontinenten                                                                                             

 Dass Andrea Böhm eine unglaublich unerschrockene Reisende  ist und dazu auch noch wunderbar spannend erzählen kann, das konnten ihre Leser schon  in ihrem 2013 erschienenen Buch „Gott und die Krokodile“ erfahren, in dem sie von ihrer abenteuerlichen Reise durch den Kongo berichtet, wo sie alleine auf sich gestellt in die gefährlichen Gegenden des östlichen Kongo reiste, wo es für westliche Journalisten keine Sicherheitsgarantien gibt, wenn man wissen und berichten will, wie und von was die Menschen im Herzen Afrikas leben.   (Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben: Must read!)                                 

Nun hat sie 2017 ein neues Buch veröffentlicht, das von den Erfahrungen und Erkenntnissen neuer Reisen berichtet, die die Autorin  an Orten der Welt gemacht hat, von denen man wenig Verlässliches lesen kann. Als Korrespondentin großer Zeitungen wie der taz, GEO und ZEIT mit längerem Aufenthalt  in den USA glaubte sie die Welt eigentlich recht gut zu kennen. Verstärkt durch den Wohnungswechsel nach Beirut zweifelt sie aber immer mehr, ob ihre Sicht der Welt dem wahren Zustand der Welt entspreche. Dem will sie auf die Spur kommen.

Inspiriert wird sie durch eine historische Weltkarte, die  Fra Mauro, ein venezianischer Kamaldulensermönch, etwa um 1450 zeichnete und mit Informationen beschriftete. Seine Mappa mundi –  seine Weltkarte.  Sie enthält das aktuellste Wissen jener Zeit über die Geographie der Erde, wie man sie damals sah. Auch wenn Amerika noch nicht entdeckt  und deshalb nicht eingezeichnet war, so unterscheidet sie sich doch sehr von den damaligen Weltkarten. Nur gewissenhaft verbürgte Fakten und Erkenntnisse sollten in seiner Mappa mundi festgehalten werden. Keine Mythen und Legenden. So machte er entgegen der damals üblichen religiösen Vorstellung  z.B. nicht Jerusalem  zum Zentrum der Welt, sondern verortete es in das muslimische Bagdad. 

Auf dieser Weltkarte des Fra Mauro entdeckt Andrea Böhm Städte und Reiche, die es zwar heute noch gibt – damals sagenhaft reich und  attraktiv, heute aber für eher bedeutungslos gehalten, im Westen höchstens als humanitäre Katastrophengebiete erwähnt werden. Was aus ihnen geworden ist, das will sie persönlich erkunden.

Von Venedig, dem führenden „global player“  im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts, geht es nach Mogadischu in Somalia, einem ehemals bedeutenden Handelszentrum am Horn von Afrika am Indischen Ozean – heute ein fast symbolischer Name für eine „No go-area“ für westliche Besucher. Von dort aus nach Somaliland, einem Land, das es angeblich gar nicht gibt, und vom Rest der Welt auch nicht anerkannt wird. Weiter geht es nach Guangzhou, dem alten Kanton am Perlfluss in Südchina, dem historischen Handelshafen Europas mit China, das heute seine eigene Weltkarte zeichnet. Danach besucht die Autorin Bagdad, dem einstigen Mittelpunkt der Welt und nach Basra im Süden des Irak ins Flussdelta des Euphrat, wo die  Bibel das Paradies vermutete. Danach unter dem Titel Mare nostrum eindringliche Erfahrungen in den Städten des östlichen Mittelmeeres in Tyros, Sidon, Haifa, Ghaza und Alexandria. Und am Ende eine Erkundung einer Gegend am Ostrand Deutschlands, die sich Nowa Amerika nennt und den meisten Deutschen wohl ganz unbekannt sein dürfte.

Eindringliche  persönliche Erinnerungen und Kontakte der Autorin schildern Leben und Überleben von Menschen an diesen Orten im 21. Jahrhundert. Wer hätte zum Beispiel von uns gewusst, dass es in der Millionenmetropole Guanzhou in China ein eigenes Afrikanerviertel gibt, in dem respektable Geschäftsleute aus dem Senegal oder Nigeria  ihre Firmen in China  vertreten – eine Geschäftswelt, in der Europa und Amerika keine Rolle mehr spielen.

Der Leser wird sich  auch die Augen reiben über die Fülle historischer Daten und Fakten, die die Autorin  über die Geschichte und Bedeutung der besuchten Orte zusammengetragen hat, und die vielleicht die persönliche Weltanschauung ihrer Leser  um sehr wichtige Zusammenhänge bereichern wird.

Fazit

Fünf Sterne für ein äußerst lesenswertes Buch, dem man allerdings – und das ist meine einzige Kritik – einen attraktiveren Titel auf einem attraktiveren Cover gegönnt hätte. Auch wenn man  die provokante These vom Ende der westlichen Weltordnung als Andrea Böhms persönliches Resümee  ihrer Reiseerfahrungen teilen wird, so entspricht dieser dürre, fast akademische Titel doch nicht dem überaus lebendig erzählten  Lesestoff.

Authentische Berichte wie diese von  Orten einer Welt, über die wir in der Regel nur aus dem Blickwinkel westlicher Interessen etwas erfahren, sind so notwendig.  Nur wenn es uns gelingt, zu erfahren, wie die Menschen vor Ort über ihre Lage denken, werden wir eventuell verstehen, warum sich die Welt so verändert, wie sie das derzeit tut und eigentlich immer getan hat. Andrea Böhms Reisenotizen lassen etwas davon  ahnen.            (KS 07-2019)

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Eintauchen in die Welt der Kindheit

Hajo Kurzenberger: Kopfweitsprung

 „Kopfweitsprung“ – ein wunderbarer Titel für das Projekt, das sich der Autor Hajo Kurzenberger vorgenommen hatte: im Alter von über 70 Jahren möglichst weit in die Welt seiner Kindheit einzutauchen, um ein Stück des eigenen Lebensweges  möglichst treu  nachzugehen und damit die eigene Biographie lebendig werden zu lassen. Aber auch, um  diese Geschichte der heutigen Generation zu erzählen, die sich die Welt der Nachkriegszeit in einer süddeutschen Kleinstadt nur noch schwer vorstellen kann. Das Buch ist ein großes Geschenk  an die Generation von  Enkeln und Urenkeln der Großfamilie und wird ihnen später eventuell helfen können, ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

Wie wir im Buch erfahren, zieht der Autor Hajo Kurzenberger nach Abschluss seiner beruflichen Karriere als Professor für Theaterwissenschaft in Hildesheim zurück ins Elternhaus seiner Heimatstadt Bruchsal, wo er 1944 geboren wurde. Der offensichtlich umfangreiche elterliche Nachlass an Dokumenten, Briefen, Tagebüchern  und Fotos provoziert ihn, diesen Fundus in Verbindung mit den eigenen Erinnerungen und Gefühlen in einem Buch lebendig werden zu lassen. Es ist der Blick zurück in eine Kindheit und Jugend, deren Leben entscheidend vom Aufstieg aus dem Desaster der Nachkriegszeit in  das „Wirtschaftswunder-Deutschland“ der 1950-er Jahre geprägt ist.

