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Das Herz von Hia spricht

Johannes Maria Hämmerle

DAS HERZ VON HIA SPRICHT

Die Urbevölkerung von Nias/ Indonesien

Bekommt man dieses  400 Seiten dicke Buch in die Hände, dann machen eventuell gleich zwei Dinge neugierig:    Das Bild einer Tigerfigur – mehr wie ein Leopard gefleckt – auf einem Tragepodest und dazu der Buchtitel „Das Herz von Hia spricht“.  Da möchte man ja gerne  wissen, was denn beide miteinander zu tun haben könnten. Davon soll später noch die Rede sein. Aber der Untertitel erklärt dann ein wenig,  worum es geht:   „Die Urbevölkerung von Nias / Indonesien“. Nias, ein kleines – der großen Insel Sumatra vorgelagertes – Eiland  im indischen Ozean.  

Dieses Nias war in Deutschland bis vor wenigen Jahrzehnten  nur einer Handvoll Ethnologen bekannt. Schon länger und intensiver allerdings der seit 1865 tätigen ev. Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) – Wuppertal, und seit 1955 den kath.  Missionaren der Rheinisch-Westfälischen Kapuzinerprovinz.  Das hat sich inzwischen etwas geändert, als ab den 1990-er Jahren die internationale Surfer-Elite die großen Wellen in der Lagundri-Bucht in Südnias entdeckte. Zwar hatten Touristik-Unternehmen schon in 1970-er Jahren die Attraktivität der großen Adat-Dörfer in Südnias  in ihren Notizbüchern, aber die völlig unterentwickelte Infrastruktur der Insel ließ die Geschäfte nicht richtig in Gang kommen. Die Insel zu besuchen, war immer noch ein touristischer Geheimtipp.

Das änderte sich schlagartig, als 2004 der katastrophale Tsunami  von Aceh/ Nordsumatra und 2005 ein verheerendes Erdbeben der Stärke RS 8,7 die Insel Nias ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit rückten. ( nb. Der vertikale Stoß dieses Bebens von 2005 war so stark, dass der westliche Teil der Insel ca. 3 m angehoben wurde und sich die Küstenform der Insel drastisch veränderte) Eine Welle der Hilfsbereitschaft – vor allem auch aus Deutschland – und ein fünfjähriges Wiederaufbauprogramm der Regierung erschloss die Insel erfolgreich  für die Außenwelt.  Und damit begann auch ein erhöhtes touristisches Interesse an der einzigartigen Kultur der Insel Nias.

Und hier setzt die Arbeit des Autors Johannes Maria Hämmerle an, eines deutschen Kapuzinerpaters –  inzwischen mit indonesischem Pass – der seit 1972 auf der Insel lebt. Neben seiner Tätigkeit als Pastor, begann er schon bald, sich sehr intensiv mit der offensichtlich verschwindenden Kultur des alten Nias zu beschäftigen, die durch die 150 jährige Christianisierung und den rasanten Modernisierungsschub in der Bevölkerung immer mehr in Vergessenheit zu geraten schien. 

„Nias, eine eigene Welt“

Er begann mit dem Sammeln von Texten in niassischer Sprache  der nur in mündlicher Form überlieferten Gesänge und Rezitationen der ehemals großen Feste der alten autochtonen Niaskultur. Er begann sie zu notieren und  seit 1984 auch zu publizieren. Das ermöglicht einer Generation junger Niasser den Zugang zu ihrer eigenen – heute fast vergessenen – Tradition und bestärkt sie, im großen Konzert der vielen lokalen indonesischen Kulturen  mit berechtigtem Stolz sich zu ihrer eigenen Kultur zu bekennen.  Darüber hinaus gründete P. Johannes in der Hauptstadt Gunung Sitoli das  „Museum Pusaka Nias“ ( Museum des Erbes von Nias),  in dem den  – vor allem niassischen – Besuchern die Begegnung mit Zeugnissen und Artefakten der Niaskultur erfahrbar wird.  

Eine ausführlichere Darstellung der hier skizzierten Informationen bekommt der Leser in der interessanten Einleitung des Buches, die sehr notwendig ist, um sich einen Zugang zum Inhalt  des Buches zu ermöglichen.  Für Leser, die schon  das 1999 erschienene Buch  des Autors „Nias, eine eigene Welt“  (Academia Verlag – St. Augustin)  gelesen  hatten, wird vieles in diesem neuen Buch nicht ganz so fremd und exotisch sein – aber auch damals schon ein Buch für „Nias-Insider“.  

