Kategorie-Archiv: Texte

Deprimierend aktuell…

Nein, die Geschichte wiederholt sich nicht, darin sind sich die Historiker einig. Aber es gibt sehr wohl sich ähnelnde Prozesse historischer Entwicklungen, deren Ende nicht ohne weiteres vorhersehbar ist.

Aber wenn im Deutschland von 2019 wieder völkisch-nationalistische Töne, Ängste vor Überfremdung und Fremdenfeindlichkeit salonfähig werden, man politische Gegner bedroht oder gar ermordet,  und eine Partei, wie die AFD, sich versucht als die „wahre Stimme der besorgten Deutschen“  als  „bürgerliche Alternative“ gegen das „etablierte marode System der Altparteien“ der Republik Deutschland zu präsentieren, dann sollten in Deutschland Alarmglocken schrillen und der „deutsche Michel“ zu einer  dringlichen Geschichtsstunde verdonnert werden…

(… ich weiß leider, dass es bei so vielen Leuten nichts nützen wird – sie wollen es einfach  nicht wahrhaben, dass Hitler und seine Mörderbande NSDAP damals ganz demokratisch an die Macht kam, und die „besorgten Deutschen“  ihm mit ihrer Stimme im Wahllokal dazu verhalfen.  Selbst ein eigentlich gebildeter Mann meiner Generation, wie  Dr. jur. Alexander Gauland, entblödete sich nicht, öffentlich im Jahre 2018  zu verkünden, dass  Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ seien. Ein „Vogelschiss“ ???… von 6 Mio systematisch ermordeten jüdischen Menschen und 55 Mio Kriegstoten!)

Ein gestern in FAZ-online veröffentlichter Artikel aus dem Archiv der „Frankfurter Zeitung“ aus dem Jahr 1929 beschreibt, wie sich die (pseudo)demokratischen Anfänge der oben zitierten Katastrophe im politischen Alltag der damaligen Republik darstellten. Es scheint so deprimierend aktuell… 

Vielen Dank an FAZ-Online (KS)

 FRANKFURTER ZEITUNG – 01.11.1929

Wer wählt nationalsozialistisch?

AKTUALISIERT AM 01.11.2019- (https://www.faz.net/-i18-9rkdj)

 

Zum ersten Mal zieht die NSDAP in den badischen Landtag ein. Die Frankfurter Zeitung zieht erste Schlüsse aus dem Wahlerfolg – und glaubt derweil nicht, dass die Partei die Demokratie gefährden könnte.

Das politische Thema des Tages ist in Baden der Wahlerfolg der Nationalsozialisten und die Frage nach den Gründen für ihn. Viel ist in diesen Tagen darüber geschrieben worden, aber die Erörterung der Frage wird dadurch erschwert, dass die Ursachen für das Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen zu verschiedenartig und im einzelnen Fall zu wenig kontrollierbar sind.

Man muß zunächst übertriebene Auffassungen zurückweisen: der Kern der Wählerschaft hat an der guten demokratischen Tradition des Landes festgehalten; nur ein – allerdings ansehnlicher – Bruchteil ist der nationalsozialistischen Werbung widerstandslos erlegen, nämlich der Teil der Bauernschaft und des Bürgertums, den Kriegsende, Umwälzung und Inflation politisch aus dem Gleise geworfen und derart direktionslos gemacht haben, daß er, verstärkt durch wirtschaftlich Unzufriedene aller Art, seit zehn Jahren von Wahl zu Wahl anderen Phantomen nachjagt.

Es sind die Leute der nationalen Romantik, die die Götzendämmerung des Nationalismus noch nicht erkennen und die sich noch immer nicht zu der Erkenntnis durchgerungen haben, die Alfred Weber kürzlich etwa so formulierte: daß wir, weil wir uns unsere Stellung in der Welt nicht mit „heroischen“ Mitteln schaffen können, darauf angewiesen sind, klug zu sein.

Es sind die Leute mit dem kurzen Gedächtnis, die nicht nur die Lehre des Krieges und der Niederlage nie erfaßt haben, sondern die sich auch absolut nicht mehr daran erinnern, wie es 1923 bei uns aussah und wie ungeheure Fortschritte wir, so groß die Not breiter Volksschichten immer noch ist, seither, doch ganz unbestreitbar politisch und wirtschaftlich gemacht haben.

Es sind die Leute, die innerlich so durcheinander gebracht sind, daß sie kritiklos auf jede Hetze reagieren und jeden Schwindel glauben, der ihnen von skrupellosen Spektakelmachern vorgesetzt wird. Das Märchen vom Sklavenexport, den Deutschland im Young-Plan zugestanden haben soll, gab eine Probe davon, was alles man diesen Leuten bieten kann, ohne ausgelacht zu werden.

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Armageddon im Orient …

 

heißt das neueste in 2018 erschienene Buch von Michael Lüders. „Armageddon“ (auch „Harmagedon“) ist ein biblischer Name für den Ort der Entscheidungsschlacht zwischen den „Mächten des Guten und des Bösen“ am Ende der Welt. (Angemerkt:  Für eine nicht unbedeutende Zahl evangelikaler Christen in Amerika ist  Armageddon ein ganz reales militärisches Schlachtfeld, auf dem Gott seine treuen Christen zum Siege über ihre Feinde führen wird.)

Mit dem Titel Armageddon hat Lüders also ein recht dramatisches Ausrufezeichen gesetzt. ( Erinnert sei ein wenig an Saddam Hussiens propagierte „Mutter aller Schlachten“ im 1. Irak/Kuwaitkrieg 1990/91.) Wenn man das Buch aber gelesen hat, dann versteht man schon, welch apokalyptisches Szenario im Orient  droht. Vielleicht wäre ein Fragezeichen hinter dem Titel  angesagt? Der Untertitel gibt aber Aufschluss, worum es derzeit konkret geht: „Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt.“

Was und wer diese Saudi-Connection ist, die im Iran ihren Erzfeind sieht, das ist in diesem Buch in eindrucksvoller Weise dargestellt. Michael Lüders ist ein Garant seriöser Information über die Situation im Nahen Osten und sein Buch wird von der Kritik einmütig gelobt. Es ist de facto viel zu wenig bekannt über die unseriösen bis desaströsen „deals“, die hinter dieser „Saudi-Connection“ stecken. Das Titelbild zeigt ja, welch groteske Inszenierungen in der Ära Trump möglich sind. Sie sind aber  nur die jüngste Auflage einer schon Jahrzehnte dauernden folgenreichen Geschäftsbeziehung zwischen USA und Saudi-Arabien.

