Kategorie-Archiv: Rezensionen

So war es…

Horst Krüger: Das zerbrochene Haus

Eine Reise in die persönliche deutsche Vergangenheit

Wem von uns älteren deutschen Zeitgenossen noch immer nicht klar geworden sein sollte, wie ein doch so bedeutendes, auf seine kulturelle Tradition so stolzes Deutschland in der Epoche der 1920-er und 1930-er Jahre einem politischen Hasardeur wie Adolf Hitler und seiner nationalsozialistischen Bewegung mit all ihren katastrophalen Folgen verfallen konnte, der hätte es spätestens seit 1966 wissen können, als Horst Krüger sein Buch „Das zerbrochene Haus – Eine Jugend in Deutschland“  veröffentlichte. Der Autor, Jahrgang 1919, gehört zu der Generation von Deutschen, die als Kinder und Jugendliche die fatale Situation der Weimarer Republik und den Aufstieg und  Untergang von Hitlers Nazi-Deutschland erleben mussten. Ihre Erinnerungen sind besonders kostbar, weil heute kaum noch Menschen leben, die man darüber befragen könnte.  

Im Nachwort einer Neuauflage des Jahres 1976 beschreibt der Autor Horst Krüger – ein damals schon angesehener Journalist –  wie es zu diesem außergewöhnlichen Buch kam: Die journalistische Beobachtung des Auschwitz Prozesses in Frankfurt 1963/64 provoziert ihn zunehmend, sich den Erfahrungen seiner eigenen Kindheit und Jugend im Berlin der 1920-er und 1930-er Jahre zu stellen.  

 „Ich begann mich zu erinnern. Ich spürte nach, ich drang ein in die Vergangenheit, ich kehrte in die Jugend und Kindheit zurück. Es war sozusagen mein erstes Reiseerlebnis: Reise in die eigene Vergangenheit. Ich fand, was ich dann im ersten Kapitel  ‘Ein Ort wie Eichkamp‘ entwickelt habe. Ich fand das Elternhaus, meine Jugend unter Hitler wieder, die eine ganz untypische, eigene Jugend gewesen war. Gerade weil hier keine eigene Schuld beschönigt werden musste, weil ich und meine Familie nie in den Bann der deutschen Hitler-Begeisterung geraten waren, bot sich ein ideales, komplexfreies Feld zur Selbstanalyse.

Ich entdeckte, was mir zuvor selber nicht so bewusst war, das Phänomen des unpolitischen deutschen Kleinbürgertums, das in seiner sozialen Unsicherheit, in seiner Labilität und Bedürftigkeit nach Irrationalismen das fruchtbare Vorfeld für die innere Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland abgab. – So entstanden, Schritt für Schritt, die vier mittleren Kapitel, die meine Entwicklung bis zum Kriegsende 1945 zeichnen“ (Horst Krüger)

Die erwähnten mittleren Kapitel sind 2. „Ein Requiem für Ursula“, die Schwester, die sich 1938 das Leben nahm. 3. „Mein Freund Wanja“, der enge Schulfreund aus alternativem Arbeiter-Milieu, der den Autor – inzwischen Student der Philosophie – zu kleinen Botengängen für den kommunistischen Untergrund überredete, und dem er nach dem Krieg als linientreuen Funktionär der DDR wieder begegnete. 4. „Die Verhaftung“ 1939 wegen staatsfeindlicher Umtriebe und Einlieferung in das Berliner Gefängnis Moabit, aus dem er nach einigen Monaten 1940 entlassen wird, um dann zum Militär eingezogen zu werden. 5. „45. Stunde Null“ Erfahrungen der letzten Tage sog. Dritten Reiches als  Soldat einer ‚Kampfgruppe Grasmehl‘, die am Dortmund-Ems-Kanal den Rückzug der SS vor den amerikanischen Truppen sichern sollte. Sein Leben als Kriegsgefangener im Lager Cherbourg. 6. „Gerichtstag“ – Reportage über den Auschwitzprozess 1963/64, der den Anstoß zu diesem Buch gab.

Das Buch erregte seit 1966 so viel Aufmerksamkeit, dass bis 1999 sechs Auflagen von unterschiedlichen Verlagen publiziert wurden.  Ich gestehe, ich hätte es damals schon gerne gelesen, wenn ich es gekannt hätte. Aber es ist mir erst jetzt 2020 zufällig in die Hände gefallen und ich bin sehr dankbar, es doch noch lesen zu dürfen – ein Buch, von dem Marcel Reich-Ranitzki schrieb: „Ein Deutschland-Buch ohne Lüge.“

Wem wäre dieses Buch zu empfehlen? Historisch gesehen war es natürlich für die Zeitgenossen des Autors geschrieben, die es aber sicher nur bedingt lesen wollten, Menschen aus derjenigen Bevölkerungsschicht, die den politischen Aufstieg Hitlers letztendlich ermöglichte – dem deutschen Kleinbürgertum, das dann nach 1945, seine Rolle so beschämend verleugnete, von der Verführung und seiner privaten familiären Verflechtung in diese deutsche Katastrophe nichts gewusst haben wollte, sich dann aber im Nachkriegsdeutschland für den phänomenalen wirtschaftlichen Aufstieg international feiern ließ.

Aktuell sollte das Buch – für alle politisch interessierten Menschen – sicher aber zum Lesestoff der gymnasialen Oberstufe gehören. Es ist von so eindringlich anschaulicher Sprache, die auch jungen Leuten von heute ein lebendiges Bild des damaligen Deutschlands vermitteln kann.                  Fünf Sterne für ein epochales Buch (KS)

                                                                                                                                                                                                                         

 

… und alles wegen der Muskatnuss!

Das Gold der Bandas   von Horst H. Geerken 

Das einladende Cover des Buches ziert ein schönes Foto einer reifen Muskatfrucht, wie sie wohl ganz wenigen Menschen in Deutschland bekannt sein dürfte: Zu sehen ist nämlich die von dem roten Macis-Netz umgebene schwarz-braune Muskatnuss, die noch in ihrem hellem Fruchtfleisch eingebettet ist. Darüber prangt der verheißungs- volle Titel des Buches: “Das Gold der Bandas”. Sollte der Leser von diesem “Gold” noch nichts gelesen haben, dann führt ihn der Untertitel auf eine etwas richtigere Spur, die allerdings noch nicht ganz verrät, worum es da wirklich geht: “Der verhängnisvolle Schatz der vergessenen Inseln, die einst Weltgeschichte schrieben”.  Welcher Schatz und welche vergessenen Inseln sind das? Ein spannender Titel für ein richtig spannendes Buch, das der Autor Horst H. Geerken 2019 seinen Lesern geschenkt hat.  

Es geht um nichts weniger als um die Geschichte der kolonialen Eroberung der Welt durch die europäischen Seefahrernationen des 16./17.  Jahr-hunderts – Portugal, Spanien, England und in unserem speziellen Fall um die Rolle Hollands (Niederlande) in Südostasien, dem heutigen Indonesien.  Und es geht ganz speziell um die Banda-Inseln – winzige Inselchen im Seegebiet der Molukken im äußersten Osten Indonesiens – und dabei um die Muskatnuss!   