Hajo Kurzenbachers Elternhaus ist fast ein Paradebeispiel dafür. Dem Vater Ernst gelingt es zusammen mit seinem Geschäftspartner Kruse schon bald nach Kriegsende  in Bruchsal ein erfolgreiches Herrenbekleidungsgeschäft zu gründen, das der Familie in der Folgezeit einen respektablen Lebensunterhalt verschafft.

Es ist das Leben einer kleinbürgerlichen Familie im katholisch dominierten Milieu der süddeutschen Kleinstadt Bruchsal, wie es sich ähnlich in vielen katholisch geprägten Kleinstädten dieser Zeit abgespielt hat. Wenn da nicht der von Hajo sehr verehrte Vater Ernst gewesen wäre, in dessen Brust wohl zwei Herzen zu schlagen schienen: Die des Vaters und erfolgreichen Geschäftsmannes, der sein Leben lang auch ein begeisterter Ehepartner seiner Frau Ruth war und des leidenschaftlichen Liebhabers von Musik und Kunst. Es war der Vater, der dem Autor die Liebe und den Weg zum Theater ermöglichte, das später sein Beruf werden sollte-

Und noch etwas  unterscheidet diesen Mann von vielen Vätern dieser Zeit: Vater Ernst Kurzenberger hatte kein Problem mit einer verheimlichten Nazivergangenheit, was dem Sohn Hajo den Konflikt mit dem Vater ersparte, der viele Söhne dieser Generation in bittere Auseinandersetzungen mit ihren Vätern trieb.  Vater Ernst war seit früher Jugend begeisterter Pfadfinder, dessen Jugend von den Idealen und Reiseabenteuern der Pfadfinderschaft erfüllt war und der die nationalistische Pervertierung der Ideale der bündischen Jugend durch die HJ sowie das Verbot seiner Organisation den Nationalsozialisten persönlich übel nahm.

Es ist eines der sehr aufschlussreichen Kapitel des Buches, in dem der Autor versucht, das Denken und Fühlen der bündischen Jugend der 1920-er Jahre, die die Jugendjahre seines Vaters waren, zu beschreiben. Auch wird dadurch verständlich, warum der Versuch einer Neuerrichtung bündischer Jugend nach dem Kriege, ob nun Pfadfinderschaft oder katholische Jugend, letztendlich scheitern musste. Man konnte 1945 nicht einfach da weiter machen, wo man 1935 gezwungen wurde aufzuhören. Die Welt hatte sich entscheidend verändert. Es war zu viel passiert.

Ähnlich aufschlussreich ist auch das Kapitel „ Katholisch“, in dem der Autor sehr kenntnisreich und einfühlsam das Denken und Erleben der religiösen Welt seiner Kindheit und Jugend beschreibt.  Wie stark die Feiern und der Rhythmus des Kirchenjahres das Leben prägten.  Auch die damaligen Pfarrer sind ihm in durchaus positiver Erinnerung. Aber ähnlich dem Schicksal der Pfadfinderschaft und der bündischen Jugend war der Restauration des katholischen Milieus der 1930-er Jahre kein dauerhafter Erfolg beschieden, obwohl nach dem Kriege die Kirchen voll waren von Menschen, die nach der Katastrophe dort ihre Heimat suchten.

Fazit

Das Buch gehört in die Reihe der Bücher, die der Nachwelt einen authentischen Eindruck vom Leben einer vergangenen Zeit vermitteln möchten.  Sie sind wichtige Dokumente persönlich erlebter Zeitgeschichte. Viele Fotos im Buch  illustrieren die Erinnerungen. Der Autor Kurzenberger ist ein wunderbarer Erzähler, der aber dem Leser einiges abverlangt. Oft wird man von der Fülle der geschilderten Details überfordert. Das mag in vielem der treuen Dokumentation der Zeit zugute kommen.  So man aber kein Familienmitglied, Freund, Bekannter des Autors oder zumindest Bruchsaler ist, sind einem die Erinnerungsdetails in manchem zu reichlich und persönlich, sodass man öfter das Gefühl hat, an Familieninternas oder Lokalgeschichten  beteiligt zu werden, die man als „Fremder“ nicht unbedingt lesen müsste. Trotzdem sei die Lektüre allen „Nachkriegskindern“ sehr empfohlen.

Vier Sterne für den „Kopfweitsprung“

(KS 07-2019)

Nb. Bzgl Kriegs- und Nachkriegskindheit siehe auch                                                        „Missbrauchte Kindheit“ von Horst H. Geerken 

Deutschland musste mit Gewalt befreit werden…

Gedenktage sind oft unangenehme Pflichttermine, besonders dann, wenn sie uns Deutsche zwingen, uns an die beschämendste Zeit unserer nationalen Geschichte zu erinnern. Und besonders lästig dann, wenn man versucht, wie der Vorsitzende der AfD Gauland es tat, die NS-Zeit als „Vogelschiss in der großen deutschen Geschichte“ darzustellen und zugleich an nationale Gefühle und Vorstellungen zu appellieren, die notwendig seien, um  den globalen Krisen der heutigen Zeit begegnen zu können. Ein fatales Signal!

Es ist hoch an der Zeit, Reden wie die des Historikers Götz Aly, die er vor einigen Tagen in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag gehalten hat, sehr aufmerksam zu lesen, um sich wieder klar zu machen,  welch humanitäre Mega-Katastrophe diese NS-Zeit für uns Deutsche und Millionen Menschen in Europa war und ist. 

„Eine Rede von erhabener Sachlichkeit, Anschaulichkeit und Entschiedenheit“ hat sie der WELT-Korrespondent Robin Alexander bezeichnet. Vielleicht brauchen wir häufiger Reden von dieser Qualität. (KS 2019)

Götz Aly: 

Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 

Wir haben uns versammelt, um an den 27. Januar 1945 zu erinnern – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.  Erst in der Nacht zuvor hatten SS-Truppen das letzte der vier aus Erfurt gelieferten Großkrematorien gesprengt; eines war im Oktober 1944 bei einem Aufstand des „Sonderkommandos“ zur Leichen-verbrennung zerstört, die beiden anderen waren bereits im Dezember zerlegt und Richtung Mauthausen verfrachtet worden. Dort, am Rand der geplanten Alpenfestung, sollte unter dem Codewort „Neu-Auschwitz“ ein gleichwertiges Vernichtungslager entstehen. Bis Ende 1944 waren in Auschwitz eine Million Menschen ermordet worden, die allermeisten, weil sie Juden waren.

