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Ein echter Kutscher…

Volker Kutscher:  Märzgefallene

Auch Kriminalkommissar  Gereon Raths  fünfter  Fall „Märzgefallene“  ist ein echter Kutscher-Krimi dieser  ganz besonderen Klasse. Hat man sich einmal ein wenig eingelesen, kann man sich nur schlecht von der Lektüre trennen. Als „Kutscher-Fan“ weiß man ja eigentlich, welche Szenarien  uns im Berlin der frühen dreißiger Jahre erwarten, in denen sich die Kriminalstory ereignet und ist gespannt, in welches Berlin uns Gereon Rath dieses Mal bei seiner Arbeit mitnimmt. Auch in diesem Buch fasziniert die Kombination von toll erdachtem Kriminalfall und der genauen Recherche der historischen Details  dieser Zeit.

Es ist im neuen Fall nicht so sehr das kriminell vergnügungssüchtige „Babylon“ Berlin,  sondern das politisch und sozial brisante Berlin nach der Machtübernahme der Nazis im Frühjahr 1933, das wir literarisch erleben. Wir verfolgen die „Machtergreifung“ der NSDAP auf der Straße bis in die Behörden von Polizei und Justiz. Missliebige Beamte werden entlassen oder  degradiert, und auf der Straße macht die SA als offizielle Hilfspolizei hemmungslos Jagd auf politische Gegner. Viele Menschen möchten noch nicht glauben, dass man sich in einer schicksalhaften politischen Wende befindet. Auch Gereon Rath will das für eine vorübergehende Erscheinung halten, die sich bei der nächsten Wahl wieder umkehren könnte. Seine Verlobte Charly Ritter ist da entschieden anderer Meinung und möchte nicht weiter als Kommissar-Anwärterin bei der Polizei arbeiten.

Im Zentrum der Kriminalgeschichte  der „Märzgefallenen“  steht eine Gruppe ehemaliger Soldaten, deren elendes Schicksal in den Nachkriegsjahren mit einem mysteriösen Verbrechen aus den letzten Tagen des 1. Weltkrieges  verbunden ist.  Der Erfolg der Ermittlungen des Kommissars Rath wird deprimierend  bestimmt bzw. behindert durch den „neuen Wind“, der im Polizeipräsidium weht.  Der neue NSDAP-Polizeipräsident Magnus v.Levetzof hat ganz bestimmte Erwartungen. Für den Reichtagsbrand  im Januar 1933 hat man mit dem  geistesgestörten van der Lubbe schnell einen Täter gefunden.  Der politisch passende Täter  für die „Märzgefallenen“ soll ein jüdischer Hauptmann des 1. Weltkriegs sein, auf den alle Merkmale  des Nazi-deutschen Judenhasses zutreffen würden. Er soll  in den letzten Tagen des 1. Weltkrieges belgisches Beutegold versteckt und Mitwisser bedenkenlos ermordet haben. Dass zum Ende dann doch die echten Täter überführt werden können, ist der kriminalistischen Hartnäckigkeit des Gereon Rath und seiner Verlobten Charly zu verdanken.

Eine attraktive Lektüre mit viel Spannung und Information.  Eine kleine Anmerkung sei mir aber erlaubt: Auch wenn  der Kommissar Gereon Rath mit der Verfilmung  von „Babylon Berlin“ durch Volker Bruch ein bestimmtes Gesicht bekommen hat, so fällt es auch nach diesem fünften Buch schwer, mir Kutschers  literarischen Kommissar Gereon Rath präziser vorzustellen: Ein „Kölsche Jung“ aus prominentem Elternhaus mit Karnevalsheimweh in Berlin. Ein furchtlos findiger Ermittler mit jeder Menge Ärger im Polizeipräsidium und dubiosen Kontakten zum Chef einer Gangsterorganisation.  Trotz stark strapazierter Liebesbeziehung heiratet  er nach langem hin und her dann endlich seine Verlobte Charly Ritter, mit deren Hilfe aus  Hannah und Fritzi, zwei arg mitgenommenen Straßenkindern,  innerhalb weniger Wochen brave Pflegekinder werden. Das ist nach all dem harten Kriminalstoff doch etwas gewöhnungsbedürftig. „Wenn sie nicht gestorben sind, dann…?“  Man wird sehen, was im nächsten Roman aus der Familienidylle  geworden ist. Einstweilen trotzdem fünf Sterne für die „Märzgefallenen. (KS – 2019)