Wurde  uns Schülern der 50-er Jahre im gymnasialen Geschichtsunterricht noch vor allem der ungeheure Wagemut von Seefahrern wie Christoph Columbus, Vasco da Gama oder Ferdinand Magellan gerühmt, die sich auf eine neue Geographie der Erdkugel verlassend die Entdeckung der Welt  auf ihren Schiffen in Angriff nahmen, so wurde uns doch weniger erklärt, warum sie diese Risiken wirklich auf sich nahmen, und welches die konkreten Hoffnungen und Bedingungen ihrer Finanziers waren. Es ging ja dabei um den unbekannten “Seeweg nach Indien”, auf dem dann aber 1492 durch Columbus erst einmal „Amerika“ entdeckt wurde, das er selbst ja sein leben lang für die Küste von „West-Indien“ hielt…   “Der Seeweg nach Indien” war ja aber der Weg zu den in Europa ungeheuer teuren exotischen Gewürzen, wie Pfeffer, Zimt, Kardamon und vor allem der Muskatnuss, die auf langen und nicht bekannten Handelswegen aus Asien über Venedig  an die europäischen Höfe gelangten.

Und spätestens ab da sollte man Horst Geerkens Buch in die Hand nehmen. Auf annähernd 200 Seiten der ersten Hälfte des Buches  erzählt der Autor bewundernswert informiert und detailreich die Geschichte der europäischen Eroberung der Handelswege zu diesen Gewürzen, speziell zur Muskatnuss.  

Die fatale Rolle der Muskatnuss

Diese Gewürznuss wuchs und gedieh auf Grund einzigartiger botanischer Bedingungen bis ins ausgehende 18. Jahrhundert nur auf den Banda-Inseln im heutigen Indonesien, nirgendwo anders  auf der Welt. Heute aus verschiedenen tropischen Ländern importiert, kann man sie für ein paar  Cent in jedem europäischen Supermarkt kaufen. Damals hielten die einheimischen Händler die geographische Lage dieser Inseln vor möglichen Konkurrenten geheim, bis die Portugiesen 1512 diese sagenumwobenen Inselchen doch entdeckten und von da ab als eigenständige Händler – nicht mehr über arabische oder chinesische Zwischenhändler – Muskatnüsse  direkt von den Bewohnern der Banda Inseln kauften und mit riesigen Gewinnen auf den Märkten Europas verkauften. 

Das sollte auch fast 100 Jahre so bleiben, bis englische und vor allem holländische Kaufleute die asiatischen Handelsniederlassungen der Portugiesen zu erobern begannen. 1602 wurde in Amsterdam die Vereinigung holländischer Kaufleute VOC (Vereinigte Ostindische Compagnie) gegründet.  Ihre Chefs, die Generalsgouverneure, mit nahezu unbeschränkter Vollmacht ausgerüstet, agierten als Herren über Leben und Tod in ihrem Reich in Südostasien, nur ihren Auftraggebern in Holland Rechenschaft schuldig.

Mit welcher Brutalität sie dabei agierten, zeigt das Vorgehen des Generalgouverneurs Jan Pieterszoon Coen. Um im Muskathandel mit Europa endgültig das Monopol   der VOC zu garantieren, ließ er  1623 die etwa 15000 Bewohner der Banda-Inseln durch seine Soldaten umbringen, um die Inseln dann mit europäischen Kolonisten zu besiedeln.  Importierte Sklaven aus anderen Gegenden des Archipels mussten die Arbeit in den Muskat-Plantagen übernehmen. Die grausamen Einzelheiten dieses Genozids kann man im Buch nachlesen. Die ökonomische Folge dieser brutalen Untat war für etwa 150 Jahre lang das Muskat-Monopol der VOC im Welthandel. Es garantierte den holländischen Geldgebern – Hollands reichen “Pfeffersäcken” in Amsterdam und Middelburg –  tausendfache Gewinne:  Auf Europas Märkten wurde die Muskatnuss mit Gold aufgewogen! Die armen Bandanesen mussten ihren verhängnisvollen Schatz mit dem Leben bezahlen. 

Die einzigen, die weiterhin versuchten, sich gegen das Diktat der VOC auf den Banda Inseln zu wehren, waren englische Kaufleute, die den Anspruch Englands auf die kleine Banda-Insel Run  unverdrossen  aufrecht erhielten. Im Streit um diese Insel einigte sich England und Holland im Frieden von Breda 1667 durch einen Tausch: Holland bekam die winzige Insel Run und England erhielt im Gegenzug die damals holländische Kolonie Niew Amsterdam, das heutige Manhattan New Yorks.  Und damit schrieb die winzige – heute vergessene – Banda-Insel vor 350 Jahren schon einmal Weltgeschichte. 

Die Reise zu den Bandas 2018

Leser von Horst H. Geerkens Bücher wissen ja, dass man als Leser seiner Bücher auch  immer ein Begleiter seiner persönlichen Recherchen und Erfahrungen ist.  Auch in diesem Buch nimmt er uns mit auf seine Reise zu den Banda-Inseln, seinen Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen vor Ort. Eine Fülle von Karten, Bildern, Dokumenten und Fotos belegen eine selten so engagierte Suche nach den Verbindungen zwischen der kolonialen Vergangenheit und dem heutigen Indonesien. Z.B. ist ein hochinteressantes Kapitel dem deutschen Biologen Georg Eberhard Rumpf – Rumphius genannt – gewidmet, der von 1654 bis 1702 in Ambon lebte und arbeitete, und eine gewaltige Forschungsarbeit hinterlassen hat, die inzwischen auch von den Indonesiern gewürdigt wird.

Horst Geerkens Liebe zu Indonesien, das er seit über 55 Jahren kennt und das er als eine zweite Heimat betrachtet, lässt ihn mit indonesischen Augen auf die Erfahrungen der holländischen Kolonialzeit blicken. Sein Resümee teilt den Eindruck vieler geschichtsbewusster Indonesier: Die holländische Kolonialzeit hat den Menschen Indonesiens wenig Gutes und viel Schlechtes beschert.  Das aber ist eine Erfahrung, die Indonesien mit vielen ehemaligen europäischen Kolonien in Asien, Afrika und Amerika teilt.  Das Rassismus-Problem der USA von 2020 ist ein aktuell schmerzlicher Nachhall dieser Epoche. 

Wem ist die über 400 Seiten starke Lektüre zu empfehlen?                          Fans von H.H. Geerkens Büchern brauchen ja eigentlich keine Empfehlung. Sie kennen und lieben die authentische Art des Autors von seinen indonesischen Erfahrungen und Recherchen zu berichten. Auch dieses Buch über die Reise zu den Banda-Inseln ist wieder sehr typisch und kompetent. Aber es wäre auch ein Buch für alle neuen – vielleicht sogar jungen – Leser, die etwas genauer über die fatale Rolle und das Agieren des “weißen Mannes” in der kolonialen Welt Südostasiens wissen möchten.  Fünf Sterne! (KS -2020)   

Amerikas wunderbare Jahre ?