Derzeit unter der Regierung Trump geht es um einen sog. „Regime-Change“ im Iran, bei der die Falken unter Trumps Beratern auch eine militärische Interrvention nicht aussschließen. Sicherheitschef John Bolton 2017: „Erklärtes Ziel der USA sollte es sein, das Mullah-Regime in Teheran zu stürzen…“ Und Außenminister Mike Pompeo: „Muslime verabscheuen Christen. Sie werden Druck ausüben, solange wir nicht beten, vereint sind und kämpfen. Solange wir uns nicht vor Augen führen, dass Jesus Christus unser Erlöser ist und die einzige Lösung für unsere Welt bereit hält.“ ( Und dieser Jesus Christus ist dann sicherlich ein republikanischer US-Amerikaner mit  ausgezeichneten Geschäftsbeziehungen zu wahabitischen Prinzen der saudischen Erdölindustrie!!! Sorry, der Tritt gegen das Schienbein dieses unsäglichen Politpromis musste sein. KS)

Über die fatale Politik der USA und mit ihr des Westens siehe auch ein Interview aus 2015 mit Michael Lüders in diesem Blog: „Die ewige Doppelmoral des Westens“ und auch das bittere Resümee Robert Kennedys (jr) „Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“

Neu für uns Leser von 2018/19 sind Lüders Recherchen über die Rolle des Trump- Schwiegersohnes Jared Kushner im Zusammenspiel mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS) und israelischen Hardlinern, sowie Informationen über den furchtbaren Krieg im Jemen, über den hier in den Medien kaum etwas bekannt ist.

Anstelle einer ausführlicheren Rezension zu diesem Buch, hier der Link zu  einem exzellenten Interview im YouTube-Kanal „Jung & naiv“ mit dem Moderator Tilo Jung,  „Armageddon im Orient“, in dem Michael Lüders sich von Tilo Jung befragen lässt. Must see!

Unbedingte Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses Buch. (KS – 08-2019)

Die Wiege des Islam

Glen W. Bowersock:

Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen

Wenn man unter Wiege die frühe Umgebung verstehen will, in die ein kleiner Erdenbürger eingebettet ist, dann hat das Buch einen passenden Titel. Es geht ihm nämlich nicht in erster Linie um die Religion des Islam und seines Propheten Mohammed, sondern um die sozio-kulturelle Umgebung, in der der Islam entstand.

In der Überzeugung der großen Mehrheit der Muslime ist diese  Umgebung vor allem eine feindliche. Ob es nun die heidnischen Mekkaner, die Juden oder die Christen sind, immer sind es Leute und Überzeugungen, gegen die der Prophet Mohammed seine Berufung und seine Botschaft durchsetzen musste.

Das kann man durchaus auch so sehen, wenn man eben nur die durch den Islam sanktionierte Geschichtstradition gelten lassen will, nach der eben der Prophet ab dem Jahre 610 n.Chr. seine Offenbarungen empfangen hat, die im Koran niedergeschrieben sind.  Sie sind direkte und einzigartige Weisungen Gottes an die Welt, die keiner Voraussetzungen bedürfen. Also auch keiner Forschung, inwiefern die im Islam gültigen Lehren ihre eventuellen geschichtlichen Voraussetzungen im Judentum oder Christentum haben.

Für den westlichen Historiker eine ausgemachte Sache: So sehr  man auch die Originalität einer neuen Bewegung schätzen mag, nichts in der Kultur- und Religionsgeschichte entsteht voraussetzungslos. In unserem Fall: welche sozio-kulturellen und religiösen Erfahrungen haben  vermutlich den jungen Mohammed geprägt, bevor er zum Propheten des Islam  berufen wurde?

Oder welche  Bedeutung haben  politischen und kulturellen Großmächte jener Zeit Byzanz, Syrien und Persien für die Ausbreitung des Islam?  Weithin unbekannt die Rolle der christlichen Äthiopier, die unter einem König Abraha in der Region des heutigen Jemen das christliche Königreich Himyar mit der Hauptstadt Sanaa errichteten, das bis kurz vor Mohammeds Geburt im Jahre 570 n.Chr. entscheidenden Einfluss in Südarabien hatte. Anlass für die Intervention der Äthiopier auf der arabischen Halbinsel  war das Blutbad von Nadschraf, das zum Judentum konvertierte Araber an der dortigen Christengemeinde angerichtet hatten.

Dieses und vieles mehr gibt uns Bowersock zu lesen, und wir verstehen, dass dieses Südarabien, in dem der Islam entstand, nicht einfach eine  geschichtslose Wüstenregion war, in der vor allem Händler mit ihren Kamelkarawanen von Oase zu Oase wanderten, sondern eine Region, in der die prägenden kulturellen Kräfte jener Zeit sehr präsent waren.

Fazit

Ein hochinteressantes Buch für alle Leser, die sich bisher mit dem kulturell-politischen Umfeld der Entstehungszeit  des Islam nicht so sehr beschäftigt hatten. Eine kleine Kritik, die die Bedeutung des Buches nicht schmälert, sei mir aber erlaubt:  man muss sich in den einzelnen Kapiteln des Öfteren mit Wiederholungen abfinden, in denen der Autor Zusammenfassungen aus früheren Kapiteln zitiert. (Frage: Waren die Kapitel eventuell früher einmal Vorlesungen oder Vorträge? Dort machen solche Rückgriffe ja Sinn.)

Eine andere Frage ist mir aber durch den Autor zu wenig beantwortet. Was waren das für christliche Gemeinden in Arabien? Wir lesen von miaphysitischen (monophysitischen) Christen z. B. den Äthiopiern, oder auch persischen Nestorianern, für die Jesus nur eine göttliche Natur habe.  Auch gab es sicher  byzantinische Christengemeinden, die das chalzedonensische Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit bekannten .  Aber gab es denn nicht auch noch judenchristliche Gemeinden, für die Jesus  zwar der von Gott gesandte Prophet und Messias war, aber eben nicht Gott selbst als zweite Person der Dreifaltigkeit?

