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„CONFESSIONES – 2017“

Mit dem Titel „Confessiones“ verbindet sich literaturhistorisch eigentlich der Name des Kirchenlehrers Augustinus, der ( 397- 401 n.Chr.)  in den „Confessiones“ – seinen „Bekenntnissen“ – seinen Lebensweg zum christlichen Glauben aufgeschrieben hat.        Mit „Confessiones – 2017“ habe ich   hier die Bekenntnisse dreier Männer getitelt, die ihren langen Weg nicht in,  sondern aus der überlieferten christlichen Glaubenswelt  beschreiben.

  • Hubertus Halbfas: Glaubensverlust  
  • Kurt Flasch:             Warum ich kein Christ bin
  • Heiner Geissler:     Kann man noch Christ sein – wenn man an Gott zweifeln muss?

Alle drei – bekannte Leute: Kurt Flasch  (geb. 1927),  Deutschlands bekanntester Experte für alte Philosophie-Geschichte, Hubertus Halbfas ( geb. 1932), prominenter Professor der Religionspädagogik und  Heiner Geissler (1930-2017), der streitbare CDU-Politiker, dessen Buch nun fast ein Testament ist, da er 2017- kurz nach dem Erscheinen des Buches – gestorben ist.

Drei Autoren, die im hohen Alter von über 80 Jahren öffentlich Rechenschaft über ihre religiösen Überzeugungen ablegen, nicht als mediale Provokation, sondern als Resümee eines langen Lebensweges in Auseinandersetzung mit den tradierten christlichen Glaubenslehren, die sie nicht mehr teilen können. Jedes dieser Bücher wäre eine eigene Besprechung wert, hat  doch jedes seinen ganz eigenen persönlichen Problemansatz. Schon die Buchtitel verraten das ja.

Gemeinsam ist ihnen jedoch das Fazit, dass das tradierte christliche Credo für einen intellektuell redlichen Menschen von heute so nicht mehr nachvollziehbar sei. Dieses Fazit rechtfertigt vielleicht auch eine gemeinsame Besprechung.  Dass es angesichts der sich leerenden Kirchen nicht einfach um eine Kirchenkrise handelt, der man organisatorisch beikommen könnte, sondern dass es sich um eine fundamentale Krise des christlichen Glaubens handelt, deren Gründe viel tiefer zu suchen sind.   Es geht um die Antwort auf fundamentale Problemkreise:

  • Das christliche Credo als Basis christlicher Glaubensüberzeugung
  • Die heiligen Schriften und die historisch-kritische Textforschung
  • Biblische Gottesvorstellungen und die christliche Theologie
  • Die christliche Erlösungslehre und das dazu gehörige Menschenbild
  • Der Jesus der Evangelien und die dogmatische Christologie
  • Der Anspruch der Kirche und ihr Agieren im Namen Gottes

8112NOKlBuL._SL1500_Die umfassendste Auseinandersetzung mit all diesen Themen liefert der Philosoph Kurt Flasch, und muss das Fazit ziehen, dass es sich für ihn verbietet, sich weiterhin als Christ zu bezeichnen. Nach einem detailliert kenntnisreichen Sich-Umsehen in der christlichen Überlieferungs – und Kirchengeschichte ist es für ihn ein Akt intellektueller Redlichkeit, diesen Schritt zu gehen. Obwohl er dieses Fazit für sich rein persönlich zieht, muss sich der Leser fragen lassen, ob er nach der Lektüre eines so gründlichen Buches einfach weiter so Christ sein kann. Nb.  Flasch lehnt es übrigens dezidiert ab, als Atheist bezeichnet zu werden, da er sich in dieser Frage ja eher als Agnostiker sehe.

41LMtEtT2wLSo weit wie Flasch gehen Hubertus Halbfas und Heiner Geissler nicht, wobei sie sich in der Beurteilung der Glaubens- und Kirchenkrise einig sind. Der Untertitel des Halbfas-Buches „Warum das Christentum sich neu erfinden muss“ zeigt, dass für Halbfas das traditionelle Kirchenchristentum keine Zukunft haben wird. Er glaubt aber, dass es „Wege aus der  Sackgasse“ geben kann, wenn die Kirchen – ob katholisch oder protestantisch – bereit seien, sich strukturell zu ändern und sich auf die wirklichen Schwerpunkte christlicher Botschaft zu konzentrieren.                            Er plädiert dafür, sich auf die Urbotschaft des Jesus der Evangelien zu besinnen und das christologische Erlösungsmodell der paulinischen Theologie hinter sich zu lassen, wo nur Kreuz und Auferstehung Christi wichtig seien, das Leben und die Predigt des historischen Jesus aber keine Rolle spielten. Das sog. apostolische Credo sei das Bekenntnis zu einem  mythologischen Erlösungsmodell,  das heute nicht mehr nachvollziehbar   sei.                                                                                                                               81jzRDDrI5L._SL1500_Laut eigenem Geständnis hat Heiner Geissler in seinen alten Tagen lange mit sich gerungen, ob er dieses Buch schreiben sollte. Es ist ja das Zeugnis eines langen inneren Konfliktes, dessen Konsequenzen ihn in einen unübersehbaren Dissens mit seiner Kirche und seinen Mitchristen führen würde. Dabei fürchtete er nicht so sehr den Konflikt mit den Vertretern der Hierarchie – Geissler ist ein streitbarer Mann,  sondern  um  das  Sich- Ausgrenzen aus der gewohnten religiösen Heimat.

Aber er will sie nicht mehr akzeptieren, die theologisch monströsen Plattitüden, wie sie in jeder Sonntagsliturgie und im „christlichen“ Alltag vorkommen. Sowohl der „liebe“ als auch der „allmächtige“ Gott, ja der immer wieder zitierte  „Gott“  selbst, erscheint ihm als katastrophales Monster angesichts einer Welt, die weder von seiner Liebe noch von seiner Allmacht Zeugnis gibt.

Was sei das für ein Gott, der das millionenfache Leid der Welt einfach geschehen lässt, ohne einen Finger zu rühren? Kann er das nicht oder will er das nicht?   Plastisch und drastisch beschreibt Geissler die  theologische Zwickmühle der traditionellen Theodizee, die schon der Philosoph Lactantius im 3. Jahrhundert formuliert hatte. („Entweder Gott kann das nicht, dann ist er nicht Gott oder er will das nicht, dann ist er eben kein „lieber“ Gott!“)

Was sei das für eine Erlösungslehre, in der Gott seinen Sohn aus Liebe zu uns Menschen  am Kreuz elend sterben lässt, damit seine beleidigte Majestät wieder zufrieden sein kann? Man spürt in Geisslers Text seine Empörung über diese Theologie und den Vorwurf an sich selbst, nicht schon früher nach Konsequenzen gesucht zu haben.

Muss man an einen solchen Gott glauben, um Christ sein zu können? Nein, sagt Geissler. Diesen Gott der Theologen brauchten die Menschen nicht. Die Kirche sollte aufhören, ihn zu predigen und sich auf das Programm des Jesus von Nazareth konzentrieren, der die Bemühung um konkrete verständnisvolle Nächstenliebe zur menschlich wichtigsten Sache erhoben hat.  Das sei die christliche Antwort auf die Situation in dieser Welt.

Fazit: Alle drei Bücher sind unbedingt lesenswert für alle, die sich mit ihrem überlieferten Christenglauben schwer tun, wobei  Kurt Flasch’s Buch mit 265 Seiten das umfangreichste ist, während die beiden anderen mit ca. 100 Seiten eine schnellere Lektüre ermöglichen. Aber alle drei Bücher sind eine „wunderbare  Anstiftung zum eigenen Denken“ wie Denis Schreck von ARD-Druckfrisch meint und auch eine Hilfe auf dem eigenen (religiösen?) Lebensweg.