David Talbot: Das Schachbrett des Teufels 
Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung

Wenn der Untertitel nicht unzweideutig klar machte, wovon dieses Buch handelte, dann ließe der Haupttitel fast  einen Thriller des okkulten Genres vermuten.   Aber nein, der Leser bekommt eine ungemein spannende  Dokumentation zu lesen über den allmächtigen Geheimdienst CIA und seine skrupellosen Chefs, die nach dem 2. Weltkrieg  bis in die Ära Präsident Kennedys in den 1960-er Jahren maßgeblich die Politik der USA in aller Welt bestimmten – ein Machtkartell, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für die Ermordung des Präsidenten Kennedy im November 1963 verantwortlich ist. Das Buch erzählt aus einer Zeit, die in den Erinnerungen älterer Amerikaner als Amerikas wunderbare Nachkriegsjahre gelten. Der 2. Weltkrieg war zu Ende – Amerika der Sieger an allen Fronten. Für die Jugend dieser Zeit die „Rock’nRoll-Jahre“.  Aber waren das wirklich so wunderbare Jahre?

Immer wieder musste ich bei der Lektüre dieses Buches innehalten, um deprimiert zu  verifizieren, was ich da gerade an Unglaublichem gelesen hatte.  Das Buch berichtet zu einem großen Teil über eine Zeit, die auch meine Lebenszeit (*1941 -) ist, über Ereignisse und Namen, die mir durchaus präsent sind. Über deren fatale Hintergründe und Zusammenhänge, ich aber erst durch dieses Buch schlüssig informiert wurde.

Da ist z.B. die bekannte Tatsache, dass der bundesdeutsche Nachrichtendienst BND aus dem militärischen Geheimdienst Nazideutschlands „Fremde Heere Ost“ des General Gehlen entstand. Wie das allerdings zustande kam, zu welchem Preis und unter welchen Auflagen der BND all die Jahre für die CIA funktionierte, das ist wohl wenigen Zeitgenossen klar gewesen. Überhaupt ein deprimiertes  Erstaunen des Lesers über die geheimen Verbindungen noch während des Krieges von Allen Dulles und seinem  Bruder Foster  zu Kontaktleuten in Nazideutschland. Auf Schweizer Banken gebunkertes Nazigold,  – wohl geraubtes Gold aus jüdischem Besitz oder sogar „Blutgold“  aus den KZs -, legte nach dem Krieg den finanziellen Grundstock für die geheimen Aktionen der neugegründeten CIA, mit der Allen Dulles seine eigene Sicht der Prioritäten amerikanischer Weltpolitik durchzusetzen versuchte.

 „Allen Dulles war einer der durchtriebensten Meister verborgener Machtausübung, die Amerika je hervorgebracht hat, und seine ehrgeizigsten Geheimmanöver richteten sich nicht gegen feindliche Regierungen, sondern gegen seine eigene. In Diensten zahlreicher US-Regierungen lernte er diese zu manipulieren und ihre Ziele mitunter auch zu hintertreiben.                          

Aus Sicht der Dulles-Brüder war Demokratie ein Unternehmen, das sorgfältig von den richtigen Männern gesteuert werden musste, nicht etwas, das einfach gewählten Amtsträgern überlassen bleiben durfte, denen die Öffentlichkeit ihr Vertrauen geschenkt hatte. Seit ihren frühesten Tagen an der Wall Street  – wo sie Sullivan & Cromwell führten, die mächtigste Wirtschaftskanzlei der Nation – fühlten sie sich stets an erster Stelle dem Kreis arrivierte, privilegierter Männer verpflichtet, die sie als den wahren Hort der Macht in Amerika ansahen. Obwohl Foster und Allen selbst nicht aus einer jener reichen Familien stammten, die diesen elitären Klub beherrschten, sicherten sie sie sich durch ihre Gewieftheit, ihren missionarischen Eifer und ihre mächtigen Beziehungen einen festen Platz als Führungskräfte dieser exklusiven Welt.“  (Zitat)

Nur so lassen sich die unfasslichen Unternehmen amerikanischer Außenpolitik jener Jahre erklären, in denen  z.B. 1954  im Interesse des US- Bananenunternehmens „United Fruit“ – heute unter dem Namen „Chiquita“ bekannt -, von der CIA ein Staatsstreich in Guatemala inszeniert wurde.  United Fruit  besaß 80% der Plantagen Guatemalas und  kontrollierte bis dahin auch die Regierung  in ihrem Sinne.  (Man erinnere sich an den Ausdruck „Bananenrepublik“!)  Die vom Volk gewählte Regierung  Arbenz hatte  eine Agrarreform zugunsten landloser Bauern in die Wege geleitet, die gar nicht im Sinne von United Fruit war. Das reichte, um im „vitalen Interesse Amerikas“ eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen und das Land in den folgenden Jahrzehnten unter einer Militärdiktatur in einem Albtraum von Mord und  Totschlag versinken zu lassen. Es war dies nur eine von mehreren darauf folgenden dieser skrupellosen Aktionen, mit denen die CIA unliebsame Regierungen durch inszenierte Putsche stürzte,

Es war dieser mörderischen Politmafia, die in der CIA des Allen Dulles ihre extremsten Formen annahm, –  gelungen, die wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Konzerne  als die essentiellen Interessen Amerikas und der „freien Welt“ darzustellen. Dazu reichten natürlich nicht einfach die bezahlten Revolvermänner vor Ort, sondern die weltweite Öffentlichkeit musste durch entsprechend gesteuerte Nachrichten gezielt beeinflusst werden. Allen Dulles konnte über seine Beziehungen auf hochintelligente Leute aus den prominenten Universitäten der USA zurückgreifen.  Er nannte ja seinen Dienst nicht einfach „Secret Service“, sondern Central Intelligence  Agency – Zentrale Intelligenz  Agentur.  

Die zentrale Mission, unter der sich damals seine Leute versammelten, war ein fanatischer Antikommunismus.  Das offensive Agieren des sowjetischen Regimes unter Stalin lieferte die nötige Munition, das sich in ein atomares Wettrüsten steigerte, das die Welt bei verschiedenen Gelegenheiten fast in die nukleare Katastrophe geführt  hätte. Selbst Präsident Kennedy, der eigentlich eine ganz neue Politik gegenüber der poststalinistischen Sowjetunion einleiten wollte,  musste sich  1962 in der sog. „Cubakrise“ einer  solchen katastrophalen Herausforderung stellen.

Das letzte Drittel von Talbots Buch widmet sich ausführlich dem  Kampf  zwischen der Regierung  Kennedy und den Interessen der amerikanischen Konzernvertreter  sowie der Cuba-Mafia, die sich weiterhin auf die Beziehungen des Allen Dulles verließen, obwohl dieser als CIA-Direktor längst entlassen worden war.  Nach allem, was der Leser da erfährt, ist es nicht sehr verwunderlich, dass J.F. Kennedy, der weltweit gefeierte Hoffnungsträger des jungen Amerika,  von seinen Feinden so heimtückisch ermordet wurde. Die Umstände seines Todes lassen auf ein hinterhältig geplantes Attentat schließen, dessen restliche Aufklärung bis heute verhindert wurde.                               

Die CIA gibt es bis dato immer noch. Aber sie muss sich seit längerer Zeit ihre Funktion mit anderen geheimen Diensten, wie z.B. der NSA, teilen und kann nicht mehr so eigenmächtig und unüberwacht agieren, wie sie es zu Zeiten von Allen Dulles tat. Aber wie wir seit den Veröffentlichungen des „Wistleblowers“  Edward Snowden wissen,  hat sich der Anspruch der CIA auf weltweite Überwachung von Freunden und Feinden  Amerikas nicht geändert.

