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Toke‘, Toke‘!

DER RUF DES GECKOS  –  Horst H. Geerken

Können Geckos rufen – wie es der Titel dieses hochinteressanten Buches unterstellt? Ja, müssen wir sagen: Der indonesischen Vertreter dieser Gattung schon, der „Tokek“ – der große Mauergecko, der abends und nachts in den Häusern und Hütten sein unüberhörbares  tiefes Toke‘ ertönen lässt  und dem viele Indonesier magische Kraft zuschreiben: Man zählt aufmerksam, wie oft sein Toke‘ zu hören ist und erfährt dann, ob einem Glück beschert sein wird. Allerdings muss das Toke‘ mindestens siebenmal – am besten aber – neunmal zu hören sein. Soll man so etwas ernst nehmen? Horst Geerken und seiner Familie hat der oft gehörte 9-malige Ruf des Geckos – sowohl privat als auch geschäftlich -18  glückliche Jahre in Indonesien gebracht.

Dabei begann seine Zeit in Jakarta als Geschäftsträger der deutschen Firma AEG –TELEFUNKEN im Jahre 1963 – die bis 1981 währen sollte,  zu einer Zeit, in der Indonesien unter seinem Präsidenten Sukarno auf ein politisch-ökonomisches Desaster zusteuerte, das 1965 mit dem Putsch-Massaker des General Suharto seinen Tiefpunkt erreichte. Horst Geerken hat diese Zeit hautnah erlebt.  Sein Buch erzählt detailreich, welch schwierige Verhältnisse des täglichen Lebens damals selbst für ein Mitglied der deutschen Geschäfts-Community  zu bewältigen waren. Aber auch welch interessante Aufgaben und Begegnungen der junge Geschäftsmann – Horst Geerken war damals gerade 30 Jahre alt – erleben konnte. Er hat im Laufe der Jahre neben vielen Persönlichkeiten  der deutschen Politik und Wirtschaft und der deutschen Botschaft in Indonesien  z.B. auch den damaligen Präsidenten Sukarno persönlich kennen und schätzen gelernt.

Was aber den besonderen Charme dieses Buches ausmacht, ist die Sympathie  für Indonesiens Menschen, ihre  Kultur und Geschichte, der des Autors engagiertes Interesse gilt. Nicht eben selbstverständlich für einen Ingenieur der Nachrichtentechnik! Über  fünfzig Seiten widmet das Buch der Geschichte des Landes, das 350 Jahre eine holländische Kolonie war und seine Unabhängigkeit letztendlich in einem fast fünfjährigen Krieg gegen Holland erkämpfen musste. Sehr gut auch die engagierte Sympathie des Autors für die Rolle Sukarnos, des ersten Präsidenten  Indonesiens, ohne den ein Indonesia Merdeka – ein freies Indonesien, wohl nicht vorstellbar wäre. Schonungslos dokumentiert der Autor auch die Grausamkeiten des kolonialen Terrorregimes als blutige Antwort auf die indonesischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1945 – Fakten, von denen in Europa wenig zu lesen war und die für Holland noch immer ein sehr unpopuläres Kapitel seiner jüngsten Geschichte sind.

Ebenso aufschlussreich Geerkens Schilderung der Rolle der USA für das unabhängige Indonesien. Die anfängliche Unterstützung, dann aber die wiederholten Versuche der CIA den Präsidenten Sukarno durch Attentate zu ermorden  und  schließlich  die maßgebliche Rolle der CIA beim Putsch des General Suharto und dem Massenmord von 1965/66 an hunderttausenden Menschen – ein Trauma, unter dem auch noch das heutige Indonesien leidet.

Neben diesem wichtigen Exkurs in die Geschichte, von der man auch als kurzweiliger Indonesienbesucher ein wenig wissen sollte, sind es vor allem die kenntnisreichen, oft  sehr amüsanten Erlebnisse und Anekdoten aus dem Leben und den Erfahrungen des langjährigen „Expats“ H. Geerken, dem Indonesien – wie er bekennt – zur zweiten Heimat geworden ist.

Wer sollte sich die Lektüre gönnen? Natürlich alle, die ein wenig mehr über Indonesien erfahren wollen, als die Prospekte der Reiseveranstalter dem Touristen an die Hand geben. Für jemanden wie mich aber, der selbst neun Jahre von 1968 -1977 in Indonesien gelebt und gearbeitet hat, also auch ein paar Jahre zur selben Zeit wie der Autor,  bedarf es keiner Leseempfehlung für dieses Buch. Es ist eine lebendige – fast nostalgische Erinnerung an ein Indonesien, das es heute so fast nicht mehr gibt.  Einen herzlichen Dank an den Autor also, der sich die Mühe – aber sicher auch die Freude – gemacht hat, seine indonesischen Erfahrungen mit uns zu teilen. Terima kasih, Pak!

nb.  Das Buch ist ja schon 2009 erschienen, und ich hatte es schon 2010 gelesen.Die kleine Buchrezension hätte eigentlich schon längst verfasst sein müssen. Entstanden ist damals aber zunächst der Blog-Artikel  „Merdeka atau Mati“ über den indonesischen Unabhängigkeitskampf .  Inzwischen hatte ich aber das Buch verliehen und erst vor kurzem wieder in die Hand bekommen. Nach einer neuerlichen Lektüre war es mir eine Herzenssache, mich für das Lesevergnügen durch eine kleine Besprechung zu bedanken.

Oktober 2017 (KS)

 

 

 

 

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HILLBILLY-ELEGIE

J.D.Vance – Hillbilly-Elegie                                                                                                                                                                                            

Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise

„Das wichtigste politische Buch des Jahres 2016“  nennt die Süddeutsche Zeitung dieses Buch, das Millionen von Lesern in den USA bewegte. Obwohl der Autor das Manuskript ja schon vor den Präsidentschaftswahlen 2016 verfasst hatte, macht seine Lektüre sehr verstehbar, wie Donald Trump  mit der populistischen Parole „Make America great again!“ gewählt werden konnte. Deprimierend realistisch wird das Milieu beschrieben, dem er seinen Wahlerfolg verdankt: das Milieu der weißen Arbeiterschicht des Mittleren Westens der USA,  dem sog . „rust belt“.

„Hillbilly-Elegie“ hat J.D.Vance sein Buch genannt. Den Begriff „Elegie“ wird man etwa mit „Klagelied“ oder „Trauerrede“ übersetzen dürfen. Mit „Hillbilly“ verband sich für mich bisher eher eine bestimmte Richtung der amerikanischen Countrymusik, von der aber hier nicht die Rede sein wird, sondern mit „Hillbilly“ bezeichnete man in Amerika  etwas abwertend Leute, die  in den Appalachen-Bergen beheimatet waren, Nachkommen ulster-schottischer Siedler, die seit dem frühen 19. Jahrhundert in diese Gegend eingewandert waren. Voller Stolz hatten sie über Generationen ihre eigene Kultur bewahrt. Aber  aus armen Bergbauern und Tagelöhnern waren Mitte des 20. Jahrhunderts die recht gut verdienenden Fabrikarbeiter der Eisen- und Stahlindustrie in den Städten geworden, die aber spätestens Ende des Jahrhunderts im Zuge der Deindustrialisierung ihre Arbeitsplätze verloren und in prekäre Lebensverhältnisse abstürzten.

