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So war es…

Horst Krüger: Das zerbrochene Haus

Eine Reise in die persönliche deutsche Vergangenheit

Wem von uns älteren deutschen Zeitgenossen noch immer nicht klar geworden sein sollte, wie ein doch so bedeutendes, auf seine kulturelle Tradition so stolzes Deutschland in der Epoche der 1920-er und 1930-er Jahre einem politischen Hasardeur wie Adolf Hitler und seiner nationalsozialistischen Bewegung mit all ihren katastrophalen Folgen verfallen konnte, der hätte es spätestens seit 1966 wissen können, als Horst Krüger sein Buch „Das zerbrochene Haus – Eine Jugend in Deutschland“  veröffentlichte. Der Autor, Jahrgang 1919, gehört zu der Generation von Deutschen, die als Kinder und Jugendliche die fatale Situation der Weimarer Republik und den Aufstieg und  Untergang von Hitlers Nazi-Deutschland erleben mussten. Ihre Erinnerungen sind besonders kostbar, weil heute kaum noch Menschen leben, die man darüber befragen könnte.  

Im Nachwort einer Neuauflage des Jahres 1976 beschreibt der Autor Horst Krüger – ein damals schon angesehener Journalist –  wie es zu diesem außergewöhnlichen Buch kam: Die journalistische Beobachtung des Auschwitz Prozesses in Frankfurt 1963/64 provoziert ihn zunehmend, sich den Erfahrungen seiner eigenen Kindheit und Jugend im Berlin der 1920-er und 1930-er Jahre zu stellen.  

 „Ich begann mich zu erinnern. Ich spürte nach, ich drang ein in die Vergangenheit, ich kehrte in die Jugend und Kindheit zurück. Es war sozusagen mein erstes Reiseerlebnis: Reise in die eigene Vergangenheit. Ich fand, was ich dann im ersten Kapitel  ‘Ein Ort wie Eichkamp‘ entwickelt habe. Ich fand das Elternhaus, meine Jugend unter Hitler wieder, die eine ganz untypische, eigene Jugend gewesen war. Gerade weil hier keine eigene Schuld beschönigt werden musste, weil ich und meine Familie nie in den Bann der deutschen Hitler-Begeisterung geraten waren, bot sich ein ideales, komplexfreies Feld zur Selbstanalyse.

Ich entdeckte, was mir zuvor selber nicht so bewusst war, das Phänomen des unpolitischen deutschen Kleinbürgertums, das in seiner sozialen Unsicherheit, in seiner Labilität und Bedürftigkeit nach Irrationalismen das fruchtbare Vorfeld für die innere Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland abgab. – So entstanden, Schritt für Schritt, die vier mittleren Kapitel, die meine Entwicklung bis zum Kriegsende 1945 zeichnen“ (Horst Krüger)

Die erwähnten mittleren Kapitel sind 2. „Ein Requiem für Ursula“, die Schwester, die sich 1938 das Leben nahm. 3. „Mein Freund Wanja“, der enge Schulfreund aus alternativem Arbeiter-Milieu, der den Autor – inzwischen Student der Philosophie – zu kleinen Botengängen für den kommunistischen Untergrund überredete, und dem er nach dem Krieg als linientreuen Funktionär der DDR wieder begegnete. 4. „Die Verhaftung“ 1939 wegen staatsfeindlicher Umtriebe und Einlieferung in das Berliner Gefängnis Moabit, aus dem er nach einigen Monaten 1940 entlassen wird, um dann zum Militär eingezogen zu werden. 5. „45. Stunde Null“ Erfahrungen der letzten Tage sog. Dritten Reiches als  Soldat einer ‚Kampfgruppe Grasmehl‘, die am Dortmund-Ems-Kanal den Rückzug der SS vor den amerikanischen Truppen sichern sollte. Sein Leben als Kriegsgefangener im Lager Cherbourg. 6. „Gerichtstag“ – Reportage über den Auschwitzprozess 1963/64, der den Anstoß zu diesem Buch gab.

Das Buch erregte seit 1966 so viel Aufmerksamkeit, dass bis 1999 sechs Auflagen von unterschiedlichen Verlagen publiziert wurden.  Ich gestehe, ich hätte es damals schon gerne gelesen, wenn ich es gekannt hätte. Aber es ist mir erst jetzt 2020 zufällig in die Hände gefallen und ich bin sehr dankbar, es doch noch lesen zu dürfen – ein Buch, von dem Marcel Reich-Ranitzki schrieb: „Ein Deutschland-Buch ohne Lüge.“

Wem wäre dieses Buch zu empfehlen? Historisch gesehen war es natürlich für die Zeitgenossen des Autors geschrieben, die es aber sicher nur bedingt lesen wollten, Menschen aus derjenigen Bevölkerungsschicht, die den politischen Aufstieg Hitlers letztendlich ermöglichte – dem deutschen Kleinbürgertum, das dann nach 1945, seine Rolle so beschämend verleugnete, von der Verführung und seiner privaten familiären Verflechtung in diese deutsche Katastrophe nichts gewusst haben wollte, sich dann aber im Nachkriegsdeutschland für den phänomenalen wirtschaftlichen Aufstieg international feiern ließ.

Aktuell sollte das Buch – für alle politisch interessierten Menschen – sicher aber zum Lesestoff der gymnasialen Oberstufe gehören. Es ist von so eindringlich anschaulicher Sprache, die auch jungen Leuten von heute ein lebendiges Bild des damaligen Deutschlands vermitteln kann.                  Fünf Sterne für ein epochales Buch (KS)