Noch etwas ist aus Allen Dulles Zeiten von fataler Brisanz: Der aktuelle Konflikt der USA mit Iran, der seinen Anfang nahm, als Allen Dulles CIA 1953 im Auftrag britisch-amerikanischer Erdölinteressen den demokratisch gewählten  Präsidenten Mossadegh stürzte und den Schah Reza Pahlewi auf den Thron setzte – mit dem Erfolg, dass seit 1979 ein islamistisches Mullah- Regime die Geschicke Irans bestimmt.  Die  Details dieses folgenschweren „Regimechange“ sind im Buch nachzulesen. (Siehe auch „Irans gestohlene Demokratie“ )

Das “Schachbrett des Teufels“  ist für alle politisch interessierten Zeitgenossen  eine ungeheuer lehrreiche Lektion über die Jahre, die für die deutsche Bundesrepublik zu den Jahren des Wirtschaftswunders und der engen deutsch-amerikanischen Beziehungen zählen. Auch  „ Unsere wunderbaren Jahre“ ?                                                                                                                                         

Fünf Sterne für dieses gut zu lesende Buch und seinen Autor (KS – März 2020)

Das Herz von Hia spricht

Johannes Maria Hämmerle

DAS HERZ VON HIA SPRICHT

Die Urbevölkerung von Nias/ Indonesien

Bekommt man dieses  400 Seiten dicke Buch in die Hände, dann machen eventuell gleich zwei Dinge neugierig:    Das Bild einer Tigerfigur – mehr wie ein Leopard gefleckt – auf einem Tragepodest und dazu der Buchtitel „Das Herz von Hia spricht“.  Da möchte man ja gerne  wissen, was denn beide miteinander zu tun haben könnten. Davon soll später noch die Rede sein. Aber der Untertitel erklärt dann ein wenig,  worum es geht:   „Die Urbevölkerung von Nias / Indonesien“. Nias, ein kleines – der großen Insel Sumatra vorgelagertes – Eiland  im indischen Ozean.  

Dieses Nias war in Deutschland bis vor wenigen Jahrzehnten  nur einer Handvoll Ethnologen bekannt. Schon länger und intensiver allerdings der seit 1865 tätigen ev. Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) – Wuppertal, und seit 1955 den kath.  Missionaren der Rheinisch-Westfälischen Kapuzinerprovinz.  Das hat sich inzwischen etwas geändert, als ab den 1990-er Jahren die internationale Surfer-Elite die großen Wellen in der Lagundri-Bucht in Südnias entdeckte. Zwar hatten Touristik-Unternehmen schon in 1970-er Jahren die Attraktivität der großen Adat-Dörfer in Südnias  in ihren Notizbüchern, aber die völlig unterentwickelte Infrastruktur der Insel ließ die Geschäfte nicht richtig in Gang kommen. Die Insel zu besuchen, war immer noch ein touristischer Geheimtipp.

Das änderte sich schlagartig, als 2004 der katastrophale Tsunami  von Aceh/ Nordsumatra und 2005 ein verheerendes Erdbeben der Stärke RS 8,7 die Insel Nias ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit rückten. ( nb. Der vertikale Stoß dieses Bebens von 2005 war so stark, dass der westliche Teil der Insel ca. 3 m angehoben wurde und sich die Küstenform der Insel drastisch veränderte) Eine Welle der Hilfsbereitschaft – vor allem auch aus Deutschland – und ein fünfjähriges Wiederaufbauprogramm der Regierung erschloss die Insel erfolgreich  für die Außenwelt.  Und damit begann auch ein erhöhtes touristisches Interesse an der einzigartigen Kultur der Insel Nias.

Und hier setzt die Arbeit des Autors Johannes Maria Hämmerle an, eines deutschen Kapuzinerpaters –  inzwischen mit indonesischem Pass – der seit 1972 auf der Insel lebt. Neben seiner Tätigkeit als Pastor, begann er schon bald, sich sehr intensiv mit der offensichtlich verschwindenden Kultur des alten Nias zu beschäftigen, die durch die 150 jährige Christianisierung und den rasanten Modernisierungsschub in der Bevölkerung immer mehr in Vergessenheit zu geraten schien. 

„Nias, eine eigene Welt“

Er begann mit dem Sammeln von Texten in niassischer Sprache  der nur in mündlicher Form überlieferten Gesänge und Rezitationen der ehemals großen Feste der alten autochtonen Niaskultur. Er begann sie zu notieren und  seit 1984 auch zu publizieren. Das ermöglicht einer Generation junger Niasser den Zugang zu ihrer eigenen – heute fast vergessenen – Tradition und bestärkt sie, im großen Konzert der vielen lokalen indonesischen Kulturen  mit berechtigtem Stolz sich zu ihrer eigenen Kultur zu bekennen.  Darüber hinaus gründete P. Johannes in der Hauptstadt Gunung Sitoli das  „Museum Pusaka Nias“ ( Museum des Erbes von Nias),  in dem den  – vor allem niassischen – Besuchern die Begegnung mit Zeugnissen und Artefakten der Niaskultur erfahrbar wird.  

Eine ausführlichere Darstellung der hier skizzierten Informationen bekommt der Leser in der interessanten Einleitung des Buches, die sehr notwendig ist, um sich einen Zugang zum Inhalt  des Buches zu ermöglichen.  Für Leser, die schon  das 1999 erschienene Buch  des Autors „Nias, eine eigene Welt“  (Academia Verlag – St. Augustin)  gelesen  hatten, wird vieles in diesem neuen Buch nicht ganz so fremd und exotisch sein – aber auch damals schon ein Buch für „Nias-Insider“.  

In diesem neuen Buch geht es noch konzentrierter um ganz bestimmte überlieferte Texte und kulturelle Traditionen speziell in Südnias.  Wenn in diesem Buch das „Herz von Hia spricht“, dann spricht es vor allem von den Traditionen, der Adatkultur  von Südnias, speziell  dem Gebiet von Maenamölö. Hia als der mythische Urahn und Urvater, auf den sich alle Sippen (Mado) und Dörfer (banua) in Südnias zurückführen,    so wie wir es heute noch mit seinen bekannten Dörfern, Pfahlhäusern und Menhiren, den  ‚Adu‘  kennen. Es spricht Hia als Börönadu = Grund und Anfang der Adu, – Symbol der Ahnenverehrung – mit dem die uns bekannte Niaskultur ihren Anfang nahm. Hia spricht  zu seinen Kindern und Nachfahren. 

Waren frühere Ethnologen  davon ausgegangen, dass diese Kultur sich auf eine protomalayische Zuwanderung vor etwa 2000 Jahren gründete, so glaubt  P. Johannes M. Hämmerle genügend Gründe gefunden  zu haben, dass diese uns bekannte und erforschbare Kultur – jenseits aller früheren Zuwanderungen – „nur“ etwa 600 Jahre alt sein dürfte.

„Die mündliche Tradition von Nias begann vor ca. 600 Jahren mit der Einwanderung einer kleinen Gruppe von der Westküste Sumatras nach Südnias. Die Physiognomie der Bewohner weist oft chinesische Züge auf. Die mündliche Tradition berichtet vom Beginn der Ahnenfiguren (adu) und von der Ahnenverehrung in Gomo, Börönadu.  