 KS-Nov -2017

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Erlebtes Indonesien – von 1964 bis 2014

Annette Bräker und Horst H. Geerken

Indonesien – Gestern und Heute      

„Reiseberichte der anderen Art“, heißt der Untertitel  von 12 Reisen im Laufe von 50 Jahren durch den indonesischen Archipel. Von Sumatra bis Papua-Neuguinea, nach Sulawesi ,nach Sumba und Kalimantan, bedeutende Ziele im Reich der 13000 Inseln, die aber von ganz wenigen Indonesienreisenden  besucht werden. Auch für Annette Bräker und Horst Geerken, die beiden Autoren des Buches, waren es außergewöhnliche Reiseziele. Ihre besondere Liebe und Aufmerksamkeit jedoch gilt den Inseln Java und Bali, mit denen sich auch die meisten Erinnerungen verknüpfen. Besonders aber an Bali, der Insel, die den beiden in den vergangenen Jahren wie eine zweite Heimat wurde.

Der Reiz des Buches liegt zum einen in dem großen Zeitbogen von 50 Jahren, aus dem diese authentischen Reiseerzählungen stammen, und  die zugleich fast dokumentarisch  über das sich so schnell verändernde  Indonesien berichten:  Siehe den Titel des Buches: Indonesien, Gestern und heute. Zum andern profitiert das Buch von den langjährigen persönlichen Begegnungen und Freundschaften mit indonesischen Freunden, der detaillierten Kenntnis von Sitte, Religion und Kultur dieses exotischen Landes. Der größte Teil der Reiseerinnerungen stammt aus Annettes Feder, die durch Horst Geerkens Schilderungen und Fotos komplettiert werden.

Was wäre aber das alles ohne die interessanten privaten Stories, die der Leser mit bekommt! Vom Flugbetrieb und Fluggästen vor 40  Jahren, vom Besuch  an Sukarnos Grab und seinem Arbeitszimmer im  Tugu-Hotel in Blitar,  von guten und schlechten  Hotels in Java, von Annettes Toilettenproblemen 1987 an den Bushaltestationen in Sumatra, vom Treffen mit alten Freunden, aber auch von lästigen und unerfreulichen Mitreisenden, von lebensgefährlichen Abenteuern 2001 in Kalimantan, vom Urlaubsdomizil bei den Redemptoristenpatres in Sumba, von einer Seereise als 1.Klasse-Passagiere auf einem PELNI-Schiff von Bali bis Jayapura, vom Schacher um gefälschte Bilder von Walter Spieß in Bali, von der er geliebten Ferienwohnung in Ubud, sowie  den Freuden und Kummer der Hausangestellten, vom Hausfrosch in der Urlaubsvilla, der nicht mehr quaken wollte, von Horsts Problemen mit Miet-Autos auf Bali oder von Annettes Salsa-Tanzleidenschaft, der sie in den beiden letzten Jahren ihres Lebens nicht mehr richtig frönen konnte, als auch ihrem tapferen Leben mit ihrer tödlichen Krankheit auch im geliebten Ambiente Balis.

Ironisch bis sarkastisch Annettes Reserve gegenüber dem zunehmenden Boom von  Touristen , der Bali zu überrennen droht und an Balis Kultur und Religion keinen Deut interessiert  scheint, an amerikanischen und australischen Heilern und Gurus, die in Bali eine ertragreiche Nachfolgeadresse für Bhagwans  heimatlos gewordene Nachkommen aus Poona entdeckt haben, und mit ihren Festivals und Kursen heilsuchenden Schülern das letzte Geld aus der Tasche ziehen.

Gerade in ihren letzten Urlaubsmonaten2014  in Bali beschreibt sie – ungeachtet ihrer persönlichen Krankheit – die Sorge um die Zukunft ihres geliebten Bali, ob die Insel im Erfolg des Tourismus und der javanischen Geschäftsleute, der zunehmenden Islamisierung Indonesiens,  ihren Charme und ihre Seele behalten kann. Fast nebenbei – ohne dozierende Attitüde –  lässt Annette in die Erzählungen aus ihrem balinesischen Alltag – aus dem „Nähkästchen“ ihrer Profession als vergleichende Religionswissenschaftlerin –  höchst informative Anmerkungen über Religion und Kultur Balis einfließen, die zeigen, wie eng sie sich diesem Kulturkreis verbunden fühlte. Wie wir aus dem Nachwort von Horst Geerken erfahren, wurde – Annettes Wunsch entsprechend – nach ihrem Tod 2015 ihre Asche nach Bali verbracht und im heiligen Fluss  Campuhan in der Nähe von Tampaksiring verstreut.

Wem ist die Lektüre zu empfehlen? Sicherlich allen Lesern, die Indonesien aus einer unmittelbar persönlichen Erfahrung erleben wollen, die zugleich ein Dokument einer großen Liebe und Zuneigung zu diesem Land, aber auch eine berührende Liebesgeschichte der beiden Autoren zu einander ist.

Für jemanden  wie mich, der Indonesien seit 1968 kennt, war das Buch natürlich eine unwiderstehliche Einladung zum Lesen, nachdem mir kurz davor Horst Geerkens „Ruf des Gecko“ wieder in die Finger gekommen war. Ich habe „Indonesien – Gestern und Heute“ in einem Rutsch gelesen. Ein posthumes herzliches „Terima kasih!“ an die leider 2015 schon verstorbene Annette Bräker, die uns Leser literarisch so nah an ihren Reisen und indonesischen Erfahrungen teilhaben ließ. Dank aber auch an Horst Geerken, ohne den diese so lebendigen Erinnerungen wohl für immer in einer Nachlassschublade verschwunden wären.

(KS) Oktober 2017

…von wegen “ linke Spinner“

Ulrike Herrmann

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Die   Krise der heutigen Ökonomie                                                                                              und was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können

514BOJId2UL  Der pikante Titel des Buches von Ulrike Herrmann macht neugierig und verspricht irgendwie ein Lesevergnügen besonderer Art. Dieses Versprechen hat die Autorin genial  eingelöst – vom Vorwort bis zum Schlusskapitel. Das fast durchweg begeisterte Leserecho bestätigt diesen Eindruck. Ich schließe mich voll diesem Eindruck an.

Eine Wirtschaftsjournalistin der linken taz sorgt sich um den Kapitalismus? Ja und wie! Der Untertitel zeigt aber schon, worum es ihr geht: Die Krise der heutigen Ökonomie und der herrschenden  Volkswirtshaftlehre also, deren maßgebliche Theoretiker eine Lehre vertreten, die unter dem Namen  „Neoklassik“ Schule gemacht hat. Und das nicht nur an den Universitäten, sondern fatalerweise auch in der internationalen Politik, die sich danach ausrichtet. Eine maßgebliche Lehre, in der z.B. Finanzkrisen von 2008, die die internationale Wirtschaft fast in eine Katastrophe steuerten, eigentlich  gar nicht vorkommen  – ja überhaupt nicht vorkommen dürften.

Wenn die Autorin recht hat, dann „mag es ungeheuerlich klingen, aber die meisten Volkswirte  haben keine Ahnung, was es bedeutet, in einem voll ausgereiften Kapitalismus zu leben, in dem Großkonzerne herrschen und Banken das Geld aus dem Nichts schöpfen. Daher sind diese Ökonomen stets verblüfft und überfordert, wenn es zu Finanzkrisen kommt.“ (Zitat)  Und wir einfache Laienspieler in diesem Drama natürlich auch.

