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Denk ich an Deutschland…

Warte nicht auf bessere Zeiten! – Die Autobiographie

Dass er herrliche Lieder schreiben und singen konnte – und übrigens immer noch kann, das ist in Deutschland seit Jahrzehnten bekannt. Gefeiert und mit Applaus überschüttet auf allen Bühnen der Republik. Und das nicht nur aus Sympathie für den von der DDR-Regierung 1976 exilierten Barden.  Seine Lieder und Gedichte scheinen mir ebenso  legendär zutreffend für das Nachkriegs–Deutschland des 20. Jahrhunderts zu sein wie die Heinrich Heines für das Deutschland des 19. Jahrhunderts. Denk ich an Deutschland…

2015  hat der Liedermacher Biermann aber etwas  gemacht, von dem er  bekennt, dass er ohne den konsequenten Zuspruch seiner Frau Pamela sich nicht getraut hätte, zu schreiben: Er hat ein Prosawerk verfasst, eine Autobiographie!

Und was für ein schönes und hochinteressantes Buch da entstanden ist! Das Buch von über 500 Seiten ist der überzeugende Beleg: Biermann beherrscht auch Prosa ganz meisterlich. Schon die Kapitel-Überschriften des Inhaltsverzeichnisses machen neugierig.  Über 200 Tagebücher und  ca. 50.000 Dokumente  seiner Stasi-Akte sind im Buch verarbeitet.

In kurzen überschaubaren Kapiteln lässt Wolf Biermann „das jüdische Kommunistenkind“ (O-Ton Biermann), Jahrgang 1937, uns teilhaben an einem Leben, geprägt durch das kommunistische Elternhaus in Hamburg, das im Widerstand gegen die Nazis den Vater im KZ das Leben kostete.           „Den Kommunismus soff ich mit der Muttermilch. Karl Marxens Utopie war mein Vaterblut. Und das bewährte sich als mein Lebenselixier im Streit mit der DDR-Diktatur“. (S.523)

1953, schickte Mutter Emma den begeisterten Jungkommunisten auf ein Kader-Internat der sich im Aufbau befindlichen DDR. In ihm glühte „die revolutionäre Sehnsucht nach dem roten Paradies“. Diese Sehnsucht teilt er mit einem großen Kreis von Intellektuellen und Künstlern, die spätestens Anfang der sechziger Jahre in immer größere  Konflikte  mit der faktischen Politik der SED geraten, die sie als Verrat am Sozialismus empfinden. Sie alle werden immer enger geheimdienstlich vom  MfS überwacht und manipuliert. Wie deprimierend eng, das wird Biermann erst annähernd klar, als er in 1990-er Jahren  Zugang zu den über 50.000 Stasi- Dokumenten bekommt, die seine Person betreffen.

Neben den detailreichen  Berichten über das Leben  in der DDR dieser Jahre finden sich im Buch viele Fotos, auf denen man sehen kann, mit wie vielen unserer Generation  bekannten Künstlern und Schriftstellern Biermann  befreundet war oder Kontakt hatte. Wie populär er in diesem Kreis war, zeigte sich 1976  in der Protestresolution gegen seine Ausbürgerung, die von über hundert prominenten DDR- Künstlerkollegen unterschrieben wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon sieben Jahre Publikations- und Auftrittsverbot in der DDR, sodass er  damals einem breiteren Publikum in der BRD bekannter war, als dem der DDR.  Ob der Titel des Buches „Warte nicht auf bessere Zeiten“  damals wirklich so ernst gemeint war?

Nach seiner Ausbürgerung war ihm in der damaligen Bundesrepublik  sein  tägliches Hauptthema abhanden gekommen: Widerstand gegen die SED-Diktatur im Namen des wahren Sozialismus.

Es gibt im Leben des Wolf Biermann einige durchgehende, alles durchdringende Themen. Das sind seine Familie, die Freundschaft, die Frauen und die Liebe, der Sozialismus und die erlebte Diktatur des SED-Staates.