Hier in Gomo fanden diese Einwanderer ihre erste Heimat auf Nias. Sie brachten die Sitte, das Adat-Recht, mit. Sie führten die Schmiedekunst und das Zimmermannshandwerk ein. Jetzt erst konnte sich die einzigartige Architektur der niassischen Pfahlhäuser entwickeln. Die mündliche Tradition berichtet von den Errungenschaften dieser Neuzeit.

Die Saembu-Figur in Gestalt einer schönen Frau und Göttin sowie die Tigerfigur werden in Prozession umhergetragen. Bei der Feier dieser beiden Prozessionen geht es darum, die Rechtsversammlung zur Erneuerung, Formulierung und Bestätigung der beschlossenen Gesetze abzuhalten.“ (Zitat)

Auch die schon auf dem Buchcover abgebildete Tigerfigur scheint ein Beleg für diese Zuwanderung aus Sumatra zu sein. Auf Nias hat es nie lebende Tiger – wie etwa bis heute auf Sumatra – gegeben. Trotzdem dient die Figur dieses Tieres als Symbol der Macht und des Rechts der Dorfchefs, die auch ihre Repräsentationsschwerter (tolögu) mit echten Tigerzähnen schmückten.

Auch ein Blick in die Geschichte Chinas als maritime Großmacht des 14. Jahrhunderts  im südostasiatischen Raum, lässt eine chinesische  Zuwanderung in Nias in dem genannten Zeitraum als möglich erscheinen.  Trotz der doch sehr überzeugenden Argumente zur  kulturellen Genese der Niasser,  harren doch noch eine Reihe von Fragen auf eine befriedigende Antwort. Zum Beispiel ist die niassische Sprache kein chinesischer Dialekt, wie man es vielleicht aus dieser Zuwanderungsthese erwarten könnte, sondern wird von den Ethnologen der protomalayischen  Sprachfamilie zugeordnet.  Aber vielleicht gibt es auch für dieses Problem bald eine befriedigende Antwort.  Als Laie ist man in diesem Bereich ganz auf das Wissen der Fachleute angewiesen, die diesen Ansatz diskutieren  müssen.

Probleme mit der Lektüre

Obwohl das Buch in einem flüssigen und gut lesbaren Deutsch verfasst ist, wird dem deutschen/europäischen Leser dieses Buches Einiges abverlangt. Die Bilder und Vorstellungen der mythischen Texte sind uns nur schwer zugänglich und verstehbar, machen aber deutlich, in welcher Vorstellungswelt sich das Leben der alten Niasser bewegte. „ Nias , wahrlich eine eigene Welt.“ In diesem  neuen Buch  belegt eine Fülle von Texten,  Genealogien, Dorf und Flussnamen, ein umfangreiches  Glossar niassischer Worte und Idioms, Zeichnungen und Fotografien die bewundernswerte  Kenntnis und Fleißarbeit des Autors, deren Bedeutung eigentlich nur ein ethnologisch interessierter „Nias-Insider“ wirklich zu würdigen weiß.  

Deswegen darf man auch die deutschen Leser beglückwünschen, die sich eine so spezielle Lektüre zutrauen, und die dann sicher auch für  fünf Sterne plädieren würden, die dieses Buch sicher verdient. Dank auch an den Academia Verlag- Sankt Augustin, der 2018 die Publikation eines so speziellen Werkes  für den deutschen Leser ermöglichte. (KS 2020)

„THE WINNER TAKES IT ALL…“ ?

Nein, die Situation der Welt ist gar nicht weihnachtlich friedfertig, sondern die Zeichen der Zeit stehen auf Konfrontation und Konflikt. In Großbrittanien feiert Wahlsieger Boris Johnson sein Austrittsprojekt  aus der EU als Sieg des demokratischen Willens Großbrittaniens. Dabei bleibt aber die Frage, ob er und seine Partei wirklich  eine Mehrheit der britischen  Wähler hinter sich hat.

Beim Surfen im Netz  fiel mir ein hochinteressanter Artikel des Portals „Nachdenkseiten“ zum britischen Wahlsystem auf, das den famosen Erfolg Boris Johnsons ja erst möglich machte. Würde man das englische Mehrheitswahlrecht auf die Bundesrepublik Deutschland anwenden, dann hätte die Bundestagswahl 2017 einen brisanten „britischen“ Effekt:

Die „historische“ Labour-Niederlage und das britische Wahlsystem

von Jens Berger

Die Tagesschau bezeichnet die Niederlage von Jeremy Corbyn als „historisch“ und viele andere deutsche Medien teilen offenbar diese Ansicht. Dabei wird jedoch gerne unterschlagen, dass das Ausmaß der Niederlage vor allem eine Folge des britischen Wahlsystems ist und andere Zahlen der Deutung einer „historischen Niederlage“ klar widersprechen. Erstaunlich: Hätte Deutschland das britische Wahlsystem, würde die CDU/CSU, die bei den letzten Bundestagswahlen 32,9% der Stimmen bekam, 77% der Bundestagsmandate stellen; die FDP wäre gar nicht, die Grünen mit einer einzigen Abgeordneten vertreten. Einige Fakten zum Wahlsystem und zur Unterhauswahl von Jens Berger und ein Leserartikel von C.K. im Anhang.

Boris Johnson bezeichnete das britische System eines reinen Mehrheitswahlrechts als das demokratischste der Welt. Das ist verständlich, sind seine Tories doch diesmal die großen Profiteure dieses Systems, bei dem gemäß des Abba-Schlagers „The Winner takes it all“ nur die Gewinner der Wahlkreise in das Parlament einziehen. Wie undemokratisch dieses System jedoch eigentlich ist, zeigt ein vereinfachter Blick auf die Ergebnisse der deutschen Wahlkreise bei den letzten Bundestagswahlen. Gäbe es keine Landeslisten, über die Abgeordnete nach dem Verhältniswahlrecht in den Bundestag einziehen, sähe die heutige Sitzverteilung folgendermaßen aus:

  • CDU/CSU: 228 Sitze (77% der Sitze bei 32,9% der Stimmen)
  • SPD:            58 Sitze (20% der Sitze bei 20,5% der Stimmen)
  • Linke:           5 Sitze (1,7% der Sitze bei 9,2% der Stimmen)
  • AfD:              3 Sitze (1,0% der Sitze bei 12,6% der Stimmen)*
  • Grüne:         1 Sitz (0,3% der Sitze bei 8,9% der Stimmen)
  • FDP:             0 Sitze (0% der Sitze bei 10,7% der Stimmen)

Gemäß dem britischen System wären übrigens weder Olaf Scholz, Horst Seehofer, Heiko Maas, Christine Lambrecht, Annegret Kramp-Karrenbauer, Julia Klöckner, Franziska Giffey noch Svenja Schulze „ministrabel“, da sie entweder über gar kein Bundestagsmandat verfügen oder über eine Liste in den Bundestag einzogen.