In diesem neuen Buch geht es noch konzentrierter um ganz bestimmte überlieferte Texte und kulturelle Traditionen speziell in Südnias.  Wenn in diesem Buch das „Herz von Hia spricht“, dann spricht es vor allem von den Traditionen, der Adatkultur  von Südnias, speziell  dem Gebiet von Maenamölö. Hia als der mythische Urahn und Urvater, auf den sich alle Sippen (Mado) und Dörfer (banua) in Südnias zurückführen,    so wie wir es heute noch mit seinen bekannten Dörfern, Pfahlhäusern und Menhiren, den  ‚Adu‘  kennen. Es spricht Hia als Börönadu = Grund und Anfang der Adu, – Symbol der Ahnenverehrung – mit dem die uns bekannte Niaskultur ihren Anfang nahm. Hia spricht  zu seinen Kindern und Nachfahren. 

Waren frühere Ethnologen  davon ausgegangen, dass diese Kultur sich auf eine protomalayische Zuwanderung vor etwa 2000 Jahren gründete, so glaubt  P. Johannes M. Hämmerle genügend Gründe gefunden  zu haben, dass diese uns bekannte und erforschbare Kultur – jenseits aller früheren Zuwanderungen – „nur“ etwa 600 Jahre alt sein dürfte.

„Die mündliche Tradition von Nias begann vor ca. 600 Jahren mit der Einwanderung einer kleinen Gruppe von der Westküste Sumatras nach Südnias. Die Physiognomie der Bewohner weist oft chinesische Züge auf. Die mündliche Tradition berichtet vom Beginn der Ahnenfiguren (adu) und von der Ahnenverehrung in Gomo, Börönadu.  

Hier in Gomo fanden diese Einwanderer ihre erste Heimat auf Nias. Sie brachten die Sitte, das Adat-Recht, mit. Sie führten die Schmiedekunst und das Zimmermannshandwerk ein. Jetzt erst konnte sich die einzigartige Architektur der niassischen Pfahlhäuser entwickeln. Die mündliche Tradition berichtet von den Errungenschaften dieser Neuzeit.

Die Saembu-Figur in Gestalt einer schönen Frau und Göttin sowie die Tigerfigur werden in Prozession umhergetragen. Bei der Feier dieser beiden Prozessionen geht es darum, die Rechtsversammlung zur Erneuerung, Formulierung und Bestätigung der beschlossenen Gesetze abzuhalten.“ (Zitat)

Auch die schon auf dem Buchcover abgebildete Tigerfigur scheint ein Beleg für diese Zuwanderung aus Sumatra zu sein. Auf Nias hat es nie lebende Tiger – wie etwa bis heute auf Sumatra – gegeben. Trotzdem dient die Figur dieses Tieres als Symbol der Macht und des Rechts der Dorfchefs, die auch ihre Repräsentationsschwerter (tolögu) mit echten Tigerzähnen schmückten.

Auch ein Blick in die Geschichte Chinas als maritime Großmacht des 14. Jahrhunderts  im südostasiatischen Raum, lässt eine chinesische  Zuwanderung in Nias in dem genannten Zeitraum als möglich erscheinen.  Trotz der doch sehr überzeugenden Argumente zur  kulturellen Genese der Niasser,  harren doch noch eine Reihe von Fragen auf eine befriedigende Antwort. Zum Beispiel ist die niassische Sprache kein chinesischer Dialekt, wie man es vielleicht aus dieser Zuwanderungsthese erwarten könnte, sondern wird von den Ethnologen der protomalayischen  Sprachfamilie zugeordnet.  Aber vielleicht gibt es auch für dieses Problem bald eine befriedigende Antwort.  Als Laie ist man in diesem Bereich ganz auf das Wissen der Fachleute angewiesen, die diesen Ansatz diskutieren  müssen.

Probleme mit der Lektüre

Obwohl das Buch in einem flüssigen und gut lesbaren Deutsch verfasst ist, wird dem deutschen/europäischen Leser dieses Buches Einiges abverlangt. Die Bilder und Vorstellungen der mythischen Texte sind uns nur schwer zugänglich und verstehbar, machen aber deutlich, in welcher Vorstellungswelt sich das Leben der alten Niasser bewegte. „ Nias , wahrlich eine eigene Welt.“ In diesem  neuen Buch  belegt eine Fülle von Texten,  Genealogien, Dorf und Flussnamen, ein umfangreiches  Glossar niassischer Worte und Idioms, Zeichnungen und Fotografien die bewundernswerte  Kenntnis und Fleißarbeit des Autors, deren Bedeutung eigentlich nur ein ethnologisch interessierter „Nias-Insider“ wirklich zu würdigen weiß.  

Deswegen darf man auch die deutschen Leser beglückwünschen, die sich eine so spezielle Lektüre zutrauen, und die dann sicher auch für  fünf Sterne plädieren würden, die dieses Buch sicher verdient. Dank auch an den Academia Verlag- Sankt Augustin, der 2018 die Publikation eines so speziellen Werkes  für den deutschen Leser ermöglichte. (KS 2020)