Am 27. Januar vor 74 Jahren verharrten noch etwa 7000 von den geflüchteten Wachmannschaften zurückgelassene, extrem geschwächte Häftlinge im Lager. Nach Gefechten mit Wehrmachtsverbänden erreichten zwei vermummte Soldaten das Tor von Auschwitz-Birkenau um 15.00 Uhr. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Soldaten per Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“

Am 15. April rückten britische Truppen auf das Konzentrationslager Bergen-Belsen vor. Auch dort waren die deutschen Bewacher jäh verschwunden. Wie die ungarische Jüdin Lilly Weiss bezeugte, die als einzige ihrer großen Familie überlebte, herrschte unter den Häftlingen äußerste Spannung. Man hörte Schüsse und Kanonendonner – bis plötzlich aus einem Lautsprecher diese Sätze erschollen: „Hier sind die Soldaten der Britischen Armee! Ihr seid frei! Ab morgen gibt es Lebensmittel. Die Kranken werden versorgt, die Gesunden kommen in Quarantäne. Sie können nach Hause. Keine Panik! Jeder bleibt an seinem Platz! Bergen-Belsen ist befreit!“

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Text als Veröffentlichung der „Berliner Zeitung“ – Vielen Dank.

Die Tragödie von Chinas Reich des Himmlischen Friedens

Gott der Barbaren von Stephan Thome

Der Roman hätte das Zeug zu einem absoluten Abenteurer-Roman des Phantasy-Genres, wenn er nicht in einem sehr bestimmten  historischen Zeitrahmen im  China des 19. Jahrhunderts spielen würde, und einige Protagonisten des Romans de facto historisch bedeutsame Akteure dieser Zeit wären, die  unter dem Namen „Taiping-Rebellion“ bekannt ist. Das gibt dem Roman seine besondere Bedeutung.

Aber wer – außer einigen Spezialisten der chinesischen Geschichte – weiß denn, dass es in China zwischen 1850 und 1864 eine von schwärmerisch evangelikalen Christen angeführte Rebellion gab, deren revolutionär-kriegerischer Elan kurz davor stand, die alte mandschurische Qing-Dynastie zu stürzen, ganz China zu erobern und in einen „christlichen“ Gottesstaat zu verwandeln?

Der Gott der Barbaren ist der christliche Gott, der von den Chinesen nicht wegen seiner blutrünstigen Befehle barbarisch genannt wird, sondern weil er ein ausländischer Import-Gott ist und die geheiligte konfuzianische Gesellschaftsordnung vernichten will.

Dass davon in europäischer Wahrnehmung so wenig bekannt ist, hat  wahrscheinlich auch mit dem katastrophalen Scheitern dieser Revolution zu tun, die doch zwischen 20 bis  40 Millionen Menschen das Leben kostete – das blutigste Massaker des 19. Jahrhunderts war und erst durch die Massenmorde des 20. Jahrhunderts fatal überboten wurde.  Es gibt nicht sehr viel authentisches Material darüber, da die Sieger versuchten, alle Erinnerung an diesen Aufstand durch die Vernichtung aller Dokumente darüber auszulöschen.

Dass die Revolution des „Taiping Tianguo“ („Das Himmlische Reich des ewigen Friedens“) damals scheiterte, die alte  Mandschu-Dynastie noch bis in die 1920-er Jahre weiter regieren konnte, war nicht zuletzt dem Agieren der europäischen Kolonialmächte, vor allem Englands, zu verdanken, das in den zwei sog. Opiumkriegen seine kolonialen Ambitionen in China mit seinen modernen Waffen militärisch durchzusetzen wusste, und damit in China die „100 Jahre der Schande“ einleitete, wie die Kommunistische Partei der Volksrepublik China diese Phase der chinesischen Geschichte heute nennt.

Übrigens bewertet die KP Chinas heute die Taiping-Rebellion von damals  als gescheiterten Vorläufer der wahren sozialen Revolution durch die KP Mao Tse Dongs.  Das Taiping-Programm war in großen Teilen auch revolutionär: Zerstörung der konfuzianisch-taoistischen begründeten Tradition und Gesellschaftsordnung, Abschaffung des Privateigentums, Enteignung der Großgrundbesitzer und Landverteilung an die landlosen Bauern,  Gleichheit von Mann und Frau im Alltag bis hin zum Militärdienst, Verbot des Zopftragens der Männer, das  den Männern  von den Mandschu-Herren  unter Androhung der Todesstrafe befohlen worden war. Da die Taiping-Männer das Haar offen trugen, wurden sie von ihren Gegnern als „Die Langhaarigen“ bezeichnet. Frauen durften die Füße nicht mehr zu „Lotus-Füßen“ zusammen gebunden werden.

Das alles sollte man eigentlich wissen, bevor man mit der Lektüre dieses 700 Seiten starken Romans  beginnt. Auch wenn es zwei Landkarten im Buch gibt, tut es gut, die Geographie Chinas im Kopf zu haben, um sich in etwa ein Bild davon zu machen, von  welchen Städten, Provinzen und Flüssen im Roman die Rede ist, in denen sich die Dramen der Erzählung ereignen.

Auf jeder Seite des Buches ist zu spüren, dass der Autor Stephan Thome – ein studierter Sinologe -, sich vor Ort seine Romanbühne sehr genau angesehen hat. Das Spiel zwischen historischer Realität und der fiktiven Handlung macht den Reiz dieses hochinteressanten Romans aus, der natürlich nicht einfach eine Reportage der oben genannten Fakten sein will, sondern sehr viel tiefer verstehen will, was in den Herzen und Gedanken der Akteure aus Ost und West in dieser brisanten Phase der chinesischen Geschichte vor sich ging.

Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure, deren Schicksal und Agieren im Roman miteinander verwoben wird, lässt erahnen, auf wie vielen Ebenen sich das Drama abspielen wird.                                                                                                                    (Die mit (*)markierten Namen sind vom Autor erdachte Personen. Alle anderen und viele mehr sind historisch dokumentiert.)

Die Taiping-Rebellen

  • Hong Xiuquan, Titel „Himmlischer König“, ehemaliger Dorflehrer, Angehöriger des Hakkavolkes im Süden Chinas, charismatischer Anführer der Aufständischen, der sich als jüngerer Bruder Jesu durch eine Vision von Gott Vater beauftragt fühlt, China von den ungerechten Zuständen der Mandschu-Herrschaft zu befreien und in ein Reich des Gottesfriedens zu verwandeln.Entwickelt sich vom glühenden Messias der kleinen Leute zum orientalischen Sektendespot, dessen Verhalten den Tod Hunderttausender Anhänger provoziert. Stirbt 1864 bei der Eroberung Nankings durch Gift oder Selbstmord.
  • Hong Rengan, auch Hong Jin genannt, Vetter Hong Xiuquans. In Hongkong von englischen Missionaren getaufter Christ, und Sekretär von Rev. James Legge, dem Leiter der London Missionary Society, ein von revolutionären Ideen für ein modernes China nach europäischem Vorbild begeisterter Mann, der in der Taiping-Rebellion die Chance für  seine Träume gekommen sieht und sich den Taipings anschließt.  Sehr effektiver Organisator des Taiping-Reiches. Nach der Eroberung Nankings durch die Hunan-Armee hingerichtet.
  • Huang Shushua (*), chinesisches Mädchen, aus dessen Tagebuch wir erfahren, wie sehr sie als Frau von der neuen Freiheit der Taiping-Revolution begeistert ist und wie katastrophal für sie persönlich deren Scheitern ist.