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Dank an Jens Berger und die „Nachdenkseiten“

 

 

Eschweiler musiziert … 2019

 

Natürlich musiziert in Eschweiler nicht nur die Städt. Musikgesellschaft. Eschweiler freut sich nämlich über eine reiche Musikszene verschiedenster Art. Darin war die Städt. Musikgesellschaft mit ihrem Chor und Orchester vor allem für die Aufführung klassischer Musik zuständig. (Nebenbei bemerkt: sie ist – neben dem Stadttheater Aachen – der einzige „Klangkörper“ in der Euregio, der sowohl über einen Chor als auch über ein Orchester verfügt.)

Aber seit 2018 präsentiert sich das Sommerkonzert der Städt. Musikgesellschaft Eschweiler in einem neuen Format, das  in Verbindung mit dem Städt. Gymnasium Eschweiler vor allem dessen jungen Künstlern, Sängern und Musikern eine Bühne gibt, auf der sie sich im Zusammenspiel mit dem Chor und dem Orchester der Städt. Musikgesellschaft präsentieren können.

Berührungsängste zwischen E- und U-Musik, zwischen Klassik, Jazz und Pop gibt es nicht. Die Eschweiler „Inde-Singers“, die Trompeter Jonas Nobis, Jan Andres, Holger Gilles und Jazzposaunist Bert Konzen im Arrangement  mit einem exzellent aufspielenden Orchester komplementierten den gelungenen musikalischen Event. Und ein begeistertes Publikum gibt dem neuen Konzept recht.  (KS)                                                                                                       Programm_Eschweiler_musiziert_2019

(c) „Eschweiler Nachrichten“ Lokalteil – Montag, 09.09. 2019

Städtische Musikgesellschaft Eschweiler e.V.

Armageddon im Orient …

 

heißt das neueste in 2018 erschienene Buch von Michael Lüders. „Armageddon“ (auch „Harmagedon“) ist ein biblischer Name für den Ort der Entscheidungsschlacht zwischen den „Mächten des Guten und des Bösen“ am Ende der Welt. (Angemerkt:  Für eine nicht unbedeutende Zahl evangelikaler Christen in Amerika ist  Armageddon ein ganz reales militärisches Schlachtfeld, auf dem Gott seine treuen Christen zum Siege über ihre Feinde führen wird.)

Mit dem Titel Armageddon hat Lüders also ein recht dramatisches Ausrufezeichen gesetzt. ( Erinnert sei ein wenig an Saddam Hussiens propagierte „Mutter aller Schlachten“ im 1. Irak/Kuwaitkrieg 1990/91.) Wenn man das Buch aber gelesen hat, dann versteht man schon, welch apokalyptisches Szenario im Orient  droht. Vielleicht wäre ein Fragezeichen hinter dem Titel  angesagt? Der Untertitel gibt aber Aufschluss, worum es derzeit konkret geht: „Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt.“

Was und wer diese Saudi-Connection ist, die im Iran ihren Erzfeind sieht, das ist in diesem Buch in eindrucksvoller Weise dargestellt. Michael Lüders ist ein Garant seriöser Information über die Situation im Nahen Osten und sein Buch wird von der Kritik einmütig gelobt. Es ist de facto viel zu wenig bekannt über die unseriösen bis desaströsen „deals“, die hinter dieser „Saudi-Connection“ stecken. Das Titelbild zeigt ja, welch groteske Inszenierungen in der Ära Trump möglich sind. Sie sind aber  nur die jüngste Auflage einer schon Jahrzehnte dauernden folgenreichen Geschäftsbeziehung zwischen USA und Saudi-Arabien.

Derzeit unter der Regierung Trump geht es um einen sog. „Regime-Change“ im Iran, bei der die Falken unter Trumps Beratern auch eine militärische Interrvention nicht aussschließen. Sicherheitschef John Bolton 2017: „Erklärtes Ziel der USA sollte es sein, das Mullah-Regime in Teheran zu stürzen…“ Und Außenminister Mike Pompeo: „Muslime verabscheuen Christen. Sie werden Druck ausüben, solange wir nicht beten, vereint sind und kämpfen. Solange wir uns nicht vor Augen führen, dass Jesus Christus unser Erlöser ist und die einzige Lösung für unsere Welt bereit hält.“ ( Und dieser Jesus Christus ist dann sicherlich ein republikanischer US-Amerikaner mit  ausgezeichneten Geschäftsbeziehungen zu wahabitischen Prinzen der saudischen Erdölindustrie!!! Sorry, der Tritt gegen das Schienbein dieses unsäglichen Politpromis musste sein. KS)

Über die fatale Politik der USA und mit ihr des Westens siehe auch ein Interview aus 2015 mit Michael Lüders in diesem Blog: „Die ewige Doppelmoral des Westens“ und auch das bittere Resümee Robert Kennedys (jr) „Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“

Neu für uns Leser von 2018/19 sind Lüders Recherchen über die Rolle des Trump- Schwiegersohnes Jared Kushner im Zusammenspiel mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS) und israelischen Hardlinern, sowie Informationen über den furchtbaren Krieg im Jemen, über den hier in den Medien kaum etwas bekannt ist.

Anstelle einer ausführlicheren Rezension zu diesem Buch, hier der Link zu  einem exzellenten Interview im YouTube-Kanal „Jung & naiv“ mit dem Moderator Tilo Jung,  „Armageddon im Orient“, in dem Michael Lüders sich von Tilo Jung befragen lässt. Must see!

Unbedingte Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses Buch. (KS – 08-2019)

Die Wiege des Islam

Glen W. Bowersock:

Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen

Wenn man unter Wiege die frühe Umgebung verstehen will, in die ein kleiner Erdenbürger eingebettet ist, dann hat das Buch einen passenden Titel. Es geht ihm nämlich nicht in erster Linie um die Religion des Islam und seines Propheten Mohammed, sondern um die sozio-kulturelle Umgebung, in der der Islam entstand.

In der Überzeugung der großen Mehrheit der Muslime ist diese  Umgebung vor allem eine feindliche. Ob es nun die heidnischen Mekkaner, die Juden oder die Christen sind, immer sind es Leute und Überzeugungen, gegen die der Prophet Mohammed seine Berufung und seine Botschaft durchsetzen musste.

Das kann man durchaus auch so sehen, wenn man eben nur die durch den Islam sanktionierte Geschichtstradition gelten lassen will, nach der eben der Prophet ab dem Jahre 610 n.Chr. seine Offenbarungen empfangen hat, die im Koran niedergeschrieben sind.  Sie sind direkte und einzigartige Weisungen Gottes an die Welt, die keiner Voraussetzungen bedürfen. Also auch keiner Forschung, inwiefern die im Islam gültigen Lehren ihre eventuellen geschichtlichen Voraussetzungen im Judentum oder Christentum haben.

Für den westlichen Historiker eine ausgemachte Sache: So sehr  man auch die Originalität einer neuen Bewegung schätzen mag, nichts in der Kultur- und Religionsgeschichte entsteht voraussetzungslos. In unserem Fall: welche sozio-kulturellen und religiösen Erfahrungen haben  vermutlich den jungen Mohammed geprägt, bevor er zum Propheten des Islam  berufen wurde?