Der Untertitel von J.D.Vance  „Hillbilly-Elegie“ heißt:  Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Hillbilly-Elegie ist also das Klagelied des Hillbilly J.D.Vance, dessen persönliche Geschichte eigentlich eine Paradestory eines sozialen Aufsteigers ist, wie die USA sie so lieben. Er ist heute 32 Jahre alt, gut situierter Jurist im Finanzsektor, glücklich verheiratet und lebt in Kalifornien. Aber seine Lebensgeschichte lässt ihn nicht los. Er kann kaum begreifen, wie er dem Teufelskreis von Armut und Chaos, Hilflosigkeit und Gewalt, Drogen und Alkohol entkommen konnte, in den die Familien der Hillbillies geraten sind. Zitat: „Ich war eines dieser Kinder mit einer trostlosen Zukunft. Ich hätte mich beinahe der tiefsitzenden Wut und Verbitterung ergeben, die alle in meinem Umfeld erfasst hatte. Es ist meine wahre Lebensgeschichte  und das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Die Leute sollen wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich fast schon selbst aufgegeben hat, und warum es tatsächlich soweit kommen konnte.“

J.D.Vance ist ein begnadeter Erzähler: Sein Buch, eine bewegend ehrliche und detailreich erzählte Geschichte, voller Sympathie für die Menschen seiner Jugend und Kindheit, voller Dankbarkeit für seine Großmutter Mamaw und Großvater Papaw, deren beharrliche Zuneigung ihn wohl in den kritischen Jahren seiner Jugend vor dem Scheitern bewahrt hat. Aber auch eine sehr schonungslose Betrachtung der Schwächen dieser „Hillbilly-Gesellschaft“, die die Schuld an ihren Lebenskatastrophen – ob privat oder politisch –  immer bei den andern sucht, sich weigert, ihre Situation ehrlich zu betrachten  und nun „Erlösung“  durch politische Scharlatane wie Donald Trump erhofft.

Für alle, die ein wenig mehr von diesem uns so unbekannten Amerika erfahren wollen, ein unbedingt empfehlenswertes Buch. Fünf Sterne! Ein herzliches Dankeschön deswegen auch an meine belesene Schwester Agi, die mir das Buch schenkte. (KS)

 

Denk ich an Deutschland…

Warte nicht auf bessere Zeiten! – Die Autobiographie

Dass er herrliche Lieder schreiben und singen konnte – und übrigens immer noch kann, das ist in Deutschland seit Jahrzehnten bekannt. Gefeiert und mit Applaus überschüttet auf allen Bühnen der Republik. Und das nicht nur aus Sympathie für den von der DDR-Regierung 1976 exilierten Barden.  Seine Lieder und Gedichte scheinen mir ebenso  legendär zutreffend für das Nachkriegs–Deutschland des 20. Jahrhunderts zu sein wie die Heinrich Heines für das Deutschland des 19. Jahrhunderts. Denk ich an Deutschland…

2015  hat der Liedermacher Biermann aber etwas  gemacht, von dem er  bekennt, dass er ohne den konsequenten Zuspruch seiner Frau Pamela sich nicht getraut hätte, zu schreiben: Er hat ein Prosawerk verfasst, eine Autobiographie!

Und was für ein schönes und hochinteressantes Buch da entstanden ist! Das Buch von über 500 Seiten ist der überzeugende Beleg: Biermann beherrscht auch Prosa ganz meisterlich. Schon die Kapitel-Überschriften des Inhaltsverzeichnisses machen neugierig.  Über 200 Tagebücher und  ca. 50.000 Dokumente  seiner Stasi-Akte sind im Buch verarbeitet.

In kurzen überschaubaren Kapiteln lässt Wolf Biermann „das jüdische Kommunistenkind“ (O-Ton Biermann), Jahrgang 1937, uns teilhaben an einem Leben, geprägt durch das kommunistische Elternhaus in Hamburg, das im Widerstand gegen die Nazis den Vater im KZ das Leben kostete.           „Den Kommunismus soff ich mit der Muttermilch. Karl Marxens Utopie war mein Vaterblut. Und das bewährte sich als mein Lebenselixier im Streit mit der DDR-Diktatur“. (S.523)

1953, schickte Mutter Emma den begeisterten Jungkommunisten auf ein Kader-Internat der sich im Aufbau befindlichen DDR. In ihm glühte „die revolutionäre Sehnsucht nach dem roten Paradies“. Diese Sehnsucht teilt er mit einem großen Kreis von Intellektuellen und Künstlern, die spätestens Anfang der sechziger Jahre in immer größere  Konflikte  mit der faktischen Politik der SED geraten, die sie als Verrat am Sozialismus empfinden. Sie alle werden immer enger geheimdienstlich vom  MfS überwacht und manipuliert. Wie deprimierend eng, das wird Biermann erst annähernd klar, als er in 1990-er Jahren  Zugang zu den über 50.000 Stasi- Dokumenten bekommt, die seine Person betreffen.

Neben den detailreichen  Berichten über das Leben  in der DDR dieser Jahre finden sich im Buch viele Fotos, auf denen man sehen kann, mit wie vielen unserer Generation  bekannten Künstlern und Schriftstellern Biermann  befreundet war oder Kontakt hatte. Wie populär er in diesem Kreis war, zeigte sich 1976  in der Protestresolution gegen seine Ausbürgerung, die von über hundert prominenten DDR- Künstlerkollegen unterschrieben wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon sieben Jahre Publikations- und Auftrittsverbot in der DDR, sodass er  damals einem breiteren Publikum in der BRD bekannter war, als dem der DDR.  Ob der Titel des Buches „Warte nicht auf bessere Zeiten“  damals wirklich so ernst gemeint war?

Nach seiner Ausbürgerung war ihm in der damaligen Bundesrepublik  sein  tägliches Hauptthema abhanden gekommen: Widerstand gegen die SED-Diktatur im Namen des wahren Sozialismus.

Es gibt im Leben des Wolf Biermann einige durchgehende, alles durchdringende Themen. Das sind seine Familie, die Freundschaft, die Frauen und die Liebe, der Sozialismus und die erlebte Diktatur des SED-Staates.

Es ist  bewegend  zu lesen, mit welcher Zuneigung, welch engagiertem Respekt er von seiner Familie, seiner Mutter Emma, seinem Vater oder Oma Meume erzählt, von den Freunden, die ihm in so vielen schwierigen Zeiten die Treue gehalten haben. Aber auch von  jenen, die seiner Freundschaft wohl nicht wert waren.

Es ist sympathisch, wie er von den Frauen erzählt, die er geliebt und die ihn geliebt haben und die ihm zehn Kinder geschenkt haben. Kein böses Wort über die sicherlich nicht einfachen Beziehungskrisen. Allen bewahrt diese Biographie ein sympathisches Andenken.

Leidenschaftlich betrachtet er seine eigene Entwicklung, sein Verhältnis zu seinen sozialistisch- kommunistischen Idealen, die ihm im Laufe seines späteren Lebens immer kritikwürdiger erscheinen, eine Auseinandersetzung, die ihm laut eigenem Bekenntnis die größte Kraftanstrengung seines Lebens abverlangte: „Ich verbrauchte meine Kräfte nicht für den Streit mit den falschen Genossen, sondern für den Bruch mit der Illusion Kommunismus.“…  er habe „begriffen, wie hochmütig mein Spott auf die bürgerliche Demokratie war, … das am wenigsten Unmenschliche, was wir Menschen als Gesellschaftsmodell bisher…ausprobiert haben.“

Fazit

Großer Applaus für Wolf Biermann. Abgesehen von der bestechenden Sprachfertigkeit des Autors, die schon alleine eine Lektüre rechtfertigte, verdient dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung für deutsche Zeitgenossen, die die geschilderte Lebenszeit  Biermanns in etwa teilen können. Ehemalige DDR-Bürger werden viel von ihrer damaligen Lebenssituation  wiedererkennen und den Konflikt mit ihren eigenen Lebenserwartungen wiederfinden. Für Leute wie mich, die unter ganz anderer politischer Sozialisation in der BRD groß wurden, und mit der realen Situation der DDR nicht vertraut waren, sind die vielen geschilderten Details des täglichen DDR-Lebens äußerst interessant, auch wenn das Leben der Künstlerszene sicherlich nicht die Normalität des DDR-Alltags war.