Natürlich fragen wir uns, wie es dazu kommen kann, dass an den Börsen täglich mit etwa  4 Billionen Dollar an Währungsspekulationen gehandelt wird, und was es bedeutet, dass z.B. 2015 der Nominalwert der außerbörslich gehandelten Derivate 493 Billionen Dollar betrug, während die weltweite Wirtschaftsleistung nur auf insgesamt 73 Billionen Dollar kam. Mehr als 400 Billionen Dollar also, für das man sich eigentlich nichts kaufen kann. Aber es ist Buchgeld, das im Ernstfall einsetzbar ist, um bestimmte Machtansprüche zum eigenen Vorteil durchzusetzen. Volksweisheit: Geld regiert die Welt! Aber die „Neoklassik“ scheint das irgendwie nicht zu glauben.

Man muss aber kapieren: „Der Kapitalismus ist ein totales System, das nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche durchdringt. Aber das macht ihn so spannend. Das Abenteuer namens Kapitalismus lässt sich am besten erfahren, wenn man seine klügsten Theoretiker kennt. Also Smith, Marx, Keynes“ (Zitat)

Bevor die Autorin im Anschluss an Keynes in Kapitel 9 und 10 die Probleme der heutigen Mainstream-Ökonomie analysiert, beschäftigt sie sich eingehend mit den beiden anderen Protagonisten der Wirtschaftswissenschaft Adam Smith und Karl Marx, deren Bedeutung und Erkenntnisse für diesen Bereich heute in den VWL-Lehrplänen  – laut der Autorin – einfach übergangen werden. Ein Gleiches gälte für John Maynard Keynes, dessen Lehren namens „Keynesianismus“ gerne als überholte „linke Spinnerei“ abgetan wird.

Eine detaillierte Darstellung der Bedeutung dieser drei Männer würde den Rahmen dieser Besprechung überfordern. Man lese das Buch, in dem es die Autorin überzeugend  versucht. Aber herausstellen möchte ich besonders ihren Ansatz, zunächst einmal die Lebensgeschichte dieser Männer möglichst getreu  zu erzählen, um zu verstehen, wie sie zu ihren Erkenntnissen und Lehren kamen. Bei allen dreien lässt sich nämlich beobachten, dass sie erst über ihre durchweg widersprüchlichen Erfahrungen ihre theoretischen Konsequenzen zogen. Nicht immer die richtigen, wie die Autorin konzediert. „Auch ein Genie darf  irren!“ schreibt sie im Anschluss an Marx, dessen Verelendungsprognose für die Arbeiter zum Beispiel und die damit verbundene zwangsläufige Weltrevolution des Proletariats nicht eingetreten ist. Aber dessen Theorie über die Dialektik des Kapitals ist  brennend aktuell, nach der die Konkurrenz des Marktes in Monopolen endet, wie wir heute an der Konzentration der multinationalen Konzerne feststellen können.

Im Hinblick auf die aktuelle Situation der Weltwirtschaft finde ich besonders tragisch, dass man angesichts des heutigen  „Finanzkasinos“ die Einsichten und Lehren von Keynes so wenig beherzigt, der schon in den 1940-er Jahren als Konsequenz aus den Wirtschaftskrisen  der 1930er Jahre ein weltweites Verbot  der Währungsspekulation an den Börsen forderte, das auch heute dringend erforderlich wäre. Die neoklassische Nationalökonomie hat die Bedeutung des Finanzkapitalismus einfach  nicht verstanden und verarbeitet.

Für uns Deutsche ist vielleicht die Information interessant, dass es vor allem Keynes war, der nach dem 2. Weltkrieg aus der Erfahrung der Beschlüsse von Versailles die Siegermächte dazu bewegte, die Reparationen für das besiegte Deutschland nicht in solchen Höhen festzuschreiben, dass man vorhersehen musste, dass diese Schulden nie beglichen werden könnten. Von wegen „linker Spinner“ ! ( Nb. Analogien zur Schuldenproblematik der Südstaaten Europas bieten sich zwingend an.)

Vielleicht noch eine kleine, aber doch wichtige Einsicht, die vielleicht professionellen Leserinnen und Lesern sicher ohnehin geläufig ist: Volkswirtschaft( VWL) und Betriebswirtschaft (BWL) sind zwei verschiedene Fächer und nur bedingt vergleichbar. Wirtschaftliches Verhalten von Unternehmen (BWL) ist nicht einfach übertragbar auf das wirtschaftspolitische Handeln von Regierungen (VWL). Rezepte aus der BWL-Apotheke sind nicht unbedingt gesund für den VWL-Kranken. Pleite-Unternehmen verschwinden vom Markt – Pleite-Staaten aber nicht von der Landkarte! (Deshalb war das Beispiel von der „sparsamen schwäbischen Hausfrau“, das Frau Merkel während der Griechenland-Krise verlauten ließ, durchaus unpassend.)

Wer sollte das Buch lesen? Frau Herrmann hat das Buch ausdrücklich den VWL-Studenten gewidmet, um deren neoklassische Indoktrination sie sich Sorgen macht. Aber eigentlich auch für uns alle, die wir täglich die Nachrichten über das Auf und Ab der wirtschaftspolitischen Meldungen versuchen zu verstehen, bzw. nicht mehr verstehen. In der Hoffnung, doch ein wenig schlauer geworden zu sein:  Ein großes Dankeschön an die Autorin, die so lesenswert versucht hat, uns die Welt der Ökonomen zu erklären.        (KS)   Oktober 2017

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Nb. Für uns alle, die noch nicht wussten, wie Finanzderivate entstehen, hier die unübertroffene Erklärung von Chin Meyer:  https://youtu.be/TSxH5qi-ZkM

 

 

Europa, was hast du für eine beeindruckende Geistesgeschichte!

Kurt Flasch:  Das philosophische Denken im Mittelalter                                  Von Augustin zu Machiavelli

Eigentlich sehe ich mich außerstande eine angemessene Rezension über ein so profundes Werk zu schreiben. Dazu sollte man von der Materie wirklich mehr verstehen. Aber ich bin fasziniert von dem, was ich zu lesen bekam.                                                                                                                                                                                                                                                             Das Buch ist eine Riesenunternehmung des Autors: Es begreift sich als der Versuch, das ideelle Fundament Europas zu rekonstruieren – von Augustinus zu Machiavelli.

Wichtig: Die Begriffe Mittelalter – Renaissance – Neuzeit täuschen eine Einteilung der Geschichte vor, die es bei genauerem Hinsehen nicht gibt.-

Die Philosophiegeschichte ist konkret viel verwobener und mit viel mehr Denkern verbunden, deren Namen nicht allgemein bekannt sind.

Thomas von Aquin z.B. ist de facto nicht so wichtig für die Philosophie des Mittelalters , wie die „Thomisten“ und die katholische Kirche das tradieren.

Ein Kandidat wäre eventuell Marsilius von Padua (1324), der Autor des Defensor Pacis: Man stelle sich – probeweise – einmal vor, es hätte seit dem 15.Jahrhundert mächtige Organisationen (ähnlich den kirchlichen Orden (KS ) gegeben, die ihn – vielleicht zusammen mit Gaunilo und Berengar von Tour, mit Adelhard von Bath und Abaelard, mit Wilhelm von Conches und Thierry von Chartres, mit Siger von Brabant und Dietrich von Freiberg, mit Roger Bacon und Nikolaus  Oresme – als den größten Philosophen des Mittelalters präsentiert hätten.                                                                                                        De facto haben Ordensgemeinschaften seit dem 15.Jahrhundert ihre Ordenslehrer genau so aufgebaut. Sie schufen den Anschein, Anselm und Bonaventura, Albert, Thomas von Aquin und Duns Scotus hätten die Summe des mittelalterlichen Denkens gezogen. (Zitat)

Sehr aufschlussreich auch die Einbettung der „mittelalterlichen“ Denker und ihrer Ideen in die konkreten historischen Zeitläufe und Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss, die ihr Denken provozierten. (Das Sein bestimmt Bewusstsein“? ) Aber auch ihr Einfluss auf das Handeln der politisch Mächtigen ihrer Zeit.