Diese Judenchristen  wurden ja sowohl von den orthodoxen Juden als auch von den anderen Christen abgelehnt und angefeindet. Ihre theologische Position passt  jedoch sehr  genau zu Mohammeds Überzeugungen bezüglich Jesus und Maria oder der Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften, Beschneidung, Thora usw. Dass Mohammed letztlich aber auch von ihnen nicht anerkannt werden konnte, hat wahrscheinlich mit seinem Anspruch zu tun, selbst „Das Siegel der Propheten“ zu sein, ursprünglich ein Würdetitel Jesu. Man wüsste gerne mehr…                                                    aber doch vier Sterne für das Buch. (KS 08-2019)

Eintauchen in die Welt der Kindheit

Hajo Kurzenberger: Kopfweitsprung

 „Kopfweitsprung“ – ein wunderbarer Titel für das Projekt, das sich der Autor Hajo Kurzenberger vorgenommen hatte: im Alter von über 70 Jahren möglichst weit in die Welt seiner Kindheit einzutauchen, um ein Stück des eigenen Lebensweges  möglichst treu  nachzugehen und damit die eigene Biographie lebendig werden zu lassen. Aber auch, um  diese Geschichte der heutigen Generation zu erzählen, die sich die Welt der Nachkriegszeit in einer süddeutschen Kleinstadt nur noch schwer vorstellen kann. Das Buch ist ein großes Geschenk  an die Generation von  Enkeln und Urenkeln der Großfamilie und wird ihnen später eventuell helfen können, ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

Wie wir im Buch erfahren, zieht der Autor Hajo Kurzenberger nach Abschluss seiner beruflichen Karriere als Professor für Theaterwissenschaft in Hildesheim zurück ins Elternhaus seiner Heimatstadt Bruchsal, wo er 1944 geboren wurde. Der offensichtlich umfangreiche elterliche Nachlass an Dokumenten, Briefen, Tagebüchern  und Fotos provoziert ihn, diesen Fundus in Verbindung mit den eigenen Erinnerungen und Gefühlen in einem Buch lebendig werden zu lassen. Es ist der Blick zurück in eine Kindheit und Jugend, deren Leben entscheidend vom Aufstieg aus dem Desaster der Nachkriegszeit in  das „Wirtschaftswunder-Deutschland“ der 1950-er Jahre geprägt ist.

Hajo Kurzenbergers Elternhaus ist fast ein Paradebeispiel dafür. Dem Vater Ernst gelingt es zusammen mit seinem Geschäftspartner Kruse schon bald nach Kriegsende  in Bruchsal ein erfolgreiches Herrenbekleidungsgeschäft zu gründen, das der Familie in der Folgezeit einen respektablen Lebensunterhalt verschafft.

Es ist das Leben einer kleinbürgerlichen Familie im katholisch dominierten Milieu der süddeutschen Kleinstadt Bruchsal, wie es sich ähnlich in vielen katholisch geprägten Kleinstädten dieser Zeit abgespielt hat. Wenn da nicht der von Hajo sehr verehrte Vater Ernst gewesen wäre, in dessen Brust wohl zwei Herzen zu schlagen schienen: Die des Vaters und erfolgreichen Geschäftsmannes, der sein Leben lang auch ein begeisterter Ehepartner seiner Frau Ruth war und des leidenschaftlichen Liebhabers von Musik und Kunst. Es war der Vater, der dem Autor die Liebe und den Weg zum Theater ermöglichte, das später sein Beruf werden sollte-

Und noch etwas  unterscheidet diesen Mann von vielen Vätern dieser Zeit: Vater Ernst Kurzenberger hatte kein Problem mit einer verheimlichten Nazivergangenheit, was dem Sohn Hajo den Konflikt mit dem Vater ersparte, der viele Söhne dieser Generation in bittere Auseinandersetzungen mit ihren Vätern trieb.  Vater Ernst war seit früher Jugend begeisterter Pfadfinder, dessen Jugend von den Idealen und Reiseabenteuern der Pfadfinderschaft erfüllt war und der die nationalistische Pervertierung der Ideale der bündischen Jugend durch die HJ sowie das Verbot seiner Organisation den Nationalsozialisten persönlich übel nahm.

Es ist eines der sehr aufschlussreichen Kapitel des Buches, in dem der Autor versucht, das Denken und Fühlen der bündischen Jugend der 1920-er Jahre, die die Jugendjahre seines Vaters waren, zu beschreiben. Auch wird dadurch verständlich, warum der Versuch einer Neuerrichtung bündischer Jugend nach dem Kriege, ob nun Pfadfinderschaft oder katholische Jugend, letztendlich scheitern musste. Man konnte 1945 nicht einfach da weiter machen, wo man 1935 gezwungen wurde aufzuhören. Die Welt hatte sich entscheidend verändert. Es war zu viel passiert.

Ähnlich aufschlussreich ist auch das Kapitel „ Katholisch“, in dem der Autor sehr kenntnisreich und einfühlsam das Denken und Erleben der religiösen Welt seiner Kindheit und Jugend beschreibt.  Wie stark die Feiern und der Rhythmus des Kirchenjahres das Leben prägten.  Auch die damaligen Pfarrer sind ihm in durchaus positiver Erinnerung. Aber ähnlich dem Schicksal der Pfadfinderschaft und der bündischen Jugend war der Restauration des katholischen Milieus der 1930-er Jahre kein dauerhafter Erfolg beschieden, obwohl nach dem Kriege die Kirchen voll waren von Menschen, die nach der Katastrophe dort ihre Heimat suchten.

Fazit

Das Buch gehört in die Reihe der Bücher, die der Nachwelt einen authentischen Eindruck vom Leben einer vergangenen Zeit vermitteln möchten.  Sie sind wichtige Dokumente persönlich erlebter Zeitgeschichte. Viele Fotos im Buch  illustrieren die Erinnerungen. Der Autor Kurzenberger ist ein wunderbarer Erzähler, der aber dem Leser einiges abverlangt. Oft wird man von der Fülle der geschilderten Details überfordert. Das mag in vielem der treuen Dokumentation der Zeit zugute kommen.  So man aber kein Familienmitglied, Freund, Bekannter des Autors oder zumindest Bruchsaler ist, sind einem die Erinnerungsdetails in manchem zu reichlich und persönlich, sodass man öfter das Gefühl hat, an Familieninternas oder Lokalgeschichten  beteiligt zu werden, die man als „Fremder“ nicht unbedingt lesen müsste. Trotzdem sei die Lektüre allen „Nachkriegskindern“ sehr empfohlen.