Fünf Sterne also für dieses Buch und Dank an  Mechtild und Werner, die mir dieses Buch geschenkt haben. (KS)

PS. Am Ende des Buches findet sich ein Gedicht, das wohl recht viel vom Leben des Wolf Biermann verdichtet mit dem Titel :

Heimweh

Die heile Heimat Utopie hab ich verloren   /  Dafür und ganz kaputt die halbe Welt gewonnen  / Als Kommunistenketzer ward ich neu  geboren / Als Mann erst ist mein Kinderglaube mir zerronnen.

Hab manchmal Heimweh noch nach diesem blöden Hoffen / Statt Mensch wär ich viel lieber Marxens Zwergriese / Die alte Sehnsucht macht mich manchmal noch besoffen  / Spür nächtens den Phantomschmerz aus dem Paradiese.

Dies Höllen-Heimweh trieb mich weg vom Vaterlande  /     Ins Land der Troubadours, wo Wein wächst wie die Lieder / Es trieb mich auch ins Land der Väter, fern am Rande  /   traf dort drei Tausend Jahre alte Freunde wieder.

Allein in meinem kurzen Menschenleben fraß ich /  Zwei Diktaturen, schluckte mehrere Epochen   /Die echten Kriege, falschen Frieden – nichts vergaß ich  /    Hab oft nach Angstschweiß wie nach Heldentum gerochen.

Schlief tief im feinen Duft aus deinen Lebenssäften  /    Mein Weib, du bist Utopia für mich geblieben   /   Ich könnt nicht singen, auch nicht schrein nach Kräften  /     Schon gar nicht schweigen ohne unser blindes Lieben.

Wolf Biermann

 

Besser kann eine Premiere einfach nicht sein

 

Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler begeistern samt Solisten ihr Publikum bei ihrem ersten Konzert unter dem Dirigat von Jeremy Hulin                                            Von Andreas Röchter

Eschweiler. Große Namen standen am Samstagabend auf dem Pro­gramm: Johannes Brahms und Ludwig van Beethoven. Literari­sche Verstärkung erhielt das Duo der musikalischen Genies durch keinen Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe. Und im Geiste waren auch Klavier-Virtuo­sin Clara Schumann und der Meis­terviolinist Joseph Joachim zuge­gen.

So stellten sich die spürbar er­wartungsvollen Gäste des Konzerts der Städtischen Musikgesellschaft in der vollbesetzten Aula des Städ­tischen Gymnasiums vor dem Er­klingen der ersten Melodie sicher­lich die Frage, ob sich Chor und Orchester unter dem Premieren-Dirigat des neuen Ensemble-Lei­ters Jeremy Hulin der anspruchs­vollen Aufgaben gewachsen zeigen würden?

Rund zwei Stunden später waren keinerlei Zweifel mehr vorhanden. Die Zuhörer, darunter auch der ehemalige Chor- und Orchesterlei­ter Horst Berretz, der die Geschicke der Gesellschaft drei Jahrzehnte maßgeblich prägte, erhoben sich von ihren Sitzplätzen und spende­ten frenetischen und dankbaren Applaus.

Diesen erhielten die Sängerin­nen und Sänger sowie die Instrumentalisten der Städtischen Mu­sikgesellschaft, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert, auch von ihrem neuen „Chef“ und einer professionellen Musikerin der Extraklasse: Die großartige Pia­nistin Tomoko Yoneyama begeis­terte zum krönenden Abschluss des Konzerts, das unter dem Titel „Eine Sommerserenade“ stand, mit einer meisterhaften Interpre­tation der „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester Op. 80″ von Ludwig van Beethoven und bildete dabei eine wunderschöne Sym­biose mit den Protagonisten der Musikgesellschaft.

 Beethoven und Brahms

Auch der Start in die neue Ära der Gemeinschaft war dem 1770 in Bonn geborenen Musikgiganten gewidmet: Ludwig van Beethoven, der in den Jahren 1811 und 1812 einen regen Gedankenaustausch mit dem von ihm hochverehrten Dichter Johann Wolfgang von Goethe unterhielt, vertonte we­nige Jahre später dessen Gedichte „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“ zu einer Kantate. Nach dem , schwermütigen, aber stimmlich  anspruchsvollen Beginn, der in  den Worten „Keine Luft von keiner l Seite! Todesstille fürchterlich!“ seinen Ausdruck findet, gelang es – Chor und Orchester unter dem  energischen Dirigat von Jeremy  Hulin eindrucksvoll, hymnisch den  Wind und die Wellen zu entfesseln und das rettende Land in Sicht­weite kommen zu lassen.

 

Inmitten der Klammer Beethoven setzte sich die Musikgesellschaft mit zwei sehr unterschiedlichen Werken von Johannes Brahms aus­einander. Die Sammlung kurzer Lieder, denen der Komponist unter dem Titel „Liebeslieder-Walzer Op. 52″ eine „lyrisch-schwelgerische“ Note gab, forderte von Sängern und Instrumentalisten höchste Konzentration und Genauigkeit. Die 17-jährige Sopranistin Jeanne Jansen setzte einen elektrisierenden Kontrapunkt mit ihrem gelungenen Solo.

Nach der Pause stellte sich das Orchester der Herausforderung einer „Beinahe-Symphonie“ von Brahms, der der Komponist und Pianist schließlich den Titel „Sere­nade Nr. l Op. 11″ gab, nachdem er eine frühere Fassung seinen Freunden Clara Schumann und Jo­seph Joachim im Jahr 1858 vorge­stellt hatte.

 Grandiose Leistung

Das Orchester der Musikgesell­schaft präsentierte den l. Satz Allegro molto und strebte melodiös und ausschweifend, aber dennoch feingliedrig, dem klanglichen Hö­hepunkt des Werkes entgegen. Ein Musikerlebnis der besonders ge­lungenen Art bescherten dann alle Konzert-Mitwirkenden ihren Zu­hörern mit der Wiedergabe von Beethovens „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester Op. 80″. „Wo­bei ich hoffe, dass wir im Hinblick auf die Erstaufführung im Jahr 1811 nicht allzu authentisch auf­treten werden“, bemerkte Jeremy Hulin schmunzelnd.

Schließlich wird die damalige Ausführung als schlecht bezeichnet. Selbst Beethoven, der bei dieser Gelegenheit letztmals öffentlich als Pianist auftrat, hatte wohl nicht den besten Tag innerhalb seines unvergleichlichen Lebenswerkes erwischt. Das Chaos während der Chor-Fantasie soll irgendwann so­gar so groß gewesen sein, dass die Beteiligten den Entschluss fassten, abzubrechen und von vorne zu beginnen.

Da Capo zum Finale

Davon konnte am Samstag in der Aula des Städtischen Gymna­siums allerdings keine Rede sein. Obwohl Tomoko Yoneyama ge­meinsam mit Chor und Orchester den beinahe ekstatischen Schluss­teil der Komposition ebenfalls ein zweites Mal darbrachten. Aber nicht wegen vorherigem Chaos, sondern auf Grund des stürmi­schen Beifalls, den die grandiose Leistung aller Mitwirkenden voll­kommen zu Recht herausgefordert hatte. (AR)

Sie sorgten für ein Musikerlebnis, das so schnell niemand vergisst       ______________________________________________________________________

Die Mitwirkenden des Konzerts:

 Gesamtleitung: Jeremy Hulin

Kla­vier: Tomoko Yoneyama.