Oder welche  Bedeutung haben  politischen und kulturellen Großmächte jener Zeit Byzanz, Syrien und Persien für die Ausbreitung des Islam?  Weithin unbekannt die Rolle der christlichen Äthiopier, die unter einem König Abraha in der Region des heutigen Jemen das christliche Königreich Himyar mit der Hauptstadt Sanaa errichteten, das bis kurz vor Mohammeds Geburt im Jahre 570 n.Chr. entscheidenden Einfluss in Südarabien hatte. Anlass für die Intervention der Äthiopier auf der arabischen Halbinsel  war das Blutbad von Nadschraf, das zum Judentum konvertierte Araber an der dortigen Christengemeinde angerichtet hatten.

Dieses und vieles mehr gibt uns Bowersock zu lesen, und wir verstehen, dass dieses Südarabien, in dem der Islam entstand, nicht einfach eine  geschichtslose Wüstenregion war, in der vor allem Händler mit ihren Kamelkarawanen von Oase zu Oase wanderten, sondern eine Region, in der die prägenden kulturellen Kräfte jener Zeit sehr präsent waren.

Fazit

Ein hochinteressantes Buch für alle Leser, die sich bisher mit dem kulturell-politischen Umfeld der Entstehungszeit  des Islam nicht so sehr beschäftigt hatten. Eine kleine Kritik, die die Bedeutung des Buches nicht schmälert, sei mir aber erlaubt:  man muss sich in den einzelnen Kapiteln des Öfteren mit Wiederholungen abfinden, in denen der Autor Zusammenfassungen aus früheren Kapiteln zitiert. (Frage: Waren die Kapitel eventuell früher einmal Vorlesungen oder Vorträge? Dort machen solche Rückgriffe ja Sinn.)

Eine andere Frage ist mir aber durch den Autor zu wenig beantwortet. Was waren das für christliche Gemeinden in Arabien? Wir lesen von miaphysitischen (monophysitischen) Christen z. B. den Äthiopiern, oder auch persischen Nestorianern, für die Jesus nur eine göttliche Natur habe.  Auch gab es sicher  byzantinische Christengemeinden, die das chalzedonensische Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit bekannten .  Aber gab es denn nicht auch noch judenchristliche Gemeinden, für die Jesus  zwar der von Gott gesandte Prophet und Messias war, aber eben nicht Gott selbst als zweite Person der Dreifaltigkeit?

Diese Judenchristen  wurden ja sowohl von den orthodoxen Juden als auch von den anderen Christen abgelehnt und angefeindet. Ihre theologische Position passt  jedoch sehr  genau zu Mohammeds Überzeugungen bezüglich Jesus und Maria oder der Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften, Beschneidung, Thora usw. Dass Mohammed letztlich aber auch von ihnen nicht anerkannt werden konnte, hat wahrscheinlich mit seinem Anspruch zu tun, selbst „Das Siegel der Propheten“ zu sein, ursprünglich ein Würdetitel Jesu. Man wüsste gerne mehr…                                                    aber doch vier Sterne für das Buch. (KS 08-2019)

Andrea Böhms „Mappa mundi“

Andrea Böhm: Das Ende der westlichen Weltordnung                                                             Eine Erkundung auf vier Kontinenten                                                                                             

 Dass Andrea Böhm eine unglaublich unerschrockene Reisende  ist und dazu auch noch wunderbar spannend erzählen kann, das konnten ihre Leser schon  in ihrem 2013 erschienenen Buch „Gott und die Krokodile“ erfahren, in dem sie von ihrer abenteuerlichen Reise durch den Kongo berichtet, wo sie alleine auf sich gestellt in die gefährlichen Gegenden des östlichen Kongo reiste, wo es für westliche Journalisten keine Sicherheitsgarantien gibt, wenn man wissen und berichten will, wie und von was die Menschen im Herzen Afrikas leben.   (Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben: Must read!)                                 

Nun hat sie 2017 ein neues Buch veröffentlicht, das von den Erfahrungen und Erkenntnissen neuer Reisen berichtet, die die Autorin  an Orten der Welt gemacht hat, von denen man wenig Verlässliches lesen kann. Als Korrespondentin großer Zeitungen wie der taz, GEO und ZEIT mit längerem Aufenthalt  in den USA glaubte sie die Welt eigentlich recht gut zu kennen. Verstärkt durch den Wohnungswechsel nach Beirut zweifelt sie aber immer mehr, ob ihre Sicht der Welt dem wahren Zustand der Welt entspreche. Dem will sie auf die Spur kommen.

Inspiriert wird sie durch eine historische Weltkarte, die  Fra Mauro, ein venezianischer Kamaldulensermönch, etwa um 1450 zeichnete und mit Informationen beschriftete. Seine Mappa mundi –  seine Weltkarte.  Sie enthält das aktuellste Wissen jener Zeit über die Geographie der Erde, wie man sie damals sah. Auch wenn Amerika noch nicht entdeckt  und deshalb nicht eingezeichnet war, so unterscheidet sie sich doch sehr von den damaligen Weltkarten. Nur gewissenhaft verbürgte Fakten und Erkenntnisse sollten in seiner Mappa mundi festgehalten werden. Keine Mythen und Legenden. So machte er entgegen der damals üblichen religiösen Vorstellung  z.B. nicht Jerusalem  zum Zentrum der Welt, sondern verortete es in das muslimische Bagdad. 

Auf dieser Weltkarte des Fra Mauro entdeckt Andrea Böhm Städte und Reiche, die es zwar heute noch gibt – damals sagenhaft reich und  attraktiv, heute aber für eher bedeutungslos gehalten, im Westen höchstens als humanitäre Katastrophengebiete erwähnt werden. Was aus ihnen geworden ist, das will sie persönlich erkunden.

Von Venedig, dem führenden „global player“  im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts, geht es nach Mogadischu in Somalia, einem ehemals bedeutenden Handelszentrum am Horn von Afrika am Indischen Ozean – heute ein fast symbolischer Name für eine „No go-area“ für westliche Besucher. Von dort aus nach Somaliland, einem Land, das es angeblich gar nicht gibt, und vom Rest der Welt auch nicht anerkannt wird. Weiter geht es nach Guangzhou, dem alten Kanton am Perlfluss in Südchina, dem historischen Handelshafen Europas mit China, das heute seine eigene Weltkarte zeichnet. Danach besucht die Autorin Bagdad, dem einstigen Mittelpunkt der Welt und nach Basra im Süden des Irak ins Flussdelta des Euphrat, wo die  Bibel das Paradies vermutete. Danach unter dem Titel Mare nostrum eindringliche Erfahrungen in den Städten des östlichen Mittelmeeres in Tyros, Sidon, Haifa, Ghaza und Alexandria. Und am Ende eine Erkundung einer Gegend am Ostrand Deutschlands, die sich Nowa Amerika nennt und den meisten Deutschen wohl ganz unbekannt sein dürfte.

Eindringliche  persönliche Erinnerungen und Kontakte der Autorin schildern Leben und Überleben von Menschen an diesen Orten im 21. Jahrhundert. Wer hätte zum Beispiel von uns gewusst, dass es in der Millionenmetropole Guanzhou in China ein eigenes Afrikanerviertel gibt, in dem respektable Geschäftsleute aus dem Senegal oder Nigeria  ihre Firmen in China  vertreten – eine Geschäftswelt, in der Europa und Amerika keine Rolle mehr spielen.

Der Leser wird sich  auch die Augen reiben über die Fülle historischer Daten und Fakten, die die Autorin  über die Geschichte und Bedeutung der besuchten Orte zusammengetragen hat, und die vielleicht die persönliche Weltanschauung ihrer Leser  um sehr wichtige Zusammenhänge bereichern wird.