Vier Sterne für den „Kopfweitsprung“

(KS 07-2019)

Nb. Bzgl Kriegs- und Nachkriegskindheit siehe auch                                                        „Missbrauchte Kindheit“ von Horst H. Geerken 

Deutschland musste mit Gewalt befreit werden…

Gedenktage sind oft unangenehme Pflichttermine, besonders dann, wenn sie uns Deutsche zwingen, uns an die beschämendste Zeit unserer nationalen Geschichte zu erinnern. Und besonders lästig dann, wenn man versucht, wie der Vorsitzende der AfD Gauland es tat, die NS-Zeit als „Vogelschiss in der großen deutschen Geschichte“ darzustellen und zugleich an nationale Gefühle und Vorstellungen zu appellieren, die notwendig seien, um  den globalen Krisen der heutigen Zeit begegnen zu können. Ein fatales Signal!

Es ist hoch an der Zeit, Reden wie die des Historikers Götz Aly, die er vor einigen Tagen in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag gehalten hat, sehr aufmerksam zu lesen, um sich wieder klar zu machen,  welch humanitäre Mega-Katastrophe diese NS-Zeit für uns Deutsche und Millionen Menschen in Europa war und ist. 

„Eine Rede von erhabener Sachlichkeit, Anschaulichkeit und Entschiedenheit“ hat sie der WELT-Korrespondent Robin Alexander bezeichnet. Vielleicht brauchen wir häufiger Reden von dieser Qualität. (KS 2019)

Götz Aly: 

Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 

Wir haben uns versammelt, um an den 27. Januar 1945 zu erinnern – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.  Erst in der Nacht zuvor hatten SS-Truppen das letzte der vier aus Erfurt gelieferten Großkrematorien gesprengt; eines war im Oktober 1944 bei einem Aufstand des „Sonderkommandos“ zur Leichen-verbrennung zerstört, die beiden anderen waren bereits im Dezember zerlegt und Richtung Mauthausen verfrachtet worden. Dort, am Rand der geplanten Alpenfestung, sollte unter dem Codewort „Neu-Auschwitz“ ein gleichwertiges Vernichtungslager entstehen. Bis Ende 1944 waren in Auschwitz eine Million Menschen ermordet worden, die allermeisten, weil sie Juden waren.

Am 27. Januar vor 74 Jahren verharrten noch etwa 7000 von den geflüchteten Wachmannschaften zurückgelassene, extrem geschwächte Häftlinge im Lager. Nach Gefechten mit Wehrmachtsverbänden erreichten zwei vermummte Soldaten das Tor von Auschwitz-Birkenau um 15.00 Uhr. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Soldaten per Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“

Am 15. April rückten britische Truppen auf das Konzentrationslager Bergen-Belsen vor. Auch dort waren die deutschen Bewacher jäh verschwunden. Wie die ungarische Jüdin Lilly Weiss bezeugte, die als einzige ihrer großen Familie überlebte, herrschte unter den Häftlingen äußerste Spannung. Man hörte Schüsse und Kanonendonner – bis plötzlich aus einem Lautsprecher diese Sätze erschollen: „Hier sind die Soldaten der Britischen Armee! Ihr seid frei! Ab morgen gibt es Lebensmittel. Die Kranken werden versorgt, die Gesunden kommen in Quarantäne. Sie können nach Hause. Keine Panik! Jeder bleibt an seinem Platz! Bergen-Belsen ist befreit!“

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Text als Veröffentlichung der „Berliner Zeitung“ – Vielen Dank.

Ein echter Kutscher…

Volker Kutscher:  Märzgefallene

Auch Kriminalkommissar  Gereon Raths  fünfter  Fall „Märzgefallene“  ist ein echter Kutscher-Krimi dieser  ganz besonderen Klasse. Hat man sich einmal ein wenig eingelesen, kann man sich nur schlecht von der Lektüre trennen. Als „Kutscher-Fan“ weiß man ja eigentlich, welche Szenarien  uns im Berlin der frühen dreißiger Jahre erwarten, in denen sich die Kriminalstory ereignet und ist gespannt, in welches Berlin uns Gereon Rath dieses Mal bei seiner Arbeit mitnimmt. Auch in diesem Buch fasziniert die Kombination von toll erdachtem Kriminalfall und der genauen Recherche der historischen Details  dieser Zeit.

Es ist im neuen Fall nicht so sehr das kriminell vergnügungssüchtige „Babylon“ Berlin,  sondern das politisch und sozial brisante Berlin nach der Machtübernahme der Nazis im Frühjahr 1933, das wir literarisch erleben. Wir verfolgen die „Machtergreifung“ der NSDAP auf der Straße bis in die Behörden von Polizei und Justiz. Missliebige Beamte werden entlassen oder  degradiert, und auf der Straße macht die SA als offizielle Hilfspolizei hemmungslos Jagd auf politische Gegner. Viele Menschen möchten noch nicht glauben, dass man sich in einer schicksalhaften politischen Wende befindet. Auch Gereon Rath will das für eine vorübergehende Erscheinung halten, die sich bei der nächsten Wahl wieder umkehren könnte. Seine Verlobte Charly Ritter ist da entschieden anderer Meinung und möchte nicht weiter als Kommissar-Anwärterin bei der Polizei arbeiten.

Im Zentrum der Kriminalgeschichte  der „Märzgefallenen“  steht eine Gruppe ehemaliger Soldaten, deren elendes Schicksal in den Nachkriegsjahren mit einem mysteriösen Verbrechen aus den letzten Tagen des 1. Weltkrieges  verbunden ist.  Der Erfolg der Ermittlungen des Kommissars Rath wird deprimierend  bestimmt bzw. behindert durch den „neuen Wind“, der im Polizeipräsidium weht.  Der neue NSDAP-Polizeipräsident Magnus v.Levetzof hat ganz bestimmte Erwartungen. Für den Reichtagsbrand  im Januar 1933 hat man mit dem  geistesgestörten van der Lubbe schnell einen Täter gefunden.  Der politisch passende Täter  für die „Märzgefallenen“ soll ein jüdischer Hauptmann des 1. Weltkriegs sein, auf den alle Merkmale  des Nazi-deutschen Judenhasses zutreffen würden. Er soll  in den letzten Tagen des 1. Weltkrieges belgisches Beutegold versteckt und Mitwisser bedenkenlos ermordet haben. Dass zum Ende dann doch die echten Täter überführt werden können, ist der kriminalistischen Hartnäckigkeit des Gereon Rath und seiner Verlobten Charly zu verdanken.