 Chor: Sopran: Hildegard Breuer, Claudia Förster, Elke Frohmann, Ursula Helmling, Jeanne Jansen, Maria Johnen, Ute Kowalewski, Edeltraud Müller, Käthe Müller, Stepha­nie Sievers, Doris Sommer;

Alt: Birgit Breckheimer, Stephanie Fell, Sabine Härtung, Ingrid Hilgers-Szemeit, Ga­briela Jansen, Rosemarie Keuthen, Ursula Manthey, Christa Michaizyk, Renate Schwartz, Cornelia Schwarz-Misere, Ursula Weyand;

Tenor: Fried­rich Friedhoff, Georg Lingemann, Markus Paulmann, Johannes Rohrer, Nikolaus Sturm;

Bass: Peter Adrian, Helmut Dolfen, Josef Holtmann-Spötter, Arno Johnen, Andreas Laurs, Johannes Mülfahrt, Lothar Szemeit, Franz Wolters, Wolfgang Zemler, Jür­gen Kozel.

Orchester: Erste Violine: Konzert­meisterin Brigitte Petrovitsch, Astrid Latz, Etelka Nagy, Lisa Plecikova, Vera Wunsch;

Zweite Violine: Roswi-tha Kühnen, Kathrin Lingemann, Yumiko Matsuyama, Ellen Nowack, Mi­chaela Schieren;

Viola: Katharina Lindemann-Docter, Helmut Löwe, Xa­ver Schiffeis;

Violincello: Ingrid Walz, Paula Becker, Helmut Erbstößer, Charlotte Lehmbruck, Wolfram Simonsen;

Kontrabass: Georg Klinkenberg, Klaus Schruff;

Flöte: Anna Boese, Agnes Acs;

Oboe: Christoph Linge­mann, Yvonne Schabarum;

Klari­nette: Jochen Förster, Stephan Wistop;

Fagott: Severin Graff, Katharina Zey;

Hörner: Ulrich Michels, Gereon Graff, Thomas Graff, Simon Bauer;

Trompete: Jonas Nobis, Didier Dhont;

Pauke, Schlagwerk: Martin Graff.

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(c) Eschweiler Nachrichten – 8. Mai 2017

Die ausgebliebene „Friedensdividende“ und andere bittere Erkenntnisse

Heribert Münkler: DIE NEUEN KRIEGE

1990: Welch überschwängliche Hoffnungen hatte sich  die westliche Welt mit der Auflösung des Warschauer Paktes gemacht: Die Supermächte USA und Russlands Sowjetunion hatten sich geeinigt. Der eiserne Vorhang war obsolet. Ende der gegenseitigen nuklearen Bedrohung. Ende des monströsen Aufrüstens, Ende der ruinösen Rüstungsausgaben. Der große Weltkrieg war nicht mehr auf der Agenda.  Kriege schienen nicht mehr realistisch. Vom „Ende der Geschichte“ war die Rede. (F. Fukuyama)

Das war natürlich reichlich blauäugig, aber typisch für die eurozentristische Betrachtung der Welt. Dass zum gleichen Zeitpunkt  auf dem Balkan, im Vorderen Orient und in Afrika  sich katastrophale Auseinander-setzungen ankündigten bzw. Kriege schon blutiger Alltag waren, das wollte man in der neuen Friedensseligkeit nicht wirklich wahrhaben.

Inzwischen ist die Welt weiter denn je davon entfernt,  ein Ort des Friedens zu sein, von  einer damals erhofften „Friedensdividende“ ganz zu schweigen. 50 Millionen Flüchtlinge auf der Welt sind das traurige Ergebnis der neuen Kriege. Dass für die internationale Waffenindustrie ein Friede keine erfreuliche Alternative sei, hätte man allerdings schon damals wissen können. Dass es allerdings der Politik des Westens unter der Führung der USA gelungen ist, die alte Gegnerschaft mit Russland neu zu provozieren, das ist ein politischer Skandal, auch wenn man derzeit sehr bemüht ist, militärisch nicht direkt aneinander zu geraten. Der klassische Staatenkrieg scheint ein historisches Auslaufmodell zu sein. Große Kriege scheinen keine erfolgreichen Siege mehr zu versprechen.

Was ist an ihre Stelle getreten? Was ist charakteristisch für diese neuen Kriege? Heribert Münkler hat sich umgesehen und sein Buch fasst zusammen, was man heute dazu sagen kann und wissen sollte.

„Anstelle der Staaten und ihrer Streitkräfte als kriegführende Parteien treten immer häufiger parastaatliche, teilweise sogar private Akteure -von lokalen Warlords und Guerillagruppen über weltweit operierende Söldnerfirmen bis zu internationalen Terrornetzwerken -, für die der Krieg zu einem dauerhaften Betätigungsfeld geworden ist.  Nicht alle, aber doch viele von ihnen sind Kriegsunternehmer, die den Krieg auf eigene Rechnung führen und sich die benötigten Einnahmen auf unterschiedliche Art und Weise verschaffen.“ (S.7)

Der Krieg als Geschäft, dessen Ende gar nicht wünschenswert erscheint. Will man diese Kriege verstehen, so muss man ihre wirtschaftlichen Grundlagen in den Blick nehmen. Ohne Rentabilität der Gewalt keine Privatisierung des Krieges.

Im Hinblick auf die religiösen – aktuell die islamistischen – Aspekte der Auseinandersetzungen ist Münklers Verweis und Analyse  auf  die Konstellationen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) äußerst aufschlussreich.

Die damalige Gemengelage weist viele Parallelen zur heutigen Situation auf und erklärt, warum man nicht auf ein schnelles Ende dieser neuen Kriege hoffen sollte. Religiöse Motive spielten übrigens auch damals nicht die Rolle, die ihnen pauschal gerne unterstellt wird.

Sehr aufschlussreich Münklers Beschäftigung mit Themen wie „Kindersoldaten“ , „Massenvergewaltigungen von Frauen“ als taktisches Mittel zur sog. ethnischen Säuberung, „Verwüstung von Landschaften“, „Flüchtlingscamps als Versorgungs-Ressource“, „Terrorismus als Kommunikationswaffe“.

Man versteht, warum auch eine militärische Supermacht wie die USA mit all ihrer Hightech-Bewaffnung so hilflos erscheint im Hinblick auf die neuen Formen der „asymmetrischen Kriege“. Die Instrumentalisierung kultureller und religiöser Feindschaften für eigene Interessen haben eine desaströse Situation im Nahen Osten entstehen lassen, deren Lösung  überhaupt nicht absehbar erscheint.

Auch wenn uns Münkler keine  zu großen Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft machen kann, sein Buch ist überaus lesenswert und ein „must read“ für alle, die sich zu diesem Thema äußern wollen. Fünf Sterne.     (KS 30-05-2017)

 

DIE NEUEN DEUTSCHEN

Ein gescheites und notwendiges Buch

DIE NEUEN DEUTSCHEN  von  Herfried und Marina Münkler

Es ist ein gescheites Buch. Nicht etwa, weil seine Autoren beide Universitätsprofessoren sind  – deren Sprachgewohnheiten  sind für den nicht akademisch geschulten Leser manchmal eher hinderlich, sondern weil die Themenausarbeitung historisch und soziologisch weit genug greift, um die Problemlage fundiert zu beleuchten. Und es ist ein notwendiges Buch. Weil sich Deutschland in diesen Jahren – und mit ihm auch Europa – in einer  historischen Zeitenwende befindet, die in der jüngsten Flüchtlings- und Migrationswelle ihren unübersehbaren Ausdruck fand und findet, und dadurch eine heftige Debatte um die nationale Identität entfacht hat, die eine tiefe Spaltung  im gesellschaftlichen Bewusstsein Deutschlands offen legte. „Deutschland, einig Vaterland?“  Von wegen!