Fazit

Fünf Sterne für ein äußerst lesenswertes Buch, dem man allerdings – und das ist meine einzige Kritik – einen attraktiveren Titel auf einem attraktiveren Cover gegönnt hätte. Auch wenn man  die provokante These vom Ende der westlichen Weltordnung als Andrea Böhms persönliches Resümee  ihrer Reiseerfahrungen teilen wird, so entspricht dieser dürre, fast akademische Titel doch nicht dem überaus lebendig erzählten  Lesestoff.

Authentische Berichte wie diese von  Orten einer Welt, über die wir in der Regel nur aus dem Blickwinkel westlicher Interessen etwas erfahren, sind so notwendig.  Nur wenn es uns gelingt, zu erfahren, wie die Menschen vor Ort über ihre Lage denken, werden wir eventuell verstehen, warum sich die Welt so verändert, wie sie das derzeit tut und eigentlich immer getan hat. Andrea Böhms Reisenotizen lassen etwas davon  ahnen.            (KS 07-2019)

Eintauchen in die Welt der Kindheit

Hajo Kurzenberger: Kopfweitsprung

 „Kopfweitsprung“ – ein wunderbarer Titel für das Projekt, das sich der Autor Hajo Kurzenberger vorgenommen hatte: im Alter von über 70 Jahren möglichst weit in die Welt seiner Kindheit einzutauchen, um ein Stück des eigenen Lebensweges  möglichst treu  nachzugehen und damit die eigene Biographie lebendig werden zu lassen. Aber auch, um  diese Geschichte der heutigen Generation zu erzählen, die sich die Welt der Nachkriegszeit in einer süddeutschen Kleinstadt nur noch schwer vorstellen kann. Das Buch ist ein großes Geschenk  an die Generation von  Enkeln und Urenkeln der Großfamilie und wird ihnen später eventuell helfen können, ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

Wie wir im Buch erfahren, zieht der Autor Hajo Kurzenberger nach Abschluss seiner beruflichen Karriere als Professor für Theaterwissenschaft in Hildesheim zurück ins Elternhaus seiner Heimatstadt Bruchsal, wo er 1944 geboren wurde. Der offensichtlich umfangreiche elterliche Nachlass an Dokumenten, Briefen, Tagebüchern  und Fotos provoziert ihn, diesen Fundus in Verbindung mit den eigenen Erinnerungen und Gefühlen in einem Buch lebendig werden zu lassen. Es ist der Blick zurück in eine Kindheit und Jugend, deren Leben entscheidend vom Aufstieg aus dem Desaster der Nachkriegszeit in  das „Wirtschaftswunder-Deutschland“ der 1950-er Jahre geprägt ist.

Hajo Kurzenbergers Elternhaus ist fast ein Paradebeispiel dafür. Dem Vater Ernst gelingt es zusammen mit seinem Geschäftspartner Kruse schon bald nach Kriegsende  in Bruchsal ein erfolgreiches Herrenbekleidungsgeschäft zu gründen, das der Familie in der Folgezeit einen respektablen Lebensunterhalt verschafft.

Es ist das Leben einer kleinbürgerlichen Familie im katholisch dominierten Milieu der süddeutschen Kleinstadt Bruchsal, wie es sich ähnlich in vielen katholisch geprägten Kleinstädten dieser Zeit abgespielt hat. Wenn da nicht der von Hajo sehr verehrte Vater Ernst gewesen wäre, in dessen Brust wohl zwei Herzen zu schlagen schienen: Die des Vaters und erfolgreichen Geschäftsmannes, der sein Leben lang auch ein begeisterter Ehepartner seiner Frau Ruth war und des leidenschaftlichen Liebhabers von Musik und Kunst. Es war der Vater, der dem Autor die Liebe und den Weg zum Theater ermöglichte, das später sein Beruf werden sollte-

Und noch etwas  unterscheidet diesen Mann von vielen Vätern dieser Zeit: Vater Ernst Kurzenberger hatte kein Problem mit einer verheimlichten Nazivergangenheit, was dem Sohn Hajo den Konflikt mit dem Vater ersparte, der viele Söhne dieser Generation in bittere Auseinandersetzungen mit ihren Vätern trieb.  Vater Ernst war seit früher Jugend begeisterter Pfadfinder, dessen Jugend von den Idealen und Reiseabenteuern der Pfadfinderschaft erfüllt war und der die nationalistische Pervertierung der Ideale der bündischen Jugend durch die HJ sowie das Verbot seiner Organisation den Nationalsozialisten persönlich übel nahm.

Es ist eines der sehr aufschlussreichen Kapitel des Buches, in dem der Autor versucht, das Denken und Fühlen der bündischen Jugend der 1920-er Jahre, die die Jugendjahre seines Vaters waren, zu beschreiben. Auch wird dadurch verständlich, warum der Versuch einer Neuerrichtung bündischer Jugend nach dem Kriege, ob nun Pfadfinderschaft oder katholische Jugend, letztendlich scheitern musste. Man konnte 1945 nicht einfach da weiter machen, wo man 1935 gezwungen wurde aufzuhören. Die Welt hatte sich entscheidend verändert. Es war zu viel passiert.

Ähnlich aufschlussreich ist auch das Kapitel „ Katholisch“, in dem der Autor sehr kenntnisreich und einfühlsam das Denken und Erleben der religiösen Welt seiner Kindheit und Jugend beschreibt.  Wie stark die Feiern und der Rhythmus des Kirchenjahres das Leben prägten.  Auch die damaligen Pfarrer sind ihm in durchaus positiver Erinnerung. Aber ähnlich dem Schicksal der Pfadfinderschaft und der bündischen Jugend war der Restauration des katholischen Milieus der 1930-er Jahre kein dauerhafter Erfolg beschieden, obwohl nach dem Kriege die Kirchen voll waren von Menschen, die nach der Katastrophe dort ihre Heimat suchten.

Fazit

Das Buch gehört in die Reihe der Bücher, die der Nachwelt einen authentischen Eindruck vom Leben einer vergangenen Zeit vermitteln möchten.  Sie sind wichtige Dokumente persönlich erlebter Zeitgeschichte. Viele Fotos im Buch  illustrieren die Erinnerungen. Der Autor Kurzenberger ist ein wunderbarer Erzähler, der aber dem Leser einiges abverlangt. Oft wird man von der Fülle der geschilderten Details überfordert. Das mag in vielem der treuen Dokumentation der Zeit zugute kommen.  So man aber kein Familienmitglied, Freund, Bekannter des Autors oder zumindest Bruchsaler ist, sind einem die Erinnerungsdetails in manchem zu reichlich und persönlich, sodass man öfter das Gefühl hat, an Familieninternas oder Lokalgeschichten  beteiligt zu werden, die man als „Fremder“ nicht unbedingt lesen müsste. Trotzdem sei die Lektüre allen „Nachkriegskindern“ sehr empfohlen.

Vier Sterne für den „Kopfweitsprung“

(KS 07-2019)

Nb. Bzgl Kriegs- und Nachkriegskindheit siehe auch                                                        „Missbrauchte Kindheit“ von Horst H. Geerken