Besonders pikant ein abschließendes Kapitel über Luther und Machiavelli im derzeitig gefeierten Lutherjahr, in dem Luther häufig als Protagonist einer Neuen Zeit dargestellt wird. Unbeschadet seines Mutes und seiner Verdienste um die christliche Reformation, der Rückbesinnung auf die religiösen Wurzeln christlichen Glaubens, ist Luther nach Flasch kein eigentlicher Repräsentant der Neuen Zeit, die ja dem menschlichen Denken und der Kraft der wissenschaftlichen Erkenntnis vertraut.

Da die menschliche Vernunft zur Erkenntnis des wahren Gottes nicht tauge, „ sah er (Luther) sie im Besitz des Satans, als Werkzeug einer widergöttlichen Instanz“ (Zitat) Mit seiner Vorstellungswelt von Himmel und Hölle,  seinem Beharren auf der „Sola scriptura“-Lehre und auch seiner Ablehnung  des heliozentrischen Weltbildes gehört er  eher ins Mittelalter als in die Neue Zeit.

Für Flasch sind eher Leonardo da Vinci und Machiavelli, Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus die Protagonisten der Neuen Zeit.

Ein Buch für wen? Trotz der gut verständlichen Sprache – bei Philosophieprofessoren oft nicht selbstverständlich – erfordert der schier unendliche Detailreichtum des Buches einen treuen und wissensdurstigen Leser, der aber dafür mit vielen historischen Einsichten entschädigt wird. Für alle philosophisch-theologisch interessierten Leser aber, ist Kurt Flaschs Buch ein unbedingtes Muss.  (KS)

Toke‘, Toke‘!

DER RUF DES GECKOS  –  Horst H. Geerken

Können Geckos rufen – wie es der Titel dieses hochinteressanten Buches unterstellt? Ja, müssen wir sagen: Der indonesischen Vertreter dieser Gattung schon, der „Tokek“ – der große Mauergecko, der abends und nachts in den Häusern und Hütten sein unüberhörbares  tiefes Toke‘ ertönen lässt  und dem viele Indonesier magische Kraft zuschreiben: Man zählt aufmerksam, wie oft sein Toke‘ zu hören ist und erfährt dann, ob einem Glück beschert sein wird. Allerdings muss das Toke‘ mindestens siebenmal – am besten aber – neunmal zu hören sein. Soll man so etwas ernst nehmen? Horst Geerken und seiner Familie hat der oft gehörte 9-malige Ruf des Geckos – sowohl privat als auch geschäftlich -18  glückliche Jahre in Indonesien gebracht.

Dabei begann seine Zeit in Jakarta als Geschäftsträger der deutschen Firma AEG –TELEFUNKEN im Jahre 1963 – die bis 1981 währen sollte,  zu einer Zeit, in der Indonesien unter seinem Präsidenten Sukarno auf ein politisch-ökonomisches Desaster zusteuerte, das 1965 mit dem Putsch-Massaker des General Suharto seinen Tiefpunkt erreichte. Horst Geerken hat diese Zeit hautnah erlebt.  Sein Buch erzählt detailreich, welch schwierige Verhältnisse des täglichen Lebens damals selbst für ein Mitglied der deutschen Geschäfts-Community  zu bewältigen waren. Aber auch welch interessante Aufgaben und Begegnungen der junge Geschäftsmann – Horst Geerken war damals gerade 30 Jahre alt – erleben konnte. Er hat im Laufe der Jahre neben vielen Persönlichkeiten  der deutschen Politik und Wirtschaft und der deutschen Botschaft in Indonesien  z.B. auch den damaligen Präsidenten Sukarno persönlich kennen und schätzen gelernt.

Was aber den besonderen Charme dieses Buches ausmacht, ist die Sympathie  für Indonesiens Menschen, ihre  Kultur und Geschichte, der des Autors engagiertes Interesse gilt. Nicht eben selbstverständlich für einen Ingenieur der Nachrichtentechnik! Über  fünfzig Seiten widmet das Buch der Geschichte des Landes, das 350 Jahre eine holländische Kolonie war und seine Unabhängigkeit letztendlich in einem fast fünfjährigen Krieg gegen Holland erkämpfen musste. Sehr gut auch die engagierte Sympathie des Autors für die Rolle Sukarnos, des ersten Präsidenten  Indonesiens, ohne den ein Indonesia Merdeka – ein freies Indonesien, wohl nicht vorstellbar wäre. Schonungslos dokumentiert der Autor auch die Grausamkeiten des kolonialen Terrorregimes als blutige Antwort auf die indonesischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1945 – Fakten, von denen in Europa wenig zu lesen war und die für Holland noch immer ein sehr unpopuläres Kapitel seiner jüngsten Geschichte sind.

Ebenso aufschlussreich Geerkens Schilderung der Rolle der USA für das unabhängige Indonesien. Die anfängliche Unterstützung, dann aber die wiederholten Versuche der CIA den Präsidenten Sukarno durch Attentate zu ermorden  und  schließlich  die maßgebliche Rolle der CIA beim Putsch des General Suharto und dem Massenmord von 1965/66 an hunderttausenden Menschen – ein Trauma, unter dem auch noch das heutige Indonesien leidet.

Neben diesem wichtigen Exkurs in die Geschichte, von der man auch als kurzweiliger Indonesienbesucher ein wenig wissen sollte, sind es vor allem die kenntnisreichen, oft  sehr amüsanten Erlebnisse und Anekdoten aus dem Leben und den Erfahrungen des langjährigen „Expats“ H. Geerken, dem Indonesien – wie er bekennt – zur zweiten Heimat geworden ist.

Wer sollte sich die Lektüre gönnen? Natürlich alle, die ein wenig mehr über Indonesien erfahren wollen, als die Prospekte der Reiseveranstalter dem Touristen an die Hand geben. Für jemanden wie mich aber, der selbst neun Jahre von 1968 -1977 in Indonesien gelebt und gearbeitet hat, also auch ein paar Jahre zur selben Zeit wie der Autor,  bedarf es keiner Leseempfehlung für dieses Buch. Es ist eine lebendige – fast nostalgische Erinnerung an ein Indonesien, das es heute so fast nicht mehr gibt.  Einen herzlichen Dank an den Autor also, der sich die Mühe – aber sicher auch die Freude – gemacht hat, seine indonesischen Erfahrungen mit uns zu teilen. Terima kasih, Pak!

nb.  Das Buch ist ja schon 2009 erschienen, und ich hatte es schon 2010 gelesen.Die kleine Buchrezension hätte eigentlich schon längst verfasst sein müssen. Entstanden ist damals aber zunächst der Blog-Artikel  „Merdeka atau Mati“ über den indonesischen Unabhängigkeitskampf .  Inzwischen hatte ich aber das Buch verliehen und erst vor kurzem wieder in die Hand bekommen. Nach einer neuerlichen Lektüre war es mir eine Herzenssache, mich für das Lesevergnügen durch eine kleine Besprechung zu bedanken.