Diese Spaltung ist auch in der Reaktion auf dieses Buch festzustellen.  Einerseits eine hohe Zustimmung  und andererseits eine fast ebenso große demonstrative Ablehnung – Beleidigungen inklusive. Die Autoren müssen sich gefallen lassen, als gekaufte Propagandisten der Merkelschen-Flüchtlingspolitik beschimpft zu werden, die ihr wissenschaftliches Renommee an den linksliberalen Mainstream verraten hätten, usw.

Einmal abgesehen davon, dass dieses Buch keine wissenschaftliche Dissertation sein wollte, haben die  Autoren ihren Befund durch eine fast 40-seitige Liste von Anmerkungen und Literaturhinweisen abgestützt. Aber sie wollten ja ein Buch schreiben, das über den universitären Zirkel hinaus, einer  breiten deutschen Öffentlichkeit die wichtigen Überlegungen zur Flüchtlings- und Einwanderungsproblematik deutlich machen sollte. Das Buch hat ein Anliegen und einen sozial-historischen  Standpunkt: Das Deutschland der nahen Zukunft wird nicht mehr dasselbe sein, das es einmal war und schon gar nicht  mehr ist, sondern Deutschland muss sich positiv gestaltend mit der Einwanderungsproblematik auseinandersetzen. Das ist das Gebot der Stunde.

Und die Frage, wer Deutscher ist, entscheidet die gültige Verfassung dieser Republik und nicht irgendwelche Überlegungen zu einer angeblich „deutschen Leitkultur“ oder das „Erbe des christlichen Abendlandes“, über das sich nicht einmal die „alten Deutschen“ aus Hamburg, Berlin und Oberbayern einigen können, geschweige denn AfD, Pegida und die CSU.

Wer sind aber nach Münkler die „alten und die neuen Deutschen“?                                          „Die alten Deutschen sind jene, die an der ethnischen Geschlossenheit des Volkes hängen und sich nichts anderes für die Zukunft vorstellen können. Die neuen Deutschen sind in diesem Fall nicht die Neuankömmlinge, die sich ja überhaupt noch nicht entscheiden müssen, ob sie überhaupt Deutsche werden wollen, sondern jene, die auf ein weltoffenes und nicht mehr ausschließlich ethnisch definiertes Deutschland setzen.“ (Zitat S.13)

Dass Einwanderung und Flüchtlingsaufnahme immer mit Problemen verbunden war, zeigt Münklers exzellenter Exkurs in die Geschichte Deutschlands und Europas. Er zeigt aber auch, dass diese Migrations- und Flüchtlingsgeschichte häufig auch die Chance für einen Neuanfang, sowie einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg war.

Es täte den „alten Deutschen“ sehr gut, diese Kapitel recht andächtig zu lesen, wenn ihnen an Deutschlands Zukunft wirklich gelegen ist, was bei einigen rechten Gruppierungen in der Tat zu bezweifeln ist. Beim ihrem konsequenten Rückzug auf das Gestern landen sie zwangsläufig bei rassisch-völkischen Vorstellungen der Nazis oder auch bei Preußens Gloria.  Sind das etwa die Blaupausen für ein Deutschland im 21. Jahrhundert?

Ja, es geht um Deutschlands Zukunft, wie der Untertitel des Buches betont. Münklers Buch geht sehr kenntnisreich mit den Stichworten um wie  „Überalterung der deutschen Bevölkerung“, „Zuwanderungsbedarf“  „Migranten-Integration“, „Multikulti“, „Europa“, „Flüchtling“, „Einwanderer“, „Islam und Islamismus“, „Parallelgesellschaften“, „Asylrecht“, „Migranten-Kriminalität“,  „Gastrecht“, „Fremdsein und Heimat“ usw und formuliert konkrete Vorschläge, wie Staat und Zivil-gesellschaft auf die neuen Herausforderungen reagieren sollten. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass es notwendig ist, diese Krise positiv wahr zu nehmen und als Chance für Deutschland und Europa zu begreifen.

Ob allerdings die veränderungsunwilligen „alten Deutschen“ mit dem Beispiel der „Pascalschen Wette“ zu einer positiveren Verhaltensweise motiviert werden können, ist ebenso zweifelhaft wie der Erfolg besagter Wette, einen agnostischen Gottesleugner zum Gottesglauben zu bewegen.   „Das Herz hat seine Gründe, von denen der Verstand nichts weiß.“ Auch das ein  Zitat  Blaise Pascals, dessen Wahrheit uns lehrt, wie wichtig es ist, dem Herzen die Gründe des Verstandes „ans Herz“ zu legen, wenn es um wichtige Entscheidungen geht.

Auch wenn ich also die oben zitierte „Pascalsche Wette“ als Bucheinleitung für eher fragwürdig halte, so sei das Buch trotzdem einer eingehenden Lektüre empfohlen.             (KS -2017)

Nb. Dank an meine Schwester Hildegard, der ich so viele gute Lektüre verdanke.

 

NUR EIN ROMAN – ODER DOCH ETWAS ANDERES?

Navid Kermani: DEIN NAME

Wirklich nur ein Roman  –  oder doch etwas Anderes?

 Das im Jahre 2011 erschienene Buch von Navid Kermani – von der deutschen Literaturkritik einmütig gefeiert  – verdient auch sechs Jahre danach eine Würdigung und auch weiterhin viele Leser.  Wobei man als Leser allerdings schon ein hartnäckiges literarisches Interesse  mitbringen muss, um  nicht irgendwann auf halber Strecke das 1229 Seiten dicke Buch aus der Hand zu legen, das keine Überschriften und keine Kapitel kennt, sondern nur gelegentliche Absätze und graphisch extra ausgeführte Nachrufe auf Verwandte und Freunde. In diesem „Roman“  wird keine Geschichte erzählt, in der die Handlung bei Punkt A beginnt und bei Z zu Ende ist, und man den Schluss nicht verstehen kann, wenn man den Anfang effeff  nicht gelesen hat. Nein, es ist sehr viel schwieriger, und Kermani wollte das offenbar so. Der Autor möge mir verzeihen, wenn ich ihn da missverstanden habe.

Ein fiktiver Romanautor lässt uns nämlich an einem monströsen Projekt teilhaben: einer möglichst getreuen Dokumentation über sein Leben zwischen den Jahren 2006 und 2010, tagebuchartig und manchmal minutengenau. Die unablässig laufende literarische „Überwachungskamera“ dokumentiert besagten Autor über diese Jahre hinweg in seinen verschiedenen Beziehungsfeldern, die häufig miteinander in Konflikt sind, beziehungsweise aufeinander abgestimmt werden müssen –  der Versuch also, unser alltägliches Leben als nicht endende Herausforderung der sich oft widerstreitenden Wünsche, Bedürfnisse und Pflichten zu beschreiben. „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wie der Philosoph Precht ein Buch betitelte.  Da lebt jemand als Schriftsteller in Köln und Rom, ist Migrant, Islamexperte, Berichterstatter, Fußballfan, Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund, Schwiegersohn, Enkel, um nur die wichtigsten Identitäten zu nennen, die ihn in Beschlag nehmen.

