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Ein Lob der Ausgrenzung

Das Debakel der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und das politische Spiel der AfD sollte ganz Deutschland klarmachen, dass es Zeit wird, zu sagen, wofür diese Republik steht, und was sie sich auf keinen Fall erlauben kann. Es verbietet ihre Geschichte: Dass eine faschistische Partei das Zünglein an der Waage spielen darf, wenn es darum geht, wer in diesem Lande regieren wird. Diese  Ansage gilt vor allem den Leuten, die glauben aus angeblich guten Gründen der AFD ihre Stimme geben zu müssen, um aus angeblich guten Gründen dem politischen System dieser Republik eine Lektion erteilen zu sollen.

Es ist einfach nicht wahr, dass man eine Partei wie die AfD nun deshalb  – genau wie alle anderen Parteien – respektieren müsse,  weil sie von einem Teil der Bevölkerung ja in die Parlamente gewählt worden sei.  Auch dann, wenn ihre Ziele und Überzeugungen die Grundwerte und den Grundkonsens dieser Republik in Frage stellt? )

Hier folgen Auszüge aus einem Artikel des SPON – Bloggers Sascha Lobo, der ad item eine sehr klarsichtige politische Analyse liefert und eine notwendige  Strategie fordert. (KS)

Ein Lob der Ausgrenzung 

Sascha Lobo

Vom Umgang mit Faschisten und ihren Wählern

„Seit Jahren beobachte ich im Netz AfD-Anhänger und ihre Umfelder: Putin-Fans und Ex-Linke, Offensiv-Rassisten und Bismarck-Jünger, vorgestrige Sexisten und Islamhasser, Antisemiten und Sozialdarwinisten, Neonazis und Hassbürgerliche, grünlich-braune Tierschützer, Radikallibertäre und viele mehr.

Die meiner Einschätzung nach größte Teilgruppe aber sind diejenigen, die sich für „bürgerliche Mitte“ halten. Sie sind natürlich nicht jene Mitte, denn die AfD ist eine rechtsextreme Partei, in der Menschenfeindlichkeit blüht. Und es spielt nicht die geringste Rolle, welche politische Überzeugung AfD-Wähler glauben zu haben, denn sie wählen Faschisten.“  …..

„Wo ein Wertekompass nicht ganz so eindeutig gepolt ist, kann ein wenig sozialer Druck eine große Hilfe sein. Weil in denjenigen AfD-Wählern, die sich für die bürgerliche Mitte halten, meist noch konservative Restempfindungen vorhanden sind, wirkt Ausgrenzung.

Ziel dieser AfD-Wähler ist es, sich nicht für ihre Wahl schämen zu müssen. Das Ziel aller Demokraten muss daher sein, ihnen klarzumachen: „Doch, ihr solltet euch schämen.“ Das funktioniert keineswegs bei jedem, aber bei der pseudobürgerlichen Möchtegernmitte eben doch“   …..

„Das, worauf es letztlich ankommt, ist die Ausgrenzung der AfD durch echte Konservative und Wirtschaftsliberale – denn sie funktioniert. Das ist weniger einfach, als man glauben möchte, denn in mancher Hinsicht ist die AfD die politische Bad Bank der CDU.Vor der Modernisierung der Union hatten rechte Positionen durchaus einen gewissen Platz in der Partei, und man kann jeden Tag dankbar sein, dass es so simpel nicht mehr ist.“

Der ganze Artilkel ist hier zu lesen:   SPON  -Sascha Lobo, 12.02.2020

Nachtrag : Und wer meint, die Berliner Republik sei nicht die von Weimar, – noch hat er ja Gottseidank Recht – der lese einmal andächtig den Artikel der ‚Frankfurter Zeitung vom 1.11.1929 „Wer wählt nationalsozialistisch?“ Es reicht ja einem beachtlichen Teil der AfD- Klientel schon, wenn sie die verfassungsmäßigen Instrumente der parlamentarischen Demokratie lächerlich und ihre Repräsentanten unglaubwürdig machen. Siehe Thüringen 2020! Eine Alternative für Deutschland ist das wahrlich nicht!

Deprimierend aktuell…

Nein, die Geschichte wiederholt sich nicht, darin sind sich die Historiker einig. Aber es gibt sehr wohl sich ähnelnde Prozesse historischer Entwicklungen, deren Ende nicht ohne weiteres vorhersehbar ist.