Oktober 2017 (KS)

 

 

 

 

HILLBILLY-ELEGIE

J.D.Vance – Hillbilly-Elegie                                                                                                                                                                                            

Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise

„Das wichtigste politische Buch des Jahres 2016“  nennt die Süddeutsche Zeitung dieses Buch, das Millionen von Lesern in den USA bewegte. Obwohl der Autor das Manuskript ja schon vor den Präsidentschaftswahlen 2016 verfasst hatte, macht seine Lektüre sehr verstehbar, wie Donald Trump  mit der populistischen Parole „Make America great again!“ gewählt werden konnte. Deprimierend realistisch wird das Milieu beschrieben, dem er seinen Wahlerfolg verdankt: das Milieu der weißen Arbeiterschicht des Mittleren Westens der USA,  dem sog . „rust belt“.

„Hillbilly-Elegie“ hat J.D.Vance sein Buch genannt. Den Begriff „Elegie“ wird man etwa mit „Klagelied“ oder „Trauerrede“ übersetzen dürfen. Mit „Hillbilly“ verband sich für mich bisher eher eine bestimmte Richtung der amerikanischen Countrymusik, von der aber hier nicht die Rede sein wird, sondern mit „Hillbilly“ bezeichnete man in Amerika  etwas abwertend Leute, die  in den Appalachen-Bergen beheimatet waren, Nachkommen ulster-schottischer Siedler, die seit dem frühen 19. Jahrhundert in diese Gegend eingewandert waren. Voller Stolz hatten sie über Generationen ihre eigene Kultur bewahrt. Aber  aus armen Bergbauern und Tagelöhnern waren Mitte des 20. Jahrhunderts die recht gut verdienenden Fabrikarbeiter der Eisen- und Stahlindustrie in den Städten geworden, die aber spätestens Ende des Jahrhunderts im Zuge der Deindustrialisierung ihre Arbeitsplätze verloren und in prekäre Lebensverhältnisse abstürzten.

Der Untertitel von J.D.Vance  „Hillbilly-Elegie“ heißt:  Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Hillbilly-Elegie ist also das Klagelied des Hillbilly J.D.Vance, dessen persönliche Geschichte eigentlich eine Paradestory eines sozialen Aufsteigers ist, wie die USA sie so lieben. Er ist heute 32 Jahre alt, gut situierter Jurist im Finanzsektor, glücklich verheiratet und lebt in Kalifornien. Aber seine Lebensgeschichte lässt ihn nicht los. Er kann kaum begreifen, wie er dem Teufelskreis von Armut und Chaos, Hilflosigkeit und Gewalt, Drogen und Alkohol entkommen konnte, in den die Familien der Hillbillies geraten sind. Zitat: „Ich war eines dieser Kinder mit einer trostlosen Zukunft. Ich hätte mich beinahe der tiefsitzenden Wut und Verbitterung ergeben, die alle in meinem Umfeld erfasst hatte. Es ist meine wahre Lebensgeschichte  und das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Die Leute sollen wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich fast schon selbst aufgegeben hat, und warum es tatsächlich soweit kommen konnte.“

J.D.Vance ist ein begnadeter Erzähler: Sein Buch, eine bewegend ehrliche und detailreich erzählte Geschichte, voller Sympathie für die Menschen seiner Jugend und Kindheit, voller Dankbarkeit für seine Großmutter Mamaw und Großvater Papaw, deren beharrliche Zuneigung ihn wohl in den kritischen Jahren seiner Jugend vor dem Scheitern bewahrt hat. Aber auch eine sehr schonungslose Betrachtung der Schwächen dieser „Hillbilly-Gesellschaft“, die die Schuld an ihren Lebenskatastrophen – ob privat oder politisch –  immer bei den andern sucht, sich weigert, ihre Situation ehrlich zu betrachten  und nun „Erlösung“  durch politische Scharlatane wie Donald Trump erhofft.

Für alle, die ein wenig mehr von diesem uns so unbekannten Amerika erfahren wollen, ein unbedingt empfehlenswertes Buch. Fünf Sterne! Ein herzliches Dankeschön deswegen auch an meine belesene Schwester Agi, die mir das Buch schenkte. (KS)

 

Denk ich an Deutschland…

Warte nicht auf bessere Zeiten! – Die Autobiographie

Dass er herrliche Lieder schreiben und singen konnte – und übrigens immer noch kann, das ist in Deutschland seit Jahrzehnten bekannt. Gefeiert und mit Applaus überschüttet auf allen Bühnen der Republik. Und das nicht nur aus Sympathie für den von der DDR-Regierung 1976 exilierten Barden.  Seine Lieder und Gedichte scheinen mir ebenso  legendär zutreffend für das Nachkriegs–Deutschland des 20. Jahrhunderts zu sein wie die Heinrich Heines für das Deutschland des 19. Jahrhunderts. Denk ich an Deutschland…

2015  hat der Liedermacher Biermann aber etwas  gemacht, von dem er  bekennt, dass er ohne den konsequenten Zuspruch seiner Frau Pamela sich nicht getraut hätte, zu schreiben: Er hat ein Prosawerk verfasst, eine Autobiographie!

Und was für ein schönes und hochinteressantes Buch da entstanden ist! Das Buch von über 500 Seiten ist der überzeugende Beleg: Biermann beherrscht auch Prosa ganz meisterlich. Schon die Kapitel-Überschriften des Inhaltsverzeichnisses machen neugierig.  Über 200 Tagebücher und  ca. 50.000 Dokumente  seiner Stasi-Akte sind im Buch verarbeitet.

In kurzen überschaubaren Kapiteln lässt Wolf Biermann „das jüdische Kommunistenkind“ (O-Ton Biermann), Jahrgang 1937, uns teilhaben an einem Leben, geprägt durch das kommunistische Elternhaus in Hamburg, das im Widerstand gegen die Nazis den Vater im KZ das Leben kostete.           „Den Kommunismus soff ich mit der Muttermilch. Karl Marxens Utopie war mein Vaterblut. Und das bewährte sich als mein Lebenselixier im Streit mit der DDR-Diktatur“. (S.523)

1953, schickte Mutter Emma den begeisterten Jungkommunisten auf ein Kader-Internat der sich im Aufbau befindlichen DDR. In ihm glühte „die revolutionäre Sehnsucht nach dem roten Paradies“. Diese Sehnsucht teilt er mit einem großen Kreis von Intellektuellen und Künstlern, die spätestens Anfang der sechziger Jahre in immer größere  Konflikte  mit der faktischen Politik der SED geraten, die sie als Verrat am Sozialismus empfinden. Sie alle werden immer enger geheimdienstlich vom  MfS überwacht und manipuliert. Wie deprimierend eng, das wird Biermann erst annähernd klar, als er in 1990-er Jahren  Zugang zu den über 50.000 Stasi- Dokumenten bekommt, die seine Person betreffen.

Neben den detailreichen  Berichten über das Leben  in der DDR dieser Jahre finden sich im Buch viele Fotos, auf denen man sehen kann, mit wie vielen unserer Generation  bekannten Künstlern und Schriftstellern Biermann  befreundet war oder Kontakt hatte. Wie populär er in diesem Kreis war, zeigte sich 1976  in der Protestresolution gegen seine Ausbürgerung, die von über hundert prominenten DDR- Künstlerkollegen unterschrieben wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon sieben Jahre Publikations- und Auftrittsverbot in der DDR, sodass er  damals einem breiteren Publikum in der BRD bekannter war, als dem der DDR.  Ob der Titel des Buches „Warte nicht auf bessere Zeiten“  damals wirklich so ernst gemeint war?