Unser  Protagonist, der fiktive Romanautor, ist also nicht irgendjemand, sondern ein in Deutschland aufgewachsener Sohn iranischer Eltern, der als deutscher Schriftsteller in Deutschland sein Brot für sich und seine Familie verdienen will. Und hier wird es spannend. Denn die Figur des fiktiven Romanautors könnte man dann eigentlich einfach Navid Kermani nennen, auf den ja alle der genannten Merkmale passen. Und es wäre wirklich schade, wenn alles Erzählte nur ein Roman, fiktive Literatur wäre. Schade, wenn das hochinteressante Leben des iranischen Großvaters aus Isfahan und die späte Selbstbiographie der Mutter nur fiktive Geschichten wären, die Begegnungen mit Freunden und Menschen aus der literarischen oder religiösen Welt, nur erdachte Kontakte, für die ein posthumes Gedenken ja peinlich und unpassend wären.

Nein, ganz viel Wichtiges an Berichterstattung aus Iran, Afghanistan, Ägypten, Indien, an Reflektion über das Leben als Migrant zwischen zwei oder mehreren Welten und Kulturen, an Würdigung und Verständnis deutscher Literatur, besonders von Hölderlin und Jean Paul  hat  Gottseidank mit der Kategorie Roman nichts zu  tun und ist trotzdem so intensiv und spannend, dass man das Buch doch zu Ende lesen möchte.

Da das Buch offenbar ein authentisches Dokument menschlichen Alltags sein möchte, wird ganz unvermeidlich auch viel vergessenswertes  Blabla referiert, das man dem Autor kritisch ankreiden könnte, wenn man nicht anfänglich die Sache mit der „Überwachungskamera“ akzeptiert hätte. Also, lieber Leser, Brille auf und ran an das dicke Buch des deutschen Literaturpreisträger: Sein Name: Navid Kermani!

(KS-2017)

Festliches Abschiedskonzert

Die Liebe zur Musik prägt sein Leben

Horst Berretz verabschiedet sich mit einem grandiosen Weihnachtskonzert von Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler

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Eschweiler, 17.12.2016 – Samstagabend, 19.15 Uhr:

Fulminant unterstützt von den Instrumentalisten des Orches­ters lassen die Sängerinnen und Sänger des Chors der Städtischen Musikgesellschaft die ersten quasi in Stein gemeißelten Worte des monumentalen „Weihnachtsoratoriums“ von Johann Sebastian Bach erdröhnen: „Jauchzet, froh­locket auf, preiset die Tage, rüh­met, was heute der Höchste ge­tan!“

Rund 90 Minuten später jauch­zen und frohlocken auch die zahl­reichen Konzertbesucher in der vollbesetzten Pfarrkirche St. Peter und Paul aufgrund des Hörgenus­ses, der ihnen zuvor beschert wurde. In die Freude, die die Lieb­haber klassischer Musik durch stehend dargebrachte Ovationen zum Ausdruck bringen, mischt sich neben ehrlicher Anerkennung allerdings auch mehr als ein klein wenig Wehmut. Denn mit dem Weihnachtskonzert 2016 geht für die Städtische Musikgesellschaft eine jahrzehntelange Ära zu Ende:

Das „Weihnachtsoratorium“ stellte für Horst Berretz, der als Lei­ter des erfolgreichen Ensembles dessen Geschicke mehr als 30 Jahre lang entscheidend prägte, das letzte Dirigat seiner Karriere dar. Somit schließt sich ein Kreis, der am 21. Dezember 1985 mit der Prä­sentation eines anderen Meilen­steins der Musikgeschichte seinen Anfang nahm: der Aufführung des „Messias“ von Georg Friedrich Händel.

Bereits vor Beginn des Konzerts strömte eine ganz und gar außergewöhnliche Stimmung und Atmo­sphäre durch das Gotteshaus, des­sen Bänke sich stetig füllten. Er­wartungsvoll lauschten die Besucher zunächst der „Sonata Pian e Porte“ von Giovanni Gabrieli, die mit ihrer wahrhaft ruhig und klar fließenden Melodie vielleicht auch ein wenig die bei allen Protagonisten spürbare Spannung löste. Und auch Horst Berretz trug sei­nen Teil dazu bei, als er vor Beginn des Oratoriums eine kurze Pause von einer knappen Minute ankün­digte: „Eine Brille fehlt“, so die ein­leuchtende Begründung.

Mit Pauken und Trompeten   

Sekunden später erklangen mit Pauken und Trompeten die ersten Takte von Bachs sechsteiligem Meisterwerk, dessen Uraufführun­gen während sechs Gottesdiensten zwischen dem Ersten Weihnachts­tag 1734 und dem Epiphaniasfest (6. Januar) 1735 durch den Leipzi­ger Thomanerchor erfolgten, und dessen erste drei Teile die Städti­sche Musikgesellschaft präsen­tierte.   Hochkonzentriert und kraftvoll sowie feinfühlig und nu­anciert nahmen sich Chor und Or­chester der herausfordernden Auf­gabe an.

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Beeindruckend als Evangelist: Tenor Raimund Fürst verkündete die Weih­nachtsgeschichte nach Lukas mit Nachdruck. Mitreißend: Anna Fischer (Alt) interpretierte die Arie „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben“ ausdrucksstark

Prachtvoll glückte das Zusam­menspiel mit den hervorragenden Solisten, die den Konzertabend ebenso prägten: Anna Fischer (Alt) interpretierte unter anderem die Arie „Bereite dich, Zion, mit zärtli­chen Trieben“ ausdrucksstark, die in Aachen geborene Sopranistin Maria Regina Heyne harmonierte wunderbar mit Bariton Erik Schmidt, als im Duett „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei“ erklang und Tenor Raimund Fürst brillierte als Erzähler, der den Zuhörern die Weihnachtsgeschichte nach Lukas näher brachte. Mit dem Choral „Herrscher des Himmels“ fand der dritte Teil des Oratoriums einen bewegenden Abschluss. Einem kurzen Moment der Stille folgte zunächst andächtiger, dann immer lautstärker werdender Ap­plaus.

Würdige Worte des Dankes sprach die stellvertretende Bürger­meisterin Helen Weidenhaupt, die als Vorsitzende des Kulturaus­schusses auch als Präsidentin der‘ Städtischen   Musikgesellschaft agiert: „Die Liebe zur Musik prägt Ihr Leben. Sie besitzen die Fähig­keit, auch andere Menschen für Musik zu begeistern. Mehr als drei Jahrzehnte lang ist es Ihnen gelun­gen, diese Begeisterung in die Musikgesellschaft hineinzutragen.“

„Auf eigenen Wunsch legen nun ihr Amt als Leiter des Orchesters und des Chors nieder. Sie hinterlassen große Fußstapfen“, sprach sie Horst Berretz direkt an, der auch von „seinen“ Musikern stürmischen Applaus erhielt, Petra Seeger, Leiterin des Amts für Schu­len, Sport und Kultur, überreichte ein Präsent, bevor noch einmal ein äußerst emotionaler Augenblick einen in Erinnerung bleibenden Konzertabend krönte.

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Helen Weidenhaupt dankte als stellvertretende Bürger­meisterin und Präsidentin der Musikgesellschaft dem scheidenden Leiter Horst Berretz im Namen der Stadt für sein Jahrzehnte langes Engagement.