Eine attraktive Lektüre mit viel Spannung und Information.  Eine kleine Anmerkung sei mir aber erlaubt: Auch wenn  der Kommissar Gereon Rath mit der Verfilmung  von „Babylon Berlin“ durch Volker Bruch ein bestimmtes Gesicht bekommen hat, so fällt es auch nach diesem fünften Buch schwer, mir Kutschers  literarischen Kommissar Gereon Rath präziser vorzustellen: Ein „Kölsche Jung“ aus prominentem Elternhaus mit Karnevalsheimweh in Berlin. Ein furchtlos findiger Ermittler mit jeder Menge Ärger im Polizeipräsidium und dubiosen Kontakten zum Chef einer Gangsterorganisation.  Trotz stark strapazierter Liebesbeziehung heiratet  er nach langem hin und her dann endlich seine Verlobte Charly Ritter, mit deren Hilfe aus  Hannah und Fritzi, zwei arg mitgenommenen Straßenkindern,  innerhalb weniger Wochen brave Pflegekinder werden. Das ist nach all dem harten Kriminalstoff doch etwas gewöhnungsbedürftig. „Wenn sie nicht gestorben sind, dann…?“  Man wird sehen, was im nächsten Roman aus der Familienidylle  geworden ist. Einstweilen trotzdem fünf Sterne für die „Märzgefallenen. (KS – 2019)

Die Tragödie von Chinas „Reich des Himmlischen Friedens“

Gott der Barbaren von Stephan Thome

Der Roman hätte das Zeug zu einem absoluten Abenteurer-Roman des Phantasy-Genres, wenn er nicht in einem sehr bestimmten  historischen Zeitrahmen im  China des 19. Jahrhunderts spielen würde, und einige Protagonisten des Romans de facto historisch bedeutsame Akteure dieser Zeit wären, die  unter dem Namen „Taiping-Rebellion“ bekannt ist. Das gibt dem Roman seine besondere Bedeutung.

Aber wer – außer einigen Spezialisten der chinesischen Geschichte – weiß denn, dass es in China zwischen 1850 und 1864 eine von schwärmerisch evangelikalen Christen angeführte Rebellion gab, deren revolutionär-kriegerischer Elan kurz davor stand, die alte mandschurische Qing-Dynastie zu stürzen, ganz China zu erobern und in einen „christlichen“ Gottesstaat zu verwandeln?

Der Gott der Barbaren ist der christliche Gott, der von den Chinesen nicht wegen seiner blutrünstigen Befehle barbarisch genannt wird, sondern weil er ein ausländischer Import-Gott ist und die geheiligte konfuzianische Gesellschaftsordnung vernichten will.

Dass davon in europäischer Wahrnehmung so wenig bekannt ist, hat  wahrscheinlich auch mit dem katastrophalen Scheitern dieser Revolution zu tun, die doch zwischen 20 bis  40 Millionen Menschen das Leben kostete – das blutigste Massaker des 19. Jahrhunderts war und erst durch die Massenmorde des 20. Jahrhunderts fatal überboten wurde.  Es gibt nicht sehr viel authentisches Material darüber, da die Sieger versuchten, alle Erinnerung an diesen Aufstand durch die Vernichtung aller Dokumente darüber auszulöschen.

Dass die Revolution des „Taiping Tianguo“ („Das Himmlische Reich des ewigen Friedens“) damals scheiterte, die alte  Mandschu-Dynastie noch bis in die 1920-er Jahre weiter regieren konnte, war nicht zuletzt dem Agieren der europäischen Kolonialmächte, vor allem Englands, zu verdanken, das in den zwei sog. Opiumkriegen seine kolonialen Ambitionen in China mit seinen modernen Waffen militärisch durchzusetzen wusste, und damit in China die „100 Jahre der Schande“ einleitete, wie die Kommunistische Partei der Volksrepublik China diese Phase der chinesischen Geschichte heute nennt.

Übrigens bewertet die KP Chinas heute die Taiping-Rebellion von damals  als gescheiterten Vorläufer der wahren sozialen Revolution durch die KP Mao Tse Dongs.  Das Taiping-Programm war in großen Teilen auch revolutionär: Zerstörung der konfuzianisch-taoistischen begründeten Tradition und Gesellschaftsordnung, Abschaffung des Privateigentums, Enteignung der Großgrundbesitzer und Landverteilung an die landlosen Bauern,  Gleichheit von Mann und Frau im Alltag bis hin zum Militärdienst, Verbot des Zopftragens der Männer, das  den Männern  von den Mandschu-Herren  unter Androhung der Todesstrafe befohlen worden war. Da die Taiping-Männer das Haar offen trugen, wurden sie von ihren Gegnern als „Die Langhaarigen“ bezeichnet. Frauen durften die Füße nicht mehr zu „Lotus-Füßen“ zusammen gebunden werden.

Das alles sollte man eigentlich wissen, bevor man mit der Lektüre dieses 700 Seiten starken Romans  beginnt. Auch wenn es zwei Landkarten im Buch gibt, tut es gut, die Geographie Chinas im Kopf zu haben, um sich in etwa ein Bild davon zu machen, von  welchen Städten, Provinzen und Flüssen im Roman die Rede ist, in denen sich die Dramen der Erzählung ereignen.

Auf jeder Seite des Buches ist zu spüren, dass der Autor Stephan Thome – ein studierter Sinologe -, sich vor Ort seine Romanbühne sehr genau angesehen hat. Das Spiel zwischen historischer Realität und der fiktiven Handlung macht den Reiz dieses hochinteressanten Romans aus, der natürlich nicht einfach eine Reportage der oben genannten Fakten sein will, sondern sehr viel tiefer verstehen will, was in den Herzen und Gedanken der Akteure aus Ost und West in dieser brisanten Phase der chinesischen Geschichte vor sich ging.

Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure, deren Schicksal und Agieren im Roman miteinander verwoben wird, lässt erahnen, auf wie vielen Ebenen sich das Drama abspielen wird.                                                                                                                    (Die mit (*)markierten Namen sind vom Autor erdachte Personen. Alle anderen und viele mehr sind historisch dokumentiert.)