Die Ausländer:

  • Philipp Johann Neukamp, *) chinesischer Name Fei Lipu ehemaliger Mitstreiter der Revolution von 1848 in Deutschland und Missionar der Basler Missionsgesellschaft in Hongkong, , engster Freund von Hong Jin, der ihn eingeladen hat,  nach Nanking, der Hauptstadt der Taiping zu kommen. Die  Erlebnisse dieser Reise bilden den Haupterzählstrang des Buches.
  • Alonzo Potter *), amerikanischer Abenteurer und Reisegefährte Neukamps
  • Karl Gützlaff, freievangelischer Chinamissionar, Bibelübersetzer, Diplomat und Betrüger                                                                                                                                        –
  • Lord Elgin, Sonderbotschafter der  englischen Königin Victoria, Verantwortlicher im 2. Opiumkrieg für die Eroberung Pekings und die Zerstörung des berühmten kaiserlichen Sommerpalastes. Symbolfigur des kolonialen Selbstverständnisses der europäischen, speziell der britischen Ambitionen.
  • Robert Taylor Maddox *), Lord Elgins persönlicher Sekretär und Chinaexperte. Als Geisel von Qing- Soldaten gefoltert und getötet.

Die Hunan-Armee

  • Zeng Guofan, Gelehrter und kaiserlicher Beamter, Angehöriger der Han-Bevölkerung Zentralchinas, Oberbefehlshaber der Hunan-Armee, dem 1864 mit der Eroberung Nankings die Niederschlagung der Taiping-Rebellion gelang.
  • Li Hongshan, alias Shan Quan. Schüler von Zeng Guofan, General und Organisator einer militärischen Zusammenarbeit mit britischem Militär zur Modernisierung der Bewaffnung der Hunan-Armee. (In späteren Zeiten als Vizekönig auch auf Besuch in Deutschland.)

Die Qing-Dynastie (das offizielle China)

  • Prinz Gong, Halbbruder des Xianfeng-Kaisers, Gegenspieler und Verhandlungspartner Lord Elgins, Vertrauter der Kaiserinwitwe Ci Xi und eigentlicher Regent Chinas der späten Qingzeit.                      –
  • Ci XI, Kaiserin-Witwe, Konkubine des Xianfengkaisers und Mutter des minderjährigen Thronfolgers Tongzhi

Über viele Seiten hinweg ist das Buch spannend und auch richtig lehrreich. Stephan Thome ist ein Meister der Sprache. Aber seinem Leser wird bei der Lektüre auch einiges zugemutet. Detaillierte Schilderungen der erbarmungslos grausamen Kriegspraxis im damaligen China werden sensiblen Gemütern vielleicht nicht besonders zusagen. Auch die manchmal endlos langen Gespräche, Gedanken und Erinnerungen Lord Elgins oder auf chinesischer Seite auch  die des Generals Zeng Guofan strapazieren gelegentlich die Leselust.  Aber sie alle dienen der möglichst treuen Begegnung  mit den Ereignissen im China des 19. Jahrhunderts.

Dem Autor gebührt das Verdienst, mit seinem Roman  heute über die aktuellen politisch wirtschaftlichen Probleme hinaus,  die Aufmerksamkeit auf den gewaltigen Konflikt zwischen der chinesisch dominierten Kulturgeschichte Asiens und dem Selbstverständnis des europäisch geprägten Westens gelenkt zu haben, der heute mit dem chinesischen Projekt der neuen Seidenstraße in eine neue Phase getreten ist. Auch werden uns die monströsen Fakten der Mao Tse Dong Ära und der der sog. „Kulturrevolution“ von 1966 erklärlicher.  Auch  die nervös brutale Reaktion der KP Chinas auf religiöse Bewegungen wie z.B. die der Faling Gong.

Trotz der obigen Einschränkung  5 Sterne für das Buch und vielen Dank an Werner und Mechthild, die mir dieses Buch ausgewählt und zu Weihnachten geschenkt haben.           (KS 2019)

Anmerkungen zum Buch:

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor ist hier zu lesen.                                  Rezensionen des Buches finden sich in den Stuttgarter Nachrichten und der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel: „Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß.“

Informationen  zum „Taiping – Aufstand“

DIE ZEIT 2010  Martin Herzog: Gottes zweiter Sohn – Der Taiping Aufstand

­­­­http://www.bauernkriege.de/taiping1851.html

http://www.kriegsreisende.de/imperialismus/taiping.htm

https://heimdallwardablog.wordpress.com/2017/11/23/der-taiping-aufstand-christentum-auf-chinesisch-und-der-himmlische-koenig/

 

Die kaum erzählte Geschichte einer Generation

Horst H.Geerken: Missbrauchte Kindheit       Geboren im Jahr von Hitlers Machtergreifung

Ja, auch vom sexuellem Missbrauch des siebenjährigen Jungen während seiner Evakuierung  auf einem schwäbischen Bauernhof und seiner kindlichen Hilflosigkeit dieser Erfahrung gegenüber, berichtet der Autor  in seinem Buch „Missbrauchte Kindheit“, einer Erfahrung die in unseren Tagen von so vielen Menschen endlich öffentlich gemacht wird.

Aber schon der Untertitel legt nahe, dass es in diesem Buch um einen weit umfangreicheren Missbrauch  geht. Es geht um die betrogene Kindheit und Jugend der „Generation 33“, wie ein anderer Rezensent sie genannt hat, die von nationalsozialistischen Propaganda verführt und indoktriniert, und noch als Kinder die katastrophalen Konsequenzen dieser Ideologie durch den 2. Weltkrieg erleiden mussten.

Auch wenn der Autor immer wieder engagiert auf das Schicksal und die Seelen traumatisierter Kinder aus derzeitigen  Kriegen in der Welt z.B. im Irak, Afghanistan und Syrien aufmerksam macht, ist sein Buch vor allem die seinen Enkeln in Australien gewidmete Geschichte seiner eigenen Kindheit  in Deutschland von 1933 bis ca 1950.