Voll positiver Energie

Orchester und Chor der Musikgesellschaft ließen das Weih­nachtslied „Nun freut euch ihr , Christen“ erklingen und luden das Publikum traditionell zum Mitsin­gen ein. Voll positiver Energie schritten die Konzertbesucher an­schließend in den Abend hinaus. Und immer wieder war zu hören: ,„Wie hat es dir gefallen? Es war wunderschön!“

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 © Andreas RöchterEschweiler Nachrichten/Volkszeitung – 18.12.2016 ´

ps. Wir Mitglieder von Chor und Orchester verabschiedeten uns in einer anschließenden Feier im Restaurant „Talbahnhof“ in Eschweiler  gebührend von unserem langjährigen „Maestro“, der uns über so lange Jahre hinweg ohne  jede „Maestro- Attitüde“ immer wieder zu musikalischen Höhepunkten führte. Die Vorsitzenden von Chor und Orchester Doris Sommer und Thomas Graff  überbrachten den Dank der Mitglieder  und wünschten dem scheidenden  Dirigenten mehr Zeit und Muße für  Familie und sich selbst. Vielen Dank, Herr Berretz! 

Ab dem kommenden Jahr wird Herr Jeremy Hulin die musikalische Leitung der  Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler übernehmen. Wir freuen uns auf kommende Herausforderungen  unter neuer Führung. Viva la Musica! (KS)

Aus dem Leben eines egomanen Prolls

Limonow  

von Emmanuel Carrere

downloadHätte ich nicht vor wenigen Wochen Emmanuel Carrere’s “Reich Gottes” mit großer Begeisterung gelesen, ich hätte wohl  sein Buch “Limonow” nicht in die Hand genommen. Und nun bin ich recht froh, es gelesen zu haben. Es ist eine so authentische Auseinandersetzung mit diesem Eduard Limonow und den Russen seiner Generation, dass man bei der Lektüre und ihrer Information fast überfordert wird.         Limonow  ist keine Romanfigur, sondern eine real existierender russischer Schriftsteller. Er selbst bezeichnet sich als “egomanen Proll”, und die Welt darf froh sein, dass er mit seinen Überzeugungen und Ambitionen nicht eine Führungsrolle in der russischen Politik übernehmen konnte.

Eine sehr kompetente Rezension des Buches ist  schon 2012 im SPIEGEL erschienen, in der sowohl das Buch als auch eine Einschätzung der Person Limonows nachzulesen ist.

Man erlaube mir aber noch einige zusätzliche Bemerkungen zum Buch, die für mich sehr aufschlussreich waren:   Carrere schildert sehr detailliert die Tage und Wochen des Zusammenbruchs der Sowjetunion und die Karrieren der neuen Machthaber des nationalen Russland, sowie den Aufstieg der sog. Oligarchen, die sich mit internationaler Hilfe  die russischen Bodenschätze unter ihre Kontrolle brachten – milliardenschwere Kleptokratie. Ebenso kenntnisreich und einfühlsam wird das Schicksal der einfachen Bevölkerung geschildert, die mit diesem Umbruch zurecht kommen musste, für die der – im Westen – so euphorisch gefeierte Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem als eine tägliche Versorgungskatastrophe erlebt wird.

Kritisch nachzufragen wäre vielleicht auch, ob Carrere  die Rolle, die das ökonomische Desaster, der verlorene Afghanistankrieg und die islamistischen Aufstände beim Zusammenbruch der Sowjetunion gespielt haben, unterschätzt und die zweifellos wichtige Veröffentlichung sowjetkritischer Bücher überschätzt hat.  Manchmal liest es sich so, als hätten Bücher und ihre Autoren die Sowjetunion zu Fall gebracht?

Carrere’s Buch sei aber all denen dringend empfohlen, für die das Wort “Putin-Versteher” ein beliebtes Schimpfwort ist, und die glauben, dass man es mit Putin nur mit einem zynischen Machtpolitiker zu tun habe, der einfach mit Repression und Gewalt seine eigenen Ambitionen verfolge. Sie wissen nicht oder wollen es nicht wissen, dass Putins Überzeugungen über Russlands Rolle in der internationalen Welt die Überzeugungen einer Mehrheit der russischen Bevölkerung sind, und dass viele Vertreter der – in den westlichen Medien unterstützten – russischen Opposition bei näherer Betrachtung wenig wünschenswerte Partner des Westens wären. Mehr „Delinquenten“ als „Dissidenten“, wie der SPIEGEL schrieb.

Putin ist und war beileibe kein „lupenreiner Demokrat“, wie  Gerhard Schröder behauptete, aber er ist ein –  inzwischen leider zu fast allem –  entschlossener russischer Patriot. Mir scheint ein Zitat aus einer Rede Putins von signifikanter Bedeutung: “Wer den Kommunismus wieder errichten will, hat keinen Verstand. Wer ihm nicht nachtrauert, hat kein Herz.” Aber  “Niemand hat das Recht, 150 Millionen Menschen zu sagen, dass siebzig Jahre ihres Lebens und des Lebens ihrer Eltern und Großeltern, dass alles, woran sie geglaubt und wofür sie gekämpft und sich geopfert haben, dass selbst die Luft, die sie atmeten, Scheisse gewesen sei. Der Kommunismus hat fürchterliche Dinge angerichtet, in Ordnung, aber er war nicht dasselbe wie der Faschismus. Die Gleichsetzung, die westliche Intellektuelle mittlerweile als selbstverständlich hinstellen, ist eine Schande.” (S. 406)

Die erneute Wiederwahl Putins in 2016  zeigt, dass eine  beachtliche Mehrheit der Russen hinter ihrem Präsidenten steht, der vor allem den USA klar gemacht hat, dass man mit Russland auch nach dem Ende der Sowjetunion auf Augenhöhe zu verhandeln habe. Obamas hingeworfene Bemerkung, “Russland sei ja schließlich nur eine Regionalmacht”, zeigt, wie wenig man  in den USA und in der NATO von Russlands Problemen verstanden hat.

Den syrischen Diktator Assad stürzen zu wollen, ohne die Interessen von Putins Russland als seinem Verbündeten in die Überlegungen mit einzubeziehen, zeigt aufs Neue die unverständliche Naivität amerikanischer Außenpolitik im Nahen Osten.  Die Rechnung bezahlt derzeit die syrische Bevölkerung. Man erzähle uns nicht, dass man das nicht hätte vorher wissen können…

Aber all das ist natürlich keine Rechtfertigung für Russlands derzeitige politisch-militärische Aktionen, wie zB. auch  die Krim-Annektion. Auch wenn es Putin partout nicht gefallen sollte, seine jüngste Politik ähnelt fatal der Hitlerschen Nationalpolitik der frühen dreißiger Jahre, die ja als gerechtfertigte Reaktion auf die ungerechte Behandlung Deutschlands in den Friedensverträgen von Versailles vermittelt wurde. Auch hinter dieser Politik stand damals eine Mehrheit der Bevölkerung, wie sie in Russland heute hinter Putin steht. Es sollte dem intelligenten Putin aber auffallen, dass sein ehemaliger Radikalkritiker Limonow und seine „Nationalbolschewiki“, die er früher mit aller Härte bekämpfte, heute fast geschlossen seine Politik unterstützen und nur pro forma weiterhin als Dissidenten verstanden werden wollen.