Die Taiping-Rebellen

  • Hong Xiuquan, Titel „Himmlischer König“, ehemaliger Dorflehrer, Angehöriger des Hakkavolkes im Süden Chinas, charismatischer Anführer der Aufständischen, der sich als jüngerer Bruder Jesu durch eine Vision von Gott Vater beauftragt fühlt, China von den ungerechten Zuständen der Mandschu-Herrschaft zu befreien und in ein Reich des Gottesfriedens zu verwandeln.Entwickelt sich vom glühenden Messias der kleinen Leute zum orientalischen Sektendespot, dessen Verhalten den Tod Hunderttausender Anhänger provoziert. Stirbt 1864 bei der Eroberung Nankings durch Gift oder Selbstmord.
  • Hong Rengan, auch Hong Jin genannt, Vetter Hong Xiuquans. In Hongkong von englischen Missionaren getaufter Christ, und Sekretär von Rev. James Legge, dem Leiter der London Missionary Society, ein von revolutionären Ideen für ein modernes China nach europäischem Vorbild begeisterter Mann, der in der Taiping-Rebellion die Chance für  seine Träume gekommen sieht und sich den Taipings anschließt.  Sehr effektiver Organisator des Taiping-Reiches. Nach der Eroberung Nankings durch die Hunan-Armee hingerichtet.
  • Huang Shushua (*), chinesisches Mädchen, aus dessen Tagebuch wir erfahren, wie sehr sie als Frau von der neuen Freiheit der Taiping-Revolution begeistert ist und wie katastrophal für sie persönlich deren Scheitern ist.

Die Ausländer:

  • Philipp Johann Neukamp, *) chinesischer Name Fei Lipu ehemaliger Mitstreiter der Revolution von 1848 in Deutschland und Missionar der Basler Missionsgesellschaft in Hongkong, , engster Freund von Hong Jin, der ihn eingeladen hat,  nach Nanking, der Hauptstadt der Taiping zu kommen. Die  Erlebnisse dieser Reise bilden den Haupterzählstrang des Buches.
  • Alonzo Potter *), amerikanischer Abenteurer und Reisegefährte Neukamps
  • Karl Gützlaff, freievangelischer Chinamissionar, Bibelübersetzer, Diplomat und Betrüger                                                                                                                                        –
  • Lord Elgin, Sonderbotschafter der  englischen Königin Victoria, Verantwortlicher im 2. Opiumkrieg für die Eroberung Pekings und die Zerstörung des berühmten kaiserlichen Sommerpalastes. Symbolfigur des kolonialen Selbstverständnisses der europäischen, speziell der britischen Ambitionen.
  • Robert Taylor Maddox *), Lord Elgins persönlicher Sekretär und Chinaexperte. Als Geisel von Qing- Soldaten gefoltert und getötet.

Die Hunan-Armee

  • Zeng Guofan, Gelehrter und kaiserlicher Beamter, Angehöriger der Han-Bevölkerung Zentralchinas, Oberbefehlshaber der Hunan-Armee, dem 1864 mit der Eroberung Nankings die Niederschlagung der Taiping-Rebellion gelang.
  • Li Hongshan, alias Shan Quan. Schüler von Zeng Guofan, General und Organisator einer militärischen Zusammenarbeit mit britischem Militär zur Modernisierung der Bewaffnung der Hunan-Armee. (In späteren Zeiten als Vizekönig auch auf Besuch in Deutschland.)

Die Qing-Dynastie (das offizielle China)

  • Prinz Gong, Halbbruder des Xianfeng-Kaisers, Gegenspieler und Verhandlungspartner Lord Elgins, Vertrauter der Kaiserinwitwe Ci Xi und eigentlicher Regent Chinas der späten Qingzeit.                      –
  • Ci XI, Kaiserin-Witwe, Konkubine des Xianfengkaisers und Mutter des minderjährigen Thronfolgers Tongzhi

Über viele Seiten hinweg ist das Buch spannend und auch richtig lehrreich. Stephan Thome ist ein Meister der Sprache. Aber seinem Leser wird bei der Lektüre auch einiges zugemutet. Detaillierte Schilderungen der erbarmungslos grausamen Kriegspraxis im damaligen China werden sensiblen Gemütern vielleicht nicht besonders zusagen. Auch die manchmal endlos langen Gespräche, Gedanken und Erinnerungen Lord Elgins oder auf chinesischer Seite auch  die des Generals Zeng Guofan strapazieren gelegentlich die Leselust.  Aber sie alle dienen der möglichst treuen Begegnung  mit den Ereignissen im China des 19. Jahrhunderts.

Dem Autor gebührt das Verdienst, mit seinem Roman  heute über die aktuellen politisch wirtschaftlichen Probleme hinaus,  die Aufmerksamkeit auf den gewaltigen Konflikt zwischen der chinesisch dominierten Kulturgeschichte Asiens und dem Selbstverständnis des europäisch geprägten Westens gelenkt zu haben, der heute mit dem chinesischen Projekt der neuen Seidenstraße in eine neue Phase getreten ist. Auch werden uns die monströsen Fakten der Mao Tse Dong Ära und der der sog. „Kulturrevolution“ von 1966 erklärlicher.  Auch  die nervös brutale Reaktion der KP Chinas auf religiöse Bewegungen wie z.B. die der Faling Gong.

Trotz der obigen Einschränkung  5 Sterne für das Buch und vielen Dank an Werner und Mechthild, die mir dieses Buch ausgewählt und zu Weihnachten geschenkt haben.           (KS 2019)

Anmerkungen zum Buch:

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor ist hier zu lesen.                                  Rezensionen des Buches finden sich in den Stuttgarter Nachrichten und der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel: „Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß.“

Informationen  zum „Taiping – Aufstand“

DIE ZEIT 2010  Martin Herzog: Gottes zweiter Sohn – Der Taiping Aufstand

­­­­http://www.bauernkriege.de/taiping1851.html

http://www.kriegsreisende.de/imperialismus/taiping.htm

https://heimdallwardablog.wordpress.com/2017/11/23/der-taiping-aufstand-christentum-auf-chinesisch-und-der-himmlische-koenig/

 

Die kaum erzählte Geschichte einer Generation

Horst H.Geerken: Missbrauchte Kindheit       Geboren im Jahr von Hitlers Machtergreifung

Ja, auch vom sexuellem Missbrauch des siebenjährigen Jungen während seiner Evakuierung  auf einem schwäbischen Bauernhof und seiner kindlichen Hilflosigkeit dieser Erfahrung gegenüber, berichtet der Autor  in seinem Buch „Missbrauchte Kindheit“, einer Erfahrung die in unseren Tagen von so vielen Menschen endlich öffentlich gemacht wird.