Nach seiner Ausbürgerung war ihm in der damaligen Bundesrepublik  sein  tägliches Hauptthema abhanden gekommen: Widerstand gegen die SED-Diktatur im Namen des wahren Sozialismus.

Es gibt im Leben des Wolf Biermann einige durchgehende, alles durchdringende Themen. Das sind seine Familie, die Freundschaft, die Frauen und die Liebe, der Sozialismus und die erlebte Diktatur des SED-Staates.

Es ist  bewegend  zu lesen, mit welcher Zuneigung, welch engagiertem Respekt er von seiner Familie, seiner Mutter Emma, seinem Vater oder Oma Meume erzählt, von den Freunden, die ihm in so vielen schwierigen Zeiten die Treue gehalten haben. Aber auch von  jenen, die seiner Freundschaft wohl nicht wert waren.

Es ist sympathisch, wie er von den Frauen erzählt, die er geliebt und die ihn geliebt haben und die ihm zehn Kinder geschenkt haben. Kein böses Wort über die sicherlich nicht einfachen Beziehungskrisen. Allen bewahrt diese Biographie ein sympathisches Andenken.

Leidenschaftlich betrachtet er seine eigene Entwicklung, sein Verhältnis zu seinen sozialistisch- kommunistischen Idealen, die ihm im Laufe seines späteren Lebens immer kritikwürdiger erscheinen, eine Auseinandersetzung, die ihm laut eigenem Bekenntnis die größte Kraftanstrengung seines Lebens abverlangte: „Ich verbrauchte meine Kräfte nicht für den Streit mit den falschen Genossen, sondern für den Bruch mit der Illusion Kommunismus.“…  er habe „begriffen, wie hochmütig mein Spott auf die bürgerliche Demokratie war, … das am wenigsten Unmenschliche, was wir Menschen als Gesellschaftsmodell bisher…ausprobiert haben.“

Fazit

Großer Applaus für Wolf Biermann. Abgesehen von der bestechenden Sprachfertigkeit des Autors, die schon alleine eine Lektüre rechtfertigte, verdient dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung für deutsche Zeitgenossen, die die geschilderte Lebenszeit  Biermanns in etwa teilen können. Ehemalige DDR-Bürger werden viel von ihrer damaligen Lebenssituation  wiedererkennen und den Konflikt mit ihren eigenen Lebenserwartungen wiederfinden. Für Leute wie mich, die unter ganz anderer politischer Sozialisation in der BRD groß wurden, und mit der realen Situation der DDR nicht vertraut waren, sind die vielen geschilderten Details des täglichen DDR-Lebens äußerst interessant, auch wenn das Leben der Künstlerszene sicherlich nicht die Normalität des DDR-Alltags war.

Fünf Sterne also für dieses Buch und Dank an  Mechtild und Werner, die mir dieses Buch geschenkt haben. (KS)

PS. Am Ende des Buches findet sich ein Gedicht, das wohl recht viel vom Leben des Wolf Biermann verdichtet mit dem Titel :

Heimweh

Die heile Heimat Utopie hab ich verloren   /  Dafür und ganz kaputt die halbe Welt gewonnen  / Als Kommunistenketzer ward ich neu  geboren / Als Mann erst ist mein Kinderglaube mir zerronnen.

Hab manchmal Heimweh noch nach diesem blöden Hoffen / Statt Mensch wär ich viel lieber Marxens Zwergriese / Die alte Sehnsucht macht mich manchmal noch besoffen  / Spür nächtens den Phantomschmerz aus dem Paradiese.

Dies Höllen-Heimweh trieb mich weg vom Vaterlande  /     Ins Land der Troubadours, wo Wein wächst wie die Lieder / Es trieb mich auch ins Land der Väter, fern am Rande  /   traf dort drei Tausend Jahre alte Freunde wieder.

Allein in meinem kurzen Menschenleben fraß ich /  Zwei Diktaturen, schluckte mehrere Epochen   /Die echten Kriege, falschen Frieden – nichts vergaß ich  /    Hab oft nach Angstschweiß wie nach Heldentum gerochen.

Schlief tief im feinen Duft aus deinen Lebenssäften  /    Mein Weib, du bist Utopia für mich geblieben   /   Ich könnt nicht singen, auch nicht schrein nach Kräften  /     Schon gar nicht schweigen ohne unser blindes Lieben.

Wolf Biermann

 

Besser kann eine Premiere einfach nicht sein

 

Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft Eschweiler begeistern samt Solisten ihr Publikum bei ihrem ersten Konzert unter dem Dirigat von Jeremy Hulin                                            Von Andreas Röchter

Eschweiler. Große Namen standen am Samstagabend auf dem Pro­gramm: Johannes Brahms und Ludwig van Beethoven. Literari­sche Verstärkung erhielt das Duo der musikalischen Genies durch keinen Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe. Und im Geiste waren auch Klavier-Virtuo­sin Clara Schumann und der Meis­terviolinist Joseph Joachim zuge­gen.

So stellten sich die spürbar er­wartungsvollen Gäste des Konzerts der Städtischen Musikgesellschaft in der vollbesetzten Aula des Städ­tischen Gymnasiums vor dem Er­klingen der ersten Melodie sicher­lich die Frage, ob sich Chor und Orchester unter dem Premieren-Dirigat des neuen Ensemble-Lei­ters Jeremy Hulin der anspruchs­vollen Aufgaben gewachsen zeigen würden?

Rund zwei Stunden später waren keinerlei Zweifel mehr vorhanden. Die Zuhörer, darunter auch der ehemalige Chor- und Orchesterlei­ter Horst Berretz, der die Geschicke der Gesellschaft drei Jahrzehnte maßgeblich prägte, erhoben sich von ihren Sitzplätzen und spende­ten frenetischen und dankbaren Applaus.

Diesen erhielten die Sängerin­nen und Sänger sowie die Instrumentalisten der Städtischen Mu­sikgesellschaft, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert, auch von ihrem neuen „Chef“ und einer professionellen Musikerin der Extraklasse: Die großartige Pia­nistin Tomoko Yoneyama begeis­terte zum krönenden Abschluss des Konzerts, das unter dem Titel „Eine Sommerserenade“ stand, mit einer meisterhaften Interpre­tation der „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester Op. 80″ von Ludwig van Beethoven und bildete dabei eine wunderschöne Sym­biose mit den Protagonisten der Musikgesellschaft.

 Beethoven und Brahms

Auch der Start in die neue Ära der Gemeinschaft war dem 1770 in Bonn geborenen Musikgiganten gewidmet: Ludwig van Beethoven, der in den Jahren 1811 und 1812 einen regen Gedankenaustausch mit dem von ihm hochverehrten Dichter Johann Wolfgang von Goethe unterhielt, vertonte we­nige Jahre später dessen Gedichte „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“ zu einer Kantate. Nach dem , schwermütigen, aber stimmlich  anspruchsvollen Beginn, der in  den Worten „Keine Luft von keiner l Seite! Todesstille fürchterlich!“ seinen Ausdruck findet, gelang es – Chor und Orchester unter dem  energischen Dirigat von Jeremy  Hulin eindrucksvoll, hymnisch den  Wind und die Wellen zu entfesseln und das rettende Land in Sicht­weite kommen zu lassen.

 

Inmitten der Klammer Beethoven setzte sich die Musikgesellschaft mit zwei sehr unterschiedlichen Werken von Johannes Brahms aus­einander. Die Sammlung kurzer Lieder, denen der Komponist unter dem Titel „Liebeslieder-Walzer Op. 52″ eine „lyrisch-schwelgerische“ Note gab, forderte von Sängern und Instrumentalisten höchste Konzentration und Genauigkeit. Die 17-jährige Sopranistin Jeanne Jansen setzte einen elektrisierenden Kontrapunkt mit ihrem gelungenen Solo.