Es ist  bewegend  zu lesen, mit welcher Zuneigung, welch engagiertem Respekt er von seiner Familie, seiner Mutter Emma, seinem Vater oder Oma Meume erzählt, von den Freunden, die ihm in so vielen schwierigen Zeiten die Treue gehalten haben. Aber auch von  jenen, die seiner Freundschaft wohl nicht wert waren.

Es ist sympathisch, wie er von den Frauen erzählt, die er geliebt und die ihn geliebt haben und die ihm zehn Kinder geschenkt haben. Kein böses Wort über die sicherlich nicht einfachen Beziehungskrisen. Allen bewahrt diese Biographie ein sympathisches Andenken.

Leidenschaftlich betrachtet er seine eigene Entwicklung, sein Verhältnis zu seinen sozialistisch- kommunistischen Idealen, die ihm im Laufe seines späteren Lebens immer kritikwürdiger erscheinen, eine Auseinandersetzung, die ihm laut eigenem Bekenntnis die größte Kraftanstrengung seines Lebens abverlangte: „Ich verbrauchte meine Kräfte nicht für den Streit mit den falschen Genossen, sondern für den Bruch mit der Illusion Kommunismus.“…  er habe „begriffen, wie hochmütig mein Spott auf die bürgerliche Demokratie war, … das am wenigsten Unmenschliche, was wir Menschen als Gesellschaftsmodell bisher…ausprobiert haben.“

Fazit

Großer Applaus für Wolf Biermann. Abgesehen von der bestechenden Sprachfertigkeit des Autors, die schon alleine eine Lektüre rechtfertigte, verdient dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung für deutsche Zeitgenossen, die die geschilderte Lebenszeit  Biermanns in etwa teilen können. Ehemalige DDR-Bürger werden viel von ihrer damaligen Lebenssituation  wiedererkennen und den Konflikt mit ihren eigenen Lebenserwartungen wiederfinden. Für Leute wie mich, die unter ganz anderer politischer Sozialisation in der BRD groß wurden, und mit der realen Situation der DDR nicht vertraut waren, sind die vielen geschilderten Details des täglichen DDR-Lebens äußerst interessant, auch wenn das Leben der Künstlerszene sicherlich nicht die Normalität des DDR-Alltags war.

Fünf Sterne also für dieses Buch und Dank an  Mechtild und Werner, die mir dieses Buch geschenkt haben. (KS)

PS. Am Ende des Buches findet sich ein Gedicht, das wohl recht viel vom Leben des Wolf Biermann verdichtet mit dem Titel :

Heimweh

Die heile Heimat Utopie hab ich verloren   /  Dafür und ganz kaputt die halbe Welt gewonnen  / Als Kommunistenketzer ward ich neu  geboren / Als Mann erst ist mein Kinderglaube mir zerronnen.

Hab manchmal Heimweh noch nach diesem blöden Hoffen / Statt Mensch wär ich viel lieber Marxens Zwergriese / Die alte Sehnsucht macht mich manchmal noch besoffen  / Spür nächtens den Phantomschmerz aus dem Paradiese.

Dies Höllen-Heimweh trieb mich weg vom Vaterlande  /     Ins Land der Troubadours, wo Wein wächst wie die Lieder / Es trieb mich auch ins Land der Väter, fern am Rande  /   traf dort drei Tausend Jahre alte Freunde wieder.

Allein in meinem kurzen Menschenleben fraß ich /  Zwei Diktaturen, schluckte mehrere Epochen   /Die echten Kriege, falschen Frieden – nichts vergaß ich  /    Hab oft nach Angstschweiß wie nach Heldentum gerochen.

Schlief tief im feinen Duft aus deinen Lebenssäften  /    Mein Weib, du bist Utopia für mich geblieben   /   Ich könnt nicht singen, auch nicht schrein nach Kräften  /     Schon gar nicht schweigen ohne unser blindes Lieben.

Wolf Biermann

 

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