Der kleine Horst H. Geerken wird 1933 in  Stuttgart geboren. Er wächst auf im kleinbürgerlichen Milieu als Kind einer Familie, in der Vater, und besonders die  Mutter begeisterte Anhänger  Adolf Hitlers sind und auch ihre Kinder im Geiste der NS-Ideologie erziehen.   Es macht die Bedeutung dieses Buches aus, dass  der Autor über diese Zeit, über sich  und seine Familie sehr ehrlich und freimütig berichtet.  Für den etwas nachgeborenen Leser wird durch die detailliert geschilderten Erlebnisse deutlich, auf welcher Woge der Popularität sich Hitler und seine NSDAP in weiten Kreisen der Bevölkerung der  30-er Jahre bewegte, von der dann nach dem Krieg fast niemand etwas gewusst haben will.

Der zweite Teil des Buches widmet sich eindringlich der Erfahrung des Krieges, der Bombennächte, der Zerstörung der elterlichen Wohnung,  der Evakuierung der Kinder aus dem bedrohten Stuttgart auf schwäbische Dörfer,  Horst ist sieben Jahre alt, als er  „verschickt“ wird und erst vier Jahre später zu Mutter und Geschwistern zurückkehren kann. (Er teilt dieses Schicksal mit etwa 2 Millionen deutscher Kinder in dieser Zeit)

Erzählt wird im schon katastrophal zerstörten Deutschland von dem fanatischen Festhalten der Bevölkerung am Glauben an den  „Endsieg“ Hitlers, von  dem Erleben des Einmarschs der amerikanischen   Truppen  und dem Bekanntwerden der unglaublichen Verbrechen der SS in den KZ’s, die man  für Feindpropaganda hält.

Nach 1945  dann die ganz schlimmen Jahre der ausgebombten Familie in der Nachkriegszeit, die mit acht Personen in einer Drei-Zimmerwohnung in Schwäbisch-Hall für Jahre unterkommen muss. Von der Not, dem Hunger und dem Kampf ums physische Überleben, dem  auch  der junge Horst und sein Bruder Hartmut täglich ausgesetzt ist, der erst mit dem Erhalt von sog. CARE- Paketen einer Tante aus Amerika etwas leichter wird. Erst mit der Währungsreform 1948 und dem Entnazifizierungsprozess  und der Wiedereinstellung des Vaters in den Postdienst bessert sich das Schicksal der Familie Geerken, und Horst beginnt als Jugendlicher  seinen eigenen Lebensweg zu suchen.

Das Resümee seiner Erfahrung dieser Zeit hat er im Nachwort seines Buches zusammengefasst:                                                                                                                                  „ Wir Kinder hatten im Dritten Reich eine Jugend ohne Wahrheit! Wir Kinder waren hilflose Opfer, keine Täter! Wir hatten daher nach Kriegsende ein Recht, uns von der unrühmlichen Vergangenheit Deutsch­lands abzugrenzen.

Es dauerte Jahre, bis mir ein Licht aufging, bis ich begriff, welch Unrecht während der NS-Herrschaft geschehen ist. Ich musste selbst lernen, wie ich mich von dem indoktrinierten nationalsozialistischen und antisemitischen Gedankengut des Dritten Reichs befreien konnte, denn die Eltern, wie alle Alten, selbst die Lehrer in der Schule schwiegen zu diesem Thema. Obwohl wir fragten, bekamen wir keine Antwort. Es war ein Thema, dem immer wieder ausgewichen wurde. Alle Erwachsenen flüchteten sich in eine Amnesie.

Die Probleme der Kriegskinder wurden in der Nachkriegszeit schlichtweg von den Erwachsenen vergessen. Wir Kinder, die wir gerade aus dem Horror des Krieges kamen, mussten uns selbst damit auseinandersetzen. Wir mussten uns selbst aufklären, wir mussten aufarbeiten, was unsere Eltern und Großeltern verschwiegen haben“. (Zitat . Missbrauchte Kindheit S. 207)

Ein unbedingt lesenswertes Buch vor allem für alle, die über diese Zeit vielleicht zu wenig wissen, aber auch für solche, die es eigentlich wissen sollten, wie z.B.  Dr. Alexander Gauland, Vorsitzender der AfD, der die Zeit der 12-jährigen NS-Herrschaft als „einen Fliegenschiss in der großen  deutschen Geschichte“ genannt hat.

Für mich, Jahrgang 1941, acht Jahre jünger als der Autor, ist die Nazizeit und auch der Krieg keine erinnerbare Erfahrung, zumal ich auf einem Dorf groß geworden bin, das von den direkten Kriegseinwirkungen verschont blieb. Einige verschüttete Erinnerungen jedoch aus den späten 1940-er Jahren wurden durch Horst H.Geerkens Buch wieder sehr lebendig. Vielen Dank dafür. (KS)

Klassische Musik als „Event“

Dass die Musik von Schubert und Haydn in der Kölner Philharmonie, in der neuen Oper von Hamburg  oder in anderen hoch subventionierten Konzerttempeln der deutschen Großstädte zu hören ist, gehört natürlich zurecht  zum Kulturbetrieb der Kultur-Republik Deutschland. Die Aufführenden sind dort immer Solisten, Chöre und Orchester, deren Professionalität die Qualität der Aufführung garantiert. Geniale Kompositionen verlangen geniale Interpreten!

Man bekommt das zu spüren, wenn man als Chor und Orchester einer  musikalischen Amateurformation wie der Städtische Musikgesellschaft Eschweiler  sich dieser Herausforderung stellt, solche genialen Werke live zu präsentieren. Wer je in einem Amateur-Chor oder Amateur- Orchester mitgewirkt hat, wird das bestätigen können.

Aber ohne  einen begeisternd kompetenten  musikalischen Leiter – wie in unserem Fall – Jeremy Hulin, – würde man sich das auch nicht zutrauen. Was Profis vielleicht mit wenigen Proben möglich ist, verlangt von  Amateuren einen erheblichen Übungsaufwand. Dann aber die große Emotion eines gelungenen Konzerts erleben zu dürfen, macht immer wieder alle Akteure stolz und glücklich. Dank auch an die Stadt Eschweiler, ohne deren kulturelles Engagement diese „Events“  in Eschweiler nicht möglich wären.

Vom diesjährigen Herbstkonzert erschien in der Eschweiler Zeitung am 19.11.2018  die folgende Rezension von Andreas Röchter. Vielen Dank! (KS)

Horst H. Geerkens Familien-Saga

DIE AHNEN von Horst H.Geerken

Eine Familiengeschichte in Wort und Bild:                                                                          Geerken/Gerken , Thiel, Mannhardt, Schenk

Ein wunderbares Buch für alle Leser, die irgendwann auf den Gedanken kommen, sich mit der Lebensgeschichte der Männer und Frauen der eigenen Familie zu befassen. Warum bin ich so, wie ich bin und wie ging es denn den Menschen meiner Familie früher? Wo kommen wir denn eigentlich her? Die Älteren unter uns Lesern wissen ja bereits, dass das Interesse daran meist erst in einem Alter einsetzt, in dem schon viele Leute nicht mehr leben, die uns noch authentische Information über die Familiengeschichte und die dazu gehörenden Fakten und Geschichten geben könnten.