Nach der Pause stellte sich das Orchester der Herausforderung einer „Beinahe-Symphonie“ von Brahms, der der Komponist und Pianist schließlich den Titel „Sere­nade Nr. l Op. 11″ gab, nachdem er eine frühere Fassung seinen Freunden Clara Schumann und Jo­seph Joachim im Jahr 1858 vorge­stellt hatte.

 Grandiose Leistung

Das Orchester der Musikgesell­schaft präsentierte den l. Satz Allegro molto und strebte melodiös und ausschweifend, aber dennoch feingliedrig, dem klanglichen Hö­hepunkt des Werkes entgegen. Ein Musikerlebnis der besonders ge­lungenen Art bescherten dann alle Konzert-Mitwirkenden ihren Zu­hörern mit der Wiedergabe von Beethovens „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester Op. 80″. „Wo­bei ich hoffe, dass wir im Hinblick auf die Erstaufführung im Jahr 1811 nicht allzu authentisch auf­treten werden“, bemerkte Jeremy Hulin schmunzelnd.

Schließlich wird die damalige Ausführung als schlecht bezeichnet. Selbst Beethoven, der bei dieser Gelegenheit letztmals öffentlich als Pianist auftrat, hatte wohl nicht den besten Tag innerhalb seines unvergleichlichen Lebenswerkes erwischt. Das Chaos während der Chor-Fantasie soll irgendwann so­gar so groß gewesen sein, dass die Beteiligten den Entschluss fassten, abzubrechen und von vorne zu beginnen.

Da Capo zum Finale

Davon konnte am Samstag in der Aula des Städtischen Gymna­siums allerdings keine Rede sein. Obwohl Tomoko Yoneyama ge­meinsam mit Chor und Orchester den beinahe ekstatischen Schluss­teil der Komposition ebenfalls ein zweites Mal darbrachten. Aber nicht wegen vorherigem Chaos, sondern auf Grund des stürmi­schen Beifalls, den die grandiose Leistung aller Mitwirkenden voll­kommen zu Recht herausgefordert hatte. (AR)

Sie sorgten für ein Musikerlebnis, das so schnell niemand vergisst       ______________________________________________________________________

Die Mitwirkenden des Konzerts:

 Gesamtleitung: Jeremy Hulin

Kla­vier: Tomoko Yoneyama.

 Chor: Sopran: Hildegard Breuer, Claudia Förster, Elke Frohmann, Ursula Helmling, Jeanne Jansen, Maria Johnen, Ute Kowalewski, Edeltraud Müller, Käthe Müller, Stepha­nie Sievers, Doris Sommer;

Alt: Birgit Breckheimer, Stephanie Fell, Sabine Härtung, Ingrid Hilgers-Szemeit, Ga­briela Jansen, Rosemarie Keuthen, Ursula Manthey, Christa Michaizyk, Renate Schwartz, Cornelia Schwarz-Misere, Ursula Weyand;

Tenor: Fried­rich Friedhoff, Georg Lingemann, Markus Paulmann, Johannes Rohrer, Nikolaus Sturm;

Bass: Peter Adrian, Helmut Dolfen, Josef Holtmann-Spötter, Arno Johnen, Andreas Laurs, Johannes Mülfahrt, Lothar Szemeit, Franz Wolters, Wolfgang Zemler, Jür­gen Kozel.

Orchester: Erste Violine: Konzert­meisterin Brigitte Petrovitsch, Astrid Latz, Etelka Nagy, Lisa Plecikova, Vera Wunsch;

Zweite Violine: Roswi-tha Kühnen, Kathrin Lingemann, Yumiko Matsuyama, Ellen Nowack, Mi­chaela Schieren;

Viola: Katharina Lindemann-Docter, Helmut Löwe, Xa­ver Schiffeis;

Violincello: Ingrid Walz, Paula Becker, Helmut Erbstößer, Charlotte Lehmbruck, Wolfram Simonsen;

Kontrabass: Georg Klinkenberg, Klaus Schruff;

Flöte: Anna Boese, Agnes Acs;

Oboe: Christoph Linge­mann, Yvonne Schabarum;

Klari­nette: Jochen Förster, Stephan Wistop;

Fagott: Severin Graff, Katharina Zey;

Hörner: Ulrich Michels, Gereon Graff, Thomas Graff, Simon Bauer;

Trompete: Jonas Nobis, Didier Dhont;

Pauke, Schlagwerk: Martin Graff.

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(c) Eschweiler Nachrichten – 8. Mai 2017

Die ausgebliebene „Friedensdividende“ und andere bittere Erkenntnisse

Heribert Münkler: DIE NEUEN KRIEGE

1990: Welch überschwängliche Hoffnungen hatte sich  die westliche Welt mit der Auflösung des Warschauer Paktes gemacht: Die Supermächte USA und Russlands Sowjetunion hatten sich geeinigt. Der eiserne Vorhang war obsolet. Ende der gegenseitigen nuklearen Bedrohung. Ende des monströsen Aufrüstens, Ende der ruinösen Rüstungsausgaben. Der große Weltkrieg war nicht mehr auf der Agenda.  Kriege schienen nicht mehr realistisch. Vom „Ende der Geschichte“ war die Rede. (F. Fukuyama)

Das war natürlich reichlich blauäugig, aber typisch für die eurozentristische Betrachtung der Welt. Dass zum gleichen Zeitpunkt  auf dem Balkan, im Vorderen Orient und in Afrika  sich katastrophale Auseinander-setzungen ankündigten bzw. Kriege schon blutiger Alltag waren, das wollte man in der neuen Friedensseligkeit nicht wirklich wahrhaben.

Inzwischen ist die Welt weiter denn je davon entfernt,  ein Ort des Friedens zu sein, von  einer damals erhofften „Friedensdividende“ ganz zu schweigen. 50 Millionen Flüchtlinge auf der Welt sind das traurige Ergebnis der neuen Kriege. Dass für die internationale Waffenindustrie ein Friede keine erfreuliche Alternative sei, hätte man allerdings schon damals wissen können. Dass es allerdings der Politik des Westens unter der Führung der USA gelungen ist, die alte Gegnerschaft mit Russland neu zu provozieren, das ist ein politischer Skandal, auch wenn man derzeit sehr bemüht ist, militärisch nicht direkt aneinander zu geraten. Der klassische Staatenkrieg scheint ein historisches Auslaufmodell zu sein. Große Kriege scheinen keine erfolgreichen Siege mehr zu versprechen.

Was ist an ihre Stelle getreten? Was ist charakteristisch für diese neuen Kriege? Heribert Münkler hat sich umgesehen und sein Buch fasst zusammen, was man heute dazu sagen kann und wissen sollte.

„Anstelle der Staaten und ihrer Streitkräfte als kriegführende Parteien treten immer häufiger parastaatliche, teilweise sogar private Akteure -von lokalen Warlords und Guerillagruppen über weltweit operierende Söldnerfirmen bis zu internationalen Terrornetzwerken -, für die der Krieg zu einem dauerhaften Betätigungsfeld geworden ist.  Nicht alle, aber doch viele von ihnen sind Kriegsunternehmer, die den Krieg auf eigene Rechnung führen und sich die benötigten Einnahmen auf unterschiedliche Art und Weise verschaffen.“ (S.7)

Der Krieg als Geschäft, dessen Ende gar nicht wünschenswert erscheint. Will man diese Kriege verstehen, so muss man ihre wirtschaftlichen Grundlagen in den Blick nehmen. Ohne Rentabilität der Gewalt keine Privatisierung des Krieges.