Aber schon der Untertitel legt nahe, dass es in diesem Buch um einen weit umfangreicheren Missbrauch  geht. Es geht um die betrogene Kindheit und Jugend der „Generation 33“, wie ein anderer Rezensent sie genannt hat, die von nationalsozialistischen Propaganda verführt und indoktriniert, und noch als Kinder die katastrophalen Konsequenzen dieser Ideologie durch den 2. Weltkrieg erleiden mussten.

Auch wenn der Autor immer wieder engagiert auf das Schicksal und die Seelen traumatisierter Kinder aus derzeitigen  Kriegen in der Welt z.B. im Irak, Afghanistan und Syrien aufmerksam macht, ist sein Buch vor allem die seinen Enkeln in Australien gewidmete Geschichte seiner eigenen Kindheit  in Deutschland von 1933 bis ca 1950.

Der kleine Horst H. Geerken wird 1933 in  Stuttgart geboren. Er wächst auf im kleinbürgerlichen Milieu als Kind einer Familie, in der Vater, und besonders die  Mutter begeisterte Anhänger  Adolf Hitlers sind und auch ihre Kinder im Geiste der NS-Ideologie erziehen.   Es macht die Bedeutung dieses Buches aus, dass  der Autor über diese Zeit, über sich  und seine Familie sehr ehrlich und freimütig berichtet.  Für den etwas nachgeborenen Leser wird durch die detailliert geschilderten Erlebnisse deutlich, auf welcher Woge der Popularität sich Hitler und seine NSDAP in weiten Kreisen der Bevölkerung der  30-er Jahre bewegte, von der dann nach dem Krieg fast niemand etwas gewusst haben will.

Der zweite Teil des Buches widmet sich eindringlich der Erfahrung des Krieges, der Bombennächte, der Zerstörung der elterlichen Wohnung,  der Evakuierung der Kinder aus dem bedrohten Stuttgart auf schwäbische Dörfer,  Horst ist sieben Jahre alt, als er  „verschickt“ wird und erst vier Jahre später zu Mutter und Geschwistern zurückkehren kann. (Er teilt dieses Schicksal mit etwa 2 Millionen deutscher Kinder in dieser Zeit)

Erzählt wird im schon katastrophal zerstörten Deutschland von dem fanatischen Festhalten der Bevölkerung am Glauben an den  „Endsieg“ Hitlers, von  dem Erleben des Einmarschs der amerikanischen   Truppen  und dem Bekanntwerden der unglaublichen Verbrechen der SS in den KZ’s, die man  für Feindpropaganda hält.

Nach 1945  dann die ganz schlimmen Jahre der ausgebombten Familie in der Nachkriegszeit, die mit acht Personen in einer Drei-Zimmerwohnung in Schwäbisch-Hall für Jahre unterkommen muss. Von der Not, dem Hunger und dem Kampf ums physische Überleben, dem  auch  der junge Horst und sein Bruder Hartmut täglich ausgesetzt ist, der erst mit dem Erhalt von sog. CARE- Paketen einer Tante aus Amerika etwas leichter wird. Erst mit der Währungsreform 1948 und dem Entnazifizierungsprozess  und der Wiedereinstellung des Vaters in den Postdienst bessert sich das Schicksal der Familie Geerken, und Horst beginnt als Jugendlicher  seinen eigenen Lebensweg zu suchen.

Das Resümee seiner Erfahrung dieser Zeit hat er im Nachwort seines Buches zusammengefasst:                                                                                                                                  „ Wir Kinder hatten im Dritten Reich eine Jugend ohne Wahrheit! Wir Kinder waren hilflose Opfer, keine Täter! Wir hatten daher nach Kriegsende ein Recht, uns von der unrühmlichen Vergangenheit Deutsch­lands abzugrenzen.

Es dauerte Jahre, bis mir ein Licht aufging, bis ich begriff, welch Unrecht während der NS-Herrschaft geschehen ist. Ich musste selbst lernen, wie ich mich von dem indoktrinierten nationalsozialistischen und antisemitischen Gedankengut des Dritten Reichs befreien konnte, denn die Eltern, wie alle Alten, selbst die Lehrer in der Schule schwiegen zu diesem Thema. Obwohl wir fragten, bekamen wir keine Antwort. Es war ein Thema, dem immer wieder ausgewichen wurde. Alle Erwachsenen flüchteten sich in eine Amnesie.

Die Probleme der Kriegskinder wurden in der Nachkriegszeit schlichtweg von den Erwachsenen vergessen. Wir Kinder, die wir gerade aus dem Horror des Krieges kamen, mussten uns selbst damit auseinandersetzen. Wir mussten uns selbst aufklären, wir mussten aufarbeiten, was unsere Eltern und Großeltern verschwiegen haben“. (Zitat . Missbrauchte Kindheit S. 207)

Ein unbedingt lesenswertes Buch vor allem für alle, die über diese Zeit vielleicht zu wenig wissen, aber auch für solche, die es eigentlich wissen sollten, wie z.B.  Dr. Alexander Gauland, Vorsitzender der AfD, der die Zeit der 12-jährigen NS-Herrschaft als „einen Fliegenschiss in der großen  deutschen Geschichte“ genannt hat.

Für mich, Jahrgang 1941, acht Jahre jünger als der Autor, ist die Nazizeit und auch der Krieg keine erinnerbare Erfahrung, zumal ich auf einem Dorf groß geworden bin, das von den direkten Kriegseinwirkungen verschont blieb. Einige verschüttete Erinnerungen jedoch aus den späten 1940-er Jahren wurden durch Horst H.Geerkens Buch wieder sehr lebendig. Vielen Dank dafür. (KS)

Horst H. Geerkens Familien-Saga

DIE AHNEN von Horst H.Geerken

Eine Familiengeschichte in Wort und Bild:                                                                          Geerken/Gerken , Thiel, Mannhardt, Schenk

Ein wunderbares Buch für alle Leser, die irgendwann auf den Gedanken kommen, sich mit der Lebensgeschichte der Männer und Frauen der eigenen Familie zu befassen. Warum bin ich so, wie ich bin und wie ging es denn den Menschen meiner Familie früher? Wo kommen wir denn eigentlich her? Die Älteren unter uns Lesern wissen ja bereits, dass das Interesse daran meist erst in einem Alter einsetzt, in dem schon viele Leute nicht mehr leben, die uns noch authentische Information über die Familiengeschichte und die dazu gehörenden Fakten und Geschichten geben könnten.