Und so  ging es auch dem Autor, der  im Nachwort zu seinem Buch bekennt, leider so manche Familienmitglieder nicht mehr befragen zu können, die noch etwas  wissen konnten über das Leben der Generation davor. Umso erstaunlicher ist aber, was dem Autor in seinem Buch trotzdem gelungen ist: Eine aufwändig historisch abgesicherte Geschichte seiner Vorfahren. sowohl väter- wie mütterlicherseits zu erstellen, die vom Mittelalter bis zum 85. Geburtstag des Autors in 2018 reicht. Erfasst ist die Genealogie der Familien Geerken/Gerken , Thiel, Mannhardt, Schenk.

Viele Jahre hatte Horst H. Geerken  einfach Dokumente und Zeugnisse der Familie gesammelt und abgelegt, bis er fand, dass all diese Dokumente in einen Zusammenhang gebracht werden müssten. Die Idee eines Buches war geboren.  Er meinte, es sei „höchste Zeit, den Stab der Erinnerungen an die noch junge Generation der Nachkommen weiter zu geben.“ Das war bei der Fülle des Materials keine einfache Sache. Ein großes Kompliment an den Autor.

Aber es gibt ja auch wirklich Erstaunliches zu erzählen  und zu berichten über die Vorfahren der Familie des Autors. Auch wenn die Recherche sehr zeitaufwändig gewesen sei, hätte es aber „Freude gemacht, auf den Spuren der Ahnen zu wandern.“  Einiges war bekannt, z.B. dass der Großvater Johann Hinrich Geerken Kunstmaler war und aus Norddeutschland ins Schwabenland kam, aber nicht in der Lage war, seine  Frau und fünf Kinder zu versorgen. Aber dass  z. B. die Tante, Haushälterin bei Albert Einstein war, schien vielleicht nicht so bekannt gewesen zu sein. Auch vielleicht, dass Graf Luckner, ein Seeheld des 1. Weltkriegs, der heimliche Geliebte der Tante Lydia war.

Es gibt so viel zu berichten, was den Nachfahren doch interessant erscheint. Unter den Vorfahren mütterlicherseits fand sich z.B. der berühmte Turmuhrmacher-Meister Johann Michael Mannhardt, dessen Turmuhr heute noch im Köln zu besichtigen ist. Er wiederum war der Sohn eines Klosterbruders, der wohl infolge der Säkularisation seines Klosters seinen Beruf als Braumeister nicht mehr ausüben konnte, seine Kutte an den Nagel hängte und eine Familie gründete, aus deren Schoss nach fünf Generationen der Fernmelde-Ingenieur Horst H. Geerken , der Autor dieses Buches, hervorging.

Und das scheint mir die Stärke dieses Buches auszumachen: Aus dem eigentlich nur historisch-genealogisch und vor allem die weit verzweigte „Geerken-Sippe“ interessierenden Werk, entsteht durch die Erzählung des Autors eine richtig spannende „Familiensaga“,  die auch gut hätte ein Roman sein können, wenn sie nicht vom wirklichen Leben der Familie Geerken berichten würde.  Eine wahrhaft kosmopolitische Familie, deren Mitglieder heute in Europa, USA und Australien zuhause sind.  Die vielen Fotos veranschaulichen das Gelesene.

Der bewegendste Teil des Buches ist die erlebte Zeit des Autors von 1933 bis 2018. Freimütig und detailliert lässt er den Leser an seinem Erleben dieser Zeit teilnehmen.  An der Not der Kindheit der Schwester und des Bruders in Kriegs- und Nachkriegszeit, den Schwierigkeiten des Vaters mit der „Entnazifizierung“, der Jugend in der frühen Bundesrepublik, der ersten Liebe, seinen Hobbies und Leidenschaften, dem beruflichen Werdegang, der 18 erfolgreichen Jahre als Resident der  Firma AEG-Telefunken in Indonesien, der Gründung der Familie mit der Geburt der Tochter in Jakarta, der Übersiedlung nach Australien und der Scheidung  der Ehe, den letzten Jahren der Eltern, dem Leben mit der neuen geliebten Lebensgefährtin und ihrem frühen Tod, der Freude über  die Enkelkinder, denen dieses Buch gewidmet ist.  Horst H. Geerkens Vermächtnis an die nächste Generation, deren lebender „Ahne“ er inzwischen geworden ist.

Fazit: Ein wunderbares Buch für alle, die sich auf eine wahre „Familien-Saga“ einlassen wollen. (KS – Nov 2018)

Nb.

Mehr Details über Kindheit und Jugend des Autors in seinem  Buch                        Missbrauchte Kindheit – Geboren im Jahre von Hitlers Machtergreifung

 Über die Lebensepoche des Autors in Indonesien:                                                                       Der Ruf des Geckos – 18 erlebnisreiche Jahre in Indonesien  und                                               Annette Bräker und Horst H. Geerken: Indonesien – Gestern und heute 

DIE HERZEN DER MÄNNER

Die Herzen der Männer

von Nickolas Butler

Wer von diesem Buch erwartet hatte, dass es uns etwas über die Herzen aller Männer dieser Welt erzählen würde, der wird als deutscher Leser erfahren, dass es in diesem Buch vor allem um die Herzen amerikanischer Männer, und zwar weißer Männer aus Eau Clair/ Wisconsin im mittleren Westen der USA, geht. Noch genauer um die Geschichten von drei Männern, ihren Frauen, ihren Vätern und Müttern, deren Leben wir  über eine Zeit von 1962 bis 2019 verfolgen dürfen. Natürlich geht es in diesem Buch auch um grundlegend menschliche Beziehungsprobleme zwischen Freunden, zwischen Männern und Frauen, der ersten Liebe, dem oft sich abnutzenden Gefühlen im Ehealltag, der Gewalttätigkeit betrunkener Ehemänner, ja auch einer versuchten Vergewaltigung. Aber das alles spielt sich auf einer sehr amerikanischen Bühne ab.  Wenn wir diese Einschränkung akzeptieren, dann dürfen wir an einem hinreißend erzählten Lebensdrama der Freunde Nelson und Jonathan und dessen Sohn Trevor teilnehmen.

