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Die ausgebliebene „Friedensdividende“ und andere bittere Erkenntnisse

Heribert Münkler: DIE NEUEN KRIEGE

1990: Welch überschwängliche Hoffnungen hatte sich  die westliche Welt mit der Auflösung des Warschauer Paktes gemacht: Die Supermächte USA und Russlands Sowjetunion hatten sich geeinigt. Der eiserne Vorhang war obsolet. Ende der gegenseitigen nuklearen Bedrohung. Ende des monströsen Aufrüstens, Ende der ruinösen Rüstungsausgaben. Der große Weltkrieg war nicht mehr auf der Agenda.  Kriege schienen nicht mehr realistisch. Vom „Ende der Geschichte“ war die Rede. (F. Fukuyama)

Das war natürlich reichlich blauäugig, aber typisch für die eurozentristische Betrachtung der Welt. Dass zum gleichen Zeitpunkt  auf dem Balkan, im Vorderen Orient und in Afrika  sich katastrophale Auseinander-setzungen ankündigten bzw. Kriege schon blutiger Alltag waren, das wollte man in der neuen Friedensseligkeit nicht wirklich wahrhaben.

Inzwischen ist die Welt weiter denn je davon entfernt,  ein Ort des Friedens zu sein, von  einer damals erhofften „Friedensdividende“ ganz zu schweigen. 50 Millionen Flüchtlinge auf der Welt sind das traurige Ergebnis der neuen Kriege. Dass für die internationale Waffenindustrie ein Friede keine erfreuliche Alternative sei, hätte man allerdings schon damals wissen können. Dass es allerdings der Politik des Westens unter der Führung der USA gelungen ist, die alte Gegnerschaft mit Russland neu zu provozieren, das ist ein politischer Skandal, auch wenn man derzeit sehr bemüht ist, militärisch nicht direkt aneinander zu geraten. Der klassische Staatenkrieg scheint ein historisches Auslaufmodell zu sein. Große Kriege scheinen keine erfolgreichen Siege mehr zu versprechen.

Was ist an ihre Stelle getreten? Was ist charakteristisch für diese neuen Kriege? Heribert Münkler hat sich umgesehen und sein Buch fasst zusammen, was man heute dazu sagen kann und wissen sollte.

„Anstelle der Staaten und ihrer Streitkräfte als kriegführende Parteien treten immer häufiger parastaatliche, teilweise sogar private Akteure -von lokalen Warlords und Guerillagruppen über weltweit operierende Söldnerfirmen bis zu internationalen Terrornetzwerken -, für die der Krieg zu einem dauerhaften Betätigungsfeld geworden ist.  Nicht alle, aber doch viele von ihnen sind Kriegsunternehmer, die den Krieg auf eigene Rechnung führen und sich die benötigten Einnahmen auf unterschiedliche Art und Weise verschaffen.“ (S.7)

Der Krieg als Geschäft, dessen Ende gar nicht wünschenswert erscheint. Will man diese Kriege verstehen, so muss man ihre wirtschaftlichen Grundlagen in den Blick nehmen. Ohne Rentabilität der Gewalt keine Privatisierung des Krieges.

Im Hinblick auf die religiösen – aktuell die islamistischen – Aspekte der Auseinandersetzungen ist Münklers Verweis und Analyse  auf  die Konstellationen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) äußerst aufschlussreich.

Die damalige Gemengelage weist viele Parallelen zur heutigen Situation auf und erklärt, warum man nicht auf ein schnelles Ende dieser neuen Kriege hoffen sollte. Religiöse Motive spielten übrigens auch damals nicht die Rolle, die ihnen pauschal gerne unterstellt wird.

Sehr aufschlussreich Münklers Beschäftigung mit Themen wie „Kindersoldaten“ , „Massenvergewaltigungen von Frauen“ als taktisches Mittel zur sog. ethnischen Säuberung, „Verwüstung von Landschaften“, „Flüchtlingscamps als Versorgungs-Ressource“, „Terrorismus als Kommunikationswaffe“.

Man versteht, warum auch eine militärische Supermacht wie die USA mit all ihrer Hightech-Bewaffnung so hilflos erscheint im Hinblick auf die neuen Formen der „asymmetrischen Kriege“. Die Instrumentalisierung kultureller und religiöser Feindschaften für eigene Interessen haben eine desaströse Situation im Nahen Osten entstehen lassen, deren Lösung  überhaupt nicht absehbar erscheint.

Auch wenn uns Münkler keine  zu großen Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft machen kann, sein Buch ist überaus lesenswert und ein „must read“ für alle, die sich zu diesem Thema äußern wollen. Fünf Sterne.     (KS 30-05-2017)

 

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