Und so  ging es auch dem Autor, der  im Nachwort zu seinem Buch bekennt, leider so manche Familienmitglieder nicht mehr befragen zu können, die noch etwas  wissen konnten über das Leben der Generation davor. Umso erstaunlicher ist aber, was dem Autor in seinem Buch trotzdem gelungen ist: Eine aufwändig historisch abgesicherte Geschichte seiner Vorfahren. sowohl väter- wie mütterlicherseits zu erstellen, die vom Mittelalter bis zum 85. Geburtstag des Autors in 2018 reicht. Erfasst ist die Genealogie der Familien Geerken/Gerken , Thiel, Mannhardt, Schenk.

Viele Jahre hatte Horst H. Geerken  einfach Dokumente und Zeugnisse der Familie gesammelt und abgelegt, bis er fand, dass all diese Dokumente in einen Zusammenhang gebracht werden müssten. Die Idee eines Buches war geboren.  Er meinte, es sei „höchste Zeit, den Stab der Erinnerungen an die noch junge Generation der Nachkommen weiter zu geben.“ Das war bei der Fülle des Materials keine einfache Sache. Ein großes Kompliment an den Autor.

Aber es gibt ja auch wirklich Erstaunliches zu erzählen  und zu berichten über die Vorfahren der Familie des Autors. Auch wenn die Recherche sehr zeitaufwändig gewesen sei, hätte es aber „Freude gemacht, auf den Spuren der Ahnen zu wandern.“  Einiges war bekannt, z.B. dass der Großvater Johann Hinrich Geerken Kunstmaler war und aus Norddeutschland ins Schwabenland kam, aber nicht in der Lage war, seine  Frau und fünf Kinder zu versorgen. Aber dass  z. B. die Tante, Haushälterin bei Albert Einstein war, schien vielleicht nicht so bekannt gewesen zu sein. Auch vielleicht, dass Graf Luckner, ein Seeheld des 1. Weltkriegs, der heimliche Geliebte der Tante Lydia war.

Es gibt so viel zu berichten, was den Nachfahren doch interessant erscheint. Unter den Vorfahren mütterlicherseits fand sich z.B. der berühmte Turmuhrmacher-Meister Johann Michael Mannhardt, dessen Turmuhr heute noch im Köln zu besichtigen ist. Er wiederum war der Sohn eines Klosterbruders, der wohl infolge der Säkularisation seines Klosters seinen Beruf als Braumeister nicht mehr ausüben konnte, seine Kutte an den Nagel hängte und eine Familie gründete, aus deren Schoss nach fünf Generationen der Fernmelde-Ingenieur Horst H. Geerken , der Autor dieses Buches, hervorging.

Und das scheint mir die Stärke dieses Buches auszumachen: Aus dem eigentlich nur historisch-genealogisch und vor allem die weit verzweigte „Geerken-Sippe“ interessierenden Werk, entsteht durch die Erzählung des Autors eine richtig spannende „Familiensaga“,  die auch gut hätte ein Roman sein können, wenn sie nicht vom wirklichen Leben der Familie Geerken berichten würde.  Eine wahrhaft kosmopolitische Familie, deren Mitglieder heute in Europa, USA und Australien zuhause sind.  Die vielen Fotos veranschaulichen das Gelesene.

Der bewegendste Teil des Buches ist die erlebte Zeit des Autors von 1933 bis 2018. Freimütig und detailliert lässt er den Leser an seinem Erleben dieser Zeit teilnehmen.  An der Not der Kindheit der Schwester und des Bruders in Kriegs- und Nachkriegszeit, den Schwierigkeiten des Vaters mit der „Entnazifizierung“, der Jugend in der frühen Bundesrepublik, der ersten Liebe, seinen Hobbies und Leidenschaften, dem beruflichen Werdegang, der 18 erfolgreichen Jahre als Resident der  Firma AEG-Telefunken in Indonesien, der Gründung der Familie mit der Geburt der Tochter in Jakarta, der Übersiedlung nach Australien und der Scheidung  der Ehe, den letzten Jahren der Eltern, dem Leben mit der neuen geliebten Lebensgefährtin und ihrem frühen Tod, der Freude über  die Enkelkinder, denen dieses Buch gewidmet ist.  Horst H. Geerkens Vermächtnis an die nächste Generation, deren lebender „Ahne“ er inzwischen geworden ist.

Fazit: Ein wunderbares Buch für alle, die sich auf eine wahre „Familien-Saga“ einlassen wollen. (KS – Nov 2018)

Nb.

Mehr Details über Kindheit und Jugend des Autors in seinem  Buch                        Missbrauchte Kindheit – Geboren im Jahre von Hitlers Machtergreifung

 Über die Lebensepoche des Autors in Indonesien:                                                                       Der Ruf des Geckos – 18 erlebnisreiche Jahre in Indonesien  und                                               Annette Bräker und Horst H. Geerken: Indonesien – Gestern und heute 

Herbstgedanken 2018

 

 

 

 

 

 

 

Was war dieser Sommer schön! Die Sonne verwöhnte uns so lange. Das Wasser der Seen war warm, um  täglich darin zu schwimmen. Wie oft konnte man bis spät abends noch draußen sitzen, sich mit Freunden und Nachbarn unterhalten und ein Gläschen trinken. Aber nun ist auch der sommerliche Herbst vorbei und der schönste Sommer hat ein Ende. Die Position des Erdballs zur Sonne lässt uns Menschen auf der Nordhalbkugel keine andere Option: Der Winter wird kommen, ob uns das gefällt oder nicht. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Man kann sie nicht aufhalten.

Gegenwart ist eine sehr vergängliche Seinsweise. Es gibt sie eigentlich gar nicht. Es gibt eigentlich nur Zukunft, die unaufhörlich in Vergangenheit verwandelt wird, auf die wir dann  sehnsüchtig, traurig oder manchmal auch  froh zurückblicken. Wir stehen an Deck unseres Lebensschiffes und schauen zurück auf das sich entfernende Land, während die Fahrt unbeirrbar dem Horizont unseres Lebens entgegengeht …

Oh ja, der Sommer war sehr schön!