 Wenn im ersten Teil des Buches die Welt des amerikanischen Pfadfindersommerlagers Camp Chippewa von 1962 sehr ausführlich geschildert wird, dann ahnt man,  der Autor Nickolas Butler muss das selbst erlebt und beobachtet haben. Ebenso, wie es um die  Herzen 13-jähriger Jungen bestellt ist, die in diesem Lager zu vorbildlichen Amerikanern erzogen werden sollen, deren Erfahrung im Lager ihnen später als Soldaten zugutekommen soll.  Die Väter, als ehemalige Pfadfinder begleiten ihre Söhne in diesen Lagerwochen, wobei sie sich erlauben, in dieser Zeit auch Urlaub von ihren Ehefrauen zu nehmen. Trevor muss erfahren, dass sein toller Papa schon einige Jahre eine Freundin hat, und ihm während dieses Sommerlagers klar macht, dass er sich scheiden  lassen will. Für Trevor bricht eine Welt zusammen, zumal ihm sein Vater unbedingt beibringen möchte, dass seine unbedingte Liebe zur Schulkameradin Rachel auch keine Zukunft haben würde. Dass sich Trevor und Rachel in späteren Jahren nach einigen Umwegen  doch noch einmal finden und ein unzertrennliches Ehepaar werden, gehört zu den überraschenden Wendungen der Geschichte.

Sowohl Nelson, als auch Jonathans Sohn Trevor, werden später beim Militär  ihre entscheidende Prägung erfahren. Der erwachsene Nelson als traumatisierter Vietnamheimkehrer, der immer wieder in Albträumen von den Erlebnissen dieses Krieges heimgesucht wird, und sich nicht wieder in einem normalen bürgerlichen Leben zurecht findet und von Gelegenheitsjobs lebt, sieht seine weitere Lebensaufgabe darin, im Sommer als Leiter des Pfadfinderlagers, die Jungen einer neuen Generation im Geiste der amerikanischen Pfadfinder zu erziehen. Auch Trevor, der Sohn seines Freundes Jonathan wird die jährlichen Sommerferien dort verbringen und von ihm geprägt werden.

Auch noch Trevors Sohn Thomas, Jonathans Enkel, muss im Jahre 2019 noch im Alter von sechzehn Jahren mit seiner Mutter Rachel in das Pfandfindercamp fahren, das immer noch von dem alten Nelson geleitet wird. Thomas Vater Trevor, ein im Afghanistankrieg hochdekorierter Soldat, kam noch vor der Geburt seines Sohnes durch einen unglückseligen Zufall ums Leben. Rachel als allein erziehende Mutter versucht ihren Sohn im Geiste und in der Verehrung seines Vaters zu erziehen, muss aber erkennen, dass sie als Frau in dieser Männerwelt des Lagers deplatziert ist. Ebenso ihr Sohn Thomas, wie viele anderen Jungen der Smartphone- Generation übrigens auch, will nichts mehr mit dieser Lagerwelt zu tun haben. Nelson wird schwer verletzt und stirbt, als er die versuchte Vergewaltigung Rachels durch einen Lager-Vater gerade noch verhindern kann. Nelsons Tod bedeutet auch, dass die Welt dieses „Pfadfinder-Amerika“ zu Ende geht.

Fazit: Ein hinreißendes, wunderbar erzähltes Buch über die Welt  der Menschen des weißen Amerika im mittleren Westen. Erinnerungen an die Männergeschichten von John Updikes „Rabbit“ seien erlaubt. Sollte dieses Buch von Autor Butler aber als gewollt literarisches Porträt von Menschen des gegenwärtigen Wisconsin sein, dann bleiben doch einige Fragen. Außer ein paar Redewendungen über Demokraten oder Republikaner und die Traumata von Vietnam, Afghanistan und Irak, keine Erwähnung der gegenwärtigen innenpolitischen Konflikte der USA im Zusammenhang mit der Wahl Trumps zum Präsidenten und der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Kein Echo auf das Desaster der Bankenkrise 2008 .  Auch scheint es in der Welt von Eau Clair keine Afroamerikaner und keine lateinamerikanischen Migranten zu geben. Jedenfalls scheinen sie  im Leben für Butlers Protagonisten keine Rolle zu spielen. Ist das gewollt oder vergessen?

 Vielleicht muss man dann doch auch J.D.Vance „Hillbilly Elegie“ lesen, um sich ein kompletteres Bild dieses weißen Amerika zu machen, um die Herzen der amerikanischen Männer ein wenig zu verstehen. (KS – Okt. 2018)

Nb. Mit Dank an meine belesene Schwester Agi, die – wohl vom Titel verführt – mir dieses Buch ungelesen zum Geburtstag schenkte, und der ich es jetzt wohl zur Lektüre unbedingt  zukommen lassen muss.

J.S.Bach’s MATTHÄUSPASSION in Eschweiler

Auch wenn uns Heutigen die Texte der Arien  und Rezitative  der Matthäuspassion aus dem barock-pietistischen Lebensgefühl heute nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar sein mögen, so ist es die geniale Kraft der Musik Johann Sebastian Bachs, die uns  alle auch heute noch in ihren Bann schlägt.

Und so waren auch alle Mitwirkenden aus Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler  stolz und glücklich, als nach fast dreistündiger Aufführung fest stand, dass die lange und intensive Probearbeit der vergangenen Monate nicht umsonst gewesen war. 

Die begeisternde Kompetenz unseres Dirigenten Jeremy Hulin hatte uns überzeugt, diese schwierige Herausforderung meistern zu können. Der Applaus des Publikums in der St. Peter und Paul-Kirche gab ihm recht. Ein großes Dankeschön für dieses Erlebnis. (KS)

 

Detailliertere Information zum Werk und den Mitwirkenden sind hier zu finden.

 

„The poor Palatines“– oder wie kamen arme Pfälzer 1709 in die Londoner Schlagzeilen?

Daniel Defoe:  Kurze Geschichte der Pfälzischen Flüchtlinge

Das war ja spannend: Ein weltbekannter englischer Schriftsteller wie Daniel Defoe, Autor des Romans „Robinson Crusoe“ soll in England eine Schrift über Pfälzische Flüchtlinge verfasst haben?  Das wäre ja nicht nur speziell für heutige Pfälzer, sondern auch für andere deutsche Landsleute eventuell ganz interessant.  Ja, Defoe hat tatsächlich am 11. August 1709 den Traktat  A Brief History oft he Poor Palatine Refugees in London  veröffentlicht. Ein hoch politischer Text, über 300 Jahre alt, der zudem noch eine aktuelle  Brisanz zur heutigen Flüchtlingsdebatte in Deutschland hat.

Besser informierte Leser mögen es mir gnädig nachsehen – ich wusste nicht, dass   Daniel Defoe –  der Autor des Romans „Robinson Crusoe“ – in seiner Zeit vor allem ein sehr gefragter politischer „Journalist“ war, der Zugang  zu wichtigsten Vertretern der damaligen britischen Regierung der Königin Anne Stuart hatte und der seit 1706 regelmäßig in der politischen Zeitschrift „Review“ seinen Kommentar zur „Lage der Nation“ beisteuerte. Ein bisschen Recherche  im Internet macht ja– Google sei Dank – oft ein wenig schlauer.

„Fake-News“ mit tragischen Konsequenzen! 