Im Hinblick auf die religiösen – aktuell die islamistischen – Aspekte der Auseinandersetzungen ist Münklers Verweis und Analyse  auf  die Konstellationen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) äußerst aufschlussreich.

Die damalige Gemengelage weist viele Parallelen zur heutigen Situation auf und erklärt, warum man nicht auf ein schnelles Ende dieser neuen Kriege hoffen sollte. Religiöse Motive spielten übrigens auch damals nicht die Rolle, die ihnen pauschal gerne unterstellt wird.

Sehr aufschlussreich Münklers Beschäftigung mit Themen wie „Kindersoldaten“ , „Massenvergewaltigungen von Frauen“ als taktisches Mittel zur sog. ethnischen Säuberung, „Verwüstung von Landschaften“, „Flüchtlingscamps als Versorgungs-Ressource“, „Terrorismus als Kommunikationswaffe“.

Man versteht, warum auch eine militärische Supermacht wie die USA mit all ihrer Hightech-Bewaffnung so hilflos erscheint im Hinblick auf die neuen Formen der „asymmetrischen Kriege“. Die Instrumentalisierung kultureller und religiöser Feindschaften für eigene Interessen haben eine desaströse Situation im Nahen Osten entstehen lassen, deren Lösung  überhaupt nicht absehbar erscheint.

Auch wenn uns Münkler keine  zu großen Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft machen kann, sein Buch ist überaus lesenswert und ein „must read“ für alle, die sich zu diesem Thema äußern wollen. Fünf Sterne.     (KS 30-05-2017)

 

DIE NEUEN DEUTSCHEN

Ein gescheites und notwendiges Buch

DIE NEUEN DEUTSCHEN  von  Herfried und Marina Münkler

Es ist ein gescheites Buch. Nicht etwa, weil seine Autoren beide Universitätsprofessoren sind  – deren Sprachgewohnheiten  sind für den nicht akademisch geschulten Leser manchmal eher hinderlich, sondern weil die Themenausarbeitung historisch und soziologisch weit genug greift, um die Problemlage fundiert zu beleuchten. Und es ist ein notwendiges Buch. Weil sich Deutschland in diesen Jahren – und mit ihm auch Europa – in einer  historischen Zeitenwende befindet, die in der jüngsten Flüchtlings- und Migrationswelle ihren unübersehbaren Ausdruck fand und findet, und dadurch eine heftige Debatte um die nationale Identität entfacht hat, die eine tiefe Spaltung  im gesellschaftlichen Bewusstsein Deutschlands offen legte. „Deutschland, einig Vaterland?“  Von wegen!

Diese Spaltung ist auch in der Reaktion auf dieses Buch festzustellen.  Einerseits eine hohe Zustimmung  und andererseits eine fast ebenso große demonstrative Ablehnung – Beleidigungen inklusive. Die Autoren müssen sich gefallen lassen, als gekaufte Propagandisten der Merkelschen-Flüchtlingspolitik beschimpft zu werden, die ihr wissenschaftliches Renommee an den linksliberalen Mainstream verraten hätten, usw.

Einmal abgesehen davon, dass dieses Buch keine wissenschaftliche Dissertation sein wollte, haben die  Autoren ihren Befund durch eine fast 40-seitige Liste von Anmerkungen und Literaturhinweisen abgestützt. Aber sie wollten ja ein Buch schreiben, das über den universitären Zirkel hinaus, einer  breiten deutschen Öffentlichkeit die wichtigen Überlegungen zur Flüchtlings- und Einwanderungsproblematik deutlich machen sollte. Das Buch hat ein Anliegen und einen sozial-historischen  Standpunkt: Das Deutschland der nahen Zukunft wird nicht mehr dasselbe sein, das es einmal war und schon gar nicht  mehr ist, sondern Deutschland muss sich positiv gestaltend mit der Einwanderungsproblematik auseinandersetzen. Das ist das Gebot der Stunde.

Und die Frage, wer Deutscher ist, entscheidet die gültige Verfassung dieser Republik und nicht irgendwelche Überlegungen zu einer angeblich „deutschen Leitkultur“ oder das „Erbe des christlichen Abendlandes“, über das sich nicht einmal die „alten Deutschen“ aus Hamburg, Berlin und Oberbayern einigen können, geschweige denn AfD, Pegida und die CSU.

Wer sind aber nach Münkler die „alten und die neuen Deutschen“?                                          „Die alten Deutschen sind jene, die an der ethnischen Geschlossenheit des Volkes hängen und sich nichts anderes für die Zukunft vorstellen können. Die neuen Deutschen sind in diesem Fall nicht die Neuankömmlinge, die sich ja überhaupt noch nicht entscheiden müssen, ob sie überhaupt Deutsche werden wollen, sondern jene, die auf ein weltoffenes und nicht mehr ausschließlich ethnisch definiertes Deutschland setzen.“ (Zitat S.13)

Dass Einwanderung und Flüchtlingsaufnahme immer mit Problemen verbunden war, zeigt Münklers exzellenter Exkurs in die Geschichte Deutschlands und Europas. Er zeigt aber auch, dass diese Migrations- und Flüchtlingsgeschichte häufig auch die Chance für einen Neuanfang, sowie einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg war.

Es täte den „alten Deutschen“ sehr gut, diese Kapitel recht andächtig zu lesen, wenn ihnen an Deutschlands Zukunft wirklich gelegen ist, was bei einigen rechten Gruppierungen in der Tat zu bezweifeln ist. Beim ihrem konsequenten Rückzug auf das Gestern landen sie zwangsläufig bei rassisch-völkischen Vorstellungen der Nazis oder auch bei Preußens Gloria.  Sind das etwa die Blaupausen für ein Deutschland im 21. Jahrhundert?

Ja, es geht um Deutschlands Zukunft, wie der Untertitel des Buches betont. Münklers Buch geht sehr kenntnisreich mit den Stichworten um wie  „Überalterung der deutschen Bevölkerung“, „Zuwanderungsbedarf“  „Migranten-Integration“, „Multikulti“, „Europa“, „Flüchtling“, „Einwanderer“, „Islam und Islamismus“, „Parallelgesellschaften“, „Asylrecht“, „Migranten-Kriminalität“,  „Gastrecht“, „Fremdsein und Heimat“ usw und formuliert konkrete Vorschläge, wie Staat und Zivil-gesellschaft auf die neuen Herausforderungen reagieren sollten. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass es notwendig ist, diese Krise positiv wahr zu nehmen und als Chance für Deutschland und Europa zu begreifen.

Ob allerdings die veränderungsunwilligen „alten Deutschen“ mit dem Beispiel der „Pascalschen Wette“ zu einer positiveren Verhaltensweise motiviert werden können, ist ebenso zweifelhaft wie der Erfolg besagter Wette, einen agnostischen Gottesleugner zum Gottesglauben zu bewegen.   „Das Herz hat seine Gründe, von denen der Verstand nichts weiß.“ Auch das ein  Zitat  Blaise Pascals, dessen Wahrheit uns lehrt, wie wichtig es ist, dem Herzen die Gründe des Verstandes „ans Herz“ zu legen, wenn es um wichtige Entscheidungen geht.

Auch wenn ich also die oben zitierte „Pascalsche Wette“ als Bucheinleitung für eher fragwürdig halte, so sei das Buch trotzdem einer eingehenden Lektüre empfohlen.             (KS -2017)

Nb. Dank an meine Schwester Hildegard, der ich so viele gute Lektüre verdanke.