Echte „Putin-Versteher“ wissen aber, wo das „Verständnis für Putin“ endet und Klartext geredet werden muss.  Es sieht leider nicht gut aus. (KS)

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Nachtrag vom 14.10.2016

Hier eine weitere sehr detaillierte, dreiteilige Beschäftigung mit „Limonow“ :

https://le-bohemien.net/2016/05/18/eduard-limonow/

Liebe und Tod auf Pulau Buru

ALLE FARBEN ROT

von Laksmi Pamuntjak

ambaEin großartiger Roman und ein wichtiges Buch für  das Indonesien von 2015, das aber auch  international für Aufmerksamkeit sorgte. Als deutscher Leser  muss man allerdings ein wenig Geduld haben mit deutschen Titel: „Alle Farben rot“. Er erschließt sich erst im letzten Kapitel. Im indonesischen Original heißt das Buch einfach nur: AMBA und ist der Erstlingsroman der Autorin Laksmi Pamuntjak, die mit diesem Buch sehr zu Recht  auf die Frankfurter Buchmesse 2015 eingeladen wurde.

Inhalt

Oberflächlich betrachtet ist „Amba“ eine triviale Dreiecksgeschichte: Eine junge Javanerin, in ihren tragischen Gefühlen zwischen zwei bzw. drei Männern, wie sie sich leider häufig in der Welt ereignet – wenn da nicht 1. die Namen der Protagonisten und 2. der Zeitrahmen wäre, in der das Beziehungsdrama sich abspielt.

Die Namen Amba, Bhisma und Salwa sind nämlich die Namen der mythischen Akteure aus dem hinduistischen Sagendrama „Mahabharata“. Deren tragisch verflochtenes Schicksal ist die Matrix für das moderne Drama, das im Indonesien der 1960-er Jahre spielt und sich bis zum Jahr 2009 hinzieht. Es ist die Zeit vor und nach der Machtübernahme des Generals Suharto, die Zeit des Massenmords und der Diskriminierung von Millionen Menschen, die verdächtig werden, einen kommunistischen Staatsstreich unterstützt zu haben.

Die Erzählung beginnt 2006 auf der Insel Buru mit der Suche  über sechzigjährigen Amba nach dem Grab ihres Geliebten und Vater ihrer Tochter Srikandi, den sie vor fast vierzig Jahren aus den Augen verloren hat. Amba, 1965 eine junge Englischstudentin in Jogyakarta, wird von ihren Eltern mit Salwa verlobt, einem  jungen liebenswerten Uni-Dozenten , den sie zwar nett findet, aber  nicht liebt. Bei einem Praktikum als Übersetzerin begegnet sie dem attraktiven Assistenzarzt Bhisma und verliebt sich hoffnungslos in ihn. Bhisma erwidert ihre Liebe und die beiden werden ein Paar. Bhisma stammt aus einer begüterten Familie in Jakarta, hat in Holland und Ostdeutschland Medizin studiert und ist aus dieser Zeit mit vielen Akteuren und Künstlern aus dem sozial-revolutionären Umfeld befreundet.

Im Oktober 1965 nehmen Bhisma und Amba in Jogyakarta an einer demonstrativen Totenfeier für Bhismas ermordeten Studienfreund Untarto, einem angesehenen PKI-Kader  teil, als die Veranstaltung plötzlich von einem Überfallkommando des Militärs unter Beschuss genommen wird. Im Strudel dieser Ereignisse, verlieren sich Amba und Bhisma aus den Augen. Als Amba noch Monate lang später keine Nachricht von Bhisma erhält, beginnt sie an seiner Liebe zu zweifeln, vermutet eine Verbindung Bhismas zu einer anderen Frau. Von Bhisma schwanger, kann Amba nicht zurück zu ihrer Familie. Sie löst die Verlobung mit Salwa und zieht mit dem deutsch-amerikanischen Englischdozenten Adelhard Eilers nach Jakarta, wo die beiden heiraten, und für die Tochter Srikandi sich in den Folgejahren eine gemeinsame Existenz aufbauen

Bhisma jedoch, ist nach den Ereignissen vom Oktober 1965 in Jogyakarta der Kontakt zu Amba verrwehrt, weil  er  als PKI-Sympathisant von den Häschern des Suharto-Regimes verhaftet  und in deren Spezialgefängnissen verschwindet. Auch möchte er verhindern, dass Amba eventuell auch noch verhaftet wird. Später wird er als einer von 12000 Schicksalsgenossen auf die Gefangeneninsel Buru – den Gulag der Suharto-Ära, -deportiert. Er überlebt das Arbeitslager und könnte 1979  nach seiner Entlassung nach Java zurückkehren. Er entschließt sich aber, auf der Insel Buru zu bleiben, wo er der armen Dorfbevölkerung als hochgeschätzter Arzt und Heiler zur Verfügung steht, bis er 2006 bei einer zufälligen Begegnung von einem Ex-Häftling  erschossen wird.

Eine E-Mail eines unbekannten Absenders macht Amba auf den Tod des ehemaligen Geliebten aufmerksam. Amba reist auf die Insel Buru, findet das Grab und ein Bündel versteckter Briefe Bhismas, in denen sie lesen muss, dass sie immer die einzige wahre Liebe Bhismas gewesen war.  Tief getroffen  muss Amba sich eingestehen, mit ihrem damaligen eifersüchtigen Zweifeln an der Liebe Bhismas schuldig geworden zu sein und mit diesem Wissen jetzt weiterleben zu müssen.

Fazit

Laksmi Pamuntjak hat sich mit diesem, 650 Seiten starken, Roman viel vorgenommen.  Beeindruckend: die poetische Kraft ihrer Sprache, ihre sensibel kenntnisreiche Schilderung der javanischen Familien-Verhältnisse, die profunde Recherche der politisch sozialen Problematik der späten Sukarno-Ära und der Lebensumstände auf der Gefangeneninsel Buru.

Frau Pamuntjak 1971 geboren, erlebt Kindheit und Jugend in der „Orde Baru“ (Neuen Ordnung) der Suharto-Ära, die 1997 zu Ende geht. Sie gehört zu der Generation, der von klein auf eingetrichtert wurde, dass  der Militärputsch und die damit verbundenen  Gräueltaten notwendig gewesen seien zur Rettung Indonesiens vor der kommunistischen Gefahr. Das damit begangene Unrecht an Millionen Bürgern und ihren Familien wurde einfach geleugnet, die Kritik daran verboten und verfolgt.

Und hier beginnt die mutige Brisanz dieses Buches, das ja vor allem für indonesische Leser geschrieben wurde. Die Autorin lässt den Leser – das ist vor allem die junge Generation Indonesiens – lebendig teilnehmen an einer Zeit – 1965, in der Präsident Sukarno, der Nationalheld  der Unabhängigkeit, das neu entstandene Indonesien mit seiner Politik in ein sozial-ökonomisches  Desaster gesteuert hatte, das einen Umsturz geradezu herausforderte.    Die für den deutschen Leser oft ermüdend vielen Namen von Orten, Organisationen, Abkürzungen und Erklärungen, sind für den indonesischen Leser von großer Bedeutung, zeigen sie doch, dass die Ereignisse von 1965 doch anders gesehen und bewertet werden müssen, als es die offizielle indonesische Geschichtsschreibung vermitteln wollte.

Eine zweite Ebene ist für das heutige Indonesien von Bedeutung: Der Konflikt der Frauen und Mädchen zwischen der Jahrhunderte gültigen Familientradition, sich den Wünschen der Eltern zu beugen und dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Amba muss erfahren, welchen Preis die Verhältnisse von einer jungen Frau fordern, deren Schicksal es ist, ihren Weg alleine gehen zu müssen. Wie im Mahabharata gibt es kein einfaches Happy End als mögliche Lösung, sondern nur den Willen, sich dem Schicksal aufrecht zu stellen. (KS)

ps. Ein ganz großes Lob für die deutsche Übersetzerin Martina Heinschke, der eine beeindruckende Übertragung aus dem Indonesischen gelungen ist. Danke!

 

Verlag Ullstein 2015 – ISBN-10: 35500808