Aber was hat es denn nun mit den armen Pfälzer Flüchtlingen auf sich?  Im Sommer 1709 in London scheint es das brisanteste soziale Problem gewesen zu sein: Zu Zehntausenden kommen  Menschen aus der Pfalz und Süddeutschland nach England, um Armut und religiöser Verfolgung zu entfliehen und eine bessere Zukunft in den englischen Kolonien Nordamerikas zu finden. Sie verlassen eine pfälzische Heimat, die im  pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) von den Heeren des französischen  Königs Louis XIV. barbarisch verwüstet fast unbewohnbar war. Sie hatten außerdem einen Winter(1708/09) hinter sich, der zu den kältesten Wintern Mitteleuropas zählt. Man hatte den Menschen erzählt, in Carolina, in Amerika würden dringend Menschen gesucht, und die gute englische Königin Anne würde die Überfahrt dorthin bezahlen, was aber nicht der Wahrheit entsprach, wie sich dann in London herausstellte. Auch wenn England tatsächlich Zuwanderung in den Kolonien brauchte, eine solch hohe Zahl an Menschen zu befördern, war sowohl technisch als auch ökonomisch nicht machbar. Defoe hat es in seinem Traktat dokumentiert.

Helfen oder zurückschicken? 

Was aber tun mit zehntausenden mittellosen Menschen, die zunächst  ganz auf die soziale Wohltätigkeit der englischen Bevölkerung angewiesen waren?  Die Diskussion in der Bevölkerung ging hoch her. Besonders die mit eingereisten Katholiken sollte man sofort wieder zurückschicken. Nach eingehender Recherche bei der Regierung und unter den Flüchtlingen, kommt Defoe zu dem Schluss: die beste Lösung sei eine schnelle und systematisch betreute Einbürgerung. Die Flüchtlinge aus der Pfalz seien ehrliche und arbeitsame Leute.  Defoe nennt  detaillierte  Zahlen  und listet  auf, aus welchen Gegenden und Städten der Pfalz die Menschen kämen und  welche Berufe sie hätten. (Er weiß auch, wo Germersheim, Heidelberg, Frankenthal und Philippsburg usw liegt..)

England sei es seiner christlichen Religion schuldig, verfolgte protestantische Flüchtlinge aufzunehmen und sie so schnell wie möglich in Arbeit zu bringen und einzubürgern. Selbst wenn religiöse Verfolgung nicht  der hauptsächliche Auswanderungsgrund sei, so gäbe es doch eine menschliche Pflicht zur Hilfe.  Das führe darüber hinaus zu nationaler Ehre und verspreche außerdem einen beträchtlichen wirtschaftlichen Gewinn. Das belege der Blick auf andere erfolgreiche Länder wie z.B. die Niederlande und Brandenburg, wo die Aufnahme von Einwanderern zu erheblichem staatlichen Wohlstand geführt habe. Soweit das Plädoyer von Daniel Defoe.

Wie es denn den „poor Palatines“ – wie sie in England genannt wurden tatsächlich danach ergangen ist, weiß man nicht so genau. Etwa 3000 Menschen habe man nach Irland gebracht, die Hälfte davon war schon nach einigen Monaten wieder in London. John Robert Moore vermutet in seinem Vorwort, dass wohl ein Teil der Menschen tatsächlich in England geblieben oder wieder auf den Kontinent zurückgekehrt oder auch umgekommen sei. Andere Quellen berichten, dass  tatsächlich ein Teil der armen Pfälzer – nämlich etwa 600 Menschen – eine Schiffspassage ins gelobte Land Carolina geschafft hätte. Davon seien aber nur etwa 300 lebend angekommen. (siehe: Die Queen und ihr Flüchtlingsproblem)

Pfälzer in Amerika

Übrigens war diese geschilderte Auswanderungsbewegung aus der Pfalz in Richtung Amerika weder die erste, noch die letzte. Die größte Welle wird das 19. Jahrhundert bringen, in dem neben Millionen Deutschen  auch wieder zehntausende Pfälzer in die USA emigrieren, dann nicht über den Umweg Rotterdam und England, sondern auf direktem Wege über die Häfen Bremen und Hamburg. Amerika, das Sehnsuchtsland der Migranten des alten Europa. Aber dass nicht jede gelungene Auswanderung nach Amerika auch ein glückliches Schicksal bedeutete, davon  kann so manche Familiengeschichte erzählen. (Und dass nicht jeder erfolgreiche pfälzische Auswandererenkel ein Glück für den Rest der Welt bedeutet, das dürfen wir derzeit  mit Donald Trump erleben. Aber das ist ja noch nicht das Thema von Daniel Defoe.)

Zeitversetzte Aktualität

Was uns an seiner kleinen Geschichte berührt, ist die zeitversetzte Aktualität der Problematik mit unvorhergesehener Massenmigration, der sich eine Gesellschaft plötzlich gegenübersieht. Auch wenn man die Zeiten und die konkreten Bedingungen des Flüchtlingsstroms nach Europa, besonders nach Deutschland mit der Situation in England vor 300 Jahren nicht ohne weiteres vergleichen kann – die Kriege damals waren ein rein europäisches Desaster, die kulturelle Identität europäisch, – so ähneln doch aktuelle Situationen heute erschreckend den Ereignissen von damals.

Da kommt vor 350 Jahren eine wohlhabende und begehrte Region  wie die schöne Pfalz aufgrund dynastischer und religiöser Machtinteressen  erst im 30jährigen Krieg und dann ein paar Jahre später im pfälzischen Erbfolgekrieg in die erbarmungslose Mühle katastrophaler Kriege, denen man nur durch eine geglückte Flucht entrinnen konnte. Irgendwohin, wo man erwartete,  für sich und die Seinen ein besseres Leben zu finden. Eine Situation, die der in Syrien, im Irak und in so vielen Gegenden der Welt im Jahre 2018 so bedrohlich ähnelt. Und dann die Problematik, im erreichten Land aufgenommen und akzeptiert zu werden, auch wenn heute vor allem die kulturell-religiösen Probleme islamischer Migranten eine Integration erschweren. Ich denke aber, Defoes Plädoyer, Migranten schnell in Arbeit zu bringen, für sich selbst sorgen zu lassen und damit auch eine Einbürgerung  möglich  zu machen, ist auch heute noch ein sehr guter Rat.

Auch wenn Defoe’s Text über 300 Jahre alt und seine Ausdrucksweise oft von barocker Weitläufigkeit ist, lohnt es, ihn zu lesen. 85 Seiten sind auch gut zu schaffen. Dank an meine Schwester Hildegard, die mir das Büchlein zur schnellen Lektüre zugeschickt hat.  (KS – Febr. 2018)

Zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema:

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/03/Massenauswanderung                                                                                                                                                                                                        http://www.zeit.de/2016/01/deutsche-fluechtlinge-london-daniel-defoe-anne-stuart

https://de.wikipedia.org/wiki/Massenauswanderung_der_Pf%C3%A4lzer_(1709) 

http://www.woerterwoelfe.de/?p=3401