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Deutschland musste mit Gewalt befreit werden…

Gedenktage sind oft unangenehme Pflichttermine, besonders dann, wenn sie uns Deutsche zwingen, uns an die beschämendste Zeit unserer nationalen Geschichte zu erinnern. Und besonders lästig dann, wenn man versucht, wie der Vorsitzende der AfD Gauland es tat, die NS-Zeit als „Vogelschiss in der großen deutschen Geschichte“ darzustellen und zugleich an nationale Gefühle und Vorstellungen zu appellieren, die notwendig seien, um  den globalen Krisen der heutigen Zeit begegnen zu können. Ein fatales Signal!

Es ist hoch an der Zeit, Reden wie die des Historikers Götz Aly, die er vor einigen Tagen in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag gehalten hat, sehr aufmerksam zu lesen, um sich wieder klar zu machen,  welch humanitäre Mega-Katastrophe diese NS-Zeit für uns Deutsche und Millionen Menschen in Europa war und ist. 

„Eine Rede von erhabener Sachlichkeit, Anschaulichkeit und Entschiedenheit“ hat sie der WELT-Korrespondent Robin Alexander bezeichnet. Vielleicht brauchen wir häufiger Reden von dieser Qualität. (KS 2019)

Götz Aly: 

Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 

Wir haben uns versammelt, um an den 27. Januar 1945 zu erinnern – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.  Erst in der Nacht zuvor hatten SS-Truppen das letzte der vier aus Erfurt gelieferten Großkrematorien gesprengt; eines war im Oktober 1944 bei einem Aufstand des „Sonderkommandos“ zur Leichen-verbrennung zerstört, die beiden anderen waren bereits im Dezember zerlegt und Richtung Mauthausen verfrachtet worden. Dort, am Rand der geplanten Alpenfestung, sollte unter dem Codewort „Neu-Auschwitz“ ein gleichwertiges Vernichtungslager entstehen. Bis Ende 1944 waren in Auschwitz eine Million Menschen ermordet worden, die allermeisten, weil sie Juden waren.

Am 27. Januar vor 74 Jahren verharrten noch etwa 7000 von den geflüchteten Wachmannschaften zurückgelassene, extrem geschwächte Häftlinge im Lager. Nach Gefechten mit Wehrmachtsverbänden erreichten zwei vermummte Soldaten das Tor von Auschwitz-Birkenau um 15.00 Uhr. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Soldaten per Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“

Am 15. April rückten britische Truppen auf das Konzentrationslager Bergen-Belsen vor. Auch dort waren die deutschen Bewacher jäh verschwunden. Wie die ungarische Jüdin Lilly Weiss bezeugte, die als einzige ihrer großen Familie überlebte, herrschte unter den Häftlingen äußerste Spannung. Man hörte Schüsse und Kanonendonner – bis plötzlich aus einem Lautsprecher diese Sätze erschollen: „Hier sind die Soldaten der Britischen Armee! Ihr seid frei! Ab morgen gibt es Lebensmittel. Die Kranken werden versorgt, die Gesunden kommen in Quarantäne. Sie können nach Hause. Keine Panik! Jeder bleibt an seinem Platz! Bergen-Belsen ist befreit!“

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Text als Veröffentlichung der „Berliner Zeitung“ – Vielen Dank.