Aber wenn im Deutschland von 2019 wieder völkisch-nationalistische Töne, Ängste vor Überfremdung und Fremdenfeindlichkeit salonfähig werden, man politische Gegner bedroht oder gar ermordet,  und eine Partei, wie die AFD, sich versucht als die „wahre Stimme der besorgten Deutschen“  als  „bürgerliche Alternative“ gegen das „etablierte marode System der Altparteien“ der Republik Deutschland zu präsentieren, dann sollten in Deutschland Alarmglocken schrillen und der „deutsche Michel“ zu einer  dringlichen Geschichtsstunde verdonnert werden…

(… ich weiß leider, dass es bei so vielen Leuten nichts nützen wird – sie wollen es einfach  nicht wahrhaben, dass Hitler und seine Mörderbande NSDAP damals ganz demokratisch an die Macht kam, und die „besorgten Deutschen“  ihm mit ihrer Stimme im Wahllokal dazu verhalfen.  Selbst ein eigentlich gebildeter Mann meiner Generation, wie  Dr. jur. Alexander Gauland, entblödete sich nicht, öffentlich im Jahre 2018  zu verkünden, dass  Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ seien. Ein „Vogelschiss“ ???… von 6 Mio systematisch ermordeten jüdischen Menschen und 55 Mio Kriegstoten!)

Ein gestern in FAZ-online veröffentlichter Artikel aus dem Archiv der „Frankfurter Zeitung“ aus dem Jahr 1929 beschreibt, wie sich die (pseudo)demokratischen Anfänge der oben zitierten Katastrophe im politischen Alltag der damaligen Republik darstellten. Es scheint so deprimierend aktuell… 

Vielen Dank an FAZ-Online (KS)

 FRANKFURTER ZEITUNG – 01.11.1929

Wer wählt nationalsozialistisch?

AKTUALISIERT AM 01.11.2019- (https://www.faz.net/-i18-9rkdj)

 

Zum ersten Mal zieht die NSDAP in den badischen Landtag ein. Die Frankfurter Zeitung zieht erste Schlüsse aus dem Wahlerfolg – und glaubt derweil nicht, dass die Partei die Demokratie gefährden könnte.

Das politische Thema des Tages ist in Baden der Wahlerfolg der Nationalsozialisten und die Frage nach den Gründen für ihn. Viel ist in diesen Tagen darüber geschrieben worden, aber die Erörterung der Frage wird dadurch erschwert, dass die Ursachen für das Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen zu verschiedenartig und im einzelnen Fall zu wenig kontrollierbar sind.

Man muß zunächst übertriebene Auffassungen zurückweisen: der Kern der Wählerschaft hat an der guten demokratischen Tradition des Landes festgehalten; nur ein – allerdings ansehnlicher – Bruchteil ist der nationalsozialistischen Werbung widerstandslos erlegen, nämlich der Teil der Bauernschaft und des Bürgertums, den Kriegsende, Umwälzung und Inflation politisch aus dem Gleise geworfen und derart direktionslos gemacht haben, daß er, verstärkt durch wirtschaftlich Unzufriedene aller Art, seit zehn Jahren von Wahl zu Wahl anderen Phantomen nachjagt.

Es sind die Leute der nationalen Romantik, die die Götzendämmerung des Nationalismus noch nicht erkennen und die sich noch immer nicht zu der Erkenntnis durchgerungen haben, die Alfred Weber kürzlich etwa so formulierte: daß wir, weil wir uns unsere Stellung in der Welt nicht mit „heroischen“ Mitteln schaffen können, darauf angewiesen sind, klug zu sein.

Es sind die Leute mit dem kurzen Gedächtnis, die nicht nur die Lehre des Krieges und der Niederlage nie erfaßt haben, sondern die sich auch absolut nicht mehr daran erinnern, wie es 1923 bei uns aussah und wie ungeheure Fortschritte wir, so groß die Not breiter Volksschichten immer noch ist, seither, doch ganz unbestreitbar politisch und wirtschaftlich gemacht haben.

Es sind die Leute, die innerlich so durcheinander gebracht sind, daß sie kritiklos auf jede Hetze reagieren und jeden Schwindel glauben, der ihnen von skrupellosen Spektakelmachern vorgesetzt wird. Das Märchen vom Sklavenexport, den Deutschland im Young-Plan zugestanden haben soll, gab eine Probe davon, was alles man diesen Leuten bieten kann, ohne ausgelacht zu werden.

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